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Der Abend danach

von Desii
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
05.04.2012
23.08.2012
12
15.755
 
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05.04.2012 1.692
 
Ihr Lieben,

es tut mir sehr leid, dass dieses Kapitel so lange auf sich hat warten lassen, aber mich hat eine schwere Erkältung erwischt, deren Nachwirkungen ich leider immer noch spüre – und wenn ich krank bin, dann bin ich alles, aber nicht besonders kreativ. :-( Und ich wollte nichts posten, mit dem ich selber nicht zufrieden gewesen wäre. Daher diese Verzögerung.

Übrigens wollte ich an dieser Stelle mal sagen, wie begeistert ich davon bin, dass hier derzeit die Countdown-FFs wie Pilze aus dem Boden schießen! Das zeigt mal wieder, wie viel Potenzial diese Serie hat. Und die Tatsache, dass die meisten Autoren das Ende um- oder eine vierte Staffel weiterschreiben, zeigt, wie wenig die Fans mit diesem furchtbaren Serienfinale klar kommen.

Also, RTL, wenn Ihr das lest: Spätestens jetzt müsstet Ihr wissen, was zu tun ist…

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Als Frau - als Frau - als Frau… Immer und immer wieder klangen die Worte Brenners in Leos Kopf nach. So wie eine Schallplatte, die an einer bestimmten Stelle nicht weiterkommt und ständig dieselbe Liedpassage wiederholt. In Leo arbeitete es. Sie merkte gar nicht, dass seit Brenners Ausspruch bereits einige Sekunden vergangen waren und sie seitdem keinen einzigen Ton mehr gesagt hatte.

Ihre Gedanken fuhren Achterbahn. Was bedeutete das? Als Frau und nicht als Polizistin? Eigentlich konnte es ja nur eines bedeuten. Aber das war Brenner, der es gesagt hatte. Der Brenner, der wahrscheinlich die Hälfte aller weiblichen Schlafzimmer in Köln kannte. Er konnte das nicht ernst gemeint haben. Es musste etwas anderes bedeuten.

Aber warum hatte er dann heute Nachmittag vor dem Wohnheim diese Worte zu ihr gesagt? Die Worte, die eigentlich nur eines ausgedrückt hatten: Dass er sich verändert hatte.

Leo starrte auf ihre Hände. Es war mehr eine unbewusste als eine wirklich gewollte Handlung. Nervös rieb sie den Zeigefinger ihrer rechten Hand an ihrem Daumen.

Brenner beobachtete sie still. Er war fast schon über sich selbst überrascht, dass er Leo tatsächlich diese Antwort gegeben hatte. „Als Frau“ – fast unmerklich schüttelte er über sich selber den Kopf. Wieso hatte er das nicht schon damals zu ihr sagen können? Vielleicht wäre dann vieles anders gekommen. Und vielleicht wäre dann auch in der Zeit danach bis heute vieles leichter gewesen.

„Leo?“, er blickte sie an – lächelnd, aber trotzdem etwas unsicher. Sie sah zu ihm auf. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie wohl schon seit einigen Momenten überhaupt nichts mehr gesagt hatte.

„Oh, entschuldige bitte, ich…..“. Sie stockte. „Ja?“. Auffordernd sah er sie an.

„Ich… ähm… ich musste Deine Worte erst mal verarbeiten“. „So schlimm?“, er zwinkerte ihr zu.

Da war er wieder. Der Brenner, der selbst in emotionalen Ausnahmesituationen wie diesen versuchte, den Zustand auf eine Mischung zwischen normal bis locker-witzig herunter zu fahren. Obwohl, wenn Leo es sich recht überlegte, hatten sie sich bisher noch nie in einer Situation wie dieser befunden. Stattdessen waren sie immer wieder vor ihren eigenen Gefühlen davon gelaufen.

„Okay, ich merke schon, Frau Bongartz ist sprachlos. Dass ich das noch erleben darf“, witzelte Brenner weiter, nachdem Leo schon wieder einige Sekunden geschwiegen hatte. Leo blickte ihn nur an. „Hallo, Erde an Leo, ist jemand zuhause?“, versuchte Brenner es weiter.

Leo war klar, dass sie langsam reagieren musste. Sie kannte ihren Kollegen. Er würde nicht eher locker lassen, bis sie sich klar zu seiner Aussage geäußert hätte, notfalls so lange und so laut, bis auch die anderen wenigen Gäste im Restaurant „Rheinblick“ jedes einzelne seiner Worte hätten verstehen können.

„Brenner…. Also…. Ich bin überrascht, wirklich“. Er blickte sie daraufhin grinsend an. „Leo, du weißt doch, dass ich immer wieder für eine Überraschung gut bin, besonders bei dir. So gut müsstest du mich mittlerweile kennen“. Seine Stimme wurde leiser: „Also, was ist jetzt?“

Leo bemerkte, dass er sie fast schon flehend anschaute. Das war ein Ausdruck, den sie von Brenner so eigentlich nicht kannte. Wieder einige Sekunden lang dachte sie nach.

Und in diesem Moment beschloss sie, den Spieß herum zu drehen und ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. „Du willst also wissen, ob du mein Sahnehäubchen als Polizist oder als Mann bist?“, auffordernd schaute sie ihn an und konnte sich dabei ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, als sie bemerkte, dass Brenners eher flehender Gesichtsausdruck einer leichten Irritation wich.

Und er war irritiert. Denn mit so einer Antwort von Leo hätte er in dieser Situation nicht gerechnet. Er hatte gehofft, dass sie es ihm etwas einfacher machen würde. Andererseits war er es ja auch selber schuld, dass sie jetzt klare und vor allem überzeugende Worte hören wollte – und das wusste er.

„Ja, Leo, das würde ich schon gerne wissen“.  Seine Partnerin senkte ihre Stimmte: „Das sage ich dir… nach dem Sahnehäubchen“. Brenner war noch irritierter. Welches Sahnehäubchen? Das war doch jetzt gar nicht mehr das Thema.

Währenddessen kämpfte Leo gegen ihr Lachen an. Brenners verwirrter Gesichtsausdruck war aber auch Gold wert.

Dann blickte sie an ihm vorbei und machte eine nickende Kopfbewegung – Richtung Küche, von wo aus der Kellner geradewegs in Richtung ihres Tisches kam, in der Hand die beiden Tomatensuppen mit dem Sahneklecks obenauf. „Tja, Brenner, kann es sein, dass du gerade irgendwie nicht mehr alles mitbekommst?“, meinte sie leicht triumphierend. Sie hatte es tatsächlich geschafft, Brenner gegenüber so schlagfertig zu sein, dass er diesmal derjenige war, der nach den passenden Worten suchte – obwohl das in der Vergangenheit eigentlich meistens umgekehrt gewesen war.

Das ließ ihr Kollege natürlich nicht auf sich sitzen. Innerlich schimpfte er zwar auf sich selber, aber das hätte er Leo gegenüber niemals zugegeben. Stattdessen wandelte sich sein irritierter Gesichtsausdruck: „Löööchen, das ist alles Taktik“. „Was ist Taktik?“. „Na, das mit dem Sahnehäubchen. Das habe ich doch extra übersehen“. „Und wieso?“, fragte Leo zurück.

Mist, er hätte wissen müssen, dass seine Kollegin nicht locker ließ. Genauso kannte er sie – zielstrebig, ehrgeizig und stur. Um Zeit zu schinden, griff er zu seinem Aperitif und nahm einen kräftigen Schluck. In Sekundenbruchteilen ging er alle Antwortmöglichkeiten durch, die in dieser Situation irgendwie passend gewesen wären.

Und dann grinste er sie an: „Wenn ich etwas übersehe, dann lässt das ja an meinen Fähigkeiten als Polizist zweifeln. Und wenn ich als Polizist zweifelhaft bin, dann muss ja schon der Mann in mir mein Sahnehäubchen für dich sein“. Sein Grinsen wurde noch größer.

Das war doch wieder typisch Brenner. Gerade, als Leo etwas darauf erwidern wollte, war der Kellner an ihrem Tisch angelangt: „So, die Tomatensuppe für die Herrschaften“. Er reichte Leo die Suppe und konnte sich - mit einem Seitenblick auf Brenner - nicht verkneifen: „Wie vom Herrn gewünscht, mit einer Sahnekomposition als Garnitur“. Dann verschwand er wieder so lautlos, wie er an den Tisch gekommen war.

Brenner griff noch einmal nach seinem Glas, ohne weiter auf seine letzte Äußerung einzugehen. „So, Leo, dann wünsche ich dir einen guten Appetit“. Er prostete ihr zu.

Auch Leo nahm ihr Glas und nahm einen leichten Schluck. Sie blickte ihm direkt in die Augen: „Dir auch, Brenner“.

Ein paar Minuten lang sagte keiner von ihnen beiden ein Wort. Stattdessen ließen sie die kulinarische Delikatesse auf sich wirken. Die Suppe war aber auch wirklich gelungen. Ein leichter Geschmack von Ingwer gab der cremigen Flüssigkeit das gewisse Etwas.

Brenner war der Erste, der das Gespräch wieder aufgriff: „Also, ich will mich ja nicht selber loben, aber ich habe ja schon gut kochen lassen“. Leo lächelte: „Gut, dass du wenigstens einsiehst, dass du das nicht selber gekocht hast“. Gespielt entrüstet blickte er sie an: „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du mir diesbezüglich nicht besonders viel zutraust, Leonie Bongartz“.

Sie lachte zurück, aber dann nahm er Gesicht einen etwas ernsteren Ausdruck an: „Wie denn auch, Brenner? Bis jetzt habe ich dich noch nie selber putzen oder kochen sehen. Das haben immer deine…“, sie stockte, „…weiblichen Bekanntschaften gemacht“.

Brenner merkte, wie schwer es ihr fiel, das auszusprechen. Und er verstand sich im Nachhinein ja selbst nicht mehr. Deshalb war es jetzt umso wichtiger, dass er die richtigen Worte wählte – Worte, die ausnahmsweise mal aus seinem Herzen kamen und nicht aus anderen Körperregionen herrührten.

„Leo, bitte schau mich an“, er griff über den Tisch und nahm ihre Hand. „Ich weiß, dass dich das unglaublich verletzt haben muss. Mann, ich war so ein Idiot. Aber damals….“. Jetzt war er es, der ins Stocken geriet. Er nahm ihre Hand noch etwas fester und streichelte sanft über ihren Handrücken. „Ich habe einfach nicht verstanden, dass ich diese ganzen Frauen eigentlich gar nicht gebraucht hätte“.

Er wartete, ob von Leo irgendeine Reaktion kam, aber sie sagte nichts, sondern blickte ihn nur still an, so als würde sie ihn nicht unterbrechen wollen. Also sprach er weiter.

„Ich wollte frei sein damals. Und ungebunden. Das Leben genießen. Spaß haben. Aber diese ganzen Frauen – die waren einfach nicht wie du“.

So, jetzt war es raus. Endlich hatte er es gesagt.

Leo erwiderte immer noch nichts, sondern schaute ihn weiter ruhig an. Trotzdem war ihm nicht entgangen, dass sie das Streicheln seiner Hand erwidert und mit ihrem Daumen kaum spürbar seine Handlinien nachgezogen hatte.

Brenner deutete ihr Schweigen als Zustimmung, weiter zu reden. „Sie waren nicht wie du, Leo. Keine war auch nur annähernd wie du“.

Bei dieser Äußerung wurde ihr Gesicht plötzlich nachdenklich. Sie zog die Hand zurück und griff zu ihrem Löffel, um die letzten, fast kaum noch vorhandenen Reste ihrer Suppe in der Terrine zusammen zu kratzen.

„Stimmt, Brenner, sie waren nicht wie ich“, Leo blickte auf ihren Löffel, der durch ihr Kratzmanöver nun bis zum Rand mit den letzten Suppenresten befüllt war. „Alle diese Frauen haben eine Sache gemeinsam, die ich nicht hatte.“  Brenner blickte sie fragend an. „Was denn?“

„Weißt du es wirklich nicht?“, in Leos Gesicht war ein wehmütiger Ausdruck getreten. Doch sie wartete seine Antwort gar nicht erst ab, weil sie diesen Teil des Gespräches - den eher unangenehmen, der aber trotzdem ausgesprochen werden musste - so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Sie merkte, wie schwer es ihr fiel, den nächsten Satz zu sagen und damit die Vergangenheit wieder ein Stück weit lebendig werden zu lassen.

„Alle diese Frauen sind am nächsten Morgen nicht alleine aufgewacht“.

Und dann stellte Leo die Frage, die Brenner erwartet, aber gleichzeitig gefürchtet hatte: „Warum bist Du damals gegangen, Brenner? Warum? Wieso hast du mich alleine gelassen?“
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