Kaleidoskop Cyberwoman (Storysammlung zu Ep. 1x04)

GeschichteSchmerz/Trost, Sci-Fi / P18 Slash
Dr. Owen Haper Gwen Cooper Ianto Jones Jack Harkness Toshiko Sato
11.03.2012
06.09.2020
33
108.124
17
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Dieses Kapitel
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11.03.2012 4.774
 
Titel: Kaleidoskop „Cyberwoman“
Fandom: Torchwood
Autor: Lady Charena (Februar 2012 bis ?)

Summe: Storysammlung von Texten rund um Episode 1x04 „Cyberwoman“. (Jede Story hat ihren eigenen Header, mit Ratings, Pairings, Hinweisen, etc.)


Disclaimer: Die Rechte der in diesen Fan-Storys verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.




"The minute people fall in love, they become liars." *



(*Harlan Ellison, quoted in Criminal Minds Ep. 4x09 ‚52 Pickup‘)




1. Nur eine zweite Chance

Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Owen Harper, Toshiko Sato, Gwen Cooper
Pairing: Jack/Ianto, [Ianto/Lisa]
Rating: AR, R, slash
Worte:19.756

Summe: Ianto dachte, es wäre sicher, ein Internetcafé zu benutzen, um mit Doktor Tanizaki in Verbindung zu treten. Alternatives Szenario zum canon.



The broken locks were a warning you got inside my head
I tried my best to be guarded; I'm an open book instead
And I still see your reflection inside of my eyes
That are looking for purpose, they're still looking for life

I'm falling apart, I'm barely breathing
With a broken heart that's still beating…  (Lifehouse, Broken)




Ianto widerstand der Versuchung sich umzudrehen oder zumindest hier und da einmal über die Schulter zu blicken, um nach CCTV-Kameras Ausschau zu halten, die eventuell seinen Weg verfolgten. Denn das wäre ja absolut unauffällig gewesen.

Auf der anderen Seite war es ziemlich unwahrscheinlich, dass er noch so genau beobachtet wurde. Seine einmonatige Bewährungsfrist hatte er bereits erfolgreich hinter sich gelassen; Loyalität zu Vaterland und Krone war in jeder Hinsicht bekräftigt, dachte er zynisch – und darüber hinaus. In seinen vorherigen Jobs hatte sich nie auch nur die Frage gestellt, seinen Boss zu verführen.

Oder wie immer er seine unbeholfenen Versuche nennen wollte, die Aufmerksamkeit des Captains für etwas anderes zu gewinnen, als für die Lücken in seinen Geschichten. Jack hatte ihn ermuntert, über sich, über Lisa und über Hartmanns Tower zu reden, über die guten Zeiten vor dem Auftauchen der Cybermen.

Er hoffte, dass Harkness es als eine Erscheinung des Trauerns - oder des zeitweiligen Vergessens – ansah, wenn er von ihr in der Gegenwart sprach. Und es nicht danach klang, als verstecke er seine halb-konvertierte Verlobte in einem düsteren, viktorianischen Kellerverließ unter dem Hub, wie ein verrückter Wissenschaftler ein Versuchsobjekt in einem uralten Schwarzweißfilm.

Obwohl er natürlich genau das tat.

Frankenjones, gestatten. Doktor Frankenjones. Vielleicht sollte er schon einmal ein manisch-verrücktes Lachen ausprobieren.

Für alle Fälle.

Ianto warf einen Blick auf seine Uhr. So weit es das Team betraf, war er unterwegs, um diverse Besorgungen zu machen. Wenn er bis um Eins zurück war, und etwas zu Essen mitbrachte, um die hungrigen Massen zu füttern, würden sie sich kaum daran erinnern, dass er weggewesen war. So lange würde auch der Kaffee in den beiden großen Warmhaltekannen reichen. Für eventuelle Notfälle wie Telefonate mit Whitehall oder UNIT hatte er Jack eine extra Thermosflasche auf den Tisch gestellt, der Kaffee dunkel und bitter und so stark, dass sogar Owen sich darüber beklagte, dass Zeug würde seine Magenschleimhaut abbeizen, als er einmal versehentlich davon trank.

Und nur, um zu beweisen, dass er ein guter Arbeitskollege war, würde er neben den regulären Besorgungen für jeden von ihnen ein kleines Extra mitbringen. Wie eine gute Hausfrau, die abends besondere Überraschungen für Kinder und Ehemann bereit hielt, nachdem sie den Vormittag mit einem Liebhaber verbracht hatte.

Er nahm hastig Abstand von diesem Vergleich, bevor er darüber nachdenken musste, wieso er sich als Hub-Mutter sah.

Ianto hatte seit längerem den Verdacht, dass er neben sich stand und mit Erstaunen zusah, wie ein Verrückter in seinem Körper agierte. Sich an etwas klammerte, von dem ein vernünftigerer, sachlicherer Teil von ihm bereits wusste, dass er es verloren hatte. Diese außerkörperlichen Erfahrungen hatten sich in letzter Zeit gehäuft.

Er fragte sich, ob es sich so anfühlte, den Verstand zu verlieren. Vielleicht hätte er Suzie danach fragen sollen... Andererseits sprach es auch nicht von Vernunft, Ratschläge von einer Frau zu erwarten, die mehrere Menschen und sich selbst getötet hatte, um einen durch den Rift gekommenen Wiedererweckungs-Handschuh und einen Dolch zu testen.

Ianto konzentrierte sich auf seine mentale Einkaufsliste. Die für die Extras. Für den Rest hatte er eine Liste auf seinem PDA erstellt. Es lebe die papierlose Zukunft, auch wenn seine Hauptaufgabe darin bestand, Papier von einem Ende des Archivs zum anderen zu schaufeln, bevor die Stockflecken und der Schimmel ihm komplett den Garaus machten.

Für Owen besorgte er ein Computerspiel, über das er den Arzt vor einer Weile begeistert hatte reden hören, als er Papierkörbe leerte, schmutzige Kaffeetassen einsammelte und Pappteller mit Essensresten auflas. Es war damals noch nicht in UK erschienen und etwas aus dem Internet zu downloaden, das wagte Owen nicht mehr, seit er mit einem Spiel einen Virus herunter geladen hatte, der den halben Hub für mehrere Stunden lahmlegte. Owen hatte sich eine gewaschene Gardinenpredigt anhören müssen – zuerst von Tosh (doppelt aufgebracht, weil es einem ordinären Virus gelungen war, ihren Kordon an Sicherheitsmaßnahmen zu durchbrechen; natürlich mit Owens Hilfe, der die Updates, die sie regelmäßig an die Arbeitsstationen schickte, ebenso regelmäßig wegklickte, weil sie ihn störten, anstatt sie zu installieren), dann von Jack.

Er hatte das Spiel telefonisch vorbestellt und eine SMS hatte ihn über die Verfügbarkeit informiert. Wenn er vor zwölf kam und es abholte, bevor Horden spielwütiger Teenager darauf losgelassen wurden, erhielt er sogar drei Prozent Rabatt. Eine Weile hatte er mit der Idee gespielt, die CD aus der Hülle zu entfernen und diese stattdessen mit Kondomen zu füllen, aber er war nicht sicher, ob der Arzt die Anspielung auf sein früheres „Missgeschick“ verstehen würde.

Dank eines natürlichen Hanges zur Planung - und dazu, Informationen zu sammeln wie ein Eichhörnchen einen Wintervorrat an Nüssen anlegte – war es einfach gewesen, auch für die anderen etwas Passendes zu finden.

Für Gwen cremegefüllte Schokokekse, die sie sich wortreich mit Hinweis auf ihre Figur verkniff, aber bis auf den letzten Krümel verzehren würde, wenn er einfach eine Packung in ihren Schreibtisch legte. Weißen Tee für Tosh, die ihn ab und zu Kaffee vorzog. In der vollgestopften Küchennische im Hub fand sich zwar auch ein Teeservice, aber sie hatte es bisher meist vorgezogen, sich einen Becher davon mit zu bringen, wenn sie an der Reihe war, Kaffee und Naschwerk aus dem Coffeeshop auf der anderen Seite des Plas zu holen.

Am einfachsten und zugleich kompliziertesten war seine Besorgung für Jack gewesen.

Nach dem, was er gestern beobachtet hatte, als er Jack mit den Füßen auf dem Schreibtisch vorfand, könnte der Captain dringend Socken ohne Löcher gebrauchen. Andererseits für seinen Boss Socken zu kaufen... ach, was machte er sich vor. Es gehörte schließlich auch mit zu seinen Aufgaben, Jacks Klamotten aus der Reinigung zu holen und seinen Mantel zu flicken.

Stattdessen blieb er bei seinem ursprünglichen Plan. Das Lederband von was-auch-immer an Technik Jack da mit sich herumtrug, war ausgetrocknet und rau. Er war ziemlich sicher, dass der andere Mann es selbst zum Schlafen nicht immer abnahm. Nun, vielleicht zum Duschen, da sprach er jedoch nur mit der ganzen Erfahrung von ein und einer fast geteilten Dusche.

Und während dieser einen Erfahrung verbrachte er die meiste Zeit damit so zu tun, als ob er Jacks einladende Blicke und wandernde Hände nicht bemerkte. Sie wanderten nicht zu ihm, wohlgemerkt, aber es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis er den hartnäckigen Schleim aus seinen Haaren gewaschen hatte (Niemand sollte denken, dass etwas, das aussieht wie eine Qualle und an einem Strand angespült wird, auch eine Qualle ist... der glibberige Haufen explodierte, als er ihm mit einer Schaufel zu Leibe... oder zu Glibber... rückte und ließ ihn und Jack aussehen als hätte sie jemand in einen Topf mit Wachs geworfen und dann zum Trocknen aufgestellt – daher die Dusche, im Hub, mit Jack.) und aus dem Raum floh, sobald er seine Ersatzkleidung übergeworfen hatte. Gab es irgendwo eine Benimmregel, die sagte wie man sich zu verhalten hatte, wenn dein Boss, für den Scham oder Verlegenheit Fremdworte waren, neben dir in der Dusche zu masturbieren begann?

Moment, darauf wollte er lieber keine Antwort.

Oder darauf, wieso er noch immer daran dachte, wie Jack ausgesehen hatte, nackt, unter einem überraschend kräftigen Strom heißen Wassers, den Kopf in den Nacken geworfen, die Augen geschlossen, umgeben von Dampf, wie... Wie der Hauptdarsteller in einem Porno.

Ianto hatte ausgezeichnete Peripherie-Sicht. Das machte es schwer, sich an ihn heran zu schleichen und leicht für ihn, Dinge... oder Personen... aus den Augenwinkeln zu betrachten.

Hitze stieg in seinem Nacken auf, als er daran dachte, wie sich das Band gegen die Seite seines Gesichts angefühlt hatte, während Jack vorsichtig an einer Beule herumtastete, die er sich geholt hatte, als die defekte Sperre des Kofferraums genau in dem Moment nachgab, als er sich hineinbeugte, um etwas hinein zu legen. Es war mehr die Überraschung gewesen, die ihn sich benommen gegen den Wagen lehnen ließ, als der Schmerz. Und er war ziemlich sicher, dass Jack sich nicht so eng an ihn hätte drängen müssen, um seine Stirn zu begutachten.

Um zum ursprünglichen Thema zurück zu kommen... er hatte im Internet recherchiert und heraus gefunden, dass es ein spezielles Pflegeöl für Ledersachen gab, und es gab ein Geschäft in Cardiff, dass dieses Öl verkaufte. Und es war um Längen besser, als das Jack versuchte, das Leder mit dem Waffenöl, das er benutzte, um die Webley vor Rost zu schützen, zu behandeln.

Eine schmale Blechflasche und ein spezielles Tuch (wobei er da das Gefühl hatte, der Verkäufer hatte einfach ein Geschäft gewittert, als er es ihm praktisch aufdrängte) zum Auftragen des Öls ruhten nun in einer Plastiktüte – um Leckagen zu vermeiden – in seinem Rucksack. In dem sich bereits Tee, Kekse und das Spiel befanden.

Die restlichen Einkäufe für den Hub trug er in zwei Plastiktaschen mit der Werbeaufschrift des Supermarktes mit sich herum.

Als er sein letztes Ziel erreichte, begann sein Herz schneller zu schlagen.

Nur ein Aufkleber auf der Glastür verriet, dass es sich nicht nur um ein normales Café handelte, sondern um eines, das Internetzugang anbot. Mit dem Ansteigen der Touristenzahlen waren solche Internetcafés wie Pilze aus dem Boden geschossen und wurden offenbar auch gut genutzt. Nicht nur von Touristen. Jeder hatte hier und da ein kleines Geheimnis.

Es wäre zu auffällig gewesen, nach einem weiter entfernt oder außerhalb des Erfassungsrahmens einer Kamera liegenden Café zu suchen, und er würde nach seiner Rückkehr eine Tüte frischer Brownies, Muffins, Donuts, oder was immer sie als Snacks für hungrige Kunden anboten vorweisen können, um zu erklären, warum er dort gewesen war.

Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Jack hatte ihm erklärt, dass während der einmonatigen Probezeit seine Post gelesen, seine Mails überwacht oder seine Telefonate mit angehört werden könnten. Für gewöhnlich dauerte diese Überwachung drei bis sechs Monate, aber da er bereits in London für Torchwood gearbeitet habe und damit nicht wirklich unvertraut mit der ganzen „Es gibt außerirdisches Leben“-Idee war, hatte Jack das ganze eher als Proforma-Angelegenheit behandelt. Obwohl er ehrlich enttäuscht darüber zu sein schien, dass er keine Kameras in Iantos Badezimmer installieren würde.

Ianto gab seine Bestellung auf, buchte fünfzehn Minuten Onlinezeit, was mehr als reichlich sein sollte und akzeptierte dankbar den Ristretto, den der Mann hinter dem Tresen ihm mit einem „Du siehst aus, als könntest du den gebrauchen“ zuschob. Er erwiderte das Lächeln, das die winzige Tasse begleitete, freundlich aber unverbindlich und machte sich mit seinen Taschen zu einem der Computerterminals auf.

Keine modernen Flachbildschirme hier, dachte er, als er den Kaffee abstellte und seine Tüten und den Rucksack unter dem Tisch verstaute. Er saß mit Blick in den Raum, aber mit dem Rücken zur Wand. Niemand konnte ihm über die Schulter sehen und er sah jeden, der auf ihn zukam. Perfekt. Er nahm einen USB-Stick aus der Tasche und steckte ihn an den PC.

Während er eine Internetadresse eintippte und sich ins Mailprogramm einloggte, griff er nach der Tasse und eine winzige, dünne, runde Serviette flatterte von der Untertasse. Ziffern und Buchstaben, ein wenig verschwommen von der an der Außenseite der Tasse kondensierten Feuchtigkeit, die einen Namen „Mark“ und eine Zahlenfolge formten, von der er annahm, dass es sich um eine Handynummer handelte.

Ein überraschtes Lachen, kurz und stark wie der Kaffee, brach aus ihm heraus und er sah automatisch auf und nach vorne zum Tresen wo ihm Mark - vermutlich – zu winkte. Er verschluckte sich fast und richtete den Blick hastig auf den Bildschirm.

Er war nicht... er hatte nicht... hatte er etwa mit dem Barista geflirtet? Nein. Niemals. Er war nicht an Männern interessiert. Oder an anderen Frauen außer Lisa. Sie war die Eine. Die Richtige. Die Richtige für ihn.

Gut, er flirtete mit Jack, korrigierte ihn eine innere Stimme, während er Spam-Mails mit Angeboten zur Penisverlängerung und Potenzpillen löschte, die sogar den Weg in einen so gut wie nie genutzten, vorgeblich anonymen, Account gefunden hatten.

Aber das war etwas anderes. Es war Notwendigkeit, kein sexuelles oder romantisches Interesse an dem anderen Mann. Es war die einfachste Möglichkeit, die Aufmerksamkeit des Captains auf sich zu lenken.

Um den Job zu bekommen.

Um Lisa zu helfen und sie zu heilen.

Um dann mit ihr weg zu gehen und Torchwood so weit hinter sich zu lassen, wie es möglich war, ohne die Grenzen der Zivilisation zu überschreiten.

Jacks Geruch und seine Berührungen (nicht abstoßend, nicht fremd, sondern... neu), sein Flirten und die zweideutigen Bemerkungen, die Komplimente und Blicke und Jacks wissendes Lächeln... Was bedeutete es angesichts dieser Ziele? Nichts.

Der Kuss, der wie ein Lob und ein Dankeschön in eine Geste gewickelt schien; Jacks Hand an seiner Wange, als wolle er sicherstellen, dass er sich nicht abwandte. Hatte ebenfalls nichts zu sagen.

Dieses eine Mal, als Jack ihn gesucht hatte und in dem kleinen Nebenzimmer des Touristenbüros fand?, fragte die Stimme wieder.

Ianto schluckte gegen die Trockenheit in seinem Mund an, und wünschte er hätte statt des Ristretto eine Flasche Wasser gekauft.

Diesen Vorfall hatte er so gut wie möglich aus dem Gedächtnis gestrichen. Oder es sich zumindest eingeredet.

Es war ganz plötzlich gekommen, und ohne jede Vorwarnung, inmitten des Versuchs, den Raum sauber zu machen. Ein Rauschen erfüllte seine Ohren und seine Knie wurden weicher als Wackelpudding. Er zitterte so sehr, dass er sich an dem schäbigen Perlenvorhang festhalten musste, um nicht über seine eigenen Füße zu stolpern. So taumelte er zu dem dort befindlichen Waschbecken, um kaltes Wasser in sein Gesicht zu werfen, bevor er sich schwer auf einen alten, instabilen Stuhl fallen ließ.

Ein paar Minuten später stand Jack vor ihm, und er erinnerte sich müßig, dass Tosh zwei Tage zuvor versprochen hatte, die CCTV-Kameras ans interne Sicherheitssystem anzuschließen. Anders – als mit Zufall – konnte er sich nicht erklären, wieso der Captain von seinem Moment der Schwäche wusste.

Aber Jack griff weder nach der altertümlichen, aber voll funktionstüchtigen, Intercom-Anlage, um Owen zu rufen, noch nach seinem Handy. Stattdessen umgriff er sein Kinn, zwang seinen Kopf nach oben – sanft, aber bestimmt – um ihm ins Gesicht zu sehen.

„Wie schlimm ist es?“, fragte er ernst.

Was? Aber es kam nur ein Krächzen über seine Lippen.

„Ianto. Weißt du, wo du bist?“

Wieder sah er Jack verdutzt an. Natürlich wusste er, wo er war... in einem schäbigen Touristeninformationsbüro, das als Fassade für eine hochgeheime Organisation von Alienjägern diente.

Jemand sollte einen Film darüber machen... Er liebte Filme, den Geruch nach verbranntem Popcorn und schwitzenden Menschen und Chemie von den alten Filmrollen in einem der traditionellen, inzwischen unmodernen Kinos...

Jack schüttelte ihn, und möglicherweise stellte er wieder eine Frage, sein Mund bewegte sich, aber Ianto konnte ihn über das Rauschen in den Ohren nicht hören.

Plötzlich war er wieder im Tower, umgeben von blutbespritzten Plastikbahnen; dem hohen, markerschütternden Kreischen der Konversions-Einheiten und den unbeschreiblichen Schreien; dem Gestank nach Blut und verschmorter Haut – und Lisa hing schwer, fast unbewegbar, und steif wie eine Schaufensterpuppe in einem Metallkostüm in seinen Armen. Ihr Fuß hatte sich wie ein Greifhaken am Türrahmen verfangen und sein Griff um ihre Arme und Schultern rutschte und wurde mit jedem Moment...

Übergangslos war er zurück. Nicht im Tourismusbüro, auch nicht in seiner Wohnung, sondern auf einem schmalen, nicht sonderlich weichem Bett, umgeben von Dunkelheit – und dem rauen Wollstoff von Jacks Mantel, der wie eine Decke über ihn gebreitet worden war.

Mit wild klopfendem Herzen starrte er nach oben, wo durch eine runde Öffnung Licht fiel. Sein Körper pochte mit den Phantomschmerzen längst verheilter Verletzungen, die er während des Angriffs davongetragen hatte.

Er hörte Stimmen. Erkannte sie. Owen. Und Jack.

Wenn dort oben war, dann befand er sich unten... genauer gesagt, unter Jacks Büro, in dem bunkerähnlichen Raum, den Jack sein Quartier nannte. Wie konnte er in dieser engen Dunkelheit, ohne Fenster, ohne Türen, schlafen?

Die Stimmen oben verstummten.

Und dann verdunkelte sich die Luke und ein Paar Schuhe erschien auf der obersten Sprosse der Eisenleiter. Als es wieder hell wurde, sah ihn Jack durch die Leiter hindurch an. Eine Bewegung seiner Hand nach links und es wurde wie durch Magie noch heller. Ein Streifen milchiger Lampen war an der Längsseite des Bettes in die rohe Betonwand eingelassen und spendete ruhiges Licht, das seinen verkrusteten Augen nicht weh tat.

Er hätte fast den Kopf weggezogen, als Jack wie bei einem Kind den Handrücken gegen seine Stirn legte. Dann wich der andere Mann ein wenig zurück und hielt ihm eine Wasserflasche entgegen. „Hier. Du hattest einen Flashback. Ich bin danach immer halb am Verdursten.“

Ianto war es auch. Er schlug den Mantel zurück, um nach dem Wasser zu greifen und verzog unwillkürlich das Gesicht, als ihm sein eigener Schweißgeruch in die Nase stieg. Er hatte in seiner Kleidung geschlafen und dass er nicht vorher wahrgenommen hatte, wie sehr er stank, lag vermutlich daran, dass alles um ihn herum wie Jack roch.

Wie damals, als er in der Lagerhalle zuerst unter, dann auf ihm lag und Jacks wegwerfende Bemerkung über „Pheromone“ und „51stes Jahrhundert“ noch in seinem Kopf herumschwirrte.

„Wenn du etwas getrunken hast, kannst du eine Dusche nehmen.“ Jack deutete auf eine Tür, die er erst jetzt sehen konnte. „Da drin findest du alles, was du brauchst.“

„Ich sollte besser nach Hause gehen.“ Er erkannte seine eigene Stimme kaum wieder.

Jack schüttelte den Kopf. „Anweisung von Owen. Du bleibst über Nacht im Hub und unter Beobachtung. Entweder hier, wo ich dich im Auge behalten kann. Oder in der MedBay, wo du die Nacht auf dem Autopsietisch und mit Owen als Gesellschaft verbringen kannst.“ Jack zwinkerte. „Also mir würde die Wahl nicht schwer fallen.“

Auf keinen Fall überstand er eine Nacht mit einem übellaunigen Owen und dessen faulen Bemerkungen. Aber hier mit Jack...?

„Keine Sorge.“ Jack beugte sich vor, bis er ihm fast ins Ohr flüsterte. „Ich mache nichts, was du nicht auch willst.“

Er wich zur Wand zurück und setzte sich auf, als er mehr Bewegungsspielraum hatte. „Ich... ich bringe den Mantel gleich morgen früh in die Reinigung, Sir.“

Jack nahm den Mantel entgegen und hängte ihn über die Leiter. Dann deutete er wieder auf die Tür und verzichtete dankbarerweise auf jede weitere Bemerkung.

Im Bad – auf das die Bezeichnung Nasszelle ausgezeichnet passte – sah er auf die Uhr. Es war kurz vor zwanzig Uhr. Das letzte Mal hatte er im Büro oben auf die Uhr gesehen und da war es halb drei gewesen. Er hatte mehrere Stunden geschlafen – mit Hilfe einer Spritze, wie er sah, als er sich auskleidete und den Einstich an seinem Oberarm fand.

Warum hatte Jack ihn überhaupt in sein Privatquartier gebracht – niemand durfte sonst hier herunter, außer wenn Jack etwas vergessen hatte oder der Wäscheberg bis zur Leiter angewachsen war. Sie hätten ihn einfach auf die Couch packen können.

Und was sollte er überhaupt anziehen, nachdem er geduscht hatte?

Bevor er sich entschließen konnte, noch einmal in seine verschwitzte Kleidung zu steigen und seine Ersatzklamotten aus dem Spind zu holen, ging die Tür auf und Jack kam herein.

Für zwei war der Raum unbequem eng und er fragte sich unwillkürlich, ob Jack draußen wartete, wenn jemand bei ihm übernachtete... Doch im gleichen Moment fiel ihm ein, dass Jack sich wohl kaum Liebhaber mit in den Hub nahm. Hochgeheime Organisation und Alienjäger kamen wieder in dem Zusammenhang auf.

„Da ist nichts, was ich nicht schon oft gesehen habe, Ianto“, spottete Jack sanft, als er automatisch sein Hemd vor sich hielt. „Und definitiv nichts, das man verstecken muss“, setzte er mit einem weiteren Zwinkern hinzu.

Er setzte sein Bündel auf der zugeklappten Toilette ab und sammelte Iantos Kleidung auf, bevor der protestieren konnte. Seine eigenen Bewegungen kamen ihm selbst träge vor, als hätte die Luft an Masse gewonnen und hindere ihn, als Jack das Hemd aus seinen Fingern zupfte und es sich über den Arm warf. „Ich packe es zu meiner Wäsche“, sagte er, während er ihn fast zufrieden musterte. „Handtücher, T-Shirt und Hose zum Schlafen“, meinte Jack dann und deutete mit dem Blick auf das Bündel. „So kannst du morgen früh länger schlafen und musst nicht erst in deine Wohnung, um dich in Schale zu werfen.“

Richtig, er hatte nichts im Spind als einen frisch aus der Reinigung geholten Anzug und ein paar schmutzige, alte Kleidungsstücke, die er für noch schmutzigere Jobs bereit hielt.

„Ich überziehe das Bett frisch, während du duschst, und wenn es dir zu kalt ist, kannst du ein Paar meiner Socken haben – frisch gewaschen und ohne Löcher natürlich.“ Jack hob etwas hoch und Plastik knisterte. „Rasierer und Zahnbürste. Den Rest findest du in der Schublade unter der Ablage.“ Er legte die beiden Dinge ins Waschbecken und wandte sich zum Gehen. Jack warf einen Blick über die Schulter. „Du weißt, dass du hier sicher bist, Ianto? Und Flashbacks wie dieser sind absolut nichts Ungewöhnliches, nicht nachdem, was du erlebt hast.“

„Woher...?“ Er biss sich fast auf die Zunge, doch das Wort hing bereits in der Luft.

„Woher ich weiß, dass du einen Flashback hattest?“ Jack lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Tür. „Sagen wir, es war was du gesagt hast, das mir eine gute Idee vermittelte, um was es ging.“ Er hob eine Schulter. „Oder wolltest du nach meinen eigenen Erfahrungen damit fragen? Das ist eine lange Geschichte, Jones-Ianto-Jones, und Owen sagt, du brauchst Schlaf.“ Er öffnete die Tür und ein Schwall kalter Luft aus dem anderen Raum drang herein.

Gänsehaut breitete sich über seine Arme und die Innenseite seiner Schenkel aus. Vielleicht war es aber auch nicht die Kälte, sondern die Erleichterung, als Jack die Tür hinter sich schloss und er alleine war.

Nach einer kurzen, heißen Dusche und eher oberflächlich ausgeführter Rasur, putzte er sich die Zähne und zog zögerlich die Kleidung an, die Jack ihm bereitgelegt hatte. T-Shirt und Pyjamahose waren weich vom häufigen Waschen. Sie rochen schwach nach Waschmittel – und unmissverständlich nach Jack. Ihm wurde langsam wieder wärmer, als er das Licht ausknipste und das Bad verließ.

Auf dem frisch bezogenen Bett lagen eine volle Wasserflasche und ein Pappteller mit einem in Folie verpackten Sandwich und sein Magen knurrte plötzlich. Jack war nicht in Sicht. Ianto warf wieder einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk und stellte den Wecker ein, doch seine Gedanken liefen in einem Kreis und zu seiner Schande war das Zentrum des Kreises nicht Lisa und wie es ihr ging, sondern Jacks unerwartetes Verhalten.

Es war, als würde er sich wirklich um ihn sorgen.

Ianto setzte sich auf das Bett, die Knie angezogen und aß das Sandwich. Danach wickelte er die Decke vom Fußende der Pritsche um seine Schultern.

„Hast du etwa vor, im Sitzen zu schlafen?“, kam plötzlich Jacks Stimme von oben. „Wirklich, so klein ist das Bett auch wieder nicht.“

Wenn er den Kopf zur Seite drehte und nach hinten neigte, konnte er das Gesicht des anderen Mannes über sich in der Deckenöffnung sehen. „Wo schläfst du?“, fragte er.

„Ich brauche nicht viel Schlaf, schon vergessen?“ Jack grinste. „Ich werde mich um den Papierkram kümmern, auf dem diese vielen, kleinen „dringend“ Notizzettel kleben. So habe ich das nicht gemeint, als ich sagte, dass Rot eine Farbe ist, die du häufiger verwenden solltest.“ Er wurde wieder ernst. „Owen hat etwas hiergelassen, das du nehmen kannst, damit es dir hilft, einzuschlafen. Wenn du willst.“

Kein Schlafmittel! Er war im letzten Jahr von einer unerklärlichen Phase der Schlaflosigkeit geplagt worden und hatte sich ein freiverkäufliches Medikament besorgt, nachdem Hausmittel und gute Tipps nichts bewirkten und seine Augenringe immer dunkler wurden. Oh, es funktionierte und er schlief einige Stunden pro Nacht. Bis Lisa ihm eines Morgens (an einem Sonntag) nur mit Highheels und einem Lächeln bekleidet, Eiscreme im Bett servierte. Sie erzählte ihm lachend, dass er angefangen hatte, im Schlaf zu sprechen und zu ihrem Amüsement verriet, dass er sich genau das von ihr wünschte.

Später am gleichen Tag spülte er die Tabletten den Abfluss hinunter und kehrte zu den weniger effektiven, aber ungleich nebenwirkungsärmeren, Einschlafhilfen Sex (mit oder ohne Lisa) und warmer Milch mit Honig zurück.

Er konnte nicht riskieren, dass sein Unterbewusstsein Dinge ausplauderte, während er schlief – nicht jetzt, wo er so viel mehr zu verbergen hatte, als an einem verspielten Sonntagmorgen.

„Lieber nicht. Ich… ich verzichte auf Medikamente, wenn es möglich ist. Ich versuche es lieber mit anderem… mit Hausmitteln…“ Er hatte das Gefühl, als wisse Jack genau, an was er vorher gedacht hatte und die Hitze, die er im Nacken spürte, breitete sich endlich auch über sein Gesicht aus. „…wie warmer Milch“, schloss er lahm. Der Blick des Captains glitt über ihn, Kopf bis Fuß und zurück.

Jack kletterte die Leiter hinunter und plötzlich schien der Raum in sich zusammen zu schrumpfen. „Ich denke, ich habe schon einmal von einem dieser Hausmittel gehört. Macht alleine Spaß…“ Er nahm neben ihm auf der Bettkante Platz. „…und zu zweit noch viel mehr. Ich kann auch zu Dritt empfehlen, aber das könnte hier ein wenig eng werden.“

Ianto starrte ihn an, unsicher ob Jack seine Worte ernst meinte und nur wie üblich mit ihm flirtete, vielleicht in dem Versuch, seine Gedanken abzulenken von dem, was am Nachmittag passiert war.

Oder möglicherweise war es an der Zeit, sich bei Jack zu bedanken und die Nacht auf der Couch zu verbringen, wenn man ihn schon nicht nach Hause gehen ließ.

Er erstarrte, als Jack sich zu ihm beugte und auf den Halsansatz küsste. „Es ist immer besser, nicht alleine zu sein, Ianto. Und es hilft mir immer, für eine Weile alles zu vergessen.“ Seine Hand glitt unter den weiten Saum des T-Shirts, und die Berührung war warm auf seiner Flanke. „Keine Verpflichtungen, Ianto. Es ist spät, und ich bin jetzt nicht mehr dein Boss.“ Jacks Hand lag ruhig auf seinem Rücken. „Du kannst jederzeit Nein sagen, aber du musst es sagen.“

Nein. Oh, das Wort echote in seinem Kopf, ja. Aber es kam nicht über seine Lippen. Er hätte ihn jederzeit wegstoßen können, aber er tat es nicht. Er lag nur bewegungslos da und überließ sich Jacks Händen und… oh… Jacks Mund.

Und Jack hielt Wort. Er vergaß die Schreie und das Blut – und am schlimmsten, er vergaß Lisa und ihre Qual, als er in Jacks Mund kam. Und hinterher, als Jack ihn festhielt, bis die Schauer, die durch seinen Körper rannen, abklangen, beging er die vielleicht noch viel größere Sünde. Er schlief ein – in den Schlaf gelullt von einem Gefühl der Wärme und Sicherheit, ausgehend von dem Mann, der hinter ihm lag und ihn sicher hielt. Er war sicher, genau wie Jack es ihm versprochen hatte. Aber Lisa war es nicht. Sie war eingesperrt in einem metallenen Gefängnis, kalt und alleine.


„Entschuldigung. Hey, tut mir leid, dass ich störe.“

Blinzelnd kehrte Ianto in die Gegenwart zurück. Er starrte einen Moment auf den Bildschirm, der das Mailprogramm zeigte; dann erst hob er den Kopf und fand sich dem Barista gegenüber. Mark. Der... ihm seine Telefonnummer mit dem Kaffee zugeschoben hatte. Was...?

„Hey, Mann, tut mir wirklich leid. Aber die fünfzehn Minuten sind um. Und mir wäre es ehrlich gesagt egal, wenn du länger dran bist, aber mein Boss ist schrecklich pingelig und kontrolliert alles und ich brauche den Job, also…“ Mark sah ihn erwartungsvoll an.

„Ja. Natürlich. Ich… bezahle noch einmal fünfzehn Minuten“, erwiderte Ianto schließlich. „Und könnte ich ein Wasser bekommen?“ Er zog seine Kreditkarte aus der Brusttasche seiner Jacke und schob sie über den Tisch.

Mark lächelte. „Klar, kommt sofort.“ Er nahm die Kreditkarte und die leere Tasse mit, schien sich aber nicht sonderlich daran zu stören, dass die zusammengeknüllte Serviette darin steckte. „Das Gebäck zum Mitnehmen steht übrigens inzwischen am Tresen bereit.“

Ianto nickte abwesend. Er war immer noch damit beschäftigt, die eMail an Doktor Tanizaki zu formulieren, als eine Frau mit blondem Pferdeschwanz ihm ein Glas und eine Flasche hinstellte.


tbc
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