Sherwood Forest

KurzgeschichteAllgemein / P16 Slash
Robin Sir Guy of Gisborne
05.03.2012
05.03.2012
4
5130
3
Alle Kapitel
16 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
 
1.

I am the first to recognize the virtue
In everything you are, in everything you try to be
You could risk it all, fall in love with an Outlaw
Can you play your part in this tragedy?



Noch bevor Sir Guy of Gisborne die Augen geöffnet hatte, wusste er bereits, dass dieser Tag nichts Gutes mit sich bringen würde. Er hatte schlecht und unruhig geschlafen, wirre Träume hatten ihn geplagt, und nun schienen die ersten Sonnenstrahlen hämisch und unerbittlich durch den schmalen Spalt im Vorhang mitten auf sein Gesicht.

Mit einem mürrischen Brummen setzte er sich schließlich auf, fuhr sich gähnend mit der Hand durchs Haar und erhob sich von seinem Bett.

Was stand heute auf dem Plan? Ach ja, richtig: Robin Hood jagen - wie gestern auch und den Tag davor und den davor … Er konnte diese Kette bis ins Unendliche fortsetzen. Der Wahn des Sheriffs, Hood endlich Dingfest zu machen, nahm allmählich obsessive und krankhafte Züge an.

Doch der Sheriff von Nottingham machte sich selbstverständlich nicht selbst die Hände schmutzig. Nein, nicht auszudenken. Und somit musste Gisborne seine Zeit damit verbringen, den Wald nach dieser kleinen Ratte sowie seiner Bande von Gesetzlosen zu durchsuchen. Er hatte es so leid.

Ein lautes Pochen gegen die Holztür riss ihn aus seinen Gedanken.
„Sir Gisborne?“, hörte er die Stimme des Soldaten von der anderen Seite. „Der Sheriff wünscht Sie zu sehen.“

Gisbornes Mundwinkel zogen sich automatisch nach unten, seine Augenbrauen dagegen soweit zusammen, dass tiefe Falten auf seiner Stirn lagen, doch er antwortete mit beherrschter Stimme. „Sag dem Sheriff, dass ich gleich bei ihm bin.“ Und mit der übelsten Laune seit Wochen marschierte er in Richtung Tür.

---

Keine zwei Stunden später schritt Gisborne auch schon durch den Sherwood Forest, dicht gefolgt von seinen Männern und an Hoods Fersen geheftet. Er hörte die Schritte der Outlaws vor sich, das Laub unter ihren Füßen, das Rascheln der Umhänge, auch wenn er sie nicht sehen konnte. Sie waren ganz in der Nähe.

Er trieb seine Männer mit unerbittlicher Härte voran. Wenn sie Hood nur endlich erwischen würden, hätte dieser tägliche Alptraum von einer Jagd ein Ende und er vielleicht endlich wieder seine Ruhe vor dem Sheriff. Doch der Wald war nicht ihr Revier, weder seins noch das des Sheriffs, sondern das dieser dreckigen Gesetzlosen, das wusste er nur zu gut. Immer wieder waren sie ihnen entwischt, hatten sich in einem Erdloch oder auf einem Baum oder sonst wo verkrochen. Es interessierte ihn nicht, er wollte nur endlich diese Sache hier beenden.

Dann, hinter einem kleinen Hügel, erwischte er sie: Seine Männer griffen an, Hoods Bande verteidigte sich, es kam zu einem kleinen, jedoch heftigen Gefecht. Irgendwie schafften es seine Soldaten jedoch immer wieder, sich von diesen Taugenichtsen austricksen zu lassen und so standen auch diesmal die Männer des Sheriffs nach kurzer Zeit entwaffnet da; Hood, den Bogen, dieses lächerliche Spielzeug, auf Gisborne selbst gerichtet, so dass auch er wohl oder übel sein Schwert fallen lassen musste.

„Komm, Robin, lass uns verschwinden“, rief einer dieser Kerle – bei Gott, er konnte sich schließlich nicht auch noch merken wie die alle hießen – und trieb Hood zum Gehen an, während die anderen bereits zwischen den Bäumen verschwanden.

Doch Hood zielte weiterhin auf Gisborne, fixierte ihn mit diesem dämlichen, pseudo-heldenhaften und tugendvollen Blick, ließ dann endlich den Bogen sinken und folgte seinen kleinen Freunden.

„Was nun, Sir?“, hörte er einen der Soldaten hinter sich fragen.

„Morgen ist auch noch ein Tag. Vielleicht haben wir da mehr Glück“, sagte ein anderer.

Doch nicht für Gisborne: So nicht, er würde diese Sache heute endlich hinter sich bringen.
Mit einer fließenden Bewegung hob er sein Schwert vom Boden auf und rannte hinter Hood her, tiefer in den Wald hinein.

Nach kurzer Zeit verstummten die Rufe seiner Männer hinter ihm und er wusste, dass er auf sich allein gestellt war. Er war der Mann der Stunde, wie schon so oft. Nun lag es an ihm.

Schnell bewegten sich seine Schritte über den Waldboden, hastig sprang er über niedrige Hindernisse. Dann sah er Hood vor sich. Auch er schien allein, wahrscheinlich war seine Bande bereits vorausgeeilt. Perfekt.

Doch Hood hatte ihn bemerkt, ehe er nahe genug an ihn herankam, drehte sich im Rennen um und hob erneut seinen Bogen. „Kehr um“, rief er ihm zu, die Worte wurden fast vom Laub und den eilenden Schritten der beiden Männer verschluckt, „Lauf zurück zu deinen Männern, dann verschone ich dich vielleicht.“

Doch Gisborne dachte gar nicht daran. Hood würde niemals schießen. Er schwang immer diese großen Reden, doch mangelte es ihm an Tatendrang.

Er hatte ihn fast erreicht, war eindeutig im Vorteil, da Hood langsamer laufen musste, um gleichzeitig zu ihm zurückzublicken und den Bogen gespannt zu halten. Nur noch wenige Meter. Gisborne zog sein Schwert, setzte zum Sprung an. Nein, er war sich sicher, dass Hood nicht- Doch genau in diesem Augenblick spürte er auch schon einen stechenden Schmerz in seiner rechten Schulter und wusste schlagartig, ohne auch nur hinzusehen, dass sich die Spitze eines Pfeils gerade in sein Fleisch gebohrt hatte.

„Ah, verdammt-“, schrie er auf, griff sich automatisch an die getroffene Stelle, das Gesicht schmerzverzerrt und den Blick voller Hass auf Hood gerichtet.

Dieser war stehen geblieben und spannte gerade den zweiten Pfeil ein. „Ich hab dich gewarnt, Gisborne.“

Diese miese, kleine Ratte. In Gisbornes Hirn überschlugen sich die Empfindungen von Hass und Schmerz. Er hielt das Schwert gesenkt und Hood, dieser Schwachkopf, dachte tatsächlich, er hätte gewonnen, wurde unvorsichtig, ließ den Bogen ein wenig sinken. Und genau diesen Moment nutzte Gisborne schamlos aus. Mit einem Satz hatte er die kurze Distanz zwischen ihnen überwunden und stürzte sich mit gezücktem Schwert auf Hood. Dieser hob abwehrend die Hände, den Bogen noch immer darin, zu überrumpelt, um sein Schwert zu ziehen.

Gisborne sah schon förmlich vor sich, wie sein Schwert den Stoff des anderen durchschneiden, sich an dessen Kehle drücken würde. Doch wenige Zentimeter bevor er Hood erreichte, machte der Waldboden unter ihnen plötzlich einen gewaltigen Ruck und mit einem Mal tat sich ein riesiges Erdloch auf. Die beiden Männer hatten keinerlei Chance sich irgendwo festzuhalten. Unter tosendem Lärm stürzten sie zusammen mit Bergen von Laub und Ästen in eine bodenlose, finstere Tiefe.


______________________


Anmerkung: Die kursiven Texte/Zitate vor jedem Kapitel sind Lyrics aus Marlon Roudettes Song "Anti Hero".
Review schreiben