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Mass Effect - The Truth Of It

von Andauril
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P16 / Gen
Commander Shepard Der Vorbote Garrus "Archangel" Vakarian Liara T'Soni Tali'Zorah vas Normandy
15.03.2012
06.04.2014
10
19.844
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15.03.2012 1.626
 
Hatte sie tatsächlich geschlafen? Mühevoll richtete Commander Shepard sich auf. Sie war sich nicht gänzlich sicher, aber war da nicht ein Geräusch gewesen? Wie von Schritten, die sich ihr näherten. Mit einer Hand stützte sie sich auf der Liege ab, auf die Liara sie gelegt haben musste. Wartete einfach. Sie musste kein Arzt sein um zu wissen, dass es keine gute Idee wäre, sich jetzt zu bewegen – jeder Zoll ihres Körpers schmerzte. Ihr Gesicht fühlte sich wund und aufgeschürft an…

In dem Augenblick öffnete sich die Tür mit einem leicht heiser wirkenden Zischen. Shepard schloss die Augen und unterdrückte ein Stöhnen. Selbst dieses so leise Geräusch dröhnte abscheulich in ihrem Kopf, wie ein Hammerschlag. Wenn Kaidan wegen seines L2-Implantants genau solche Kopfschmerzen haben sollte, dann Prost-Mahlzeit.

„Dr. Chakwas?“ Wann hatte sie sich zum letzten Mal so schwach angehört? Shepard bemühte sich, nicht das Gesicht zu verziehen. Wahrscheinlich hätte es die Kopfschmerzen ohnehin nur weiter verstärkt.

„Sie legen sich sofort wieder hin, Commander. Sie haben möglicherweise eine Gehirnerschütterung und selbst wenn nicht – sie sind verletzt und brauchen Ruhe.“

Shepard lehnte sich langsam zurück, allerdings ohne die Ärztin aus den Augen zu lassen. „Wie schlimm ist es?“

„Ich habe sie untersucht… sie werden es überleben. Meine Mittel sind hier begrenzt, Commander, aber sie haben soweit ich es feststellen konnte keine inneren Verletzungen und keine Frakturen.“ Chakwas schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich bin überrascht, dass sie es so gut überstehen konnten. Dr. T’Sonis Beschreibung nach hätte dieser Lasertreffer jeden anderen…“ Die Ärztin verstummte.

„Spucken Sie’s aus.“

„Ich denke, dass Ihre Implantate Ihnen das Leben gerettet haben, Commander. Ihre Verletzungen sind ernst, aber nicht lebensbedrohlich, hauptsächlich Fleischwunden… Sie haben viel Blut verloren, und ich vermute eine Gehirnerschütterung, aber sie kommen wieder auf die Beine.“

Shepard verzog leicht das Gesicht. Es fiel schwer, sich zu konzentrieren. Ihr Kopf dröhnte und summte noch immer. Jedes Geräusch war unerträglich laut, und das, obwohl Chakwas sich merklich bemühte, leise zu sprechen.

„Eine Gehirnerschütterung? Würde zumindest die Kopfschmerzen erklären.“

„Über die Sie, laut Dr. T’Soni, anscheinend auch auf dem Weg hierher immer wieder geklagt haben.“ Chakwas schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, ich hätte hier bessere Ausrüstung, Shepard. Aber wir müssen mit dem zurechtkommen, was wir haben.“

„Wie schlimm sieht’s da draußen aus?“ Es ergab alles immer noch keinen Sinn, aber eines wusste sie jetzt zumindest sehr sicher: Sie war, warum auch immer, gescheitert. Die Reaper existierten noch. Die Gefahr war nicht gebannt, sie bestand weiter.

„Nicht gut, Commander. Wir haben Anderson verloren, als er versuchte, die Röhre zu erreichen. Sie und Dr. T’Soni scheinen die einzigen Überlebenden zu sein.“

Shepard nickte. Gescheitert. Auf ganzer Linie. Und Anderson… Sie behielt sich eisern unter Kontrolle, auch, wenn sie in diesem Augenblick das abscheuliche Gefühl hatte, dass irgendetwas sich hungrig durch ihr Inneres fraß und es zerfetzte. Er hatte die Citadel also niemals erreicht, genau wie sie nicht, anscheinend… Er war bereits daran gescheitert, die Röhre zu erreichen, genau wie sie. Der Unterschied war, dass sie lebte, während er und so viele anderen… Aber daran durfte sie jetzt nicht denken. Es herrschte Krieg. Sie konnte die Gefallenen betrauern, wenn alles vorbei war. Falls es jemals vorbei war.

„Was ist mit den anderen? Tali? Garrus? EDI? Joker? Kaidan? James?”

„Joker hat mich hierher gebracht, als uns die Nachricht erreichte, dass Sie verletzt wurden. Er befindet sich wieder im Kampf gegen die Reaper.“ Chakwas schüttelte den Kopf, als könne sie den gesamten Wahnsinn selbst kaum fassen. Verständlich… manchmal glaubte Shepard es selbst kaum. „Lieutenant Vega wurde von dem Reaper getötet, genau wie Anderson. Was den Rest betrifft – sie sind wohlauf.“

Shepard nickte erneut. Sie hätte ohnehin nicht ausdrücken können, wie sehr es sie erleichterte, dass ihr Team – ihre Freunde – wohlauf war. Sie wusste nicht, was sie getan hätte, wenn sie jetzt hätte erfahren müssen, dass keiner von ihnen überlebt hatte. James‘ und Andersons Verlust traf schwer genug… hing wie ein Schatten über der Erleichterung. Dabei war ihr immer bewusst gewesen, dass sie nicht alle retten konnte.

Nicht Ashley. Nicht den Jungen. Nicht Mordin. Nicht Thane. Nicht Legion. Und auch nicht Anderson und James. Es herrschte Krieg, und in einem Krieg gab es immer Verluste zu beklagen.

Ihr Schädel dröhnte noch immer.

Und dröhnte noch lauter, als die Tür aufglitt, und Schritte sich näherten, zum zweiten Mal. Sie drehte den Kopf in die Richtung und bemerkte Liara, die in der Tür stand. Ihr linker Arm war verbunden und ruhiggestellt, in der rechten hielt die Asari ein PDA. Ihr Gesicht wirkte blasser als üblich.

„Ich habe die Ergebnisse von Shepards EEG hier, Dr. Chakwas…“

„Und?“ Shepard schaffte es nicht, geduldig zu klingen.

„Es ist keine Gehirnerschütterung…“ Liara sprach immer noch mit Chakwas. Sie wandte nicht einmal den Blick in Shepards Richtung. „Die… Gehirnströme kamen mir seltsam vor, also habe ich sie EDI gezeigt. Wir haben sie verglichen mit denen von Kenson und einem Mann namens Paul Grayson…“

Shepard setzte sich ruckartig auf. Kenson? Grayson? Verdammt, es war für Liara sicher nicht schwer, an die EEGs dieser beiden heran zu kommen, sie war der Shadowbroker, aber warum verglich man ihr EEG mit dem von Kenson und Grayson? Soweit sie wusste, waren beide indoktriniert gewesen. Ging es um die ungewöhnlichen Betawellen, die der protheanische Sender bei ihr ausgelöst hatte?

„Irgendwelche Ergebnisse?“, fragte sie Liara.

Die Asari sah sie immer noch nicht an. „Die Gehirnströme zeigen bei allen dreien ähnliche Muster, Dr. Chakwas. Zu ähnlich, als dass man es auf den Zufall schieben könnte.“

„Was zum Teufel hat das zu bedeuten?“ Es reichte. Es war genug. Wenn Liara irgendeine Hiobsbotschaft zu verkünden hatte, dann sollte sie es ihr gefälligst ins Gesicht sagen. Es ging hier um ihr Gehirn!

Liara wandte sich zu ihr um, endlich, die Lippen fest aufeinander gepresst. „Das weißt du doch selbst“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. „Ich sehe dir an, dass du es weißt.“

Verdammt, sie wünschte sich wirklich, dass sie keine Ahnung hatte. Aber Liara hatte Recht – sie wusste es. Oder sie glaubte zumindest, es zu wissen. Es nagte an ihr, noch grausamer als das Wissen um Andersons und James‘ Tod.

Sie nickte, abgehackt. Es tat fast weh. Ihr Schädel dröhnte von der einfachen Bewegung wie eine Glocke.

„Das spielt keine Rolle, Liara“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. „Ich beende es, egal, wer mit meinen Gedanken rumspielt.“

„Es spielt eben doch eine Rolle. Shepard, du bist…“

Shepard hob eine Hand und schnitt der Asari das Wort ab. „Ich weiß. Aber ich weiß jetzt auch, dass sie in meinem Kopf sind, und das heißt, ich kann mich dagegen wehren. Ich muss nur auf die Citadel ehe es zu spät ist.“

„Sie gehen erst einmal nirgendwohin, Commander“, befahl Chakwas streng. „Sie sind zu angeschlagen und werden es vermutlich nicht einmal aus dieser Tür heraus schaffen, ehe sie zusammen brechen. Sie ruhen sich erst einmal aus und dann können sie meinetwegen Ihr Leben wegwerfen, aber nicht solange Sie mein Patient sind.“

Shepard verzog das Gesicht. Es war sinnlos, sich gegen Chakwas aufzulehnen. Sie war vielleicht der Commander, aber in medizinischen Dingen hatte die Ärztin den Befehl inne. Hoffentlich dauerte dieses „Ausruhen“ nicht zu lange. Sie hatte keine Vorstellung davon, wie lange es dauerte, bis es endgültig war und sofern es sie betraf auch keinerlei Intention, es heraus zu finden.

Fest biss sie die Zähne zusammen. Bislang war es ihr darum gegangen, die Erde, die Menschheit, die galaktische Zivilisation, ihre Freunde vor den Reapern zu retten, aber jetzt war es etwas viel Persönlicheres. Wenn die Reaper glaubten, sie wäre davor schon unangenehm gewesen… sollten sie dieser Illusion glauben, wie sie es anfangs mit der ihren getan hatte. Das böse Erwachen kam früh genug.

***

„Verdammte Reaper.“

Er hatte gesehen, wie es mit Saren geendet hatte, er war schließlich dabei gewesen. Für Saren war der einzige Ausweg gewesen, sich das Hirn wegzublasen. Und selbst danach hatten Sovereign ihn nicht einfach in Frieden ruhen lassen können. Allein der Gedanke daran, dass es mit Shepard jetzt genauso zu Ende gehen konnte, war abartig.

„Sie ist immer noch fest entschlossen, es zu Ende zu bringen.“

„Natürlich ist sie das. Sie ist Shepard.“ Wann hatte irgendetwas sie jemals aufgehalten? Die Kollektoren hatten geglaubt, der Tod würde ausreichen, aber Shepard war wortwörtlich von den Toten auferstanden und hatte ihnen gezeigt, wie sehr sie sich irrten. Aber der Tod war nicht dasselbe wie…

„Garrus… ich glaube daran, dass sie zumindest momentan nicht unter deren Kontrolle steht.“ Liara schüttelte den Kopf. „Aber das muss nicht heißen, dass es auch so bleibt. Sie… hat klar gemacht, dass sie zur Röhre will, und zwar so schnell wie es irgendwie geht. Ich weiß nicht, was sie tun wird, wenn sie auf der Citadel ist. Sie besitzt einen starken Willen, aber…“

Garrus presste die Kiefer aufeinander. Sie sprach ihn darauf an, weil sie dachte, dass er am ehesten dazu fähig wäre, zu tun, was nötig war. Und wenn es hier um jemand oder etwas anderes gegangen wäre, hätte er ihr sogar zugestimmt. Aber es ging hier um Shepard.

„Pass auf sie auf. Mehr sage ich ja nicht.“ Als hätte sie seine Gedanken gelesen.

„In Ordnung.“ Was anders sollte er sagen? Vor allem, da er sowieso nichts anderes machen würde, selbst, wenn die Umstände anders wären? Sie hatte ihn für den Sturm auf die Röhre nicht an ihrer Seite gewollt und ihm damit wahrscheinlich das Leben gerettet, aber ein zweites Mal ließ er sich nicht in die zweite Reihe verweisen. „Und keine Angst, sie schafft das. Wenn irgendjemand das kann, dann sie.“

Liara zupfte mit ärgerlichem Gesichtsausdruck an ihrem Verband. „Niemand hier will sie verlieren.“

„Ich sorge dafür, dass das nicht passiert, das verspreche ich.“ Und er meinte es vollkommen ernst. Shepard hatte immer auf ihn zählen können, und das konnte sie auch diesmal. Keine Shepard ohne Vakarian.
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