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Dies Irae - Tag des Zorns

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16
Kurtis Trent Lara Croft
14.04.2012
21.10.2012
8
23.201
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14.04.2012 2.234
 
„Dies Irae“, Kapitel 2 – Research

Leise gähnend lehnte sich die junge Archäologin in ihrem Sessel zurück, legte ihre Beine entspannt über die Lehne und rückte das Notebook, welches Zip ihr zur Verfügung gestellt hatte, ein Stück weiter zu sich heran, während auf dem Bildschirm bereits das Firmenlogo der installierten Software aufleuchtete. Nachdem sie gemeinsam mit ihrem Assistenten im Techraum unzählige Forenbeiträge, pseudo-wissenschaftliche Artikel und unseriöse Internetseiten nach neuen Informationen über die Lux Veritatis durchgegangen war ohne auch nur eine einzige glaubwürdige Angabe zu erhalten, würde sie sich nun allein auf die Cabal konzentrieren, die historisch weitaus bekannter zu sein schienen – zumindest hatten die ersten paar Webseiten bereits einiges Brauchbares zutage gefördert – während er versuchte, die Inschriften im Chirugai digital zu restaurieren. Für den Moment erschien ihr diese Art der Problemlösung zumindest sinnvoller, als sprichwörtlich mit ihren Nachforschungen auf der Stelle zu treten.

Nachdenklich strich sich Lara eine lose Haarsträhne zurück, gab das Benutzerkennwort in das vorgegebene Feld ein und schlug, noch bevor der Computer sich vollständig eingerichtet hatte, das erste der Bücher auf, die sie aus einem ihrer verstaubtesten Bücherregale mit zu dem bereits völlig überfüllten Mahagonischreibtisch gebracht hatte. In den letzten Wochen hatte sie öfter ihre Bibliothek auf der Suche nach irgendetwas Hilfreichem durchstöbert, musste allerdings bereits nach kurzer Zeit feststellen, dass gerade einmal vier der Werke tatsächlich nützliche Informationen enthielten, während in unzähligen anderen bloß Vermutungen geäußert wurden; was zwar an sich eine äußerst geringe Ausbeute, dafür jedoch ungemein wertvoll war. Dazu hatte sich die Grabräuberin noch einzelne Seiten aus dem Notizbuch ihres ehemaligen Mentors kopiert, dessen Nachforschungen ihre bisherigen Erkenntnisse um Einiges übertrafen, wodurch sie sich gut genug vorbereitet sah, um ihre Erfahrungen mit Fakten abzugleichen. Wenn sie ein wenig Glück hatte, stolperte sie möglicherweise auch direkt über Kurtis – selbst wenn ihr das wie ein kindischer Tagtraum vorkam.

Um nicht den Überblick zu verlieren setzte sich die Archäologin schließlich doch aufrecht hin, ordnete sorgsam ihre Quellen nach Glaubwürdigkeit – wobei sie diese ihrem Gefühl und ihren Erinnerungen nach abschätzen musste -, rückte dann weiter an den Schreibtisch heran, um die Tastatur den Notebooks besser erreichen zu können, und hielt für einen Augenblick zögernd inne. Trotz allem, was sie erlebt hatte, trotz den vielen Schriften, war sich Lara nicht sicher, was sie als Suchbegriff in die Online-Suchmaschine eingeben sollte. „Cabal“? Nein, das würde bei weitem zu viele unseriöse Treffer geben. Doch was erwartete sie überhaupt? Immerhin konnte sie sich nicht vorstellen, dass jemand wie Joachim Karel eine eigene Webseite erstellen würde, um seinen Geheimbund anzupreisen.

Moment. Sich zur Ruhe zwingend öffnete die Aristokratin den Internetbrowser, klickte hastig auf die Suchzeile und gab dort den Namen des ehemaligen Anführers der Cabal ein. Es mochte vielleicht ein nahezu verzweifelt wirkender Versuch sein, doch hatten die Monstermorde in Paris ganze Scharen von Reportern und Bloggern angelockt, die sich von den Mauern des Strahov nicht abhalten lassen hatten. Wenn es jemanden gab, der etwas über die Feinde der Lux Veritatis, besonders über Eckhardt und Karel, wusste, dann waren es die Paparazzi. Wie oft hatte Lara bereits Wahrheiten über sich selbst in irgendwelchen Zeitschriften gefunden, ohne sich daran zu erinnern, jemals auch nur ein Wort darüber verloren zu haben? Den Cabal dürfte es in der letzten Zeit nicht besser ergangen sein, zumal sie mit den Morden – obwohl zeitweilig sie selbst als schuldig erklärt worden war – enorme Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben mussten. Und besonders die jungen Studenten, die sich mit dem Führen eines beliebten Blogs Geld dazu verdienten, konnten ziemlich hartnäckig sein, wenn es um eine gute Story ging – teilweise waren sie sogar noch entnervender als die eigentlichen Journalisten, die sich in neunzig Prozent der Fälle relativ leicht abwiesen ließen. Solange Karel ihnen nicht auf die Schlichen gekommen war und sie möglicherweise sogar umgebracht hatte, waren sie eventuell ihre einzigen brauchbaren Quellen, von dem, an was sie sich noch erinnern konnte, abgesehen.

Nachdem die Festung Strahov gesprengt und Lady Croft nach Großbritannien zurückgekehrt war, hatte sie die meiste Zeit damit verbracht, die Erinnerungen an Paris und Prag irgendwo in die hintersten Ecken ihres Bewusstseins zu drängen, dort, wo sie ihr nichts mehr anhaben konnten. Sie hatte sich mit Sport und Yoga abgelenkt, das Chirugai unter ihrer Matratze verstaut und gebetet, dass sie irgendwann alles würde vergessen können – selbst Kurtis. Doch als vor kaum fünf Wochen die so nutzlos wirkende Scheibe erneut begonnen hatte, grell aufzuleuchten, erschien ihr ihr ganzes Verhalten plötzlich vollkommen unangemessen, immerhin hatte sie diesem Fremden ihr Leben zu verdanken. Wenn er nicht nach Rache gesinnt und sie im Kampf gegen Karel und Eckhardt unterstützt hätte, wäre sie dem Geheimbund vermutlich mehrmals in die Arme gelaufen, und was dann mit ihr geschehen wäre, wollte sie gar nicht erfahren. Er hatte es gewusst, sein Blick hatte oft genug drängend gewirkt, als würde er sie bloß aus Prag herausschaffen wollen, ohne, dass sie dabei umkam. Ab und zu hatte sie sogar das Gefühl gehabt, als hätte er sie irgendwoher wiedererkannt; konnte sich im Nachhinein aber nicht mehr daran erinnern, wann das gewesen sein sollte.

Kopfschüttelnd scrollte Lara durch die zahllosen Anzeigen, die die Suchmaschine herausgefiltert hatte, stoppte zwischendurch sekundenlang und öffnete einen der Artikel in einem neuen Tab. Häufig war in den Texten die Rede von irgendeinem Immobilienmakler, der zufälligerweise denselben Namen des Geheimbund-Oberhaupts trug; ein einzelner Blogpost, auf den sie stieß kurz bevor sie von selbst kapituliert hätte, erweckte allerdings innerhalb weniger Sekunden ihre Aufmerksamkeit. Es gab keinen langen Einführungstext, lediglich ein paar „Notizen“ samt Erklärungen, daneben einige Zeichnungen, Porträts. Die Gesichter kamen ihr allesamt äußerst bekannt vor, besonders das des blonden Mannes, dessen Augen sogar in dieser Bleistiftskizze so bedrohlich strahlend wirkten, dass sie den Blick davon abwenden musste. Karels Augenfarbe glich in vielerlei Hinsicht der von Kurtis: Helles blau, hie und da winzige, dunkle Einlagerungen, ein entschlossener Ausdruck. Der einzige nennenswerte Unterschied bestand darin, dass der Lux Veritatis auf sie nicht gefährlich sondern lediglich kühl gewirkt hatte, während sie sich jedes Mal, wenn sie zu dem Cabal aufgesehen hatte, gefühlt hatte, als würden tausende, winzige Eiszapfen durch ihren Körper geschossen werden. Er hatte etwas an sich, das einem das sichere Gefühl gab, in wenigen Sekunden von ihm umgebracht werden zu können, ohne es wirklich zu bemerken. Selbst Kurtis schien ihn zu fürchten, obwohl sein Wunsch nach Rache viel tiefer verankert gewesen war. Und das hatte auch der selbstsicheren Kämpferin, die Lara nun einmal war, zu denken gegeben.

Grüblerisch wandte sie sich erneut dem Bildschirm zu und knabberte leicht an ihrer Unterlippe, ehe sie den gesamten Text samt dazugehörigem Link kopierte und per Mail an Zip sandte, damit er es ihr ausdruckte und eventuell den Autoren ausfindig machte. Solche Dinge überließ sie gerne ihm; größtenteils, weil ihr Wissen über Computer ein wenig zu wünschen übrig ließ – zumindest, wenn es um die Dinge ging, die ihr Assistent mit den Rechnern anzustellen vermochte. Sie hatte bereits vor Jahren aufgegeben, sich am Hacken zu versuchen – sie löste im Endeffekt doch nur irgendwelche Sicherheitsmechanismen aus, die sie in ungeheure Erklärungsnot bringen konnten. Dafür reichte ihr Fachwissen über die Archäologie und Waffentechnik so weit, dass sie ihre Abenteuer meist beinahe unbeschadet überlebte. Wenn es sein musste, konnte sie ihre USPs auch auseinanderbauen und neu zusammensetzen, sollte sich etwas im Innern verhaken oder zerbrechen; und falls sie doch ab und zu gezwungen war, einen Hackversuch zu unternehmen, konnte sie schlichtweg auf Zip vertrauen, der ihr übers Headset die korrekten Anweisungen zuflüsterte. Lediglich im Strahov hatte sie seine Hilfe nicht gehabt – und prompt einiges durcheinander gebracht. Die schier endlosen Stunden, die sie daraufhin auf Kurtis‘ Willen hin in der Luftschleuse verbracht hatte, waren ihr weitaus genug gewesen, um den Entschluss zu fassen, niemals mehr etwas in dieser Art zu unternehmen; immerhin konnte sie nicht stets darauf vertrauen, von jemandem aus der Misere herausgeholt zu werden.

Ein leises Gähnen entkam der Grabräuberin, gerade, als sie den Rechner wieder herunterfuhr und ihre restlichen Quellen fein säuberlich neben ihrem Collegeblock, auf den sie vor Stunden bereits das Zeichen der Lux Veritatis gezeichnet hatte, aufreihte, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen. Einerseits gab es ein paar Stellen aus Werners Notizbuch, die sie im Voraus mit einem Textmarker leuchtend gelb angestrichen hatte, allerdings widersprach er sich darin häufig selbst. Einmal nannte er Eckhardt – fälschlicherweise – als Anführer der Cabal, drei Zeilen weiter war es Karel; weiterhin deuteten seine Zeichnungen die Periaptsplitter, die Lara selbst in den Händen gehalten hatte, an, in seinen Notizen versuchte er aber, ihre Existenz zu leugnen. Möglicherweise hatte er verhindern wollen, dass die korrekten Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, falls Mademoiselle Cavier sich geweigert hätte, seiner ehemaligen Schülerin das Büchlein auszuhändigen – mit diesen widersprüchlichen Angaben musste sich die Britin dadurch bedingt allerdings viel später befassen, wenn sie in ihren Büchern ein paar Übereinstimmungen gefunden hatte. Zuvor würde sie aber noch einmal mit ihrem besten Freund sprechen, um herauszufinden, ob er mittlerweile die leichten Einkerbungen im Chirugai hatte entziffern können; zwar erschien ihr die verstrichene Zeit dafür etwas knapp, doch sie hatte gelernt, den Computerspezialisten auf keinen Fall zu unterschätzen. Wenn jemand etwas von digitaler Restaurierung verstand, dann er – von Zeit zu Zeit half er seiner Chefin sogar über die Headsetkamera, Inschriften zu übersetzen, wenn einige Zeichen bereits zu verblasst waren, um sie mit dem bloßen Auge wahrnehmen zu können. Das hatte Lara schon vor so einigen tödlichen Fallen bewahrt, in die sie ohne die gesamte Übersetzung blindlings hineingestolpert wäre. Natürlich hatte auch sein Können irgendwo eine Grenze; doch wenn die erreicht war, kannte er noch einige andere Hacker, die ihn gern unterstützten.

Kurzentschlossen griff die Countess schließlich nach dem Stapel Bücher und Kopien, klemmte sie sich allesamt unter einen Arm und verließ mit eiligen Schritten ihr Arbeitszimmer, ehe sie die große Treppe im Eingangsbereich hinunterlief und direkt auf den eigens für Zips Arbeit eingerichteten Techraum zuhielt. Sie erkannte bereits von einigen Metern Entfernung aus den konzentrierten Ausdruck im Gesicht des Afroamerikaners, weshalb sie ihn gar nicht erst ansprach sondern ihre Lektüren einfach hinter ihm auf einen freien Fleck zwischen Tastaturen, leeren Kaffeetassen und Chipstüten ablegte, nach dem unbewacht herumliegenden Chirugai griff und es leicht in ihrem Händen drehte. Sie erinnerte sich noch zu gut daran, wie Kurtis es um sie beide herumfliegen ließ, den Blick unverwandt auf sie gerichtet, ohne, dass er jemals die mentale Verbindung zu seiner Waffe verlor. Doch obwohl es von außen sicherlich wie eine drohende Geste gewirkt haben musste, hatte Lara sich innerhalb des von der Scheibe gezogenen Kreises äußerst beschützt gefühlt, als hätte er eine Barriere zwischen ihnen und der Außenwelt errichtet.

Zips resigniertes Schnauben riss sie zurück in Wirklichkeit. „Alles in Ordnung?“

„Nichts ist in Ordnung!“, fauchte er ohne Vorwarnung, deutete auf den Bildschirm vor ihm und griff sich in einer verzweifelten Geste mit beiden Händen in den Nacken. „Sieh dir das hier an – es ist nicht mal ein richtiger, lateinischer Satz, bloß fünf Zahlen und dahinter die Gravur ‚Heisssturm‘. Was soll ich damit bitte anfangen?“

Amüsiert schmunzelnd betrachtete Lara das überarbeitete Bild des Chirugais, legte ihrem besten Freund ermutigend eine Hand auf die Schulter und reichte ihm die einzige noch dampfende Kaffeetasse. „So, jetzt entspannen wir uns alle erst einmal und überdenken das noch einmal, ohne dabei am Ende noch durchzudrehen, ja?“ Sie wartete sein Schulterzucken ab und deutete dann auf die Gravur. „Das dürfte sein Familienname sein. Ich meine zwar, den Nachnamen ‚Trent‘ aufgeschnappt zu haben, als ich durch die Luftschächte gekrochen bin, aber möglicherweise hat er den Namen ja aus irgendwelchen Gründen geändert.“

„Wieso hätte er das tun sollen?“, fragte Zip, schien die Idee jedoch nicht sofort als unbrauchbar abzutun. „Wenn er so entschlossen war, sich zu rächen, wie du mir erzählt hast – müsste er sich dann nicht auf Teufel komm‘ raus so präsentieren, als hätte vor nichts Angst? Den Namen zu wechseln, um nicht erkannt zu werden … das zeugt doch von enormer Schwäche, oder nicht?“

Nachdenklich zeichnete die Grabräuberin die Konturen der Einkerbungen im Metall nach und schüttelte leicht den Kopf. „Nicht unbedingt. Sagt dir die Fremdenlegion etwas?“

Schweigend musterte er sie, scheinbar unsicher, was er darauf erwidern sollte. Im Endeffekt war es auch irrelevant – Lara würde ihn so oder so bitten, „nett“ bei der französischen Legion anzurufen und sie mit Hilfe einiger Tricks dazu zu bringen, etwas über Kurtis zu erzählen, sollte er tatsächlich dort untergekommen sein. Falls seine Französischkenntnisse nicht ausreichen sollten würde sie natürlich den Anruf übernehmen; da sie allerdings deutlich unfreundlicher auftrat, wenn es um Söldner ging, könnte es dazu kommen, dass er die entsprechenden Daten über einen Hackerangriff einholen müsste. Natürlich war es riskant, ein solches Unternehmen auf Basis reiner Spekulation durchzuführen, aber auf etwas Besseres zu hoffen wäre schlichtweg sinnlos. Dieser Anruf war die einzige Chance, die sie hatten – und vielleicht hatte Kurtis sich ja zwischenzeitlich dort ein wenig ausgeruht? Wenn sie es nicht versuchte, würde sie es womöglich bitter bereuen. Spätestens, wenn sie herausfand, dass sie Karel zu Unrecht als „tot“ bezeichnet hatte, was ihr Bauchgefühl noch immer nicht als wahr ansah.

„Lara“, unterbrach Zip deutlich ungläubig ihre Gedanken. „Bitte sag‘ mir nicht, dass du dir die trainierten Killermaschinen auf den Hals hetzt, nur, um Kurtis zu finden! Wie weit willst du noch gehen, nur, weil er dir ein paar Mal geholfen hat?“

Ihre Antwort hörte sich kühler an, als sie beabsichtigte. „So weit, wie es sein muss.“

~*~


Ich hoffe, euch hat auch das zweite Kapitel gefallen!
Und nochmals, vielen, vielen lieben Dank für die wunderbaren Rückmeldungen - es freut mich ungemein, dass die Story bereits jetzt so einen guten Anklang findet. :)
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