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Sonderschicht

von Kathey
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P6 / Gen
Ashe Vossler
20.04.2012
20.04.2012
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You can learn many things from children.  How much patience you have, for
instance.
 ~Franklin P. Jones

Er war für so etwas einfach nicht geschaffen.
Er konnte lange Schlachten kämpfen, ohne sich zu beklagen, er konnte lange
Strecken zurücklegen, ohne, dass er allzu erschöpft war, aber eine Sache
konnte er definitiv nicht sonderlich gut:
Auf Kinder aufpassen.
Es war nicht so, dass er der Königsfamilie nicht gerne diente, im Gegenteil,
denn nur dafür und für die Verteidigung seines Heimatlandes war er Soldat
geworden, aber es war für ihn mehr als unmöglich, die Geduld aufzubringen, um
den ganzen lieben langen Tag auf die junge Prinzessin aufzupassen.
Prinzessin Ashelia B’nargin Dalmasca war ein liebes Kind, wohlerzogen wie alle
Kinder von König Raminas, sie war zu jedem überaus freundlich und auch
ansonsten konnte man sich über ihr tadelloses Verhalten in ihrem Alter nur
wundern.
Was allerdings ein Problem war, war ihre scheinbar ungeheuerliche Energie, mit
der sie gerne durch den Palast und die königlichen Gärten raste wie ein
Sandsturm in der Westwüste. Suchte man sie an einem Ort, war sie meistens doch
schon an einem anderen, suchte man sie im Palast, war sie auf einmal draußen,
ohne, dass jemand hatte sagen können, wie sie so schnell von einem Raum zum
anderen gekommen war.
Und es war nicht wirklich einfach, ihr die Treppen hinauf und wieder hinunter zu
folgen, vor allem nicht, wenn man dazu noch in einer Rüstung steckte, die bei
jedem neuen Schritt beweisen musste, dass Schutz eben auch ein erhebliches
Gewicht mit sich brachte.
Es wäre alles erheblich einfacher, wenn er wirklich wissen würde, wo sie
steckte, aber bei diesem Mädchen war das wohl immer schwer zu sagen.
„Vossler?“, erklang es schließlich von irgendwo oberhalb der Treppe und er
sah schicksalsergeben auf, wohin wollte sie denn nun schon wieder? Wenn sie
seinen Namen schon so fragend aussprach, dann war er sich sicher, dass wieder
ein Ortswechsel bevorstehen würde, innerhalb der letzten halben Stunde war er
ihr zur Küche, zur Bibliothek und zum Musikzimmer gefolgt und jedes Mal hatte
er vorher dieses fragende ‚Vossler’ vernommen.
Als er sah, wo die Prinzessin sich gerade befand, blieb ihm schon einmal halb
das Herz stehen! Sie saß auf der Brüstung, ließ ihre Beine über dem Abgrund
baumeln, der sich etwa drei bis vier Meter hoch zwischen dem Erdgeschoss und dem
zweiten Stock auftat. Bei allen Göttern, eine falsche Bewegung und sie würde
ungebremst in die Tiefe stürzen! Unschlüssig verharrte er auf der Treppe, wenn
er nach oben lief, war keiner unten, um sie zur Not auffangen zu können, wenn
er nach unten lief, verlor er sie sicherlich bald wieder aus den Augen!
Die schwersten Kriegsstrategien seiner Feinde bereiteten ihm keine
Schwierigkeiten, aber dieses Mädchen würde ihm sicher die ersten grauen Haare
bescheren.
„Prinzessin, ihr solltet Euch dort nicht aufhalten, das ist wirklich, wirklich
gefährlich, was ist, wenn Ihr herunter fallt?“
Sie sah zu ihm nach unten, mit einem Gesicht, als hätte sie die Möglichkeit,
einen freien Fall ins Erdgeschoss durchzumachen, noch nicht wirklich in Betracht
gezogen. Wundervoll, er hoffte, dass irgendjemand vorbeikommen und sie dort
herunterholen würde, während er hier unten stehen blieb und darauf achtete,
dass sie nicht hinunter fiel.
„In Ordnung, dann gehe ich woanders hin“, sagte Ashe schließlich nur mit
einem leichten Schulterzucken und kletterte von der Brüstung, während Vossler
unten nervös hin und her ging, immer darauf bedacht, genau unter ihr zu stehen,
um sie auffangen zu können, sollte sie doch noch fallen.
Ein paar Augenblicke später hörte er ihre Schuhe auf dem gefliesten Boden
klackern, anscheinend machte sie sich wirklich schon wieder auf den Weg.
Etwas entnervt rieb er sich die Augen, wieso nur hatte er sich darauf
eingelassen? Ach ja, weil Basch ihn darum gebeten hatte. Und weil er gesagt
hatte, dass er Vossler dafür einen Bhujerba-Tropfen ausgeben würde, wenn er
von seiner Mission wieder zurück wäre.
Basch hatte ihm schon erzählt, dass er schon öfter auf die Prinzessin Acht
gegeben hatte, wenn es nötig gewesen war, aber bei ihm hatte sich das alles
so… einfach angehört. Kein Wort davon, dass man innerhalb weniger Stunden
jeden Winkel des Palastes sehen würde und dass die Prinzessin die Angewohnheit
hatte, sich in prekäre Situationen zu bringen.
„Vossler?“ Irgendjemand zupfte da doch an seiner Rüstung. Ein Blick nach
unten, Ashe sah ihn mit großen Augen an. „Ich möchte in den Garten gehen,
bitte.“
Und gerade, als er antworten wollten, tapsten ihre kleinen Füße auch schon
ohne abzuwarten in Richtung Tür. Innerlich seufzte er laut auf,  das würde
noch ein langer, sehr langer Tag werden.

Selbst im Garten konnte die Prinzessin sich nicht dazu bringen, einfach einmal
an Ort und Stelle stehen, liegen oder sitzen zu bleiben, mal war es ein
Schmetterling, dem sie hinterher jagen musste, dann musste sie wiederum den
ganzen Garten nach ihrer Lieblingsblume durchsuchen, nur, um nachher bei dem
vergeblichen Versuch zu scheitern, auf einen der höchsten Bäume zu klettern,
die hier im Garten seit Jahrhunderten wuchsen.
Reichte es ihr denn nicht einfach, den Springbrunnen anzusehen, der ein
Meisterstück der galteanischen Baukunst war mit all seinen prunkvollen und
pompösen Verzierungen?
Oder eben das Feld zu betrachten, auf dem nur die seltenen Galbana-Lilien
wuchsen? Nein, anscheinend war ihr das auch nicht genug, sollte jemand dieses
Mädchen verstehen, er konnte es definitiv nicht. Die einzige Aufmerksamkeit,
die sie dem Brunnen schenkte war die, dass sie kurz mit dem Wasser herumspielte,
eine handvoll Flüssigkeit auf die nächstbeste Pflanze goss, nur, um dann
wieder loszurennen und alles andere im Garten zu erkunden.
Vossler hatte es aufgegeben, sie verfolgen zu wollen, dieses Kind war ihm
definitiv über, gerade, wenn er dachte, dass er sie hatte, schlug sie einen
Haken wie ein Giza-Hase auf der Flucht vor einer Hyäne und war verschwunden.
Er würde einfach hier bleiben und hoffen, dass sie irgendwann wieder auftauchen
würde, wenn sie Hunger hatte. Oder wenn es dunkel wurde und sie Angst bekam
(Was für ihn ein schlechter Scherz war, dieses Kind fürchtete anscheinend
nichts).
„Vossler?“
Er sah zur Seite, anscheinend wollte sie ihn wenigstens einen kleinen Moment mit
ihrer Anwesenheit beehren, ehe sie sich wieder in Luft auflösen würde. Wie
überaus freundlich von ihr.
„Ja, Prinzessin?“
Sie stand ganz lieb und artig vor ihm, ihre kleinen Hände kneteten ihr Kleid
durch. Entweder hatte sie gerade irgendetwas angestellt oder sie hatte es noch
vor, das erkannte sogar er, und das, obwohl er von Kindern wirklich gar keine
Ahnung hatte.
„Ich möchte auf den Baum klettern“, erklärte sie dann und deutete auf die
riesige Palme, die hinter Vossler stand. Nein, das konnte sie einfach nicht
wollen, sagte er sich selbst. Das Wort 'Prinzessin' müsste an sich die Aussage
'Auf den Baum klettern' komplett verneinen. „Bitte.“
„Prinzessin, es schickt sich wirklich nicht, wenn Ihr auf einen Baum klettern
würdet. Das Einzige, was Ihr davon haben werdet, sind Löcher in und
Schmutzflecken auf Eurer Kleidung.“
Einen Moment lang sah ihn verständnislos an, dann schürzte sie die Lippen und
zog ihm eine Schnute. Wunderbar, augenscheinlich war sie jetzt ein kleines
bisschen beleidigt. Aber sie war die Prinzessin, sie konnte nicht einfach auf
Bäume klettern und sich dabei die Kleidung zerreißen!
Aber allem Anschein nach sah sie das anders, Ashe ging schnurstracks auf den
Baum zu und startete den ersten Versuch, sich bis zum ersten dicken Ast hinauf
zu kämpfen. Allerdings fruchtete es nicht wirklich, kaum eine halbe Minute
später machte ihr königliches Hinterteil wieder Bekanntschaft mit dem
Erdboden. Einen Moment lang war er ziemlich besorgt gewesen, aber sie stand so
schnell wieder auf den Füßen, dass er nicht einmal Zeit hatte, ihr
aufzuhelfen.
Jetzt hatte er eigentlich damit gerechnet, dass es ihr absolut reichen, dass sie
einfach irgendwo anders hingehen würde, aber auch da hatte er wieder weit
gefehlt, sie startete einen zweiten Kletterangriff auf den Baum. Als dieser auch
misslungen war, einen dritten und dieses Mal kam sie erheblich weiter, wenn sie
jetzt hinunter fallen würde, dann würde es definitiv wehtun.
Himmel, warum nur ließen die Götter zu, dass sie ihm heute so übel
mitspielte? Er hatte ja eigentlich keine andere Wahl, als ihr zur Hand zu gehen,
nicht wahr?
Seufzend machte er ein paar Schritte auf den Baum und Ashe zu, während sie
ächzend und schnaufend versuchte, noch ein paar Zentimeter am Stamm gut zu
machen.
Ein paar Grasflecken hatte das Kleid schon, ebenso einen Riss, wo sie wohl an
einem kleinen Ast hängen geblieben war. Die Zofen würden sicher keine Freude
daran haben, es zu nähen und zu reinigen. Aber im Moment sollte das wirklich
nicht seine Sorge sein.
Denn bevor die Prinzessin noch abrutschen konnte (er war sich sicher, dass es
innerhalb weniger Momente der Fall gewesen wäre), half er ihr ein bisschen und
schob besagten königlichen Hintern etwas nach oben, so dass sie wenige Sekunden
später den Ast greifen und daran hinaufklettern konnte. Triumphierend sah sie
zu ihm hinunter, während sie sich mit ihren beiden kurzen Ärmchen an dem Ast
festkrallte. Nun, jetzt hatte sie immerhin, was sie wollte.
„Ich kann von hier aus ganz weit schauen, Vossler.“
Vossler, der sich erst einmal an den Baumstamm gelehnt hatte, wollte ihr
eigentlich sagen, dass man auch aus dem Fenstern im ersten Stock einen
wundervollen Ausblick hatte. Aber er unterließ es doch lieber, anscheinend
freute sie diese Kleinigkeit so, da wollte er ihre diese Glückseligkeit nicht
nehmen. „Das freut mich zu hören, Prinzessin.“
Etwa für zwei Minuten kehrte Ruhe ein, es war fast ungewohnt, sie in der Nähe
zu haben, ohne, dass sie auch nur ein Wort verlor, fast schon hätte er
erwartet, dass sie sich in ihrer unglaublichen Wirbelsturm-Manier wieder in Luft
aufgelöst hätte und verschwunden war. Aber ein kurzer Blick nach oben
genügte, sie war noch da, ihre Beine baumelten links und rechts vom Ast
hinunter und sie hatte einen wirklich glücklichen Gesichtsausdruck im Moment.
Und gerade, als er dachte, dass er nun endlich einen Augenblick stillsitzen und
sich ein bisschen ausruhen konnte –
„Vossler?“
Etwas verzweifelt sah er nach oben, er konnte sich schon denken, was kommen
würde, aber was kam, das war noch viel, viel schlimmer als alle seine
Vorstellungen!
„Ich möchte bitte wieder hinunter.“ Schön und gut, dabei half er ihr auch
wirklich gerne, aber warum zum Teufel hing sie schon nur noch mit den Händen am
Ast, während ihre Beine schon in der Luft baumelten?
„Bei allen Göttern, Prinzessin!“ Und kaum, dass er es ausgesprochen hatte,
musste er auch schon einen Satz nach vorne machen, weil ihre kleinen Hände ihr
Gewicht nicht allzu lange tragen konnten, sie stürzte gerade gute zwei Meter in
die Tiefe!
Es klapperte und polterte ziemlich, als er mit Ashe in den Armen auf den Boden
aufprallte, sie erst einmal fest in den Armen hielt. Hoffentlich ging es ihr
gut!
Er meinte, irgendein leises, fast schon wimmerndes Geräusch von ihr zu
vernehmen, ehe sie sich wieder aufrichtete. Sich aufrichtete und… gluckste?
Sie war so schnell von ihm hinunter geklettert, dass er nur ihr strahlendes
Gesicht hatte sehen können, ehe er sich aufgesetzt hatte. Das gerade hatte ihr
doch nicht wirklich Spaß gemacht, oder?
Doch, hatte es, genau jetzt war sie wieder dabei, einen erneuten Versuch zu
starten, auf den Baum zu kommen. Der den Göttern sei Dank erst einmal wieder
misslang.
„Prinzessin! Ich bitte Euch inständig“, sagte er, nachdem er wieder auf den
Beinen war. „Klettert heute nicht mehr auf Bäume.“ Zumindest nicht mehr
heute, wenn er dabei war, das konnte sie gerne machen, wenn Basch auf sie
aufpassen würde, er würde das sicher mit mehr Geduld und Fassung tragen.
Ashe stand auf und klopfte sich erst einmal das Gras vom Kleid, ehe sie ihn mit
großen Augen ansah. Anscheinend war sie sich noch nicht ganz sicher, ob sie
seiner Bitte wirklich stattgeben wollte oder ob sie sich doch lieber wieder
daran versuchte, am Stamm nach oben zu klettern.
„In Ordnung“, meinte sie dann lächelnd und tänzelte ein paar Schritte vom
Baum weg. „Dann gehe ich jetzt wieder in mein Zimmer zurück.“
Und kaum, dass sie es ausgesprochen hatte, rannten ihre kleinen Füße auch
schon mit schier unerschöpflicher Energie zurück zum Palast und verschwanden
hinter den massiven, nur einen Spalt offen stehenden Flügeltüren.
Vossler seufzte laut auf, dieses Kind hatte mehr Ausdauer als jeder Soldat, der
ihm jemals untergekommen war, sie würde sich in der Armee schneller einen Namen
machen, als man schauen konnte, da war er sich sicher… Ein Glück, dass diese
Laufbahn gar nicht erst zur Debatte stand.
Nun, es nützte ja nichts, er sollte ihr folgen, ehe sie am Ende wieder irgendwo
hängen und dann hinunterfallen würde, das sollte er besser nicht zulassen.

Und wieder war sie ihm entkommen… Hatte sie nicht gesagt, dass sie in ihr
Zimmer zurückgehen wollte? Nun, er war hier, aber von Prinzessin Wirbelwind war
mal wieder keine Spur zu entdecken. Es war nicht einmal unwahrscheinlich, dass
sie es sich auf halbem Wege anders überlegt hatte und nun wieder auf dem Weg
wer wusste schon wohin war.
Langsam aber sicher verließen ihn Kraft und Lust, wieder den ganzen Palast zu
erkunden, wenn er nicht einmal wusste, wo sie denn nun genau sein könnte.
Mit einem leisen Murren setzte er sich auf die große Couch mit den goldenen
Verzierungen, die gegenüber dem großen Bett der Prinzessin mitten im Raum
stand. Wussten die Götter, warum sie so ein riesiges Zimmer brauchte,
vielleicht sperrte man ab und an die Tür zu, wenn sie es wieder zu bunt trieb
und dann konnte sie hier hin und her rennen? Allein schon das Bett war so groß,
dass sie mindestens zehn Mal hineinpassen würde, wenn nicht sogar noch öfter.
Wenn sie Verstecken spielen wollte, konnte sie das schon auf das Bett
beschränken, niemand würde sie dort finden können.
Er schwang die Beine über die Couchlehne, im Moment war es ihm wirklich egal,
ob er sich mitsamt Rüstung auf das Sofa legte, sollten die Dienerinnen
schimpfen, es wäre ihm mehr als gleich.
Ein paar Minuten lag er so bewegungslos, bis er kurze, tapsende Schritte hörte.
Oh, sie hatte sich doch nicht etwa wirklich dazu entschieden, hierher kommen zu
wollen? Er sah zur Seite, entdeckte sie aber nirgends, anscheinend schlich sie
gerade um die Couch herum, denn einen Augenblick später rüttelte es an der
Rückenlehne des Sofas, er brauchte nur einen kurzen Blick um festzustellen,
dass sie gerade im Begriff war, über die Lehne zu klettern. Warum auch immer
sie nicht einfach herum gehen konnte, das musste man wahrscheinlich nicht
verstehen.
„Vossler?“
Er hmmte nur kurz, wo auch immer sie hin wollte, er würde ihr folgen –
später. Vielleicht. Oder auch möglicherweise.
„Schlaft Ihr schon?“ Oh, vielleicht sollte er so tun, vielleicht würde sie
dann merken, dass sie so langsam auch ziemlich erledigt sein musste, aber
eigentlich glaubte er daran nicht wirklich.
„Fast“, sagte er schließlich und wieder gluckste sie so vergnügt, ehe sie
sich von der Lehne direkt auf ihn fallen ließ. Ein kurzes Keuchen entkam ihm,
als mindestens geballte 25 Kilogramm auf ihn purzelten und ihn dann mit
vergnügtem Gesicht ansahen. Grinsend legte Ashe den Kopf auf ihre
verschränkten Arme, wackelte mit den Füßen in der Luft.
„Die Zofe hat mich geschimpft, weil ein Loch in meinem Kleid ist. Und jetzt
möchte ich auch schlafen.“ Ihr Wort in den Gehörgängen der Götter, das war
wirklich die beste Idee, die sie heute gehabt hatte! Und das mit weitem Abstand.

„Dann solltet Ihr das tun, Prinzessin“, stimmte er ihr zu. Das bedeutete
mindestens eine halbe Stunde Ruhe, bei ihrer Energie konnte man nie wissen, wie
schnell sie wieder aufwachen würde. Es folgte noch ein Glucksen, ehe sie es
sich auf seiner Rüstung versuchte bequem zu machen und die Augen schloss.
Wahrscheinlich war sie doch erschöpfter gewesen, als er angenommen hatte, es
dauerte keine fünf Minuten, bis sie auf seiner Brust eingeschlafen war.
Erleichtert ließ er den Kopf gegen die Armlehne fallen, endlich war wenigstens
ein bisschen Ruhe eingekehrt, das sollte er wohl wirklich ausnutzen.
Er legte ihr einen Arm über den Rücken, nicht, dass sie im Schlaf noch von ihm
herunterfallen würde, ehe er ebenso die Augen schloss. Und seltsamerweise nicht
viel länger brauchte, um ebenfalls einzuschlafen.

„Entschuldigt bitte, wo finde ich Hauptmann Azelas?“, fragte er die erste
Dienerin, die ihm im Palast begegnete, er hatte sich zwar auf dem Weg hierher
schon im Garten umgesehen, aber dort waren weder er noch die junge Lady Ashe zu
finden gewesen, also musste er wohl nachfragen, wo sich eben der eine oder die
andere befand.
Die junge Dienerin kicherte zu seiner Verwunderung kurz auf, ehe sie ihm
antwortete.
„Verzeiht“, meinte sie dann. „Er befindet sich mit Lady Ashe in Ihren
Gemächern. Anscheinend war es ein harter Tag für sie beide.“
Sie ließ ihn mitsamt seinem fragenden Gesicht zurück und ging wieder an ihre
Arbeit. Harter Tag? Nun, davon würde er sich selbst ein Bild machen müssen,
dementsprechend machte er sich auf den Weg zu den Zimmern der Prinzessin.
Dort angekommen, wusste er plötzlich, was die Dienerin gemeint haben musste.
Ein leichtes Lächeln kam ihm aus, nun, es musste wirklich mehr als anstrengend
gewesen sein, so, wie sie beide dort auf der Couch lagen, Ashe augenscheinlich
schlafend und Vossler… nein, Vossler war wach.
„Erinnert Ihr Euch an den Wyvern, der sich in die Giza-Ebene verlaufen hatte,
Basch?“, fragte Vossler leise, um Ashe nicht zu wecken. Basch nickte, ja,
daran erinnerte er sich nur zu gut, es war nicht wirklich leicht gewesen, den
Drachen zu erlegen, sie waren beide nicht ohne Blessuren davon gekommen. Aber am
Ende hatten sie es trotzdem geschafft.
„Der war im Vergleich zu meinem Tag heute wirklich ein Kinderspiel…“
„Die junge Lady ist etwas energiegeladen, nicht wahr?“ Basch sah schmunzelnd
zu, wie sich Vossler aufsetzte, Ashe vorsichtig auf den Armen trug, um sie in
ihr eigenes Bett zu legen, dort sollte sie sich erst einmal ausschlafen können.
Er schnaubte leise, ‚etwas’ war vielleicht nicht gerade der passende
Ausdruck dafür, aber gut…
„Ja, etwas“, meinte er schlussendlich nur, legte die Prinzessin behutsam in
ihr Bett und deckte sie zu. Wenn Basch zurück war, dann bedeutete das
gleichsam, dass der König wieder im Palast war, der heute zu einer Besprechung
geladen worden war und darum gebeten hatte, dass jemand auf seine junge Tochter
Acht geben sollte, da sie wahrscheinlich ansonsten alleine durch Rabanastre
gewandert wäre, hätte die Langeweile Überhand genommen. So hatte sie
wenigstens nur den Rest vom Palast unsicher gemacht.
„Meine Einladung steht übrigens noch“, flüsterte Basch, er hatte ja nicht
vergessen, dass Vossler ihm den Vortritt gegeben hatte, den König begleiten zu
dürfen zur Besprechung. Nun, dann wollte er sich das doch nicht entgehen
lassen.
„Vossler…?“ Sie waren schon fast an der Tür, als die leise Stimme hinter
ihnen beiden erklang und gleichzeitig wandten sie sich zu Ashe um.
„Ja, Prinzessin?“, fragte er überrascht, hatten sie sie doch geweckt? Aber
sie kuschelte sich weiter in die Decke, sicherlich wollte sie gleich noch
weiterschlafen. Davon wollte er sie sicherlich nicht abhalten.
„Das war sehr lustig heute“, meinte sie mit einem müden Lächeln und wieder
erklang dieses glückliche Glucksen, ehe sie die Augen wieder schloss.
„Ja, das… ist die Hauptsache.“ So lange es ihr Spaß gemacht hatte, war ja
eigentlich alles in bester Ordnung gewesen. Von dem freien Fall einmal ganz
abgesehen. Und trotzdem rang ihm dieser Vorfall mittlerweile ein kleines
Lächeln ab. So gesehen war der Tag wirklich gar nicht so schlimm gewesen, wie
er vorhin vielleicht noch gedacht hatte.
Allerdings…
„Ihr habt kein Wort davon gesagt, dass die Prinzessin so… energiegeladen
ist“, sagte er an Basch gewandt, als sie den Palast langsam hinter sich
ließen, um das Sandmeer anzusteuern. Sein Kamerad sah ihn nur etwas irritiert
an, war etwas an dieser Aussage nicht zu verstehen gewesen?
„Sie ist ein Kind, Vossler, was habt Ihr erwartet?“ Basch schüttelte
lachend den Kopf, das war doch nicht sein Ernst, nicht wahr? „Dass sie den
ganzen Tag in ihrem Zimmer sitzt und eins der Bilderbücher anschaut?“
„Um ehrlich zu sein… ja.“ Das hatte er gedacht und es hatte ihn mehr als
verwundert, dass dem nicht so gewesen war. Dass sie viel lieber stundenlang
durch die Gegend rannte. Oder irgendwo hinaufkletterte, statt einfach
stillzusitzen.
„Vossler, Ihr müsst anscheinend noch eine Menge über die Prinzessin
lernen“, sagte Basch und klopfte ihm kurz auf die Schulter. „Da trifft es
sich doch wirklich gut, dass der König im nächsten Monat eine dreitätige
Reise nach Nalbina plant, auf der ich ihn begleiten soll.“
Und das war der erste und einzige Moment, in dem er sah, wie Vossler das Gesicht
förmlich entgleiste.


~Fin~
 
 
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