Das Lied in der Stille

von sunXmoon
GeschichteRomanze, Fantasy / P18
10.03.2012
17.06.2012
11
36810
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57 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
Auch an dieser Stelle möchte ich mich gerne noch einmal bei meinen Lesern bedanken. Um ehrlich zu sein hatte ich von dieser Geschichte nicht viel erwartet, weil sie lediglich ein Versuch in Sachen Romanze werden sollte (was sie jetzt doch nicht so ganz wird. Ich kann einfach nicht anders). Aber inzwischen ist das die Beliebteste meiner Geschichte und das macht mich ehrlich gesagt genauso baff wie es mich freut. Ich hatte nie so ein Interesse erwartet und deswegen will ich mich einfach mal bei allen bedanken, die diese Geschichte angeklickt, gelesen, favorisiert oder kommentiert haben - letzteren natürlich ganz besonders. Ihr macht das Schreiben umso spaßiger und ich freue mich wirklich jedes Mal, wenn ich eure Meinungen und Vermutungen lese. Danke dafür!

Und um euch zu zeigen, wie lieb ich euch alle habe, bekommt ihr nun das erste (und hoffentlich einzige) Kapitel, in dem wirklich kein einziges Wort geredet wird *g*
Viel Spaß wünscht eure sunXmoon




Die Zeit verstrich langsam, wie zähflüssiger Harz, der an den Bäumen hinablief. Das Rauschen der Blätter machte es für Fehed schwer, Ruhe zu finden. Wo andere Entspannung in diesem Geräusch fanden, hörte Fehed flüsternde Stimmen und die anerzogene Achtung vor Geistern ließ ihm kalte Schauer über den Rücken laufen.
Er vermisste den scharfen Wind seiner Heimat, weniger verspielt und sanft und meist mit groben Sandkörnern gespickt. Er vermisste es, den Sand unter sich zu spüren und nicht Erde und Gras. Aber gleichzeitig war ihm klar, dass er nicht mehr zurückkehren würde.
Mit einem Ächzen setzte Fehed sich auf. Miniel blieb ungewohnt lange weg und obwohl er gesehen hatte, wie geschickt sie sich in den Wäldern bewegte, war da die leise Stimme der Sorge.
Er konnte es nicht leugnen: während der Tage, die sie miteinander gereist waren, hatte sie sich still und heimlich seinen Respekt erschlichen. Obwohl er sie anfangs so gut es ging ignoriert und still sein Schicksal verflucht hatte, hatte sie sich davon nicht im Geringsten einschüchtern lassen. Im Gegenteil, Miniels Versuche, ihm eine Reaktion zu entlocken, hatten sich noch gehäuft, statt einfach abzubrechen und er war nicht umhin gekommen, ihren starken Willen zu bewundern.
Ohne ihre Stimme wäre es in den vergangenen Tagen sehr leise gewesen und auch wenn Fehed kein Mann vieler Worte war, wusste er, wohin seine Gedanken in der drückenden Stille wanderten. In sofern waren gerade der Klang ihrer Stimme und die vorsichtige Berührung ihrer Finger, wenn sie ihn versorgte, ein inzwischen beinahe vertrauter Teil der Reise und statt sich darüber zu ärgern, war er erleichtert über diese Anker im Hier und Jetzt.
Gleichzeitig brachte ihn die ungewohnte Freundlichkeit, mit der Miniel ihm begegnete, in einige Schwierigkeiten. Die Elben waren mit den Menschen dieses Landes verbündet und gehörten damit eigentlich zu seinen Feinden. Seine Pflicht wäre es eigentlich gewesen, ihr Leben zu beenden oder ihr zumindest Informationen über Pläne und Vorhaben zu entlocken. Im Gegensatz dazu stand eine viel größere Pflicht.
Sie hatte ihm das Leben gerettet. Das war eine unumstößliche Tatsache, aber er bezweifelte, dass sie sich der Konsequenzen bewusst war. Er hatte sein Leben den gierigen Klauen des Schicksals übergeben und Miniel hatte es an sich genommen. Und in ihren Händen ruhte es noch immer.
Selbst wenn er gewollt hätte, er hätte sie nicht töten können, genauso wenig wie er sie verlassen konnte. Er war durch ihre Handlung an sie gebunden und würde es bis zu seinem Tod bleiben. Oder bis zu ihrem. Letzteres allerdings würde er verhindern müssen, nicht nur, um selbst am Leben zu bleiben, sondern auch, weil er Miniels unumstößlich fröhliche Art zu schätzen gelernt hatte.
Fehed wusste nicht, ob er für die Entwicklung der Dinge dankbar sein sollte. Er war am Leben und er befand sich nicht in der schlechtesten Gesellschaft, aber was sonst? Er bezweifelte, dass Miniel jemals den dringenden Wunsch verspüren sollte, seine Heimat zu besuchen und so lange würde auch er nicht zurückkehren. Und ebenso bezweifelte er, dass man ihn mit offenen Armen empfangen würde, wenn sie ihr Ziel erreichten. Eigentlich gehörte er nicht hierher, aber es lag nicht länger in seiner Macht, darüber zu entscheiden.
Die Gedanken Feheds schweiften ab zu Gharam, dem Krieger, der ihn hierher begleitet hatte. Inzwischen hatte er wahrscheinlich die Grenze längst überquert. Die Hand des Südländers ballte sich um den Griff seiner Waffe, als er an seinen Begleiter dachte. Ob Gharam wenigstens den Anstand besaß, Feheds Schwestern zu erzählen, dass er nicht wiederkommen würde? Und wenn ja, welche Geschichte würde er ihnen auftischen? Dass sie unerwartet angegriffen wurden und Gharam sein möglichstes getan hatte, um ihm das Leben zu retten, letztlich der Übermacht aber nicht gewachsen gewesen war?
Fehed war sich beinahe sicher, dass es genau diese Geschichte war, die man zu hören bekommen würde. Eine, in der er sich selbst als Held darstellte und zutiefst betrübt über Feheds Verlust gab. Zu gerne hätte er Gharam jetzt in diesem Moment bei sich gehabt, um ihm zu zeigen, was er von seiner heuchlerischen Einstellung hielt.
Wie so häufig tasteten seine Finger zu der Wunde. Ohne Miniels anhaltende Fürsorge wäre das Ergebnis sicher um einiges schlimmer gewesen. Noch immer spürte er Schmerzen, wenn er sich zu hektisch bewegte und die angespannte Haut damit zu sehr belastete, doch sie ließen nach und seine Bewegungsfreiheit kehrte mit jedem Tag mehr zurück. Und auch wenn er wusste, dass es nie dazu kommen würde, trieb ihn der Gedanke an seine Rache an. Selbst wenn er seine Kraft dafür nie würde einsetzen können, konnte es auch seiner jetzigen Aufgabe als Begleiter Miniels nicht schaden.
Womit er wieder bei der Elbin angelangt war. Man hatte sie ihm ganz anders beschrieben. Als kühle, gefühllose Wesen, die zu keiner menschlichen Regung fähig waren. Als ein Volk, das sich über die menschliche Schwäche amüsierte und zurückgezogen lebte, um mit ihnen so selten wie möglich in Berührung zu kommen. Und wenn man doch in ihr Reich eindrang, geschahen fürchterliche Dinge mit einem und man wurde nie mehr gesehen.
All diese Gerüchte hatten sich bisher noch nicht bewahrheitet, im Gegenteil: Miniel war herzlicher als die Menschen, die ihm bisher begegnet waren und wenn er ehrlich war, auch als die meisten Menschen seines eigenen Landes. Aber vielleicht bildete sie nur die Ausnahme? Sie war bisher die erste und einzige ihrer Art, die er kennen gelernt hatte. Wer versicherte ihm, dass die anderen nicht so waren, wie in den Erzählungen?
Fehed runzelte die Stirn, als er sich in die Richtung drehte, in die Miniel kurz zuvor verschwunden war. Seit dem abrupten Ende ihres Gesprächs, wenn man es denn so nennen wollte, war die Elbin verschwunden und diesmal dauerte es deutlich länger als während der bisherigen Rasten. Ob er sie beleidigt hatte und sie Zeit für sich suchte?
Es überraschte Fehed, dass er darüber überhaupt nachdachte. War in seiner Heimat eine Frau verletzt über das Verhalten eines Mannes, so war das ihre Sache und sie hatte damit umzugehen. Eine Ausnahme bildete lediglich eine Beleidigung, die von einem Mann kam, der nicht zur Familie gehörte und damit keine Verbindung zu ihr hatte. Und obwohl Fehed seine Schwestern liebte und er sie mit dem nötigen Respekt behandelte, hatte auch er Zeiten, in denen er gedankenlos Worte äußerte, die sie verletzten. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sich für solche kleine Ausrutscher zu entschuldigen.
Doch die Gegebenheiten dieses Landes waren ihm fremd und die Tatsache, dass niemand es für seltsam erachtete, eine Frau alleine und bewaffnet durch die Landschaft ziehen zu lassen, zeigte, wie anders die Dinge hier standen. Keine Frau seiner Heimat hätte man der Gefahr ausgesetzt, ohne Mann zu reisen. Vielleicht war es kein Zufall gewesen, dass ausgerechnet Miniel ihn gerettet hatte. Vielleicht hatte sie ihn nicht dem Schicksal entrissen, sondern die Fügung selbst hatte dafür gesorgt, dass er auf sie aufpasste. Wer war er, dass er das hätte beurteilen können?
Zögernd blickte der Krieger sich um. Er vermied es eigentlich, sich aus dem Lager zu entfernen, wenn Miniel unterwegs war, da er sie nicht in unnötige Aufregung versetzen wolle, wenn sie zurückkehrte und feststellte, dass er nicht länger da war. Und manche Dinge erledigten Frauen nun einmal allein. Er hatte nicht vor, an diesem Mysterium etwas zu ändern. Aber langsam wurde er unruhig. Im Gegensatz zu ihm kannte sich die Elbin mit den Wäldern aus, aber war das eine Garantie dafür, dass ihr nichts geschehen war?
Der Gedanke, dass sie auf einem nassen Stein ausgerutscht sein könnte, war beinahe lächerlich, wenn man bedachte, mit welcher Vorsicht sie normalerweise ihre Schritte setzte. Aber eine Versicherung war das nicht.
Kurz fragte sich Fehed, ob es so klug war, nach Miniel zu suchen. Für ihn sahen die Bäume alle gleich aus und er konnte gerade so zwischen denen mit glatter und jenen mit rauer Rinde unterscheiden. Wenn er sich hier verlief, würde er in dem Gemisch aus braun und grün vermutlich nie wieder das Lager finden. Aber auch diesen Zweifel streifte er ab und erhob sich schließlich. Es konnte nicht schaden, zumindest nach dem Rechten zu sehen.
Einer Regung folgend legte Fehed den lädierten Lederharnisch an und nahm seine Waffe an sich. Den Bogen ließ er im Lager. Bei all den Bäumen, die ihm im Weg standen, hätte er ein Ziel beim besten Willen nicht treffen können. Er war die Weiten der Wüste gewöhnt, nicht die Schatten der Bäume.
Hruva schnaubte kurz, reagierte aber nicht weiter, als Fehed sich in Bewegung setzte. Das Pferd war erstaunlich und ebenso naiv vertrauensvoll wie seine Herrin. Hätte man ihm vorher gesagt, dass ein Pferd an Ort und Stelle bleiben würde, ohne es anzubinden, er hätte die Person ausgelacht.
Bevor Fehed das Lager aus den Augen verlieren konnte, begann er mit dem Krummschwert, Markierungen in die Bäume zu ritzen. Nicht tief, weil er die Klinge nicht durch wiederholtes Einschlagen auf das Holz ruinieren wollte, aber doch sichtbar genug, dass er den Weg wieder zurückfinden würde, ohne sich zu verlaufen. Sollte er Miniel treffen, so würde sie den Rückweg mit Sicherheit sowieso kennen.
Aber schon bald stand er vor dem ersten Problem. Er hatte zwar gesehen, in welche Richtung Miniel das Lager verlassen hatte, aber nicht, wohin sie danach gegangen war. Und auf dem Boden konnte er keinerlei Spuren entdecken, die er ihr hätte zuordnen können.
Ein wenig orientierungslos verharrte Fehed, inmitten von grünen Schatten, kleinen tänzelnden Sonnenstrahlen und dem Gesang von Vögeln, die ihm unbekannt waren. Es wäre vielleicht klug gewesen, nach der Elbin zu rufen, aber Fehed verärgerte der Gedanke, dass er eine Frau um Hilfe rufen sollte. Stattdessen marschierte er geradeaus weiter und lauschte auf alle möglichen Geräusche.
Manches war ihm inzwischen einigermaßen vertraut, aber noch immer konnte er nicht alles zuordnen und so blieb Fehed immer wieder stehen, wenn er glaubte, etwas zu hören, nur um dann festzustellen, dass er sich geirrt hatte.
Gerade als er sich überlegte, ob er sich seine Niederlage eingestehen und zum Lager zurückkehren sollte, um nachzusehen, ob Miniel inzwischen vielleicht doch zurückgekehrt war, erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Fehed ging in die Knie, und klaubte mit spitzen Fingern ein schmales Lederband aus dem Gras.
Eine Anzahl von Zähnen befand sich daran, die meisten davon von hier heimischen Arten, aber Fehed erkannte den spitzen Reißzahn einer kleinen Fuchsart, der in seiner Heimat lebte. Das Lederband war nicht einmal lang genug, dass er es sich um das Handgelenk hätte binden können, aber Fehed wusste, wer solche Verzierungen trug und auch, dass ihre Gelenke sehr viel schmaler waren. Er erinnerte sich, diesen Schmuck an Kobolden gesehen zu haben, mit denen sein Volk handelte. Im Gegensatz zu den Südländern trieben sich die Kobolde oft in dieser Gegend herum und gelangten daher an Dinge, welche die Südländer gut gebrauchen konnten. Baumaterial, fremdländische Zutaten, Luxusgüter und nicht zuletzt: Sklaven.
Obwohl Fehed die Handelssprache beherrschte, die sein Volk benutzte, um sich mit den Kobolden zu verständigen und die aus einer Mischung seiner eigenen Sprache und der -in seinen Ohren primitiven- Sprache der Kobolde bestand, hielt er nicht viel von ihnen. Es waren schwächliche Wesen, die für ihre Hinterlist bekannt waren und in kleinen Verbänden umherzogen, weil sie einzeln im Grunde ungefährlich waren.
Zwar war er sich nicht sicher, aber Fehed vermutete stark, dass sie ihre Waffen vergifteten oder zumindest mit einem betäubenden Mittel bestrichen. Wie sonst sollten sie in der Lage sein, Sklaven zu beschaffen? Seine Abscheu verstärkte das nur noch, aber wie viele Südländer betrachtete er Kobolde als notwendiges Übel und die dürren Wesen machten gerne Geschäfte mit ihnen.
Dass Kobolde in der Nähe waren, gefiel Fehed nicht. Nicht, dass sie ihn angreifen würden, aber mit Miniel in seiner Begleitung würden sie mit Sicherheit misstrauisch werden und in dem Moment in dem sie begriffen, dass er tatsächlich aus freien Stücken mit ihr unterwegs war, wäre es mit ihrem Wohlwollen vorbei. Eine Gruppe feindseliger Kobolde wollte Fehed nach Möglichkeit vermeiden.
Oder war Miniel den Kobolden schon begegnet? Der Gedanke war mit Sicherheit nicht abwegig, allerdings wunderte es ihn, dass sie bisher noch nicht zurückgekehrt war. Er war nicht ganz sicher, wie man das Alter einer Elbin einschätzte, aber jeder hatte sie bisher mit so viel Respekt behandelt, dass sie so jung nicht mehr sein konnte. Und ganz sicher hatte man sie im Kampf unterrichtet, denn immerhin trug sie Waffen bei sich. Welchen Sinn hätten diese denn gehabt, wenn sie nicht wusste, wie man damit umging?
Während er noch Überlegungen darüber anstellte, wie erfahren Miniel tatsächlich war, fielen ihm weitere Spuren auf, die auf Kobolde hinwiesen. Er entdeckte die Abdrücke ihrer Füße in der Erde und war dankbar dafür, dass Kobolde aufgrund ihrer feinnervigen Fußsohlen selten Stiefel trugen, die ihm das Erkennen erschwert hätten.
Wenn man genauer hinsah und wusste, worauf man achten musste, bemerkte man sehr schnell weitere Zeichen und Fehed ließ sich von ihnen führen. Es war nur ein Kobold gewesen, soweit er das erkennen konnte, aber als er sich einem Bach näherte, in dessen Umgebung die Erde weicher war, verdichtete sich die Zahl der Abdrücke und verdeckten dabei beinahe die schwachen Spuren einer weiteren Person. Spuren von Stiefeln, die Fehed inzwischen im Schlaf hätte sehen können, weil sie der Elbin gehörten, die mit ihm seit Tagen reiste.
Der Krieger stieß einen saftigen Fluch aus, als er in die Knie ging und das Bild, das sich vor ihm ausbreitete, genauer betrachtete. Miniel war hier gewesen und die Kobolde ebenso, aber er wusste nicht, ob sie tatsächlich aufeinander getroffen waren oder sich verpasst hatten. Er konnte jedenfalls kein Blut erkennen, das auf einen Kampf hatte schließen lassen. Was also war geschehen?
Es war nicht auszuschließen, dass die Kobolde Miniel verfolgt hatten. Sie waren ausgezeichnete Spurenleser, eine herausragende Qualität für ein Volk, dass sich nicht durch seine Stärke auszeichnete. Er wünschte, er hätte es mit ihrem Können aufnehmen können. Das hätte es ihm sicher leichter gemacht, Miniel zu finden, aber wenn Elben Spuren hinterließen, dann so schwache, dass die Wenigsten sie sahen. Selbst wenn er sich also nicht auf einem Boden befunden hätte, auf dem ihm das Suchen und Finden unvertraut war, hätte er sie niemals aufspüren können und er war schon froh über die Tatsache, dass die nasse Erde zumindest einen ihrer Abdrücke bewahrt hatte.
So geschickt Kobolde jedoch waren, so achtlos waren sie selbst. Sie vertrauten darauf, dass niemand sich gerne in ihrer Nähe befand. Wer Koboldspuren erkannte, machte einen Bogen darum, denn so blieb das Leben friedlicher. Fehed jedoch zog seinen Nutzen aus dieser Unachtsamkeit.
Von dem Bach aus führten ihn die Spuren tiefer in den Wald. Es waren jetzt mehrere, mindestens drei, die einen für ihn völlig sinnlosen Pfad aus verschlungenen Wegen, Abzweigungen und Kurven hinterließen. Hier, wo der Boden härter war, verlor er sie öfters aus den Augen und einige Male glaubte Fehed sich verloren, ehe er nach verstärktem Suchen die Spur wiederfand und ihr erleichtert folgen konnte.
Das Ziel schließlich war eine Lichtung, die bereits ausgetrampelt von den unachtsamen Kobolden war. Hier würde so schnell mit Sicherheit kein Gras mehr wachsen. In der Mitte hatte man ein Feuer entfacht, über dem ein längliches Tier briet, ein Nagetier vermutlich. Den toten Tieren nach zu urteilen, die an einem kleinen Holzgestell an ihren buschigen Schweifen aufgehängt worden waren, handelte es sich um die Wesen, die größtenteils in den Bäumen lebten und die Fehed aufgrund ihrer rötlichen Fellfarbe "Springfüchse" nannte, weil er die eigentliche Bezeichnung vergessen hatte.
Ebenfalls auf der Lichtung befanden sich zwei kleine Karren, mit Töpfen und Pfannen behängt und mit Lederplanen bespannt, vermutlich voller Dinge, die mehr oder weniger schwierig aufzutreiben waren und mit denen die Kobolde handeln wollten. Sie waren schmal genug, dass ein einzelner Kobold sie ziehen konnte und sie bequem durch die Bäume manövrieren konnte und boten zudem den Vorteil, dass man nicht alle Ware verlor, wenn einer der Karren kaputt ging.
Fünf Kobolde zählte Fehed, verborgen hinter den Bäumen, die ihrem Tagwerk nachgingen. Sie alle waren nicht von beachtlicher Größe, sondern reichten ihm vermutlich gerade einmal bis zur Brust, aber sie sahen furchterregend genug aus, dass sie jemanden zumindest kurzzeitig einschüchtern konnten und sie waren so schmal und flink, dass sie ein schwer zu treffendes Ziel waren.
Irgendjemand hatte Fehed einmal gesagt, dass es sich bei Kobolden um einen verkümmerten Zweig der Trolle handelte und es einem Wunder entsprach, dass dieser Zweig nicht schon vor langer Zeit ausgestorben war. Nachdem Fehed Geschichten über die berühmte Hässlichkeit der Trolle gehört hatte, war er geneigt, dieser Erzählung Glauben zu schenken.
Ihr Anführer oder Hadari, wie sein Titel lautete, war vermutlich der Kerl am Feuer, der sich den Rand seiner empfindlichen Ohren mit dem Knochenschmuck verziert hatte, den die Kobolde so sehr liebten. Je mehr Knochen sie vorweisen konnte, desto skrupelloser durften sie sich nennen. Letztlich waren sie in Feheds Augen nicht mehr als ein Volk von Angebern und Schmugglern. Die anderen Vier hatten sich über das Lager verteilt und riefen sich dann und wann Scherzworte zu, von denen Fehed nur einen Teil verstand, weil er sie aus der gemeinsamen Handelssprache kannte.
Seine Neugierde war erst vollends geweckt, als sich einer der Kobolde über eine Gestalt am Boden beugte, halb verdeckt durch die beiden Karren. Miniel! Das blonde Haar, das wirr über den Boden floss, ließ für ihn keinen anderen Schluss zu, aber erst als der Kobold beiseite trat und er ihre Gesichtszüge erkennen konnte, verspürte er Erleichterung. Nach allem, was er erkennen konnte, war sie unverletzt bis auf eine Schramme an ihrer Schläfe und lediglich ohne Bewusstsein.
Einen Sinn konnte Fehed dahinter allerdings nicht erkennen. Die Kobolde zeigten ebenfalls keine Anzeichen einer Verletzung. Warum hatte sie sich nicht gewehrt? Fünf Kobolde waren zwar eine Übermacht, aber der Wald war Miniels zuhause und Fehed war immer von er Kampfkunst der Elben berichtet worden. Aber offenbar hatte es nicht nur keinen Kampf gegeben, sondern man hatte ihr auch noch die Waffen abgenommen, zumindest konnte er das elegante Elbenmesser ausmachen, das in der Nähe des Koboldanführers an einem Stein lehnte.
Fehed brummte leise. Er wusste was zu tun war, denn Miniel in den Händen der Kobolde überlassen konnte er nicht. Er wusste, was mit ihr geschehen würde. Als Sklavin, vor allem als elbische, würde sie einen unverschämt hohen Preis einbringen. Ein Schicksal als Arbeiterin bliebe ihr damit zwar erspart, denn in seiner Heimat wäre sie zu exotisch, als dass man sie der Sonne und der Anstrengung ausgesetzt hätte, aber es gab andere Dinge, die ihr bevorstanden. So weit würde es gar nicht erst kommen.
Nicht zum ersten Mal wünschte sich Fehed, sein Harnisch wäre nicht beschädigt, denn er hatte das ungute Gefühl, dass die Kobolde sich nicht auf einen einfachen Handel einlassen würden und er besaß ohnehin nicht das Gold, um Miniel freizukaufen. Er wünschte sich ebenso, seine Kleidung und vor allem er selbst wären gewaschen, um den Eindruck zu hinterlassen, der ihm als Krieger eigentlich zustand. So abgekämpft wie er im Moment aussah, würden die Kobolde ihm kaum abnehmen, dass er mehr war als ein Wegelagerer. Aber den Versuch würde er unternehmen müssen. Und wenn seine Worte nichts bewirkten, musste er eben Taten sprechen lassen. Dass die Frau, die sein Leben beherbergte, in den Händen der Kobolde blieb und am Ende in die Sklaverei verkauft wurde, war jedenfalls nicht denkbar.
Fehed rückte den Harnisch zurecht, legte die Hand an seine Waffe und atmete tief durch. Dann trat er aus dem Schatten der Bäume.