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Severus Snape und der Stein der Weisen

von sasa ray
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Albus Dumbledore Charity Burbage Harry Potter Minerva McGonagall Severus Snape
26.03.2012
31.07.2012
18
54.707
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26.03.2012 2.307
 
Ein Junge überlebt



An einem trüben, grauen Dienstagmorgen saß ein junger Mann in seinem heruntergekommenen Haus auf einem Küchenstuhl, das bleiche Gesicht in den Händen verborgen. Er wippte leise vor und zurück, zu Tode erschöpft nach einer schlaflosen Nacht und nach vielen schlaflosen Nächten zuvor.
Es war das Haus seiner Eltern und er hasste es. Dennoch kehrte er immer wieder hierher zurück, an die Orte seiner Kindheit. An einen der Orte, den er vor allen anderen vergessen wollte und dennoch immer im Herzen tragen würde.
Der alte Spielplatz, der schon damals zumeist verlassen war. Ein einzelner, riesiger Kamin ragte damals am fernen Horizont empor. Der Kamin war nicht mehr, ebensowenig das kleine Dickicht von Bäumen. Der Bach ...
Die Erinnerungen begannen, zu verblassen. Dabei war die Kindheit erst wenige Jahre vorbei, aber er hatte schnell erwachsen werden müssen und Einiges verloren dabei.

Der Mann spürte weder Hunger noch Durst. Das schwarze, fettige Haar fiel ihm in Strähnen ins Gesicht. Das untätige Warten ließ seine Nerven schmerzen vor Anspannung.
Der Dunkle Lord hatte gesagt, er würde Lily verschonen. Nein, das hatte er nicht. Er hatte gesagt: "Deine treuen Dienste rechtfertigen eine Belohnung. Vielleicht bringe ich das Schlammblut lebendig mit."
Vielleicht. Warum denn nicht? Warum? Warum?
Und er wusste die Antwort.
So war er zum Verräter geworden.

Albus Dumbledore, der einzige Zauberer, den der Dunkle Lord fürchtete, hatte gesagt, er würde Lily schützen. Die Potters. LILY! Er hatte es versprochen.
Versprochen.
In dieser Nacht im Sturm auf dem Hügel als Snape Hilfe wünschte. Um Hilfe bettelte. Um Hilfe flehte.
Und das letzte Mal in seinem Leben Angst um sich selber hatte. Als er die Verachtung spürte, die ihm entgegenschlug.
"Sie widern mich an", hatte Dumbledore gesagt, aber er war doch bereit, alles zu geben dafür. Er hatte doch alles gegeben. Die Prophezeiung natürlich, das war nicht mehr rückgängig zu machen, aber er hatte alles getan, was Dumbledore von ihm verlangte. Es war nicht möglich, daß es umsonst gewesen wäre. Das durfte nicht sein. Wenn alles zu geben nicht genug wäre. Wenn er selbst nun nicht genügte?
Das zitternde Gefühl der Sorge verbiss sich in seinem Magen und ließ nicht mehr los.

Der Mann, beinahe noch ein Junge, wusste, daß die Nacht der Nächte vorbei war und weder ein Herr, noch der andere hatte ihm eine Nachricht zukommen lassen.
Sein Dunkles Mal blieb kalt und blass und vielleicht wirkte es blasser als zuvor. Wie die Sonne, die nicht durch die Wolken drang.

Ein Kinderlachen. Eine Blüte, die ihre Blätter öffnete und schloss wie eine seltsame, viellippige Auster.



Irgendwann, sehr plötzlich erschien wie aus dem Nichts ein seltsamer, geisterhafter Vogel in der schäbigen Küche und sprach mit der Stimme von Albus Dumbledore: "Severus Snape, kommen Sie unverzüglich nach Hogwarts. Sprechen Sie mit niemandem. Verweilen Sie nirgendwo. Finden Sie sich sofort in meinem Büro ein. Das Passwort lautet Zuckerstange."
Und der silbrige Vogel löste sich in einen Nebelstreif auf und verschwand.
Ließ Snape zurück als hätte jemand einen Eimer Eiswasser über ihm ausgekippt. Atemlos. Zitternd.

Voller Hast verließ er das Haus, die eigens errichtete Appariersperre verfluchend. Mit langen Schritten lief er die Straße hinab, sah den Muggel nicht, der besoffen ihm entgegentorkelte und disapparierte mit einem scharfen, schnalzenden Ton.

Er war ein wenig erstaunt, daß er an einem Stück am Apparierplatz von Hogwarts ankam, aber er hatte tatsächlich nichts zurückgelassen, von sich, in Spinner's End.
Das Schloss ragte majestätisch aber auch Ehrfurcht gebietend vor ihm auf. Snape hatte kaum einen Blick übrig für die Schönheit der rauen, schottischen Landschaft. Der Schwarze See, der still und starr dalag. Hagrids Hütte, über deren Schornstein sich lustig der Rauch kringelte.

Es war später Vormittag. Schüler liefen herum auf den weitläufigen Ländereien. Auch dafür hatte Snape keinen Blick übrig. Er hetzte auf das Hauptportal zu. Sein schwarzer Umhang flatterte hinter ihm her wie die Flügel einer überdimensionalen Fledermaus. Jüngere Schüler rannten vor ihm davon. Auch das nahm er nicht wahr.

Ohne seinen Schritt zu verlangsamen durchquerte er das Hauptportal. Seine hastigen Schritte hallten unangenehm scharf wieder. Es war als wäre er allein in den hohen Hallen. Nicht mal die Geister ließen sich blicken. Atemlos rannte er weiter.
Während seiner Schulzeit war Snape nie im Schulleiterbüro gewesen, aber natürlich wusste er, wo es war.

Im siebten Stock, bei den Gargoyles angekommen, verweilte er einen kleinen Augenblick nur und wunderte sich, wie sehr er außer Atem war.
"Zuckerstange", presste er das Passwort hervor und sofort schwangen die Wasserspeier beiseite und mit einem langen Schritt hatte Snape die steinerne Wendeltreppe betreten, die ihn schnell nach oben brachte.

Was erwartete er? Würde er im nächsten Moment Lily gegenüber stehen? War sie allein? Würde sie hier auf ihn warten?
Die hohe, polierte Eichentür. Der Türknauf in Form eines Greifen.
Er hielt den Atem an, als er den großen, runden Raum betrat. Und keinen Menschen erblickte.

Ein Phönix in einer Voliere. Also war es wahr, daß Albus Dumbledore ein solches seltenes, magisches Tier sein Eigen nannte. Snape hatte das immer für ein Gerücht gehalten.
So konnte man sich irren.
Im selben Moment, in dem er das menschenleere Büro betreten hatte, war auch alle Hoffnung, Lily zu sehen gewichen. In Snapes Inneren tat sich ein schwarzes Loch auf, das sich in Lichtgeschwindigkeit auszudehnen schien. Wie schwarze Löcher das nun mal so tun.

Durch die hohen Fenster sah man das Quidditchfeld, verlassen. Berge.
Die Wände waren bedeckt von den Portraits der ehemaligen Schulleiter, die aber scheinbar alle schliefen, oder nicht anwesend waren. Einzig Phineas Nigellus blinzelte träge, sagte aber nichts und schien Severus Snape ebensowenig zu beachten wie der junge Mann ihn.

Auf der Anrichte neben der Phönixvoliere stand ein Denkarium, daneben mehrere Flaschen mit undefinierbaren Flüssigkeiten. Die Farbe ließ auf Feuerwhisky schließen und verschiedene Sorten Likeur.

Ruhelos schritt Snape im Büro auf und ab, peinlichst bemüht, keines der storchenbeinigen, kleinen Tischchen anzustoßen, auf denen alle möglichen sinnlosen Apperaturen vor sich hinsurrten, klingelten, Rauch ausstießen und in unregelmäßigen Abständen eine leises ´Pöööt´ von sich gaben.

Das einfallende Licht ließ Staubpartikel sichtbar tanzen. Snape hörte seinen eigenen Atem und er begann, zu frösteln. Er merkte selber, daß er nach Schweiß roch.
Schmerzhaft fuhr er zusammen, als eine weitere Tür sich öffnete und Albus Dumbledore eintrat. Der Ausdruck auf seinem Gesicht führte dazu, daß das schwarze Loch um Snape sich mit mehr als Lichtgeschwindigkeit ausdehnte, obwohl das genau genommen nicht möglich war.



"Setzen Sie sich", wies er den jüngeren Mann sofort an. Der reagierte wie in Zeitlupe und ließ sich auf den hölzernen Besucherstuhl sinken, die Lehnen umklammert. Er wusste, was Albus ihm berichten würde.
Er irrte sich nicht.
Lily war tot. Gestorben bei dem völlig unnötigem aber erfolgreichen Versuch, ihren Sohn zu schützen. Harry Potter lebte und der Fluch war auf den Dunklen Lord zurückgefallen und hatte ihn soweit vernichtet, wie er vernichtet werden konnte.

"Er wird zurückkehren", hatte Albus gesagt.
Ja sicher, vielleicht würde er zurückkehren.
Lily war tot.
Tot.

Snape sank zusammen auf dem Stuhl, das Geräusch, das er von sich gab, erschreckte ihn selber.
Dumbledore stand vor ihm, mit grimmiger Miene und schwieg, bis Snape nach einer Weile das Gesicht hob und furchtbar aussah.
"Ich dachte ... Sie würden ... auf sie ... aufpassen ..."
"Lily und James haben ihr Vertrauen in die falsche Person gesetzt", sagte Dumbledore. "Ganz ähnlich wie Sie, Severus ..."

Im Nachhinein, auch viele Jahre später, auch ganz am Schluss, konnte Severus Snape sich nicht entsinnen, jemals einen größeren, einen stärkeren Schmerz gespürt zu haben als in diesem Moment. Es war ihm als hätte ihm jemand das Herz aus dem Leib gerissen, es zerquetscht und achtlos fortgeworfen.

"Ich wünschte ... ich wünschte, ich wäre tot ..."

Der Junge hatte überlebt. Na und?
Es war ein günstiger Augenblick, Snape ein Versprechen abzuringen. Jedes Versprechen hätte Dumbledore ihm abringen können, in diesem Moment. Wenn man es so betrachtete, dann war Snape eigentlich relativ gut weggekommen bei der Sache. Es hätte schlimmer ausgehen können. Noch schlimmer.

Bedächtig ging Dumbledore zu seiner Anrichte und füllte ein Glas mit einer bernsteinfarbigen Flüssigkeit, reichte es Snape.
"Trinken Sie", sagte er bestimmend.
Snape stieg ein scharfer Alkoholgeruch in die Nase. Er kniff die Augen zusammen. Er hatte so schon einen Schluckauf. Albus jedoch duldete keinen Widerspruch und Snape leerte das Glas in einem Zug.



Snape erwachte mit einem bitteren Geschmack im Mund und Kopfschmerzen. Der Feuerwhisky war offensichtlich mit einem Beruhigungsmittel versetzt gewesen.
Nett, dachte Snape. Und interessant. Er befand sich noch immer im Büro des Schulleiters, auf einem breiten Sofa gebettet und zugedeckt, vor dem brennenden Kamin.

Es war dämmerig, also war es entweder schon Abend, oder das Wetter war wirklich sehr schlecht geworden. Seinen Kopfschmerzen nach zu urteilen, war es bereits Abend und die Ohnmacht, ausgelöst durch diese verbotenen Substanzen im Feuerwhisky, der an sich schon verboten gehörte, war übergegangen in einen erschöpften Schlaf, den er mühelos hätte weiterführen können.
Bloß nicht denken. Bloß keine Erinnerungen.

Ob das Ministerium wohl schon auf der Suche nach ihm war? Immerhin war er ein Todesser. Ob Dumbledore ihn schützen würde, so wie er Andere geschützt hatte. Beinahe wäre ihm ein bitteres Lachen entflohen. Er schloss wieder die Augen, ohne zu wissen, daß er sie geöffnet hatte.

Scheinbar war er tatsächlich nochmal eingeschlafen, denn als er abermals die Augen öffnete war das Büro von Kerzen erleuchtet und er hörte, wie Dumbledore mit einer weiteren Person sprach. Eine Frauenstimme.
"Erst Harry zu den Dursleys und jetzt das ... Albus, du übertreibst es, meinst du nicht?"

Lilys Sohn bei den Dursleys? Wer waren die Dursleys? Der schleppende, schottische Akzent. Er identifizierte die strenge Stimme von Minerva McGonagall. Na toll.

"Warum sollte er sich geändert haben? Sag mir einen einzigen, vernünftigen Grund."
"Ich glaube, du kannst ihn jetzt selbst befragen", entgegnete Albus mit sanfter Stimme.
Snapes Herz, von dem er gedacht hatte, daß er gar nicht mehr da war, setzte ein paar Schläge aus. Was sollte er sagen.
Wie ertappt setzte er sich auf. Sein Kopf wollte platzen. Ihm war schwindelig.
"Ich habe mich nicht geändert", sagte er trotzig und schaute der älteren, schwarzhaarigen Hexe ins Gesicht. Was er dort lesen konnte, gefiel ihm gar nicht. Ihre Augen waren erschrocken geweitet. Ein verkniffener Zug um den Mund, aber dennoch, das sah verdammt nach Mitleid aus.

Warum?

"Also gut", sagte Minerva gottergeben und äußerst unvermittelt, "Sie bekommen also eine Stelle als Lehrer hier an der Schule."

Wie bitte?

Snape rutschte die Decke von den Schultern und er begann wieder zu frösteln. Sein Gehirn wollte seine Arbeit nicht aufnehmen. Er spürte, wie er nickte. Und wie das Frösteln zu einem haltlosen Zittern wurde.

Lehrer? Hier an der Schule? Wer?

"Horace wird froh sein, er wollte so lange schon in Pension gehen."
"Severus wird die Prüfung zum Tränkemeister spielend schaffen und dann steht der Sache nichts im Wege."
Entsetzt beobachtete Snape, wie Albus und Minerva über ihn sprachen als wäre er überhaupt nicht anwesend. Er schlotterte mittlerweile so, daß seine Zähne klapperten. Trotzdem wagte er nicht, sich zu bewegen und die Decke wieder um sich zu ziehen. Er war wie gelähmt. Er kam sich vor wie ein Kaninchen, das jeden Moment von einer Schlange gefressen werden sollte.

Dabei konnte er doch froh sein. Nicht nach Askaban. Den Jungen schützen. Vor was denn? Ein lauer Job.

"Er sollte in die Kerker ziehen, wird Zeit, daß sie wieder bewohnt werden."
Minerva nickte zustimmend. Und Albus kramte jetzt auf seinem Schreibtisch herum. Bald hatte er scheinbar gefunden, wonach er gesucht hatte. Er schrieb etwas auf ein Pergament.
Wenige Zeilen nur. Dann faltete er das Pergament zusammen, steckte es in einen Briefumschlag und drückte denselben Snape in die Hand.
"Ihr Arbeitsvertrag", bemerkte er lächelnd.
Aha.

Wie in Trance nahm Snape den Brief an sich und folgte Minerva mit wackligen Knien hinab in die Kerker.
"Sie müssen sich ausruhen, zuerst einmal. Dann wird sich schon alles finden."
Sie zeigte ihm seine neuen Räume, entzündete ihm ein Feuer im Kamin und wies ihn an, zu schlafen. Eben so als wäre er ein kleines Kind. Er wagte nicht, zu widersprechen.
Er war totmüde. Er hatte rasende Kopfschmerzen. Das schmale klamme Bett mit der rauen Wolldecke kam ihm vor wie das Paradies.
Nie mehr denken.
Nicht denken und schnell schlief er ein. Mit der schwachen, unbegründeten Hoffnung, einfach im Schlaf zu sterben.



Eine Brise kräuselte die sorgfältig geschnittenen Hecken des alten Schlosses, das still und friedlich dalag unter dem tintenfarbenem Himmel und nie wäre man auf den Gedanken gekommen, daß hier etwas Unerhörtes geschehen könnte.
Unter der Wolldecke drehte sich Severus Snape auf die Seite, ohne aufzuwachen. Seine kalten Finger klammerten sich an den Brief neben ihm, und er schlief weiter. Nicht wissend, welcher Weg noch vor ihm lag. Nicht wissend, daß er verloren war. Nicht wissend, daß in ein paar Stunden, wenn Sibyll Trelawny die Kerkertür öffnen würde, um ihr geheimes Sherryversteck aufzusuchen, ein Schrei ihn wecken würde.
Und auch nicht ahnend, daß ihn sein eigenes Gewissen in den nächsten Wochen und Monaten und Jahren peinigen und piesacken würde ...
Er konnte nicht wissen, daß in eben diesem Moment Minerva das Glas erhob und mit gedämpfter Stimme sagte: "Albus, ich hoffe, daß du diese Entscheidung überleben wirst."




A/N

Also ich wollte ja so düster nicht beginnen, aber es lässt sich irgendwie aufgrund der Begebenheiten nicht wirklich vermeiden.
Dafür kommt das nächste Kapitel schon bald und zwar am 31. März und da kommt dann ein wenig mehr davon, was mich an Snape so fasziniert hat — nein, der knackige Hintern war es nicht! Auch nicht die aristokratische Nase oder das seidige Haar. Oder die geschmackvollen Prinzessin-Lillifee-Boxershorts.
Ein bißchen Sarkasmus vielleicht, obwohl der für meinen Geschmack immer ein wenig arg auf Kosten anderer funktioniert hat. Aber immerhin hat er funktioniert.
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