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Durch die Zeitalter

von Roheryn
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P6 / Gen
Arwen Elladan Elrohir Elrond
01.03.2012
03.02.2013
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01.03.2012 6.741
 
Der Beginn einer Tradition


Als er die leisen Schritte näher kommen hörte, sah Feanors Zweitältester auf. Er konnte sich denken, wessen Schritte er da hörte – die seiner Ziehkinder. Deren Tritt erkannte er genauso, wie er die seiner Brüder erkannte, oder wohl vielmehr; erkannt hatte. Er erhob sich, um seinen Kleinen die Tür zu öffnen, denn den Kindern mangelte es noch ein wenig an Höhe, um an die Klinke zu kommen. Obwohl er es noch immer erstaunlich fand, um wie viel seine Kleinen schon gewachsen waren. Nicht länger waren sie die kleinen Kinder, die kaum hatten laufen können.
 Schmunzelnd erinnerte er sich daran, wie sie zu Beginn versucht hatten zu fliehen. Obgleich sie kaum hatten gehen können. Einmal wäre es ihnen beinahe gelungen, doch er und sein Bruder hatten die Peredhil wieder gefunden, ehe sie weit gekommen waren. Einen Vorwurf machte er ihnen nicht,  wie hätte er das auch können? Immerhin hatten sie wegen ihm alles verloren, was sie zuvor gehabt hatten.  Ihre Heimat, ihre Familie, was er ihnen sonst noch genommen hatte, er wollte es gar nicht wissen.
 „Onkel Maglor? Bist du uns böse?“, fragte ihn einer der beiden Halbelben leise, wohl wissend, dass Maglor immer darauf bedacht war, dass sie genug Schlaf bekamen.
 „Das kommt darauf an, warum ihn nicht in euren Betten liegt“, erklärte er sanft. Selbst wenn er wollte, er konnte nicht wirklich streng mit den Kindern sein. Zu groß war seine Angst davor ihnen etwas anzutun.
 „Es ist kalt…“, klagte Elrond und auf einmal bemerkte der Sohn Feanors, dass seine Kleinen zitterten, obwohl beide ihre Decken um die kleinen Körper geschlungen hatten. Zudem trug Elros sogar seine Hausschule, etwas das er niemals freiwillig machte. Schnell schob Maglor seinen großen Lehnstuhl an das Feuer und setzte die Peredhil behutsam drauf. Dazu nahm er die Decke von seinem Bett und legte sie über die Kinder, die sich aneinander Kuschelten. Etwas das sie eigentlich nur machten, wenn sie Angst hatten, oder arg froren. Es tat ihm weh, seine Kleinen so zu sehen. Schnell legte er noch einige Holzscheite in das Feuer (ein Vorteil an Ossiriand, es gab genug Holz und dieses musste nicht erst aufwendig herangebracht werden).  Er überlegte, eine Zeit lang hatte er noch überflüssige Decken gehabt. Doch als er seinen Schrank durchsah, fand er keine – zumindest keine die nicht den Motten zum Opfer gefallen wäre. Er überlegte für einen Moment, es war spät, das stimmte, doch wie er seinen Bruder kannte schlief dieser sicher nicht. Das war etwas, das Maedhros, wie er fand, eh viel zu selten und wenig tat.
 Als er aber vor der Tür stand war er doch nicht so sicher, ob er seinen älteren Bruder nicht stören würde. Vielleicht hatte dieser auch einmal Verstand bewiesen und ruhte, er glaubte es zwar nicht, aber hoffen konnte man immer.
 „Komm rein, Maglor, sonst schlägst du mir noch auf den Gang Wurzel.“ Schlug ihm Maedhros‘ Stimme entgegen. Obwohl die Worte leicht gewählt waren, so gesprochen waren sie nicht.
 Er trat ein. Sein Bruder saß an seinem Schreibpult, eine Feder in seiner Hand. Maglor schnalzte Missbilligend mit der Zunge, er wünschte sich seinen älteren Bruder zurück. So wie er früher gewesen war, glücklich und ohne die Angewohnheit andauernd zu versuchen sich Besinnungslos zu arbeiten.
 „Der Winter ist kalt“, begann er ruhig.
 „Eindeutig, aber was kümmert’s dich? Dir haben doch selbst die kalten und langen Winter am Himring gefallen… Ah, lass mich raten, Elrond friert?“ Maedhros machte keine Anstalten sich zu erheben, doch legte er seine Feder weg und verschloss das Tintenfass (mit einer Hand ein kleines Kunststück, aber für ihn schon lange kein Hindernis mehr).
 „Nicht nur Elrond, auch Elros… ich wollte dich fragen, ob du wohl noch eine Decke übrig hättest, die du nicht selbst brauchst.“
 „Wenn du einen Moment wartest, kann ich nachsehen.“ Der rothaarige Noldo stand nun doch auf und ließ seinen Bruder neben seinem Schreibpult stehen. „Mach es dir ruhig bequem. Es könnte sein, dass ich etwas Zeit brauche.“
 „Soll ich dir helfen, Russandol?“, fragte Maglor vorsichtig, er wusste darum, wie ungerne sein Bruder Hilfe annahm. Er betrachtete das Papier an dem Maedhros gesessen hatte…
 „Oh nein, ich weiß wie dein Schrank aussieht, es besteht keine Möglichkeit, dass ich dich an meinen lasse, mein kleiner Chaosbruder!“ Sicherlich, früher hatte Maedhros es mit der Ordnung nicht so eigen gewesen. Doch seit er nur noch eine Hand hatte, sah er das ein wenig anders, schließlich wollte auch er dazu in der Lage sein, an seine Dinge zu kommen. Vorzugsweise ohne Stundenlang seinen Schrank neu aus und wieder einräumen zu müssen.
 Maglor betrachtete das Schreiben, an dem sein Bruder zuletzt gesessen hatte, eingehend. Er fragte sich, warum Maedhros noch vor einem so unwichtigen Problem saß – wobei eigentlich war es eine Übertreibung das so zu nennen.
 „Hier, mehr kann ich dir leider nicht anbieten. Scheinbar waren die Motten sehr hungrig“, erklärte Maedhros und reichte Maglor, was er gefunden hatte.
 „Vielen Dank, Bruder… Aber meinst du nicht, dass das hier warten kann?“
 „Es könnte wohl…“, gab der ältere der beiden, wiederwillig zu. Dann begleitete er Maglor zu dessen Raum.
 Die jungen Peredhil sahen auf, als ihre Onkel den Raum betraten.
 „Abend, Onkel Maedhros“, begrüßten sie Besagten. „Sollen wir Platz machen?“, fragte Elros dann, obwohl er sich am liebsten gar nicht vom Fleck bewegen wollte. Unter den Decken, vor dem Feuer und so nah an seinen Bruder gedrückt wurde ihm langsam wieder warm. Zwar mochte Elros den Winter lieber als sein Bruder, aber auch ihm wurde recht leicht kalt und dass mochte er dann doch nicht.
 „Nein, bleibt ruhig sitzen, ich saß schon den ganzen Tag“, beschwichtigte Maedhros die Kleinen eilig, während Maglor die Decken. die er von seinem Bruder bekommen hatte über die Halbelben legte.
 „Aber ist euch jetzt nicht kalt? Wenn ihr uns eure Decken gebt? Weil, du hast uns deine schon gegeben, Onkel Maglor… und das hier ist doch deine, Onkel Maedhros.“ Elrond sah, mit großen, aber müden, Augen, zu den beiden Noldor auf. Diese tauschten einen vorwurfsvollen Blick (obwohl sie sich nun genau das vorwarfen, was sie selbst auch getan hatten).
 „Keine Sorge, Elrond, wir frieren nicht so leicht und haben schon an einem Ort gewohnt, an dem die Winter weit härter waren“, erklärte Maglor, mit Blick auf den Himring. Warm war es da selbst im Sommer nicht lange gewesen. Sein älterer Bruder dachte an etwas, das noch ein wenig weiter zurücklag und ihn gezeichnet hatte: seine Gefangenschaft. Ungeschützt hatte er der Kälte trotzen müssen, ihren Biss wie nie zuvor und seitdem nie wieder, zu spüren bekommen. Als er von Fingon erfahren hatte, dass auch die Eldar den Kältetod sterben konnten, er war erstaunt gewesen, dass dieser ihn nicht ereilt hatte.
 „Onkel Maedhros?“ Kam es verunsichert von den Zwillingen. Sie mochten es nicht, wenn ihre Onkel diesen seltsamen in die Ferne gerichteten Blick hatten – überhaupt gar nicht. Nur wussten sie nicht so recht, was sie dagegen machen konnten.
 „Elros? Elrond?“, erwiderte Feanors Ältester, spielerisch und mit einem, für ihn mittlerweile so typischen, erzwungenen Lächeln.
 Maglor hatte unterdes überlegt, was er machen konnte, damit seine Kleinen in Zukunft nicht mehr frieren mussten. Einige Dinge waren ihm eingefallen, aber bauliche Veränderungen an dem Zimmer der Halbelben würden etwas Zeit in Anspruch nehmen. Doch eine Lösung für den Moment war, was er brauchte. Auf seinem Stuhl wollte er sie nicht schlafen lassen, die verkrampften Muskeln wollte er ihnen ersparen.
 „Können wir so tun, als hätten wir einen ganz bösen Traum gehabt?“, fragte Elros hoffnungsvoll. Immerhin war es immer so schön warm, wenn man sich an seinen Onkel drücken konnte und sich nicht mit den kalten Füßen seines Bruders rumärgern musste. Maglor sah ihn zweifelnd an, er wusste nicht, was er von dieser Idee halten sollte. Aber im Moment war es wohl das Beste für seine Kleinen.
 „Ich denke, das könnten wir wohl…“, stimmte er dann langsam zu. Als Maedhros versuchte den Raum unbemerkt zu verlassen, sah Elrond ihn bedrückt an.
 „Was ist mit dir?“
 „Ich habe noch etwas fertig zu machen, Kleiner…“
 „Aber du bist doch Morgens schon immer so früh auf und wenn du auch noch so spät ins Bett gehst, du musst doch müde sein…“, unterstützte Elros seinen Bruder eifrig, immerhin konnten selbst sie manchmal die Schatten unter den Augen ihres Onkels erkennen.
 Maedhros kam nicht umhin sich zu fragen, warum diese Kinder so stur waren. Sicherlich, Elros und Elrond kamen nicht an die schlimmsten Sturköpfe die er kannte heran. Das waren eher Caranthir, Curufin, sein Vater und allen voran Fingon. Doch wusste Russandol, dass Maglors Zwillinge keine Ruhe geben würden. Seine Mundwinkel zucken kurz.  Früher hatte er mehr Geduld gehabt, doch mit seinen Brüdern und Vettern war ihm diese verloren gegangen. Doch besann er sich.
 „Nicht zu sehr, Elros, aber ich denke es ist an der Zeit, dass ihr euch hinlegt… Na kommt, ab ins Bett mit euch, ihr wollt doch nicht, dass Maglor enttäuscht von euch ist.“ Er hatte sich neben den Stuhl gestellt und über die Halbelben gebeugt, zu denen er hinuntersah. Kaum hatte er den Teil mit dem Enttäuschen gesagt, begannen die Jungen, sich aus den Decken zu befreien. Es mochte sein, dass sie hin und wieder nicht hören wollten, doch sobald sie fürchteten ihre Onkel zu enttäuschen…
 Elros hatte sich als erster befreit und dabei Elrond unter noch mehr Stoff vergraben. Er tapste zu Maglors Bett. Allerdings wartete er mit dem hineinklettern, bis Maglor ihn dazu aufforderte.
 Als Elrond es dann auch geschafft hatte, sich zu befreien, sah er noch einmal zu Maedhros, sagte dann aber doch nichts und schlüpfte ins Bett. Maglor nahm die Decken (bis auf die seines Bruders, er wusste um Maedhros‘ Winterabneigung – obgleich er gerne Winterlandschaften Zeichnete) und deckte die Kinder damit zu. Dann legte auch er sich hin, genau das, was er hatte machen wollen, als die Kleinen gekommen waren. Als er spürte, wie die Peredhil sich an ihn drückten, musste er lächeln. Es war immer wieder auf ein neues Herzerwärmend, wie sehr die Halbelben an ihm zu hängen schienen. Seinen Bruder betrachtete er eingehend. Dieser schien – wieder einmal – mit sich selbst zu ringen. Auch wenn er es gerne abstritt und erst recht nicht zugab, er war müde, sicher nicht so sehr, dass er nicht hätte weitergehen können, dennoch…
 „Na kommt, ihr Drei, macht mir mal etwas Platz“, verlangte er auf einmal, überrascht gehorchte Elrond und rutschte noch näher zu Maglor. Womit er den gewünschten Platz schuf. Allerdings fragte sich der Junge, welches Ziel sein Onkel damit verfolgte. Es wurde ihm erst klar, als Maedhros seine äußere Tunika, seine Stiefel und seinen Gürtel abgelegt hatte und sich ebenfalls hinlegte. Kaum lag er, da hatte Elrond, der das große Glück hatte zwischen seinen Onkeln zu liegen, sich auch schon an Maedhros geklammert, damit dieser es sich nicht mehr anders überlegen konnte.
 „Oh, mein Kleiner, deine Füße sind ja wie Eis…“, murmelte Maglor, als Elros ihm seine kalten Füße gegen den warmen Bauch drückte.
 „Dabei hatte ich die Schuhe an, obwohl die blöd sind!“, nuschelte Elros, bereits mit geschlossenen Augen.
 Kurz darauf wandelten, sowohl Feanors verbliebene Söhne, als auch die jungen Peredhil, auf den Pfaden der Träume. Hätte sie jemand so gesehen, er hätte wohl viel gedacht, aber auf die Wahrheit wäre er kaum gekommen. Zu glauben, dass die erwachsenen Elben, ebenjene waren, die den Kindern ihre alte Heimat geraubt hatten, war unvorstellbar. Doch so war es… So wenig man es glauben mochte oder konnte, die Kinder hatten ihren Weg in die Herzen der Feanorer gefunden und diese wurden von den Kindern geliebt, wie andere ihre Eltern liebten. Wenn man sie gesehen hätte, viel eher hätte man glauben können, dass die Kleinen wahrlich zu Maglor und auch ein wenig zu Maedhros gehörten.

Am nächsten Morgen, Maedhros war – wie beinahe immer – als erster wach. Anders als sonst, konnte er sich aber nicht sofort erheben, zumindest nicht ohne Elrond zu wecken. Denn dieser war im Laufe der Nacht dazu übergegangen, seinen Kopf auf dem Oberarm seines Onkels zu betten. Maedhros betrachtete die Drei schlafenden Gestalten eingehend. Die Halbelben, mit ihren geschlossenen Augen, die dalagen, als ob sie von der Welt nichts mitbekommen würden. Sein Bruder, dessen Augen wohl nach Art der Eldar offen waren, doch der so friedlich und zufrieden aussah, wie er es kaum mehr tat, wenn er wach war. Auf ihn wirkten die Schlafenden, als würden sie keinen Kummer kennen und dieser Anblick schaffte es, ihm eine, rar gewordenes, echtes Lächeln zu entlocken.
 Nach wenigen Minuten entschied er, dass wenn er schon nicht aufstehen konnte – Elrond wollte er auf keinen Fall wecken (was nichts damit zu tun hatte, dass Maglor dann Caranthir nachmachen würde) – auch selbst noch ein wenig schlafen konnte.
 Etwas später blinzelte Maglor, während dieser aufwachte. Für einen Moment wunderte er sich, warum er so wenig Platz hatte. Eigentlich war sein Bett viel zu groß für eine Person, was an diesem Tag ein Glück war, doch mit zwei ausgewachsenen Noldor und zwei Kindern war es doch gut kuschelig (man könnte auch „eng“ sagen). Dann kam es ihm, schnell warf er einen Blick zu Elrond, er wusste nur zu gut, dass Maedhros nur noch selten lange schlief, noch seltener war es aber, dass dieser dann Grundlos liegen blieb. Doch als er den jungen Peredhil und seinen Bruder sah, wurde er eines besseren belehrt.
 Elros, dessen Füße in Laufe der Nacht warm geworden waren, streckte sich ein wenig und öffnete verschlafen seine Augen. Für einen Moment überlegte der Junge, ob er sie nicht einfach wieder schließen sollte, ließ es dann aber bleiben.
 „Guten Morgen, Elros“, murmelte Maglor sanft, er sprach leise, um weder Elrond noch Maedhros zu wecken.
 Der Angesprochene, mittlerweile hellwach, strahlte seinen Onkel an. „Morgen, Onkel Maglor!“, begrüßte er diesen, freudig. Dieser legte einen Finger an seine Lippen und nickte zu den noch Schlafenden.
 „Oh…“, machte Elros, ihm fiel wieder ein, dass Elrond in der Nacht zuvor, wegen einem schlechten Traum nicht gut geschlafen hatte, und war dann leise. Wobei diese Stille nicht sonderlich lange anhielt. „Du, Onkel Maglor, ich muss mal…“, murmelte der Kleine auf einmal.
 Seufzend schlug Maglor die Decke zurück und angelte nach den Schuhen des Kindes. „Anziehen“, sagte er streng. Doch zu seiner Überraschung hatte Elros ihm die Schuhe schon davor abgenommen und angezogen, ohne mit der Wimper zu zucken. Feanors Zweiältester stand ebenfalls auf, immerhin musste er seinem Ziehsohn ja die Tür öffnen. Kaum war diese offen, schlüpfte Elros hinaus und lief den Gang schnell hinunter. Maglor stand in der Türe. Es juckte ihn gewaltig in den Fingern nach seiner Harfe zu greifen, doch ein Blick auf die Schlafenden hielt ihn davon ab. Zu friedlich sahen die beiden aus.  Er wartete, bis Elros wieder da war, dann ging er zum Zimmer der Zwillinge um deren Kleidung zu holen. Freilich suchte er das wärmste raus, was er finden konnte.
 Auf dem Gang begegnete ihm ein Diener. Diesen bat er darum, das Feuer im kleinen Familienspeisesaal nachzulegen. Immerhin hatte Maglor von der These gehört, dass die Kälte Menschen krank machen konnte. Er war absolut nicht geneigt ein Risiko einzugehen. .
 Unterdes waren auch Maedhros und, zu guter Letzt, auch Elrond aufgewacht. Wie auch immer die Zwillinge es angestellt hatten, Maedhros erzählte ihnen eine Geschichte – nicht irgendeine. Nein, sie hatten es geschafft ihm eine über Findecáno und Maitimo zu entlocken. Ein Tag konnte nicht besser beginnen, zumindest nicht für sie. Maedhros sah das freilich etwas anders, für ihn waren die Erinnerungen an seinen besten Freund noch immer mehr als nur schmerzhaft.
 Als Maglor eintrat, hingen die Zwillinge an den Lippen seines großen Bruders. Aber dieser konnte auch zu gut erzählen, das hatte er schon während ihrer Kindheit gekonnt. Oh, Maglor erinnerte sich noch daran, er hatte aus der einen oder anderen von Maedhros (damals noch frei erfundenen) Geschichten Lieder gemacht. Sicher Meisterwerke waren es nicht gewesen, doch noch immer brachte ihn diese Erinnerung zum Schmunzeln. Er wusste noch, wie Maedhros, ihm  lachend die Haare verwuschelt hatte, seinen kleinen Singvogel, hatte er ihn genannt.
 Obgleich Maedhros nicht mehr gerne erzählte, er konnte es noch immer, wie kaum ein anderer. Aber er hatte viele Jungelben zum übe gehabt. Keiner seiner Brüder hatte ihn mit der Bitte zu erzählen verschont; sein Neffe, ebenso wenig.
 Als Maedhros fertig erzählt hatte verfiel er in Schweigen, sein Blick war in die Ferne gerichtet, seine Linke zu einer Faust geballt. Die Zwillinge tauschten einen besorgten Blick, dann zuckte Elros mit den Schultern und kletterte auf Maedhros Schoß, während Elrond dessen Tunika aufhob und sie seinem Onkel reichte. Er freute sich, dass er keinen Ärger bekommen hatte. Weder er noch Elros verstanden zwar so ganz warum, doch was Hilfe anbelangte war Maedhros sehr empfindlich, und weigerte sich meistens sie anzunehmen.
 Maglor reichte währenddessen seinen Ziehkindern ihre Kleidung. Elros hüpfte wieder von Maedhros‘ Schoß um sich anzuziehen.  Maglor betrachtete seine Kleinen und riss sich zusammen, dass er seinem Bruder seine Hilfe nicht aufzwang. Er hasste es danebenstehen zu müssen. Auch wenn er zugeben musste, dass Maedhros beinahe alles selbst hinbekam, es Schmerzte ihn zu wissen, dass diesem vieles Schwerfallen musste. Außerdem verstand er nicht so recht, warum sein Bruder es sich noch schwerer machte als es eh schon war, immerhin würde er ihm mit Freunden helfen. Nur war der Stolz seines Bruders nicht zu verachten und dessen starker Wille noch viel weniger.
 „Bruder, wo bist du mit deinen Gedanken?“ Maglor zuckte zusammen, als er eine Hand auf der Schulter hatte. „Nicht hier, wie mir scheint“, stellte Maedhros Kopfschüttelnd fest.
 Das beginnende Gespräch der Brüder wurde unterbrochen, als sie bemerkten, was die Zwillinge taten. Diesen war es gelungen Maedhros‘ Schwert aus der Scheide zu ziehen, was nicht leicht gewesen sein konnte, immerhin war die Klinge länger als sie selbst. Dafür bekamen sie den wohl heftigsten Ärger ihres bisherigen Lebens – und das auch noch von sowohl Maedhros als auch Maglor – was ihnen Tränen in die Augen trieb. Sie hatten es doch nur gut gemeint. Die Waffe selbst ließen sie liegen und traten einen Schritt weg. Den Gürtel behielt Elrond in seinen Händen.
 „Das war meine Idee, also schimpft nur mit mir“, erklärte er dann mit weinerlich bebender Stimme.
 Elros stellte sich vor seinen Bruder und brachte es fertig, seine Onkel böse anzufunkeln, dazu musste er zwar all seinen Mut zusammennehmen, aber es gelang ihm.
 „Schimpft mit mir, ich verdien den Ärger viel mehr.“ Zwar wollte Elros den Ärger absolut gar nicht bekommen, aber lieber er als sein Bruder. Wusste er doch, dass Elrond sich diesen noch mehr zu Herzen nehmen würde. Auch wenn er es niemals zugeben würde.
 „Wie oft muss ich euch noch sagen, dass ihr eure Finger  von allen scharfen Waffen weglassen sollt?!“, grollte Maedhros düster. Elrond schrumpfte vor seinen Augen ganz beträchtlich und kämpfte darum seine Tränen zu unterdrücken. Dennoch schlag der kleine Halbelb seine Arme um seinen schimpfenden Onkel.
 Maglor hoffte, dass Maedhros daran dachte, dass er es nicht mit Caranthir zu tun hatte und seine Kleinen keine Belehrung mit demselben Nachdruck brauchten. Sicherlich, auch er konnte es nicht dulden, dass die Peredhil einfach so an das Schwert gegangen war, aber dennoch… seine Ziehsöhne waren nicht wie seine Brüder…
 „Ich weiß… aber…“, stammelte Elrond.
 „Kein aber! Wenn du weißt, dass es falsch war, dann ist das doch ein Grund, deine Finger davon zu lassen!“ Maglor hatte mit so viel Nachdruck gesprochen, wie er es nur noch selten tat. Elrond zuckte zusammen, als er auch noch Ärger von diesem bekam. Er senkte seinen Kopf um seine Tränen zu verbergen. Er hatte es doch nur gut gemeint!
 Elros funkelte Maglor an. So gerne er seine Onkel hatte, niemand machte seinen Bruder traurig, wenn er dabei war.
 „Ich hab doch gesagt, dass ich den Ärger verdiene“, entfuhr es ihm.
 „Schon gut, Elros“, nuschelte Elrond, während er den Gürtel mit einer schnellen Bewegung seinem Onkel umlegte. Dann aber stürmte er aus dem Raum, zu seinem Glück war die Tür nicht geschlossen gewesen. Elros rannte seinem Bruder nach und ließ damit die beiden Söhne Feanors zurück.
 Elrond ignorierte seine Abneigung gegen den Schnee und die Kälte und lief aus dem Haus hinaus. Die Tür bekam er freilich nicht auf, aber daneben war ein Fenster, das sie auch im Sommer häufig als Ausgang verwendeten.  Sicher seine Onkel mochten es nicht, aber die waren so schon böse mit ihm; dabei hatte er es nur gut gemeint. Elros und er hatten am vergangen Tag getestet, ob es möglich war mit einer Hand einen Gürtel zu schließen, nur um festzustellen, dass es nicht so recht ging. Aber mit dem Schwert war es einfach zu schwer für ihn gewesen…
 Kaum war er draußen, war ihm erbärmlich kalt. „Geh wieder rein, Elros!“ Seine Zähne klapperten, sosehr fror er, doch er selbst würde nicht wieder reingehen. Er würde nur wieder wütend werden und das wollte er nicht.
 „Nein, Bruder, wo du hingest folge ich!“, stellte Elros entschieden fest und lief weiterhin hinter Elrond her. Auch ihm war bitterlich kalt, doch das war kein Grund seinen Bruder alleine zu lassen und noch weniger eine Entschuldigung dafür.
 Wenig später waren sie in den Stallungen, einem von Elronds liebsten Rückzugsorten. Die Peredhil kletterten in die Box, in der ihre Ponys untergebracht waren und setzten sich in die Ecke, in der das saubere Heu, für die Tiere, lag. Sie drückten sich aneinander, obwohl es im Stall wärmer war als draußen, es war kalt. Eindeutig zu kalt für zwei kleine Halbelben.  Sie beneideten ihre Ponys um das warme, kuschelige Fell. Die Tiere kamen näher dazu und stellten sich nahe an ihre kleinen Herren, damit diese immerhin noch ein wenig durch sie gewärmt wurden. Viel brachte es freilich nicht, ihnen war kalt wie selten zuvor. Zu allem Überfluss trat eines der Ponys auch noch auf Elros Fuß, dieser Fluchte leise. Sobald ein Pferd in der Nähe war, hatte er nur noch Pech, das war schon das vierte oder fünfte Mal, dass ihm so ein Tier auf den Fuß getreten war. Dazu hatte ihn das Pferd von Maedhros einmal umgestoßen, auch wenn ihm nichts passiert war. Ihn schienen Pferde einfach nicht zu mögen. Ganz anders als seinen Zwilling.
 „Geh rein, Elros“, brachte Elrond mit klappernden Zähnen hervor. Zu seinem Erstaunen hörte sein Zwilling auf ihn. Einerseits freute es ihn, andererseits machte es ihn traurig, dass er nun ganz alleine war. Oder auch nicht ganz alleine, immerhin waren da noch die Ponys und diese schimpften auch nicht mit ihm. Ganz alleine erlaubte er seinen Tränen frei zu fließen, jetzt gab es ja niemanden mehr, vor dem er sie verstecken musste. Die Ponys konnten ihn nicht verraten, immerhin würde niemand die Tiere verstehen, das konnte ja keiner. Er drückte sich an Pîncaran, sein Pferd. Den kleinen Fuchschecken hatte er zu seinem ersten Geburtstag, den er in Ossiriand verbracht hatte geschenkt bekommen, auch wenn er das erst später begriffen hatte. Hielt seine Hände unter die lange Mähne des Tieres, immerhin würden sie dort nicht noch kälter werden.
 Elros lief wieder zum Haus, er wollte nicht, dass sein Bruder weiterhin draußen blieb. Es war kalt, wirklich kalt… Als er durch das Fenster ins Haus klettern wollte, musste er feststellen, dass jemand dieses geschlossen hatte. Vorsichtig klopfte er an der Tür, in der Hoffnung gehört zu werden. Doch niemand ließ ihn rein, vermutlich war niemand da, der ihn gehört hatte.  Der Halbelb begann um das Haus zu laufen, auf der Suche nach einem Fenster hinter dem er jemanden sah.  Als er endlich eines fand, griff er nach etwas Schnee und warf diesen dagegen. Er brauchte mehr als einen Versuch, bis er das Fenster endlich traf. Doch dann machte es ein Elb auf und streckte seinen Kopf raus.
 „Kannst du mich reinlassen? Bitte“, fragte der Junge eilig, ohne sich die Zeit zu nehmen, nachzusehen, wen genau er bat.
 „Sicherlich…“ Der Elb sprang aus dem Fenster und hob Elros dann hinein. Für einen ausgewachsenen Elb war das Fenster gerade auf Schulterhöhe, Elros wäre auf den Schultern seines Bruders vielleicht gerade rangekommen. Als der Junge wieder im Haus war, wartete er mehr als ungeduldig bis der Elb der ihm reingeholfen hatte ebenfalls wieder drinnen war.
 „Elrond ist draußen…“ Der Elb warf bei Elros Worten einen Blick nach draußen, nachdem er dessen Zwilling aber nicht sah. Nahm er den zitternden Elros hoch und beschloss diesen zu Maglor zu bringen. Es war unmöglich gewesen, nicht mitzubekommen, dass die Zwillinge verschwunden waren. Zwar war er nicht übermäßig begeistert, dass der Peredhil gerade bei ihm wieder aufgetaucht war. Er hatte nicht direkt etwas gegen die Kinder, aber er verstand auch nicht so recht, warum sein Herr gestattet hatte, dass Maglor sie mitgenommen hatte. Am Anfang war es nicht zu übersehen gewesen, wie sehr es Maedhros schmerzte die Kinder zu sehen.
Zügig ging er, mit dem Jungen auf den Armen, durch das Haus. Als er die Söhne Feanors schließlich fand, versuchte Elros sich aus seinen Armen zu befreien.
 „Onkel Maglor! Onkel Maedhros! Elrond ist draußen!“, rief er so laut er konnte.
 „Wo?“
 „Im Stall…“ Aussprechen konnte der kleine Halbelb nicht. Da hatte Maglor schon kehrt gemacht. Maedhros nahm dem anderen Elben Elros ab. Dieser schlang seine Arme fest um den Hals seines Onkels.
 „Na na, du brauchst mich nicht zu erwürgen, ich lass dich schon nicht fallen.“ Dann wandte er sich an den Elb, der den Jungen gebracht hatte: „Ich danke dir.“
 „Mein Herr, gibt es noch  etwas, dass ich für Euch machen kann?“, fragte dieser. Alleine die Tatsache, dass er noch in dem Haus lebte wies ihn als einen der loyalsten Anhänger seines Herren aus. Die meisten verbliebenen aus dem Volk der Feanorer lebten in den Wäldern Ossiriands und hatten sich mit den Grünelben vermischt. So seltsam es anmutete, wenn man bedachte, dass diese alles andere als offen waren und nicht wirklich gut mit den Noldor standen. Sicherlich, auch die Noldor, die weiter von Haus entfernt lebten, waren durchaus treu und gehörten nicht zu jenen, die sich am Sirion gegen ihre Mittstreiter gewandt hatten.
 Maedhros überlegte für einen Moment. „Sorge dafür, dass möglichst rasch ein Badezuber mit warmem Wasser bereit ist.“
 „Sehr wohl! Noch etwas?“
 „Ich möchte, dass Waschraum gut geheizt ist, das ist dann alles“, erklärte er kurz. Rethtulu, so war der Name des anderen Elbes, nickte kurz und ging dann, um die gewünschten Vorbereitungen zu treffen.
 „Wenn du schimpfen willst, dann schimpf mit mir, nicht mit Elrond“, erklärte Elros so ernst und befehlend wie er konnte. Maedhros legte seinen Kopf schief, es kam nicht oft vor – um nicht zu sagen: schon lange nicht mehr – dass jemand versuchte ihm etwas vorzuschreiben. Dass es gerade ein Kind versuchte, nun, es war erheiternd.
 „Keine Sorge, ich werde weder mit dir, noch mit deinem Bruder, schimpfen. Aber ihr müsst verstehen, dass Waffen keine Spielzeuge sind.“
 Elros nickte, sagte aber nichts. Solange Maedhros seinen Bruder nicht schimpfen würde, war alles gut, oder würde das zumindest schnell wieder werden.

„Elrond?!“
 Als der Junge hörte, wie sein Onkel nach ihm rief, versteckte er sich hinter den Ponys und verhielt sich ganz still. Er wollte nicht gefunden werden, lieber harrte er frierend hier aus, als dass er noch einmal Ärger bekam. Maglor hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass der Kleine auf seinen Ruf reagieren würde. Fünf jüngere Brüder hatten ihn das gelehrt, aber er hatte dennoch darauf gehofft… Er sah in jede der Boxen und seufzte erleichtert, als er den Jungen bei den Ponys fand. Schnell hatte er ihn auf seinen Armen, den Protest des Kindes ignorierte er.
 „Ah, mein Kleiner, es ist gut, dass ich dich wiedergefunden habe, na komm, lass uns wieder reingehen.“ Er redete weiterhin auf Elrond ein, während er den frierenden, aber widerspenstigen Jungen zurück ins Haus trug.
 Der Halbelb hatte seine Tränen weggewischt, als er Maglor hatte kommen hören, er wollte nicht, dass dieser sie sah. Seine Proteste erstarben allerdings sehr schnell, ihm war kalt, er mochte den Winter nicht und fühlte sich miserabel. Und irgendwie fühlte es sich gut an, von seinem Onkel getragen zu werden, besonders da Maglor beruhigend summte.
 „Kannst du mir versprechen, in Zukunft nicht einfach so wegzulaufen? Wer weiß, was dir alles hätte passieren können.“ Maglor hielt seine Stimme bewusst sanft. Elrond hatte erst soeben demonstriert, das er nicht wirklich mit scharfen Worten umgehen konnte, dazu liebte Feanors Sohn die Peredhil wie eigene Kinder, die ihm (wie so vieles) verwehrt geblieben waren.

Nach einem heißen Bad für beide Halbelben und einem, sehr verspäteten, Frühstück, nahm Maglor seine Kleinen und sie setzten sich in denselben Raum, in dem sie häufig ihre Abende verbrachten. Ein Feuer knisterte munter im Kamin und die Vorhänge waren aufgezogen, damit man das ganze Tageslicht einfangen konnte. Elros sah hinaus, er war am überlegen, ob er seinen Bruder und Maglor dazu überreden könnte hinauszugehen. Aber dann dachte er daran wie kalt ihm schon gewesen war und auch daran, dass Elrond noch schneller fror und ließ es bleiben. Bei der Kälte war auch er nicht Begeistert davon hinauszugehen. Nur der schöne Schnee lockte ihn schon…
 Elros streichelte die Katze, die mehr oder weniger ihm gehörte, er hatte sie gefunden und es geschafft seine Onkel davon zu überzeugen sie behalten zu dürfen. Kein leichtes Unterfangen war das gewesen. Elrond betrachtete seinen Onkel, der Vorfall des Morgens hatte er Vergeben, wenn auch nicht annähernd vergessen. Er hoffte darauf, vielleicht ein Lied vorgesungen bekommen, oder darauf, dass Maglor ihnen etwas auf ihren Harfen beibrachte.
 Damit sollte er an diesem Tage allerdings kein Glück haben, zunächst betrachtete ihr Onkel sie ein wenig und schien etwas zu überlegen, dann ging er aus dem Raum.
 Elros lachte, als die Katze sich an ihm rieb und dann zu Elrond ging um bei diesem dasselbe zu machen. Als Maglor wiederkam, hatte der kleine Vierbeiner scheinbar genug und verzog sich an das andere Ende des Raumes. Die Kinder ließen sie gewähren – Elrond hatte schon einmal eine Begegnung mit den Krallen der Katze gemacht, als er sie in einem solchen Moment nicht in Ruhe gelassen hatte.
 „Was willst du machen, Onkel Maglor?“, fragte Elros neugierig.
 „Mit euch zusammen Decken nähen“, erklärte er geduldig. „Ich mag vielleicht nicht ganz das Talent meines Bruders mit der Nadel haben, aber ich denke im Zweifelsfall reicht mein Können aus…“, murmelte er dann. Die Peredhil sahen ihn groß an.
 „Onkel Maedhros kann nähen?!“ Es klang ungläubig, beinahe so, als würde ein Weltbild zerbrechen. Ihr Onkel schwang einen Pinsel, dass wussten sie und auch, dass er das tollste Spielzeug in ganz Arda schnitze, aber das?!
 „Was? Er kann schon (oder konnte zumindest), aber ihn meinte ich nicht…“ Maglor schüttelte seinen Kopf um die Gedanken an seine gefallenen Brüder zu vertreiben. „Seht mich nicht so an, wie hätte ich dir sonst den Bären machen können, Elrond? Wenn nicht mit Nadel und Faden. Außerdem sollte jeder, der irgendwann einmal hinaus in diese Welt will wissen, wie er seine Kleidung im Zweifelsfalle Reparieren kann.“
 „Hmm…“, machte Elrond und versuchte zu verstehen was sein Onkel ihm sagen wollte.
 „Warum?“ Elros fragte einfach nach.
 „Würdest du Wochenlang oder gar für Monate zerrissene Beinkleider tragen wollen? Oder einen Umhang, der dich nicht länger vor der Kälte schützt.“
 „Ähm, nein… will ich nicht…“
 „Bloß nicht!“ Zwei Antworten gesprochen zur selben Zeit, so wie es hin und wieder bei ihnen vorkam.
 „Sehr ihr…“
 „Erzählst du uns von deinem Bruder?“, fragte Elros hoffnungsvoll, sie wussten nur, dass ihre Onkel mehr als einen Bruder haben mussten, aber da hörte es auch schon auf. Nicht einmal wie viele wussten sie.
 „Nicht heute…“ Die Zwillinge tauschten einen Blick, die Stimme ihres Onkels hatte so müde und traurig geklungen, dass sie es nicht wagten ihn weiter in diese Richtung zu drängen.
 „Du wolltest mit und Decken machen? Wie geht das?“, fragte Elrond, zum einen war er wirklich neugierig, zum anderen wollte er nicht, dass sein Onkel traurig war. Der Elb, der seine und Elros Alpträume verscheuchen konnte, sollte nicht traurig sein müssen!
 „Stimmt das wollte ich… sucht euch erst mal zwei Stoffstücke aus“, meinte Maglor und deutete auf den Korb, den er gebracht hatte.  Nachdem die Zwillinge den Inhalt (hauptsächlich warme Stoffe, aus ausrangierter Winterkleidung geschnitten) durchsucht hatten hielt jeder ein Stück hoch. „Ah, ich meinte: Jeder von euch zwei Stoffstücke.“ Als die Kinder die gewünschten hatten, sahen sie zu ihrem Onkel, der sich ebenfalls schnell zwei Stofffetzten angelte. Dann nahm er eine Nadel  und zeigte ihnen, wie man einen Faden durch die Öse zog und erklärte, dass dies vor allem am Anfang viel Geduld brauchen würde. Er reichte seinen Ziehsöhnen jedem eine Nadel und ein langes Stück Garn, dann wartete er ab. Entweder bis einer seiner Kleinen ihn um Hilfe beten würde, oder aber, bis diese den Faden in der Nadel hatten.
 Letzteres war zuerst der Fall.
 Er zeigte ihnen, wie sie die Stiche setzten mussten, damit die hielten aber nicht zu sehen waren. Er musste schmunzeln, als er sah wie die Kleinen mit hochkonzentrierten Mienen auf den Kissen vor dem Feuer saßen und vorsichtig Stich um Stich setzten. So Vorsichtig die Kinder auch waren, mehr als einmal stachen sie sich in die Finger. Elros einmal so sehr, dass er etwas blutete. Allerdings bemerkte er das erst, als er einen roten Fleck auf seinem blauen Stoffstück hatte. Er lutschte ein wenig an seinem geschundenen Finger. Dann aber machte er weiter, wenn auch etwas vorsichtiger. Er wollte nicht aufhören, ehe sein Bruder das auch tat.
 Trotz ihren Feuereifer mussten sie schnell feststellen, dass es ewig dauerte um nur zwei kleine Stoffstücke aneinander zu bringen.
 „Onkel Maglor, glaubst du, wir werden fertig, ehe wir erwachsen sind?“, fragte Elros auf einmal. Maglor lächelte sanft, aber ehe er antworten konnte, kam es von der Türe her:
 „Ich denke nicht, wenn ihr gar nicht mehr weiterkommt, könnt ihr meinen Bruder oder andere hier sicher fragen und er wird euch einen Flicken annähen…“ Elrond zuckte zusammen, er hatte Maedhros nicht kommen hören.
 „Das… das wegen heute Morgen tut mir wirklich leid… nur mit dem Schwert war dein Gürtel so schwer…“, begann er unsicher. Sein Bruder ging zu Maglor hinüber und bat diesen darum ihm eine Naht zu machen.
 Elrond tapste auf Maedhros zu und sah diesen Entschuldigend an. Dieser ging in die Hocke, damit er nicht länger wie ein Turm über den Halbelben hinausragte.
 „Ich weiß… aber du musst verstehen, dass diese Regel einen Grund hat und wichtig ist. Ein Schwert ist etwas Gefährliches. Dazu geschaffen zu verletzen und zu töten und wenn man nicht aufpasst, dann verletzt man sich selbst, oder einen Freund“, erklärte er dem Peredhil leise.
 „Sind die so scharf? So ein Schwert kann doch unmöglich so viel Schaden anrichten“, erwiderte Elrond mit kindlicher Naivität. Der Blick von Feanors Ältestem verdunkelte sich.
 „Oh doch, kleiner Elrond...“ Er hob seinen rechten Arm und legte mit seiner Linken die Hände des Kindes, auf den Armstumpf. Elrond war ganz vorsichtig, er hatte Angst seinem Onkel wehzutun. Es mochte seltsam klingen, immerhin war dieser alles andere als zerbrechlich. Doch betrachtete Elrond den Armstumpf wie eine nicht verheilte Wunde, weil  sein Onkel sonst ja beide Hände haben müsste, so wie jeder andere auch. Außerdem sah Maedhros oft mit so einem seltsamen Blick auf seine fehlende Hand. „Du kitzelst, weißt du das? Ah, was ich eigentlich sagen wollte: Ja, Schwerter sind so scharf. Das hier war eines… und ich kann sagen, dass meines nicht stumpfer ist als die Klinge, die mir die Hand abgetrennt hat. Verstehst du, warum wir nicht wollen, dass ihr an welche geht?“
 Ein schüchternes Nicken sollte die Antwort, die er erhielt, werden. Allerdings schien dem Kind eine Frage auf der Zunge zu brennen.
 „Was hat dich so neugierig gemacht?“
 „Hast du dich selbst geschnitten?“, piepste Elrond schließlich unsicher. Sein Onkel schnaubte leise.
 „Vermutlich schon“, er unterbrach sich, als er hörte wie der Halbelb nach Luft schnappte und schüttelte den Kopf. „Nicht so wie du jetzt denkst… das hier war ich nicht, obwohl ich den Elb, der das Schwert führte so gut kannte wie mich selbst oder meine Geschwister… Auch habe ich mich sicher nicht mit Absicht geschnitten. Aber auch ich war einmal jung und unerfahren… am Anfang kann man sich die lustigsten Verletzungen zuziehen, wenn man nicht vorsichtig ist…“ Er beugte sich vor und murmelte leise in das Ohr des Kindes. „Davon kann Maglor ein Lied singen… im wahrsten Sinne des Wortes. Wobei er hat sich nicht geschnitten… aber er hat mit so viel Schwung rumgefuchtelt, dass er sein Gleichgewicht verloren hat… bei seinem Sturz hatte er sich einen Finger gebrochen. Und glaub mir, du willst nicht wissen wie unausstehlich mein Bruder werden kann, wenn er keine Musik machen kann. Aber du solltest ihm nicht sagen, dass ich dir davon erzählt habe. Ich streite nicht mehr sonderlich gerne mit ihm...“ Er erhob sich wieder und sah zu Maglor. „Die Veränderungsmaßnahmen werden diesen Moment ergriffen, aber ich fürchte der Raum wird mindestens eine Woche, eher länger, nicht zu nutzen sein.“ Damit verließ er den Raum wieder, keiner der drei Anwesenden protestierte. Alle wussten, dass es nicht oft vorkam, dass sich Maedhros davon überzeugen ließ seine Arbeit – ob wichtig oder unwichtig – liegen zu lassen. Weniger weil er gerne arbeitete, als mehr um sich zu beschäftigen – mit etwas vertrautem – etwas, dass ihn nicht in jeder Sekunde an seine Verluste erinnerte.
 Elrond nahm seine werdende Decke (stolze 3 Flicken hatte er schon aneinander genäht) und bat seinen Bruder darum, den nächsten anzunähen. Elros sah ihn erst nur fragend an.
 „Ich möchte, dass alle, die ich liebe an meiner Decke mitgearbeitet haben… Damit… damit ich euch immer und überall mit hinnehmen kann…“ Der letzte Teil war leise genuschelt. Elros lachte, aber willigte dann ein.
 „Kann ich machen, aber dann machst du einen in meine!“
 „Ver… ähm, mach ich!“, Elrond hatte sich gerade noch fangen können. Warum auch immer, ihre Onkel mochten es nicht, wenn jemand etwas Versprach oder gar Schwor.

Beim Abendessen rutschte Elros ein wenig auf seinem Stuhl hin und her. Er fand Elronds Idee, dass alle die zu ihrer Familie gehörten (was ziemlich genau sie beide und ihre Onkel waren) mindestens einen Stofffetzen annähen sollten, gut. Nur fragte er sich, ob sie Maedhros darum fragen konnten. Er selbst hatte ja beide Hände gebraucht und sein Onkel hatte nur eine. Aber dann machte Maedhros auch viele Dinge, die Elrond und er gar nicht konnten…
 „Onkel Maedhros… würdestduunsetwasmitdendeckenhelfen?“
 Die beiden Noldor sahen ihn an, offenkundig hatten sie den hastig genuschelten Teil der Frage nicht verstanden.
 „Elros sagte: Onkel Maedhros, würdest du und etwas mit den Decken helfen? Bitte“, erklärte Elrond, der sich schlicht gar nicht getraut hatte zuerst zu fragen. Schnell hatten die Zwillinge im Wechsel erklärt, warum sie das unbedingt wollten.
 Ein seltenes, ehrliches (wenn auch Weltmüdes) Lächeln stahl sich auf Maedhros Züge. „Ich denke, das kann ich machen. Allerdings solltet ihr keinen schönen Stiche von mir erwarten…“
 „Dafür welche, die niemand mehr aufbekommt“, warf Maglor ein.

Die Decken, es dauerte bis in den frühen Herbst des nächsten Jahres, bis diese fertiggestellt waren, waren wahrlich seltsam anzusehen. Kunterbunt, denn die langweiligen grauen Stoffteile hatten Elrond und Elros liegen lassen und von vielen Händen zusammengesetzt. Die Stiche der Kinder waren zum Ende hin weit geschickter als noch am Anfang – denn es war die Übung, die den Meister machte. Doch nicht nur Kinderhände hatten den Stoff vorsichtig zu einem einzigen Stück zusammengesetzt. Ebenso die Personen, die ihnen am wichtigsten waren. Ihre Onkel… wer wusste worauf er achte musste, konnte erkennen, wer welches Viereck eingesetzt hatte. Am Ende waren die fertigen Decken nicht wirklich gerade. Wie könnten sie auch gewesen sein? Aber dafür hingen die Kinder daran. Immerhin hatten sie alle gemeinsam lange (für sie sogar sehr lange) daran gearbeitet.

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Anmerkungen:
1) Ich weiß, dieser Teil des ganzen würde viel eher in die Kategorie "Silmarilion" gehören; aber die kommenden Teile gehören sicher in das DZ und sehr viel eher in den "Herrn der Ringe" deswegen hoffe ich, dass es verzeihbar ist ein Kapitel voller Noldor des ersten Zeitalter hier rein zu stellen...
2) Das ganze geht zurück auf Elronds Tagebücher (einer Partner FF von Auctrix und mir: http://www.fanfiktion.de/s/4e7b498f0001f86c06700fa0 )
3) Es würde zu lange dauern alles auseinander zu pflücken, deswegen sage ich nur dazu, dass dieser Text einige ihrer Gedanken und "Angewohnheiten" beinhaltet (z.B. das Maedhros gerne Mal den Pinsel schwingt)
4) Ach ja, mir gehört (nebst Rethtulu und der setlsamen Idee, dass Elben mit Nadel und Faden umgehen können) nichts und niemand (wäre auch zu schön).
5) Über Rückmeldungen, ob üositiv oder negativ würde ich mich freuen
6) Dieser erste Teil ist mein Beitrag zum Schreibzirkel (http://forum.fanfiktion.de/t/14212/1) die Worte vom 19.02 (zu denen bis zum 11.03 geschrieben sein muss) waren:
Schnee
Wärme
Türklinke
Zeit
Kissen
Drei mussten verwendet werden, wer suchen will, kann in diesem Text allerdings alle finden. Es bot sich einfach so schön an.
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