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Warten

von Roheryn
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
13.03.2012
13.03.2012
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Warten…
Wie immer…
Warten… langsam zogen die Häuser an ihm vorbei. Er atmete einmal mehr tief ein, der vertraute Muff, den Taxis immer verströmten, kam ihm in die Nase.
 Einmal hatte er geglaubt, dass es etwas Romantisches wäre, oder zumindest den Kitzel eines Abenteuers erzeugen würde, wenn er eine neue Stadt in einem Taxi durchquerte. Aber dem war nicht so. Das hatte er schon vor langem begriffen…
 Mittlerweile konnte er nicht mehr sagen, wie viele Städte er so erkundet hatte. Immer in seinem Taxi, er fuhr es. Doch eine feste Heimat hatte er nicht mehr. Schon lange nicht, was blieb ihm eigentlich noch?
 Nicht viel, wo er so darüber nachdachte. Eigentlich beinahe nichts – oder?

Die Ampel sprang auf Grün und er bog langsam in eine der weniger belebten Straßen ein. Eine, die ihn hinter die wundervolle Kulisse der Stadt führte. Die nicht hellerleuchtet war, nicht auf Hochglanz poliert war.
 Hier sah man nicht, was man von der Stadt sehen sollte, hier sah man die kalte, nackte, ungeschminkte Wahrheit. Sah die Straßenlaternen, deren Birnen flackerten, wenn sie denn überhaupt taten.
 Er fuhr nicht schneller um diesem Anblick zu entgehen, das würde nichts bringen… Wenn er vorsah etwas nicht zu sehen, bedeutete das nicht, dass es nicht da war.
 Beinahe wie bei einem Gewitter… auch wenn man seine Augen schloss und sich die Ohren zuhielt, Blitz und Donner gab es ebenso. Man konnte wohl so tun, als höre man ihn nicht, doch es würde immer eine Lüge bleiben, zu sagen nichts mitzubekommen. Immerhin konnte sogar der Boden erzittern, durch das laute Geräusch.
 Hier war es ebenso, er konnte sich belügen und so tun, als würde er von dem wahren Gesicht der Stadt nichts mitbekommen, oder es sehen und hinnehmen.
 Er setzte seinen Blinker, noch wenige Straßen und er würde Zuhause sein.
 Wobei „Zuhause“ das war ein seltsamer Begriff, man wollte ihn eigentlich nur auf den Ort verwenden, an dem man am liebsten war, lebte, gelebt hatte – wie auch immer. Doch verwendete ihn, beinahe von selbst, für den Ort, an dem man schlief, aß, an dem man sein Dasein fristete. Ein Zuhause im ersten Sinne hatte er nicht, hatte er vermutlich nie gehabt… oder doch? Sein Taxi kam dem am nächsten.
 Deswegen störte es ihn nicht sonderlich, dass er ständig die Stadt wechselte, auch wenn er nicht verstand, warum er es tat… Aber kein Ort konnte ihn halten. Hatte ihn je halten können, warum auch immer.
 Er fuhr an einem Werbeplakat für ein Internet Geschäft vorbei und fragte sich unwillkürlich, warum es immer häufiger wurde, dass man nicht in einen Laden ging, sondern seine Einkäufe per Mausklick tätigte. Irgendwie erschein es ihm Falsch, so Falsch…
 Er selbst tätigte seine Einkäufe, wie er sie immer getätigt hatte, er ging in einen Laden oder hielt davor an, wenn er keinen Fahrgast hatte. Aber dann sprach er auch noch mit seinen Gästen, die meisten schienen das nicht zu wünschen, hingen an ihren Telefonen oder hüllten sich in ihr Schweigen, so wie andere in eine Decke.
 Es kümmerte ihn nicht.
 Es hatte ihn nicht zu kümmern.

Er bremste und zog dann die Handbremse an, er war da, in dem kleinen, leicht schmuddeligen Haus lag seine Wohnung. Ein Zimmer, Bad und sogar noch eine Küche. Was wollte er mehr? Es war ein Dach über dem Kopf und bot ihm alles Lebensnotwenige. Mehr war Luxus. Luxus war nichts für Taxifahrer wie ihn. Aber Luxus machte auch nicht Glücklich, dass sah er an seinen Fahrgästen immer wieder. Diese eilten mit verschlossenen Augen durch das Leben und konnte wohl nicht einmal sagen, wie vielen Leuten sie  am Tage begegneten, weil sie ihnen keine Beachtung zollten. Er selbst konnte das, er erinnerte sich an die Gesichter der Leute mit denen er ein freundliches Wort gewechselt hatte, an jene, die ihn verächtlich angesehen hatten.
 Er brauchte nicht viel um sich zu freuen und das war gut so.
 Er betrat seine Wohnung, sein Zimmer. Hängte seine Jacke an den Hacken, den er an der Türinnenseite angebracht hatte.
 Kopfschüttelnd hob er den Reiseführer der Stadt von seinem kleinen Tisch hoch, warf ihn gegen die nächste Wand. Wieder eine Stadt mehr, eine weitere Stadt, die nicht zu sich hatte stehen können. Ein weiterer Ort an dem die Leute vorgaben nur die Glanzseiten zu sehen. Diese verschönerten, anstatt sich auch einmal um die weniger schönen Viertel zu bemühen. Wieder ein Ort, in dem es diese Kluften gab, die man scheinbar nicht überwinden konnte.
 An dem die Jugendlichen und die Älteren sich gegenseitig mieden, sofern sie nicht verwandt waren. An dem die Reichen die Armen mieden, die Schönen jene, die Entstellten.
 Niemand fragte nach einem Grund, aber so war es immer. Es war einfach ein Stück Seife zu nehmen und sich den Schmutz eines Tages abzuwaschen, aber es war alleine nicht machbar, eine ganze Stadt zu putzen… aber vielleicht gemeinsam?
 Vielleicht würde sich hier jemand auf sein Inserat in der Zeitung melden. Vielleicht würde er hier bleiben und zusammen mit wenigen anderen sein Bestes geben etwas zu bewegen. Er hoffte darauf, der Ort an dem er gleichgesinnte finden würde, das wäre seine Heimat. Wenn er auch hier niemanden fand, dann würde er an anderer Stelle einen weiteren Versuch starten. Die Wohnung war gemietet nicht gekauft, sein Taxi gehörte ihm und er wusste, wie er am besten in eine Taxigesellschaft kam.
 Er könnte gehen, wann immer er wollte, aber ehe er ging wartete er.
 Wieder einmal…


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Anmerkungen:
1) Mein Beitrag zum Schreibzirkelprojekt mit den Wörtern vom 11.03.2011, diese Begriffe haben mich dazu gezwungen aus meinem Fandom hervor zu kommen...
Taxi
Seife
Gewitter
Internet
Glühbirne
2) Sollte sich jemand für meinen Beitrag zum ersten Schreibzirkelrunde interessieren :  http://www.fanfiktion.de/s/4f4ffdba0001c45b06700fa0 das wäre dieser hier (allerdings Silmarillion lastig
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