Brotkrumen - Das Leben ist kein Märchen - Band 1: Grausame Welt *reupload*

von Kazuu
GeschichteAbenteuer, Drama / P12
Ben Mason Hal Mason Margeret "Maggie" Matthew "Matt" Mason OC (Own Character) Thomas "Tom" Mason
20.04.2012
05.10.2018
20
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Kapitel 1: Unstimmigkeiten

Jess schaffte es nicht, sich auf ihre Matheaufgabe zu konzentrieren. Immer wieder starrte sie in das alte, halb zerfallene Buch, versuchte, mit den Zahlen auszukommen. Hörte im Hintergrund den alten Peter über die Geschichte von Halloween reden. Ja. Jess hatte diesen Unterricht Anne zu verdanken. Die Frau hatte es durchgesetzt, dass nicht nur die Jüngsten in die Schule gehen mussten. Nein. Alle, die im Normalfall noch nicht die High-School beendet hätten, wurden nun wieder eingebunden. Es mangelte an verfügbaren Räumen und Lehrer. So hatten sich die Erwachsenen den Kombinationsunterricht einfallen lassen. Wohl, wie es in früheren Zeiten gewesen war. Der Raum, der jetzt die Schule darstellte, war wahrscheinlich früher so etwas wie ein Konferenzsaal gewesen. Mit Clipboard, Bücherregal, Tafel und einem Haufen Tische, die zu Gruppentischen zusammengestellt wurden. Jess bildete zusammen mit Hal und fünf anderen die ältesten Schüler, die sich jetzt mit der bescheuerten Stochastik auseinander setzen mussten. Außer ihnen gab es noch drei weitere Schulgruppen. Die dreizehn bis Fünfzehnjährigen, zehn bis Zwölfjährigen und alle anderen unter zehn. Die Jüngsten hatten gerade so etwas wie Geschichte. Alle anderen waren selbstständig beschäftigt. Die 16- Jährige fühlte sich unwohl in ihrer Haut. Ihr Bruder saß ihr natürlich direkt gegenüber. Hal immer direkt ansehen zu müssen, wurde stets schwieriger. Jess hatte die ganze Zeit den düsteren Blick des Älteren vor ihrem inneren Auge. Und jetzt auch. Hal hatte bisher kein einziges Wort mit ihr gesprochen. Ignorierte sie. Und langsam machte sie genau das wütend. Früher – vor der Invasion – hatten sie zumindest zuerst ganz schön gestritten und sich danach ignoriert. Aber jetzt…. Er ließ sie einfach auf dem Trockenen stehen. Und das war neu. Das machte Jess rasend. Wie konnte er sie nur so behandeln? Und dann ohne eine einzige Erklärung. Das war nicht fair. Verdammt.
„… wurde auch früher als Samhain bezeichnet und stammt von den Kelten ab. So wurde stets angenommen, dass es in der Nacht zum 1. November gefeiert wurde. Halloween wurde in den 1830ern von irischen Emigranten in die USA gebracht und…….“
Peter war vor der Invasion Geographie- und Sportlehrer gewesen und brachte etwa fünfundzwanzig Jahre Diensterfahrung mit sich. Sehr intensiv kümmerte er sich um die jüngeren Schüler, während Jess und ihre gleichaltrigen Kameraden nicht gerade in schulischen Leistungen versanken. Sie waren zu viel als Kämpfer unterwegs, um im regelmäßigen Schulstoff einzugehen. Mann. Blöde Mathematik. Als ob sie nichts besseres zu tun hätte.
„Verdammt…. Ich hatte ehrlich geglaubt, dass ich mich nicht mehr mit Mathematik beschäftigen muss.“
Hal klang leicht genervt und schob sein Buch weiter von sich weg. Sein Sitznachbar Michael grinste. Jess erinnerte sich automatisch an die Zeit, als die Schule das größte Problem der Geschwister gewesen war.
„Zumindest kannst du nicht mehr durchfallen.“
Sie hatte es eher in sich hinein gemurmelt. Die junge Frau hatte nicht nachgedacht. Dieser Spruch war spontan gekommen. Und Hal? Er hatte es offensichtlich gehört. Nur ein kurzer, finsterer Blick zu ihr. Sehr finster. Jess beobachtete ihn. Sah ihn direkt an. Seine Hand. Wie verkrampft er den Kugelschreiber hielt. Wie er ihn auf das Blatt presste. Hal hatte Jess nur einen Augenblick angesehen. Einen kurzen Moment hatten sich ihre Blicke gekreuzt und sie fühlte sich sofort unterdrückt. Dann halt nicht. Wenn er meinte. Konnte ihr recht egal sein. Jess hatte etwas Besseres zu tun, als sich mit ihrem älteren Bruder auseinanderzusetzen.
„Hey, Jess?“
Veronica, ein blondes Mädchen in ihrem Alter, beugte sich zu der Mason und flüsterte ihr gespannt ins Ohr.
„Weaver meinte, es sei zu wenig Fleisch im Vorrat und ich müsste mit ein paar von den Kids wieder jagen gehen.“
„Wer begleitet dich?“
„Dominic. Und drei der Kids. Weißt du, wen ich nehmen soll?“
Jess war dankbar für die Abwechslung, die nun aufkam. Endlich mal keine Konzentration auf den blöden Unterricht -  und vor allem auf diesem Mist mit Hal.
„Okay, Dann lass uns mal nachdenken.“

„….. Durch die Kostümierung sollten die Geister und Toten besänftigt werden….“
Ben langweilte sich. Er war mit seinen Aufgaben längst fertig, hörte nur noch halbherzig Peter zu, der den Kleinen die Geschichte von Halloween erklärte. Dieser Unterricht forderte ihn einfach nicht. Das war früher auch sonst so gewesen. Ben wurde bereits einmal getestet und es stellte sich heraus, dass er überdurchschnittlich intelligent war. Er hatte immer 'As' bekommen und musste sich nie anstrengen. Im Gegensatz zu seinen älteren Geschwistern. Genau deswegen wurde der Mason früher regelmäßig verspottet und sogar häufig verprügelt. Und heute? Heute war er stark und seine Arbeit bei den Missionen war gut. Er hatte in Jimmy einen guten Freund und in Rick, der ebenfalls von den Skitters entführt wurde, einen Gleichgesinnten gefunden. Alles in Einem war recht gut, aber hier diese Zeit zusammen mit den anderen Jugendlichen abzusitzen war anstrengend. Ben spürte diese aufdringliche Blicke der anderen Kids. Auf Rick und ihn hatten es einige abgesehen und häufig wurde er verspottet. „Stachelrücken“ nannten sie ihn. Da waren noch Robert und Melinda. Die beiden waren, wie er, entführt worden, aber ihre Stacheln waren schon nach kurzer Zeit verschwunden und sie hatten sonst keine Veränderungen durchgemacht. Ben kritzelte genervt auf seinem Block. Zeichnete einige Waffen auf. Er kannte den Aufbau. Die einzelnen Bestandteile. Und was Sinnvolleres konnte er sowieso nicht mit seiner Zeit anfangen. Er konzentrierte sich auf die einzelnen Bewegungen seiner Hand. Die feinen Linien seines Stiftes. Das Kratzen, wenn die Miene das Papier berührte. Dieses Kratzen. Es war so laut, so intensiv. Zu intensiv. Auch Peter’ s Stimme. Es war so, als ob der richtig schreien würde. Das Flüstern der anderen Schüler. Er konnte sie alle verstehen. Jedes einzelne Wort seiner Mitmenschen. Wenn er sich konzentrierte. Ja. Er hörte Matt’ s Armbanduhr ticken. Und der war wohl etwa fünf Meter von ihm entfernt. Saß zusammen mit ein paar anderen Kids an einem Gruppentisch. Und Ben hörte dessen Uhr. Tick, tick, tick, tick…. Jede einzelne Sekunde schlug erbarmungslos an sein Gehör. Unangenehm. Wirklich unangenehm. Aber er hatte sich daran gewöhnt. Er hatte sich an sein sensibles Gehör gewöhnt. An seine Stärke und Kondition. Und trotzdem machte es ihm Angst. Er war so anders als früher. Vielleicht nicht im Geist…. Oder doch? Wenn er so an Rick dachte. Ben blickte von seiner Arbeit auf. Sah kurz neben sich. Rick war wieder still. Wieder in sich gekehrt. War ganz mit seiner Aufgabe beschäftigt. Der 14-Jährige fühlte mit seinem Freund mit. Der Schock nach der Entführung war zu groß für ihn gewesen. Die Reintegration mit den Menschen, nach der Programmierung. Und dann noch der Tod von dessen Vater. Ben seufzte. Nein. Das war keinesfalls leicht, hier in diesem Zentrum auszukommen. Ein Blick zu der Gruppe der ältesten Jugendlichen. Er erkannte, dass einzig Jess und Veronica sich leise unterhielten. Ja. Sie flüsterten. Sprachen über eine Jagd. War wohl heute wieder soweit. Hal hatte sich über sein Heft gebeugt. Ben erkannte dessen düstere Mimik. Grinste leicht, als er das genervte Seufzen seines Bruders wahrnahm und ihn innerhalb von Millisekunden über die offene Heftseite kritzeln sah. Wohl wieder eine Aufgabe vermasselt. Leonard, ein 18- jähriger Militär hatte beide Arme auf den Tisch gebeugt und den Kopf hielt er mit seinen Händen. Er hatte eine müde Miene aufgesetzt und schien Peter gelangweilt zuzuhören. Mary, ein anderes Mädchen, lackierte konzentriert ihre Fingernägel. Auch die anderen an diesem Tisch schienen nicht gerade begeistert ihren eigentlichen Aufgaben nachzugehen. Anders an Ben’ s Platz. Er beobachtete Rick und Jimmy bei ihren Aufsätzen. Jenny, Robby und Carol waren ebenfalls in ihren Aufgaben vertieft. Blieben also nur noch Charlie, Christian und Kyle. Diese drei stellten hier in dieser improvisierten Schule irgendwelche Störenfriede und Bullies dar. Vor allem dieser Kyle. Ben war schon öfters das Opfer dessen Beschimpfungen und Beleidigungen gewesen. Er versuchte, den Mason zu mobben, aber der 14- Jährige hatte beschlossen nicht darauf einzugehen. Er wusste, Kyle war wütend darüber, dass Weaver ihn nicht in die Widerstandsgruppe einsteigen ließ. Es war dem Jungen untersagt, Waffen zu verwenden. Mit der Begründung, dass der viel zu begeistert von der Idee gewesen sei und er wohl den Krieg als ein Spiel ansah. Das waren keine guten Voraussetzungen, um Soldat zu werden. Kyle war über Weaver’ s Entscheidung definitiv angepisst und ließ es vor allem an ihm aus. Ben seufzte kurz wieder auf. Es war einfach zu anstrengend.

Matt war begeistert von Peter’ s Erzählungen. Er wusste, Anne kämpfte darum, dass in fünf Tagen Halloween gefeiert werden durfte. Ein Fest. Mit Verkleidung. Vielleicht sogar Süßigkeiten. Oh, ja. Wann hatte er das letzte Mal Schokolade gegessen? Vor drei Wochen war das. Der Junge liebte Schokolade. Und Weingummi. Marsriegel. Popkorn. Zuckerwatte. Und Anne würde es schaffen. Matt hatte großes Vertrauen zu der Ärztin. Sie setzte sich immer gegen Captain Weaver durch. Ein Fest. Das wäre wirklich großartig. Er konzentrierte sich wieder auf Peter, der gerade gefragt hatte, als was sich die Kinder im vorherigen Jahr verkleidet hatten. Ja, letztes Halloween. Ben war mit dem Bruder mitgegangen. Und Jess und mom hatten ihm mit dem Kostüm geholfen. Er hatte sich als Iron Man verkleidet. Und absolut viele Süßigkeiten hatte er abgestaubt. Mehr als eine Tasche voll. Ben hatte Matt fast die Hälfte auf einmal aufessen lassen und ihm wurde speiübel. Aber trotzdem. So viele Süßigkeiten  Der Neunjährige vermisste es. Er vermisste die Sorglosigkeit, die Schule, seine Freunde. Und er vermisste seine Eltern. Mit seinen älteren Geschwistern alleine war es für ihn schwieriger mit dieser doofen Lage fertig zu werden. Und genau deswegen wünschte er sich im Moment nichts sehnlicher als ein Fest.
„…. Weil Superman echt toll ist. Deswegen war ich er.“
„Ich war mit mom in Cats.“
Matt hörte der jüngeren Jane still zu. Hörte, wie sie von einem Kostüm redete. Von der weißen Katze Victoria. Wie sie sich über die Verkleidung freute. Er hörte Flüstern. Flüstern, das etwas weiter entfernt von ihm war. Ja. Das kam von dem Tisch, an dem Ben saß. Der Neunjährige sah heimlich in die Richtung seines Bruders. Der schien tief in seine Arbeit vergraben zu sein. Aber er schrieb nichts. Starrte nur auf sein Blatt. Und Jimmy und Rick betrachteten diesen Kyle. Jimmy sah ziemlich wütend aus. Kyle lachte wieder so…. hämisch. Beobachtete Matt’ s Gruppe. Stieß diesen Charlie mit dem Ellenbogen an. Und redete mit einer bösartigen Stimme.
„Mann, dieses Jahr sollte ich mich als ein Stachelrücken verkleiden. Das ist so das ekeligste Kostüm, das ich kenne“

Hal hatte gehört, was dieser Idiot von Kyle von sich gegeben hatte. Schon wieder. Wieder wurde sein Bruder Opfer einer miesen Beleidigung. Gerade noch hatte der Mason sich über Jess’ Aussage geärgert. Hatte seinen Stift in der Hand gehalten und versucht, sich auf Mathe zu konzentrieren. Hal war so wütend gewesen, ihre Stimme zu hören. Wie sie sich unterhielt. Was war nur mit ihm? Diese Wut in ihm. Manchmal war sie so unberechenbar stark. Sie drückte an seine Brust. Er war wütend und müde. Er bekam oft wenig Schlaf. Die Geschwister teilten sich ein ehemaliges Patientenzimmer. Es war ein Doppelbettzimmer, recht geräumig und er schätzte die Größe auf etwa zwölf Quadratmeter. Eigentlich reiner Luxus im Vergleich zu den Böden und den Feldbetten, die ihnen zuvor zur Verfügung gestanden hatten. Und trotzdem. Die einzige Zeit, die er nicht mit seinen Brüdern und seiner Schwester verbrachte, war während seiner Schicht. Ben trainierte stets und versuchte, sich Strategien zu erarbeiten, um ihren Vater zu retten. Tagsüber wirkte Matt tapfer und motiviert, aber er hatte wieder sehr häufig Albträume. Schreckte oft nachts auf. Das hielt wiederum Hal wach. Er legte seinen Stift zur Seite. Seufzte kurz auf und lehnte sich an seinem Stuhl zurück. Das Maschinengewehr lag unter seinem Arbeitsplatz auf dem Boden. Einige Jugendliche neben ihm unterhielten sich leise, einige sahen zu Ben’ s Gruppe. Jess. Hal bemerkte, wie sie sich immer weiter verkrampfte. Sie musste diesen bescheuerten Spruch ebenfalls mitbekommen haben. Wenn ja, dann war es ein Wunder, dass sie nicht aufsprang und über Kyle herfiel. Der Älteste spürte sein Herz unangenehm pochen. Dieser verdammte Kyle Jetzt hatte der wieder sein übliches 'Seht her, ich bin ein Arsch' – Gesicht aufgesetzt. Hatte sich nach vorne gebeugt und beleidigte gerade Rick. Hal nahm die hämische Stimme wahr. Wie der Rick einen Verräter nannte. Der Andere saß nur stumm da, sah zu Boden. Und Ben hatte eine Hand auf dessen Schulter gelegt, flüsterte ihm scheinbar beruhigend zu. Hal verstand seinen Bruder einfach nicht. Kyle attackierte ihn schon fast täglich. Der Mason hatte sogar mitbekommen, wie dieses Schwein versucht hatte, einige Kids auf Ben, Rick und die anderen Kindern mit Stacheln zu hetzen. Das war schon fast wie in der Schule früher. Ben wurde schon immer von anderen Kindern gehänselt. Gerade auf der High-School. Er hatte ein Jahr übersprungen und war schon früher auf Hal’ s Schule gekommen. Und derl hatte damals Ben und Jess weitgehend dort ignoriert, oder hatte sich auch mit ihnen, vor allem mit der Schwester, in der Pausenhalle gestritten. Missmutig beobachtete er weiter die Situation. Ihm war - wie vielen anderen Kids - die angehende Unruhe an Ben’ s Tisch aufgefallen. Jimmy hatte Kyle gerade gesagt, er solle den in Ruhe lassen und dass er genauso ein Mitglied der 2. Mass war. Der älteste Mason betrachtete seinen Bruder genau. Deutete dessen Gesichtszüge. Ben wirkte angespannt. Aber auch kontrolliert. Hin und wieder – vor allem, wenn er auf Kyle’ s Beleidigungen reagierte – bemerkte Hal ein leichtes spöttisches Grinsen. Viele der älteren Kids tuschelten immer aufgeregter miteinander. Und die Kleinen hatten inzwischen ihre Aufmerksamkeit auf Kyle gelenkt. Es wurde unruhiger und lauter in der Klasse. Peter schien es bereits bemerkt zu haben, versuchte aber offensichtlich, nicht auf die Unruhe der Schüler einzugehen und die Konzentration der Jüngsten wieder auf sich zu lenken. Hal fokussierte sich weiter auf Ben. Der wirkte so cool. Gelassen. Steigerte sich nicht in die verbalen Angriffe. Das hatte er früher auch nicht getan. Der Große konnte es einfach nicht nachvollziehen. Warum nicht? Warum wehrte Ben sich nicht richtig? Das konnte er doch. Gerade jetzt. Der Dunkelhaarige wippte mit seinem Fuß, zog eine düstere Grimasse. Komm schon, Ben. Schnelleres Herzklopfen. Hal fühlte eine aufsteigende Unruhe und Aggression. Seine Wut.
„Kyle! Gib endlich Ruhe! Setz dich, Jimmy! Du auch, Elliot!“
Kyle hatte gerade Jimmy verspottet. Etwas gegen Weaver gesagt. Und auch Elliot – ein anderer Jugendlicher - wurde beleidigt. Beide waren heftig aufgesprungen. Jimmy hatte Kyle angeschrien, er solle sein Maul nicht so aufreißen. Hal kannte seinen Freund inzwischen ziemlich gut und wusste, dass der Kleine normalerweise nicht so schnell aufbrauste. Peter hatte eingegriffen und schaffte es sogar, ihn etwas zu beruhigen.
„Mann, Hal. Der Kleine nervt echt langsam. Dein Bruder sollte ihm mal eine reinhauen.“
Leonard hatte sich zu ihm gebeugt und es ihm heimlich zugeflüstert. Kyle gab es offensichtlich nicht auf, den Bruder weiter zu provozieren. Nur, das er nun etwas leiser und unauffälliger vorging. Der Mason erkannte genau, wie er die ganze Zeit redete und dabei scheinbar Ben hämisch fixierte. Ben. Er sah Kyle nicht einmal an. Sprach nicht. Kritzelte einzig sein Arbeitsheft voll. Verdammt, Ben. Was sollte das denn? Scheiß doch auf den 'Ich stehe darüber' – Mist. Hal wurde immer unruhiger. Sein Magen schmerzte regelrecht. Er spürte sein Herz. Das widerliche Kribbeln in seinen Armen. Er wusste nicht warum, aber gerade nach der Invasion empfand er jeden einzelnen Angriff auf seine Familie als eine direkte Attacke auf ihn selbst. Wahrscheinlich wollte er gerade deswegen, dass der Jüngere sich zur Wehr setzte. Mann, beruhig dich, Hal. Ben kommt ganz gut alleine klar.
„Hal, was ist? Lust, nach dem Unterricht hier Kyle zur Rede zu stellen? Der Kerl hat eine verdammte Lektion verdient.“
„Nein, Leonard. Lass es.“
Hal war nicht unbedingt der Typ, der andere Leute aufmischte. Klar, er hatte sich schon öfters geprügelt, aber er war kein Bully. Und es würde weder ihm, noch Ben etwas nützen. Also griff er kurz an die Schulter seines Freundes und sah ihn warnend an.
„Lass es einfach... Ben.“
Hal wusste, dass er nicht laut reden musste, damit ihn sein jüngerer Bruder, der einige Meter von ihm entfernt saß, verstand. Er sah ihn zu sich blicken. Flüsterte ihm schon fast wortlos zu.
„Wehr dich endlich, verdammt.“
Ben schien Hal zu ignorieren. Hatte sich wieder in seine Arbeit vergraben. Immer dieses schmerzhafte Ziehen. Die Übelkeit. Wut. Zorn. Ja. Der 17-Jährige wurde immer wütender. Auf Kyle, der einfach seinen Bruder angriff. Ben, der sich  nicht wehrte. Die anderen Kinder, die diese verdammte Situation einzig nur beobachteten. Und ja. Hal war vor allem wütend auf Jess. Sie hatte ihr Gespräch mit Veronica offensichtlich abgebrochen. Beobachtete, wie Hal, mit angespannter Miene diese verdammte Situation. Mann. Verdammter Mist. Dieser dumme Junge. Kyle provozierte Ben immer weiter.
„Ben… Wehr dich.“
Es war dem Mason bewusst, dass er recht fordernd klang und diese Worte geradezu aggressiv zu seinem Bruder gezischt hatte. Egal. Jetzt sah der ihn mit einer finsteren Miene direkt an. Hal kannte diesen Blick genau. Er bedeutete, der Ältere solle still sein und sich heraushalten.
„Willst du dich nicht von deinem Bruder beschützen lassen, Stachelrücken?“
Schon wieder. Hal kochte innerlich, als er den erneuten verbalen Angriff auf Ben mitbekam. Er fühlte, wie sich sämtliche Muskeln an seinen Armen anspannten. Wie sich sein Körper schmerzhaft verkrampfte. Das unausweichliche, störende Kribbeln in seinen Fingerspitzen. Diese beklommene Enge beim Atmen. Der unangenehme, schnelle Herzschlag. Adrenalin. Ja. Hal kannte dieses Gefühl, wenn sein Adrenalinwert anstieg. So zornig war er also. Unwillkürlich hatte er mit seinem rechten Fuß gewippt. Irgendwie musste er die überschüssige Energie loswerden. Verdammter Mist.
„Glaube mir, Kyle. Ich habe den Schutz meiner Geschwister nicht nötig. Immerhin gehöre ich zu den Kämpfern. Im Gegensatz zu jemand anderen.“
Zuerst vereinzelndes Kichern. Dann lauteres Lachen. Ben’ s Gruppe lachte. Hal beobachtete leicht zufrieden dessen Gegner. Ja. Der wirkte jetzt beleidigt. Sehr beleidigt.
„Hey…. Hey, Jungs!! Stopp!!“

„Hey….. Hey, Jungs!! Stopp!!“
Ben hörte Peter im Hintergrund. Ben hörte das Gelächter seiner Kameraden. Ben hörte das aufgeregte Flüstern seines kleinen Bruders. Ben spürte die Aufregung im gesamten Raum. Das war vollkommen egal. Er war wütend. Wieder richtig wütend. Dieser Kyle. Schon so oft hatte der Kerl ihn und Rick angegriffen. Stachelrücken. Ben hasste dieses Wort. Stachelrücken. Das war das Erniedrigendste, was je zu ihm gesagt wurde. Als was er bezeichnet wurde. Stachelrücken. Ja, er hasste dieses Wort, denn es war wahr. Er war ein Freak. Ein Monster. Ein Stachelrücken. Jetzt hatte er es getan. Er hatte seine Ruhe verloren. Ben hatte Kyle provoziert. Er hatte die Worte sorgfältig ausgewählt. Genau das ausgesucht, was den Kerl unbedingt aus der Fassung bringen würde. Erfolgreich.
„Dummer Stachelrücken!“
Ben hatte gesiegt. Er sah diesen Idioten mit einem entrüsteten Gesichtsausdruck von seinem Platz aufspringen. Der lautstarke Lärm des Stuhles, der heftig auf den Holzboden krachte, brannte regelrecht in die Ohren des 14- Jährigen. Eines der jüngeren Mädchen hatte erschrocken aufgeschrien. Viele aufgeregte Stimmen. Ein entrüsteter Peter hatte endgültig seinen Unterricht unterbrochen. Ben wusste, es war soweit. Kyle war so wütend. Er würde ihn angreifen. Nein. Das würde er nicht zulassen. Er würde sich nie wieder unterkriegen lassen. Sich nie wieder verprügeln lassen. Kyle sollte ruhig seine Lektion erhalten.
„Dich mach ich fertig, du Arschloch!!“
Ben hörte die wütenden Worte dieses Idioten. Gut. Der Gegner war also rasend vor Zorn. Ein Vorteil für ihn. Der Mason sprang nun ebenfalls von seinem Platz auf. Er ignorierte das inzwischen heillose Durcheinander in diesem Raum. Die vielen, aufgeregten Stimmen. Er war bereit. Entschlossen. Er würde seine Ruhe bewahren. Er würde nicht ausflippen. Nein, im Gegenteil. Innerlich grinste Ben. Er war bereit, es mit diesem Idioten aufzunehmen. Kyle stellte absolut keine Gefahr für ihn dar. Nicht so wie früher. Er stand fest. Rührte sich nicht. Er sah Kyle einen anderen Jungen heftig zur Seite stoßen. Also würde es losgehen. Diese Unruhe. Dieser Lärm. Ja. Er war bereit. Bereit loszuschlagen. Diesen Kyle fertig zu machen. Ihm eine Lektion zu erteilen. Ben hörte Peter weiter im Hintergrund. Der alte Mann war laut. Seine Stimme streng. Fordernd. Er ignorierte ihn. Ben ignorierte die vielen aufgeregten Stimmen um ihn herum. Er war bereit. Ja, er war bereit.

Jess gefiel diese Sache nicht. Diese Unruhe. Gerade noch hatte sie mit Veronica beschlossen, auch Matt schweren Herzens zur Jagd zuzuteilen. Jetzt eskalierte die ganze Situation. Dieser verdammte Kyle. Der ging ihr schon seit mehreren Wochen auf die Nerven. Dieser Mistkerl griff ihre Brüder an. Er griff sie an. Und jetzt?
„Verdammt, Jess. Das sieht echt übel aus.“
Jess nickte nur. Veronica hatte Recht.
„Hey….. Hey, Jungs!! Stopp!!“
Matt sprang auf, Jane, Robert und Leonard schreckten hoch. Noch Jimmy, Mary und Trevor. Kyle. Jess wusste genau, wie bewusst Ben den mit seinen Worten provoziert hatte. Das war ihr Stil. Peter klappte sein Geschichtsbuch zusammen. Versuchte, mit strenger Stimme Ruhe in den Raum zu bringen. Sie hasste diesen Moment. Jetzt sprang Ben von seinem Platz auf. Er wirkte so gefasst. Ruhig. Doch da war wieder dieser Blick. Das Mädchen machte sich Sorgen. Ihr kleiner Bruder wurde immer zorniger. Das, was ihn so veränderte. Diese Stacheln. Sie hatten ihn retten können und doch schien sie ihn wieder zu verlieren. Nein. Kyle würde Ben jetzt angreifen. Und der war inzwischen stärker. Sie wusste, er war nun sogar deutlich stärker als Hal. Das war nicht gut. Jeder in der 2. Mass bekam seine Veränderung mit. Jess hatte Angst um ihn. Was, wenn die ganze Sache irgendwann richtig eskalierte? Viele von den Leuten benötigten nur einen Grund, Ben zu verstoßen. Ihn zu attackieren. Er durfte jetzt nicht auffällig werden. Dieser wahnsinnige Lärm. Diese Unruhe. Jess spürte ihr Herz rasen. Ihren Puls. Ihre Aufregung. Peter redete richtig laut. Einige Kids schrien vor Aufregung. Kyle beschimpfte ihren Bruder auf das Übelste. Er würde gleich direkt auf ihn losgehen. Nein. Sie konnte das nicht zulassen. Ben durfte seine Stärke nicht in aller Öffentlichkeit zeigen. Das war zu gefährlich. Sie musste es irgendwie verhindern. Jess konzentrierte sich. Sie versuchte, den ohrenbetäubenden Lärm zu ignorieren, sah sich hastig auf ihren Gruppentisch um. Da.
„Sorry, Tim. Die brauche ich.“
Die Kämpferin nutzte ihre improvisierte Chance. Sie griff eine halb gefüllte Wasserflasche aus Plastik, trat schnell mehrere Schritte in Richtung der jüngeren Teenager.
„ Dexter!!“
Jess holte aus, ein geschickter Wurf der Flasche. Ein Treffer. Sie landete direkt an Kyle’ s Kopf. Das Wasser verteilte sich großzügig an dessen Kleidung.
„Jess!!!“
Das war Peter. Jess atmete heftig, als sie das Ergebnis ihrer Aktion betrachtete. In der Klasse war es ziemlich schnell still geworden, viele der Kids starrten sie jetzt an. Kyle presste mit seiner rechten Hand gegen die Stirn, das Gesicht war zu einer schmerzenden Miene verzogen. Seine braune, leicht löchrige Jacke wies großflächige, nasse Stellen auf. Gut. Die 16-Jährige war mit sich zufrieden. Sie hatte diesen Idioten voll getroffen. Er schien Schmerzen zu haben, und trotzdem war keine großartige Verletzung sichtbar. In dem Zimmer herrschte nun richtig Stille. Nur ein paar Kids tuschelten aufgeregt miteinander. Peter ergriff endgültig das Wort.
„Also gut, Kinder!! Das war es für heute. Ihr werdet euch sowieso nicht mehr konzentrieren können. Ich will, dass ihr jetzt geht. Den versäumten Unterricht setzen wir an den morgigen an.“
Peter schien es ernst zu meinen. Er hatte einen äußerst strengen Gesichtsausdruck aufgesetzt. Jess tat es den anderen Kindern und Jugendlichen gleich und ging an ihrem Platz. Sie griff sich ihre Waffe und schulterte sie sich, nicht ohne einen Blick mit Hal auszutauschen. Wieder sah der sie so wütend an. Kein einziges Wort gab er von sich. Dafür hörte sie Peter zu ihr sprechen.
„Jess! Kyle! Ihr bleibt kurz hier.“

„Jess! Kyle! Ihr bleibt kurz hier.“
Matt hatte bereits seinen Block gegriffen und wollte noch auf seine Geschwister warten. Er hatte, wie die anderen, Jess’ Wurf gesehen und war unruhig geworden. Kyle hatte die ganze Zeit Ben provoziert, und der Kerl war zum Schluss auch noch auf ihn zugegangen. Und dann hatte die Mason schlagartig diese Flasche auf Kyle geworfen. Mann. Er war so richtig begeistert. Das war echt cool gewesen. Mit einem Schlag. Pow!!! Direkter Treffer an den Kopf. Jess konnte immer so gut zielen.
„Kyle hat das echt verdient. Deine Schwester ist richtig cool.“
Lara – ein achtjähriges Mädchen – knuffte Matt in den Oberarm. Er nickte nur und ließ einige tuschelnde Jugendliche an sich vorbei in Richtung Ausgang gehen. Fast alle hatten inzwischen den Raum verlassen. Hal hatte sich seine Waffe gegriffen. Mann. Der Jüngste fand es nicht witzig, wie dieser Jess wieder ansah. Als würde er ihr gleich den Hals umdrehen. Jetzt verließ der ältester Bruder mit starrem Blick seinen Platz.
 „Hey, Hal. Was hast du?“
„Nicht jetzt, Matt.“
Wow. Jetzt ließ er ihn auch noch links liegen und verließ schnurstracks das Zimmer. War er so wütend? Schlagartig fühlte sich Matt wahnsinnig unsicher. Und unwohl. Jimmy und Rick gingen nun an ihm vorbei – wobei Rick sehr niedergeschlagen wirkte. Ben griff den Bruder an die Schulter.
„Komm, Matty. Lass uns verschwinden.“
„Aber, Jess….“
Matt beobachtete, wie Peter gerade Kyle’ s Stirn auf Verletzungen inspizierte. Jess stand nur da, an dem Gruppentisch gelehnt und schien einfach nur zu warten. Ben hielt die Schulter weiter fest.
„Lass sie einfach. Und lass Hal sich beruhigen. Veronica will dir sowieso noch was sagen.“
„Okay…..“
Der Neunjährige ließ sich zaghaft von seinem Bruder aus der Tür schieben. Er spürte, wie seine Laune immer weiter sank. Diese ganze Sache stank doch. Für einen Moment hatte Matt diese komische Stimmung zwischen den Großen vergessen und jetzt war es wieder da. Und Ben hatte vorhin auch wieder Einiges einstecken müssen. Matt wünschte sich, sein Vater wäre jetzt hier. Er wüsste sicher, was zu tun ist. Wenn auch nicht so gut, wie mom. Auf die Mutter würden sie alle hören. Aber mom war tot. Matt zerriss es fast das Herz, als er an sie dachte. Er erinnerte sich noch genau, wie sie sie gefunden hatten. Ihre Leiche. Ihr Anblick. So leblos. So grausam. Blutig. Nein. Er wollte nicht daran denken. Er schluckte schwer. Am liebsten würde er auf der Stelle losweinen. Aber er durfte das jetzt nicht. Matt war kein kleines Kind mehr. Er würde ein Mann werden. Er war ein Mason.

Der Junge ließ sich weiter widerstandslos von Ben durch die trüben Fluren führen. Ben. Matt beobachtete das Gesicht seines Bruders. Er wirkte viel reifer als noch vor elf Monaten. Er hatte viel mehr Muskeln, war so groß wie Hal. Die Stimme war viel tiefer und er wirkte immer ernst. Selbst sein Lachen war nicht mehr wie früher.
„Ben. Bist du okay? Hör nicht auf Kyle. Der Typ ist ein Arsch.“
Jetzt musste der doch auflachen. Matt grinste ebenfalls. Er ließ es zu, dass Ben sein sowieso recht wildes Haar durchwuschelte.
„Ist schon gut, Matt. So ein Typ regt mich nicht auf.“
„Ich habe dich gesehen. Kyle war kurz davor gewesen, dich anzugreifen. Und wenn Jess nicht eingegriffen hätte, hättest du ihn bestimmt geschlagen.“
„Mann, Matt. Wenn, hätte ich mich nur gewehrt. Und was Jess gemacht hat, war nicht cool. Sie hätte ihn wirklich verletzen können. Also nimm das nicht als Beispiel.“
Ben führte den Kleinen in ihren Raum. Ja. Ihm gefiel dieses ehemalige Patientenzimmer. Seit der Invasion hatte er keine geräumigere Unterkunft mehr gehabt. Nicht einmal in der Schule, in der er auf Feldbetten schlief, war es so gemütlich gewesen. Das Zimmer war ein Zweibettzimmer, etwa so groß wie Hal’ s ehemaliges Schlafzimmer daheim. Sie hatten sogar ein eigenes kleines Bad. Schön wäre es natürlich, wenn sie wenigstens warmes Wasser hätten. Na, ja. Zumindest hatten sie Wasser und ab und zu funktionierte der Strom. Die Betten im Schlafzimmer standen jeweils an der gegenüberliegenden Wand. Zwei alte Matratzen auf dem Boden dienten als Zusatzbetten. Sie hatten sogar einen kleinen Kleiderschrank und einen Schreibtisch, auf dem verschiedene Unterlagen und persönliche Gegenstände der Geschwister verstreut lagen. Erinnerungen an ein früheres Leben. Matt beobachtete Ben, wie der sich Hal’ s inzwischen leicht ramponierten Baseball griff und anfing damit zu spielen. Er selbst setzte sich an den Schreibtisch und griff sich ein leicht zerknittertes Heft, das dort aufgeschlagen lag. Es gehörte Jess. Matt ignorierte den schlagenden Lärm, der jedes Mal entstand, wenn der Bruder den Ball gegen die Wand warf. Dieses Heft. Der jüngste Mason- Sohn durchblätterte es. Das war bereits das dritte Heft, das sie vollschrieb. Irgendetwas zwischen journalistischer Bericht und Tagebuch. Sie hatte sogar so eine alte Polaroidkamera gefunden und machte immer wieder Fotos. Von toten Skitters. Mechs. Den Waffen. Den Kugeln aus Mechmetall. Und auch Fotos von Ben’ s Rücken. Den Stacheln.
„Warum schreibt sie immer alles auf?“
„Keine Ahnung…. Jess sagte, für die Zukunft. Und immerhin wollte sie ja auch früher Schriftstellerin werden.“
„Und du wolltest immer ins MIT.“
„Mathematik und Ingenieurwesen studieren. Hal hat mich deswegen immer ausgelacht.“
Matt erinnerte sich gut daran. Irgendwie hatten Ben und Jess schon früh ihr Ziel im Auge gehabt. Hal hatte nicht gewusst, was er werden sollte. Dabei hatte er keine zwei Jahre mehr Zeit gehabt, bis zum Abschluss. Mom hatte deswegen oft mit ihm gesprochen. Matt wusste nicht, was. Der Blonde legte das Heft wieder zurück an seinem Platz. Sie hatten noch etwa eineinhalb Stunden Zeit bis zum Mittagessen, jetzt da der Unterricht entfallen war. Er würde diese Zeit in diesem Zimmer verbringen. Sich ausruhen. Totaler Blödsinn. Er hatte doch später sowieso nichts mehr zu tun. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern. Ben und Jess hatten nachmittags Wache und Hal am Abend. Alle hatten etwas zu tun. Nur er nicht. Alle sagten immer Matt sei zu jung. Noch ein Kind. Es war schon ein Kampf gewesen, die Erlaubnis für das Waffentraining zu erhalten. Jetzt, da dad nicht da war, hatte Captain Weaver beschlossen, dass Hal die volle Verantwortung für Matt übernahm. Nicht Ben oder Jess. Nein, der älteste Bruder hatte das endgültige Sagen. Der Jüngste wusste, dass Hal nicht weit von dem abweichen würde, was dad erlauben würde, oder nicht. Das Schießen bildete hierbei die einzige Ausnahme. Matt hatte argumentieren können, dass die Eltern Jess mit acht Jahren erlaubt hatten, Bogenschießen zu lernen. Wenigstens einmal hatte er sich gegen seinen Bruder durchsetzen können. Der Neunjährige war immer noch stolz auf sich. Ja. Er war kein kleines Kind mehr. Alle anderen sollten das endlich auch sehen. Ja. Matt würde sich sicher noch beweisen. Ganz sicher.

Hal lehnte sich genervt gegen die leicht bröckelnde Hauswand, seine M60 hatte er fest im Griff. Es war bereits Mittag, die Ereignisse im Unterricht lagen nun etwa eine Stunde zurück. Warum war er immer noch so wütend auf Jess? Wie sie sich da eingemischt hatte. Das nervte ihn. Hal selbst wäre fast auf Kyle losgegangen. Sobald dieser Ben angegriffen hätte, hätte der Ältere den Kerl verprügelt. Das wusste er. Er wusste auch, dass ihm dann Ben diese Aktion nicht so schnell verziehen hätte. Aber Jess. Sie hatte Kyle angegriffen. Und sie würde damit durchkommen. Wie sonst auch. War es das, was Hal so wütend machte? Nein. Letztendlich waren weder Jess noch er mit den ganzen Mist, den sie angestellt hatten, durchgekommen. Früher. Vor der Invasion. Damals war er oft wütend auf seine Schwester gewesen. Sie hatten sich regelmäßig gestritten, meistens sogar ohne einen berechtigten Grund. Und Hal hatte sich durchgehend mit Ben gezankt. Nein. Erl seufzte betrübt auf und spürte den recht unangenehmen Windzug, der im Moment das sonst so warme Wetter störte. Der 17-Jährige sah sich um. Er stand neben dem Eingang dieser Klinik und hatte ein freies Sichtfeld auf dem Platz, der wohl früher einen Vorhof darstellte. Der Weg zum Eingang war nicht gepflastert, eine Unmenge von Kieselsteinen förderte die ländliche Darstellung dieses Ortes. Wilde, wuchernde Gräser hatten wohl gemusterte Wiesenflächen dargestellt, auf denen sich jetzt zerbrochene oder umgeworfene Kunststoffgartenstühle tummelten. Die Außenwand der Klinik selbst konnte die Spuren der Invasion nicht verbergen. Seit Monaten kümmerte sich niemand mehr um den Erhalt des Gebäudes. Die Witterung machte den Gemäuern einiges zu schaffen. Teile der Wände blätterten ungestüm auf den mit schmutziger Erde und Blättern übersäten Boden. Hal wunderte sich immer noch, wie viele Autos sie herbeischaffen konnten. Jeeps, ältere deutsche Wagen, Schulbusse. Ja. Benzin gab es zum Glück im Übermaß – im Gegensatz zu Lebensmitteln, Wasser, Medikamente, Strom. Der Notfallgenerator an diesem Ort arbeitete mehr schlecht als recht, es reichte gerade, dass sie nicht, wie sonst, durchgehend im Dunkeln saßen. Hal gefiel die Aussicht nicht. Er konnte und wollte sich nicht an den Anblick von Gruppen verschmutzter Männer, Frauen und Kinder gewöhnen, die schwerbewaffnet ihre Runden abliefen oder Wache schoben. Der Kampf in Fitchburg hatte viele Opfer gekostet. Seit der Entstehung der 2. Mass waren über die Hälfte der Kämpfer umgekommen. Also mussten nun die Zivilisten rekrutiert werden. Die Kinder. Hal wusste, dass er Matt nicht mehr lange abhalten konnte, ein Kämpfer zu werden. Mit der Erlaubnis für die Schießübungen hatte er den ersten Schritt getan. Sollte Matt heute zum ersten Mal jagen gehen und bewusst ein Lebewesen töten, hätte er praktisch die nächste Stufe erreicht. Nein. Hal würde das solange wie möglich hinauszögern. Er würde das niemals zulassen. Und niemand konnte seinen grimmigen Entschluss ändern. Vor allem nicht Jess und Ben.
„Hey, Sonnenschein. Sieht nicht so aus, als würde sich deine Laune heute noch bessern.“
Überrascht von der schlagartig aufgetauchten, weiblichen Stimme brach Hal seine düsteren Gedanken ab und drehte sich zu Maggie, die nun verschmitzt lächelnd neben ihm stand. Er hatte sich inzwischen sehr gut mit der jungen, kecken Frau angefreundet. Sie waren oft zusammen, unterstützten sich. Auch jetzt war er froh, dass Maggie bei ihm war.
„Tja. Das Lacrosse- Training lief heute nicht so gut.“
„Du solltest die Sportart wechseln. Lacrosse ist doch was für Mädchen.“
Hal musste bei dem Spruch doch auflachen, bis er sich wieder erinnerte, dass er das schon oft von einer gewissen Person gehört hatte. Schlagartig wurde er wieder ernst und sah klar in Maggie’ s irritiertes Gesicht.
„Das hatte Jess auch mal gesagt. Na, ja. Genauer sagte sie, selbst Cheerleader seien männlicher als Lacrosse- Spieler. Und das in der vollen Schulkantine.“
„Autsch.“
Hal sah Maggie auflachen. Ja. Es hörte sich bestimmt witzig an, aber das war es nicht gewesen. Sicherlich nicht. Der älteste Mason erinnerte sich genau. Jess war gerade erst in die High-School gekommen und sie hatten eine ziemlich hitzige Diskussion gehabt. Worüber genau, das wusste er nicht mehr. Auf jeden Fall hatte sie ihn damit richtig blamiert. Diese Mistkuh! Maggie’ s Stimme klang nun neugierig. Und amüsiert.
„Ich mag das Mädchen. Sie ist so schön frech. Und du hast das sicher nicht auf dich sitzen lassen.“
Maggie schlug freundschaftlich auf seine rechte Schulter. Er verzog mit schmerzhafter Miene sein Gesicht. Mann. Sie beeindruckte ihn immer wieder. Ihre Stärke. Schon als sie sich kennenlernten hatte sie die Oberhand gehabt. Schließlich waren sie anfangs auf gegnerische Seiten gestanden. Und dieser Schlag gerade war ebenfalls schmerzhaft gewesen. Was für eine Frau. Selbst, wenn diese Erinnerung an dem Konflikt zwischen ihm und seine Schwester nicht gerade angenehm war, machte es ihm nichts aus, sich mit ihr darüber zu unterhalten.
„Also, Hal. Hast du dich an ihr gerächt?“
Er antwortete nicht gleich. Diese Erinnerung. Ja er hatte sich gerächt. Dies hatte zu einem ernsthaften Streit zwischen beiden geführt. Und das wiederum zu jede Menge Ärger. Und trotzdem war er damals lange nicht so wütend auf Jess gewesen wie jetzt. Hal entschloss sich, endlich Maggie’ s Frage zu beantworten.
„Ich hab sie für drei Stunden in einen Schrank gesperrt.“
Maggie lachte nochmals auf. Ja. Sie schien sich regelrecht zu amüsieren. Grimmig suchte der junge Mann mit seinen Augen die Sonne, die nur spärlich aus einer Vielzahl grauer Wolken schien.
„So witzig war das eigentlich nicht. Ich hatte mit den Gedanken gespielt, den Schrankschlüssel wegzuwerfen und sie darin schmoren zu lassen. Und so was sollte nicht sein.“
Der Dunkelhaarige wechselte bewusst den Blick zu seiner Kumpanin. Mit ihr konnte er reden. So ähnlich wie mit Karen damals. Maggie konnte er erzählen, was er dachte. Und ja. Ihm war bewusst, wie ernst in diesem Moment seine Stimme klingen musste.
„Jess… Ben.. Ich war nie ein guter Bruder für die beiden. Für Matt ja. Aber nicht für die zwei. Diese Sache damals war auf keinen Fall witzig. Egal, wie sich das anhören mag.“
„Entschuldige.“
Schlagartig hatte sie aufgehört, zu lachen. Hatte aber ihren aufmunternden Gesichtsausdruck aufgesetzt.
„Mag sein, dass du es so siehst. Keine Ahnung wie es war, bevor wir uns kennenlernten. Aber eines kann ich dir versichern, Hal. Du hast Ben aus den Händen dieser Insekten befreit und du hast Jess gerettet. Du bist ein guter Bruder.“

„Okay. Die Schulter sieht gut aus. Die Naht ist fast vollständig verheilt. Das wäre sie schon längst, wenn du sie schonen würdest, Jess.“
Jess rückte ihr T-Shirt zurecht und sah Dr. Anne Glass klar in die Augen.
„Ich habe versucht, mich zurückzuhalten. Ist nur nicht ganz so einfach. Aber es sieht so aus, als hättet ihr hier mehr Probleme.“
Das Mädchen sah sich wiederholt in der Krankenstation um. Sie bestand inzwischen aus zwei Zimmern. Der Untersuchungsraum wirkte steriler, als der improvisierte, der in der Schule eingerichtet gewesen war. Es gab einen Schreibtisch, eine Waage, einen Schrank mit medizinischen Büchern, einen richtigen Verbandskasten. Einige Blutdruckmessgeräte lagen geschlossen auf dem Schreibtisch. Fünf Feldbetten und ein Krankenhausbett bildeten die Behandlungsunterlagen. Neben ihr wurden im Moment noch zwei andere Menschen von Dr. Glass und Lourdes behandelt. Ein Zivilist, der wohl gerade so etwas wie einen Asthmaanfall hinter sich gebracht hatte. Die zweite Patientin war wie Jess eine Kämpferin, die sich gerade erst bei einer Arbeit verletzt hatte. Wohl nur eine Prellung. Captain Weaver stand gerade bei ihr und unterhielt sich mit der Frau. Die Mason- Tochter konnte durch eine Glastüre direkt in den zweiten Behandlungsraum sehen. Sechs Patienten lagen auf Feldbetten dick eingemummelt. Zehn weitere Betten waren für die nächsten vorbereitet. Keine Ahnung, welchem Zweck dieser Raum vor der Invasion gedient hatte; war wohl ein Chefbüro gewesen. Der Schreibtisch stammte von dort. Sie hatten das ganze Mobiliar entfernt, um dort diese Isolierstation einzurichten. Ja. Schließlich war es Herbst. Und eine Grippewelle grassierte gerade durch die 2. Mass. Jetzt, da der zivile Wohlstand der industriellen Länder ausgeschaltet war, mangelte es auch an Hygiene. Diese Jahreszeit brachte im Osten immer virale Erkrankungen mit sich. Jess mochte nicht daran denken, was passieren würde, wenn der Winter anbrach und sie weder Strom noch fließendes Wasser zur Verfügung hatten. Diese Isolierstation sollte eine Epidemie vermeiden. Bisher klappte es zumindest. Die junge Frau ließ es widerstandslos zu, dass Anne an ihrem Ohr Fieber maß.
„Siebenunddreißig neun. Erhöht. Aber Husten hast du keines. Wie sieht es mit Schmerzen aus?“
Jess schüttelte den Kopf. Nein. Sie hatte keine wirklichen Beschwerden. Ihr war nur etwas warm. Sie hatte auf keinen Fall eine Erkältung. Oder die Grippe. Offensichtlich sah die Ärztin das genauso.
„Ja. Das ist wahrscheinlich noch der Heilungsprozess. Und die Anstrengung. Unfassbar, dass ich das zu einer 16- Jährigen sagen muss, aber du arbeitest zu viel. Du brauchst eine Pause.“
„Aber…..“
„Das wird nicht gehen, Dr. Glass.“
Nun meldete sich also Weaver zu Wort. Jess konnte diesen Mann immer noch nicht richtig einschätzen. Der Kerl war zwar nicht unbedingt die sympathischste Person vor Ort, aber er war auf jeden Fall der beste Anführer, den sie haben konnten. Die Dunkelhaarige wusste genau, dass die 2. Mass und auch die Masons dank seiner Führung bisher überlebt hatten. Dafür war sie dem Mann auch dankbar. Trotzdem ahnte sie, was auf sie zukommen könnte. Weaver hatte sich von der anderen Patientin abgewandt und sah Anne irgendwie streitlustig an.
„Ich kann keinen Kämpfer entbehren. Selbst wenn sie sich manchmal nicht beherrschen können.“
Ja. Da war also die Anspielung. Die Mason- Tochter wunderte sich nicht, dass Weaver bereits über die Ereignisse während dem Unterricht Bescheid wusste. Nicht tragisch. Sie sah den Captain klar an.
„Kyle Dexter hat nur eine Beule abbekommen. Hätte ich mich nicht eingemischt, hätte der Kerl Ben angegriffen.“
„Ben kann sich selbst wehren.“
„Bei allem Respekt, Captain. Sie wissen genau, wie stark er inzwischen ist. Es gibt genügend Leute in der 2. Mass, die Angst vor Ben und Rick haben. Jede Auffälligkeit ist zu gefährlich für die beiden. Niemand wird sich dafür interessieren, ob Kyle den Streit angefangen hat, oder nicht. Ben würde nur als Monster dargestellt werden. Da ist es doch besser, wenn ich die Aggressive spiele.“
Weaver wirkte definitiv nicht glücklich über die Bemerkung. Jess kannte seinen Ich –habe –hier –das –Sagen - Blick. Seine Leute sollten sich diszipliniert verhalten und keinen Konflikt mit den Zivilisten anfangen. Mit einem Mal spürte die Kämpferin eine Form der Verlegenheit in ihrer Magengegend. Sie wusste genau, dass sie Kyle mit ihrer Aktion wirklich hätte verletzen können. Im Grunde war ihr das egal, doch war dies nicht gerade eine erwachsene Haltung von ihr. Konnte sie sich das wirklich leisten? Weaver schien davon nicht überzeugt zu sein. Jess atmete innerlich auf, als der Captain nicht weiter auf das Thema Kyle Dexter einging. Er sah sie klar an.
„Es ist Mittag. Du solltest etwas essen. Wir haben eine Teambesprechung um Vierzehnhundert im Filmraum. Ich will, dass du Hal und Ben Bescheid gibst. Dein Dienst beginnt heute dafür um vier.“
„Verstanden.“
Weaver war wohl fertig. Ohne ein weiteres Wort nickte er Anne Glass zu und verließ den Raum. Meeting um zwei. Jess ahnte, worum es gehen sollte. Leicht zaghaft stand sie von ihrer Liege auf und seufzte.
„Es sind wieder die Vorräte. Wir müssen also losziehen.“
„Ich finde das nicht gut. Du bist immer noch verletzt und hast erhöhte Temperatur. Er sollte dich nicht einsetzen. Es ist zu gefährlich.“
Jess hörte Anne’ s Worte. Sie erkannte die Sorge in der Stimme der Ärztin. Ja. Anne war die letzten Wochen für sie und ihre Brüder da gewesen. Hatte sich um sie gekümmert. Das Mädchen mochte diese Frau. Sie brachte eine gewisse Ruhe in die Gemeinschaft. Und jetzt. Ja. Jetzt klang sie genauso wie dad. Er würde ebenfalls versuchen, Jess zum Ausruhen zu zwingen. Ein kurzes, dankbares Lächeln konnte sich die 16-Jährige nicht verkneifen. Doch trotz aller Sorge kannte sie ihre Pflichten.
„Captain Weaver hat Recht. Er kann seit Fitchburg keinen Kämpfer mehr entbehren. Und wir brauchen Vorräte. Die Skitters sind jetzt seit zwei Wochen ruhig. Wir müssen das ausnutzen.“
Das war ihre Pflicht. Jess hatte sich am Vormittag regelrecht an Kyle ausgetobt. Auch wenn sie damit auch Ben beschützen wollte, insgeheim hatte ihr es gefallen, diesen Mistkerl zu demütigen. Das war nicht gut. Andere Leute fertig zu machen. Das durfte ihr einfach nicht gefallen.
„Jess. Es ist Zeit zum Essen. Du brauchst die Energie. Und versuche, dich heute zwischendrin auszuruhen. Sonst muss ich dich bald krank schreiben. Okay?“
Sie sah die Ärztin mit deren warmen Lächeln direkt an. Die junge Frau fühlte sich in ihrer Gegenwart wohl und schon beinahe geborgen. Dafür war sie dankbar. Das wollte sie zeigen.
„Okay, Anne. Und ich danke dir.“

Die Mensa des alten, ehemaligen Krankenhauskomplexes erinnerte Ben an alte Zeiten. An die Schulkantine. Ja. Die gelbe Farbe der löchrigen Wände verblasste unter dem ganzen Schmutz und Staub. Bilder von Stillleben, hauptsächlich verschiedene mögliche und unmögliche Obstsorten, sollten wohl eine stilistische Abwechslung darstellen. Vor der Invasion. Jetzt sah einfach alles so…. verfallen aus. Das Schlimme war, Ben hatte sich inzwischen an solche Anblicke gewohnt. An die herzzerreißende, postapokalyptische Welt. Der 14-Jährige lief zielgerichtet auf den improvisierten Buffettisch zu, seinen kleinen Bruder hatte er im Schlepptau. Er sah frisches, helles Brot in gleichmäßige Teile geschnitten. Fünf immens große Töpfe waren mit einer klaren Gemüsesuppe gefüllt. Dosengemüse, gemixt mit frisch aussehenden Karotten und Lauchstücken. Offensichtlich gab es kein Fleisch. Dosenpfirsiche stellten die süße Nachspeise dar. Plötzlich musste Ben grinsen.
„Was ist?“
Er nahm Matt’ s irritierte Stimme wahr.
„Na. Das hier ist auf jeden Fall besser als der Fraß aus unserer Schulkantine früher. Irgendwie traurig.“
„Gut, dass ich nie auf die High-School kommen werde. Ihr hattet da immer richtig Chaos.“
Wie sein kleiner Bruder dies sagte, es klang richtig gelassen. Doch das war es nicht. Ben fühlte die aufsteigende Melancholie. Mit dem gefüllten Essenstablett in der Hand, setzte er sich an einen leeren Sechsertisch. Matt setzte sich ihm gegenüber und fing an, lustlos in seine Nachspeise zu stochern. Der Ältere beobachtete ihn dabei.
„Du solltest für die Jagd genug essen. Du brauchst Energie.“
„Ich weiß nicht, Ben. Ich bin schon gespannt auf das Jagen und es ist auch wichtig, und so. Aber bei dem Gedanken ein Tier zu töten, das ist nur….“
„Schwer. Ich weiß.“
Der Blonde war inzwischen oft Jagen gegangen. Und vor den Ereignissen in Fitchburg hatte er sogar Skrupel gehabt, diese widerlichen Skitters zu töten. Zu Töten war ein verdammt widerwärtiges Gefühl. Und Matt war gerade erst neun. Eigentlich noch zu jung. Eigentlich. In seinen Gedanken versunken, probierte Ben die leicht pikante Suppe. Sie war nicht schlecht. Der mittlere Mason- Sohn wandte sich wieder seinem mürrisch dreinblickenden Bruder zu.
„Hey, Matt. Du kannst jederzeit zu Veronica gehen und ihr absagen. Oder du kannst es versuchen. Es werden ja vielleicht zwei Wildtiere. Und ihr Tod hat auch seinen Zweck. Uns zu ernähren. Du hast doch immer Fleisch geliebt.“
„Toll. Du ziehst die 'Tiere sind Fleisch'- Masche durch. Dabei wolltest ausgerechnet du Vegetarier werden.“
Ben musste wieder lächeln, als er Matt’s verschmitztes Grinsen sah. Ja. Im letzten Jahr  wollte er kein Tier mehr essen. Seine Eltern hatten gegen diesen Entschluss nichts einzuwenden gehabt. Mom hatte sogar mehr vegetarische Gerichte gekocht. Das war toll von ihr gewesen. Hal und Jess hatten ihn deswegen noch zusätzlich geärgert. Jetzt war alles anders. Der 14-Jährige konnte es sich nicht leisten, Vegetarier zu sein. Diese Stacheln. Sie gaben ihm Kraft und Geschicklichkeit. Bessere und schärfere Sinne, viel Kondition. Und gleichzeitig kosteten diese Dinger eine Menge Energie. Also musste er mehr Kalorien und mehr Proteine zu sich nehmen. Mehr als andere. Darum musste er Fleisch essen. Auch, wenn Ben das im Grunde genommen nicht wollte.
Die Kantine war inzwischen gut gefüllt. Die vielen verschiedenen Stimmen reizten sein Gehör. Er hörte, was die Leute miteinander besprachen, nahm aber die Sequenzen nicht einzeln wahr. Das war gut so. Ben reagierte nicht, als der Stuhl neben seinem Platz nach hinten gerückt wurde und sich seine Schwester an den Tisch setzte. Auch Lourdes, die inzwischen tatsächlich als Assistenzärztin praktizierte, gesellte sich zu ihnen. Er musterte Jess argwöhnisch.
„Und? Hat Kyle es überlebt?“
„Ja. Er hat nur eine Beule. Aber vielleicht hält er jetzt für ein oder zwei Tage seine Klappe.“
„Sei bloß nicht stolz drauf, Jess.“
Ben wollte nicht, dass seine Schwester einen Wind um ihre Aktion machte. Das war unüberlegt und aggressiv gewesen.
„Das war einfach nur dumm. Und unnötig. Ich hätte es alleine regeln können.“
„Sicher hättest du. Aber das solltest du nicht. Lieber bin ich jetzt ein Miststück als du. Und außerdem war es witzig.“
Der Junge nahm ein unterstützendes Kichern aus der Richtung seines Bruders wahr. Genau das wollte er nicht. Matt sollte nicht grundsätzlich mit der Erfahrung aufwachsen, Gewalt sei immer eine Lösung. Nein. Das durfte nicht passieren. Ben versuchte irgendwie den strengsten Blick seiner Mutter zu imitieren, den er selbst von ihr je bekommen hatte. Es schien einigermaßen zu funktionieren. Der Jüngste hatte sofort mit dem Lachen aufgehört und fing kleinlaut an sich seinem Essen zuzuwenden. Als der 14-Jährige sich wieder seiner Schwester zuwandte, bemerkte er, dass sich ihr Blick auch verhärtet hatte. Sie hatte also nur versucht, diese ganze Sache aufzulockern. Nein. Darauf würde er nicht eingehen.
„ Es war nicht witzig. Und es hätte auch schief laufen können. Mach das bloß nicht nochmal. Diese Typen sind nicht dein Problem. Sie sind meines und ich muss und werde damit klar kommen.“
„Ben....“
Da war es. Kaum hatte er ausgesprochen, hatte sich Jess' Blick nochmals verändert. Er sah sie direkt an. Jetzt waren ihre Gesichtszüge wieder weich. Voller Reue und Sorge. Und ihre Stimme....  Für einen Moment war aus Jess wieder mom geworden. Wie ähnlich sie ihr doch sah. Nicht die Haare. Nicht das Gesicht. Aber die Augen. Die Körperhaltung. Für einen einzigen Augenblick war seine Schwester ganz genauso wie seine Mutter gewesen. Wie sehr er sie doch vermisste. Sie hätte gewusst, wie Ben die Sache mit Kyle am besten regelte. Sie hätte ihm vertraut. Das hatte sie immer getan. Wahrscheinlich hatte sie ihm sogar mehr vertraut als seinen älteren Geschwistern. Innerlich spürte der Blonde, wie er sich bei dem Gedanken an seine Mutter wieder beruhigte. Sich seine aufkeimende Wut und Empörung in den Wunsch nach Frieden wandelte. Also lächelte er Jess neben sich kurz an, die nun selbst irgendwie kleinlaut wirkte.
„Hey. Ich krieg das hin. Vertrau mir einfach.“

„Hey. Ich krieg das hin. Vertrau mir einfach.“
Matt nahm Ben' s beruhigende Stimme genau wahr. Versuchte gar nicht erst, sich in die Diskussion seiner Geschwister einzumischen. Als er gelacht hatte, hatte Ben ihn so unglaublich streng angesehen. Aber egal was der meinte. Als Jess die Flasche nach Kyle geworfen hatte und diesen Idioten auch noch punktgenau getroffen hatte, hätte der Jüngste am liebsten gejubelt. Jess war eine Mason. Genau wie er. Und heute war es gut, ein Mason zu sein. Das musste die 2. Mass einfach einsehen. Vielleicht sollte er darauf verzichten, heute seine Schwester zu beglückwünschen. Das würde nur Ben' s Zorn auf ihn ziehen. Und Hal. Warum nur diese Unruhe? Matt schwieg lieber. Konzentrierte sich auf das Essen. Es schmeckte nicht besonders gut. Eigentlich schmeckte es überhaupt nach gar nichts. Dabei waren die Konserven noch nicht abgelaufen gewesen. Aber das war egal. Hauptsache, sie hatten überhaupt etwas zu essen. War auch mal anders gewesen. Auch wenn der Angriff der Skitters erst ein knappes Jahr her war, es kam dem Jungen bereits wie eine Ewigkeit vor. Würde er sein altes Leben irgendwann vergessen? Wie es war, Fahrrad zu fahren, sich über Hausaufgaben zu ärgern. Schwimmen im Freibad. Sich mit Freunden treffen. Fernsehen. Lachen und Spaß haben. Oder das Gefühl der Sicherheit. Eine einzige Nacht in Ruhe schlafen zu können. Keine Angst. Keine Trauer. Keine Toten. Ja. Das Leben, das er vorher geführt hatte, war Luxus gewesen. Und jetzt? Jetzt musste er sich ernsthaft Gedanken machen, auf die Jagd zu gehen, damit sie nicht verhungerten. Er hatte unbedingt Schießen lernen wollen. Und vor allem wollte er ein Kämpfer werden. Wahrscheinlich gehörte es einfach dazu, Bambi zu töten. Es war ein notwendiges Übel. Skitters zu erschießen – davor hatte er keine Angst. Sie hatten ihm seine Mutter genommen. Sie waren keine unschuldige Geschöpfe. Sie waren keine Menschen. Und keine Tiere. Das war was vollkommen anderes. Aber Bambi. Matt hörte nur sporadisch Lourdes über die grassierende Grippewelle sprechen. Sah kurz zu seinen Geschwistern, die ihm gegenüber saßen. Sie hatten offensichtlich den Streit abgebrochen. Ben sprach mit Lourdes, während Jess einfach nur ihre Suppe aß. Mann. Sie musste sich richtig ärgern. Sie hatte wieder dieses Funkeln in den Augen. Aber sie wollte wohl keinen Streit. Vielleicht dachte sie sogar darüber nach, ob es tatsächlich richtig gewesen war, was sie getan hatte. Früher hätte sie niemals auf die Jüngerengehört. Heute war das anders. Als mom gestorben war, hatte sie versucht, eine bessere Schwester zu werden. Meistens war sie sanftmütiger als früher. Matt hatte das zu schätzen gelernt. Vor allem, weil sie ihn auch oft unterstützte. Ben hatte ihm auch gesagt, dass diese Sache, dass er mit auf die Jagd könne, ihre Idee gewesen war. Sie schien ihm zu vertrauen. War das alleine nicht ein Grund mitzugehen?
„Jess. Bei der Jagd. Hast du Tipps für mich?“
Er war froh zu sehen, dass sich die Mimik seiner Schwester bei seiner Frage etwas aufhellte. Sie sah ihn schon direkt mild an. Ben dagegen wirkte leicht irritiert.
„Du hast dich entschieden?“
Der Jüngste nickte nur. Ja. Gerade eben hatte er sich für die Jagd entschieden. Das war er sich und seinen Geschwistern einfach nur schuldig. Und so konnte er beweisen, dass er kein kleines Kind mehr war. Jess legte ihren Löffel zurück auf seinen Platz. Matt fand, sie sah aus, als dachte sie über ihre Worte nach.
„Na, ja.... Zuerst seid vorsichtig. Bleibt in der Gruppe zusammen. Schieß' nur, wenn alle anderen in deinem Blickfeld sind. Dann erwischt du niemanden aus Versehen. Erinnere dich an die Übungen. Atme ruhig und konzentriere dich. Rennt nicht. So scheucht ihr die Tiere nur auf. Und das Wichtigste – sieh es nicht als Spiel.“
„Die Tiere sind Gottes Geschöpfe. So wie wir. Ehrt sie, wenn ihr auf die Jagd geht, Matt.“
Das war wieder Lourdes. Der Blonde mochte sie, obwohl sie etwas zu religiös für seinen Geschmack war. Sie hatte immer diese Güte in ihrer Stimme. Hal meinte mal, sie strahle diese Naivität aus. Das sei in der heutigen Zeit unpassend. Aber ob religiös oder nicht, oft war etwas Wahres an dem, was sie sagte.
„Sie geben uns ihr Fleisch. So überleben wir und sind stark genug uns zu wehren.“
„Danke. Ich werde daran denken. Und ich werde aufpassen, Jess. Und dann werde ich ein Kämpfer. Wie ihr.“
Er würde es allen zeigen.
„Nicht heute, Matty.“
Die Schwester klang wieder ernst, als sie das sagte. Entschlossen. Auch Ben sah ihn wieder mit einem strengen Blick an.
„Zeig erst, was du drauf hast. Und such bloß keinen Kampf, Kleiner. Du bist trotzdem noch ein Kind.“
Na prima. Ein Kind. Und jetzt auch noch Lourdes neben ihm. Sie wuschelte durch sein volles Haar. War definitiv nichts Tolles, diese Lockenmähne zu haben. Schien jeder für eine Einladung zu halten. Er hasste das.
„Hey, Matt. Werd' nicht zu schnell erwachsen, ja?“
„Toll. Behandelt mich ruhig weiter wie ein kleines Kind.“
Der Neunjährige spürte seine innere Empörung. Beleidigt nahm er seinen Löffel. Fing an, diese lächerliche Nachspeise zu essen. Ignorierte das Grinsen seiner Geschwister.
Matt schmollte nur noch.
Das war egal. Er würde heute auf die Jagd gehen. Er würde helfen die 2. Mass mit Nahrung zu versorgen. Ja. Heute würde er zeigen, dass er kein kleines Kind mehr war. Und schon bald würde er ein Kämpfer werden.
Das war sicher.

Lustlos betrat Hal die volle Mensa. Viele der 2. Mass hatten sich dort zum Mittagessen versammelt. Bestimmt fünfundachtzig oder neunzig Prozent von denen, die nach Fitchburg übrig geblieben waren. Noch immer konnte er sich nicht an diesen Gedanken gewöhnen. Zu Beginn waren sie dreihundert gewesen. Und in nur ein paar Wochen hatten sie fast zwei Drittel ihrer Leute verloren. Neue kamen, neue starben. Seit sie jetzt hier in diesem Krankenhaus waren, hatte es keine Verluste mehr gegeben. Der älteste Mason fühlte sich nur noch erschöpft. Wie lange würden sie noch durchhalten können? Die 2. Massachusetts? Die USA? Die Menschheit? Wie viele waren überhaupt noch übrig? Hal spürte sein Gewehr an seiner Schulter. Er hasste es, sie stets mit sich schleppen zu müssen. Und er hasste diesen Anblick, als er durch den Raum sah. Viele Zivilisten und Kämpfer saßen in Gruppen zusammen. Verschlangen teilweise das Essen, das ihnen gegeben wurde. Mit jedem Tag wurden die Portionen kleiner. Nur die jüngeren Kinder, werdende und stillende Mütter und die Alten bekamen ihre normale Menge an Nahrung. Alle andere mussten reduzieren. Ohne auch nur ein Wort von sich zu geben, stellte Hal sich an die Warteschlange der Essensausgabe. Eine kleine Schüssel Suppe, eine kleine Schüssel Dosenobst. Das war' s. Mehr gab es einfach nicht. Ja. Das machte die geplante Jagd von Veronica umso wichtiger. Das hatte sie ihm nicht erklären müssen. Bevor er hierher kam, hatte er noch mit ihr geredet. Er hatte es ihr klar gesagt. Er hatte ihr verboten, Matt in die Jagd mitzunehmen. Veronica hatte es nicht verstanden. Es sei schließlich Jess' Idee gewesen. Und sie habe Matt auch schon bereits informiert. Hal war das egal. Er ließ sich wortlos das Tablett befüllen. Weaver hatte ihm die Verantwortung für seine Geschwister übertragen. Nur er hatte zu entscheiden. Nicht Matt. Nicht Ben. Und vor allem nicht Jess. Sie hätte ihn um seine Erlaubnis bitten müssen. Aber so etwas machte sie nicht. Nicht seine Schwester. Sie wusste, dass dad Matt niemals die Jagd erlaubt hätte. Und es musste ihr klar sein, dass er genauso dachte. Es war ihre Schuld, dass er ihm jetzt verbieten musste, auf die Jagd zu gehen. Anders hätte der Kleine gar nicht gewusst, dass es überhaupt zur Debatte stand, dass er mitkäme. Und jetzt blieb Hal nichts anderes übrig, als den Buhmann zu spielen. Das hatte er nur ihr zu verdanken. Natürlich wusste der 17-Jährige, dass er sich unnötig in etwas hineinsteigerte. Aber er brauchte einen Grund. Er brauchte einen Grund, auf seine Schwester wütend zu sein. Er war es die ganze Zeit, ohne genau zu wissen, warum. Jetzt konnte er es endlich sagen. Jetzt war er wütend, weil sie ihn einfach übergangen hatte.
„Ach, Sonnenschein. Das wird heute nicht besser mit dir.“
„Was?“
Schon wieder. Maggie war mit einem Schlag bei ihm. Nochmals hatte er nicht bemerkt, wie sie zu ihm gekommen war. Und wieder knuffte sie gegen seinen Arm. Hatte ihr verschmitztes Lächeln aufgesetzt. Ihr Tablett trug sie in der einen Hand. Die andere ruhte freundschaftlich auf seiner Schulter.
„Du stehst da, wie bestellt und nicht abgeholt. Bist wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden. Wärst du eine Frau, würde ich dich fragen, ob du deine Periode hast. Oder hast du?“
„Na. Du wirst heute auch nicht witziger.“
„Hey. Wow.“
Maggie' s Stimme klang irgendwie beeindruckt.
„Langsam wirst du ja schlagfertig. Bin stolz auf dich.“
Okay. Jetzt musste Hal doch mal auflachen. Margret schaffte es immer, ihn mit ihrer natürlichen Art aufzuheitern. Es war ein Genuss, sich mit ihr zu unterhalten. Am liebsten würde er einfach mit ihr aus diesem Raum verschwinden. In Ruhe die gemeinsame Zeit genießen. Das würde leider nichts werden. Hal sah sich halbherzig um. Da saßen sie. Etwas weiter weg von der Sammelstelle. Matt war fast mit seinem Essen fertig. Hatte wieder seine trotzige Miene aufgesetzt. Daneben Lourdes. Und dann noch die anderen beiden. Ben schwieg und Jess schien auf den Jüngsten einzureden. Ihr Gesicht. Sie hatte die sanften Züge seiner Mutter angenommen. Auch wenn sie äußerlich mehr ihm und dad ähnelte, sie strahlte das Wesen von mom aus. Das erinnerte Hal mehr an seinen Verlust. Wie sehr wünschte er sich, die Eltern wären jetzt hier. Dann müsste er nicht diese Verantwortung tragen. Dann müsste er nicht mit Matt sprechen. Wehmütig konnte er sich kein Seufzen unterdrücken.
„Mann. Der Tag wird auch nicht besser. Jess hat Mist gebaut und ich muss das jetzt ausbügeln.“
„Und was hat sie getan?“
„Mal wieder etwas Dummes. Kommst du mit zu den anderen? Matt wird gleich ziemlich sauer werden.“
Schulterzucken ihrerseits. Ja. Maggie würde ihm beistehen. Er wollte nicht alleine zu diesem Tisch. Nicht zu ihr. Aber was blieb ihm auch anderes übrig? Hier hatte er keine Chance, ihr aus dem Weg zu gehen. Sollte sie ruhig dabei sein, wenn er Matt das Verbot aussprach. Hal steuerte geradewegs auf den Tisch zu. Nahm - ohne eine Miene zu verziehen - an dem freien Stuhl neben seinem jüngsten Bruder Platz. Maggie setzte sich ihm gegenüber. Eigentlich saßen sie so immer in dieser Gruppe. Die Geschwister, Maggie und Lourdes. Immer in dieser Formation. Er schwieg noch weiter, sah zu Ben als dieser ihn und Margret ansprach.
„Weaver hat um zwei ein Treffen einberufen. Hat Jess gerade gesagt.“
„Na. Wird wohl um das super Essen hier gehen.“
Hal konnte den sarkastischen Tonfall seiner Freundin gut verstehen. Dosenessen wurde mit der Zeit nicht wirklich besser.
„Gibt doch nichts besseres als Dosenpfirsich.“
„Ich hätte nichts gegen eine schöne Pizza. Mit Salami, Peperoni und extra viel Käse.“
Der 17-Jährige hatte den mittleren Bruder selten so von Essen schwärmen hören. Pizza. Ja. Das wäre was.
„Oder Pancakes mit Ahornsirup. Dazu eine Kugel Vanilleeis und Obst.“
„Hört, hört, Lourdes. Ich wäre dabei.“
Nun war es an Maggie, zu schwärmen. Er hörte die Unterhaltung nur halbherzig zu.
„Und ein schönes Steak. Medium. Mit Kartoffeln. Und Torte. Verdammt.... Jetzt hab ich wirklich Hunger.“
„Ich will Schokolade.“
Jetzt sprach Matt. Es zerriss den ältesten Bruder beinahe das Herz diese Wehmut in der Stimme des Kleinen zu hören.
„Es ist ja bald Halloween. Ich will Schokolade. Mit Karamell. Und Gummiwürmer. Auf jeden Fall Süßigkeiten. Wenn ihr auf Nahrungssuche geht, vergesst die Süßigkeiten nicht. Und ich kümmere mich um die Steaks.“
Da war es. Matt hatte diesen Stolz in seiner Stimme. Verdammt. Hal sah Ben den Jüngsten zustimmend anlächeln. Musste das sein? Maggie wirkte regelrecht amüsiert, als sie den Bruder ansprach.
„Bin gespannt, wie du das machen willst, Kleiner.“
„Nenn' mich nicht Kleiner. Ich gehe heute mit auf die Jagd. Und wir werden Rehe oder zumindest Hasen oder Vögel erwischen. Wirst du schon sehen.“
„Jagd?“
Maggie sah jetzt direkt Hal an. Er verstand. Es schien ihr langsam zu dämmern, was er gemeint hatte. Natürlich musste sich jetzt Matt auch noch auf diese bescheuerte Jagd freuen. Das war ihre Schuld. Er musste sie jetzt ansehen. Seit Hal sich an den Tisch gesetzt hatte, hatte Jess geschwiegen. Und er hatte sie ignoriert. Aber sie jetzt anzusehen, den lockeren Gesichtsausdruck und diese Sicherheit in ihren Augen zu erkennen. Da war sie wieder. Diese unerträgliche Wut. Wie zufrieden sie Matt beobachtete. Diese Gelassenheit in ihrer Stimme, als sie mit Maggie redete.
„Veronica nimmt heute ein paar Kids mit. Matt ist einer von ihnen. Und er wird seine Sache gut machen.“
„Werde ich.“
Nein. Wie konnte sie so etwas nur machen? Hal würde nicht zulassen, dass der Kleine heute ein Tier tötete. Er war erst neun. In dem Alter geht man nicht jagen. Mom hätte es nicht erlaubt. Und dad hätte es nicht erlaubt. Und da war diese Hexe. Wie sie da saß. Mit sich zufrieden. Sie hatte die Aufmerksamkeit der anderen an dem Tisch. Wie sie sich jetzt über das Jagen unterhielten. Wie sie Maggie nun für sich einspannte. Nein. Sie hatte nicht das Sagen. Nicht sie war die Anführerin. Er war der Anführer.
„Matt.“
Da war wieder dieser unbeabsichtigte harte Tonfall in seiner Stimme, den er nicht kontrollieren konnte. Sofort hatte er die Aufmerksamkeit der anderen an dem Tisch. Matt's Aufmerksamkeit. Hal versuchte, so ruhig und kontrolliert wie möglich zu sprechen.
„Du wirst heute nicht mit auf die Jagd gehen. Ich habe das bereits mit Veronica abgesprochen. Du bist noch nicht soweit.“
„Was?“
Hal bemerkte, wie sich die Mimik des Jüngsten schlagartig veränderte. Gerade noch hatte dieser gelacht. Jetzt sah er ihn nur noch mit einer unbeschreiblichen Fassungslosigkeit an.
„Das kannst du nicht machen, Hal.“
„Wie du siehst, kann ich.“
„Aber....warum...“
„Weil ich es sage. Du weißt genau, was dad davon hält. Auch wenn er nicht hier ist, seine Regeln zählen.“
„Ich will aber mitgehen. Was ist mit mir?“
„Hal. Lass ihn doch gehen.“
„Halt dich da raus, Ben!“
Mann. Wie scharf der Dunkelhaarige nur klang. Es wäre klüger gewesen, wenn er mit Matt alleine gesprochen hätte. Wie gut, dass sein mittlerer Bruder ihm jetzt gehorchte und schwieg. Aber wenn Blicke töten könnten. Der Älteste wandte sich wieder dem Jüngsten zu.
„Ich sagte nein, und dabei bleibt es, Matt.“

„Als ob du das alleine zu entscheiden hättest.“

Da war es. Matt hatte schon zum Widerspruch angesetzt. Die anderen am Tisch hatten Hal beobachtet. Und dann sie. Jetzt hatte sie gesprochen. Mit ihm gesprochen. Wieder dieser Zynismus. Wie schon am Vormittag, als sie das mit dem Durchfallen gesagt hatte. Da hatte sie schon spöttisch geklungen. Aber jetzt. Jetzt war ihr Tonfall richtig bissig. Und sie sah ihn unmittelbar an. Das erste Mal an diesem Tag hatten sie direkten Kontakt zueinander. Hal sah Jess verbohrt in die Augen. Sie wollte also aufsässig werden? Nicht mit ihm.
„Ich habe das Sagen. Ich entscheide. Nicht Matt. Und schon gar nicht du.“
„Blödsinn. Du bist nicht dad.“
„Dad ist nicht da. Und ich hab das Sagen. Wenn es dir nicht passt, rede mit Weaver.“
Nein. Sie machte ihn nur wütend. Er hatte angefangen, alle anderen zu ignorieren. Konzentrierte sich nur auf die Diskussion mit seiner Schwester. Sie saß nur steif an ihren Platz. Musterte ihn mit dieser Provokation in ihrer Art. Schweigen. Maggie und Lourdes hielten sich plötzlich gänzlich aus dem Geschwisterstreit heraus. Matt schmollte. Ben wirkte irgendwie besorgt. Und Jess funkelte ihn einfach nur an.
„Mir ist egal, was Weaver sagt. Oder was du meinst. Du hast nicht über uns zu bestimmen, nur weil du älter bist. Ich kann genauso entscheiden, was das Richtige für Matt ist.“
Hal merkte genau, dass die beiden den Jüngsten gerade vollkommen ignorierten, aber das war egal. Sie provozierte ihn. Mit voller Absicht. Das ließ er nicht zu. Nein. Das hier würde sie nicht gewinnen. Nicht sie. Niemals! Er wollte so kalt wie möglich klingen, als er mit ihr sprach.
„Nein. Matt hat kein Mitspracherecht. Ben hat kein Mitspracherecht. Und du schon gar nicht, Jessica!“

Jessica. So hatte er sie gerade genannt. Vor einiger Zeit hatte er sie das letzte Mal so genannt. Noch vor dem Angriff. Und jetzt sah sie ihn wieder direkt an. Bitterkeit. Da war nichts anderes mehr als Bitterkeit in ihrem Blick. Hal wartete. Schwieg.
„ Du kannst mich mal.“
Ja. Er hatte gewonnen. Jessica stand mit einem Schlag auf. Das Tablett in ihrer Hand. Sie hatte sogar verletzt geklungen. Aber das war ihm in diesem Moment egal. Hal beobachtete, wie sie ohne irgendeine weitere Regung den Tisch verließ.
„Jess.... Jess!“
Sie ignorierte also sogar Ben. Der sah Hal jetzt vorwurfsvoll an.
„Echt klasse, Hal. Hast du wirklich prima gemacht.“
Vollkommen egal, ob sein Bruder wütend auf ihn war. Der Älteste hatte gewonnen. Er sah, wie Ben Jessica nachfolgte. Und Matt reagierte jetzt auch. Das 'Idiot' aus dem Mund des Jüngsten würde er einfach ignorieren. Matt würde nur etwas schmollen und sich dann wieder beruhigen. Der Kleine verließ ebenfalls seinen Platz. Hal war alleine mit den anderen beiden jungen Frauen.
„Tja.“
Verwirrt sah er Maggie an, die ihn nun musterte. Er hatte keine Chance, überhaupt zu erahnen, was sie dachte.
„Was war das gerade? Hab das Gefühl, dass ich was verpasst hab.“
Ja. Hal wusste, was sie meinte. Und ja, sie hatte auch Recht. Sie hatte verpasst, wie wütend er auf Jess war. Sie hatte verpasst, dass er und seine Schwester sich mit jedem Tag immer schlechter verstanden. Und sie hatte verpasst, dass der Gedanke, seine Zeit Tag und Nacht mit Jessica verbringen zu müssen, ihm regelrecht Magenschmerzen bereitete.

Mom war nicht da. Und nun war dad nicht da. Niemand, der ihm die schlechten Gefühle, die er gegenüber der Jüngeren empfand, ausreden konnte.

Trotzdem wünschte er sich nur eines.

Sie nicht zu hassen.

Das durfte niemals passieren.
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