Kannst du?

von Sunny
OneshotFreundschaft / P12
22.04.2012
22.04.2012
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–we hold on so tightly because we are terrified of loss
we hold on till our hands bleed and in that self shattering persistence we fail to see the answer–




   Can you?  



  Männer...

Müde stapelte Faye den letzten Würfel auf den Turm, bevor sie das Kinn auf ihren Händen ablegte, und vor sich Löcher in die Luft starrte. Seit nun fast drei Stunden hockte sie in ihrem Zimmer an Bord der Bebop, hatte einen beachtlich hohen Turm aus Spielwürfeln aufgestellt, der vor ihr auf dem kleinen Tisch prangte, und schmollte. Neben ihr auf dem Boden lagen einige geleerte Wein- und Wiskeyflaschen und vor ihren Augen hing ein dumpfer Schleier aus weißem Nebel. Ihre Gedanken aber trieben die ganze Zeit über nur um eine Sache: Was war das für eine verkorkste Welt da draußen? Alles war zum Kotzen. Das Leben, die Außenwelt, Männer. Der einzige Freund auf der Welt schien Faye in diesem Moment der Alkohol, der sie etwas entspannte und allmählich seine erhoffte Wirkung ausübte. Faye erinnerte sich an einen Satz, den Jet einst von sich gegeben hatte: «Traue niemandem, außer deinem Arsch, denn der ist immer hinter dir.» Jet war so ein kluger Mann. Aber eben auch nur ein Mann. Eines dieser seltsamen Wesen, die dich erst einlullen und dann fallen lassen wie eine gammelige Gurke. Man sollte meinen, Frauen wären die, die das diabolische Gen abbekommen haben, aber Pustekuchen. Das Schicksal lehrte einen immer, dass es genau andersherum der Fall war. Immer wieder.

Faye schaute auf. Ihr Blick war getrübt vom wirkenden Wein, aber ihre Erinnerungen frei. Vor ihr an der metallischen Wand des Schiffes hing ein Bild von ihr, Jet und Spike. Es war das einzige Foto, das sie je aufgehangen hat. Wahrscheinlich, weil der kleine Raum sonst so kahl wirkte, ober aber weil Ed das Bild so toll fand und Faye immer wieder dazu gedrängt hatte, es aufzuhängen. Die junge Frau hasste Fotos eigentlich, und wollte am liebsten auch nie auf einem zu sehen sein. Ausgelaugt nickte sie kurz weg, ohne dass sie es direkt bemerkte. Sie träumte nichts. Dachte an gar nichts. Vielleicht tat es ihrem Körper gut, den Rausch auszuschlafen und einmal abzuschweifen. Jedenfalls bis sie wenige Minuten später ihre Lider aufschlug und vor ihr erneut die graue Wand ihren Blick begrenzte. Ebenso wie der kleine Würfelturm, der noch immer aufrecht stand. Draußen sah man vor einem der Bullaugen ein paar Asteroiden vorbeidüsen. Dahinter lag nur der grenzenlose Kosmos, voll mit Sternen, fremden Welten und nicht vorhandenen Sorgen. Die Bebop rauschte, das Metall der Wände bog sich unter der Geschwindigkeit und knackste leicht. Vertraute Geräusche, hier mitten im All. Zu Fayes Zeit kaum vorstellbar, aber jetzt flogen tatsächlich Menschen hier draußen umher. Nicht nur Menschen, auch Hunde. Hunde und irre kleine Computerfreaks. Computerfreaks und einarmige Bonsaifans. Bonsaifans und Cowboys. Dunkelhaarige Cowboys mit einer unerschütterlichen Courage und Überlegtheit.

«Suchst du den Sinn des Lebens?», durchbrach es plötzlich penetrant die Stille in Fayes Zimmer, sodass sie automatisch etwas erschrak und dabei den Würfelturm auf dem Tisch mit dem Unterarm umstieß. Die Würfel verteilten sich über den Tisch und warfen unterschiedliche Zahlen. «Wenn du ihn gefunden hast, dann sag mir bescheid.»
«Verdammter Ninja», murrte Faye etwas lallend und ärgerte sich gleichzeitig über sich selbst, weil sie vergessen hatte, die Tür abzuschließen. Konnte man denn ahnen, dass sich ein gewisser Kopfgeldjäger so mucksmäuschenstill rein schlich? Höchstwahrscheinlich lag es aber an Fayes betrunkenem Geisteszustand, dass sie Spike nicht gehört hatte.
«Klingt so, als hättest du Spaß mit Bruder Ethanol gehabt», stellte der Cowboy nüchtern fest, steckte sich eine Zigarette in den Mund, zündete sie stumm an und lehnte sich in den Türrahmen.
«Das geht dich'n Scheiß an. Hier wird nicht geraucht!», zischte die junge Frau, bedacht darauf so trocken wie möglich zu klingen, und starrte weiterhin stur ins All hinaus. Spike hingegen musterte die leeren Flaschen und Zigarettenpackungen, dessen übrig gebliebene Stummel um den Aschbecher auf dem Tisch verteilt lagen, gleich neben den Würfeln. Eigentlich war es ihm egal, dass Faye wieder wetterte. Bei ihr war das nichts Ungewöhnliches - es gab immer irgendwas, worüber sie sich aufregte. Dass sie ihn offensichtlich nicht besonders leiden konnte, war für ihn das geringste Übel. Eigentlich.

Spike tauchte immer zum besten Zeitpunkt auf. Immer, wenn man in einer Krise steckte, schaffte er es, alles noch makaberer wirken zu lassen. Faye legte ihre blasse Stirn in Falten und beachtete ihn erst einmal gar nicht weiter. Sie wusste, dass er irgendetwas wollte sonst wäre er nicht gekommen, und würde auch nicht eher wieder gehen. Aber wollte sie jetzt darüber reden? Nein. Das ging ihn nichts an, diesen Mann. Wieder ein Mann. Nur noch Männer! Manchmal fragte sich Faye, was sie hier eigentlich genau machte, an Bord dieses Schiffes. Was wollte sie hier? Es gab nichts, wonach sie begehrte. Für was lohnte es sich, hier zu bleiben? Vielleicht, weil Jet sie umsonst mitnahm. Ein kostenloses Transportmittel, die Bebop. «Und?», harkte er nach einigen verschwiegenen Sekunden nach und blies den Rauch aus seinen Lungen in den Raum. Die Augen geschlossen, die andere Hand in der Hosentasche, wie sonst auch. «Was und?", entgegnete die Kopfgeldjägerin etwas gleichgültig. Sie hoffte inständig, er würde kein Gespräch beginnen wollen. In ihrem verklärten Zustand wäre das eh keine glorreiche Idee. Sie würde vermutlich nur Nonsens von sich geben. «Warum der Alkohol?», fragte Spike ausführlicher, aber erwartete eigentlich keine ordentliche Antwort von der Angetrunkenen. Er kannte sie zu gut, entweder kam jetzt nur weiteres Schweigen, oder sie fing an ihn rauszuschmeißen und ihm die Tür vor der Nase zuzuknallen. Was ging es ihn eigentlich an? Das fragte er sich selbst. Es brauchte ihn eigentlich nicht zu interessieren.

«Männer», brubbelte Faye undeutlich in ihre abgestützte Hand, aber sodass es der Cowboy noch gerade so verstehen konnte und in sich hinein schmunzelte.
«Aha, was ist mit uns?»
«Ihr seid alle gleich. Alle gleich bescheuert.» Faye schloss ihre Augen, die Müdigkeit hing in ihren Knochen. Eigentlich wollte sie gar nichts weiter sagen, er sollte sie einfach in Ruhe lassen.
«So? Wir sind alle gleich...», murmelte der junge Mann, hob sein Gesicht gen grauer, glanzloser Zimmerdecke und nahm einen kräftigen Zug.
Urplötzlich fing etwas an in Faye zu brodeln. Spikes Haltung zu der Sache und gleichgültigen Worte ließen etwas in ihr überreagieren. All der Alkohol in ihrem Blut wich reinem Adrenalin und Wut über die Gesamtsituation. Erst diese Sache mit der bescheuerten Männerwelt, dann auch noch der umgefallene Würfelturm und zu guter Letzt dieser elende Cowboy, der sich mal wieder anmaßte den Weisen vom Dienst zu spielen, und sie dabei mit diesen Augen musterte, die mehr in sich trugen als nur Gleichgültigkeit. Diese dunklen, vielsagenden Augen...

«Was weißt du schon, hä?! Was weißt du, dass du meinst über meine Ansichten urteilen zu dürfen?», kam es mehr giftig als beabsichtigt aus der jungen Frau, und sie sah nun erstmals zu Spike rüber, der keine Miene verzog, auch nicht über ihre ernsten Worte und Gesichtsausdruck. Alles in Faye kochte auf Hundertachtzig, wollte aber auch gleichzeitig genauso desinteressiert wirken wie ihr Gegenüber. Spike rührte sich tatsächlich nicht, schaute weiter nach oben und blies erneut Rauch aus. Dieses Mal mehr als vorher.

Faye war ratlos. Ratlos, aber hätte sich eher selbst die Leber mit einem Taschenmesser rausoperiert, als das zuzugeben. Was wollte er denn? Kam her, cool wie Oskar, sagte kaum ein Wort und qualmte. Und was sollte sie jetzt dazu antworten? Ich mag dich, oder was? Das war das einzig Ungelogene, das ihr einfiel, wenn auch etwas untertrieben. Aber das nützte nichts, denn sie wusste, wie er reagieren würde. Für Spike war das Leben nichts als ein endloser Traum, nichts als seine Julia, die er wohl kaum aufgab. Nicht für Faye, für diese exzentrische, launische, unmoralische und bei weitem nicht so verständnisvolle Kopfgeldjägerin. Sie wusste nicht, was dieser Cowboy in ihr sah. Dazu war er zu undurchsichtig und überlegen. Und manchmal hatte Faye das Gefühl, er würde gar nicht in dieser Welt leben, sondern mit den Gedanken irgendwo anders wandeln, immer auf der Suche nach Wahrheit. Daher war sie so wütend. Wütend auf sich, auf ihn. Auf alles, was ihn von ihr trennte. Lieber meckerte sie ihn regelmäßig an, beleidigte ihn, zockte ihn ab, als ihn in ihr wahres Inneres blicken zu lassen. Denn das war der einzige Ort in ihr, der noch immer voll Ehre war. Voller Geheimnisse und Gefühle. Gefühle für einen Mann, so unerreichbar wie die Sterne.

Als Spike seinen Kopf senkte und sie wieder direkt ansah, die Lider halb geschlossen, konnte Faye ihm nicht in die Augen sehen. Zu laut trommelten diese Erkenntnisse in ihr. Erkenntnisse, die sie schon lange mit sich umher trug, aber nie aussprechen durfte. Sie war inzwischen von dem harten, unbequemen Stuhl aufgestanden und taumelte nun im Raum von einem Fuß auf den anderen. Wie ein Wellenbrecher im Meer schwankte sie bedrohlich hin und her, aber genau wie dieser brach sie nicht und blieb standhaft. Er sollte gehen. Spike sollte gehen, sofort. Gerade wollte sie ihn darum bitten, als er ihr zuvor kam:
«Ich will nicht über dich urteilen», er nahm einen erneuten, tiefen Zug des befreienden Nikotins und fuhr sich mit der anderen Hand durch sein wildes, dunkles Haar, «Ich kann dich sogar verstehen. Wir sind furchtbar, aber ihr Weiber genauso.» Er blies den Rauch dieses Mal in ihre Richtung, so weit, dass sie die letzten verblassenden Schwaden noch im Gesicht spüren konnte. Seinen Atem, die Luft aus seinen Lungen. Der Nebengeruch von Rauch störte sie dabei keineswegs. Es machte die Sache sogar noch angenehmer.

Faye musste unweigerlich grinsen. Sie kam sich allmählich selbst vor wie ein albernes Schulmädchen. Aber was sollte es schon bringen darüber nachzudenken? Was, wenn Spike wirklich recht hatte? Was, wenn das ganze Leben nur ein Traum war? Wäre es dann nicht egal, ob man Verbotenes tat, oder nicht? Wäre es dann nicht egal, wenn man seinen Instinkten folgte und tat wonach einem der Sinn stand? Wenn man einfach lebte, in den Moment hinein? Angetrieben von diesen Gedanken, dem Alkohol in ihren Sinnen und der Sucht nach seiner Nähe  trat sie die letzten zwei Schritte durch den winzigen Raum auf ihr Gegenüber zu, musste sich beherrschen ihn nicht zu küssen, und drückte sich an seinen Oberkörper. So fest sie konnte, und wickelte ihre Arme um seinen Rücken. Ihr Gesicht vergrub sie an seiner Brust, in seinem dunkelblauen Jacket, sog den Duft des billigen Waschmittels ein und erkannte ihn darin wieder. Die Augen zusammengepresst flehte sie darum, dass er einfach die Klappe hielt. Nichts weiter sagte, sondern nur still war. Ihr wurde überraschend warm im Bauch, als er auch seine freie Hand auf ihren Rücken legte. Nichts weiter, nur das Gewicht seiner Hand wog schwer. Schwerer, als Faye es sich je vorgestellt hätte. Sie spürte, wie sich sein Brustkorb hob und wieder sank, ganz regelmäßig. Alle vier Sekunden traf sein Atem auf ihren Haarschopf und ließ einzelne ihrer dunklen Haare wehen. Sein Herz schlug im Takt, ganz ruhig.

Der Cowboy würde nicht weiter gehen und im selben Moment war Faye froh, nicht weitergegangen zu sein, denn das hier war einfach das Richtige. Einige Minuten verharrte sie so starr an ihm, und er ließ es einfach zu. Und es war ihr egal, was er nun von ihr hielt. Und es war ihr egal, dass ihre kühle Fassade bröckelte. Spike schaute gedankenverloren durch das Bullauge ins Weltall, in die Sterne. Er spürte, dass Faye das einfach gebraucht hatte. Sie hatte so viel verloren. Ihre Familie, ihre Freunde, ihr Leben. Und wenn er ihr mit dieser Umarmung ein Stück davon zurückholen konnte, dann war ihm das mehr als lieb. Schmunzelnd zogen ihm Gedanken durch den Kopf:

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