Wenn die Welt morgen untergeht

GeschichteDrama, Romanze / P16
Jan Brenner Leonie Bongartz
22.04.2012
23.12.2012
15
12910
 
Alle Kapitel
29 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
 
WENN DIE WELT UNTERGEHT by Ricarda Marleen

„Brenner!“

Er hatte noch im Vorbeigehen ihre Hand genommen. Es war mehr ein Streifen, denn eine wirkliche Berührung. Wahrscheinlich hatte es nicht einmal fünf Sekunden, geschweige denn eine Minute gedauert. Und auch wenn sie schon in diesem Augenblick das Gefühl hatte, dass etwas da war, etwas, das anders war, so schob sie dieses Gefühl weit von sich. Später, Leo. Später.

Und dann war alles so schnell gegangen: Sie hatte sich auf das Mädchen konzentriert. Das Mädchen, das gerade ihrem Freund eröffnet hatte, dass er Vater werden würde. Leonie hatte sie im letzten Moment retten können. Sie, das ungeborene Baby, die kleine Familie. Und er wollte sich um den Täter kümmern, den ach so heiligen Selbsthelfer. Der durchaus Interessen vertrat, aber vor allem seine eigenen, finanziellen. Der das nicht gewollt hatte, er hatte auch nicht auf Leo schießen wollen, aber es musste wohl so sein.

Kollateralschaden.

Leonie Bongartz sah es in Zeitlupe, sah es immer und immer wieder vor ihrem geistigen Augen ablaufen: Wie das Auto diese Straße entlang fuhr. Diese Strahlbrücke. Unter ihnen der Fluss. Und wie Leo dachte: Und jetzt hält der Wagen an. Und wie Leonie hoffte: Und jetzt hält der Wagen an. Und wie Leonie Bongartz betete: Und jetzt hält der Wagen an.

Und er ungebremst die Leitplanke durchbrach. Das Auto in die Fluten stürzte. Und es sank.

Leonie Bongartz sah es vom Flussufer aus. Und sie stand am Flussufer, als das Auto aus den Fluten gezogen wurde. Der Weg zum Auto war lang – und das Auto war leer.

„Brenner!“


~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Leonie Bongartz wachte von ihrem eigenen Schrei auf. Sie war klitschnass. Ihr Schlafanzug klebte an ihrem Körper. Ihre Haare waren noch mehr verstrubelt als sonst beim Aufstehen. Ihr Kopf dröhnte. Stöhnend drehte sie ihn in Richtung Wecker auf ihrem Nachttisch. Es war nicht mal 2. Ihre Rollläden hatte sie vergessen zu zumachen; fahles Mondlicht fiel in ihr Zimmer. Lange hatte sie nicht mehr aufgeräumt; ihre Klamotten lagen noch von vor Tagen wild auf ihrem Fußboden verstreut. Auf ihrem Regal war ein Buch umgefallen und den ganzen Stapel ins Rutschen gebracht; bald würden alle gen Boden segeln. Der jungen Frau war es egal.

Die Polizistin wischte mit dem Handrücken über ihr Schweißnasses Gesicht. Als sie merkte, dass es nichts brachte, stieg sie mit ungelenken Bewegungen aus dem Bett. Ihre Glieder schmerzten, ihr Nacken war verspannt und nicht nur ein Schnupfen kündigte sich an. Sie tapste in Richtung Bad. Die ihr sonst so vertraute Fußbodenoberfläche fühlte sich rau an. Einzelne Staubflocken wurden aufgewirbelt, als sie mit einem leisen Quietschen die Schlafzimmertüre öffnete. Beinah stolperte sie über den Absatz zwischen Schlafzimmer und Bad.

Erst als Leonie Bongartz auf dem halben Weg zum Waschbecken befand, registrierte sie, dass sie vergessen hatte, den Lichtschalter zu betätigen. Unwirsch haute sie fast darauf, traf erst daneben im Halbdunkel, erst der zweite Schlag funktionierte. Surrend nahm die Glühbirne den Dienst auf, und blendete Leo mit ihrem für sie ungewohnten Licht. Stöhnend drehte sie ihr Gesicht in Richtung Waschbecken.

Leonie Bongartz schreckte zurück, als sie das Gesicht im Spiegel sah. Das sollte sie sein? Die junge, ach so taffe Leonie Bongartz? Die Polizistin, mit dem manchmal losen Mundwerk, aber noch größerem Herz? Die nichts aus der Bahn warf? Äußerlich total cool, mit fast nichts aus der Ruhe zu bringen, von Brenner abgesehen, natürlich. Und…

„Brenner!“

Der physische Schmerz, der ihren Kopf erreichte, war nur ein Bruchteil von dem, der sie psychisch traf. Die Erkenntnis durchzuckte sie just in dem Moment, in dem sie ihr Gesicht leicht schräg unter den laufenden Wasserhahn gehalten hatte, um es etwas zu kühlen. In die vor Entsetzen geweiteten Augen lief das eiskalte Wasser hinein, aber das Brennen war nichts gegen die inneren Tränen. Als sie ihren Kopf beim ruckartigen Anheben am Hahn stieß, war es mehr Verwunderung denn Schmerz, welches ihr Gehirn vermeldete: Das sie noch fühlen konnte…

Langsam rieselte die Erinnerung in ihr Gedächtnis ein. Setzte die Puzzleteile zusammen: Der Auftrag, die jungen Leute, das Zentrum… Die Brücke, das Auto, der Absturz…

„Brenner!“

Es war kein Alptraum --- es war Realität.



~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Hallo ihr Lieben,

ihr und Leonie habt es geschafft - der Teil der Geschichte ist vorbei. Eigentlich dachte ich, das Geschriebene kann für sich selbst stehen --- aber irgendwie geht es mir da, wie euch/vielen von euch: Das Ende von Countdown ist doch kein Ende!

Daher: Werde ich wohl die Tage ein zweites, fakultatives Kapitel schreiben --- als mögliche Lösung des Alptraums.

LG (und über ein Kommi würde ich mich freuen ;))

Reka =)
Review schreiben