Ich lebe nur für Pandora

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12
09.04.2012
22.04.2012
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Ich war noch nie ein normales Mädchen gewesen.
Schon in der Schule fühlte ich mich durch einen schmalen Grad von allen anderen geteilt. Zwar hatte ich Freunde wiejedes andere Kind meines Alters auch, doch fühlte ich mich nie wie ein Teil der Gemeinschaft. Eine meiner besten Freundinnen, Rebecca, spielte für gewöhnlich in jeder großen Pause mit ihren Puppen, die ich schon immer als gruselig empfunden hatte. Eines Tages, Rebecca spielte wieder mit ihrer Lieblingspuppe, hatte ich mich auf das geheime Baumhaus geflüchtet, das wir uns selbst gezimmert hatten. Wahrscheinlich war der Grund, warum man uns verboten hatte es zu betreten, genau der, das wir es selbst gebaut hatten. Ich erinnere mich noch, dass es immer heftig zu schwanken und zu knarren begonnen hatte, wenn sich mehr als drei Kinder darin befanden. Ich machte es mir im Baumhaus gemütlich, da ich nicht gerne in aller Öffentlichkeit schmollte. Der „fiese“ Jungeaus der Parallelklasse hatte mir einen Kaugummi in die Haare geklebt, woraufhin ihn mir die Lehrerin mit der Schere herausschneiden musste.
Ich liebte mein langes, damals noch blondes Haar ebenso sehr, wie meine blauen Augen, die zum Rande der Pupille hin gelb wurden. Nein, ich bezeichnete diese Farbe nicht als Grün, da ich Grün als hässlich empfand. Schon wieder eine dieser Sachen, die sich mit jenem Tag veränderten, denn heute mag ich Grün.
Voller Trauer über den Verlust eines gefühlten Büschels meiner Haare, schlang ich meine Arme um die Knie und begann zu weinen. Doch meine Trauer hielt nicht lange an. Rebecca als meine beste Freundin suchte mich sofort im Baumhaus; leider hatte sie ihre schreckliche Puppe mitgebracht. Sie wollte mich eigentlich nuraufheitern, hielt mit das hässliche Ding vor die Nase und sprach mit verstellter Stimme: „Nana, wer wird denn da tr…“ weiter kam sie nicht, da ich ihr mit voller Wucht auf die Nase schlug. Ich hatte sie nicht kommen gehört, und als ich erschrocken aufgeblickt hatte, starrte mich das einzig übriggebliebene, vergilbte Auge unter dem struppig schwarzen Haar dieser Puppe mit gleißender Verrücktheit an. Leider war ich kräftig und sie nicht auf meinen Schlag gefasst, sodass sie aus dem Baumhaus stürzte und sich den rechten Arm brach. Es reichte nicht, dass Rebecca nie mehr ein Wort mit mir sprach, denn ich musste auch noch den Spitznamen „Killer“ ertragen.
Seit diesem Vorfall habe ich alles Recht zu behaupten, schon als Kind von den anderen verstoßen und genecktworden zu sein. Die Mädchen mochten mich nicht, weil ich von den Jungen gefragt wurde, ob ich ihnen meinen rechten Haken zeigen konnte, und die Jungs hatten Angst vor mir, weil ich ihnen den Haken zeigte. Ich weiß, dass Gewalt keine Lösung ist, aber blödeFragen brauchen blöde Antworten, das war schon damals meine Meinung. Wenn ich denn Zeit mit jemand anderem verbrachte, dann war das Arschi, der eigentlich Aaron hieß und sich als äußerst hartnäckig erwies. Seinen Spitznamen hatte er mir undjener Tatsachezu verdanken, dass er in der Schule der Neue war. Ich beneidete diesen armen Trottel nicht im Geringsten, als er schon am ersten Schultag angelatscht kam, nämlich zu mir, jenem Mädchen, das wohl als der extremste aller Freaks galt. Wie er am ersten Tag gekommen war, kam er auch am letzten Tag. Treu wie ein junger Hund rannte er mir immer hinterher und ich hatte in der ersten Zeit die schönste aller Freuden, ihn öffentlich zu quälen. Mein Hass auf meine Mitschüler entlud sich über ihm, was mir im Nachhineinziemlich leidtut. Irgendwann begann es mich zu langweilen ihn zu ärgern, da er niemals wirklich betroffen war und erst recht nicht anfing zu weinen.
Wir wurden Freunde. Er ist heute, abgesehen von meiner Mutter, der einzige Mensch der mir manchmal wirklich fehlt. Und dabei nicht einmal weil er kochen kann oder Netze knüpfen, sondern weil ich mir manchmal einfach nur seine Gegenwart wünsche. Es wäre sehr beruhigend für mich, nachts am Lager zu sitzen und in sein lustiges Gesicht zu blicken, ihn ein wenig zu necken und ihm dann eine Kopfnuss zu verpassen.
Ja, das würde mir gefallen.
Leider wurden wir älter und ich ging auf eine andere Schule als er. Ich war zur Black State University in Kanada gewechselt, wo man mir die Möglichkeit bot, sowohl Linguistikals auch Signalübermittlung zu studieren. Mir war schon immer klar gewesen, dass ich an diese Universität gehen würde, denn ich wusste genau, dass ich einmal selbst in Pandora stehen und mit den Na´vi ihre Sprache sprechen wollte, und das am besten mit meinem eigens herangezüchteten Na´vi- Körper. Ich wollte allen Leuten, die niemals an mich geglaubt hatten eine Lehre erteilen, ich wollte neue Wege für die Menschen bauen, sodass sie endlich Frieden schließen konnten mit der Urbevölkerung dieses neuen Planeten und vor allem wollte ich wissen wie es war, einer von ihnen zu sein. Ich sah Pandora als eine Chance endlich akzeptiert werden zu können, als ein Neubeginn als völlig andere Person. Ich war felsenfest überzeugt von der Idee, mich in die Gruppe der Na´vi eingliedern zu können und meine Gedanken kreisten Tag ein Tag aus bloß um diesen einen Wunsch. Ich war an der Black State also gut aufgehoben, auch wenn ich Arschi dafür verlassen musste. Heute sehe ich diesen Entschluss als Schlüsselereignis für mein jetziges Leben. Ich wäre niemals in der Lage gewesen heute so zu sein wie ich bin, wäre ich nicht damals schon so fokussiert darauf gewesen, einmal selbst nach Pandora zu kommen. So denke ich, dass dies die beste Entscheidung meines Lebens war.

by Soray