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Der Abend danach

von Desii
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
05.04.2012
23.08.2012
12
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05.04.2012 2.094
 
Ihr Lieben,

es tut mir sehr leid und ich habe ein ganz schlechtes Gewissen. Ich hatte in den letzten Wochen dermaßen viel zu tun und mir ging es teilweise gesundheitlich nicht gut, so dass einige Dinge einfach auf der Strecke geblieben sind. Dazu gehörte auch die Fortsetzung dieser Geschichte.

Ich hoffe, Ihr seid mir nicht böse, und freut Euch jetzt über das nächste Kapitel… Viel Spaß damit!

LG,
Eure Desi

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Nur das Rauschen des Rheins war noch zu vernehmen. Die Wellen spülten seicht ans Ufer und ihre leichte Brandung klang gedämpft durch die großen Fenster im Restaurant „Rheinblick“. Brenner hatte den Blick abgewandt und betrachtete – eher unbewusst – das Schauspiel des Flusses. Die Dunkelheit der Nacht legte sich allmählich über Köln und die untergehende Sonne war nur noch als immer kleiner werdender, roter Punkt am Himmel zu sehen.

Welche Ironie, dachte Brenner bei sich. Die Sonne geht unter und hier geht etwas Neues auf. Unwillkürlich musste er bei diesem Gedankenspiel lächeln. Ausgerechnet er, Brenner, der sich aus Romantik und großen Gefühlen nie etwas gemacht hatte, verfolgte solche – fast schon poetischen - Gedanken.

„Was ist denn an meiner Frage so witzig?“, holte Leo ihn in die Realität zurück. Brenner schrak auf. Das war nicht das erste Mal an diesem Abend. Verdammt, er musste sich wirklich zusammen reißen. Sonst passierte ihm so etwas doch auch nicht.

Er betrachte sie kurz. Er wusste, sie wollte Antworten. Und die wollte er ihr geben – auch wenn es ihm sichtlich schwer fiel.

„Also, was ist jetzt?“, fragte Leo ihn. „Wenn wir schon dabei sind, die Karten endlich auf den Tisch zu legen, dann möchte ich, dass Du mir jetzt auch meine letzte Frage beantwortest“.

Innerlich tat er Leo ein bisschen leid. Sie war sich bewusst, dass sie ihn – wenn auch ohne bösen Willen - unter Druck setzte. Und auch sie sah das Ironische an der Situation. Jahrelang waren sie einem solchen Gespräch wie heute aus dem Weg gegangen und anstatt sich langsam der Aussprache um ihre Gefühle zu nähern, folgte jetzt alles Schlag auf Schlag – ohne Pause, fast schon erbarmungslos. Aber sie wusste, es musste so sein. Anders würde Brenner ihr nie die Antworten geben, die sie sich so lange gewünscht und erhofft hatte – und denen er so lange aus dem Weg gegangen war.

„Was ich will?“, versuchte Brenner, einige Sekunden Zeit zu gewinnen. Das „wen“ aus ihrer Frage ignorierte er bewusst. Aber er wusste, dass es wichtig war, jetzt die richtigen Worte zu finden. „Ich will….“, setzte er an, „…. dass sich die Situation zwischen uns beiden ändert“.

Leo sah ihn etwas irritiert an. Eigentlich hatte sie eine andere Antwort erwartet. Sie seufzte innerlich. Brenner war wirklich ein harter Brocken. Sie hatte gewusst, dass es nicht einfach werden würde. Aber genauso wusste sie, dass sie jetzt nicht aufgeben und diese Antwort so auf sich beruhen lassen würde – und sie wusste, dass auch Brenner das wusste.

„Brenner“, entgegnete sie gespielt genervt. „Geht es auch etwas genauer?“

Er sah sie an. Ihre rötlichen Locken passten sich wunderbar dem roten Punkt am Himmel an, der mittlerweile hinter den Lichtern der Stadt fast versunken war. Da waren sie schon wieder, diese Gedanken. Sonst hatte er sich über solche Details und deren Symbolik doch auch keine Gedanken gemacht. In dieser Situation merkte er selber, wie sehr er sich verändert hatte – zum Positiven, wie es schien. Dieser Gedanke gefiel ihm.

Er lächelte. „Weißt Du, Leo. Wir kennen uns jetzt seit vielen Jahren. Wir haben soviel zusammen erlebt, haben zusammen gearbeitet, uns unterstützt. Wir haben uns miteinander gefreut, wenn wir mit unserer Arbeit dieser Welt wieder ein bisschen Gerechtigkeit zurück geben konnten, wir haben uns gestritten, uns aber auch wieder versöhnt. So viele Dinge sind passiert – um uns herum, aber auch uns beiden selber, und trotzdem….“. Er stockte und holte tief Luft: „Und trotzdem war da immer eine Konstante in meinem Leben. Eine Person, die immer da war und die eine immer wichtigere Rolle in meinem Leben gespielt hat.“ Wieder machte er eine Pause. „Nur, dass ich das erst viel zu spät bemerkt habe. Die Person bist Du“.

Leo blickte ihn mit großen Augen an. Sie war gerührt und wollte etwas erwidern, das ihn in seinen Worten bestärkte, doch Brenner ließ ihr dazu keine Chance. Er musste das jetzt los werden, bevor er wieder Angst vor seiner eigenen Courage bekam und es sich anders überlegte. Deshalb fuhrt er fort: „Die letzten Wochen, in denen ich bei Dir gewohnt habe, waren wunderschön. Sie waren anders als das Leben, das ich vorher hatte, ja - aber anders auf positive Weise. Ich will nicht mehr, dass Du mich morgens abholst und mich mit irgendeiner Frau im Bett findest. Ich will auch nicht mehr, dass wir nach der Arbeit getrennte Wege gehen und jeder von uns allein in sein Zuhause fährt. Und ich will auch nicht mehr, dass wir nur Kollegen sind, die zwar im Beruf perfekt miteinander harmonieren, aber diese Harmonie in ihrem Privatleben absolut ausklammern. Ich will das alles nicht mehr“.

Brenners Stimme war zum Ende hin immer leiser geworden und den letzten Satz hatte er fast nur noch geflüstert. Dennoch hatte Leo seine Worte alle genau verstanden.

„Ich will das auch nicht mehr“, sagte sie ebenfalls leise - fast mehr zu sich selber als zu ihm.

Brenner schaute sie an. Sein Gesicht hatte einen nachdenklichen Ausdruck bekommen. „Aber wenn wir das beide alles nicht mehr wollen, warum tun wir uns das dann an?“. Es war mehr eine rhetorische Frage gewesen und eigentlich erwartete er auch keine Antwort darauf.

„Weil wir feige waren und uns nicht getraut haben, zu unseren Gefühlen zu stehen?“, fragte Leo ihn flüsternd. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Ja, Leo“. Brenner blicke sie liebevoll an. „Und auch nein: Eigentlich war ich derjenige, der feige war. Ich hatte Angst, meine Freiheit zu verlieren. Und dabei habe ich nicht begriffen, dass ich etwas viel Wertvolleres gewonnen hätte“. Er macht eine Pause. „Nämlich Dich, Leonie Bongartz“.

Leo war gerührt. Nie hätte sie gedacht, solche Worte einmal aus Brenners Mund zu hören.

„Und jetzt?“, fragte sie ihn stockend.

„Jetzt?“ Brenner macht eine Pause. „Jetzt essen wir erstmal. Ich habe nämlich Hunger“. Er grinste sie an.

Leo schüttelte lächelnd den Kopf, stimmte dann aber in das Grinsen mit ein, auch wenn das wieder einmal typisch Brenner war. Selbst in einer solchen Situation konnte er es nicht lassen, seine Späße mit ihr zu treiben und ihr damit auch wieder ein Stück weit auszuweichen. Aber sie wusste auch, dass das gerade Gesagte eine unglaubliche Überwindung für ihren Partner gewesen sein musste. Von daher ließ sie es damit erst einmal auf sich beruhen.

Und dann war sie zum ersten Mal an diesem Abend froh, den Kellner zu sehen, der mit zwei voll beladenen Tellern auf ihren Tisch zusteuerte. Diesmal stimmte sein Timing auf die Sekunde genau. „So, die Herrschaften, ich darf Ihnen dann das Hauptgericht servieren. Zweimal Rumpsteak mit Pommes Frites und Saisongemüse“. Er stellte die Teller vor ihnen ab und verschwand dann genauso lautlos wieder, wie er an ihren Tisch gekommen war.

Beim Anblick des noch dampfenden Gerichtes vor ihr bemerkte Leo erst, wie hungrig sie eigentlich war. Nicht nur das Gespräch mit Brenner hatte sie viel Kraft gekostet, auch der Tag selber hatte mit der Rettung Lolas und der Verhaftung Kettlers Spuren hinterlassen. Und das Wichtigste war eigentlich erst einmal gesagt. Vielleicht hatte Brenner ja Recht und sie sollten jetzt wirklich erst einmal das Essen in den Mittelpunkt stellen. Natürlich hat er Recht – wie so oft, dachte Leo bei sich und musste schmunzeln.

Das war Brenner, der im Gegensatz zu ihr seine Aufmerksamkeit nicht auf das Essen, sondern auf die Person ihm gegenüber gerichtet hatte, nicht entgangen. „Was ist denn so lustig?“, grinste er sie an. „Stimmt was mit dem Essen nicht? Hey, kommt, Du hast mir selber gesagt, ich soll bestellen, also beschwer dich jetzt nicht“, sagte er gespielt entrüstet.

Leo hatte gerade das erste Stück Steak abgeschnitten und rollte mit den Augen. „Nein, mein Lieber, ich musste nur gerade an etwas denken, das mich die ganzen letzten Jahre oft begleitet hat“. Und wahrscheinlich auch die nächsten Jahre noch oft begleiten wird, fügte sie in Gedanken hinzu.

Er blickte sie neugierig an. „Was ist es denn?“. „Das, Brenner, bleibt mein Geheimnis“, sie lächelte ihn spitzbübisch an, während sie bewusst extrem beschäftigt von dem Gemüse kostete. Frische Champignons waren zusammen mit Zucchini und Paprika gratiniert. Brenner hatte wirklich eine gute Wahl getroffen – daran konnte sie sich glatt gewöhnen.

Er merkte, dass sie nicht gewillt war, ihm eine Antwort auf seine Frage zu geben und so widmete auch er sich seinem Essen. Eine Zeitlang saßen beide nur schweigend da, genossen die kulinarischen Köstlichkeiten und hingen beide ihren eigenen Gedanken nach.

Leo merkte, wie ein Gefühl der inneren Zufriedenheit sie überkam, das sich allmählich in einen Zustand des Glücks verwandelte. Er hatte es ihr endlich gesagt. Endlich stand er zu seinen Gefühlen, endlich gab es kein Versteckspiel mehr.

Und auch Brenner merkte, dass er sich in einem seelischen Zustand befand, den er in dieser Form wohl so noch nie erlebt hatte. Es war nicht einfach für ihn gewesen, Leo all diese Dinge zu sagen, aber er hatte es geschafft – und er war glücklich darüber, dass er es endlich getan hatte. Es hatte sich richtig angefühlt.

Er lächelte sie an. Sie bemerkte seinen Blick und schaute ihn fragend an. Brenner legte sein Besteck zur Seite. Das Essen war für einen Moment vergessen. Er griff mit seiner Hand über den Tisch und legte sie sanft auf ihre. Er sprach dabei kein einziges Wort – und das war auch nicht nötig. Die Blicke zwischen ihnen beiden sagten mehr, als es Worte in dem Moment hätten sagen können. Einige Augenblicke lang saßen sie so da – schweigend, Hand in Hand.

„So, ich glaube, wenn wir so weiter machen, wird unser Essen noch kalt“, konnte Brenner es nicht lassen und entzog seine Hand sanft Leos, um sich wieder dem Steak auf seinem Teller zu widmen. Leo lachte ihn an. „Und das können wir ja nicht zulassen, oder?“.

„Naja, das wäre doch schade um das gute Fleisch“, erwiderte er ihr frech. Er war froh, dass die Stimmung zwischen ihnen trotz dem Gesagten immer noch so entspannt und locker war – genauso, wie es sein sollte und wie er es sich erhofft hatte.

Wieder saßen sie eine Zeitlang schweigend da und widmeten sich ihrem Essen. „Es war wirklich köstlich“, sagte Leo abschließend und das meinte sie ehrlich. Sie wunderte sich selber, dass sie die doch eher große Portion trotz der besonderen Situation bis auf den letzten Bissen verzehrt hatte.

Der Kellner hatte bemerkt, dass seine Gäste mit dem Hauptgericht fertig waren und kam an ihren Tisch, um das Geschirr abzuräumen. Leo und Brenner sahen sich dabei schweigend und lächelnd an. Es war eine besondere, ungewohnte Stimmung, die zwischen ihnen lag.

Nur eine Minute später trat der Kellner wieder an ihren Tisch heran. „Möchten die Herrschaften noch einen Nachtisch bestellen?“ Die beiden Kommissare blickten sich an. Beide hatten zu dem Wort „Nachtisch“ eine ganz eigene Assoziation. Unter normalen Umständen hätte Brenner seine Gedanken dazu jetzt lautstark und mit einem frechen Witz auf den Lippen zum Ausdruck gebracht, doch aufgrund der besonderen Situation hielt er sich zurück. Stattdessen meldete sich Leo zu Wort: „Das ist sehr nett, aber ich glaube…“, sie zögerte, als sie Brenners irritierten und gleichzeitig faszinierten Gesichtsausdruck sah, „wir brauchen keinen Nachtisch mehr. Das Essen war schon so viel“, fügte sie fast entschuldigend hinzu. Brenner schmunzelte leicht, sagte aber nichts.

„In Ordnung, wie Sie wünschen“, nahm der Kellner diese Worte neutral zur Kenntnis. „Darf ich Ihnen denn sonst noch etwas bringen? Einen Kaffee vielleicht?“. Brenner blickte Leo an und wusste in dem Moment genau, was er antworten würde: „Vielen Dank, aber ich würde lieber direkt zahlen“. Der Kellner nickte verstehend und entfernte sich vom Tisch, um die Rechnung fertig zu machen.

„Soso, der Herr möchte direkt zahlen?“, wandte sich Leo schmunzelnd an Brenner. Dieser zuckte mit den Schultern und meinte betont unschuldig: „Naja, du wolltest keinen Nachtisch mehr, also bin ich lediglich auf Deinen Wunsch eingegangen. Das kannst Du mir nicht vorwerfen“.

Leo grinste: „Ich werfe Dir nichts vor. Ich zähle lediglich die Fakten auf“. Brenner blickte sie gespielt ernst an: „Ich kann aber Ihrem Wunsch leider nicht komplett Folge leisten, Frau Bongartz. Denn ob Du willst oder nicht, es wird noch einen Nachtisch geben“.

Leo blickte ihn an: „Du kannst es nicht lassen, oder?“.

„Ich weiß ja nicht, woran Du jetzt gedacht hast, Leo, aber das, woran Du jetzt denkst, ist es nicht“. Und dabei berührte er mit seiner Hand ganz leicht die Schatulle in seiner Hosentasche – die Schatulle mit dem Ring…
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