Countless murder

KurzgeschichteThriller, Horror / P16
20.03.2012
20.03.2012
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Anmerkung
Ein kleiner, wirklich kleiner Os zum Anime bzw. Manga Shiki. Ich glaube zwar, dass nicht viele die Hintergrundgeschichte kennen werden, aber im Zweifelsfall: Einfach bei mir nachfragen. ;)
Das sollte beim Lesen unbedingt gehört werden! → http://www.youtube.com/watch?v=7TuXR8ALqtE
Dann viel Vergnügen!





Countless murder



Schweigend folgte ich der unbekannten Frau. Geräuschlos, im Dunkel der Nacht verborgen. Sie bemerkte mich nicht, doch selbst wenn sie es getan hätte, wäre ihr nichts Sonderbares an mir aufgefallen. Was sollte sie schon an einem kleinen Mädchen fürchten?
Das Rascheln ihrer Taschen, gefüllt mit allerlei Dingen, die sie in der Stadt erstanden hatte, begleitete jeden ihrer Schritte, erfüllte die verlassenen Straßen, störte die scheinbar friedliche Ruhe. Und doch war das Geräusch nebensächlich, war nicht mehr als ein weiterer Hinweis, dem ich mühelos folgen konnte.
Das schwache Licht der Laternen beleuchtete in unregelmäßigen Abständen ihren Weg, hüllte die dazwischen liegenden Abschnitte in diffuse Schatten, verdunkelte die zu beiden Seiten liegenden Vorgärten. Die Fenster der Häuser waren finster und leer, obwohl es noch nicht allzu spät war.
Ich spürte, wie meine Lippen sich zu einem bitteren Lächeln verzogen, als der Hunger erneut in mir aufbegehrte, mich dazu antrieb, meine Schritte zu beschleunigen und zu der Frau aufzuschließen.
„Guten Abend.“ Meine kindliche Stimme huschte durch die Straße, verlor sich in der schier endlosen Dunkelheit, wurde von ihr aufgesogen, wie das Blut, das ich...
„Oh, guten Abend.“ Der verwunderte Ton der Frau überraschte mich nicht. Wer erwartete schon, ein junges Mädchen des Nachts auf der Straße zu treffen? „Wie kann ich dir helfen?“
„Um ehrlich zu sein, ich glaube, ich habe mich verlaufen.“ Wie von selbst veränderte sich mein Gesichtsausdruck zu einer traurigen, ängstlichen Maske, zu oft hatte ich dieses Szenario schon durchgespielt, zahllose Menschen so in den Tod gelockt.
„Herrje! Wie ist denn dein Name?“ Das hilfsbereite Lächeln der Frau wirkte durch die Schatten, die auf ihren Zügen lagen, beinahe schon lächerlich.
„Sunako.“
„Und wie noch?“
„Sunako Kirishiki.“ Ich deutete mit einem Finger in eine dunkle Seitengasse. „Ich glaube, ich wohne in dieser Richtung.“
„Kirishiki?“, verwirrt wiederholte die Frau meinen Namen. „Von dieser Familie habe ich noch nie gehört.“
Ich zuckte mit den Schultern. Ein gut geübtes Spiel, das ich perfekt beherrschte. „Wir sind neu hier. Können Sie mir helfen?“
Sofort änderte sich der Ausdruck der Frau. „Aber natürlich. Ich werde dich begleiten. Nur keine Sorge.“  Aufmunternd lächelte sie mir zu, ich erwiderte ihr Lächeln mühelos.
Zielstrebig wandte die Frau sich der Gasse zu, während ich sie von der Seite betrachtete. Jung. Keine dreißig Jahre alt. Recht hübsch. Ihre Augen waren lebhaft und fröhlich. Sie erinnerte mich ein wenig an die Dienerinnen, die mir vor langer Zeit mein Essen gebracht hatten. Die mein Essen gewesen waren.
Ah, wie nostalgisch, schoss es mir durch den Kopf.
Als wir einige Schritte gegangen waren, blieb ich stehen. Irritiert stockte auch die Frau, sah mich fragend an. Hier, in diesen Seitenstraße, war kein Licht, nur dunkle Schatten, sodass ich für die Frau nicht mehr als ein undeutlicher Umriss sein konnte, der sich gegen das von der Hauptstraße stammende Licht abhob.
„Waren Sie zufrieden mit Ihrem Leben?“, fragte ich, war mir dem abwesenden Ausdruck in meinen Augen vollkommen bewusst. Ihr Blut rauschte in meinen Ohren, ich konnte ihr Herz hören, wie es gesund und kräftig die rote, köstliche Flüssigkeit durch ihre Venen sandte.
„Was?“ Langsam trat die Frau einen Schritt von mir weg. Ihr Körper registrierte scheinbar allmählich, dass etwas nicht stimmte. Ihre Stimme hallte zwischen den Häuserwänden, die die Gasse regelrecht umzingelten, wider, verlieh ihr etwas Surreales und verzerrte sie.
„Waren Sie es?“
„Ich denke schon.“ Zaghaft sprangen die Worte aus ihrem Mund,  tropften unaufhaltsam wie warmer Regen genn Boden.
„Gut.“ Das Fließen des Blutes war lauter geworden. Ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt. Abermals stahl sich ein Lächeln auf mein Gesicht, breiter, hässlicher, entblößte eine Reihe weißer Zähne.
Zu schade, dass die Dunkelheit mein Gesicht verhüllte. Ich genoss den Augenblick, in dem die Menschen meiner Fangzähne gewahr wurden, liebte das pure Entsetzen auf ihren Zügen und das raue Keuchen oder der schrille Schrei der ihren Kehlen entfloh, ehe sie ein für alle Mal verstummten.
Ich konnte sehen, wie ihre Augen unruhig hin- und herhetzten, erschwerte mir die Dunkelheit das Sehen doch keineswegs. Das Rascheln ihrer Taschen hatte wieder begonnen, obwohl sie sich nicht bewegte. Ihre Hände zitterten. Das Geräusch störte mich, es nervte, wirkte in diesem wundervollen Moment unpassend und zerstörte den Augenblick.
„Kirishiki-chan?“ Flüstern, Hauchen, fast schon tonlos.
„Nicht -chan!“ Im Gegensatz zu ihren Worten wirkte mein Kreischen geradezu wie das Grollen des Donners. Nichts Kindliches mehr, oh, gewiss nicht. Mein wahres Wesen drängte sich an die Oberfläche, ich spürte es. Nein, dort war nichts Kindliches mehr zu finden.
Ihr Zucken ließ mich laut auflachen, herzlich und grausam zugleich.
„Was...?“ Angst erfüllte ihre Stimme. Fürchtete sie etwa ein junges Mädchen wie mich? Erneut lachte ich. Wie begründet diese Befürchtung doch war.
Ruhig trat ich einige Schritte näher an sie heran, ließ ihre Reaktion auf mich wirken. Sie schien vor mir zurückweichen zu wollen, tat jedoch nichts dergleichen. Unmittelbar vor ihr hielt ich inne, blickte zu ihr auf. Endlich zog sie scharf die Luft ein, aus dieser Entfernung konnte ihr das rote Leuchten meiner blutgierigen Augen nicht entgangen sein. Ihr leiser, erstickter Schrei drang an meine Ohren, als ich meine kalte, rechte Hand auf die ihre legte.
„Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten?“ Ein sanftes Säuseln.
Zuerst wirkte sie, als wolle sie verneinen, dann schüttelte sie den Kopf, als ob sich selbst von irrationalen Gedanken befreien wollte. Ängstlich nickte die Frau.
Ich hob meine linke Hand, deutete an, dass sie sich zu mir hinterbücken sollte, während ich mit der rechten leicht am  hellblauen Ärmel ihrer Bluse zog. Zaghaft kam sie meiner Bitte nach, legte ihren Kopf leicht schief, sodass meine Lippen ihr Ohr fast berührten.
Ihr Duft ließ heißes Verlangen in mir aufsteigen, ließ nur mit viel Anstrengung zu, dass ich nicht auf der Stelle meine Zähne in ihren Hals rammte. Sie roch nach frischer Wäsche, die in der Sonne getrocknet war – ein Duft, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr vernommen hatte. Ich sehnte mich danach. Sehr.
Ich schwieg einige Sekunden, ehe eine meiner Hände ihre Schulter umschloss, während die andere sanft um ihren Hals glitt. Abermals stahl sich ein amüsiertes Lächeln auf mein Gesicht. „Ich wohne gar nicht hier in der Nähe.“
Noch ehe die Frau zu einer Frage ansetzen konnte, hatte meine Hand sich um ihren Hals geschlungen, hinderte sie daran, sich mir zu entziehen, während sich meine Fingernägel durch den Stoff ihrer Bluse in ihr Fleisch gruben.
In Sekundenschnelle bohrten sich meine Zähne in ihren Hals, fanden die Ader, die sie suchten. Angenehme Wärme flutete durch meinen Körper, als ob ich die flüssigen Sonnenstrahlen ihres Duftes in mich aufnehmen würde. Das Verlangen nach mehr brannte in meinem Körper, vermischte sich mit dem Hungergefühl und übernahm die Kontrolle, sodass ich nichts weiter tun musste, als die Augen zu schließen und die Gier zu befriedigen. Ich spürte, wie ein kaum merkliches Rinnsal meinen Mundwinkel hinablief, von dort auf das Blau ihrer Bluse tropfte und dunkle Flecken hinterließ.
Selbst in diesem Moment wunderte ich mich über die Gutgläubigkeit der Menschen. Sie hätte wegrennen können, hätte schreien können, doch hatte sie einfach nichts getan, hatte sich geweigert, in mir mehr als nur ein Mädchen zu sehen. Und jetzt war es zu spät. Nun wurde sie mir die nächsten drei Tage als Nahrung dienen, ob sie wollte oder nicht.
Als ich von ihr abließ, waren ihre Augen verschleiert, ihr Blick absolut leer.
„Sie werden doch niemandem hier von erzählen, nicht wahr?“ Die Niedlichkeit war in meine Stimme zurückgekehrt. Jetzt, wo ich nicht mehr hungrig war, fiel es mir wieder leichter, meine Rolle zu wahren.
„Nein.“ Dieselbe monotone Antwort wie immer.
„Gehen Sie heim, ruhen Sie sich aus. Sie wirken etwas blass.“ Mein Kichern schien sie vollkommen unberührt zu lassen. „Wir sehen uns morgen wieder, um die gleiche Zeit. Hier. In Ordnung?“
Ein Nicken. Die Frau umfasste ihre Taschen fester, ging an mir vorbei.
Ich blickte ihr nach, bis sie die Straße wieder erreicht hatte und außer Sicht geraten war.
Ich lachte. Kopfloses, hysterisches Lachen. Ich bereute es nicht, im Gegenteil, hatte sogar meine Freude hieran.
In zwei Tagen würde sie sich in die Reiher meiner zahllosen Morde einreihen. Eine von vielen. Bedeutungslos. Vergessen.
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