Gedanken einer Beobachterin

von Arzani92
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
27.03.2012
27.03.2012
1
1974
 
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Ich habe auf Anregung von einem Freund das Ende nochmal ein bisschen verändert. Hoffe es gefällt euch =)

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Vor einem halben Jahr bin ich gestorben.
Ich weiß, dass hört sich jetzt sicher schrecklich an, aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm, wie es sich anhört. Zumindest nicht für mich. Ich meine, ich bin ja nur die, die gegen den Baum geschleudert wurde, als das Auto frontal in meins einschlug. Ich bin ziemlich schnell in den Himmel aufgestiegen und die Wolke auf der ich sitze ist ziemlich bequem. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob man als Tote noch so viele Gefühle und Empfindungen hat, um beurteilen zu können ob eine Wolke bequem ist, oder nicht.

Ich weiß selbst nicht so genau, was ich bin. Ich fühle mich eigentlich relativ wohl, obwohl ich nicht mehr lebe. Ihr denkt jetzt sicherlich, dass ich, wenn ich schon von mir selbst sage, dass ich auf einer Wolke sitze, ein Engel bin, aber das stimmt nicht. Es ist nämlich gar nicht so einfach ein Engel zu werden. Zumindest hat dass Gott mir so erklärt. Er hat allerdings nebenbei noch fallen gelassen, dass ich gute Chancen drauf hätte, ein Engel zu werden. Dann, wenn ich wirklich hinübertrete.
Aber ich weiß noch nicht, ob ich das wirklich werden will. Es klingt anstrengend ein Engel zu sein und es muss verdammt schwierig sein, einer zu werden. Zumindest habe ich das so aufgeschnappt.

Im Moment bin ich wohl eher das, was in Ghost Whisperer als eine Seele getitelt wurde, die noch unfertige Angelegenheiten mit den Lebenden hat. Dabei finde ich den Ausdruck Seele komisch, weil er doch auf das Innere abzielt und ich eigentlich, so kommt es mir zumindest vor, noch genauso aussehe wie immer und weil ich eigentlich auch keine Angelegenheiten auf der Erde zu beenden habe, die so wichtig wären.
Klar, es gibt sicher vieles, was ich noch gerne getan hätte und ich hätte auch sicher gerne mit vielen Freunden oder Verwandten geredet und ihnen gesagt, wie sehr ich sie liebe. Aber im Großen und Ganzen habe ich ein tolles Leben geführt und habe nicht wirklich viel, dass ich bereuen könnte. Außerdem muss man dem Tot sein eines lassen, es fühlt sich verdammt leicht und vorteilhaft an, gar nicht so schlimm wie man immer denkt.

Ich selbst würde mich wohl eher als einen Beobachter bezeichnen. Denn das, was ich das letzte halbe Jahr so gemacht habe, war genau das. Beobachten.

Das ist wiederum etwas, was ich gar nicht so einfach fand. Zumindest hat es mich das ein oder andere Mal traurig gestimmt, zu sehen, wie die Menschen, die mein Leben geprägt haben, auf meinen Tod reagiert haben.

Am Anfang konnte ich gar nicht glauben, dass ich gestorben bin. Ich meine, ich stand Gott gegenüber der mir freundlich lächelnd erklärte, dass ich die Chance hatte, sofort hinüberzutreten oder noch ein bisschen zu beobachten. Ach und er erklärte mir auch, dass ein betrunkener Autofahrer in meinen Wagen gefahren, ich gegen einen Baum geflogen war und sofort gestorben bin. Er konnte mir sogar den Unfallort zeigen und zeigte auf meine Leiche. Glaubt mir, dass ist so makaber, seine eigene blutüberströmte Leiche zu sehen, dass man sofort daran glaubt, dass man gestorben ist. Da bleiben keine Zweifel.
Allerdings erklärte mir Gott auch, dass ich nicht umsonst gestorben bin, immerhin ist Mitte zwanzig kein Alter zum Sterben. So hatte anscheinend meine Todesursache zur Folge, dass der Alkoholiker zum Nichtalkoholiker wurde und sich endlich um seine Familie kümmert. Es hat mich ein wenig beruhigt, dass es einen Grund für mein Ableben gab. Außerdem ist tot sein gar nicht so schlimm. Aber das hatte ich ja schon erwähnt.

Auf jeden Fall hatte ich mich dazu entschieden, noch ein wenig zu beobachten.
Eigentlich hatte ich gedacht, dass Gott etwas dagegen haben würde oder zumindest über meine Entscheidung überrascht war, doch er schien es schon zu wissen. Aber er war ja auch Gott. Er wusste eh alles.

Die ersten zwei Monate kam ich mir noch unglaublich komisch vor, zuzusehen, wie meine eigene Beerdigung von statten ging und wie alle weinten und traurig waren. Aber mit der Zeit fühlte ich mich immer mehr, als würde ich nur einen Film schauen, der mich gar nicht betraf. Ich würde nicht behaupten, dass ich teilnahmslos wurde, aber ich hatte Abstand gewonnen.

Es war gar nicht so schlecht, dass es mir nicht mehr so viel ausmachte. Sonst wäre ich wohl an vielen Dingen zerbrochen, die auf der Erde durch meinen Tod geschahen. Es ist wie gesagt, nicht so einfach zu beobachten.

All das weinen, schreien, zetern und in sich zusammen fallen, war so gar nicht meine Stärke.
Ich meine, wer sieht zum Beispiel schon gerne mit an, wie die eigenen Eltern sich scheiden lassen? Als Mensch hätte ich das sicher nicht hinbekommen, aber als ich noch gelebt hatte, gab es auch keinen Grund für meine Eltern, sich zu zerstreiten. Aber seit meinem Tod sind sie auseinander getrieben. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass sie nicht mehr miteinander geredet haben, oder daran, dass sie in ihrer Trauer keinen Halt beieinander fanden. Es konnten aber natürlich auch die ganzen Reporter gewesen sein. Ich hab Gott gefragt, aber er antwortete immer, dass er mir das erst verraten konnte, wenn ich hinübergetreten war. Ich hatte viele Fragen aber inzwischen habe ich aufgehört zu fragen. Es ist wohl irgend so eine komische Regel, die alle Toten befolgen müssen.

Ich bekam auf jeden Fall nach meinem Tod unheimlich viel Aufmerksamkeit durch Reporter. Sogar das Fernsehen belagerte das Haus meiner Eltern. Man hatte wohl irgendwie rausgefunden, dass ich eine nicht ganz so schlechte Schreiberin gewesen war und sofort wurde aus meinem Tod ein tragischer Unfall, ein zerstörter Traum, der eine zukünftige Bestsellerautorin zu früh in den Tod schickte. Sie wollten jeden kleinen Fetzen meiner Worte veröffentlichen. Schrecklich, dabei hatte ich mich nie als Autorin gesehen. Ich schrieb gerne und vielleicht auch gut, aber ich war keine Autorin. Ich hatte es nie fertig gebracht, eine Geschichte zu Ende zu führen.

Einer meiner Freundinnen sagte sarkastischer weiße sogar in dieser Zeit etwas, was mir bis heute im Gedächtnis haften bleibt. Nämlich das ich mehr Aufmerksamkeit bekäme, als ich je gewollt hätte und das es gut war, dass ich das nicht mehr mitbekam. Leider hatte ich von hier oben den besten Ausblick.

Meine Freunde traf mein Tod besonders schlimm. Sicher meine Eltern traf er auch, aber meine Freunde traf es anders. Sie weinten viel und einige trauern heute noch. Aber es hat sie enger zusammen geschweißt. Ganz anders wie bei meinen Eltern, die es entzweit hat.

Zwei meiner Freundinnen haben sich sogar wieder versöhnt, obwohl sie sich wirklich sehr lange in den Haaren lagen und sich nicht mehr leiden konnten. Aber solche Sachen werden im Angesicht des Todes wohl nebensächlich. Auch hier bin ich ehrlich gesagt wieder froh, dass mein Tod nicht einfach so spurlos an der Welt unter mir vorbei ging, sondern etwas gebracht hatte. Ich hoffe ja in ihnen weiterleben zu können. Das wäre schön.

Für viele ist wieder der Alltag eingekehrt, aber für viele wird es wohl nie wieder einen Alltag geben. Das Einzig komische daran ist, dass ich nichts mehr daran ändern kann, obwohl ich hier von oben alles so genau beobachte. Ich sehe das Leben der Menschen genauer, als ich es jemals gesehen habe und doch ist es weiter weg, als es jemals hätte sein können.

So langsam frage ich mich wirklich, was mich wohl erwartet, wenn ich endlich hinübertrete. Was für ein komisches Wort das doch ist. Hinübertreten. Aber Gott hat es so genannt, das Einkehren in diese eine Welt, die dann für immer mein Zuhause wird. Ich habe mir schon viele Gedanken über diese Welt gemacht. Ich muss wohl dazu sagen, dass ich mir sogar noch als Lebende viele Gedanken drüber gemacht habe, aber natürlich macht man sich jetzt, in so einer Situation nochmal doppelt so viele Gedanken.

Ich will nicht sagen, dass ich Angst habe. Denn eigentlich hatte ich noch nie Angst davor. Zumindest war ich als Lebende immer jemand, der keine Angst vor dem Tod hatte. Ich hatte immer so ein Gefühl im Herzen, dass es weitergehen muss. Aber im Moment weiß ich nicht, wie es weitergeht. Denn einfach so hier auf meiner Wolke die Welt zu beobachten ist doch ganz schön. Zumindest rede ich mir das ein. Dabei fühle ich ganz deutlich, dass ich immer mehr den Halt und die Brücke zur menschlichen Welt unter mir verliere.

Gott hat mir versichert, dass die nächste Welt schön ist. Er hat auch gemeint, dass ich all diese Leute, die ich im Moment so eifrig beobachtet habe, irgendwann wiedersehen werde. Sie würden auch alle hinübertreten wenn ihre Zeit gekommen war. Ich muss sagen, dass ist ein schöner Gedanke. All meine Freunde und meine Familie irgendwann wieder zu sehen, finde ich tröstlich. Ich vermisse sie. Die ganze Zeit sehe ich ihre Schritte, aber sie sind doch nicht da. Wäre ich nicht tot, würde ich wohl an der Einsamkeit zerbrechen. Denn es ist verdammt einsam eine Beobachterin zu sein.

All diese Stunden, die ich hier auf meiner Wolke gesessen bin, hab ich mich eigentlich am meisten gefragt, was wohl passieren wird, wenn ich wirklich diesen letzten Schritt gehe. Ich glaube nur deswegen bin ich so lange hier auf dieser Wolke verharrt, um zu beobachten. Das ist komisch. Eine Antwort habe ich nämlich nicht gefunden. Aber das werde ich wohl auch nicht, wenn ich es nicht ausprobiere. Wahrscheinlich hätte ich das schon längst machen sollen, es ausprobieren. Aber da war doch die ganze Zeit diese Angst. Die Angst und die Trauer, all diese Menschen, die mein Leben so beeinflusst haben, nicht wieder zu sehen, auch wenn ich sie im letzten halben Jahr nur beobachtet habe. Aber damit waren sie immer noch da.

Ja es klingt komisch, denn eigentlich hätten Gottes Worte mir diese Angst nehmen können. Aber selbst Gott kann wohl die Gefühle nicht ändern. Es sind deine eigenen Gefühle und die sind frei von allem. Sie gehören dir und niemand kann sie dir nehmen. Das ist einerseits gut andererseits kann es auch schmerzhaft sein. Aber man ist ja nicht alleine. Zumindest nicht dauerhaft.

Eigentlich war ich die ganze Zeit ruhig und habe beobachtet und nachgedacht. Doch inzwischen hat mich die Unruhe in meinem Herzen eingeholt und als ich mich umdrehe sehe ich, wie Gott hinter mir steht. Ich habe mich entschieden, noch bevor ich mich umgedreht habe und schon ist er hinter mir und wartet auf mich. Das ist tröstlich und zeigt mir, glaube ich auch, dass es die richtige Wahl ist. Er hat wohl die ganze Zeit gewusst, dass ich mich heute dazu entscheiden würde.

Aber noch bin ich mir nicht hundertprozentig sicher.  Eine kleine Stimme in meinem Kopf bleibt. Doch dann redet er, er lächelt mich an und schließt mich in seine Arme. Als ich seine Stimme höre lösen sich alle Zweifel, die mich noch gebunden haben, endgültig. Er ist da, ich bin nicht alleine und irgendwann werde ich alle wiedersehen. So schlimm ist es nicht, tot zu sein.

Ein letztes Mal drehe ich mich noch um, schaue mir jedes Gesicht einzeln an. Leise rollt mir eine Träne über die Wange und fällt dann von meinem Gesicht durch die Wolken. Dann drehe ich mich wieder zu Gott um und nehme die ausgestreckte Hand, die er mir hinhält. Lächelnd hilft er mir hinüberzutreten und ich merke, dass es gar nicht so schwierig ist, wie ich dachte. Aber eigentlich habe ich das schon die ganze Zeit gewusst. Irgendwo tief in mir drin.

Den Regen, der durch meine Träne auf die Erde prasselt, bekomme ich gar nicht mehr mit. Ich höre nur diese warme Stimme Gottes, der mir endlich all meine Fragen beantwortet und mir dann lächelnd erklärt, dass ich wirklich einen tollen Engel abgeben werde.
Währenddessen löscht der Regen auf der Erde die Trauer in weiteren Herzen und die Blumen auf meinem Grab leuchten in ihren eigenen Farben. Dann bricht die Sonne wieder durch, genau in dem Moment, wo ich mich verabschiede, von meiner kleinen Wolke und der Regenbogen der durch den Himmel bricht lässt meine Hoffnung auf die Erde fallen.
Ich werde alle wiedersehen. Das ist ein Versprechen.
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