Brotkrumen - Das Leben ist kein Märchen - Band 1: Grausame Welt *reupload*

von Kazuu
GeschichteAbenteuer, Drama / P12
Ben Mason Hal Mason Margeret "Maggie" Matthew "Matt" Mason OC (Own Character) Thomas "Tom" Mason
20.04.2012
05.10.2018
20
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Prolog

Für einen Herbsttag in New Hampshire war es ungewöhnlich sonnig und warm. Kaum eine grau- weiße Wolke bedeckte den recht blauen Himmel. Nicht einmal ein laues Lüftchen war zu spüren. Als ob es Juli oder August wäre. Ein richtig angenehmes Sommerwetter. Hal musste bei den Gedanken lächeln, als er diesen breiten, steinigen Weg entlang ging. Der große gelb angestrichene Gebäudekomplex lag bereits mehrere Meter hinter ihm. Musste wohl ein privates Krankenhauszentrum gewesen sein. Warum sonst sollte so etwas so ländlich liegen – beinahe jenseits der Zivilisation? Keine Ahnung wie viele Meilen von Boston entfernt. Der 17- Jährige schloss regelrecht entspannt seine Augen und atmete diese saubere und frische Luft ein. Kein Geruch von Ruß, Autoabgasen, Feuer. Stadt.

Kein Geruch von verbranntem Fleisch. Kein Geruch von Tod. Kein Geruch dieser Maschinen. Kein Geruch von diesen widerlichen, miesen Aliens. Diesen verdammten Skitters.

Ja. Hal hatte kurz gelächelt. Er hatte für einen Augenblick diese Sonne, diese Luft, diese Ruhe genossen. Hatte versucht, zu vergessen. Ein enttäuschtes Seufzen. Mit einem kurzen Kopfschütteln wehrte der junge Mann seine Illusionen ab. Vor einem Jahr noch wäre er überglücklich über so ein besonderes Herbstwetter gewesen. Er hätte sofort seine Lacrosse- Ausrüstung genommen und trainiert. Wäre mit seinem Rad ohne Licht abgedüst – wohl wissend, dass ihm das mindestens zwei Tage Hausarrest kosten würde. Aber das wäre ihm egal gewesen. Hauptsache diesen einen schönen Tag genießen. Ja. Vor einem Jahr noch wäre der Hausarrest vielleicht sein größtes Problem gewesen.

Vor einem Jahr.

Hal schulterte seine M60E3 erneut, spürte seine Glock 17 in der Halterung an seinem Oberkörper. Ja. So sah ein schöner Tag heute aus. Jetzt war er gerade auf seiner täglichen Runde, mit einem Maschinengewehr und einer Pistole gesichert. Jederzeit zum Kampf bereit. Was für ein elender Scheiß. Er hasste das Gefühl. Das Metall an seinem Körper. Der ohrenbetäubender Lärm, den Gestank, den Rückstoß der Pistole. Der Geruch von brennendem Fleisch. Jetzt war er ein Soldat. Kein Schüler. Nein. Jemand, der Leben auslöschen musste, um anderes Leben zu retten. Hal spürte immer noch dieses widerliche Blut von diesem Skitter in seiner Hand. Damals, als er Ben und ein paar andere Kids rettete, hatte er zum ersten Mal wirklich getötet. Mit dem Messer. Warum musste es denn so sein? Warum mussten diese beschissenen Biester die Erde anfallen? Warum mussten sie seine Mutter töten? Warum mussten sie ihm Karen nehmen und sie versklaven? Warum mussten sie Ben diese verdammte Steuerung andrehen? Warum jetzt auch noch das? Verdammt. Acht Wochen waren es jetzt schon.
Hal’ s Laune verdüsterte sich zunehmend. Schneller schritt er den Weg entlang. Ignorierte die vielen halbkahlen Laubbäume, die ihn umgaben. Sein Ziel war die Wiese hinter dem Wald. Ja. Diese drei Gebäude waren gut ländlich gelegen. Es gab zwar eine Straße, aber sonst Wald, Wiesen und Felder. Alles gut übersichtlich. Die 2. Massachusetts hatte - nachdem ihr vorhergehendes Versteck enttarnt wurde - ihren Standort gewechselt und lebten nun seit eine. Monat hier. Ohne Tom Mason.
Schüsse.
Sieben Stück beinahe parallel miteinander. Dann wieder Stille. Seine Hand verkrampfte sich an dem Gurt seines Gewehrs. Feuerübungen. Ja. Das lief ab. Beinahe jeden zweiten Tag wurden Schießübungen verrichtet. An dieser verdammten Wiese. Der Abschluss seines Rundgangs. Ein müdes Seufzen. Sein dad hätte das niemals zugelassen. Nie. Das waren alles Kinder. Dad hätte sie Kinder sein lassen. Aber er war nicht hier. Lebte er noch? Wurde er so versklavt, wie die Kinder? Wie Karen? Mit schnellen Schritten kam der junge Mann immer näher an sein ungeliebtes Ziel heran. Ja. Er brauchte seinen Dad an seiner Seite. Seine Rolle als großer Bruder – der Beschützer der Familie – machte ihm immer mehr zu schaffen. Er war müde. War es leid, sich immer Sorgen machen zu müssen. Ben’ s stetige Veränderungen miterleben zu müssen. Oder Matt eine Waffe halten zu sehen. Und Jess. Hal sah den Übungsplatz und seufzte. Ja. Es war einfach eine ungemeine Belastung für ihn, diese Sorgen zu haben und sie nicht mit seinem Vater teilen zu können. Dad. Wo war er nur?

Warum musste er unbedingt gehen?

„Okay. Sammy, näher an deinem Körper. Gut so.“
Jess beobachtete scharf die sechs Kinder und Jugendlichen im Umgang mit ihren Waffen. Alle waren ihre Schüler. Alle zwischen sieben und dreizehn Jahre alt. Vier Jungs und zwei Mädchen. Darunter Matt. Ihr kleiner Bruder stand als zweiter in der Reihe von den Kids, die sich mit mittlerem Abstand nebeneinander positioniert hatten. Alte Schaufensterpuppen dienten als Ziel und waren in einem 10- Meter- Abstand vor den Schützen aufgestellt. Solche Puppen hatte die 2. Mass zu genügend. Die Skitters schienen kein allzu großes Interesse an diesem Gummi- Kunststoffmaterial zu haben. Und hier wurden sie zu Übungszwecken gut gebraucht. Matt’ s Puppe wies bereits mehrere zerfetzte Löcher auf. Matt. Er war doch gerade erst neun Jahre alt. Hielt diese Pistole in der Hand. Eine Glock. Da war der kleine Babybruder mit einer beschissenen Waffe. Jess hasste diesen Anblick. Der Zwerg war gut. Er war, wie wohl alle Mason- Kinder, ein guter Schütze. Aber ob ihr das gefallen sollte?
Nein. Bestimmt nicht. Hoffentlich würde dad ihr das alles verzeihen. Sollte er wieder kommen. Nein. Wenn er wieder kommt. Ihr Vater würde auf jeden Fall kommen. Er lebte. War in Sicherheit. Er hatte doch immer gewusst, was er tat. Konnte sich gut selbst verteidigen. Ja. Ihr dad würde wieder kommen.
Noch mal Schüsse.
Maggie hatte das Kommando gegeben. Maggie. Jess verstand sich gut mit ihr. Sie waren ein gutes Team. Die Mason versuchte, sich zu konzentrieren. Darauf zu konzentrieren, die Freundin gerade den Kindern erklärte.
„……. Mehr Sicherheit. Waffen sind und bleiben gefährlich. Ihr dürft keine Angst haben, sie zu benutzen.“
Margret lief schnell zu einer der Puppen, die, beinah vollkommen unbeschädigt, an einer Stange befestigt hing. Die Übungspuppe von dem 10- jährigen Doug, der mit seinen fast 1.60 von Weaver die Erlaubnis erhalten hatte, mit einer M60 zu schießen. Doug war dunkel, hatte braunes, krauses Haar und seine Kleidung wies bereits mehrere Schäden auf. Er hatte nur einmal getroffen. Jess beobachtete den Jungen. Ja. Seine Hände zitterten. Der Lauf der Waffe war auf den Boden gerichtet. Die Atmung unruhig. Die 16- Jährige verstand ihn gut. Aber es nützte nichts.
„Hey, Leute. Macht mal eine Pause, setzt euch zu Jimmy und Ben und lasst euch noch mal den Aufbau der Waffen erklären. Doug. Du bleibst bitte noch kurz hier.“
Jess beobachtete, wie die Kinder müde stöhnten. Sie waren jetzt etwa vierzig Minuten hier draußen und übten. Sie waren erschöpft und jetzt noch mal Theorie. Und später war dann auch noch Schule. Jess verstand die Erschöpfung gut. Schießen war verdammt noch mal anstrengend. Unabhängig davon, wie sie es immer im Fernsehen gesehen hatten. Ben und Jimmy. Die beiden hatten die Frauen begleitet. Hatten im Hintergrund die Kinder beobachtet. Jetzt konnten sie auch ruhig helfen. Jess erkannte, wie ihr 14- jähriger Bruder sie halb entrüstet ansah und die Arme an die Seite hob, als wolle er nach dem Warum fragen.
„Mach’ s einfach, Ben.“
Sie wollte nicht diskutieren. Beobachtete die Kids, die sich an den beiden Jugendlichen sammelten und sich im Kreis hinsetzten. Das war gut. So waren sie beschäftigt. Disziplin war einfach notwendig. Und jeder von ihnen wollte Schießen lernen. Wollte seine Familie beschützen. Diese Anstrengung war einer der Preise, die sie dafür zahlen mussten.

Noch der angenehmste Preis.

Jess schüttelte den Gedanken von sich. Sie musste sich schließlich um Doug kümmern. Maggie hatte den Jungen inzwischen seine Waffe sachte abgenommen und wartete mit ihm, dass die Andere zu ihnen kam. Diese trat zu den beiden und stellte sich dem 10- Jährigen gegenüber.
„Hey, Doug. Sag ehrlich, willst du noch schießen lernen?“
„Ja. Ich bin hier. Sie haben meine Mama getötet. Und meinen Cousin. Mein Papa kann nicht kämpfen und ich muss auf meine Schwester aufpassen. Ich muss sie beschützen. Und Captain Weaver hat gesagt, ich darf Schießen lernen und Papa hat auch……..“
„Ist schon gut. Schon gut, Doug.“
Innerlich musste sie lächeln. Das war das Adrenalin. Er redete dann immer schnell und wild. Aber da war etwas in seinen Augen. Diese Entschlossenheit. Genau wie bei Matt. Diese Augen waren nicht die eines Kindes. Das waren die eines Beschützers.
„Na, der Kleine weiß auf jeden Fall, was er will.“
Maggie klang recht überzeugt und zufrieden. Sie reichte Doug wieder das Maschinengewehr.
„Nimm sie. Du musst das Gewehr wie einen wichtigen Bestandteil deines Körpers ansehen.“
„Sieh zu, Doug.“
Jess wusste, dass sie wieder an der Reihe war. Sie nahm ihr Gewehr, das sie an ihrem Rücken geschultert hatte. Stellte sich einer der Puppen gegenüber. Sie mochte das Gefühl von der Waffe nicht. Das Metall fühlte sich recht warm an. Das Gewicht war auch gut Hand zuhaben. Das Mädchen richtete sie auf die Puppe. Konzentrierte sich. Ja. Sie sah ihr Ziel genau vor sich. Auch ihre Hand zitterte leicht, aber sie hatte es unter Kontrolle. Ihr Blick einfach nur auf die Puppe fixiert.
„Weißt du, Doug. Diese Waffe hier. Du musst sie annehmen. Betrachte sie als dein Schutz. Als Schutz deiner Schwester.“
„Hast du keine Angst?“
Doug hatte Recht mit der Frage. Hatte Jess Angst, zu schießen? Da war der Gedanke. Das innere Bild. Ihr Freund Mike war vor ihren Augen gestorben. Damals bei der Invasion. An dem Tag genau. Ein Luftangriff von den Aliens. Dad hatte sie von Mike geholt und kurz nachdem sie dessen Haus verließen, stand es in Flammen. Mike. Er war ein Jahr älter als sie gewesen. Hatte in ihrer Nähe gewohnt. Sie waren zusammen zur Schule gegangen und mit 13 Jahren sind sie zusammen gekommen. Und diese Viecher haben ihn getötet. Und dann ihre Mutter. Ben hatten sie entführt. Jetzt dad. Hal war immer in Gefahr. Und das jetzige Zuhause konnte jederzeit angegriffen werden. Also. Hatte Jess Angst die M60 zu benutzen? Sie konzentrierte sich wieder. Richtete das Gewehr. Tiefe, ruhige Atmung. Beide Augen offen. Einatmen. Luft anhalten. Eins…. Zwei… drei…

Schuss beim Ausatmen.
Ein Treffer. Missmutig schulterte sich Jess ihre Waffe wieder und betrachtete das Ergebnis. Ein Treffer in dem Gummigesicht. Stirnbereich.
„Hm. Nicht schlecht.“
Die Jüngere lächelte nicht, als sie Maggie ansah. Nickte nur. Sollte sie sich darüber freuen? Sie betrachtete den kleinen Jungen, der mit offensichtlicher Ratlosigkeit die Puppe ansah.
„Nun ja. Angst ist eigentlich nichts Schlechtes, Doug.“
Jess suchte nach den richtigen Worten. Sie sah ihn eindringlich an.
„Vergiss den Spruch, von wegen, die Pistole sei dein bester Freund. Das ist sie nicht. Sie wird immer gefährlich bleiben. Aber trotzdem. Lerne, keine Angst zu haben, sie zu benutzen. Wenn du lernst, mit ihr umzugehen, kann sie ein guter Verbündeter sein. Sie beschützt dich und die, die du liebst. Es sollte dir keinen Spaß machen, zu schießen. Aber du musst lernen, damit umzugehen. Die Waffe ist ein Mittel zum Zweck. Und die Skitters werden wohl nie Probleme haben, ihre Waffen zu benutzen. Uns zu töten und zu jagen. Uns zu versklaven. Also ist es wichtig, dass du deine Hemmungen reduzierst. Und jetzt schieß.“
Jess beobachtete den Jungen. Hörte weiter im Hintergrund ihren Bruder Ben, der gerade seine Waffe zerlegte und den Schülern die Bestandteile der Pistole erklärte. Er machte das wirklich gut. Dafür, dass er vor wenigen Wochen noch keine Ahnung von Waffen hatte. Doug. Er wurde nun weiter von Maggie angeleitet. Wie sollte er atmen? Was waren die Tricks? Wie handhabte er das Gewicht. Und so weiter.

Ein Geräusch mehrere Meter von ihr entfernt, schreckte das Mädchen innerlich auf. Hal. Da war ja Hal. Stand da. Die Arme verschränkt. Den Blick auf Doug gerichtet. Seit wann war der denn hier? Warum hatte sie ihn nicht kommen hören?

Noch ein Schuss.

Jess schrak kurz auf. Dieser verdammte Lärm. Daran würde sie sich nie gewöhnen. Vor allem dann nicht, wenn der Schuss direkt neben ihrem Ohr gesetzt wurde. Doug. Er hatte getroffen. Sein Ziel. Grinste mit einer Mischung aus Schreck, schlechtem Gewissen und Zufriedenheit.
„War doch nicht so schlimm, Kleiner. Gut gemacht.“
Jess hörte Maggie nur noch halb im Hintergrund. Hal. Sein Gesichtsausdruck. Warum sah er sie nur so kalt an? Das ging jetzt zwei oder drei Wochen schon so. Immer sah er sie so böse an. So kalt. Und so wütend. Warum?

Matthew hörte seinem Bruder kaum noch zu. Er kannte den Aufbau der Waffen bereits genau. Schon so oft hatten seine älteren Geschwister ihm den Umgang mit dem Gewehr gezeigt. Und Matt war immerhin auch der Sohn von Tom Mason, dem stellvertretendem Anführer der 2. Mass. Zumindest, bis er verschwand. Wo war nur sein dad? Warum verschwanden denn immer nur alle? Er war traurig. Er dachte so oft an seine Eltern. An die Zeit von früher. Vor dem Angriff. Matt hatte oft von jüngeren Kindern hier gehört, dass sie langsam nicht mehr wussten, wie es vorher gewesen war, auch wenn es kein Jahr her war. Ein Mädchen meinte, sie könne sich nicht mehr an die Augenfarbe ihres Vaters erinnern. Nein. Ihm würde das nie passieren. Er wusste genau, wie es war. Und er roch noch das Parfüm seiner Mutter, oder ihre blonden, welligen Haare. Der Duft ihres Shampoos. Ihr Lachen. Ihre Geschichten. Matt würde seine Mutter nie vergessen. Der Neunjährige seufzte. Ließ sich auf seinem Rücken fallen. Er hörte Ben’ s ruhige Stimme, bekam nichts von dessen Worten mit. Stattdessen legte er seine gesicherte Pistole neben sich und beobachtete den Himmel. Spürte das leicht kratzige Gras an seinem Rücken. Er trug keine Jacke und sein Pullover war dünn, so konnte er jeden Halm einzeln wahrnehmen. Dann dieser schöne blaue Himmel. Das war so…. friedlich. Matt genoss, dass Ben ihn in Ruhe entspannen ließ und ihn nicht - wie sonst - so gemein anmachte, wenn er nicht mal nicht aufpasste. Oder dass Hal ihn nicht wieder als ein kleines Kind bezeichnete. Oder Jess, die immer versuchte, ihn zu bemuttern. Matt wusste genau, dass seine Geschwister es nur gut meinten und ihn beschützen wollten. Aber er war kein kleines Kind mehr. Er war nicht unnütz. Und genau deshalb hatte er sich durchsetzen können und wurde in hier als Schütze ausgebildet. Matt wusste genau, dass sein Vater es niemals geduldet hätte. Aber das war egal. Der Junge schloss seine Augen. Genoss den kurzen Moment.

Ein Schuss.
Schlagartig fuhr Matt seinen Oberkörper hoch. Atmete heftig durch. Sah sich schnell um. Jess. Sie hatte gerade geschossen. Gegen eine Puppe. Ein Volltreffer.
„Alles okay, Leute.“
Jimmy kniete sich neben einem Mädchen, das sich offensichtlich erschrocken hatte. Matt beobachtete die anderen Kinder. Der Lärm hatte wohl alle aufgeschreckt. War doch kein Wunder. Mist. Er versuchte, seine Atmung zu beruhigen. Schon so oft hatte er Schüsse gehört. Ja, er hat doch selber schon geschossen. Und trotzdem konnte er sich nicht daran gewöhnen. An diesen Lärm. An den Geruch. Das war so dumm. Wieso konnte er sich nicht einfach daran gewöhnen? Hal und Jess schienen doch auch keine Probleme zu haben. Und Ben auch nicht. Der kniete nur auf der Wiese und baute sein Maschinengewehr gelassen zusammen. Ihm schien es ja gar nicht zu stören. Und Jess. Sie konnte so toll schießen. Traf immer. Und Hal. Hal war in Matt’ s Augen so etwas wie ein Anführer. Nur irgendwie….. Irgendwie passte die Stimmung nicht. Das zwischen Hal und Jess. Es war schon fast wie früher.
Hal.
Matt entdeckte ihn. Da stand er. Wie weit war der Ältere von ihm entfernt? Zwanzig, fünfundzwanzig Meter? Hal stand nur da. Die Hände verschränkt. Matt folgte dessen Blick zur Schwester, die wiederum gerade Doug unterstützte.

Wieder ein Schuss.

Dieses Mal war es Doug gewesen. Dieses Mal hatte sich Matt nicht erschrocken. Er hatte Doug beobachtet und auch Jess. Er hatte genau gesehen, wie sie leicht gezuckt hatte.  War sie dieses Mal überrascht gewesen? Und Hal. Der hatte gar nicht reagiert. Keine einzige Bewegung hatte er während dem Schuss getan. Er war einfach nur so….. still. Matt bemerkte, wie Hal seine Schwester beobachtete. Dabei keine Miene verzog. Ja. Genau das war es, was der Junge gemeint hatte. Sein Bruder hatte wieder diesen steinigen Blick aufgesetzt. Vor der Invasion hatte der Ben oft so angesehen und auch Jess. Das war immer gewesen, kurz bevor die Geschwister sich gestritten hatten. Was würde geschehen? Und warum war Hal nur so wütend? Matt vermisste seinen dad doch genauso. Warum immer dieser Ärger? Warum nur?

Der 2. Schuss.

Ben erschrak innerlich. Nein. Er würde jetzt nicht zucken. Einfach normal weiter machen. Jimmy kümmerte sich gerade um die Kinder. Erklärte ihnen, dass sie nicht so ängstlich auf den Lärm reagieren mussten. Ben hatte so genügend Zeit, die Umgebung zu beobachten. Matt. Gerade noch war der auf der Wiese gelegen. Hatte sich offensichtlich ausgeruht. Der 14- Jährige war zwar nicht gerade über diese Ignoranz begeistert, aber er liebte seinen kleinen Bruder. Matt durfte ruhig seine Pause machen; das war vollkommen okay. Aber jetzt. Schon als Jess schoss, hatte der Zwerg sich erschrocken und nun war er komplett aus der Fassung geraten. Und Ben wusste genau, warum. Er hatte den Ältesten ebenfalls entdeckt. Hal. Er war früher nicht unbedingt sein Lieblingsbruder gewesen. Mann, hatten sie sich gestritten. Ben wusste, dass sein großer Bruder eifersüchtig auf ihn gewesen war, weil er ein Top- Schüler gewesen war. Und der Kleine war wütend auf Hal gewesen, weil er ihn wegen dessen Unsportlichkeit stetig aufzog. Selbst nach der Invasion hatten sie sich heftig gestritten und der 14-Jährige hatte zornig die Unterkunft verlassen. Und er wurde dann von den Skitters entführt und versklavt. Sein Bruder hatte ihn gerettet. Und seitdem war die Beziehung zwischen den beiden deutlich besser. Aber jetzt. Hal hatte wieder diesen wütenden Blick drauf. Er wurde die letzten Wochen immer kälter. Und Jess? Ben kam derzeit auch schlechter mit ihr aus. Sie verhielt sich immer öfters provokant gegenüber dem Jüngeren. War wohl eine Reaktion auf Hal’ s Gefühlskälte. Musste das denn sein? Ben hatte seine Waffe zusammengebaut. Beobachtete weiter seine Geschwister. Nach mehreren Monaten war er endlich wieder mit seiner Familie zusammen. Diese Skitters. Sie hatten ihm die Illusion gegeben, dass sie seine Familie seien. Er hatte diesen ganzen Müll zusammen getragen und sie hatten ihn glauben lassen, diese Arbeit sei eine Ehre gewesen. Diese verdammte Steuerung. Jeden Tag spürte er diese verfluchten Stacheln. Sie schmerzten nur noch selten. Zumindest, solange nichts dagegen stieß. Er konnte nicht einmal mehr richtig auf den Rücken liegen, sich gegen eine Wand lehnen. Oder einfach nur vergessen. Aber das ging nicht. Niemals würde er die Stacheln verlieren. Und schlimmer noch. Da war etwas in ihm. Seine Sportlichkeit gefiel Ben. Er war fitter, stärker, schneller. Seine Wahrnehmung war gestärkter. Er konnte besser hören, schärfer sehen…….. er fühlte sich auch ständig wütend. Ängstlich. Anders. Schon vor der Invasion hatten sie ihn beleidigt. Geärgert. Mathe- Geek. Nerd. Loser. Aber wenigstens war er damit nicht alleine gewesen. Es hatte andere Nerds gegeben. Aber heute. Heute war er einfach ein Stachelrücken. Ein Monster. Ein Freak. Seine Geschwister hatten ihn vor den anderen verteidigt. Anfangs war Ben auch dafür wirklich dankbar gewesen, aber heute war es nur noch nervig. Er war schließlich alt genug, sich selbst zu wehren. Und jetzt konnte er die Spannungen zwischen seinen Geschwistern deutlich wahrnehmen. Mann. Das nervte echt.

Hal hatte seine Schwester bei ihrer Lektion missmutig beobachtet. Er hatte Matt mit der Waffe in der Hand gesehen. Und auch Ben, wie er das Maschinengewehr wieder zusammen setzte. Das war es bestimmt nicht, was er sich für seine Geschwister gewünscht hatte. Diesen gottverdammten Krieg. Und wenn dad jetzt hier wäre…. Niemals hätte er zugelassen, dass Matt schießen würde. Auch, wenn der Kleine es unbedingt wollte. Ja. Dad hatte so oft alles unter Kontrolle gehabt. Er hatte die Geschwister zusammen gehalten. Etwas, das Hal wohl nie gelingen würde. Der 17- Jährige bemerkte, wie sich bei den Gedanken an seinen Vater sein Magen sehr unangenehm verkrampfte. Er wusste, dass er wieder eine gewisse Härte ausstrahlte. Hal fühlte sich alles andere als wohl. Diese Verantwortung den drei Jüngeren gegenüber. Das war einfach zu viel. Und dann noch…. Ja. Vor ein paar Wochen, einige Zeit nachdem Tom Mason verschwand, wurde Jess bei einer Mission an der Schulter verletzt. Nur leicht, aber trotzdem. Hal erinnerte sich gut daran. Diese blöde Kuh war unachtsam gewesen. Sie hätte sterben können. Und er hätte es nicht verhindern können. Der Junge seufzte resigniert. Erkannte, dass seine Schwester ihn nun entdeckt hatte und betrachtete. Ihr Blick. Verwirrt. Wütend. Ihre Waffe hatte sie sich wieder geschultert. Ja. Hal musste zugeben, dass Jess ein wirklich guter Schütze war. Besser als er. Na und. Als ob das etwas Gutes sei. Dafür war die blöde Kuh so richtig stur. Engstirnig. Der Mason wusste, er war nicht wirklich viel anders als seine Schwester und trotzdem. Sie war mit dad zusammen gewesen, als der verschwand. Warum hatte sie ihn denn nicht aufhalten können? Ihn dazu überreden, nicht mit diesen Mistkerlen mitzugehen? Wahrscheinlich wäre es ihr nicht gelungen. Hal kannte seinen Vater. Niemand hätte ihn in diesem Moment aufhalten können – aber soviel der Bruder wusste, hatte es Jess nicht einmal versucht. Wieder ein Blick zu ihr. Sie schüttelte knapp den Kopf und redete mit Maggie. Diese nickte kurz. Hal hörte ihre Stimme klar und deutlich, als Margret sich an die Kids wandte.
„Okay! Genug für heute. Ihr habt gleich Schule!“
Regung der Kinder. Eines nach dem anderen stand auf, nahm sich dessen Waffe und bewegte sich. Hal betrachtete kurz die Zwerge, die aufgeregt schwatzend und ohne Begrüßung an ihm vorbei liefen. Er nickte Doug kurz anerkennend zu, als dieser ihn ansah und freute sich über dessen anschließendes zufriedenes Grinsen. Ja. Doug war stolz, dass noch jemand seine Leistung gesehen hatte.

„Alles klar bei dir?“

Hal schrak kurz auf. Er hatte Ben, der nun neben ihm stand, nicht bemerkt. Auch Matt hatte sich zu ihm gesellt und er erkannte dessen verwunderten Blick. Der älteste grinste und wuschelte seinem jüngsten Bruder durch dessen wildes Haar.
„Gut gemacht, Zwerg.“
„Nenn mich nicht Zwerg. Das ist gemein. Du hast uns beobachtet. Ich habe dich gesehen.“
Hal grinste gelassen. Er liebte einfach seinen jüngsten Bruder abgöttisch. Und er mochte es, ihn zu ärgern.
„Ich pass auf, dass du rechtzeitig in die Schule kommst. Nein… Hatte nur meine Runde abzulaufen. Es ist aber trotzdem fast neun. Wir müssen echt los.“
Sachte schob der Älteste Matt vor sich voran. Sah dabei jedoch Ben, der noch immer ungeduldig auf eine Antwort zu warten schien, gespielt fröhlich an.
„Und was deine Frage betrifft. Bei mir ist alles klar.“
Hal wollte nicht über seine Gedanken reden. Nicht jetzt. Er würde jetzt schweigen. Es war nicht wichtig, auf dem Rückweg mit seinen Brüdern zu reden, die ihm nun ebenfalls still den steinigen Pfad folgten. Auf dem Weg nach Hause.

Zumindest das, was Hal als sein Zuhause bezeichnen konnte.

Jess hatte ihre Brüder nur still beobachtet. Sie hatte in einem größeren Abstand zugesehen, wie alle drei zusammen den Platz verließen. Und Hal hatte sie auf eine sehr seltsame Weise ignoriert. Danke. Sehr nett. Missmutig fing sie an, den Zustand der Übungspuppen auszuwerten. Zwei von ihnen waren inzwischen komplett zerfetzt und mussten dringend ersetzt werden. Die Kids waren gut. Und Matt war einer der besten. Einfach nur traurig. Nein. Dad wäre bestimmt nicht stolz auf solche Leistungen seines jüngsten Sprösslings. Und sie trainierte ihn auch noch darin. Matt und fünf andere Kinder. War Hal deswegen so wütend auf sie? War es wegen dad? Mom? Alles drei? Jess lockerte die Binde, welche eine Puppe an den Holzpfahl fixierte, nur, um sich dann das zerstörte Ding zu schnappen. Sie würde sie in das Lager zurückbringen und austauschen. Jetzt musste sie sich beeilen. Bald war Schule. Und dort war sie gezwungen, Zeit mit dem großen Bruder zu verbringen.
„Na, Mr. Sportskanone schien ja echt gut drauf zu sein. Habt ihr euch gestritten, oder was ist los bei euch?“
Das war Maggie. Jess packte die Puppe an deren Armfetzen - sie den Weg zu schleifen würde ausreichen. Das Mädchen sah ihre Kollegin lustlos an. Betrachtete deren leicht fragende Mimik, nur um dann mit den Schultern zu zucken.
„Glaub’ mir, wenn ich wüsste, was los ist, ich wäre sehr froh darüber. Hal ist einfach nur Hal.“

Ja. Hal war einfach nur er selbst. Zumindest fast so, wie er vor der Invasion gewesen war. Definitiv kein gutes Zeichen. Jess sah direkt zu der grellen Sonne. Es war ihr egal, ob sie blendete, oder ob es gut für die Augen war. Sie wollte seine düstere Miene aus ihrem Kopf verbannen.

Nein.

Dieser heutige Tag würde für Jess noch sehr anstrengend werden.

Da war sie sich sicher.

Und sie sollte damit Recht behalten.

Leider.
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