Wolfgang und Juli

von Akio21
GeschichteHumor, Romanze / P16 Slash
Gwendal von Voltaire Shibuya Yuri Wolfram von Bielefeld
19.04.2012
06.06.2012
9
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Ich kam völlig verschwitzt von der Berufsschule nach Hause. Die Klimaanlage war ausgefallen, dreißig Grad im Schatten, aber keiner der Lehrer hatte Mitleid mit uns. Im Gegenteil, sie kamen, gaben uns Aufgaben und verschwanden im Lehrerzimmer, das mit vier Standventilatoren voll gestellt war.
Die Aufgaben gingen mir nur mühsam von der Hand, mir war schwindlig. Draußen wehte ein leichter Wind, und wenigstens die Heimfahrt auf meinem Rad war sozusagen die reinste Erholung. Lehrer sind Sadisten. Die Vermutung hatte ich ja schon lange. Aber heute war der Tag des Wissens. Jawohl.
Endlich zuhause, wollte ich erst mal eine Dusche nehmen. Dummerweise hatte ich die Rechnung ohne Wolfgang gemacht, meinen Golden Retriever. Er war ein komischer Hund. Überhaupt nicht ähm hundig. Und ich kannte mich aus, immerhin arbeitete ich als Tierarzthelfer und ganz so nebenbei noch als Tierpfleger bei uns in einer großen Tierklinik, gleich bei der Universität. Wolfgang wurde zu uns gebracht unter einem Vorwand. Er sollte einen gründlichen Gesundheitscheck bekommen, danach wollten die Besitzer ihn abholen. Nur – sie kamen nicht. Die Telefonnummer, die sie angegeben hatten war falsch, die Adresse führte mich in ein Viertel das ich nie zuvor gesehen hatte. Obwohl ich in Heidelberg aufgewachsen war, verlief ich mich und brauchte fast eine Stunde, bis ich irgendetwas fand, das ich kannte und mich wieder orientieren konnte. Wolfgang sollte also ins Tierheim kommen. Und ich – nahm ihn mit nach Hause.
Nun stand er wie eine Statue vor der Tür und wollte spazieren gehen. Ich hatte es schon lange aufgegeben mit ihm zu diskutieren, er behielt ohnehin immer die Oberhand. Lieber gab ich nach, brachte die Sache so schnell wie möglich hinter mich, als unter die Dusche zu gehen, sein gespieltes Gejammer mitanzuhören, und den Rest der Woche nicht mehr von meinen Nachbarn gegrüßt zu werden.
Ein normaler Hundebesitzer, oder besser, der Besitzer eines normalen Hundes hätte vielleicht gerufen, los Wolfgang, hol die Leine. Aber wie schon gesagt, es war kein normaler Hund. Ich schwöre, das war nicht meine Schuld. Ich hatte mein Bestes getan um ihn ein wenig zu dressieren und Gehorsam beizubringen.
Er tat was er wollte, so einfach war das. Wenn er wollte, tat er sogar, was ich sagte. Am Anfang hoffte ich schon, das wird noch was, dachte Ausdauer und Geduld zahlen sich doch aus. Das war ein Irrtum. Ich zog noch beim Laufen zur Garderobe Schuhe und Strümpfe aus, damit ich wenigstens in Badelatschen  gehen konnte. Wolfgang bewegte sich nicht und starrte nach wie vor auf die Tür. Ich befestigte die Leine an dem teuren Halsband, billige zerbiss er, ich schwöre, er ist ein Snob, und machte die Tür auf.
Habe ich schon erwähnt, das Wolfgang kein richtiger Hund ist? Und ein Snob? Hoch erhobenen Hauptes trabte er vor mir den Weg zum Park entlang. An keinem einzigen Haufen schnupperte er, er war sich sogar zu fein, einen anderen Hund überhaupt nur anzusehen. Geschweige denn, einer Katze hinterherzujagen. Oder einem Auto. Oder dem Postboten. Oder einem Ball. Oder einem Stock.
Wir erreichten den Park. Wolfgang warf mir einen Blick zu. Ich machte die Leine los, und er verschwand hinter einem Gebüsch. Man gewöhnt sich an alles. Ich entdeckte eine Bank und steuerte darauf zu. Jemand saß dort. Ich konnte zwar nur seinen Hinterkopf erkennen, aber seine Haare – sie waren so goldfarben und füllig wie die von Wolfgang. Auch etwas gewellt. Als ich um die Bank herum ging, um mich zu setzen wurde ich von einem Paar grüner Augen missbilligend an gefunkelt. Verwirrt blieb ich stehen. Was für ein Problem hatte der Typ? Da war doch genug Platz?
„Ähm, kann ich mich setzen?“ fragte ich unsicher.
Er drehte den Kopf mit einem abfälligen „Hmph“ zur Seite. Ein Snob, schoss es mir durch den Kopf. Der würde gut zu meinem Hund passen. Ich setzte mich und hoffte, das Wolfgang bald zurückkam. Während ich wartete fiel mir ein schwarzer Labrador auf, der so verspielt wie ein Welpe über die Wiese tobte. Er begrüßte freundlich jeden Hund und forderte ihn zum Spielen auf. Ach ja. Ich seufzte, und wurde sofort schief von meinem Banknachbarn angesehen. Jetzt fiel mir auch seine teure Kleidung auf. Plötzlich bekam ich Minderwertigkeitskomplexe. Ich versuchte sogar, mit dem rechten Fuß den Latschen vom linken Fuß zu verdecken. Oh Gott, Wolfgang beeil dich.
Wer war das überhaupt? Den hatte ich hier noch nie gesehen. Ich musterte ihn verstohlen von der Seite. Eigentlich hatte ich gehofft, dass er das nicht bemerkt, aber er setzte sich sofort selbstbewusst in Pose. Ein Fotomodell vielleicht, überlegte ich. Schauspieler? Nein, im Fernsehen hatte ich ihn noch nicht gesehen. In der Schule auch nicht. Dabei musste er ungefähr in meinem Alter sein, vielleicht sogar ein Jahr jünger. Dann doch eher ein Fotomodell. Der Typ sah gut aus. Sogar sehr gut. Ich konnte keinen einzigen Schönheitsfehler entdecken, egal wie genau ich hinsah. Plötzlich wurde mir bewusst, das ich ihn schon eine Ewigkeit anstarrte und begutachtete sozusagen. Das war so peinlich, das ich rot bis zu den Haarwurzeln wurde. Aber ich hatte es nicht bemerkt, weil er seine Pose unbeeindruckt hielt, als wäre er eine Statue. Genau wie Wolfgang, dachte ich. Verlegen sah ich auf meine Hände.
„Na, genug geglotzt?“ wurde ich gefragt.
Damit hatte ich irgendwie gerechnet. Und mir deshalb auch schon eine Antwort überlegt. „Sorry, du kommst mir bekannt vor.“
Jetzt erwartete ich eigentlich eine Antwort wie, natürlich, ich bin ja auch bekannt, sogar weltbekannt, oder ähnliches.
„Was für eine billige Anmache.“
Ich schreckte hoch. „Anmache?“
Bevor ich das Missverständnis aufklären konnte, kam Wolfgang plötzlich zu mir. Er setzte sich und ich kraulte seine Ohren. Was soll´s. Den würde ich ohnehin nie wiedersehen. Ich hatte nichts mit ihm zu tun, sollte er doch denken, was er wollte.
Der Labrador hatte Wolfgang entdeckt und kam herbei gerannt. Armer Kerl, er würde eine Abfuhr bekommen. Zu meiner Überraschung stand Wolfgang auf, und ließ sich, ja er ließ sich wirklich beschnüffeln. War das mein Hund? Verwirrt drehte ich mich zu dem Gebüsch um. „Wolfgang?“ rief ich. Vielleicht war das hier ja gar nicht meiner. Vielleicht hatte Wolfgang Verstopfung und brauchte länger, als sonst?
Der eingebildete Kerl sah mich an. „Wolfgang? Du nennst deinen Hund Wolfgang?“
„Ähm – ja.“
Jetzt drehte er sich interessiert zu mir. „Magst du klassische Musik?“
Tatsächlich hatte ich Wolfgang nach dem Musiker benannt, den wir an dem Tag, als ich beschlossen hatte, ihn zu mir zu nehmen, in der Schule im Musikunterricht durchgenommen hatten, weil mir grade kein anderer Name in den Sinn gekommen war.
Das war meine Chance. Jetzt konnte ich beweisen, das ich kein Prolet war.
Ich nickte so gleichgültig wie möglich. „Ja, sehr sogar.“
„Und – du hörst gerne Amadeus?“
„Klar.“ Das war von Falko oder? Ich wollte lieber meine Kenntnisse der klassischen Musik zum Besten geben. „Aber Mozart mag ich noch lieber.“
Der Junge verzog seinen Mund zu einem seltsamen Lächeln. Aus irgendeinem Grund verlor er das Interesse an mir, und rief statt dessen in Richtung des Labradors „Juli, komm her.“
Der Hund war ein Hund. Er kam sofort, als sein Herrchen ihn rief. Und – er hatte mit Wolfgang gespielt. Oder Wolfgang mit ihm. Das hatte ich gar nicht mitbekommen.
„Ähm, dein Hund heißt Juli?“
„Na ja, er ist im Juli geboren.“
Besonders einfallsreich war das auch nicht, dachte ich. „Aber Juli ist ein Mädchenname, oder?“
„Ich würde meinen, es ist der Name eines Monats.“
Unwillkürlich ballte ich meine Hände zu Fäusten. So ein arrogantes …
„Es hört sich wie ein Mädchenname an, das habe ich damit gemeint.“
„Was du nicht sagst.“ Er stand auf, legte Juli die Leine an, rosa mit Steinen, waren das etwa Diamanten?, und passte rosa nicht eher zu einem Weibchen?, und dann – zu meiner Überraschung, sagte er etwas Normales. „Man sieht sich.“
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