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Aus Leid und Leben eines Hume

von LockXOn
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Humor / P16 / Gen
Söldner
10.04.2012
31.05.2017
24
92.635
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Dieses Kapitel
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10.04.2012 4.907
 
Autorennotizen

Eine kleine Gruppe kämpfte sich verbittert durchs finstere Unterholz des Targo-Waldes. "Passt gut auf, wo ihr hintretet", ertönte eine dunkle, aber sanfte Stimme, "diese Gegend ist tückisch. Wenn ihr in einen Morast geratet, kostet es uns wertvolle Zeit, euch wieder rauszuziehen. Währenddessen kann sich unser Ziel verdünnisiert haben. Und ohne Geschnetzel kein Geschnetzeltes, vergesst das nicht!" "Keine Sorge, Cid", lautete die etwas gereizt klingende Antwort, "wir kennen uns hier genauso gut aus wie du. AU! GOTTVERDAMMTE PAMPA! Scheiße, ich könnt kotzen! Verfickte Hasos haben wieder den ganzen Boden unterwühlt!" "Reg dich ab, Rantham", hörte man eine weibliche Stimme flüstern, "und schrei nicht so." Aus einer anderen Richtung raunte es missmutig: "Ophelia hat recht, du idiotischer Bangaa! Du wirst Cresta auf uns aufmerksam machen! Wir wissen nicht, was es für ein Gegner ist, besser, wir riskieren erst mal einen Blick, bevor wir ihn angreifen."

Der Mann, den sie mit "Cid" angeredet hatten, brachte sie erfolgreich zum Schweigen: "Still jetzt, ich sehe die Lichtung! Navien, Rantham und Makoro, ihr bleibt im Hintergrund, verstanden? Greift nur ein, wenn es euch absolut notwendig erscheint. Ich habe viel von diesem Monster gehört und es waren keine sonderlich erbaulichen Geschichten. Ihr seid gerade erst von einer Mission zurückgekehrt, nicht, dass ihr mitten im Kampf den Geist aufgebt, hehe!"

"Kupo!"

"Che..."

"Wie du meinst, Mondgesicht. Aber fang nicht an zu heulen, wenn dir dieses halbe Hähnchen die Koteletten rupft."

"Oh, keine Sorge, Navi. Wenn hier einer was rupft, dann ich das Federvieh. Ophelia! Leonard! Auf geht's!"

Drei Personen verließen die schützenden Schatten des Dickichts und richteten sich zur vollen Größe auf.

Cid war ein großer, kräftig gebauter Mann mit weizenblondem, schulterlangem Haar, einem langen, dünnen Schnäuzer, stark gebräunter Haut und azurblauen Augen. Seine langen, spitz zulaufenden Ohren zuckten, als er ihre Beute erblickte: "Du meine Güte! Das ist vielleicht 'n dickes Ei!" Seine beiden Begleiter, ein hundeähnliches Wesen mit grauem Fell und einem beinahe weltfremden, verträumten Lächeln auf dem Gesicht und eine braungebrannte schlanke Frau mit bodenlangem, platinblondem Haar und seidig glänzenden Hasenohren, konnten nur mit offenem Mund starren.

Auf der anderen Seite der Lichtung hockte ein riesiger, kugelrunder, braungelber Vogel, der jämmerlich mit den kurzen Flügelchen schlug und ein durchdringendes, drohendes Krächzen ausstieß, das die Umgebung erzittern ließ. Die stechend grünen Augen des Monsters hatten die Neuankömmlinge noch nicht erspäht, und so nahm Cid die Gelegenheit war, sich etwas näher heranzuschleichen. "Unsereiner will nur seinen Gilbeutel etwas aufbessern und dann steht so ein aufgeplusterter Habicht im Wald", entfuhr es ihm bitter, "es hieß zwar nur 'in die Flucht schlagen', aber zweihundertfünfzig Piepen für diesen Koloss scheinen mir etwas zu mager."

Navien, der einzige Hume der Gruppe, der es sich mit Rantham, einer finster dreinschauenden, muskulösen Kriegerechse und Makoro, einer menschenähnlichen Katze mit weißem Fell und großem, rotem Bommel am Hinterkopf, in den Ästen eines gewaltigen Baumes bequem gemacht hatte, brummte missgelaunt, obwohl ihn ihr Clanführer nicht hören konnte: "Deine Schuld, wer hat sich denn wieder von Heriwards verzweifelt tränenden Augen breitschlagen lassen?! In der Missionsausschreibung stand ausdrücklich etwas von 'Bäume ausreißen'. Spätestens da hätte es bei dir läuten müssen, oh furchtloser Oberdepp!" Von Ranthams Schläfe fiel ein Schweißtropfen: "Mal abgesehen davon, meinst du, sie packen das? Das Biest wirkt... nun... nicht sonderlich friedfertig." Sein Kamerad lachte verächtlich auf: "Mit Ophelia als Weißmagier? Nie im Leben. Sie werden den Arsch poliert bekommen! Aber auf mich hört ja keiner."

Sie zuckten ein klein wenig zusammen, als Cresta erneut brüllte. "Du hast doch nicht etwa Hunger, Kumpel? Mach 'ne Diät oder such dir dein Fresschen woanders", hörten sie Cid rufen. Navien schüttelte den Kopf: "Meine Güte, ich wünschte, er würde damit aufhören, mit allem möglichen Getier herumzudiskutieren. Man kann es auch übertreiben mit dem Pazifismus. Und außerdem würde es uns nichts nutzen, wenn der Gockel sich verzieht. Der nächste Konflikt fände dann vielleicht nicht mehr in einem abgelegenen Wald, sondern in einer belebteren Gegend statt, wenn wir Pech haben." Der Bangaa zog eine Grimasse: "Kannst du sie von hier unterstützen?" Navien legte seine Arme auf einen Ast direkt vor seiner Nase und stützte sein Kinn darauf: "Nein. Eine so große Reichweite hat mein Bogen nicht. Hey, reg dich ab. Entweder haut der Vogel ab... oder wir. Was ich in Anbetracht der Umstände für wahrscheinlicher halte. Sterben können wir ja nicht." "Na toll", lautete die unzufriedene Antwort, "den halben Tag durchs Gestrüpp gestolpert und am Ende nix erreicht."

Cid entschied, dass er Zeit genug verschwendet hatte und blies zum Angriff: "Fertig? Auf ihn! Los!!!" Die drei Gefährten stürmten voran...

Nur, um erschrocken zurückzuweichen und in ihre Abwehrpositionen zu verfallen, als ein greller Blitz die Umgebung durchfuhr und der Boden direkt vor dem scharfen Schnabel des Gegners in weißem Licht aufloderte.

Keinen Augenblick später stürzte ein braunhaariges Kind in hellblauem Matrosenanzug vom Himmel und landete, auf unerklärliche Weise unbeschadet, mit dem Rücken zum Monster auf dem Hosenboden.

Rantham und Makoro rissen schockiert die Augen auf: "Was zum Geier...! Wer ist das denn?!" Sie blickten zu Navien hinüber, der überrascht eine Augenbraue hochgezogen hatte und angewidert ausstieß: "Und wo hat er diese bekloppten Klamotten her?!"

Der fremde Junge sprang hastig auf die Beine und starrte verwirrt geradeaus: "W-Wo bin ich?" Cresta schien keine großen Ansprüche in Punkto Nahrungsmittelherkunft zu haben, denn er schlug freudig erregt mit den Flügeln und krächzte laut, was sich in den Ohren der Beobachter verdächtig nach "Guten Appetit!" anhörte. Dies bewegte den Jungen dazu, erschrocken herumzufahren und beim Anblick der zähnefletschenden Federmasse entsetzt aufzuschreien: "Waaah!"

Navien grinste und baumelte mit den Beinen: "Interessant! Frage mich, ob sich Cresta an seinem miesen Modegeschmack den Magen verderben wird." Die anderen sahen ihn nur ausdruckslos an.

Leider schien Cid sich dazu verschworen zu haben, seinem Stellvertreter den Spaß zu verderben, denn er rief laut: "Hey, Bürschchen!" Das bescherte ihm die volle Aufmerksamkeit des Fremden, doch auch eine Reaktion, die sie alle nicht sonderlich amüsierte: "Uwahhh! Die sehen auch nicht grad aus wie Menschen!" Cids Augenbraue zuckte zum wiederholten Male: "Nun mal ganz ruhig, ja? Wir helfen dir! Wenn du diesen Ort lebend verlassen willst, rate ich dir, schnell unserem Clan beizutreten!"

"WAS?!", platzte es entsetzt aus Navien heraus, "Er will dieses komische Balg aufnehmen?! NIEMALS! Das werde ich verhindern!" Er versuchte, vom Baum zu springen, wurde aber von seinen beiden verzweifelt klammernden Freunden zurückgehalten.

"Eurem was bitte?"

"Unserem Clan. Als Mitglied überlebst du auch die schwersten Verletzungen!"

"Überleben? ... Verletzungen?"

Der Junge schien verwirrter als vorher.

Und hatte sich noch immer nicht von Cresta entfernt, der unglaubliche Geduld bewies und nur seelenruhig beobachtete, wie all die eintrudelnden Häppchen seine Schlachtung planten. Navien strampelte wutschnaubend im Griff seiner Kameraden und schrie dumpf in Ranthams Hand, der ihm notdürftig den Mund zuhielt, um keine Aufmerksamkeit auf sie zu ziehen: "Ja, du Scheißer! Und wenn du jetzt beitrittst, bekommst du diesen formschönen Klobürstenwärmer gratis dazu! Mann, du Schwachkopf, verschwinde endlich von da oder brauchst du deinen Kopf nicht mehr?!"

Wie auf Stichwort kreischte der Vogel dem Jungen ins Ohr und er wich noch ein kleines Stück weiter zurück: "H-Hiiiilfe!!!" Selbst Cid verlor langsam die Geduld und rief nachdrücklich: "Was ist denn nun? ... Oder willst du dich lieber mit Gevatter Gockel hier anfreunden?"

Und endlich, endlich hatte er es begriffen und rannte wie von der Tarantel gestochen in die vorläufige Sicherheit ihrer Nähe. Er blieb dicht vor Cid stehen und beschwor ihn panisch: "In Ordnung! Sag mir, was ich tun soll." Cid nickte zufrieden: "Du musst den Richterschwur leisten! 'Ich schließe mich dem Clan an!'" Er warf Ophelia und Leonard einen stummen Blick zu. Sie nickten verständig und machten Platz für die Zeremonie.

Die sich Cresta interessiert aus einiger Entfernung ansah, offenbar noch immer ohne den Drang zu verspüren, die abgelenkten Kopfgeldjäger mit einem Überraschungsangriff zu Morgensnacks zu verarbeiten. Navien legte höchst irritiert darüber den Kopf schief: "Kann es sein, dass das Vieh zu fett zum Laufen ist...?"

Währenddessen zückte Cid eine weißblaue Karte und warf sie in die Luft. Ein Emblem aus gleißendem Licht erschien in ihrem Kreis und gleich darauf sank ein Ritter in schwerer Rüstung und violettem Cape zu Boden. Der Junge, offensichtlich ganz Blitzmerker, fragte ernst: "Er ist wohl der Richter?" Cid grinste breit: "Du hast es erfasst, mein Freund. Und nun keine Zeit vertrödelt! Dem Goldgeflügel läuft schon der Geifer!"

Navien stützte sich in seinem Versteck stirnrunzelnd auf einer Hand ab: "Oh bitte, keine Eile. Unser Vöglein scheint von der geduldigen Sorte zu sein. Vielleicht ist es sprachlos ob der ganzen Absurdität der Situation. Oder der Bengel hat bei seinem Aufprall einen fahren lassen und das arme Vieh ist zu betäubt, um angemessen zu reagieren. Das würde auch diese stetige Zitterei erklären..." Rantham starrte ihn von der Seite an, als glaubte er, er hätte vollends den Verstand verloren.

"Richter! Ich schwöre. Ich schließe mich dem Clan an!"

"Herzlichen Glückwunsch", seufzte Navien zynisch, "Wir als Anfänger können uns unsere Kandidaten wohl nicht aussuchen, was?"

Der Richter nickte und ließ sein Schwert durch die Luft sausen. Für die angenehm kurze Zeitspanne einer Millisekunde konnte sich Navien der Wahnvorstellung hingeben, dass er den Neuzugang zweiteilen und ihnen Scherereien ersparen würde, doch als sich die die ganze Umgebung blendende Lichtsäule aufgelöst hatte, stand der Junge im Aufzug der Region vor ihnen und sah begeistert an sich herunter: "Na, das nenne ich eine anständige Garderobe! Fantastisch!" Navien murmelte nur verzweifelt: "Ich fürchte fast, der Bengel sieht immer beschissen aus, egal, was er trägt."

Der braune Schopf wurde nun in einem Pferdeschwanz zusammengehalten und von einem rotweißen Ballonhut geziert.

"Sieht aus wie ein Fliegenpilz", kommentierte der Hume trocken.

Der freie Oberkörper wurde nur vom Latz des kurzbeinigen, rotgelben Overalls bedeckt.

"Sieht aus wie ein Eitergeschwür", überlegte Rantham.

Die Füße steckten in braunweißen, hochhackigen Trichterstiefeln.

"Sieht aus wie eine Transe", vervollständigte Makoro das mehr als lächerliche Bild.

Die drei ließen zeitgleich seufzend die Köpfe hängen. Was für eine Bereicherung.

Doch noch während Ophelia und Leonard einen Lachkrampf nur zu unterdrücken vermochten, weil Cid ihnen einen warnenden Blick zuwarf, spürten sie, wie sich die Atmosphäre verdichtete. Sie sahen in die Richtung, in der Cresta anscheinend langsam, aber sicher die Geduld mit seinen trödelnden Mahlzeiten verlor. Zwei kleine Trices wuselten sich aus dem Gebüsch und starrten gierig sabbernd auf die überlegene – weil der Sprache mächtigen – Spezies. Cid beobachtete sie aus den Augenwinkeln: "So schnell kann's gehen und du hast mehrere von denen an der Hand!" "So schnell?! Naja, ich kann auch nicht behaupten, dass mich eure langatmige Scharade besonders gut unterhält. Kein Wunder, dass der Hahn sein Geld zurückverlangt", tönte es, nur für die beiden Magier vernehmlich, aus dem Waldstück. Cid lächelte zu dem Jungen hinüber: "He, Kleiner, keine Bange! Wir haben alles im Griff! Überlass uns die Sache!" Und an seine Kameraden gewandt: "Los, die schnappen wir uns!"

Navien klatschte unbeeindruckt: "Sind alle aufgewacht? Na fein, dann können wir ja endlich anfangen, um unser Leben zu kämpfen..." Der Junge fuhr entsetzt auf: "Ihr wollt die allen Ernstes plattmachen?" Er schlug sich vor die Stirn: "Aber nein, wo denkst du hin?! Die stehen unter Naturschutz! Wir sind gekommen, um sie zu füttern! Mit deinem Kadaver!"

Cid schüttelte beunruhigt den Kopf: "Das wird sicher kein Zuckerschlecken, Kleiner! Bleib lieber auf Abstand!" Doch ihm wurde vehement widersprochen: "Lasst mich auch mitmachen! Ich habe doch den Richterschwur geleistet. Ich bin also unbesiegbar!"

"Was? Hab ich was mit den Ohren oder hast du eben 'unbesiegbar' gesagt? Dein Überleben ist zwar garantiert, aber glaub mir, du kriegst ordentlich die Hucke voll, Junge!"

"Ist schon klar, Meister. Es klingt nicht ganz ungefährlich, und ich brauch sicherlich noch viel Übung... Aber einfach nur dastehen und Maulaffen feilhalten kann ich nicht!"

Seine Nackenhaare stellten sich auf, als sich Navien mit derart überschäumender Egozentrik konfrontiert sah und es fiel ihm schwer, sich zurückzuhalten, als Wut wie ein Tsunami in ihm aufstieg.

'Hör auf mit deinen Starallüren, du Pantoffelheld! Wenn du deine Füße nicht stillhalten kannst, ist das doch nicht unser Problem! Wir haben eine sehr lange Zeit ohne deine Hilfe überlebt. Hast du überhaupt schon mal ein Schwert in der Hand gehalten? Hast mit deinem lieblichen Zweiteiler vorhin überhaupt nicht nach Kriegernatur ausgesehen. Aber hey, du kannst gerne als Ablenkungsmanöver dienen. Dazu musst du dich nur ein bisschen zwischen Crestas Schnabel legen...'

"Wir haben dich aber auch nicht als Kanonenfutter in unseren Clan geholt!"

'Was, nicht?! Wofür sonst? Ah, da du so viel über seine Fähigkeiten weißt, obwohl du ihn gerade erst kennengelernt hast, hast du dir die Sache ganz bestimmt sehr gut überlegt, Cid. Ich bin sicher, dass er uns schon in diesem Kampf sehr nützlich sein wird.'

Cid stemmte schließlich die Hände in die Hüften und seufzte: "Versprichst du mir, dass du genau das tun wirst, was ich dir sage?" Der Junge salutierte: "Ich versprech's!" Er nickte zufrieden: "Nun gut. Es ist nur zu deinem Besten! Mein Name ist übrigens Cid. Wie heißt du?" "Luso", grinste Luso.

"Also dann, Luso. Knöpfen wir uns die Bande vor!"

Und der Kampf begann.

Navien sah auf seine Richterkarte: "Che. Siegesbedingungen: Bezwinge Cresta! Ha, als ob wir da nicht ganz von selbst drauf gekommen wären. Geltendes Gesetz: Schusswaffen verboten. Ja, natürlich. Sonst wäre es ja auch zu einfach gewesen." Rantham grinste breit: "Sieht aus, als wenn du nutzlos gewesen wärst, selbst wenn du an diesem Kampf teilgenommen hättest." Der Schütze sah ihn finster an.

Ophelias Stimme drang an ihre Ohren: "Wenn du gegen Monster kämpfst, solltest du einige Sachen beachten." "Ja~ha", flötete Navien dazwischen, "zum Beispiel, sich nicht fressen zu lassen!" Sie hatte es gehört und sich kurz wütend umgesehen. Doch dann entschied sie, dass ihr Freund den Ärger nicht wert war und wandte sich wieder Luso zu: "Ich will dir kurz die wichtigsten Punkte erklären. Während eines Kampfes hängt es von deiner Geschwindigkeit ab, wann du an die Reihe kommst." "NEIN?!", drang es aus dem Wald. Sie schloss kurz die Augen und zählte bis Zehn, ehe sie fortfuhr: "Dass ich als erste dran bin, heißt also nichts anderes, als dass ich von allen die höchste Geschwindigkeit habe. Wir fangen zunächst ganz einfach mit der Fortbewegung an. Die besten Kampfkünste nützen dir ja nichts, solange du ein Monster nur aus der Ferne siehst..."

Navien stieß Makoro strahlend mit dem Ellenbogen an: "Das ist mein Mädchen, weißt du?" Makoro nickte unsicher. So schnell das Lächeln gekommen war, so schnell verflog es auch wieder und der Hume legte das Kinn wieder auf seine Arme: "Aber wenn ich mir den Inhalt ihres Vortrages so durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, ob das ein Grund zum Prahlen ist..."

Luso sah der Viera interessiert dabei zu, wie sie einige Schritte nach vorne trat. Navien schluchzte verzweifelt auf: "Lass ihn wissen, wie man läuft, oh bitte, lass ihn wissen, wie man-" Die Viera wackelte lächelnd mit ihren Hasenohren, als sie den Jungen musterte: "Deine Runde endet jedes Mal mit dem Befehl 'Warten'. Wenn du während einer Runde keine Aktion ausführst, bist du umso schneller wieder an der Reihe. Und noch etwas solltest du immer bedenken: Es hängt von deinem Beruf und von deiner Rasse ab, wie viele Schritte du gehen kannst."

Makoro fummelte an seinem Bommel herum: "Wisst ihr, diese Regel habe ich nie verstanden. Warum kann ich nicht genauso viele Schritte tun wie Ophelia? Ich begreife ja, dass ein kleiner Mogry wie ich nicht so weit laufen kann wie ein Hume oder dass ein alter Nu Mou schneller müde wird als ein durchtrainierter Bangaa. Aber das wirkt sich doch nur auf den Bewegungsradius aus, nicht auf die Anzahl der Schritte, oder?" Seine beiden Begleiter sahen ihn groß an. Dann sahen sie sich gegenseitig an und Navien meinte schließlich: "Sie hat sich vermutlich einfach falsch ausgedrückt. Nimm es einfach an und denk nicht weiter drüber nach."

Rantham stieß ihn eifrig an: "Yo, Leonard ist dran mit Verklickern! Was er ihm wohl beibringen wird?" Der Nu Mou hob mit einem Finger seinen Hut und schmunzelte Luso verträumt an: "Ich werde dir einen Schnellkurs geben, wie du Aktionen ausführst."

Navien entfuhr ein spitzer Schrei: "ER WEISS NICHT, WIE MAN AGIERT?! Leb wohl, Mutter! Dein Sohn wollte dir noch so viel erzählen, doch er wird hier sein Leben lassen, weil der Neue weder weiß, wie man sich bewegt, noch wie man zuschlägt!!!"

Leonard blickte kurz leidend geradeaus, fuhr dann aber fort: "Mit dem Befehl 'Aktionen' führst du Angriffe aus. Entweder kämpfst du mit einer ausgerüsteten Waffe, oder du benutzt eine Fertigkeit deines Berufs. Ich bin Schwarzmagier von Beruf. Somit kann ich Schwarzmagie einsetzen." Er musste exakt eine Sekunde warten, ehe er die Stimme ihres Vizekommandanten vernahm, der sich enthusiastisch mit den Kameraden unterhielt: "Das ist wirklich unglaublich. Ein Schwarzmagier, der Schwarzmagie einsetzen kann! Ich meine, ich bin ein Schütze, aber meinst du, ich könnte mit Pfeilen umgehen? Nicht mal, wenn's um mein Leben ginge!" Leonard schüttelte resigniert den Kopf und ging einige Schritte voran: "Lass uns einmal versuchen, die Fertigkeit 'Feuer' zu benutzen."

Navien rümpfte die Nase: "Ich weiß ja nicht, was der Neue mit Leos Fertigkeiten zu schaffen hat, aber wahrscheinlich möchte ich das auch gar nicht... Seht ihr, er hat's auch ganz allein geschafft." Zufrieden beobachteten sie, wie einige Federn angesengt zu Boden schwebten und Cresta kreischend zusammenzuckte.

Wieder wandte sich Leonard an Luso: "Magie ist ein äußerst effektives Angriffsmittel. Jeder Einsatz kostet dich allerdings MP. Der MP-Wert füllt sich mit jeder Runde wieder etwas auf. Trotzdem solltest du keine MP verschwenden."

Navien nickte: "Ja, vor allem, weil man mit lächerlichen zehn Pünktchen in einen mörderischen Kampf zieht. Wer immer sich diese Regel ausgedacht hat, sollte sein Gehirn mit Weißbrot austauschen, dann hätte er mehr Intelligenz im Kopf. Bis sich so ein Magier dazu bequemt, sich nützlich zu machen, haben wir Krieger das Feld schon längst gesäubert." Er schlug mit Makoro und Rantham ein.

Cid ließ zuversichtlich die Fingerknöchel knacken: "So, Luso, jetzt bin ich an der Reihe. Für diesmal entscheide ich selber, was ich tue."

"Das solltest du", murmelte Navien besorgt, "Du bist unser Anführer!"

"Ich kämpfe als 'Gast' an deiner Seite und du kannst mir keine Befehle erteilen. Trotzdem bleiben wir natürlich Freunde! Ich werde ziemlich sauer, wenn du aus Versehen mich angreifst!"

"Ein Gast im eigenen Clan", seufzte der Hume, "Wie tief kann man fallen, Cid?" Makoro zupfte ihn am Ärmel: "Du, was heißt denn das jetzt, kupo?" Navien überlegte kurz und brummte dann: "Das heißt, dass sich Cid auf den ersten Blick in dieses Würstchen verknallt hat und ihm in seiner grenzenlosen Güte seinen einzigen weltlichen Besitz – den Clan – als Liebesbeweis übergibt." Rantham spuckte den Schluck Wasser aus, den er eben erst aus seiner Feldflasche gesaugt hatte: "ZUR HÖLLE?! Machst du Witze?! Ich lass mich doch nicht von 'nem Balg rumscheuchen!" Navien lächelte humorlos: "Das werden wir sehen, Freunde des schlechten Geschmacks, wir werden sehen..."

Cid setzte die Fertigkeit "Ramme" ein und schaffte es, dem Feind dadurch erheblichen Schaden zuzufügen. Makoro grinste und lehnte sich am Baumstamm an: "Ich bin immer wieder beeindruckt, wie er das kann, kupo. Ich würde abprallen und nur noch Sterne sehen, wenn ich einem Gegner mit solch einem Mittel gegenübertreten würde!" Navien schnaufte durch die Zähne: "Nur Dumpfbacken wie Bangaas sind so leichtsinnig." Rantham knurrte warnend, doch er ließ sich davon nicht stören: "Wenn du was richtig Eindrucksvolles sehen willst, dann warte, bis wir erst unsere Klingen mit einem Samurai kreuzen. Wie der sein Leben für seine in Bedrängnis geratene Gefährten opfert, das ist wirklich beeindruckend!"

"Hörst dich ja total devot an", neckte Rantham, "Gedenkst du etwa, umzuschulen?" Navien grinste überlegen: "Das hättest du wohl gerne, was? Ich geh drauf, während du dich in meiner Lebensenergie suhlen kannst! Nee. Ich werde Jäger. Sich anpirschen, aus der Ferne angreifen, sofort wieder abtauchen... Das sind die richtig üblen Nervensägen." Er stand kerzengerade und wies enthusiastisch gen Himmel: "Ich habe nur ein Ziel: Den Feind so zur Weißglut zu treiben, dass er sich selbst enthauptet! Das ist das wahre Leben, haha!" "Der Job passt zu dir", prustete der Bangaa. Makoro nickte entschieden: "Dann werde ich Zeitmagier und sorge dafür, dass du so schnell wirst, dass die Gegner überhaupt keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen!" Sie kicherten in erwartungsvoller Schadenfreude.

Dann beobachteten sie, wie sich Luso auf dem Kampfschauplatz schlug. "Schon komisch, wie professionell sich so ein aus heiterem Himmel auftauchender Ausländer verhält, nachdem man ihm noch vor wenigen Minuten die entscheidende Relevanz der Fortbewegung erläutern musste", murmelte Navien, schlug dann jedoch mit einer Faust in eine Hand und rief, "Ah! Natürlich! Ist das der vielgerühmte Freundschafts-Boost?!"

Mogry und Bangaa sahen ihn verständnislos an. Begeistert erklärte er: "Es heißt in alten Schriften, dass, wenn man auch von einer Sache keine Ahnung hat – Kämpfen zum Beispiel – diese Wissenslücke in Zeiten der äußersten Not durch die intensiven Gefühle der Freundschaft, des Zusammengehörigkeitsgefühls, des Mutes und der Entschlossenheit gefüllt werden kann!" Er sprang erneut auf und breitete die Arme aus: "Du siehst deine Verbündeten in Bedrängnis und – TADAAA – schon erhältst du einen nie erfahrenen Kraftschub. Du könntest plötzlich BÄUME AUSREISSEN!" Er blickte auf das Kampfgetümmel und legte mit funkelnden Augen die Hände an die Wangen: "Oh, ich kann es sehen! Ich kann es sehen, die Not! Ich spüre die Macht in mir aufsteigen! Ich komme, Cid, alter Freund, Leonard, mein treuer Gefährte, OPHELIA, MEIN HERZ! ICH HELFE EUCH!!!"

Tatsächlich vermeinten die mit ihm Zurückgebliebenen, eine strahlende Aura von ihm ausgehen zu sehen und fingen begeistert an, ihn lauthals anzufeuern. Er zückte einen Pfeil, zog ein Bein in die Pose eines Amors, visierte den Gigatrice an, der unter normalen Umständen viel zu weit entfernt gewesen wäre, um eine Gefahr in dem schlanken Schützen zu sehen, und spannte seinen Bogen bis zum Äußersten. Das Geschoss trennte sich von der Sehne, raste mit hoher Geschwindigkeit zwischen den Blättern und Stämmen der Gewächse hindurch, durchschlug ein in alle Winde zerstäubendes Spinnennetz...

Und trudelte kurz vor Austritt aus dem Wald ermattet zu Boden.

Die Drei, noch immer in Pose geworfen, sahen ihn an einem großen Pilz zerbrechen.

Einige Minuten lang sagte keiner ein Wort. Doch dann ließ Navien seine Arme sinken, schnaufte ratlos und stellte fest: "Es hat nicht geklappt." Die anderen nickten stumm. Makoro schluckte mühsam: "Er... ist noch nicht mal im Hut steckengeblieben..." Navien runzelte die Stirn: "Warum hat es nicht geklappt?" Sie zuckten mit den Schultern. Sein Blick verfinsterte sich: "Warum hat es nicht geklappt?! ... Warte! Ist etwa die Freundschaft nicht stark genug?!"

Sein Blick fiel auf Rantham, dem weiterer Verlegenheitsschweiß von der Schläfe perlte. Er beugte sich herunter und packte den Bangaa am Kragen: "Das Band unserer Freundschaft war nicht stark genug?! Freundschaft, die Berge versetzt! Freundschaft, die den Tod besiegt! Freundschaft, die selbst an ein paar unwesentlichen Wettschulden nicht zerbricht! RANTHAM!!! BIST DU ETWA NICHT MEIN FREUND?!" Das Reptil starrte ihn mit halb zugekniffenen Augen düster an: "Nicht 'ein paar', sondern dreimal sechs Mille. Und ich will nicht mein ganzes Leben drauf warten, Navien."

Makoro zog Navien verzweifelt am Hosenbein, um ihn mit einem Ablenkungsmanöver von dem peinlichen Thema abzubringen: "He, Halbboss. Kannst du mir mal sagen, warum unsere Nahkämpfer das Federknäuel so waghalsig von vorne angreifen, kupo? Ich meine, außer Leo stehen sie alle voll in der Schussbahn von Crestas Angriffen!" Navien ließ Rantham los und setzte sich wieder: "Stimmt, jetzt wo du's sagst... Che, sind die Jungs zu blöd, um drauf zu kommen, dass man nicht immer nur auf Heldenmut vertrauen sollte?" Rantham schüttelte den Kopf: "Yo, nennst du deine Liebste etwa blöd? Ophelia würde ihre hübschen Öhrchen doch nicht in Gefahr bringen, wenn sie es vermeiden kann. Nee, da muss was anderes im Busch sein..."

Nach kurzer Beobachtungsphase schlug sich Navien frustriert vors Gesicht: "Boah, ich halt's nicht aus! Die Seite wär total der tote Winkel von dem Gockolores! Ich hätte ihm schon längst die ein oder andere Schwanzfeder abgeschossen! Aber ich glaube fast, das Biest ist so fett, dass die Speckschicht es vor Nahkampfangriffen schützt! Ah! So nervig!" Ein heller Schrei erfüllte die Luft und sie sahen, wie die Viera stöhnend in die Knie ging.

Erneut musste Rantham Navien zurückhalten, als der Hume zu schäumen begann: "EUFELSGEWÄCHS!!! WO HAST DU MEINER BRAUT GERADE HINGEPICKT?!" Der Bangaa weinte Tränen der Verzweiflung, als sein Kamerad ihm in seinem Zorn zwischen die Beine trat. "Hey, Schluss mit der Herumalberei, kupo", schimpfte Makoro aufgeregt, "Ich glaube, Cresta hat keine Lust mehr!"

Sie hörten ein lautes Krähen und sahen schnell zum Kampfschauplatz hinüber. Das gefiederte Monster schlug aufgeregt mit den Flügeln und wog auffallend agil hin und her. Plötzlich sprang es in die Höhe und ließ noch einmal ein donnerndes Brüllen ertönen, ehe es seine Jungen und die Kameraden ihrem Schicksal überließ und sich in die Lüfte erhob. Navien schirmte sich die Augen vor der Sonne ab und blickte dem Wesen mit nicht gelinder Bewunderung hinterher: "Wow, ich hätte nie gedacht, dass so ein Fettkloß tatsächlich fliegen kann! Schade, dass er geflohen ist, er hätte sicher großartige Chicken Nuggets abgegeben. Ich habe schon lange nichts mehr Proteinhaltiges zwischen die Zähne bekommen!" Makoro piepste missbilligend: "Wir können froh sein, dass er abgehauen ist! Leonard hat's erwischt und Cid sieht auch nicht mehr besonders fit aus." "Kein Wunder, bei diesem bekloppten Angriff", lästerte Navien lässig und handelte sich einen Schlag auf den Kopf von Rantham ein. Sie lauschten der Konversation der zufriedenen Gewinner.

"Heute scheint noch mein Glückstag zu werden, hehe!"

"Das hätten wir geschafft! Ich schlage vor, wir verlassen schnellstens diesen Ort und kehren heim."

"Ähm, Cid... Ich, äh..."

"Da mach dir mal keinen Kopf. Wir werden dich nicht mutterseelenallein hier im Wald zurücklassen."

"Natürlich nicht", brummte Navien, "Der Typ landet mitten in einem unserer Gefechte, weiß nicht, wo er ist und weiß nicht, was wir sind, aber unser großherziger Weltverbesserer Cid muss ihn natürlich sofort adoptieren. Manchmal habe ich seine verdammten Ideale so satt. Damals war er wenigsten noch verantwortungsbewusst. Heute ist er einfach nur noch leichtfertig." Makoro grinste und tätschelte ihm die Schulter. Der Mogry war natürlich Feuer und Flamme für ein weiteres Temperamentsbündel im Team, aber der rational veranlagte Hume hatte keinen Bedarf mehr an Hitzköpfen in den eigenen Reihen. Sie verhießen nichts anderes außer einem Haufen Arbeit, Befehlsverweigerung und Ärger.

"Ihr nehmt mich also mit? Oh, danke! Im Eifer des Gefechts habe ich alles andere völlig vergessen. Ich weiß ja nicht einmal, wo ich hier bin. Ich habe überhaupt keinen Plan..."

"Das können wir alles nachher klären. Ich wüsste da auch gern ein paar Dinge. Es passiert nicht grad alle Tage, dass ein Kind einfach so vom Himmel fällt."

Ein verärgertes Grollen entfuhr Lusos Magen und er hielt sich mit einer Grimasse den Bauch: "Oh... Habt ihr eigentlich schon...? Ähm... ich habe noch kein Mittag gegessen..." Cid platzte lauthals los: "Haha. Du bist mir ein Held! Willst hungrigen Monstern das Maul stopfen und hast selbst nichts im Magen! Dann wollen wir lieber schnell heim und 'nen Happen essen. Danach können wir in aller Ruhe quatschen."

Damit drehte er sich zu Ophelia und Leonard, den der Richter inzwischen wiederbelebt hatte, um und scheuchte sie zurück in den Wald Richtung Dorf. Navien seufzte, als er Luso neben Cid herlaufen sah und dachte: "Na toll. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir uns mit dem Balg einen Riesenhaufen Ärger eingehandelt haben." Er ließ sich rückwärts vom Ast fallen und gesellte sich an die Seite seiner Freundin, die lächelnd seine Hand nahm und beruhigende Worte in sein Ohr flüsterte.

Denn Ophelia war die Einzige, die sein mürrisches Wir-haben-ein-Problem-Gesicht von seinem mürrischen Ich-seh-immer-so-aus-also-nerv-mich-nicht-Gesicht unterscheiden konnte.
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