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Niemand ist perfekt.

von MariAnn
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFantasy / P12 / Gen
05.03.2012
05.03.2012
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1.941
 
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Das hier ist also mein Beitrag zu dem Projekt "Hölle"
http://forum.fanfiktion.de/t/13292/1


“Unterzeichnen Sie bitte hier… und hier. Vielen Dank. Ihr Zimmer befindet sich im Ostflügel im dritten Stock. Bitte finden Sie sich  morgen pünktlich in Raum 158 ein. Dort wird man Ihnen Ihren Mentor zuweisen, mit dem Sie in der Zeit bei uns zusammen arbeiten werden. Einen schönen Tag noch.”
Nelly kritzelte ihren Namen mit zusammengebissenen Zähnen auf den schwarzen Zettel. Wie die das später lesen wollten, war ihr ein Rätsel, denn die Empfangsdame hatte ihr einen schwarzen Stabilo in die Hand gedrückt - diese Teufelin. Und dieser Ausdruck war wörtlich zu nehmen. Die spindeldürre Frau undefinierbaren Alters, die in gewöhnlicher Freizeitkleidung steckte, spielte unablässig mit ihrem roten… Schwanz an den rabenschwarzen Haaren, aus denen kleine, rote Hörnchen blitzten. Die Hörnchen sahen echt verdammt cool aus, fand Nelly. Doch der Schwanz war irgendwie zu viel des Guten.
Nicht gerade in Hochstimmung schnappte sie sich den Zimmerschlüssel und schlurfte durch das große hölzerne Portal, vor dem die Anmeldung aufgebaut war. Das Gebäude war von außen schon beeindruckend gewesen mit seinen hohen Türmen, die überall in das allgegenwärtige Schwarz ragten. Doch von innen war es noch viel betörender.
Der Boden bestand aus schwarzen Marmorsteinen, genau wie die Wände. Diese wurden jedoch von einigen blutroten Türen mit schwarzen Nummern auf Blickhöhe geziert.
Fünf rote Wendeltreppen, die sich dem Eingang gegenüber aneinanderreihten, führten in die unterschiedlichen Stockwerke. Dahinter ging ein breiter Gang weiter, ebenfalls schwarz wie die Nacht, von roten Türen gesäumt. Nelly war wirklich sehr angetan von dieser düsteren, kluftigen Atmosphäre… oder Halt, Moment - doch nicht.
Deshalb wollte sie sich gar nicht weiter hier unten umsehen, sondern stieg die Treppe in der Mitte nach oben.
Auch im dritten Stock sah es nicht anders aus, abgesehen davon, dass sich hinter der Treppe kein Gang erstreckte, sondern nur nach links und rechts. Nelly vermutete stark, dass der Ostflügel den rechten Gang meinte und schlurfte dort entlang. Grauenvoll. Hier halt ich es keine zwei Tage aus. Das ist ja schlimmer als jedes noch so öde Museum. Und dazu noch gruselig. Allein schon die… “Empfangsdame”. Bin ja mal gespannt, wie mein Zimmer aussieht. Vielleicht ist das ja ganz in Ordnung.
Mit diesen Gedanken war Nelly an ihrer Zimmertür angelangt und steckte den schwarzen, langweiligen Schlüssel ins Schloss, das fast nicht zu finden war. Rot auf rot eben. Eine Klinke gab es auch nicht, wie Nelly feststellen musste, als sie danach greifen wollte. Doch bevor sie sich großartig darüber wundern konnte, schwang die Tür von selbst auf und offenbarte einen Blick in das Zimmer. Beziehungsweise… in das reinste Grauen!
Schwarzer Boden, Schwarze Wände, keinerlei Einrichtung bis auf zwei rote Betten. Darauf lag jeweils ein Buch. Zwischen den Schlafstätten befand sich ein Fenster, wie Nelly annahm, denn ein roter, schwerer Samtvorhang - hm, Samt - hing von einer Gardinenstange auf den Boden. Ein letzter Funken winziger Hoffnung flammte in Nelly auf und sie schlich behutsam zu dem Vorhang, griff wie in Zeitlupe danach und - riss ihn auf.
Ihr Kinn klappte auf den Marmorboden und ihre Augen schwollen innerhalb einer viertel Sekunde auf die Größe des Mondes an. Da war ein Fenster. Ein Fenster, durch das man auf die völlige Dunkelheit blicken konnte, die dieses vermaledeite Bauwerk umschloss, wie eine klebrige Kinderhand einen widerlich süßen Lolli.
Nelly schloss in hilfloser Verzweiflung die Augen, während alles in ihr schrie. Womit nur hatte sie das hier verdient? War sie denn wirklich so ein schrecklicher Mensch gewesen? Das hier war wirklich die Hölle. Sie hätte es sich nicht schrecklicher ausmalen können. Die Tatsache, dass sie aber noch nicht körperlich gefoltert worden war, konnte sie auch nicht aufheitern, denn dafür waren die seelischen Qualen einfach zu groß.
Wie sollte sie das hier nur überleben? Oh haha. Fast hatte sie es vergessen. Sie war ja schon tot.
Schnaubend ließ sie sich auf das Bett fallen und vergrub das Gesicht in den kratzigen Kissen. Na super, hier würde sie bestimmt nur schwer zur Ruhe kommen, falls das überhaupt möglich war.
Sie spürte etwas Kastiges an ihrem Bauch und zog es ächzend unter ihrem trägen Körper hervor. Mühsam hob sie ihren Kopf an und blickte auf den typisch gelben Umschlag eines Reclam-Heftchen. Innerlich zerfloss sie vor… Enttäuschung, Vernichtung, Sehnsucht nach dem großen, weiten Nichts.
Es war “Wilhelm Tell”.
Die Schullektüre, die sie am allermeisten gehasst hatte. Offenbar musste sie wirklich ein grauenvoller Tyrann gewesen sein. Eigentlich hatte sie das so gar nicht in Erinnerung. Hach, seufz.
In dem Moment flog die Tür auf und ein verächtliches Schnauben verlautete.
Nelly knurrte leise und drehte sich auf den Rücken, um sich mit einem Schwung aufsetzen zu können.
Da stand ein Mädchen in ihrem Zimmer und funkelte sie aus bösartigen Augen an. Die Augen waren eingefallen und von dunklen Rändern schattiert, weshalb Nelly nicht erkennen konnte, welche Farbe sie einmal gehabt hatten. Auch ihr übriges Gesicht war ziemlich abgemagert und bleich. Die langen Armen hingen schlaff an ihren Seiten herunter. Das einzige an dieser Kreatur, das noch zu leben schien, war Hass und… irgendetwas, das Nelly nicht definieren konnte.
“Na toll. Fast fertig und jetzt setzen sie mir auch noch eine Neue vor die Nase.”, grummelte das Mädchen, wobei sie aussah, als ob sie Nelly vor die Füße spucken wollte.
In etwa dasselbe Gefühl kroch auch in Letzterer hervor. Sie warf ihrer Zimmergenossin einen letzten musternden Blick zu und zeigte mit einem Mal das größte Interesse an der blöden Lektüre.
“Nicki.”, brummte die Andere, worauf Nelly mit ihrem Namen antwortete und beide ihren eigenen Gedanken nachhingen.
Es war furchtbar langweilig und alles worüber sie in ihrem Leben nachgedacht hatte, war nicht mehr da. Sie hatte keinen Plan, was sie sich ausgemalt hatte oder wie sie das jetzt tun sollte. Ihre ganze Fantasie war vollkommen ausgelöscht. Sie stöhnte und schloss die Augen, in der Hoffnung Schlaf zu finden.
Wenigstens das gelang ihr, doch es war kein Vorteil. Alpträume plagten sie pausenlos. Nelly litt unerträgliche Qualen, sie begegnete ihrer größten Angst und fiel durch dunkles, endloses Nichts.

Am nächsten Morgen erwachte sie schweißgebadet und wie gerädert. Wovon sie aufgeschreckt war, konnte sie nicht feststellen.  
Als sie sich streckte und den Kopf zur Seite drehte, blickte sie in das aschfahle Gesicht von Nicki. “Aufstehen. Morgen musst du selbst sehen, wie du wach wirst. Lass dir was einfallen.”
Mit diesen knurrenden Worten verließ Nicki das Zimmer und Nellys Kopf fiel schwer zurück in das knubbelige Kissen. Sie wusste, dass sie zu diesem Mentor gehen musste. Raum 158. Aber sie hatte so wenig Lust aufzustehen, wie schon lange nicht mehr. Naja gut, so lange, wie sie schon tot war und nicht hatte aufstehen müssen.
Ächzend quälte sie sich dennoch aus der dünnen Decke, mit der sie sich im Schlaf umwickelt hatte. Einen Spiegel gab es nicht. Genauso wenig wie eine Dusche oder irgendetwas zu Essen oder zu trinken. Allerdings verspürte sie auch keinerlei Hunger oder Durst.
Etwas irritiert beschloss Nelly, dieses Problem auf später zu verschieben und erst einmal ihren Mentor aufzusuchen.
Auf dem immer noch stockfinsteren Gang begegneten ihr im Gegensatz zum Vortag viele Menschen. Junge, Alte, Mädchen, Männer, sogar ein kleiner Junge, der höchstens 10 Jahre alt sein konnte liefen ihr über den Weg und schauten sie entweder grimmig an oder ignorierten sie einfach.
Der Junge übertrieb es und trat ihr ans Schienbein. “Hey!”, keifte Nelly ihm hinterher und bemerkte gar nicht, dass sie aggressiv wurde, was bei ihr für gewöhnlich fast nicht zu schaffen war.
Stattdessen bemerkte sie, dass jeder hier so bleich und übellaunig wirkte, wie Nicki. Sie überlegte, dass das wohl von der Umgebung kommen musste. Ohne Sonnenlicht wird man eben zwangsläufig käseweiß. Und extrem muffig. Hier scheint es tatsächlich keinerlei Wasser zu geben.
Alles in allem gefiel es Nelly hier mit jedem Moment weniger. Sie quetschte sich die Wendeltreppe hinunter, in dem Versuch niemanden, der ihr entgegen kam, zu berühren. Dieses Vorhaben scheiterte kläglich.
Nach einer kurzen Suche stand sie vor der roten Tür mit den Ziffern 158. Nichtsahnend klopfte sie an und trat ein, als die Tür aufschwang. Das Quietschen dabei war ein kleines bisschen gruselig. Sie fand sich in einem Raum wieder, der genauso aussah wie ihr Zimmer - mit dem Unterschied, dass es hier einen Tisch und einen Stuhl gab.  
Plötzlich erschien wie aus dem Nichts ein Mann vor ihr. Normale Alltagskleidung, braune Haare, ein freundliches Gesicht und wunderschöne, leuchtend grüne Augen. Auf dem Kopf - ebenso wie die Empfangsdame - rote Hörner und ein roter Schwanz, der hinten aus der Hose hervorlugte.
“Willkommen. Ich bin -” - “Lasse!”, keuchte Nelly.
Mit einem Schlag war ihr bewusst geworden, wer da vor ihr stand. Das war nicht ihr Mentor, das war ihr Schwarm, der sie verspottet und gedemütigt hatte (was sie aber nie davon hatte abbringen können, ihn zu vergöttern, wodurch sie ihre Qualen nur vergrößert hatte).
Eben dieser grinste beinahe diabolisch und schüttelte den Kopf. “Nein, ich bin Q, dein Mentor. Ich sehe nur so aus, wie “Lasse”, um dich immer daran zu erinnern, wo du hier bist. Setz dich hin.”, erklärte er grob. Nelly kam seiner Aufforderung ohne Umschweife nach, denn irgendetwas sagte ihr, sie sollte diesen Kerl besser nicht reizen.
“Lass mich dir erklären, was wir hier tun werden. Oder besser… lass es mich demonstrieren.”
Mit einem großen Schritt stand er ihr gegenüber, sodass sein Bauch den Tisch berührte. Das Grinsen war noch immer nicht verschwunden, eher breiter geworden. Blitzartig griff er ihren Arm, womit er einen eisigen Schauer über ihren gesamten Körper jagte. Augenblicklich wurde ihr schwarz vor Augen und sie wusste nicht, wie sie dagegen ankommen sollte. Doch das musste sie gar nicht, denn vor ihrem geistigen Auge formte sich ein Raum, in dem viele Kinder saßen oder tobten. Es war der Raum, in dem Nellys Gruppe gelegen war, als sie noch in den Kindergarten ging.
Ein kleines Mädchen mit zwei kurzen Zöpfen betrat schüchtern den Raum. Es war Nelly mit 3 Jahren. Sie trug ihre Tasche mit dem Brot fest unter dem Arm geklemmt. Man sah von der Vogelperspektive aus, wie ein Junge auf die Kleine aufmerksam wurde und sie mit schief gelegtem Kopf musterte.
Nach einiger Zeit stand die 3-Jährige noch immer am Eingang und traute sich nicht, zu den anderen Kindern zu gehen.
Wie von der Tarantel gestochen, sprang der Junge plötzlich auf und flitzte auf sie zu. “Hallo. Ich bin Kim. Und wie heißt du? Du bist neu oder? Kommst du schon am ersten Tag ganz alleine, ohne deine Mama?”, löcherte der Knirps die verschreckte Nelly. Diese verzog das Gesicht und fing aus heiterem Himmel an zu weinen.
“Lass mich in Ruhe. Du bist doof!”, rief sie aufgebracht und machte auf dem Absatz kehrt.
Sobald die kleine Nelly aus dem Bild verschwunden war und einen traurig dreinblickenden Kim zurückgelassen hatte, verschwamm das Bild und die tote Nelly war wieder in dem dunklen Raum - “Lasse” ihr gegenüber.
Völlig verwirrt stierte sie in dessen fabelhafte Augen. “Was…?”
“DAS werden wir während deines Aufenthaltes tun. Immer und immer wieder.”, klärte Q sie auf.
“Ich verstehe nicht ganz…”, meinte Nelly leise.
“Was du gesehen hast, war ein Fehler. Darum wird sich hier alles drehen. Um deine dummen Fehler, die du machen musstest und wegen denen du nun hier sitzt. Ich werde dir jeden einzelnen davon vorhalten und dir genauestens erläutern, was so falsch daran war, wie du es besser hättest machen können und dir zeigen, wie sehr du Andere mit deinem Handeln verletzt hast.”
Nelly zweifelte keine Sekunde an dem, was Q gesagt hatte. Es war an der Zeit für alle Fehler zu büßen. Sie musste es wohl verdient haben.
Geschlagen nahm sie also ihr Schicksal an und passte sich an das Alltagsleben in der Hölle an.
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