Das Lied in der Stille

von sunXmoon
GeschichteRomanze, Fantasy / P18
10.03.2012
17.06.2012
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Müdigkeit ließ die Gedanken in Miniels Kopf schwer fließen, als sie neben Hruva auf der Straße spazierte, die sie nach Silwerstan führte. Die Stadt konnte sie bereits erkennen, sie hob sich groß und mächtig gegen den Himmel ab und warf ihren Schatten über die Ebene.
Fehed lief auf der anderen Seite, eingehüllt in den Umhang und seit sie aufgebrochen waren, hatte Miniel ihn nicht mehr wirklich angesehen, denn jedes Mal, wenn sie zu ihm herüberblickte, spürte sie das Blut in ihre Wangen steigen.
Dabei war die Nacht im Gasthaus ganz harmlos verlaufen. Nachdem Fehed eingeschlafen war, hatte sie sich schließlich irgendwann auf einen Stuhl gesetzt und ihn beobachtet und war schließlich am Morgen in die Stadt gegangen, um Besorgungen zu machen und nach Hruva zu sehen. Als sie zurückgekehrt war, war Fehed munterer gewesen als noch am Vortag und hatte, zu ihrer großen Freude, das gesamte Essen verschlungen, das sie ihm hingestellt hatte. Sogar das Fieber war gesunken, dennoch hatte sie an jenem Abend die Prozedur wiederholt und ein weiteres Mal gesungen, in der Hoffnung, er würde erholsameren Schlaf finden.
Miniel selbst versuchte seit einigen Tagen Schlaf so gut es ging zu vermeiden, denn mit ihm kamen die Träume und im Traum war sie immer wieder zurück auf die Lichtung versetzt und stets nahmen die Dinge einen anderen Verlauf. Manchmal fand sie sich plötzlich mitten in der Lichtung wieder, einen blutigen Dolch in den Händen und von Koboldleichen umringt, andere Male war es Fehed, der ihr helfen wollte, aber unterlag, während sie zusehen musste, wie er unter den Koboldklingen zu Boden ging. Und wieder andere Male war sie selbst es, die ihr Leben ließ.
Nichts davon war in irgendeiner Weise beruhigend oder stärkend und so hatte Miniel sich eigentlich vorgenommen, die Nacht wieder wach zu bleiben und über Feheds Schlaf zu wachen, aber die vorigen Nächte hatte sich bezahlt gemacht und ohne dass sie sich dessen wirklich bewusst gewesen war, war sie irgendwann eingeschlummert, noch immer am Bettrand sitzend.
Sie war mit der Gewissheit aufgewacht, dass sie viele Stunden geschlafen hatte, als die Sonne bereits durch die Fenster schien. Zu ihrer Überraschung und grenzenlosen Erleichterung war das Bett leer gewesen, aber jemand hatte sie vom Bettrand in die Mitte verfrachtet und sie ordentlich zugedeckt, ohne sich jedoch an ihrer Kleidung zu vergreifen und sie wusste sehr gut, wer dieser jemand war. Noch immer war ihr der Gedanke furchtbar peinlich, dass Fehed aufgewacht war, und sie halb über ihn gesunken vorgefunden hatte, ihre Hand noch immer in seiner liegend. Sie hatte es seitdem nicht mehr gewagt, ihn direkt anzusehen, auch wenn sie nicht wirklich wusste, was sie von ihm erwartete.
Dass er sie verurteilte, dafür dass sie müde gewesen war? Oder dass er zeigte, wie wenig er von körperlicher Nähe hielt? Fehed hatte bisher nicht ausgedrückt, was er zu diesem Thema dachte und sie bezweifelte sehr stark, dass er es jemals tun würde. Er war an jenem Tag lediglich aus der Waschkammer getreten, das Haar noch feucht, und hatte sie mit einem langen, dunklen Blick bedacht, als wolle er sicher gehen, dass sie auch wirklich wieder wach war.
Die Situation war, nach Miniels Meinung, nicht wirklich schlimm gewesen. Es war erst Feheds Schweigen und der unmögliche Versuch, seine Gedanken zu erraten, der es schlimm machte und sie zog es vor, seinem Blick seitdem auszuweichen. Es war schlimm genug, dass sein ohnehin unlesbares Gesicht nun auch beständig im Schatten einer Kapuze verborgen wurde, weil sie seit ihrem Aufbruch immer mehr Menschen über den Weg liefen.
Jetzt, so kurz vor Silwerstan, war es unmöglich zu laufen, ohne nicht mindestens einen Menschentrupp im Blickfeld zu haben. Es war, als würde die Stadt das Leben nur so anziehen: Wanderer wie Miniel und Fehed waren auf dem Weg dorthin, aber auch Reisende, die reicher gekleidet waren und samt Wächter zu Pferd unterwegs waren, ebenso wie Karren, beladen mit Obst, Korn, Werkzeugen und anderen Dingen, die für die Versorgung der Stadt zuständig waren, während ihnen leere Fuhrwerke entgegen kamen, welche die Stadt eben erst verlassen hatten. Hatte Miniel zuvor nur die Stille der Natur gehört und vielleicht das Schnaufen Hruvas, so war die Luft jetzt erfüllt von den Gesprächen anderer Leute, dem Knarren von hölzernen Rädern und dem Wiehern fremder Pferde.
Je näher sie der Stadt kamen, desto unwohler fühlte sich Miniel. Bereits jetzt war es merkwürdig, mit Fehed unterwegs zu sein. Als sie das Gasthaus besucht hatten, war sie zu besorgt um seine Gesundheit gewesen, als dass sie sich groß Gedanken um etwas anderes gemacht hätte, jetzt allerdings, wo Fehed das Fieber hinter sich gelassen hatte und wieder halbwegs kräftig war, konnte sie sich darum sorgen was geschehen würde, wenn jemand herausfand, wer er war.
Jedesmal, wenn sie auf der Straße einer anderen Person über den Weg liefen, hielt Miniel für einen Augenblick den Atem an, weil sie befürchtete, man könnte einen Blick unter Feheds Kapuze erhaschen und entsprechend reagieren, aber bisher war nichts geschehen und allmählich bekam Miniel das Gefühl, dass sie sich auffälliger verhielt als Fehed selbst, der den Mantel so um sich geschlungen hatte, dass nicht einmal seine Hände darunter hervorschauten.
Und wenn sie in Silwerstan war, was dann? Sie hatte sich schon oft Gedanken darüber gemacht, aber war bisher zu keinem wirklichen Ergebnis gekommen. Eigentlich hatte Miniel vor, ihren Bruder aufzusuchen und ihm zu erklären, was geschehen war. Sie würde ihn überzeugen, dass Fehed nicht so gefährlich war, wie alle glaubten und wenn sie erst einmal so weit war, würde dieser den König informieren können. Auf alle Fälle wollte sie verhindern, dass man Fehed in Ketten legte – oder Schlimmeres.
Doch es blieb ruhig, bis sie schließlich in de Schatten der Stadt eintauchten. Silwerstan war gebaut, um eine Belagerung ohne große Probleme überstehen zu können. Die Ebene, auf welcher sie stand, bot keinerlei Sichtschutz für sich nähernde Feinde und der Mittelpunkt der Stadt schraubte sich in die Höhe wie eine Muschel, so dass man weit über das Land blicken konnte. Die Mauern waren breit und die Tore schmal, so dass Kriegsmaschinen nicht hindurch passten und Angreifer zwangsläufig nicht mit voller Stärke angreifen konnte. Lediglich zwei große Tore gab es, durch welche die Karren der Händler gelassen wurden und, im Kriegsfall, die Streitmacht der Stadt.
Es hatte seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr gegeben, doch die Tore Silwerstans wurden dennoch bestens in Schuss gehalten und Nachsicht bei den Wachen wurde nicht geduldet. Wer unvorsichtig wurde, wurde zum Ziel, so hieß es. Miniel kam nicht umhin sich zu wundern, ob Silwerstan nichts desto trotz zum Ziel geworden war. Was sollten Südländer mit Wäldern anfangen? Sie warf Fehed einen Seitenblick zu, sah aber nicht, ob er sie bemerkte und selbst wenn, so hätte er ihr auch dieses Mal nicht erklärt, aus welchem Grund er hier war. Aber wenn nicht als Spion, als was dann?
Die kleineren Tore waren dazu gedacht, Besucher einzulassen und auf eines derselben steuerte Miniel zu. Und es wurde -natürlich- bewacht. Miniel hatte still gehofft, dass man sie einfach einlassen würde, doch beim Näherkommen erkannte sie, dass die Wachen die Gesichter der Eintretenden sehr sorgfältig musterten und dann und wann Leute anhielten und sie ansprachen. Zurückgeschickt wurde nie jemand, aber ab und an stockte der Verkehr ein wenig, wenn sich eine Musterung länger hinzog und Miniel bemerkte, dass ihr Herz immer unruhiger schlug. Ihr drohte keine Gefahr, da war sie sich sicher. Mancher würde sie vielleicht dafür verdammen, mit einem Südländer zu reisen, aber man würde nicht wagen, den Frieden zwischen Elben und Menschen zu brechen, indem man ihr etwas antat. Es war Fehed, um den sie sich sorgte.
Tatsächlich spürte sie die Blicke der Wachen auf sich ruhen, als sie sich näherten. Fehed war der einzige Mensch hier, der seine Kapuze so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass die Schatten eine Züge verwischten, natürlich fiel er auf. Aber noch mehr wäre er aufgefallen, hätte er die Kapuze nicht getragen.
Miniel wusste, dass man sie aufhalten wurde, noch bevor die Wache ein Wort sagte und widerwillig verstärkte sie ihren Griff um Hruvas Zügel, während ihre Gedanken rasten. Was sollte sie sagen? Die Wache einfach ignorieren und mit Fehed an ihr vorbei gehen? Es erschien ihr beinahe lachhaft, dass sie eine Entführung überstanden und ein Gemetzel beobachtet hatte und jetzt dennoch einen einfachen Menschen fürchtete.
"Augenblick bitte!" Miniels Herz setzte einen Schlag aus. Eine der beiden Wachen, die am Toreingang standen, hatte den Arm ausgestreckt, um sie zum Anhalten zu bewegen. Miniel folgte der Anweisung, etwas blass um die Nase, während Fehed wie immer schwieg. In seiner Lautlosigkeit wirkte er auf sie ebenso düster wie an dem Tag, an dem er auf die Kobolde getroffen war und sie konnte spüren, dass er unter dem Mantel die Muskeln angespannt hatte, ebenso wie sie förmlich die Blicke der anderen Wachen spüren konnten, die auf der Mauer standen und hinabblickten. Am stechendsten aber war der Blick des Mannes, der sie aufgehalten hatte und dessen Augen auf Fehed lagen. Dennoch hatte Miniel das Gefühl, sie wäre es, die gemustert wurde. Doch trotz seines harten Auftretens blieb der Wächter höflich. "Verzeiht, doch jeder, der die Stadt betritt, muss sein Gesicht zu erkennen geben."
Bevor sie überhaupt über ihr Handeln nachdachte, hatte Miniel die Schultern gestrafft und sich aufgerichtet, obwohl nicht sie es gewesen war, die man angesprochen hatte. "Mein Name ist Miniel, Fürstentochter und Schwester des Ratsherren Lyrell. Dieser Mann ist mein Begleiter und mein Schutz." Sie sprach mit einer Sicherheit in der Stimme, die sie nicht verspürte und für einen Moment ging ihr durch den Kopf, dass ihre Eltern sicherlich stolz gewesen wäre. Miniel hatte sich immer schwer damit getan, andere zu befehlen, auch wenn ihr klar war, dass dies einmal zu ihren Aufgaben gehören würde.
Die Reaktion der Wächter jedoch überraschte sie. Wo die Menschen aus den Walddörfern vor Ehrfurcht auf die Knie gegangen wären, rangen ihre Worte dem einen gerade einmal ein müdes Lächeln ab, während der zweite, derjenige der Fehed angesprochen hatte, ihr den Blick zuwandte. "Hohe Lady, bei allem Respekt, aber diese Regel gilt für jeden, egal ob hoch- oder niedrig geboren."
Die Achtung, die man in den Wäldern vor ihnen hatte, galt hier nicht, realisierte Miniel. Elben gingen hier ein und aus, sie waren keine Seltenheit, keine legendären Wesen. Dennoch gab sie sich alle Mühe, sich davon nicht einschüchtern zu lassen. "Das ist eine Respektlosigkeit", erklärte sie stur.
"Es ist eine Notwendigkeit", erwiderte der Wächter. "Ihr seid zum ersten Mal in Silwerstan? Jeder, der bereits hier war, kennt diese Regel."
"Habt Ihr kein Vertrauen in die Menschen?", fragte Miniel, verärgert darüber, dass man sie als unerfahrenen Neuling erkannt hatte und beunruhigt über das gesteigerte Interesse der Männer auf den Mauern. Sie hielt den Verkehr auf und vermutlich machte sie das nur noch auffälliger.
"Wir vertrauen jedem innerhalb der Mauern", gab der Wächter gelassen zurück. "Weil wir ihnen beim Eintreten in die Augen sehen konnten. Und wenn Ihr nichts zu verbergen habt, so habt Ihr nichts zu befürchten."
Miniel schwieg, die Lippen aufeinander gepresst und mit dem Gefühl an einem Abgrund zu stehen, von dem sie sich nicht mehr abwenden konnte. Sie wusste, worin dies alles enden würde, doch sie versuchte, den Moment so lange wie möglich hinaus zu zögern, innerlich auf ein Wunder hoffend.
Doch das Wunder kam nicht. Stattdessen trat die Wache, die bisher geschwiegen hatte und Fehed am nächsten war, einen Schritt auf ihn zu machte. Fehed wich nicht zurück, als der Wächter eine Hand hob und ihm die Kapuze kurzerhand vom Kopf streifte, doch seine Augen funkelnden abweisend, als das Licht auf sie fiel. Miniel hielt den Atem an.
Sie war nicht die Einzige. Für einige Herzschläge schien alles und jeder um sie herum zu verstummen und den Blick auf den Mann zu richten, der eindeutig nicht aus diesen Landen war.
Es war nicht unbedingt die dunklere Hautfarbe, die Fehed als Südländer auswies. Die Haut vieler Bauern war von der Sonne so gebräunt, dass sie neben ihm kaum aufgefallen wären, doch das schwarze Haar und die beinahe ebenso dunklen Augen ließen kaum einen anderen Schluss zu und Feheds scharf gezeichneten Züge vollendeten das Bild des Fremdlings. Jeder hätte erkennen können, dass er nicht von hier stammte.
Die erste Reaktion kam von den Männern auf der Mauer, die sich Worte zuriefen, die Miniel trotz ihrer feinen Ohren nicht verstehen konnte, denn beinahe gleichzeitig begann das Tuscheln der Menschen hinter ihnen. Manche waren einige Schritte zurück gewichen, während die Wachen näher traten und das Geräusch blechener Schritte ankündigte, dass weitere Männer durch das Tor geschickt wurden.
"Hohe Lady", sagte einer der Männer, höflich aber bestimmt, als er sie mit einer Geste aufforderte, beiseite zu treten. Hruva schnaubte nervös, aufgescheut durch die plötzliche Hektik unter den Männern und die Anspannung, die in der Luft lag.
In all der Feindseligkeit stand Fehed ruhig, doch Miniel kannte ihn inzwischen lange genug um zu sehen, dass hinter der Maske seiner Gelassenheit die Konzentration saß. Er verfolgte die Bewegung der Männer, die ihn langsam einkreisten, mit den Augen und sie bemerkte die schwache Bewegung seiner Füße, als er beinahe beiläufig seinen Stand änderte.
"Wartet!" Miniels Stimme hatte allen Stolz verloren. Sie verfluchte, dass sie nicht auf derselben Seite gestanden hatte wie Fehed, denn dann hätten die Wachen -sechs waren es inzwischen- auch sie einkreisen müssen und sie hätte vielleicht einen Angriff verhindern können, so allerdings hatten sich die Männer zwischen Hruva und Fehed gedrängt, bevor sie etwas hatte unternehmen können. "Ich sagte doch, er ist mein Begleiter!"
Die Wachen sahen sie an, als habe sie den Verstand verloren und Miniel sah mit Schrecken, dass sie bereits die Hände an den Schwertknäufen hatten, als erwarteten sie, dass Fehed jeden Moment angreifen würde. Der Gedanke kam nicht von ungefähr, denn auch wenn er bisher nicht gehandelt hatte, so war doch aus seinem Gesichtsausdruck zu schließen, dass er nicht vorhatte, sich ohne jeglichen Widerstand ergreifen zu lassen. Falls dies überhaupt das war, was die Männer vorhatten.
"Hohe Lady...", sagte eine der Wachen langsam, als wäre Miniel diejenige, welche die Situation nicht begriff. "...die Südländer sind unsere Feinde. Ist Euch bewusst, dass in den letzten Wochen vermehrt Gruppen von ihnen gesichtet wurden?"
Sie hatte von Überfällen gehört, doch das weit entfernt. Dass man hier Südländer gesehen haben sollte, überraschte Miniel, doch sie ließ sich davon nicht beirren. "Er hat mein Leben gerettet", beharrte sie. "Er ist kein Feind!"
"Das zu entscheiden, obliegt allein dem König", erklärte der Mann und wandte sich Fehed zu, doch seine Worte waren nach wie vor an die Elbin gerichtet. "Er kann lediglich entscheiden, ob er freiwillig mitkommt oder ob er entschließt, Ärger zu machen."
Gerade wollte Miniel erklären, dass Fehed sicher keinen Ärger machen würde, vor allem um den Menschen zu entkommen, die nach wie vor tuschelnd starrten. Sie hatte geahnt, dass es so laufen würde, aber als sie sich bereit erklärt hatte, Fehed nach Silwerstan zu bringen, hatte sie sich auch noch nicht ausmalen können, dass sie versuchen würde, ihn ungesehen in die Stadt zu schmuggeln. Eine plötzliche Bewegung schnitt ihr jedoch die Worte ab. Einer der Wächter hatte Fehed am Arm greifen wollen, der sich mit einem schnellen Ruck befreit hatte, woraufhin ein anderer Wachmann reflexartig seine Waffe zog – und plötzlich hielt jeder der Männer eine Waffe in der Hand, während Fehed in der Mitte in eine lauernde Stellung gegangen war, die Hand am Schwertgriff ruhend.
"Fehed!" Wenn der Südländer erst einmal die Waffe zog, würde es unmöglich werden, irgendjemanden von seinen friedlichen Absichten zu überzeugen. Falls er überhaupt friedliche Absichten besaß, so genau konnte das ja nicht einmal Miniel sagen. Doch nicht das war es, was ihren Aufschrei auflöste, sondern der Anblick der Bogenschützen auf den Mauern. Fehed mochte ein hervorragender Kämpfer sein, doch er hatte sich soeben erst vom Fieber erholt und er würde nicht den Hauch einer Chance gegen sechs Wächter haben, geschweige denn gegen die Pfeile.
Der Südländer verharrte tatsächlich und warf ihr durch die Lücke zwischen zweien der Männer einen Blick zu, die Stirn gerunzelt. Es lag nicht in seiner Natur, sich einer Bedrohung nicht zu stellen, so viel hatte Miniel bereits begriffen, doch von diesem Kampf würde sie ihn abhalten müssen. Nachdrücklich schüttelte sie den Kopf.
Sein Gesicht drückte pures Missfallen aus und für einen Moment befürchtete Miniel, er würde nicht auf sie hören. Die Sekunden dehnten sich ins Unendliche, während Miniel ihn flehend ansah. "Fehed, nicht..."
Und endlich, endlich zog der Südländer seine Hand zurück, mit ausdruckslosen Zügen zwar, aber dennoch. Diesmal wehrte er sich nicht, als man erneut nach seinem Arm griff und Miniel betete, dass sie das Richtige getan hatte und sein Vertrauen in sie nicht verschwendet war.
Sie kamen also doch in die Stadt, wenn auch auf anderem Wege, als Miniel erhofft hatte und vor allem sehr viel auffälliger. Die Wächter hatten es sich nicht nehmen lassen, Fehed zu entwaffnen und die Art, wie sein dunkler Blick auf der Waffe gelegen hatte, hatte Miniel ein unglaublich schlechtes Wissen bereitet, selbst wenn sie nicht für die Feindseligkeit der Menschen hier verantwortlich war. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, ihn gehen zu lassen. Vielleicht hätte sie ihn an einen anderen Ort bringen sollen und in Kauf nehmen, dass man ihr vorwarf, einen Feind laufen gelassen zu haben. Vielleicht...
"Hohe Lady." Die unangemessen höfliche Stimme des Wächters riss sie aus ihren Gedanken. "Ihr könnt nicht mitkommen. Der König sitzt im Rat, Ihr werdet wartet müssen."
"Ihr unterbrecht ihn doch auch", gab Miniel zurück, denn die Schritte der Wächter waren zielstrebig und führten immer hinauf. Ihren ersten Besuch in Silwerstan hatte sie sich durchaus anders vorgestellt. Miniel hatte keinen Blick übrig für die bunten Steine oder die kleinen Wasserrinnen, für die Blumen, die man überall gepflanzt hatte oder die Verzierungen, die man in die steinernen Mauern geschlagen hatte.
"Das ist etwas anderes", widersprach der Wächter, diesmal hörbar verärgert. Sie hatten einen Südländer in ihrer Mitte, sie brauchten nicht auch noch eine dickköpfige Elbin. "Der Südländer ist ein dringendes Problem."
"Und ich bin mit ihm angereist", gab Miniel zurück und überhörte geflissentlich, dass man Fehed gerade ein Problem genannt hatte. "Der König wird mich hören wollen. Ich komme mit."
Der Wächter brummte etwas und wechselte einen Blick mit seinen Kameraden, doch er sagte kein Wort mehr. Vermutlich glaubte er, dass sie schon sehen würde, was sie davon hatte, doch Miniel hatte nicht vor, Fehed allein zu lassen.
Sie drückte Hruvas Zügel einem verdutzten Bediensteten in die Hände, als sie bei dem Gebäude ankamen, in welchem offenbar der Rat tagte. Zu ihrer großen Überraschung handelte es sich nicht um eine Burg oder ein Anwesen, sondern um eine ebenfalls steinerne Halle, groß zwar und prachtvoll, aber dem Äußeren nach zu urteilen eher ein Ort der Gelehrten als der Herrscher. Der große Eingang, der in die Halle führte, besaß kein Tor, doch innerhalb des Vorraumes entdeckte sie zwei hölzerne Torflügel, die von den Wachen aufgestoßen wurden. "Euer Gnaden!"
Stille lag im Raum, als sie ihn betraten. Die Umgebung war schlichter gestaltet, als Miniel erwartet hätte. Ein langer, hölzerner Tisch nahm den meisten Platz ein, doch es gab kaum Verzierungen und selbst die Kelche, die den Ratsherren zur Verfügung standen, waren ungeschmückt. Dutzende Gesichter wandten sich den Neuankömmlingen entgegen, Elben wie Menschen. Miniel erkannte drei der Elben beim Namen, da sie bereits im Fürstentum ihrer Eltern zu Besuch gewesen waren, zwei weitere kamen ihr vertraut vor, ohne dass sie sich an ihre Namen hätten erinnern können. Die Menschen waren ihr vollkommen unbekannt.
Doch es war nicht der König, der zuerst das Wort erhob. "Miniel!" Überraschung schwang in der vertrauten Stimme ihres Bruders mit, der sich ruckartig erhoben hatte, doch auf seinem Gesicht war keine Freude zu sehen. Ohne auf die Reaktion der anderen zu achten, kam er auf sie zu und fasste sie bei den Schultern. "Bei den Göttern, bist du des Wahnsinns? Unsere Eltern haben mir Nachricht geschickt, sie sind krank vor Sorge! Was hast du dir dabei gedacht? Wir habe Botschafter durch das ganze Land geschickt, aber niemand wollte dich gesehen haben! Wir dachten schon du wärst tot oder..." An dieser Stelle kam Lyrell endlich zur Besinnung und warf einen Blick zu den Wachen samt dem Südländer in ihrer Mitte. "Und wer ist das?"
Miniel spürte ihre Wangen brennen vor Scham. Sie hatte gewusst, dass ihr Bruder ihr Vorwürfe machen würde, doch sie hatte nicht daran gedacht, als sie hinter den Wachen hergestürmt war und die Tatsache, dass er sie vor dem gesamten Rat bloßstellte, versetzte ihr einen Stich. Sie sah einige Elben versteckt lächeln, während die Menschen verdutzt dreinsahen.
"Lyrell." Die Stimme kam vom Ende des Tisches und jetzt erst richtete Miniel den Blick auf den Mann, der dort saß. Hätte sie nicht gewusst, wer er war, sie hätte ihn niemals als König erkannt. Der Herr Silwerstans kleidete sich nicht reicher als jedes andere seiner Ratsmitglieder und selbst die Krone trug er an diesem Tag nicht. Sein Haar war früher vermutlich einmal ebenso rot gewesen wie das seines Sohnes, der neben ihm saß und das Geschehen betrachtete, doch inzwischen war es verblasst. Seine Augen jedoch funkelten kräftig und so jugendlich, als wäre er selbst noch in seinen besten Jahre und hätte nicht einen bereits erwachsenen Sohn an seiner Seite. "Willst du uns die Neuankömmlinge nicht vorstellen?"
"Euer Gnaden." Lyrell tat etwas, was Miniel noch nie einen Elben hatte tun sehen – er kniete   nieder. Vor einem Menschen! Ob der König Miniels Entgeisterung sah, konnte man an seiner Miene nicht ablesen, doch falls dies der Fall war, so verbarg er es gut. "Vor Euch steht Miniel, meine jüngere Schwester und lange vermisst. Verzeiht, wenn ich mich selbst vergessen habe, doch..."
Der König winkte ab und erhob sich. "Ihr habt eine verlorene Verwandte begrüßt, Lyrell. Wer könnte Euch das verübeln. Und ihr Begleiter?"
Auch die Wachen waren auf die Knie gegangen und sogar Fehed schien den Kopf zu neigen. Vielleicht vermied er es auch nur, den König anzusehen.
"Euer Gnaden, der Südländer war in Begleitung der Hohen Lady, bewaffnet und frei zu Fuß. Wir dachten, diese Angelegenheit wäre zu wichtig, um zu warten, bis die Tagung zuende ist."
Langsam trat der König näher, bis er schließlich vor der Gruppe stehen blieb und sie alle lange und anhaltend musterte und endlich erinnerte sich auch Miniel an ihre Erziehung und knickste tief. Es war seltsam, noch nie hatte sie vor einem Menschen diese Höflichkeit gezeigt und normalerweise hatten die anderen Elben immer ihre eher geringe Meinung über Menschen kund getan. Dennoch waren es die Menschen, die das Land regierten und der König war eine Gestalt, vor der man unweigerlich Respekt hatte. Miniel hätte nie geglaubt, dass ein so warmer Blick wie der seine sie so sehr hätte einschüchtern können.
"Seltsam", murmelte er. "Wir haben einige Südländer gesehen in der letzten Zeit, doch nie ließ sich einer Gefangen nehmen. Die wenigen, denen wir uns nähern konnten, starben alle im Kampf." Sein Blick lag auf Fehed, der konzentriert zu Boden starrte, eher er sich an Miniel wandte. "Du hast ihn zur Stadt gebracht?"
"Ich fand ihn verletzt, Euer Gnaden", erklärte Miniel. Sie hatte toben wollen, dass Fehed diese Behandlung nicht verdient hatte, doch stattdessen war ihre Stimme leise. "Ich pflegte seine Wunden und brachte ihn hierher, damit Ihr davon erfahrt, doch ich hatte nicht erwartet, dass wir solch einen Empfang erhalten."
Der Wächter, der sich inzwischen wieder erhoben hatte, schnaubte. "Sie wollte ihn in die Stadt schmuggeln", erklärte er mit einem kurzen Blick auf Miniel. "Hätte sie Ihn zu Euch bringen wollen, hätte es keinen Grund gegeben, ihn zu verbergen."
"Ich wollte nicht, dass genau das geschieht, was geschehen ist!", schnappte Miniel zurück. "Er hat mein Leben gerettet und Ihr habt genauso gesehen wie ich, dass er niemanden angegriffen hat. Diese Vorsichtmaßnahmen sind sinnlos!"
Der König hatte schweigend gelauscht, jetzt allerdings wandte sich an Fehed, der zwar den Blick gehoben hatte, aber stur an jedem im Raum vorbei sah. "Wie ist dein Name, Südländer?"
"Er heißt...", setzte Miniel an, doch der König schüttelte den Kopf. "Lasst Ihn für sich selbst sprechen."
Miniel wollte einwenden, dass Fehed kein Wort von dem verstand, was gesprochen wurde, doch sowohl der Blick des Königs, als auch der ihres Bruders brachten sie zum Schweigen. "Dein Name", setzte der König erneut an und schaffte es irgendwie, Feheds Blick einzufangen. "Wie heißt du?"
Wieder legte sich Stille über den Raum, lediglich das leise Summen einer Fliege war zu hören, die sich an dem süßen Wein in den Kelchen verging. Lange Zeit blickten sich der König und Fehed an und während der Herrscher gelassen blieb, schien sich der Krieger sichtlich unwohl zu fühlen.
Und schließlich, als Miniel bereits glaubte sie würden hier stehen, bis die Abendglocken läuteten, neigte Fehed den Kopf in tatsächlichem Respekt und als er den Mund öffnete klang seine Stimme fremd und seine Zunge stolperte über die ungewohnten Laute, doch seine Worte waren klar verständlich.
"Fehed, Euer Gnaden."