Vampire over Night

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
19.03.2012
30.08.2012
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Hey,
also hier ist das erste Kapitel der überarbeiteten Version. Wir hoffen es gefällt euch und..viel Spaß :D
Luciana





Die Wanderung



Anna Blue setzte ihre Geige ans Kinn und schaute unwillig auf ihr Notenblatt. Sie wusste was da lag, die »Kleine Nachtmusik« von Mozart. Sie spielte eigentlich nur Rock- und Popmusik, doch ihr Musiklehrer hatte ihr nun auch etwas Klassisches aufgezwungen, mit dem sie am Freitag auftreten sollte. Heute war Samstag, also wenn sie sich nicht ganz blamieren wollte, musste sie so oder so üben. Nachdem sie zwei Zeilen gespielt hatte, dröhnte plötzlich ohrenbetäubende Musik aus dem Fenster neben ihr. Ein Gedanke schoss durch ihren Kopf und sie musste lächeln. Lucy, dachte sie. Lucy Day war ihre beste Freundin und in Annas Augen die beste Tänzerin der Welt. Schnell legte Anna ihre Geige beiseite und öffnete vorsichtig das bis jetzt abgekippte Fenster. Da tanzte Lucy im Hof zwischen ihrem und dem Haus der Familie Day. Ihre braunen schulterlangen Haare hüpften bei jeder Bewegung mit. Anna schaute lange zu und ihre Freundin schien so vertieft in ihre Bewegungen, dass sie Anna gar nicht mitbekam, doch mit der Zeit wurde es ihr doch zu langweilig. Langsam zog sie die Mundwinkel nach oben. Sie hatte eine Idee. Vorsichtig, damit Lucy nichts merkte, schnappte sie sich durch das Fenster das Radio, die Quelle der Musik, vom Tisch und rannte los. Erst merkte Lucy nichts, aber je weiter Anna sich entfernte, desto leiser wurden natürlich auch die Töne. Lachend drückte Anna die Pause-Taste und rannte in die erste Etage. Dort kauerte sie sich neben das Fenster und sah zwischen den Geländerstangen, wie Lucy in ihr Haus stürmte, denn sie hatte schnell erkannt, wer ihr das Radio stibitzt hatte. Anna konnte hören wie Lucy unten herumlief.
»Anna! Jo-ann! Komm raus! Ich weiß, dass du das warst«, rief sie mit wütendem Unterton, aber trotzdem vorsichtig. Sie wusste dass eigentlich heute niemand anderes da war. Annas Eltern arbeiteten auf dem Feld, ihre Familie betrieb einen Bauernhof, und ihre Schwester war bei einer Freundin. Aber naja, so war Lucy eben einmal. Sie könnte ja die Hasen im Stall erschrecken, dachte Anna und sie musste sich einen Lachanfall verkneifen.
»Ich bin hier«, sang sie fröhlich und duckte sich hinter einen Schuhschrank. Lucy lief an ihr vorbei, Anna sprang regelrecht hinter sie und hielt ihr die Augen zu. Lucy kreischte auf, machte einen Satz nach vorn und drehte sich dabei herum.
»Was sollte das?«, fragte sie ärgerlich, doch Anna wusste, dass sie ihr das nicht wirklich übel nahm. So wie immer, dachte sie. Lucy verzieh ihr diese alltäglichen Späße ebenso schnell, wie sie erschrak. Und das geschah schneller als alles andere auf dieser Welt.
»Na du weißt doch: Langeweile!« Grinsend schwang Anna das Radio hin und her.
»Und die musst du immer vertreiben, indem du mich ärgerst?«
»Wie denn sonst?«, meinte Anna und auch Lucy wirkte immer mehr gut gelaunt.
»Kann ich mein Radio wiederhaben? Ich hab bald Auftritt, das weißt du doch, oder?«, fragte Lucy.
»Nee, du hast es ja nur ungefähr 2000-mal erwähnt.« Anna lachte und bedachte ihre Freundin mit einem Lächeln.
»Na sooft war es nun auch wieder nicht«, sagte sie unschuldig.
»Ja, Sorry es waren nur 1999-mal, ich habe mich wohl verzählt.« Nun schüttelten sie sich beide vor lachten und Anna fielen ihre braunen Locken ins Gesicht. Als die zwei keine Luft mehr bekamen, gingen sie, Lucy wieder mit ihrem Radio, zurück in den Hof.
»Wie lange übst du jetzt noch?«, fragte Anna.
»Keine Ahnung. Warum?«, meinte Lucy ein wenig verdutzt.
»Nur so.«
»Das glaubst du doch wohl selbst nicht.«
»Jaja, ich weiß. Ich dachte, wir könnten heute noch wandern oder so?«, erklärte Anna gespielt beiläufig.
»Aber nicht zum Bach oder? Da komm ich nämlich nicht mit.« Lucy klang beängstigt. Anna grinste, denn sie wusste warum. Bei ihrem letzten ›Wanderausflug‹ war Lucy nämlich in den Raasdorfer Bach gefallen. Und um es einfach auszudrücken: Lucy ist nicht gut auf kaltes Wasser zu sprechen.
»Keine Sorge, da wo ich hin will gibt’s keinen Bach«, beruhigte Anna sie.
»Dann einen See? Oder irgendwelche wilden Tiere?-«
»Nur ein Feld, sonst nichts«, unterbrach sie augenrollend ihre Freundin. Manchmal würde ein klein wenig mehr Mut ihr wirklich nicht schaden.
»Ist ja gut, dann komm ich mit, aber…«
»Aber was?« fragte Anna eindringlich.
»Wir sind doch zurück, wenn es dunkel wird?«
»Natürlich nicht«, hätte Anna am liebsten gesagt, da es jetzt ja schon sechzehn Uhr war und sie noch mindestens eine halbe Stunde trainieren mussten. Es war nun Anfang Mai. Es wären also nur noch ungefähr drei Stunden bis dann halb 9 die Sonne untergehen würde. Das reichte für diese Tour niemals. Aber um Lucy zu besänftigen, sagte sie:
»Klar sind wir das. So lange wird‘s nicht dauern.«
»Na dann, ist ja gut.« Lucy klang leicht beruhigt, aber die Angst in ihrer Stimme vor solchen Touren würde wohl nie vergehen. »Ich übe noch so eine halbe Stunde. Und du?«
»Ich auch. Also machen wir um fünf hier los?«
Lucy nickte. »Ich hätte da noch eine kleine Bitte…«, setzte Anna an, »Könntest du die Musik ein kleines bisschen leiser machen? Ich denke das kommt uns beiden sehr gelegen.«
»Wieso uns beiden?« Verwirrt sah sie Anna an. Doch diese lief zu ihrer Haustür zurück. Im Flur schaute sie noch einmal durch den Türspalt zu Lucy zurück. »Naja ich weiß nicht, aber wenn du dein Radio behalten willst…«, sie brach ab und schloss mit einem leisen Lächeln die Tür.

Anna wartete schon, als Lucy endlich in der Tür auftauchte. Normalerweise kam Lucy nie zu spät. Und warum wohl? Genau: Sie fürchtete sich davor Ärger zu bekommen oder bestraft zu werden! Wahrscheinlich hatte sie noch eine viertel Stunde lang gebetet, dass auf der Tour nichts passierte. Dabei konnte man schon mal die Zeit vergessen. Sie trug eine seltsame Kombination aus ihren kniehohen Stiefel und einer Khakihose. Bei jedem anderen hätte Anna über diese schicken Schuhe gelacht. Wandern mit Designerstiefeln. Aber dies war Lucys seltsame Kombination, das sah eben gut aus und teure Schuhe besaß Lucy genug. Wenn diese kaputt gehen würden, nahm sie sich einfach ein neues Paar aus dem Schuhschrank. Jetzt nicht!, ermahnte sie sich, Das soll eine tolle Wanderung werden. Keine Zeit für Neid auf Lucys Reichtum.
Anna trug auch eine ähnliche Hose, aber feste, etwas abgetretene, Wanderschuhe. Sie mochte Stiefel auch gar nicht so sehr. Auf dem Rücken befand sich ihr kleiner hellblauer Rucksack, der bei jeder Wanderung dabei war.
»Schön, dass du auch mal auftauchst.« Anna lächelte. »Komm, du willst doch wieder Zuhause sein bevor es dunkel wird, oder?«
»Oh jaa...« Lucy seufzte und betrachtete den niedrigen Stand der Sonne. »Ich glaub zwar nicht mehr wirklich, dass wir das schaffen, aber umso eher wir loslaufen, desto schneller sind wir wieder da.«
»Genau. Außerdem beschütze ich dich ja vor den bösen Geistern«, sagte Anna fröhlich und sie wanderten los. Schon nach einer viertel Stunde machten sie auf Lucys Anfrage hin eine kleine Pause auf einer Waldlichtung. Seufzend packte Anna die Wasserflasche aus und reichte sie ihrer Freundin. »Und ich dachte du wärst die bessere Sportlerin.«
»Ich kann schnell rennen und springen, aber doch nicht wandern. Dazu hab ich gar keine Ausdauer«, wendete Lucy ein.
»Sonst hast du doch auch nie so gejammert« Anna stemmte die Hände in die Hüfte.
»Wir sind auch noch nie so lang gelaufen«, verteidigte sie sich trotzig. Nach einem weiteren großen Schluck Wasser gab sie die Flasche wieder zurück. Anna trank ebenfalls und steckte sie dann in den Rucksack. Sie schloss gerade den Reißverschluss, als Lucy entsetzt aufschrie. Da hat sie wohl ein Eichhörnchen böse angesehen?, fragte sie sich leicht belustigt.»Was ist denn los?«
Ihre Freundin verdeckte mit der einen Hand den Mund unter den vor Schreck geweiteten Augen und zeigte mit der anderen auf das Gebüsch am Wegesrand.»D-da…w-war…e-ei-ein-«
»Oh maan. Haben die Blätter geschrien ›Wir kommen und holen dich!‹ oder was?«, schnitt Anna ihr etwas genervt das Wort ab. Oder besser gesagt das Stottern. Lucy beachtete sie nicht und atmete einmal tief durch.
»Die Sträucher haben sich bewegt und dann…da waren rote Haare und ein grünes Aufblitzen. Ich glaube das waren die Augen. Und dann war es auf einmal…weg.«
»Bestimmt ein Fuchs«, vermutete Anna knapp. »Keine Sorge. Der hat mehr Angst vor dir als du vor ihm.« Okay vielleicht auch nicht. War es überhaupt möglich mehr Angst zu haben als Lucy?
»Kein Fuchs hat so lange Haare wie ich!« Lucy nahm eine Strähne zwischen Daumen und Zeigefinger, um deren Länge zu demonstrieren.
»Dann war es eben ein Fuchs, der schon seit einem Jahr keinen Frisörtermin bekommt!«
»Haha«, sagte Lucy trocken. Diesmal lachte sie nicht einmal über eine von Annas Bemerkungen. Was immer das für ein Ding war, es musste sie wirklich erschreckt haben. Aber wie gesagt, das geht ja auch schneller als alles andere auf der Welt. Lächelnd setzte Anna den Rucksack wieder auf und zog ihre Freundin mit sich. Diese protestierte zwar nicht, warf aber hin und wieder nervöse Blicke zu den Bäumen und Sträuchern. Sie redeten nicht viel weil der Weg nun steil bergauf führte. Nach einer Weile wurde der Wald dichter. Ein Weg war nicht mehr zu erkennen. Sie kämpften sich durch Büsche und stolperten über herumliegende Äste, doch Lucy verkniff sich ihre Angstschreie, wenn wieder die Blätter raschelten oder ein Tier um die Bäume streunte. Irgendwann kamen sie am Ziel ihrer Reise an. Anna hatte jegliches Zeitgefühl verloren, genoss einfach nur die Natur, und Lucy zitterte. Angesichts der dicken Jacke wohl eher weil sie sich fürchtete. Mit letzten Kräften erreichten sie den Waldrand. Schnell schoss Anna vor und hielt ihrer völlig verdutzten Freundin die Augen zu. »Hey, lass das!«, rief diese und versuchte die Hände von ihrem Gesicht zu ziehen. »Bleib mal ruhig«, sagte Anna. Sie drehte Lucy um circa neunzig Grad herum und gab ihr die Sicht zurück. Lucy stieß bei dem Anblick der sich ihr bot ein leises »Wow« aus, denn man sah fast alle Städte und Dörfer um Raasdorf  herum.  Es war wunderschön und wirkte auch ein wenig majestätisch. Anna hatte schon einmal den Weg zu diesem Ort auf sich genommen, doch auch dieses Mal faszinierte er sie. Sie setzte ihren Rucksack ab und nahm ihn in die Hand. Während Lucy sich immer noch umsah, zog Anna eine Picknickdecke, eine Flasche Wasser und ein paar Kekse heraus. Sie breitete die karierte Decke auf den Boden aus und setzte sich. Bald darauf tat es ihr Lucy gleich. Sie redeten und redeten, so wie sie es nach einer Wanderung immer taten. Einmal stand Anna auf und jagte mit den Keksen durch das Kornfeld davon. Doch da Lucy schon immer die bessere Läuferin von ihnen war, holte sie Anna schnell ein. Lachend fielen sie in das Getreide. Ich wünschte, ich könnte schneller rennen, dachte Anna sich. Ja schneller rennen, schneller denken, und stärker sein. Das war ihr Wunsch. Nicht so langsam zu sein, sei es beim Rennen oder in Mathe. Lucy besaß das alles schon. Sie war klug, stark und sehr schnell. Ihr ging es um die Unsterblichkeit. Anna hatte keine Angst vor dem Tod. Ewiges Leben war toll, aber nicht unbedingt notwendig. Für Lucy war das größte Grauen die Schmerzen, die den Menschen meist in den Tod hinein begleiteten. Es gab nur eins, was dies alles real machen könnte. Vampire. Sie wollte ein Vampir werden. Seit die vielen Vampirstorys populär geworden waren, spielte Anna mit diesem Gedanken, auch wenn sie eigentlich nicht an die Existenz von Vampiren glaubte. Lucy war da anderer Meinung. Sie fürchtete sich davor, wenn es wirklich klappen sollte und sie sich beide in gefühlslose Monster verwandeln könnten, die einfach unschuldige Wesen abschlachten. Aber taten die Menschen nicht genau dasselbe? Unschuldige Wesen jagen, die Tiere? Naja egal, dachte Anna, dieser Wunsch wird ja eigentlich eh nicht in Erfüllung gehen. Eigentlich.
Nach einer Weile setzten sie sich wieder auf die Decke am Waldrand. Die Abenddämmerung setzte ein und Lucy fing wieder an zu zittern und nervöse Blicke in den Wald zu werfen, sagte aber nichts. Anna wusste, dass nicht einmal die Schönheit dieses Ortes, besonders jetzt, da alle Städte beleuchtet waren, die Angst vor der Dunkelheit vertreiben konnte.
Plötzlich raschelte es hinter ihnen. Lucy fuhr sofort hoch und verschanzte sich hinter Anna. Diese jedoch stand auf und ging auf den Busch zu, in dem es gerade rumort hatte.
»Nein«, rief Lucy, »Wenn das der Fuchs ist, oder was auch immer das für ein Ding war!« Sie zitterte nun am ganzen Körper.
Anna beruhigte sie: »Keine Angst, ich pass auf« Und sie verschwand im Wald. Keine zehn Sekunden später kam sie mit etwas Pelzigen auf dem Arm zurück.  
»Was ist das?«, brachte Lucy mühsam hervor und zeigte auf das Etwas in Annas Armen.
»Ein Angsthase, genau wie du«, gab Anna spöttig zurück. Und tatsächlich. Sie trug einen Hasen zur Picknickdecke. Er sah noch sehr jung aus. Vielleicht ein Jahr alt, schätzte Anna in Gedanken.
»Oh, wie süß.« Lucy schien die Lage etwas peinlich, doch ihre Freundin setzte sich, als wüsste sie von nichts. Eine kurze Pause von meinen Kommentaren tut ihr bestimmt auch mal gut, dachte Anna, Aber nur eine kurze.
Sie spielten ein Stück mit dem Hasen, bis die Sonne endgültig hinter einem Hügel verschwunden war und Annas Handy klingelte. ZUHAUSE, stand groß auf dem Display, doch sie drückte den Anruf eiskalt weg. Ein kurzer Ausdruck von Entsetzen huschte über Lucys Gesicht, aber sie fing sich schnell wieder. Mittlerweile war sie daran gewöhnt, wie respektlos Anna manchmal mit ihren Eltern umging. Anna  selbst fand es nicht schlecht, sie wollte ja nur Gleichberechtigung. Ihre Eltern gingen sooft abends aus, da durfte sie doch wohl mal länger wegbleiben, oder?
»Denkst du nicht, es wäre besser ranzugehen?«, meinte Lucy unsicher, als es erneut klingelte.
»Ach, die nerven doch dann nur mit ihrem ›Wo bist du?‹, ›Wann kommst du?‹ und so. Ich ruf sie ja auch nicht die ganze Zeit an, wenn sie zu spät von ihrem Tanzabend kommen.«
Lucy setzte an noch was zu sagen, hielt dann aber inne. Gut so, beschloss Anna, Es würde sowieso nichts bringen, weiter auf mich einzureden.
»Ich glaube, wir müssen los«, sagte Lucy nach einer kurzen Pause, in der sie beide den Hasen streichelten.
»Mmh ja. Warte, ich schaff den Kleinen noch zurück.« Anna stand auf und ging auf den Busch zu aus dem sie den Hasen geholt hatten. Sie drückte ihm einen Kuss auf das weiche Fell und ließ ihn laufen. »Tschüss, mein Süßer«, flüsterte sie in die Schwärze des Waldes. Plötzlich fiel ihr ein Zettel auf dem Boden auf, der sich weiß-gelblich vom Boden abhob. Sogar hier verschmutzen sie alles, dachte sie. Doch irgendwie hatte sie den Drang den Zettel aufzuheben. Also nahm sie ihn und las:

Nur wer wahre Freundschaft kennt,
die das Buch  beim Namen nennt-

Sie stockte kurz. Welches Buch? Musste wohl rausgerissen sein. Also nochmal:


Nur wer wahre Freundschaft kennt,
die das Buch beim Namen nennt,
diesen Spruch nun lesen kann,
denn auf ihm erliegt ein Bann.
So schreibet euren Wunsch hinein
und dann wird alles anders sein.
Doch gebet Acht!
Wählt den Wunsch nur mit Bedacht.
Denn durchschreitet ihr des Zaubers Tor,
wird es niemals sein wie je zuvor.

»Lucy komm mal schnell!«, rief sie. Fast sofort sprang Lucy mit einem beängstigten Gesichtsausdruck durch das Gebüsch auf sie zu und fragte: »Was ist passiert?«
»Schau mal, ich habe was gefunden.« Anna zeigte ihr das vergilbte Stück Papier und auch Lucy studierte den Zettel genau. Endlich hatten sie etwas gefunden, mit dem ihr Wunsch in Erfüllung gehen konnte. Lucy schien derselbe Gedanke gekommen zu sein, denn ein Hauch von Erkenntnis war auf ihrem Gesicht zu erkennen. Dann wurde diese wieder von der allgegenwärtigen Angst vertrieben.
»Was meinst du? Das könnte unsere Chance sein!«, stellte Anna aufgeregt fest.
Lucy schwieg. Die Lösung war so nah und sie wollte sie einfach nicht ergreifen? Na klar, mal wieder die Angst.
»Komm schon, wir haben doch schon so lang eine Möglichkeit gesucht. Wovor hast du jetzt Angst?«, wollte Anna leicht verärgert wissen.
»Ich will Unsterblichkeit. Und die einzig bekannte Variante ist die Verwandlung in einen Vampir, du hast recht. Aber-«, versuchte Lucy zu erklären.
»Nichts aber! Ich hol einen Stift.« Und schon rannte sie zu dem Rucksack auf ihrer Decke. Wieder bei Lucy schnappte sie ihr den Zettel aus der Hand und begann zu schreiben.
»Nein!« Lucy entriss ihr mit aller Kraft den Kugelschreiber.
»Was tust du da?«, rief Anna wütend.
»Nein, was tust du da? Weißt du überhaupt was das bedeutet? Hier steht klar und deutlich, dass es niemals mehr sein wird wie früher. Wir werden nie wieder im Tageslicht leben können! Blut trinken müssen. Menschen umbringen, einfach so! Und wir werden unsere Eltern verlassen müssen. Sie können nicht mit zwei blutrünstigen Monstern im Haus leben!« Lucy schrie jetzt beinah und die Hysterie in ihrer Stimme war unverkennbar. Das tat sie nicht, weil sie wütend war, sondern weil die angestaute Angst jetzt einfach aus ihr heraus brach.
Der Gedanke war Anna noch nie gekommen: Sie werden ihr Zuhause verlassen müssen. Aber hey, wieso mache ich mir eigentlich Sorgen?, fiel ihr ein, Das ist nur ein altes Stück Papier mit einem seltsamen Spruch darauf. Bestimmt nur ein Scherz. Der Rausch war verschwunden und sie befand sich wieder auf dem Boden der Tatsachen. Als sie dies Lucy erklärte, sah ihre Freundin zwar nicht besonders überzeugt aus, ließ sich aber widerstandslos den Stift aus der Hand nehmen. Bevor Lucy es sich anders überlegen konnte, schrieb Anna schnell in krakeliger Schrift:
Wir möchten Vampire werden.
Sie verstaute den Kugelschreiber wieder im Rucksack und blickte zu Lucy auf. Diese starrte immer noch auf den Zettel, den Anna wieder auf dem Boden platziert hatte.
»Jetzt mach dir doch mal nicht so viele Gedanken«, sagte sie und schulterte ihre Tasche. Lucy riss den Blick von der Erde flüsterte:»Du hast gut reden. Du siehst die Menschen dann einfach als Tiere, die man jagt, um zu überleben. Ich sehe in ihnen aber Wesen, die denken und fühlen können. Wesen, die wir auch einmal waren.« Ihre großen blauen Augen bohrten sich vor Angst beinahe in Annas.
»Du sprichst, als wären wir schon Vampire», meinte Anna belustigt. Noch spürte sie nicht den Durst nach Blut. Kommt wohl noch, dachte sie grinsend.
»Du wirst sehen.« Lucy drehte sich von dem Stück Papier weg, als wäre es ein Fluch und das Zittern, das seltsamerweise die letzten paar Minuten ausgesetzt hatte, fing wieder an.Anna voran, traten die beiden Mädchen die Rückwanderung an. Lucy klammerte sich fast die ganze Zeit an den Arm ihrer Freundin.
Keiner der beiden bemerkte, dass der Zettel mit dem Gedicht hinter ihnen langsam in Flammen aufging. Eine schwarze Gestalt mit rot schimmernden Haaren beugte sich darüber und legte die verkohlten Überreste vorsichtig in ihre Hände.