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Der Abend danach

von Desii
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
05.04.2012
23.08.2012
12
15.755
 
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90 Reviews
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11 Reviews
 
05.04.2012 1.652
 
Wow, ihr seid fantastisch – 9 Reviews für das letzte Kapitel. Ein großes Dankeschön an alle Reviewer und Leser! Das motiviert so ungemein.

Viel Spaß jetzt beim Hauptgang – im doppelten Sinne… :-)

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Und das war der Moment, in dem die Welt still zu stehen schien.

„Wieso hast du mich damals alleine gelassen?“ Wie ein Echo schallte Leos Frage in seinem Kopf nach – immer und immer wieder. Sein Herzschlag war das einzige, was Brenner noch bewusst wahrnahm – und natürlich die Frau, die ihm gegenüber saß und die ihn auffordernd und gleichzeitig gespannt ansah. Aber er bemerkte noch etwas anderes in ihrem Blick: Traurigkeit – Traurigkeit über verpasste Gelegenheiten, verlorene Momente und eine nie da gewesene, unbeschwerte Zeit, wie sie hätte sein können, aber niemals war.

Brenner traute sich kaum, Leo und damit vor allem der Wahrheit in die Augen zu sehen. Er hatte erwartet, dass sie die Frage nach dem „Warum“ stellen würde. Wenn etwas in all den Jahren ihre Beziehung zueinander verändert hatte, dann war es diese Nacht vor drei Jahren gewesen. Die Nacht, die alles zum Positiven hätte verändern können, die aber letztendlich ihr Verhältnis nur komplizierter gemacht hatte – was hauptsächlich sein Verschulden war.

Er erinnerte sich an diesen Tag, als sei er erst gestern gewesen. Wie kleine Blitze zogen die Geschehnisse von damals an ihm vorbei. Leo und er waren nach dem erfolgreichen Abschluss eines komplizierten Mordfalles noch gemeinsam in eine Kneipe nahe der Soko gegangen. Es war ein Freitag und das Wochenende stand bevor. Eigentlich hatte Leo gar nichts trinken wollen, aber die gute Laune über den gelösten Fall hatte ihr Vorhaben schnell zunichte gemacht. Der ganze Abend war vor allem durch eine lockere, gelöste Stimmung zwischen ihnen beiden geprägt gewesen und die Zeit war wie im Flug vergangen.

Als der Wirt irgendwann zu später Stunde das letzte Bier gezapft hatte, hatten er und Leo einfach beschlossen, noch zu ihm zu fahren und den Abend dort ausklingen lassen. Das hatte sich spontan ergeben und war von Brenner keinesfalls geplant gewesen – wenn er auch sicher nichts dagegen hatte, dass seine hübsche Kollegin noch auf ein letztes Getränk mit zu ihm kam.

Doch als sie dann in Brenners Wohnung mehr als ein einziges Bier getrunken, eine Pizza als Mitternachtssnack in den Ofen geschoben und seine Lieblingsschallplatten von früher gehört hatten, war die Stimmung plötzlich gekippt.

Brenner hatte diesen Moment auch jetzt noch ganz genau vor Augen: Leo hatte vor seiner Plattensammlung, die in verschiedenen Kisten unter seinem Wohnzimmerregal  untergebracht war, gekniet und nach einer Platte gesucht, die sie selber als Jugendliche toll fand. Als sie dann etwas nach ihrem Geschmack gefunden hatte, war sie aufgestanden und hatte sich zu ihm herum gedreht. Und in dem Moment war es passiert – warum und weshalb, wusste er heute selber nicht mehr so genau. Plötzlich hatte er ihre Hand gehalten und mit der anderen freien ihr Gesicht zu sich heran gezogen. Und dann hatte er sie geküsst. Ganz sanft, ganz vorsichtig.

Und ab da hatte er gespürt, dass etwas anders war als sonst. Da war dieses Kribbeln gewesen. Dieses Kribbeln, das nicht nur in seinen Körper, sondern auch in seine Seele ausstrahlte, das ihn komplett umfing – und das er nicht einordnen konnte. Zumindest damals noch nicht.

Eigentlich war das auch der Moment gewesen, wo er die ganze Sache hätte abbrechen können, vielleicht sogar abbrechen sollen. Aber er hatte es nicht gekonnt. Leos Lippen auf seinen, seine Hände an ihrer Taille, ihre Hände an seinem Rücken, die ihn sanft streichelten. Es war wie ein Rausch. Ein Rausch, der sie beide antrieb und sie schließlich in seinem Bett landen ließ. Haut an Haut – nur sie beide in diesem einen wunderbaren Moment.

Auch jetzt, drei Jahre später, war diese Nacht in Brenners Erinnerung wie eingebrannt. Und unwillkürlich umspielte ein leichtes Lächeln sein Gesicht.

Aber das hier war nicht die Situation von damals. Drei Jahre lagen zwischen dieser Nacht und der Situation jetzt. Drei lange Jahre waren seitdem an Leo und ihm vorbei gezogen – endend damit, dass Leo ihm jetzt in genau diesem Moment gegenüber saß und eine Antwort auf eine eigentlich einfache Frage haben wollte. Und die Ironie an der Sache war, dass auch seine Antwort eine einfache sein würde.

Brenner atmete tief durch. Es fiel ihm nicht leicht, mit Leo so offen darüber zu sprechen. Aber er wusste in dem Moment, wie seine Antwort auf ihre Frage lauten würde.

„Weil es so schön war, Leo“.  Nur diese sechs Worte. Ganz klar, ganz simpel, ganz einfach.

Er zwang sich, sie anzuschauen und ihr fest in die Augen zu blicken. Sie starrte ihn an.

Mit dieser Antwort hatte Leo nicht gerechnet. Eigentlich hätte sie erwartet, dass Brenner sich in irgendwelchen Ausflüchten verlieren oder ausschweifende Erklärungen zu seiner Verteidigung abgeben würde. Aber das tat er nicht. Stattdessen nur ein einziger Satz.

Weil es so schön war? Es dauerte einige Sekunden, bis ihr die Bedeutung seiner Worte klar wurde. Er war geflüchtet. Geflüchtet vor einer Situation, die er bis zu dieser Nacht vor drei Jahren noch nie erlebt hatte. Geflüchtet vor seinen eigenen Gefühlen – Gefühlen, die er nicht hatte einordnen können und die ihm Angst gemacht hatten.

Noch immer blickte Brenner Leo an. Er merkte, dass sie mit sich kämpfte. Und in dem Moment, in dem sich in ihren Augen Tränen sammelten, merkte er: Sie hatte verstanden.

Niemand von ihnen sagte ein Wort. Stattdessen griff Brenner über den Tisch und nahm Leos Hände fest in seine. Sanft streichelte er über ihren Handrücken. „Bitte, Leo, verzeih mir. Ich war so ein Idiot. Aber als ich Dich am Morgen danach so da liegen sah und du dich im Schlaf an mich gekuschelt hast, da wusste ich überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich….“

Doch weiter kam er nicht. „Du hast Recht, Brenner“, unterbrach Leo ihn. „Du bist wirklich ein Idiot. Wobei das eigentlich noch untertrieben ist“. Sie schluckte und räusperte sich: „Eigentlich bist du sogar ein ziemlicher Idiot“. „Das Problem an der Sache ist nur“, fuhr sie fort, „dass dieser ziemliche Idiot mir nicht ganz unwichtig ist“.

Brenner richtete sich auf. Jetzt war er es, der sie auffordernd anblickte. „Bin ich nicht?“

„Nein, bist du nicht“, entgegnete Leo. Sie hatte ihre Stimme wieder gefunden und sprach jetzt fest und klar. Die tränende Flüssigkeit in ihren Augen war einem glänzenden Funkeln gewichen.

„Und was heißt das jetzt, Leo?“, Brenner lächelte sanft. „Das heißt, dass der ziemliche Idiot jetzt beweisen muss, dass er bei der nächstbesten Gelegenheit nicht wieder vor mir davon rennt“.

„Glaub mir, Leo, das werde ich nicht. Ich weiß jetzt, was ich will“. „Und das wäre?“, Leo blickte ihn lächelnd an.

„Ach, Leo, das weißt du doch jetzt“. So ganz geheuer war Brenner dieses Gespräch über seine Gefühle immer noch nicht. „Ich will es aber hören“, entgegnete Leo ihm. So leicht würde sie sich diesmal nicht von ihm abspeisen lassen.

„Darf ich abräumen?“, kam es plötzlich von der Seite. Leo und Brenner hatten gar nicht gemerkt, dass der Kellner wieder an ihren Tisch heran getreten war. Brenner fing sich als erster: „Ja, Sie dürfen“. Um im Gegensatz zur Situation noch eine halbe Stunde vorher ließ er Leos Hände diesmal nicht los. Stattdessen blickte er sie lächelnd an. Es war ihm in diesem Moment auch egal, dass Leos und seine ineinander liegenden Hände dem Kellner das Abräumen des Suppengeschirrs etwas erschwerten und ein kleiner Balanceakt seitens des Restaurantangestellten notwendig war, um die benutzen Teller möglichst geräuschfrei einzusammeln.

Immer noch lächelte Brenner Leo aufmunternd zu.

„Möchten die Herrschaften denn jetzt schon das Hauptgericht bestellen?“. Noch immer stand der Kellner neben ihnen am Tisch, auf dem linken Arm das abgeräumte Geschirr haltend.

„Ich denke fast, wir hatten unser Hauptgericht schon“, murmelte Leo so leise, dass nur Brenner es verstand. Dieser blickte sie überrascht und gleichzeitig erfreut an und verstärkte den Druck seiner Hände in Leos noch. Mit dem Daumen fuhr er über ihren Handrücken.

Eigentlich war Leo das Essen in dem Moment völlig egal geworden. Brenners Geständnis hatte ihren ursprünglich hungrigen Magen völlig in den Hintergrund gerückt. Aber sie wollte diesen besonderen Abend nicht abrupt beenden, sondern stattdessen die wundervolle Atmosphäre in diesem Restaurant und das Gespräch mit Brenner, das schon so lange hätte stattfinden können – nein, müssen – weiter genießen.

„Bestell du für uns beide“, forderte Leo Brenner liebevoll auf. Sie selber wäre jetzt nicht in der Lage gewesen, sich bei den ganzen Köstlichkeiten auf der Speisekarte für eine bestimmte zu entscheiden. Aber die große Auswahl war dafür nicht der einzige Grund. Ihr Herz klopfte, ihre Gedanken rasten und ihr ganzes Denken und Fühlen war in dem Moment auf den Mann ausgerichtet, der ihr dort gerade gegenüber saß und ihr – wenn auch auf eine etwas unbeholfene Art – soeben klar gemacht hatte, dass er Gefühle für sie hatte.  

„Dann nehmen wir zweimal das Rumpsteak mit Pommes Frites und Saisongemüse, bitte“, gab Brenner die Bestellung für sich und Leo auf. Der Kellner nickte bestätigend und entfernte sich vom Tisch. Nur das leichte Aneinanderklirren der Suppenterrinen auf seinen Armen war noch zu vernehmen.

Doch genau wie Brenners Bestellung nahm Leo auch das kaum noch wahr. Sie lächelte still in sich hinein. Wie oft hatte sie sich in den vergangenen drei Jahren gewünscht, so einen Abend wie diesen zu erleben. Einen Abend, an dem Brenner endlich einmal ehrlich zu ihr und vor allem zu sich selber war. Nie hätte sie gedacht, dass dieser Moment wirklich eintreten und Realität werden würde. Sie seufzte hörbar auf – lauter, als von ihr beabsichtigt.

„Ist da etwa jemand in Gedanken?“, zog Brenner sie liebevoll auf. Leo lächelte immer noch: „Ja, allerdings“. Sie machte eine kleine Pause. „Vor allem bin ich in Gedanken immer noch bei meiner letzten Frage“.

„Welche letzte Frage denn?“, wich Brenner schmunzelnd aus.

„Das weißt du genau“. Leo blickte ihn mit funkelnden Augen an. „Ich habe dich gefragt, ob du weißt, was du willst. Und da wir heute Abend schon bei der Wahrheit sind, möchte ich jetzt eine ehrliche Antwort darauf. Also, Brenner, was willst du? Oder sollte ich besser fragen, wen?“
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