Dies Irae - Tag des Zorns

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Kurtis Trent Lara Croft
14.04.2012
21.10.2012
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23.201
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14.04.2012 2.240
 
„Dies Irae“, Kapitel 1 – Memories that kept her awake

Es war bereits weit nach Mitternacht, als Lara Croft ihr Schlafzimmer verließ und, eingewickelt in eine weiche Tagesdecke, ziellos durch die Flure ihres Herrenhauses streifte. Sie hatte kaum drei Stunden unruhig schlafen können, bis sie erneut aufgeschreckt war und sich in allumfassender Dunkelheit wiedergefunden hatte, hilflos, angreifbar. Auf ihrer Haut lag ein dünner Schweißfilm, ein offensichtliches Anzeichen für die Angst, die sie vor wenigen Minuten noch so deutlich verspürt hatte, doch sie machte sich nicht die Mühe, um diese Uhrzeit noch unter die Dusche zu steigen. Zwar war sie sich bewusst darüber, dass an Schlaf nun nicht mehr zu denken war, jedoch hatte sie aufgegeben zu versuchen, die Träume einfach fort zu waschen. Sie kamen ohnehin immer wieder.

Vorsichtig öffnete die junge Archäologin eine der Türen, die in den Westflügel führten, und lauschte. Zwar war nach dem Wiederaufbau des Manors auch der Zugang zu den unterirdischen Katakomben zugemauert worden, doch schien es, als würden noch immer von Zeit zu Zeit ein paar der Untoten, die sich unterhalb des Hauses eingenistet hatten, aus irgendeinem Loch kriechen – und so unbewaffnet, wie sie war, wollte sie es nicht darauf anlegen, von ihnen überrascht zu werden. Zwar konnte sie einen kleinen Kampf gut gebrauchen um sich ein wenig von ihren wirren Gedanken abzulenken, jedoch würde sie gegen einen so starken Gegner in ihrer momentanen Verfassung kaum drei Minuten durchhalten. Die schlaflosen Nächte hatten deutlich an ihr gezehrt, ihr geradezu all ihre Kraft geraubt; und scheinbar würde sich daran auch in Zukunft nichts ändern.

Zip hatte in der letzten Zeit häufig versucht, sie für zahllose Aufträge zu begeistern. Mal hatte er über Satellit einen unbekannten Maya-Tempel in Mexiko ausfindig machen können, mal erzählte er von irgendwelchen mythischen Artefakten, … sein Ideenreichtum hatte sie begeistert, keine Frage, und seine Mühen hatten ihr sogar ab und zu ein Lächeln auf die Lippen gezaubert, aber seit ihrer Rückkehr aus Prag schien sie sich für Archäologie kaum noch zu interessieren. Anstatt an einem neuen Projekt zu arbeiten oder ihre Ausrüstung zu säubern, die noch immer genau dort lag, wo sie sie vor Monaten einfach fallen gelassen hatte, beschäftigte sie sich lediglich mit dem Chirugai, das sie in der Arena aufgesammelt hatte, kurz bevor das ganze Areal von Interpol in die Luft gejagt und sie zu absoluter Schweigepflicht gezwungen wurde. Normalerweise hielt sich Lara ohnehin bedeckt über ihre ‚Einsätze‘, nahm das Angebot der Organisation, ihren Namen reinzuwaschen und sie ohne weitere Fragen von allen Vorwürfen freizusprechen, allerdings dankend an, obwohl sie sich dabei alles andere als gut fühlte. Natürlich, sie hatte ihre uneingeschränkte Freiheit zurück und würde nicht den Rest ihres Lebens in einer nasskalten Zelle irgendwo im Prager Staatsgefängnis verbringen müssen, jedoch fühlte sie sich beim Gedanken daran, dass sie rein gar nichts für diese Aufmerksamkeit getan hatte während Kurtis, dessen Blut sich überall in der Arena befunden hatte, ihr mehrmals das Leben gerettet und sie auf Gefahren aufmerksam gemacht hatte. Er hätte eine Annullierung seiner Einträge verdient, nicht sie. Seine Gründe zu kämpfen waren viel edler gewesen als ihre, und dennoch hatte er alles daran gesetzt, dass sie überleben würde, egal, ob er sich dafür opfern musste.

Mit einem Kopfschütteln vertrieb Lara die grausamen Bilder, die sich erneut in ihr Bewusstsein vorzukämpfen versuchten. Sie war damals noch stundenlang durch unzählige Gänge und Räume geirrt, hatte nach dem Mann gesucht, der sie so sehr in Schutz genommen hatte wie niemand zuvor, hatte seinen Namen gerufen, ohne sich darum zu scheren, ob Karel tatsächlich tot und das Strahov überhaupt sicher war. Sie hatte hoffnungsvoll auf einem der unüberschaubaren Flure oberhalb der Arena gewartet, sich selbst damit beruhigt, dass die Lux Veritatis über Heilungskräfte verfügten -  aber er kam nicht zurück. Auch sein Chirugai, das, soweit sie es bisher verstanden hatte, nur auf seinen Ruf hörte, hatte sich auch nicht als große Hilfe erwiesen. Kurz nachdem es so vielversprechend aufgeleuchtet und sie in einen Gang hineingeführt hatte, in welchem sie Kurtis vermutete, war sie auf eine Tür gestoßen, ein Ausgang, der zu einem winzigen Fahrstuhl führte. Höchstwahrscheinlich hatte der Amerikaner versucht, sie auf diese Weise zum Gehen zu animieren, zu verhindern, dass sie mehr Zeit als nötig in dem alten, von Gefahren geradezu strotzenden Gebäude verbrachte. Erneut hatte er sie beschützen wollen, vor etwas, von dessen Existenz sie womöglich nie erfahren hätte, wenn sie seiner stummen Bitte gefolgt wäre.

Ein kalter Schauer durchfuhr die Aristokratin bei dem Gedanken an den riesigen Hund, der sie über mindestens vier Stockwerke verfolgt hatte, bevor er sich in eine dunkle Ecke zurückgezogen hatte um sich ein anderes, leichteres Opfer zu suchen. Allein der Gedanke daran, dass dieses Tier sich so sicher war, ein Beutetier in Laras Größe in dem Gebäude finden und erlegen zu können, hatte sie schließlich dazu animiert, erneut zu dem Ausgang zu laufen, den das Chirugai ihr aufgezeigt hatte; obwohl sie sich wie eine Verräterin gefühlt hatte, als sie in die frische, morgendliche Winterluft Prags hinausgetreten und nach dem nächsten Polizeirevier gesucht hatte, um ein paar Anrufe zu tätigen. Aber was hätte sie sonst noch tun sollen? Interpol davon überzeugen, dass sich in dem Strahov nicht nur gefährliche Mutationen, sondern auch ein laut etwaigen Dokumenten bereits verstorbener Mann befanden? Sie wurde schon lange als verrückt bezeichnet, eine solche Aussage hätte ihr ein sicheres Ticket ins nächste Irrenhaus eingebracht.

„Kannst du schon wieder nicht schlafen?“ Zips Stimme hinter ihr ließ die Archäologin heftig zusammenfahren. Mit der Zeit hatte ihr Assistent und bester Freund tatsächlich gelernt, sich innerhalb des Hauses lautlos zu bewegen – etwas, das ihm im Falle eines Söldnerangriffs das Leben retten konnte. Doch empfand Lara beim Anblick seines besorgten Gesichts keinerlei Freude darüber. Sie hatte gedacht, ihre nächtlichen „Wanderungen“ wären unbemerkt an ihm und Winston vorbeigegangen, doch scheinbar war der Afroamerikaner weitaus hellhöriger und aufmerksamer, als er sich nach außen hin gab; der Kerl hatte tatsächlich einiges von seiner Chefin gelernt.

Unsicher zuckte die Countess mit den Schultern und zog die Decke fester um ihren Körper. „Ich konnte ein paar Stunden schlafen, dann haben mich die Albträume wieder hochgejagt.“

Kurz verzog er nachdenklich das Gesicht und musterte sie still, trat dann aber mit einem mitfühlenden Lächeln auf sie zu und legte die Arme um sie. Normalerweise ließ sie solche freundschaftlichen Gesten nicht zu – das war auch ihm deutlich bewusst, so vorsichtig, wie er sie hielt – momentan war Lara allerdings für jedwede Zuwendung mehr als dankbar, gerade jetzt, kurz nachdem sie erneut über ihre Erlebnisse in Prag nachgedacht hatte. Und Zip war für sie wie der große Bruder, den sie niemals hatte; er hörte zu, sorgte sich um sie, unterstützte sie. Er war der Einzige, dem sie von ihren widersprüchlichen Gefühlen Kurtis gegenüber erzählt und dessen Meinung sie sich gerne angehört hatte, zumal er, genau wie sie, nicht daran glaubte, dass der Legionär an diesem Tag wirklich gestorben war.

„Hat das Chirugai denn in der letzten Zeit ab und zu geglüht?“, murmelte der Computerspezialist behutsam. „Immerhin hat es sich letzten Monat ein paar Mal leicht bewegt; das spricht doch dafür, dass er versucht, es zu sich zu rufen. Vielleicht gibt es ja auch eine Art Streckenlimit?“

Schulterzuckend sah Lara auf. „Selbst wenn, wie wollen wir das herausfinden? Es gibt keine Dokumente über die Fähigkeiten der Lux Veritatis, es sei denn, der Geheimbund hatte irgendwo eine eigene Bibliothek aufgebaut – und das Ding auseinander zu bauen wäre sinnlos, es ist nicht mehr als Meteoritengestein.“

„Mir wird schon etwas einfallen“, beharrte Zip, schob die Archäologin ein Stück von sich und hob sachte ihr Kinn an. „Wir finden ihn schon, auf welche Weise auch immer. Solange wir das Chirugai haben, kann er ja nicht einfach abhauen, oder? Vorher müsste er sich doch darum kümmern, dass er es zurückbekommt, wenn es ihm – wie du erzählt hast – wirklich so wichtig ist.“ Ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Und du tätest besser daran, nachts nicht durch den Manor zu laufen, es sei denn, du willst unbedingt von hungrigen Zombies gefressen werden.“

Amüsiert lachte Lara auf und boxte ihren besten Freund leicht gegen den Oberarm. „Und was ist mit dir, möchtest du etwa auch von den ‚Zombies‘ gefressen werden?“

„Nein, ich passe nur auf, dass dir nichts passiert.“ Sanft legte er seinen Arm um sie und drückte sie vorsichtig. „Und jetzt, wo du schon wieder lachen kannst, solltest du lieber wieder zurück ins Bett gehen und noch ein paar Stunden schlafen. Du hast schon genug Nächte im wachen Zustand verbracht, mehr als das lasse ich bestimmt nicht zu! Außerdem habe ich morgen früh eine Überraschung für dich.“

„Eine Überraschung?“ Zweifelnd zog sie eine Augenbraue hoch. Zips Überraschungen endeten häufig in einem riesigen Chaos; früher, als Alister noch lebte, hatte er sich nur allzu oft über die Roboter und Androide beschwert, die der Computerspezialist in sein Zimmer geschickt hatte.

Sein Lächeln verwandelte sich in ein Strahlen, während er die Britin langsam wieder in den Hauptteil des Manors führte. „Ja, und sie wird dir gefallen.“

„Sicher?“

„Natürlich!“, flötete er so gut gelaunt, dass es Lara fast den Magen umdrehte. Sie hasste es, wenn sich Leute gespielt fröhlich gaben, damit es ihr besser ging – davon hatte sie bereits kurz nach der Beerdigung ihrer Eltern genug gehabt, als sich jeder – ob man sie nun persönlich kannte oder nicht – nach ihrem Befinden erkundigt hatte. Irgendwann hatte sie sämtliche Telefone abgestellt und ihren Bodyguards, die Winston unbedingt hatte anstellen müssen, befohlen, niemanden mehr in die Nähe des Anwesens zu lassen. Wie Zip es, wenige Tage nach ihrem neunzehnten Geburtstag, trotzdem bis zur Haustüre geschafft hatte, war ihr bis heute ein Rätsel; und ihm womöglich auch. „Es wird dir mit Sicherheit gefallen – und wenn nicht, baue ich es einfach um.“ Für wenige Sekunden wirkte seine Miene wieder besorgt. „Es wird Zeit, dass du den ganzen Mist hinter dir lässt, Mädchen. Bald hast du Geburtstag, und anstelle daran zu denken, deine fünfundzwanzig Jahre ordentlich zu feiern, hängst du mit dem Kopf noch irgendwo in Prag und Paris fest. Du musst wieder anfangen, zu leben, sonst wird dich das deinen Lebtag nicht loslassen.“

Seine Bemerkung löste Wut in der Archäologin aus, doch sie wusste, dass es einem nichts brachte mit ihm über irgendwas zu argumentieren; er blockte so was einfach ab. Doch was sollte sie sonst darauf antworten, außer etwas Bissiges, was ihn ohnehin nicht kümmern würde? Er wusste, wie wichtig es für sie war Kurtis zu finden, noch einmal mit diesem Thema anzufangen wäre reine Zeitverschwendung.

„Lass uns morgen darüber sprechen, in Ordnung?“, murmelte Lara schließlich leise, löste sich von ihrem Assistenten und eilte, ohne auf seine Antwort zu warten, die Treppe in der Eingangshalle hinauf. Sie war sich überaus bewusst, dass er Recht hatte und sie endlich mit allem abschließen müsste, doch gab es noch zu viele Zweifel in ihr. War Karel wirklich besiegt? Was genau hatte das alles zu bedeuten? Wieso hatte Kurtis sie in Paris entwaffnet und weshalb war er dazu fähig gewesen, einfach zur anderen Seite des Raumes zu schlendern, ohne, dass Feuer auf ihn eröffnet wurde? Sie würde es vermutlich nie erfahren.

Leise fluchend schlich die Grabräuberin den Flur zu ihrem Zimmer entlang, raffte die Tagesdecke ein Stück weit hoch und fuhr sich mit der freien Hand erschöpft über das Gesicht. Sie brauchte definitiv mehr Schlaf, ansonsten würde ihr Körper höchstwahrscheinlich in spätestens fünf Tagen den Schlussstrich setzen und sie zu mehr Ruhe zwingen – und ‚krank‘ im Bett zu liegen konnte sie sich schlichtweg nicht leisten. Was, wenn nun Karel wieder auftauchen sollte? Damit musste sie rechnen, immerhin hatte sie seinen Tod nicht sehen können. Und falls das Chirugai wieder hell aufleuchten sollte konnte sie nicht einfach weiterschlafen und hoffen, dass der Amerikaner ihr Bescheid sagen würde, wenn er es wieder mit sich nahm. Sie musste sich ausruhen, solange sie noch Zeit dafür hatte.

Doch allein der Anblick des großen Himmelbettes, welches in einer kleineren Ecke des Schlafzimmers stand, ließ die Countess erschaudern. Seit ihrer Rückkehr aus Prag hatte sie sich dort nicht mehr wohlgefühlt – darüber konnten nicht einmal die Blumen, die Winston als eine Art Trost auf den Nachttisch gestellt hatte, hinweg täuschen. Selbst, wenn Lara einmal eine Nacht lang durchschlafen konnte – was zwar durchaus ab und zu vorkam, jedoch meist den eingenommenen Schlaftabletten zu verdanken war – erinnerten sie die farbenfrohen Blüten keinesfalls an die Schönheit der Natur, sondern an die lieblose Dekoration in dem Prager Krankenhaus, in dem sie ihre Wunden behandeln lassen hatte. Sie riefen in ihr stets ein Gefühl totaler Hilflosigkeit hervor, allerdings hinderte sie ihren Butler nicht daran, die Blumen immer wieder durch frische zu ersetzen. Er wollte ihr nur etwas Gutes tun, dafür wollte sie dankbar sein und nicht wirken, als hätte jemand versucht, sie zu vergiften. Immerhin wusste sie, wie es sich anfühlen konnte, wenn ein Geschenk derart abgelehnt wurde.

Aufgezehrt ließ sich die Aristokratin auf die weiche Matratze sinken, zog ihre Beine mit hinauf und griff nachdenklich nach der für sie so unnützen Scheibe, die Kurtis, wie es aussah, bewusst in der Arena liegen gelassen hatte. Am Anfang hatte sie häufig geleuchtet, mal heller, mal gedämpfter – mittlerweile jedoch schien es, als hätte sie aufgegeben, ihren ‚Meister‘ wiederzufinden. Oder Kurtis hatte aufgegeben, sie zu sich zu rufen.

„Ich bringe dich schon wieder zurück zu ihm“, flüsterte die Britin, legte das Chirugai neben sich auf die freie Seite des Bettes und zog sich selbst die Decke bis zum Kinn hinauf. „Irgendwie bringe ich dich schon zurück.“

~*~


Das zweite Kapitel wird auf jeden Fall deutlich länger werden - aber ich hoffe trotzdem, dass es euch gefällt.
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