Das Lied in der Stille

von sunXmoon
GeschichteRomanze, Fantasy / P18
10.03.2012
17.06.2012
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Es war nicht der Hadari, der ihn zuerst bemerkte. Einer der anderen Kobolde erblickte Fehed, als dieser sich zwischen den Bäumen hervorschälte und mit jedem Schritt, den er stolz und aufrecht ins Innere der Lichtung trat, verstummten mehr Stimmen, bis es schließlich vollkommen still war und Fehed vor dem Feuer zum Stehen gekommen war, dem Hadari direkt gegenüber. Er hatte die Waffe nicht gezogen, doch sie hing gut sichtbar an seiner Seite und wäre es nötig gewesen, er hätte sie schneller in der Hand gehabt, als eines der Biester mit den Ohren hätte zucken können.
Obwohl seine Kleidung abgetragen und Fehed selbst nicht in der besten Verfassung war, strahlte er eine beinahe schon arrogante Selbstsicherheit aus und vielleicht war es genau dieses Auftreten, das die Kobolde vorerst in Schweigen verharren ließ.
"Grüße, Krieger", meldete der Hadari sich schließlich in der Handelssprache zu Wort und richtete sich in seinem Sitz auf. Er hatte sich besser unter Kontrolle als die anderen Kobolde, denen man die Überraschung gut ansah. "Ich hatte nicht erwartet, jemanden deines Volkes in diesen Ländern zu treffen."
Fehed neigte den Kopf zur Begrüßung. "Meine Grüße, Hadari", erwiderte er höflich. "Ich hatte selbst nicht damit gerechnet, einmal hier zu sein."
Der Kobold machte eine einladende Handbewegung. "Setz dich. Sei unser Gast. Es ist immer schön, einen Freund in den eigenen Reihen begrüßen zu dürfen."
Doch Fehed machte keinerlei Anstalten, den Worten des Hadari nachzukommen. "Ich habe es eilig", erklärte er ruhig und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass die vier Anderen neugierig den Kreis enger um ihn zogen. Ihm entging auch die leichte Bewaffnung nicht, die sie trugen: grobe, selbstgefertigte Messer oder längere Dolche, die sie gestohlen oder erhandelt hatten. Der Hadari trug sogar einen Dolch, der von Verzierungen aus Feheds Heimat geschmückt wurde.
Auf dem Gesicht des Hadari rangen unterschiedliche Gefühle miteinander. "Was können wir dann für dich tun?", erkundigte er sich.
Fehed nickte in Richtung der Karren, wo Miniel noch immer auf der Erde lag. Jetzt, da er näher war, fiel es ihm leichter ihr Gesicht zu sehen. Ihr Atem bewegte einige Haarsträhnen, die ihr vors Gesicht gefallen waren und sie war blass, doch auch von hier konnte er keine ernsthafte Verletzung erkennen und selbst ihre Kleidung war bis auf etwas Schmutz noch intakt. "Ihr besitzt etwas, was mir gehört", wandte sich Fehed an den Kobold.
In den Augen des Hadari blitzte es. Auch er wandte den Blick zu Miniel, die sich schwach regte, als spüre sie, dass über sie gesprochen wurde. "Das Elbenmädchen?"
Fehed nickte. "Meine Sklavin, seit einigen Tagen. Ich bin mit ihr auf dem Weg in die Heimat. Oder war es, besser gesagt, bis sie mir entwischte."
Der Kobold wirkte misstrauisch. Das überraschte Fehed nicht. Ihm war klar gewesen, dass die 'Freundschaft' des Wesens enden würde, wenn es ums Geschäft ging. "Sie trägt keinerlei Zeichen", bemerkte er. "Keine Markierung, kein Band, dass sie als dein Eigentum ausweisen würde."
Um Feheds Lippen spielte ein verächtliches Lächeln. "Sie braucht keine Zeichen um sich daran zu erinnern, zu wem sie gehört. Es ist mir lieber, sie auf andere Art und Weise daran zu erinnern. Das macht es vergnüglicher."
"Sie trug Waffen", erinnerte ihn der Kobold.
Wieder nickte Fehed. "Zu meinem Leidwesen. Ich hatte sie ihr abgenommen. Sie muss sie sich zurückgeholt haben, als ich unachtsam war."
Er hielt der Musterung des Hadari stand, der ganz offensichtlich nicht wusste, was er von der ganzen Angelegenheit halten sollte. Vermutlich fürchtete er, dass man ihn um sein wohlverdientes Geschäft bringen wollte. "Was macht ein Krieger der Wüste so weit entfernt von seiner Heimat?", erkundigte er sich misstrauisch.
"Ich folgte einem Auftrag, der ich nicht zu interessieren hat", erwiderte Fehed, ohne mit der Wimper zu zucken. "Die Elbin fing ich unterwegs ein. Sie steht mir also rechtmäßig zu und ich verlange ihre herausgabe." Als der Kobold nicht reagierte, schlug Fehed einen sanfteren Ton an. "Ich bin dankbar, dass du sie wieder eingefangen hast, Hadari, denn sonst wäre sie mir vermutlich vollends entwischt. Auch wenn du unnötig grob gewesen zu sein scheinst. Die Kopfverletzung hatte sie vorher jedenfalls nicht und es nimmt ihr etwas von ihrer Ansehlichkeit."
"Andere fänden sie mit Sicherheit immer noch ansehlich", brummte der Kobold, verärgert darüber, dass Fehed von der zuvor unvorhandenen Kopfverletzung wusste, was ein untrüglicher Beweis dafür war, dass er sie bereits vorher gesehen hatte. Oder aber, er riet einfach ins Blaue hinein. Der Hadari war jedenfalls nicht bereit, sich dieses Geschäft einfach durch die Finger gleiten zu lassen.
"Fehed?" Miniels Stimme durchbrach die Stille, in der sich Kobold und Mensch eingehend betrachteten. Sie war schwach und bebte, ob vor Angst oder Schmerz konnte Fehed nicht sagen. Noch nie hatte er die sonst so unerschöpflich fröhliche Elbin so zögerlich erlebt, aber er war froh, dass sie wieder zur Besinnung gekommen war. Nur war jetzt nicht der Zeitpunkt, ihr Mut zuzusprechen.
Er wies Miniel mit einer Geste an zu schweigen und warf dem Hadari einen Blick zu. "Da siehst du es. Sie erkennt mich wieder."
Verärgert starrt der Kobold erst die offensichtlich verängstigte Miniel an, dann Fehed, der in stillen Triumph auf ihn herabsah. Er erhob sich. "Wenn du die Elbin hast entwischen lassen, Krieger, so ist dies dein Verschulden. Und da du es versäumt hast, sie zu zeichnen, war sie frei bis zu dem Moment, in dem wir sie fanden und damit niemandes Eigentum. Auch nicht das deine, egal, ob sie zuvor in deinem Besitz war."
Feheds Blick verdüsterte sich. "Ich bin sicher, man wird die Information in meiner Heimat für interessant erachten, dass du nicht zögerst, den Besitz anderer zu verkaufen."
Der Kobold ließ sich von Feheds kaum verhüllter Drohung nicht einschüchtern. "Ich bin ebenso sicher, man wird neugierig darauf sein, dass diese Information von jemanden stammt, der seinen Besitz nicht bei sich behalten kann.", schnarrte er. "Wenn sie dir so wichtig ist, kannst du sie gerne auf einer Auktion zurückhandeln. Es sei denn, du trägst bereits jetzt genug Gold mit dir herum, um sie zurückzukaufen."
Natürlich war dem nicht so. Fehed besaß nicht eine einzige Münze und er hatte nicht daran gedacht, Miniels kleine Geldbörse mit zu nehmen, die irgenwo im Gepäck versteckt war. Aber er bezeifelte, dass die Elbin genug Geld bei sich getragen hätte, um den Preis des Kobolds zu bezahlen.
"Ich werde euch nicht hinterherschleichen, wenn es das ist, was du vorschlägst", knurrte Fehed.
Der Kobold blickte ihn unerschütterlich an und es überraschte Fehed fast, dass er nicht nachgab. Er kannte das feige Wesen dieser Rasse. Aber offensichtlich gab es auch unter ihnen solche, die gerne ihren eigenen Kopf durchsetzten, vor allem wenn es um Profit ging. "Dann wirst du auf die Elbin verzichten müssen und wirst dir das hoffentlich eine Lehre sein lassen. Markier deine nächste Sklavin, sonst wird dir dasselbe noch einmal wiederfahren."
Eine Weile schwieg Fehed. Er wusste, dass Miniels fragender, flehender Blick auf ihm lag. Vermutlich verstand sie kein Wort von dem, was gesprochen wurde, aber das war vielleicht auch besser so. Das ganze Gerede von Sklaven und Handel hätte sie nur noch mehr verängstigt. Aber auch so war ihm klar, dass diesmal er derjenige war, der ihr helfen musste und dass sie ihn mit einer Hoffnung betrachtete, die nur in jenen herrschte, die sonst verloren waren. Er wünschte, er könnte dieser Hoffnung gerecht werden.
"Na schön", stieß er schließlich hervor. "Wenn du mir schon die Elbin nicht zurück geben willst, dann wenigstens ihren Dolch. Ich habe für heute genügend Verluste erlitten, ich möchte nicht vollkommen beraubt zurückkehren."
Der Blick des Hadari wanderte zu dem Elbendolch, der nach wie vor an seinem Platz lehnte. Die Stirn gerunzelt überlegte er. Seine Gier war zu groß, um die Elbin herauszugeben, aber der Dolch war fein gearbeitet und es war schwer, eine Elbenwaffe in die Hände zu bekommen. Wenn er auch nicht so viel Geld bringen würde wie die Blonde, so war der Dolch doch wertvoll. Aber die Wüste war der einzige Ort, an dem Sklavenhandel noch erlaubt und verbreitet war und ein zorniger Wüstenkrieger war ein gefährlicher Feind. Und sie waren nicht bekannt dafür, sich ihr Eigentum einfach nehmen zu lassen. Den Dolch herauszurücken würde einen geringen Verlust bedeuten und hoffentlich dafür sorgen, dass der Südmensch etwas besänftigt war. Mit dem Elbenmädchen hatten sie heute bereits einen Glücksfang gemacht. "Nun gut. Warum auch nicht?", sagte der Hadari schließlich und hob den Dolch auf, um ihn Fehed zu reichen, das Heft auf den Krieger gerichtet.
Fehed griff danach und einen Augenblick hielten beide Wesen daran fest und blickten sich über den Dolch hinweg in die Augen, bis Fehed die Lippen zu einem düsteren Lächeln verzog und der Kobold schauderte.
Er ließ die Klinge los und Fehed drehte die Waffe in den Händen. "Ich danke für deine Güte, Hadari." In seiner Stimme klang ein feiner Spott mit und so war es kein Wunder, dass der Kobold erleichtert aufatmete, als der Krieger sich abwandte.
Nur Miniel war vom Ausgang der Dinge offenbar nicht begeistert. "Fehed!" In ihrer Stimme war jetzt Panik mit, die Angst zurückgelassen zu werden von dem Mann, den sie gesund gepflegt und dem sie trotz seiner Abstammung vertraut hatte.
Der Klang ihrer Stimme kratzte an Feheds Seele. Seine Hand schloss sich fester um den Griff des ungewohnten Dolches. Er hatte ihn nie zuvor in der Hand gehalten und die Waffe war ihm fremd, doch sie war perfekt ausbalanciert und er hatte sich mit ihrem Gewicht und ihrem Bau grob vertraut gemacht, als er sie kurz in der Hand geschwungen hatte. Jetzt hoffte er nur, dass diese kurze Übung auch ausreichen würde. Stumm zählte Fehed die Schritte, die ihm von dem Hadari fort trugen, während die Kobolde, die ihn zuvor umringt hatten, ihm Platz machten. Als er an dem letzten von ihnen vorbei gegangen war, blieb er stehen.
Der Hadari, der sich zu Miniel gedreht hatte, um sie zum Schweigen zu bringen, blickte auf seinen Rücken. "Kann ich noch etwas für dich tun, Krieger?", fragte er, in einer Mischung aus Unruhe und Ärger.
Fehed verschob den Sitz seiner Finger am Griff des Dolches. Sein Atem war ruhig, sein Herzschlag gleichmäßig, die Muskeln seines Armes gespannt. Seine Stiefel gaben ein schabendes Geräusch von sich, als er seinen Stand änderte.
"Krieger?"
Er hörte die Stimme des Hadari hinter sich und lächelte grimmig. Der Dolch in seiner Hand war ungewohnt leicht, er würde weniger Kraft aufbringen müssen und hoffen, dass sein Flug, bedingt durch die Form, so stattfand wie geplant. Fehed fuhr herum.
Wie ein Silberpfeil schnellte der Dolch von seiner Hand und zerschnitt mit einem scharfen Pfeifen die Luft, zu schnell, um ihn mit den Augen zu verfolgen.
Er hörte Miniel erschrocken nach Luft schnappen, als sich ihre Waffe mit tödlicher Präzision in die Stirn des Hadari bohrte und noch während die Kobolde ihren Anführer anstarrten, hatte Fehed mit geübter Schnelligkeit das zajif gezogen und dem Kobold, der ihm am nächsten stand, durch den Körper gebohrt. Als er das Schwert zurückzog, sackte das Wesen in sich zusammen und besudelte die Erde unter sich mit dunklem Blut.
Das alles war so schnell geschehen, dass die verbliebenen drei Kobolde erst jetzt in Bewegung kamen. Mit einem Wutgeheul zückten sie ihre Waffen und stürzten sich auf den Krieger, der darauf nur gewartet hatte.
Sie mochten nicht stark sein, doch sie waren flink und Fehed, der sich gerne auf seine Schnelligkeit verließ, hatte sich noch nicht gut genug erholt, als dass er vollkommen auf seinen Körper vertrauen konnte. Bereits nach wenigen, heftigen Bewegungen spürte er das scharfe Stechen der verheilenden Wunde, das ihm seine Überforderung verriet.
Dazu kam, dass die Schläge der Kobolde zu hoch waren, als dass man darüber hätte hinweg springen können und zu niedrig, um sich darunter hindurch zu ducken und so blieb ihm nur, zurück zu weichen und von seinem längeren Schwertarm Gebrauch zu machen.
Aber das leichte Ziehen in seinen Armen war ihm vertraut und den Schweiß auf seiner Stirn hieß er willkommen. Der Kampf war sein Gebiet und er hatte eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr daran teilgenommen. Für die Kobolde empfand er kein Mitleid, weder für den, den ein kräftiger Tritt gegen einen Baumstamm beförderte, wobei sein fragiles Rückgrat ein endgültiges Knirschen von sich gab, noch den anderen, noch für den, der unter einem Aufschlag seines Schwertes fiel, Kleidung und Haut von der scharfen Klinge durchtrennt. Im Gegenteil, Fehed fluchte noch über den Kobold, da es ihm gelang, ihn zuvor mit seiner fast schon stumpfen Klinge den Arm zu verwunden. Es war nur eine kleine Wunde, doch sie blutete und brannte höllisch, was den Krieger nur noch antrieb.
Den letzte Kobold allerdings verließ der Mut, als er seine Gefährten am Boden sah. Er umklammerte sein Messer fester und rannte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her.
Fehed wollte ihm nachsetzen, doch sein Körper hielt es wohl für angebracht, ihm endgültig die Strafe für diese Überanstrengung zu verpassen. Das Zittern seiner Knie zwang ihn zu Boden, wo Fehed seine Waffe in die Erde rammte und sich daran festhielt.
Wie zuvor lauschte er auf seinen Atem und seinen Herzschlag und war beinahe erschrocken. Sein Herz trommelte in seiner Brust, als wolle es ausbrechen und sein Atem ging stoßweise, fast pfeifend. Der sachte Schmerz, den er zuvor willkommen geheißen hatte, breitete sich in seinen Gliedern aus und sammelte sich vor allem in der Wunde, die Miniel gepflegt hatte.
Erneut fluchte Fehed, als er sich aus dem Lederharnisch quälte. Er hatte gewusst, dass seine Kampfkraft noch nicht wieder vollkommen hergestellt war, aber er hatte geglaubt, wieder fit genug zu sein, um es zumindest mit einer kleinen Gruppe Kobolde aufzunehmen und noch dazu, weil er wieder die Kraft gehabt hatte, seinen täglichen Übungen nachzugehen. Aber es war das eine, zu trainieren bis man erschöpft war und das andere, über die Erschöpfung hinaus zu kämpfen.
Er spürte die Wärme bereits, bevor er das Hemd hinaufzog. Offenbar waren seine Bewegungen zu ruckartig, zu stark und vor allem zu früh gewesen: an einigen Stellen war die Wunde aufgebrochen und blutete, aber sie war nicht stark eingerissen und hatte sich nicht vergrößert. Fehed war zuversichtlich, dass sie recht schnell wieder verkrusten würde, solange er nicht auf die Idee kam, sofort wieder einen Streit anzuzetteln.
Auch die Wunde am Arm betrachtete er. Ihre Ränder waren unsauber und er wollte gar nicht wissen, welcher Dreck sich an dem Messer befunden hatte, dem er diese Verletzung zu verdanken hatte, aber sie war nicht tief und er konnte den Arm ohne Beeinträchtigung bewegen. Lediglich das Brennen machte ihm Sorgen, doch Fehed verlor keinen Laut darüber und wischte das herablaufende Blut unwirsch ab. Er würde sie später am Bach ausspülen und vielleicht ließ sie sich verbinden, doch ein weiteres Mal einen Heiler aufsuchen wegen etwas, das verglichen mit früheren Verletzungen ein Kratzer war, wollte er nicht.
Stattdessen flog sein Blick zu Miniel. Ihm war zuvor bereits die Stille aufgefallen, die sich über den Platz gelegt hatte, als der letzte Kobold die Flucht ergriff. Nun wusste er wieso. Die Elbin hatte sich aufgesetzt und mit dem Rücken gegen einen der Karren gepresst, als könnte sie so fliehen. Ihre Handgelenke waren auf dem Rücken gefesselt, ihre Knöchel zusammengebunden und vermutlich war dies der einzige Grund, aus dem sie noch hier war, denn ihr Gesicht war schreckensbleich und die grünen Augen weit aufgerissen. Sie starrte ihn an, als würde sie ihn das erste Mal sehen und der Ausdruck kam ihm bekannt vor. Er kannte ihn von anderen Reisenden, denen sie unterwegs begegnet waren.
Sie fürchtete sich, das war die einzige Erklärung. Fürchtete sich vor dem, wozu er fähig war. Fehed holte erschöpft Luft. Es störte ihn, daran zu glauben, dass sie Angst vor ihm hatte. Sie, die Hüterin seines Lebens, war es, die er beschützen musste und wenn es ein Wesen auf der Welt gab, gegen das er nicht seine Waffe richten würde, dann war es sie. Doch vermutlich hätte sie diese Erklärung nicht verstanden, wie die Menschen dieses Landes so vieles nicht verstanden, was das Wüstenvolk antrieb.
Mit einem Ächzen zwang sich Fehed auf die Beine und warf einen Blick über das Lager. Die Hektik hatte für Chaos gesorgt und der Anblick der herumliegenden Kobolde gab einem das Gefühl, dass hier ein Überfall stattgefunden hatte. Im gewissen Sinne war dies ja auch der Fall. Es roch nach Tod und Zerstörung, doch Fehed, dem dieser Geruch wohlvertraut war, stieß sich nicht daran. Er ging zu dem Hadari hinüber, der rücklings über dem Baumstumpf lag, auf dem er gesessen hatte und zog mit einem Ruck die spitze Klinge heraus, die er beeindruckt betrachtete. Sie hatte den Kobold mit so viel Wucht getroffen, dass er einigen Kraftaufwand gebraucht hatte, um sie aus dem Knochen zu ziehen.
Seine Augen wanderten tiefer und fielen auf seine eigene Hand, die den Dolch fasste. Sie war blutbeschmiert, sowohl von seinem, als auch von dem der Kobolde. Kein Wunder, dass er Miniel in Unruhe versetzte. Erst jetzt wurde er sich des Bilds bewusst, das er abgeben musste. Blutend, verschwitzt und ohne offensichtliche Reue über den Tod der Kobolde, die er ohne jede Vorwarnung angegriffen hatte.
Erneut sah er Miniel an, suchte in ihren Augen nach Antworten und ging schließlich zu ihr hinüber, um sich neben ihr auf der Erde nieder zu lassen. Er hatte das unbändige Verlangen, den Kopf an den Karren zu lehnen und die Augen zu schließen, tat es aber nicht. Stattdessen zwang er seinen Atem zur Ruhe, ehe er sich zu ihr beugte und dabei genaustens darauf achtete, ob sie ihm auswich.
Zu seiner grenzenlosen Überraschung tat sie es nicht. Sie starrte ihn nur an als sei er soeben von den Toten auferstanden und strahlte eine Unsicherheit aus, die er zugegebenermaßen nicht erwartet hatte. Angst, ja. Abweisung ebenfalls. Erschrockene Worte, vielleicht Schreie, doch sie blieb stumm und gab keinen Mucks von sich und er fragte sich, ob er sie so sehr verschreckt hatte, dass sie ihre Stimme verloren hatte.
Als er die Fesseln durchtrennte, zog sie ihre Hände zu sich und rieb sich über die Spuren, welche die Seile auf ihren Handgelenken hinterlassen hatte. Ihre Beine waren nach dem langen Liegen wohl noch schwach, denn nur so konnte er sich erklären, warum sie nicht sofort Abstand suchte.
Den Dolch ließ Fehed achtlos auf die Erde fallen, ehe er stumm neben ihr verharrte, darauf wartend, dass sie sich erhob, um zum Lager zurückzukehren. Nein, er wartete auf mehr. Auf eine Reaktion, ein Wort. Und er fragte sich, was sie wohl sah, wenn sie durch ihre großen, grünen Augen in die Welt blickte. Sah sie einen Mann, der ohne zu zögern Blut vergossen hatte, der unnötig Gewalt anwendete, wenn es ihm zugunsten kam? Oder sah sie einen Mann, der bereit gewesen war, das Leben anderer zu opfern, um das ihre vor Schmerz und Erniedrigung zu bewahren?
Als sie sich neben ihm regte, wandte er ihr müde den Kopf zu, doch sie blieb nach wie vor sitzen und streckte lediglich die Hand aus, um die Wunde an seinem Arm zu betrachten. Vermutlich stand sie unter Schock, dachte der Krieger. Es war nicht das erste Mal, dass er einen Menschen das Ausmaß fremder Taten nicht hatte begreifen können. Vielleicht würde sie eine Zeit brauchen, sich zu sammeln und ihre ablehnenden Worte würden erst später kommen, wenn sie...
Noch ehe er den Gedanken fortführen konnte, hatte Miniel in einer plötzlichen Regung die Arme um seinen Hals geschlungen und sich an ihn gedrückt und der völlig verblüffte Krieger konnte nur in Stille verharren, als sie an seiner Brust zu schluchzen begann.