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Der Abend danach

von Desii
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
05.04.2012
23.08.2012
12
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So, Ihr Lieben, wir sind nun beim Dessert angekommen.
Ich warne Euch direkt mal vor: Es könnte an der ein oder anderen Stelle ein kleines bisschen schnulzig werden. Aber ich kann Brenner ja auch nicht in jeder Situation irgendeinen Spruch raushauen lassen. ;-)
Trotzdem viel Spaß!

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Mittlerweile hatte sich die Nacht über Köln gelegt. Unzählige bunte Lichter am Horizont der Stadt symbolisierten deren Lebendigkeit und die hier das ganze Jahr über herrschende Lebensfreude der Menschen.

Ein lauer Wind wehte sanft über den Rhein und das angrenzende Ufer. Leo nahm diese Brise direkt als angenehme Erfrischung wahr, als sie gemeinsam mit Brenner aus dem Restaurant „Rheinblick“ in die Dunkelheit der Nacht trat. Sie wusste allerdings genau, dass ihr Temperaturempfinden nicht auf die herrschende Wetterlage zurück zu führen war – Hochsommer herrschte nämlich derzeit nicht in Köln. Stattdessen hatte sich die Stimmung zwischen Brenner und ihr während der letzten Minuten ihres Gespräches spürbar aufgeheizt.

Leo war unsicher. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Eigentlich war die Situation zwischen ihrem Kollegen und ihr jetzt geklärt – zumindest hatten sie endlich die Dinge zueinander gesagt, die sie schon lange hätten einander mitteilen sollen. Und jetzt? Sie beschleunigte instinktiv ihren Schritt – unbewusst, so als wollte sie aus der Situation flüchten - und ging auf die große Mauer zu, die den Restaurant-Parkplatz vom Rhein-Ufer trennte. Begleitet von einem fast nicht hörbaren Seufzen stützte sie sich mit den Händen auf den grauen Steinen ab.

Der Ausblick auf die Stadt war überwältigend. Leo fühlte sich fast in eine andere Welt versetzt. Die Dunkelheit, das Farbenspiel, die Stille – nur unterbrochen von den Wellen, die sanft am Ufer plätscherten. Wie schade, dass man sich so oft in Bedeutungslosigkeit und damit den Blick für das Wesentliche verlor. Bei diesem Gedanken musste sie lächeln: Ja, auch sie war in den vergangenen Jahren blind gewesen – zumindest hatte sie vor manchen Dingen die Augen verschlossen, weil sie Angst hatte, diese bewusst zu sehen und wahrzunehmen.

Leo war so in ihr Gedankenspiel vertieft, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, wie Brenner fast lautlos hinter sie getreten war. Erst, als sie seine Hände spürte, die sich sanft auf ihre Schultern legten, erreichte sie auch bewusst wieder die Realität.

„Wundervoll, diese Aussicht, oder?“, sagte er leise und Leo spürte, wie er sie von der Seite aus ansah. Sie konnte nicht mehr als wortlos nicken. Aber in diesem Moment wollte sie auch gar nicht reden, sondern einfach nur die Situation genießen und bewusst wahrnehmen.

Eine ganze Zeitlang standen sie beide einfach nur so da – schweigend, seine Hände auf ihren Schultern. Nur einmal wechselte Brenner kurz die Position, als er die Berührung intensivierte und seine Hände sich in eine Umarmung von hinten verwandelten. Leo nahm es lächelnd zur Kenntnis, sagte aber weiter nichts.

Aber Brenner hatte ihr Lächeln bemerkt. Doch auch er sprach nicht, sondern blickte schweigend auf den großen Fluss, eines der Wahrzeichen Kölns, der vor ihnen lag.

Nach einer Weile lockerte er die Umarmung. Er konnte nicht sagen, wie lange genau sie da so gestanden hatten. In diesem Moment hatte er jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren.

Brenner trat einen Schritt nach vorne, so dass er jetzt rechts neben Leo stand. Langsam dreht er sie zu sich herum. Sie schaute ihn ruhig an. Eine rötliche Strähne hatte sich gelöst und umspielte ihr Gesicht – noch verstärkt durch den leichten Wind, der vom Rhein aus auch das Ufer erfasste. Er grinste sie an. Es war dieses typische Brenner-Grinsen, das Leo so an ihm liebte.

„So, Frau Bongartz, kriege ich denn jetzt eigentlich noch meinen Nachtisch?“. Seine Kollegin musste lachen. „Du kannst es echt nicht lassen, Brenner, oder?“. Gespielt entrüstet schaute er sie an: „Wieso? Ich möchte doch nur das haben, was mir auch zusteht“. Und dabei bewegte er sein Gesicht näher zu ihrem.

Leos Lachen wich. Sie ahnte, was er vorhatte. Sofort überschlugen sich wieder tausend Gedanken in ihrem Kopf. Was würde sein? Was würde die Zukunft bringen? Konnte Brenner wirklich treu sein? Er schien ihre Gedanken erraten zu haben. „Nicht nur ich möchte jetzt das haben, was mir zusteht, sondern auch Du, Leo. Auch Du sollst endlich haben, was Du verdient hast“.

Sie schaute ihn an – erfreut, ängstlich, es war eine Mischung aus beidem.

Doch bevor sie auch noch weiter überlegen konnte, welchem Gefühl von beiden sie jetzt den Vorzug gab, war es auch schon geschehen. Brenners Lippen lagen sanft auf ihren. Und das war der Moment, in dem Leo das Denken aufgab und sich stattdessen ganz auf die Situation einließ, die nun – nach all den Jahren – endlich eingetreten war.

Sanft erwiderte sie den Kuss und es war in dem Moment so, als hätte es als die Zweifel, all die Enttäuschungen, all die Traurigkeit in den letzten drei Jahren nie gegeben. Ihr Herz raste, ihr Verstand setzte aus. Es gab nur noch sie und Brenner und diesen Kuss.

Irgendwann lösten sie sich sanft voneinander. Leo atmete tief durch und lehnte ihre Stirn dann gegen seinen Kopf.

„Und, das war doch mal ein Nachtisch, oder?“, grinste er sie frech an. „Brenner! Kannst Du nicht wenigstens in einer solchen Situation mal Deine Sprüche lassen“, sagte sie etwa lauter als beabsichtigt. Er wandte seinen Kopf leicht zur Seite und flüsterte ihr dann ins Ohr: „Nein. Und ich fand ehrlich gesagt, das hat Lust auf mehr gemacht, das war erst der Anfang des Desserts“.

Bevor Leo noch irgendetwas erwidern konnte, drehte Brenner sich herum, nahm sie bei der Hand und zog sie mit auf das Ufer, das über eine schmale Treppe von der Mauer aus zu erreichen war.

Eigentlich dachte Leo, dass er ihre Hand nach dem Erreichen des schmalen Uferweges wieder los lassen würde – wahrscheinlich ein Gedanke aus Gewohnheit. Sonst hatte er ihre Hand ja auch nie richtig lange gehalten.

Aber diesmal war es anders. „Was hältst Du davon, wenn wir ein kleines Stück spazieren gehen“, schaute Brenner sie erwartungsvoll an – immer noch seine linke Hand in ihrer rechten verschränkt.

Brenner und Spazieren gehen – mit ihr, am späten Abend, im Dunkeln, am mittlerweile fast menschenleeren Rheinufer? Irgendwie kam Leo diese Situation fast schon grotesk vor. Aber sie wusste auch, dass sich ab diesem Abend wahrscheinlich viele Dinge ändern würden. „Warum nicht“, erwiderte sie daher.

„Lieber rechts oder links?“, blickte ihr Kollege sie fragend an. „Rechts. Oder würdest Du lieber links gehen?“, grinste sie ihn an.

„Naja, nachdem wir uns heute morgen ja auch zuerst nicht einig waren, ob der Vorfall in der U-Bahn dem Mädchen oder dem Jungen galt, und…“, er machte eine bedeutungsvolle Pause, „…ich ja letztendlich wiedermal Recht behalten habe, machen wir diesmal das, was Du sagst“. Leo blickte ihn entrüstet an: „Es sah doch wirklich so aus, als hätte Lola das Opfer sein sollen“.

„Ja, Du hast Recht.“ Brenners Gesichtsausdruck wurde nachdenklich und die Bilder des Tages stiegen in beiden wieder sequenzhaft auf. Aber Leo wollte nicht, dass die aufkommenden Erinnerungen diesen Moment jetzt zerstörten. „Also, lass uns gehen“, meinte sie daher ganz ruhig. Und fügte lächelnd hinzu: „Aber rechts“.

Langsam schlenderten sie am Ufer entlang. Brenner hatte Leos Hand nicht mehr los gelassen und er war selber überrascht, wie gut sich das anfühlte. Unbemerkt schielte er zu ihr herüber. Er hatte sich entschieden – für sie – und er wusste, dass diese Entscheidung die richtige war. Er spürte es.

Nach etwa zehn Minuten tauchte vor ihnen eine Steingruppe auf. Ihre Anordnung sah so aus, als hätte man sie bewusst hier in den Boden eingelassen, um Spaziergängern eine Sitzgelegenheit an dem sonst eher naturbelassenen Ufer zu bieten.

„Komm“, sagte Brenner leise zu Leo. „Lass uns dort mal hinsetzen“. Seine Stimme hatte einen ernsten Klang angenommen, was seiner Kollegin nicht entgangen war.

Einer der vielen Steine hatte eine gerade Oberfläche und bot beiden genug Platz. Brenner erreichte einige Schritte vor Leo das Naturgebilde. Er setzt sich und klopfte dann mit der Handfläche auf die freie Fläche links neben sich, um Leo anzudeuten, sich ebenfalls niederzulassen.

Es lag eine eigenartige Spannung in der Luft und Leo blickte Brenner fragend an.

„Weißt Du, Leo, wir haben heute Abend schon soviel besprochen – ich denke mehr, als wir wahrscheinlich jemals voneinander erwartet hätten“. Sie nickte leicht, aber seine Sätze bestätigend. „Ich will deswegen jetzt auch keine großen Worte mehr verlieren, aber eine Sache möchte, nein, muss ich Dir noch sagen“. Leo blickte ihn immer erwartungsvoller an. Sie merkte, dass ihr Herz wieder lauter zu klopfen begann. Was kam denn jetzt noch? Eigentlich hatte er ihr doch schon alles gesagt, was gesagt werden musste.

Und dann griff Brenner in seine Hosentasche, holte die Schatulle heraus, öffnete sie und hielt sie Leo so hin, dass sie den Inhalt sehen konnte: Es war ein schlichter, silberner Ring mit einem kleinen Diamanten in der Mitte…
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