Wir lassen uns treiben

von Tigerauge
GeschichteRomanze / P16 Slash
27.02.2012
27.02.2012
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Lieder inspirieren einen sehr. Die Idee zu diesem One-Shot entstand, als ich das Lied "Wovon sollen wir träumen" von Frida Gold hörte. Ein bisschen Geschreibsel, das euch vielleicht gefällt. :-) Viel Spaß!
(Geschichte ist nicht beta gelesen)

*~*

Wir lassen uns treiben


Die Nacht ist voller bunter Lichter. Laute Musik dröhnt in meinen Ohren. Heiße, schwitzende Männerleiber bewegen sich im Takt der Musik.

Mir ist heiß, so unendlich heiß, aber ich kann nicht aufhören zu tanzen. Die Musik hält mich in ihrem Bann gefangen. Sie trägt mich davon, in eine ganz andere Welt. In eine Welt abseits von der Realität, abseits von allen Sorgen und all der irreführenden Hoffnung. Ich glaube zu schweben. Der Bass vibriert unter den Füßen. Die Lichter spielen mit uns, tauchen Augen in leuchtende Diamanten und lassen Haare erstrahlen. Augen und Haare, die sonst so trist wirken. Augen, die so euphorisch von Musik, Tanz und Alkohol getränkt, blicken morgen früh wieder einsam dem Alltag entgegen. Das Bettlaken an unserer Seite wieder erkaltet von längst verblassten Erinnerungen und kurzzeitiger Nähe. Wir fühlen uns einsam und sind von uns selbst angeekelt. Die Nacht liegt schwer auf unseren Schultern. Und dennoch finden wir jeden erdenklichen Abend hier her zurück und beginnen das Spiel von neuem. Ein Teufelskreis aus dem kaum ein Entrinnen gibt.

Auch ich kehre hierher zurück. Fühle mich wie neu geboren und glaube alles schaffen zu können.

Der trügerische Schein über unseren Köpfen verzieht die Lippen zu einem höhnischren Grinsen. Was für jämmerliche Gestalten, die glauben hier ihr Glück zu finden. Sich dem Irrtum hingeben, jeder neue One-Night-Stand sei die Erfüllung des Lebens. Dabei gehen wir diesem Spiel nur nach, um wenigstens einige Nächte nicht ganz so einsam zurück zu bleiben. Die Pärchen in den Mengen, die eine Beziehung pflegen, werden mit kühlen Blicken betrachtet. Sie gehören hier nicht hin, doch insgeheim beneiden die meisten der Singels diese um ihr Glück.

Ja, auch ich gehöre zu diesen Gestalten. Auch ich komme jedes Wochenende hier her zurück. Und auch ich finde die Bettseite neben mir jeden darauffolgenden Morgen leer zurückgelassen. Ich hasse mich für diese Ausschweifungen, egal wie kurzzeitig befriedigend sie auch waren. Auf Dauer ist das alles andere als genügend. Ich möchte nicht jedes verfluchte Mal einsam auf die berauschende Nacht zurück denken. Möchte mir nicht das Gefühl in der Menge zurück wünschen. Möchte keine beneidenswerten Blicke mehr den Pärchen hinterher werfen. Ich habe es so unendlich satt und dennoch kann ich nichts daran ändern.

Trotz diesem tristen Daseins, kann ich diesem Teufelskreis nicht entkommen. Oder möchte ich es einfach nicht? Wenn ich diese Gewohnheit ablege, bleibt die andere Bettseite für immer erkaltet? Ich brauche Nähe und wenn ich sie auf keine andere Weise erhalten kann, zerre ich lieber weiterhin fremde Männer in mein Bett.

Außerhalb dieser Clubs fühle ich mich leer. Doch in den vier Wänden steht mir die Welt offen und ich greife gierig nach den Möglichkeiten, die verpuffen, sobald wir einen Schritt vor die Tür treten.

Um mich herum wuseln hundert Körper. Sie setzen sich in Szene, möchten entdeckt werden oder jemanden beeindrucken. Einige Singels haben sich bereits gefunden, tanzen eng umschlungen in den Massen, andere stehen wild knutschend am Rande.
Die Nacht ist noch jung und ich bin es auch. Blicke treffen mich von allen Seiten. Hände betatschen mich zufällig hier und da beim Vorbeigehen. Aber ich bin noch nicht soweit mir jetzt schon jemanden auszusuchen. Viel mehr lasse ich mich lieber noch einige Zeit von der Musik treiben und genieße das Gefühl der Schwerelosigkeit. Ich werfe all den Kummer über Bord und suhle mich in Aufmerksamkeit.

Ich bin eine Schlampe, aber wer hier ist es nicht? Ausgenommen vielleicht die Paare, wenn auch nicht alle.
Wir hüpfen von Bett zu Bett, haben schon unzählige Sexgefährten auf unserer Liste und sind immer noch nicht satt. Werden wir hier denn überhaupt jemals satt? Anfangs kam ich hier her, in der Hoffnung jemanden dauerhaft zu finden. Ich war berauscht von den neuen Eindrücken, war geblendet von der Illusion alles tun zu können, mich allem hinzugeben. Ich habe gesucht und gesucht, in den hintersten Ecken. Zu Anfang glaubte ich bei jedem Neuen aufs Neue das Glück gefunden zu haben, aber die ernüchternde Wahrheit kam kurz darauf, als sie mit einem kurzen Gruß aus dem Bett stiegen und weg waren. Und dennoch warf ich mich immer wieder in die Hoffnung und den Illusionen. Doch mit jedem Mal schrumpften diese mehr und mehr. Nun ist nur noch ein winziger Kern übrig, an den ich mich klammere, auch wenn ich weiß hier niemals den Einen zu finden. Und trotz der Kenntnis kann ich mich diesem Trugbild nicht entziehen. Wenn mich jemand fragen würde, warum ich denn jedes Mal hierher zurück komme um mir jedes Mal selbst zu schaden, könnte ich keine Antwort geben. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es verdammt schwer ist, sich von all der Illusion loszureißen und die Gewohnheiten abzulegen.

Damals war ich viel zu jung, als ich diese Welt entdeckte um zu verstehen. Nun stecke ich fest und sinke mit jeder Nacht ein Stückchen mehr in den Strudel. Wie bei Treibsand sinke ich tiefer mit jeder Bewegung die ich tue.

Ja, ich rede schlecht davon und auch wenn ich weiß, dass es mich auf Dauer nirgendwo hinführt, kann ich nicht behaupten es gar nicht zu mögen. Der Kick vor dem Unbekannten berauscht mich immer wieder, es fühlt sich gut an und ich bin noch jung. Sollte ich da meine Jugend nicht genießen und all die Vorzüge auskosten?

Meine Augen richten sich nach vorne und treffen auf ein funkelndes Paar blaue. Sie fixieren mich. Ich muss schlucken. Ein seltsames Gefühl befällt mich. Der Kerl, zu dem die Augen gehören, blickt mir unentwegt ins Gesicht, statt wie alle anderen ihre lüsternen Blicke an mir auf und ab gleiten zu lassen. Etwas irritiert blicke ich ihm entgegen.

Es dauert nicht lange, da hat er sich einen Weg durch die bewegende Menge gebahnt, ohne dabei den Blickkontakt zu unterbrechen, und steht nun vor mir. Er sieht gut aus. Er hat kurzes und dunkelblondes Haar, blaue Augen, ein feines Gesicht und ist einen halben Kopf größer als ich. Seine Statur weist definitiv mehr Muskeln als meine auf. Alles in allem ein Leckerbissen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass er mich heute ins Auge gefasst hat, allerdings mit dem schallen Beigeschmack, morgen auch wieder allein zurückzubleiben. Ich verbanne dieses eklige Gefühl und konzentriere mich ganz auf das hier und jetzt. Und das hier und jetzt gefällt mir wirklich gut.

Mister Unbekannt lächelt charmant und legt behutsam seine linke Hand auf meine Hüfte. Die Augen bitten um Erlaubnis, die ich ihm gewähre in dem ich mich süffisant lächelnd an ihn dränge und dabei seine andere Hand ebenfalls auf meiner Hüfte positioniere. Grinsend geht er darauf ein und beginnt eng aneinandergepresst seine Hüften im Takt der Musik zu bewegen. Ich bin ganz berauscht von den leuchtenden Augen. Meine Hände gehen auf Wanderschaft, befühlen seinen starken Rücken und huschen über den knackigen Hintern. Sein Körper fühlt sich gut an. Fest und heiß.

Wir tanzen eine lange Zeit so umschlugen vor uns hin, nicht achtend ob unsere Bewegungen überhaupt zu Musik passen, die mir vorkommt als sei sie ganz weit weg, während unsere Blicke ineinander verschmelzen und wir uns gegenseitig hier und da flüchtig berühren, abgesehen von unseren Hüften, die den Kontakt für keine Sekunde unterbrechen. Nach einer Ewigkeit deutet Mister Unbekannt mit einem Kopfnicken Richtung Bar und bringt sein Anliegen mit einer deutlich Trinkbewegung zum Ausdruck. Ich nicke, löse mich eher widerwillig von seinem warmen Körper und lasse mich an der Hand zur Bar geleiten. Auf dem Weg dorthin habe ich einen fabelhaften Ausblick auf seine appetitliche Kehrseite. Erst an der Bar höre ich zum ersten Mal seine Stimme. Das ist das erste Mal richtig bewusst wie wenig man sich mit solchen flüchtigen Bekanntschaften eigentlich unterhält. Schon traurig, dass Blicke und Gesten genügen, um sich einen One-Night-Stand zu angeln. Wie soll man dabei auch jemanden kennenlernen, wenn doch jeder von vorneherein mit dem Ziel auf Sex die Nacht antritt.

„Ich lad’ dich ein", verkündet Mister Unbekannt und schenkt mir eins seines schon zuvor blendenden Lächelns. „Ich heiße übrigens Denis."
„Stuart", erwidere ich knapp und ergreife die dargebotene Hand. Denis hat einen angenehm kräftigen Händedruck und ich ertappe mich bei dem Wunsch diese Hand möge noch ganz andere Körperteile von mir umfassen. Als mir meine Gedanken bewusst werden, laufe ich ein wenig rosa an und kann mir nicht erklären warum. Mit Scham hatte ich bisher noch keine Probleme. Ich schüttle innerlich den Kopf und lasse Denis Hand endlich los, die ich bis dahin immer noch fest halte.

„Stuart." Er betont meinen Namen auf eine äußerst angenehme Weise. „Was möchtest du trinken?"

Ich bin kein großer Fan von Alkohol. Hin und wieder trinke ich mal ein kleines Gläschen, aber das war’s auch schon. Betrunken war ich in meinem ganzen Leben noch nie, und ich hatte auch nie vor jemals von dieser Erfahrung zu kosten. Was mich an diesem Abend dazu geritten hat, nach dem Alkohol zu greifen, kann ich nicht ausmachen. „Einen Jägermeister, bitte."
Denis grinst, wendet sich an den Barkeeper und bestellt zwei. Wir müssen nicht lange warten und die Kurzen stehen vor uns auf dem Tresen. „Na dann, prost." Denis hält sein Gläschen hoch, ich stoße mit ihm an und kippe mir das Zeug in den Rachen. Keine großen Trinker vergessen oft die Wucht, die solch Höllenzeugs in sich haben. Sofort breitet sich der scharfe Geschmack überall aus und treibt mir die Tränen in die Augen. Ein Husten entfleucht meinen Lippen und bringt Denis zum Schmunzeln. Na prima, einen guten Eindruck, den ich hinterlasse. Mein Gegenüber hat sich das Gesöff heruntergekippt, als sei es Wasser und nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Obwohl ich das Zeug scheußlich finde, bestelle ich einen weiteren Kurzen.

Das Gefühl von Selbstmitleid überkommt mich so urplötzlich bei dem Anblick meines Gegenübers, dass ich mir wünsche mich einfach zu betrinken. Da sitzt ein so perfekter Mann vor mir und ich weiß, dass er für mich unerreichbar ist. Er sieht in mir nur eine Bekanntschaft für eine Nacht, vielleicht sogar nur für eine Nummer und dann ist er weg. So jemand wie er sieht in jemanden wie mich nur ein Spielzeug.
Warum ich plötzlich so hart mit mir ins Urteil gehe? Ich kann nur mit den Schultern zucken. Wahrscheinlich bin ich es einfach nur leid bei diesen immer und immer wiederkehrendem Spiel mitzumachen. Ich brauch eine Auszeit, ich will die Welt nur für einen Moment zum Erliegen bringen um endlich einmal tief durchzuatmen. Weil mir das nicht möglich ist, greife ich eben zu einer anderen Methode mal abzuschalten.

Beim bereits vierten Glas in kürzester Zeit bremst mich Denis ab. „Findest du nicht, dass du als Gelegenheitstrinker zu viel auf einmal in dich hinein schüttest?" Er runzelt die Stirn und beäugt mich besorgt. Ich winke ab und greife zum Glas. Er will doch nur nicht, dass ich mich volllaufen lasse, weil ich ihn sonst um seinen Spaß beraube. Sturz Betrunkene sind alles andere als angenehm im Bett. Mir doch egal. Ich steig ja nicht mit mir selbst ins Bett.

Denis rückt näher heran und verhakt abermals unsere Blicke. Der Alkohol zeigt bereits seine Wirkung, ich muss mich arg auf ihn konzentrieren, denn alles um ihn herum scheint ein wenig zu schwanken. „Erzähl mir etwas von dir", dringt seine melodiöse Stimme zu mir durch und bereitet mir eine Gänsehaut. Beiläufig streicht er sich eine blonde Strähne aus der Stirn und ich verspüre den Drang es ihm nachzumachen. Nicht bei mir, sondern bei ihm. Alles an ihm ist so einladend, so umwerfend. Trotz meines vom Alkohol trägen Hirns, frage ich mich warum Denis mich so sehr anzieht. Hier laufen duzend rattenscharfe Kerle rum und hin und wieder habe auch ich diese heiß begehrten Männer abbekommen, aber bei keinem war ich so auf diese Weise fasziniert. Denis strotzt nicht mit seinem Wissen, wie toll er doch ist. Er kommt völlig normal und keineswegs überheblich rüber und das sage ich, obwohl ich ihn doch gar nicht kenne. Hat der erste Eindruck tatsächlich einen so großen Einfluss auf uns? Welchen ersten Eindruck vermittle ich? Biete ich mich wie ein Stück williges Fleisch an? Verhalte ich mich hier in dieser Illusion und doch realen Welt anders, als im Alltag? Ich habe mir noch nie darüber Gedanken gemacht und bereue es auf einmal. Will ich das alles hier eigentlich? Will ich mich jede mögliche Nacht einem anderen Kerl anbieten und fremde Hände auf meinem Körper spüren? Der Akt an sich ist natürlich eine tolle Sache, aber komme ich mir danach nicht immer so benutzt vor? Ich seufze tonnenschwer und konzentriere mich wieder auf mein Gegenüber. Alkohol ist wirklich nicht mein Ding. In Zukunft lasse ich doch lieber wieder die Finger davon. So schwachsinnige Gedanken braucht keiner.

Denis sieht mich abwartend und auch etwas fragend an. Ach ja, da war ja was. Was soll ich ihm den bitte von mir erzählen? Einem One-Night-Stand erzählt man nichts Persönliches und wenn, dann nur Lügen, aber bisher musste ich das noch nie. Es war immer von vorneherein klar was gewünscht war. Große Reden waren da nicht von Nöten. Oh Himmel, bin ich tatsächlich schon so abgebrüht? Hinter meiner Schläfe pocht es fürchterlich. Dennoch greife ich zum nächsten Gläschen und schütte es mir in den Rachen. Erst dann überlege ich mir meine Worte. Mehr oder weniger. Meinen Verstand setze ich gerade reichlich wenig ein, dafür ist meine Zunge umso lockerer und erzählt einfach drauf los. Ich weiß gar nicht was ich ihm alles erzähle. Völlig zusammenhangslose Dinge, die aber alle der Wahrheit entsprechen und nicht für die Ohren eines One-Night-Stands bestimmt sind.

Im Nachhinein kann ich mich an mein Geschwafel überhaupt nicht mehr erinnern. Allerdings an die leuchtenden blauen Augen, die mich die ganze Zeit über interessiert ansehen, umso mehr.

Wie viele Gläschen habe ich getrunken? Keine Ahnung.
Was ist nach dem Clubbesuch geschehen? Ich weiß es nicht.
Sind wir zu ihm oder zu mir? Gute Frage.
Sind wir denn überhaupt im Bett gelandet? Keine Ahnung!

Ich erwache aus meiner Gruft mit einem enormen Brummschädel. Das Rascheln der Bettdecke klingt brutal laut in meinem Kopf. Stöhnend vergrabe ich mein Gesicht im Kissen. Ich will sterben, so hundsmiserabel ging es mir noch nie. Der falle Geschmack in meinem Mund treibt mir die Übelkeit den Halse hoch. Nur schwer kann ich den Würgereiz unterdrücken. Stuart, du Trottel, warum hast du dich am Alkohol vergriffen. Was in drei Teufels Namen hat mich dazu getrieben?

Mit Atemübungen versuche ich die Beschwerden auf ein erträgliches Maß herunterzuschrauben, was mir nur mäßig gelingt. Erschießt mich bitte. Am liebsten würde ich mich den ganzen Tag keinen Millimeter mehr rühren und hier einfach nur hinvegetieren. Aber wo bitte schön ist "hier"? Ich atme ein weiteres mal tief ein und stutze. Den Geruch kenne ich. Ich habe mein Bett erst frisch bezogen und es duftet gerade angenehm nach meinem Waschmittel. Vorsichtig linse ich unter dem Kissen hervor und kann nach nur einigen Blicken erkennen, dass das hier tatsächlich mein Schlafzimmer ist. Na immerhin muss ich mich nicht aus dem Bett quälen und in dem Zustand nach Hause schleppen.

Habe ich denn nun jemanden mit nach Hause genommen? Wie hieß der Kerl mit den eisblauen Augen doch gleich ... ach ja, Denis. Wenn ich ihn mitgenommen habe, dann hoffe ich doch sehr, er möge schon längst wieder verschwunden sein. Wehe er sieht mich in diesem Zustand. Neben mir liegt schon mal keiner und zu meiner Verwunderung bemerke ich auch, dass ich noch meine Unterhose an habe. Was soll mir das jetzt sagen? Hat Denis mich gestern dann doch noch in meinem Rausch sitzen lassen? Kann ich ihm nicht verübeln. Wer will sich schon mit einem Betrunkenen rum schlagen. Eine Schande.

„Na, wieder unter den Lebenden?"

Mein Herz macht einen Aussetzer und schlägt darauf in doppelter Geschwindigkeit weiter. Das Pochen in meinem Schädel wird ebenfalls stärker. Mit böser Vorahnung schaue ich zur Tür und entdecke tatsächlich Denis mit den leuchtenden Augen schmunzelnd herüber schauen. Na klasse, das hat mir jetzt noch gefehlt. Warum ist der denn noch hier? Ist es nicht ein Gesetz eines One-Night-Stand nicht über Nacht zu bleiben bzw. sollte man doch mal einpennen, zumindest danach sofort zu verschwinden. Aber wie ich zum Entsetzen feststelle, hält er sogar eine Tasse - wahrscheinlich mit Kaffee - in der Hand. Bedien’ dich nur, ich vegetiere solange weiter hier rum.

„Guten Morgen", brumme ich höflicherweise und richte mich dann doch auf. Mein Kopf bedankt sich dafür. Ich sterbe jeden Moment, ich weiß es.

„Für dich anscheinend nicht", schmunzelt Denis und tritt ans Bett. Seine blauen Augen blicken mit Besorgnis zu dem auf dem Bett sitzendem Kadaver herunter. Er sieht sogar nach dem Aufstehen super aus. Warum ist er noch hier?

Seufzend schließe ich einen kurzen Moment die Augen, um das flaue Gefühl zu beruhigen. „Ich komm mal gleich auf den Punkt", entscheide ich mich für die Wahrheit. „Ich kann mich an nichts mehr von gestern Abend erinnern."
Denis legt den Kopf schief. „Auch nicht an den verlockendem Ruf des Alkohol, dem du nachgegangen bist?" Sein drauffolgendes Grinsen versteckt er geschickt hinter der Tasse.

„Hör mal", beginne ich, „ich möchte eins klar stellen. Ich trinke normalerweise kaum was und betrinken tue ich mich schon gar nicht."

„Und was war das gestern?"

Finster sehe ich zu ihm auf. Ja, reib mir noch schön unter die Nase, wie bescheuert ich mich benommen habe; wie wenig ich mich unter Kontrolle hatte und welch einen Eindruck ich hinterlassen habe. „Ein Ausrutscher", presse ich hervor und mache Anstalten mich zu erheben. Nicht gerade angenehm.

„Also ich wäre dir dankbar, wenn du mir in kurzen Sätzen erzählst was alles nach meinem Absturz passiert ist.“

„Nichts", meint Denis lapidar. Fragend ziehe ich die Augenbrauen hoch. „Du wolltest es kurz", grinst er und weicht einem Kissen aus, den ich nach ihm werfe. Das dankt mir mein Körper auch sogleich, indem er die Beschwerden einfach mal höher schraubt.

„Nachdem du dir - aus welchen Gründen auch immer - im Club die Kante gegeben hast, habe ich dich nach Hause begleitet. Alleine hättest du es niemals geschafft. Und weil es schon so spät war, bin ich dann einfach über Nacht geblieben."

Sollte ich jetzt erleichtert sein? Sex mit diesem scharfen Kerl, wäre bestimmt super gewesen, aber sinnlos, wenn ich mich nicht daran erinnern könnte.
Um sicher zu gehen frage ich dennoch nach. „Also ist zwischen uns nichts passiert?" Ich deute mit dem Finger abwechselnd von einem zum anderen.

„Nein." Denis klingt überzeugt. „Ich steige doch nicht gleich bei der ersten Begegnung mit jemand ins Bett, den ich nicht kenne."

„Ach nein?", gebe ich verwundert von mir.

„Nein", betont er nochmals. „Hast du etwa gedacht ich war darauf hinaus, als ich auf dich zukam?" Jetzt schaut er mehr als verwundert aus der Wäsche. Wer hätte das gedacht, es verschlägt solche Männer doch noch in solche Clubs? Früher hat es mich auch naiven Gründen dorthin verschlagen, aber da war ich noch jung und unerfahren. Denis erweckt alles andere als den Eindruck unerfahren zu sein. Wie kam er auf die Idee dort etwas anders als einen One-Night-Stand zu finden?

Wer hätte das gedacht, Überraschungen gibt es immer wieder. „Ehrlich gesagt, ja!" Verlegen kratze ich mich am Hinterkopf. Mensch wäre das peinlich geworden, hätte ich ihn gestern mit dem wohl bekanntesten Spruch der Welt gefragt `Zu dir oder zu mir?´. Denis verzieht das Gesicht, lässt meine Anschuldigung aber unkommentiert. Stattdessen hält er mir seine Tasse Kaffee hin, die ich kopfschüttelnd ablehne. Wenn ich jetzt einen Schluck zu mir nehme, hänge ich gleich über der Kloschüssel.

„Warum bist du dann über Nacht geblieben und hast mit mir in einem Bett geschlafen?", möchte ich wissen und greife mir nebenbei ein T-Shirt, das ich mir überstreife.

„Wie ich schon sagte, ich war zu müde und ehrlich gesagt auch etwas zu faul, um noch nach Hause zu fahren. Außerdem wollte ich dich in diesem Zustand nicht alleine lassen. Wer weiß was du hättest alles anstellen können."
Skeptisch mustere ich Denis und stelle überrascht fest, dass er immer noch so gut aussieht und dieses Leuchten in den Augen trägt, wie letzte Nacht. Er gehört nicht zu der Sorte, die zwanghaft Gesellschaft sucht und dessen ständiger Begleiter die Einsamkeit ist. Ich komm mir richtig erbärmlich vor.

„Mein Held", spotte ich und erhebe mich ächzend. Mensch, mir tut auch noch jeder Knochen im Leibe weh. Besonders mein Rücken. Es fühlt sich ganz danach an, als hätte ich einen großen blauen Fleck. Was habe ich denn da angestellt?

„Ach das", ruft mein Gast, als hätte er meine Gedanken gelesen und deutet mit einem Kopfnicken auf meine Kehrseite, „hast du dir bei einem Sturz aus dem Bett zugezogen. Sorry, konnte ich nicht verhindern." Ein breites Grinsen umspielt seine Lippen und ich komme nicht umhin lachen zu müssen, obwohl mir dabei fast der Kopf platzt. Ich lasse mich zurück auf das Bett plumpsen. Denis setzt die Tasse auf die Kommode ab und lässt sich mit einem beherzten Satz ebenfalls auf dem Bett nieder. Das Schwanken bringt meinen Magen in Wallung und ich muss wieder arg mit dem Brechreiz kämpfen.

„Ich geh’ erst Mal duschen", murmle ich blass, erheb mich und schlürfe zum Bad hinüber. Mir ist es etwas peinlich so ausgefranst neben einem Kerl zu sitzen, der ausschaut wie das blühende Leben.

„Ich warte hier solange auf dich", trällert Denis. Ich runzle die Stirn gehe aber weiter. Was will er denn noch von mir? Warum geht er nicht nach Hause? Er irritiert mich.

Nach der Dusche geht es mir schon ein bisschen besser und ich bin definitiv ansehnlicher als zuvor, auch wenn unter meinen Augen dunkle Augenringe prangen und meine Haut der Farbe eines Gespenstes gleicht. Ich muss meinen Kreislauf wieder in Schwung bringen. Nachdem ich mit einem Handtuch um die Hüfte geschlungen ins Schlafzimmer zurück gehe, sitz Denis tatsächlich noch auf dem Bett und schaut vom Buch auf, das er sich zwischenzeitlich von meinem Nachtisch stibitzt hat, und mustert mich intensiv. Das ist mir ein wenig unangenehm, deshalb sortiere ich zügig einige Kleidungsstücke zusammen und verziehe mich damit wieder ins Bad um mich anzuziehen.

„Interessante Bücher, die du liest", ruft er rüber, während ich mich noch feucht von der Bodycreme in die Kleidung zwänge. Schnaufend werfe ich das nasse Badetuch über den Wannenrand und gehe zurück ins Schlafzimmer. Er hält gerade das Buch "Und dann der Himmel" in den Händen und liest interessiert die ersten Seiten. Das ist mein Lieblingsbuch und oft identifiziere ich mich dem Hauptprotagonisten darin, auch wenn unsere Leben sich nicht gleichen und auch kein Engel von Himmel fällt und mir ein bisschen aus meiner Einsamkeit hilft.

Ich lese gerne und viel. Meist nur Schwulenbücher, die fast stets mit einem Happy End enden. Wenn mein Leben schon selbst keinem Happy End zusteuert, dann tauchen mich wenigstens die Bücher in Welten von denen ich träume.

„Spar’ dir deinen Sarkasmus", knurre ich, lasse mich neben ihm auf die Matratze nieder und nehme ihm das Buch aus den Händen. Er protestiert und nimmt es blitzschnell wieder an sich. Ich fühle mich zu kraftlos für einen Gegenangriff.

„Das ist mein Ernst." Er blättert zu der Seite zurück, an der er stehen geblieben war und - zu meiner Verwunderung - beginnt Denis plötzlich an vorzulesen. Wie ich bereits bemerkt habe, hat er eine sehr melodiöse Stimme. Eine perfekte Vorlesestimme.

Ich höre ihm eine ganze Weile zu, wie er aus dem - mir mittlerweile so bekannten - Buch liest und döse dabei ein bisschen vor mich hin. Der sanfte und warme Klang der Stimme hüllt mich völlig ein.

„Hey, nicht einschlafen", meint Denis irgendwann belustigt und piekst mir in die Wange. Grummelnd öffne ich die Augen einen Spalt breit und betrachte sein Profil. Die Nase mit einem bei genauerem hinsehen und wirklich nur aus nächster Nähe ganz kleinen Höckerchen, passt perfekt zu seinem gesamten Gesicht und den umwerfend blauen Augen.

Ich kann’s kaum glauben, hier mit einem völlig Fremden auf meinem Bett zu sitzen und mir von ihm vorlesen zu lassen. Er könnte ein Perverser sein, der mich seiner Taktik verführen möchte und dann rücksichtslos über mich herfallen zu können. Ich kenne ich ihn nicht und doch fühle ich mich richtig wohl in seiner Nähe.

„Was machst du beruflich?", stelle ich die erst private Frage an ihn und wundere mich kaum, als er sagt er sei Erzieher in einem Kindergarten. Er hat eine tolle Vorlesestimme und Kinder hängen wahrscheinlich beim Lesen an seinen Lippen. Dabei kommt mir ein völlig bescheuerter Gedanke, den ich zu meiner Schande auch noch ausspreche. „Und dass du schwul bist, stört den Eltern, deren Kinder du betreust, nicht?" Denis lacht sanft und kuschelt sich nun auch gemütlicher in die Kissen. „Ich habe von Anfang an kein Geheimnis darum gemacht. Die beim Kindergarten wussten, auf welche Probleme sie sich evtl. bezüglich der Eltern einlassen, sind das Risiko aber eingegangen. Als die ersten Eltern davon Wind bekamen, waren einige sehr entrüstet, manche haben ihre Kinder sogar aus dem Kindergarten genommen, aber es hat sich alles gelegt."

Aufmerksam habe ich seiner Geschichte gelauscht und bewundere ihm für die Stärke, das durchgehalten zu haben. Er scheint meinen bewunderten Blick richtig zu deuten und fügt hinzu: „Glaube mir, obwohl ich darauf gefasst war, hat mich die Einstellung und die verbalen Beschimpfungen einiger Eltern sehr hart getroffen. Anfangs bekam ich sogar Zweifel, ob ich das wirklich durchziehen soll, aber ich habe mir in den Hintern getreten. Solange der Arbeitgeber hinter mir steht, dann würde ich das auch durchstehen. Tja, und jetzt mache ich das schon seit 8 Jahren." Er schmunzelt und wir verfallen in ein Gespräch über seine Arbeit mit Kindern. Für mich selbst wäre das ja wirklich nichts. Kinder und ich finden keinen gemeinsamen Nenner. Vielleicht mal in ferner Zukunft.

„Ach übrigens", meint Denis und ein süffisantes Lächeln liegt um seinen Mund. „Du hast mir gestern außerordentlich interessante Dinge über dich erzählt."

Skeptisch schaue ich zu ihm herüber und richte mich vorsorglich auf. „Was habe ich dir den so interessantes erzählt?" Ich versuche möglichst unbeeindruckt und gelassen zu wirken, aber in Wirklichkeit steht mein ganzer Körper in Alarmbereitschaft. Um Himmels Willen, was habe ich im gestrigen Alkoholrausch nur alles von mir gegeben?

Denis richtet sich nun ebenfalls ein bisschen auf und blickt mich für meinen Geschmack viel zu ernst an. „Du sagtest, du seiest einsam."

Entgeistert starre ich ihn an und bin für einige Sekunden wie betäubt. Nie wieder Alkohol!! Denis fährt fort. „Du meintest außerdem, du hättest die Schnauze voll von all den Lackaffen." Hier muss Denis wieder kurz schmunzeln, wird aber sehr schnell wieder ernst. „Das ist natürlich nur die Kurzversion, du hast das etwas ausführlicher berichtet."

Mir wird heiß und ich kann das Blut in meinen Ohren rauschen hören. Stöhnend sinke ich zurück und vergrabe mein heißes Gesicht in einen der Kissen. Wie kann ich einem völlig Fremden nur solche intimen Dinge erzählen? Wie konnte ich ihm so einfach mein Herz ausschütten?

Eine Hand berührt meine Schulter. „Hey, das muss dir doch nicht peinlich sein."

„Ist es aber!", rufe ich in das Kissen und blicke wieder hervor.

Mein Gegenüber streicht mir wie selbstverständlich die Haare aus dem Gesicht. „Ich finde es schön, wenn ein Mann sensibel ist und zu seinen Gefühlen steht. Von diesen Machokerlen mit ihren von Steroide vollgepumpten Körpern gibt es mehr als genug. Zum Vögeln ganz gut, aber sonst zu nichts zu gebrauchen."

„Wenn du solche Kerle nicht magst, warum bist du gestern Abend dann in diesen Club gegangen? Er ist bekannt dafür, dass Kerle da hingegen um eine schnelle Nummer zu suchen."

Denis kratzt sich verlegen am Kopf. „Na ja", gesteht er, „ich bin neu hier und mir war es noch nicht bekannt. Aber ich habe schnell bemerkt in was für eine Art Club ich gelandet bin und wollte auch zügig den Rückzug antreten, aber dann habe ich dich gesehen."

Seine Finger gehen auf Wanderschaft und streichen hauchzart über meinen freien Unterarm. Sofort bildet sich bei mir eine Gänsehaut. „Du warst irgendwie anders."

Ich lache freudlos. „Das bin ich aber nicht. Ich war auch nur darauf aus einen One-Night-Stand zu finden."

„Dennoch warst du anders." Er zieht seine Hand zurück und blickt geradeaus, und schweigt eine ganze Weile lang. Zeit, die ich zum Nachdenken nutze und versuche mit meinem noch etwas trägem Hirn zu verstehen. Bis ich mich dazu durchringe die Stille zu durchbrechen und es auf den Punkt zu bringen.

„Was tun wir hier eigentlich?"

Das bringt Denis aus seiner Starre und den Glanz in seine Augen zurück. Er dreht sich schwungvoll zu mir um und bringt das Bett zum Wackeln. Etwas, das meinem Magen nicht ganz gut bekommt. Ich presse mir die Hand auf den Bauch.

„Dummerchen", schimpft er gutmütig. „Wir lernen uns kennen, das tun wir hier." Das Lächeln auf seinem Gesicht färbt auf mich ab.

„Im Bett?", spotte ich.

„Du hast recht, wir sollten aufstehen. Es ist Zeit zum Mittagessen. Lass uns mal schauen, was du so hast." Damit will er schon aufspringen, doch ich halte ihn am Arm fest. „Für mich nichts, ich krieg nichts runter", jammere ich und presse demonstrativ die Hand weiterhin auf den Bauch. Denis verdreht die schönen Augen. „Warum musstest du gestern auch so viel in dich hinein kippen?", rügt er mich milde. „Darf ich mich denn an deinen Vorräten bedienen?"

Ich mach eine ausschweifende Handbewegung und nicke. „Nur zu, fühl’ dich wie zu Hause." Und das ist sogar ernst gemeint. Es kommt mir so vor, als würden wir uns nicht erst seit gestern Abend kennen. Es ist mir nicht unangenehm ihn in meiner Wohnung zu wissen. Seltsam, wer hätte gedacht, dass der so schlecht beginnender Abend einen so guten morgendlichen Verlauf hat. Ich muss sagen es war - und ist es immer noch - ein gutes Gefühl am Morgen "danach" nicht alleine zurückzubleiben. Denis ist eine sehr angenehme Abwechslung. Wir sind nicht intim geworden, sondern haben einfach nur geredet. Ich habe schon völlig vergessen wie das ist, so abgestumpft wie mich die Routine machte.

Aus einem mir völlig unbegreiflichen Impuls heraus packe ich Denis am T-Shirt und ziehe ihn für einen keuchen Kuss zu mir herunter. Unsere Lippen berühren sich nur kurz und ganz zart, aber es kommt mir vor als würde ein Feuerwerk in mir ausbrechen. Ein berauschendes Gefühl. Der Blondschopf schaut erstaunt, lächelt dann jedoch gutmütig und streicht mir über die Wange.

„Wie wär’s’", meint er, „wenn wir morgen Abend zusammen essen gehen. Ich lad’ dich ein."

Nun hebe ich verwundert meine Augenbrauen. „Soll das ein Date sein?" Denis zuckt sorglos die Schultern. „Mal schauen was daraus wird."

Gerade dann, wenn ich glaube aufgeben zu müssen, platzt dieser Mann in mein Leben und bringt wieder etwas Hoffnung hinein. Ein Date. Ein Date mit Denis.

Ganz aufgeregt erhebe ich mich aus dem Bett, muss mich aber kurz am Bettrand festhalten. Vom abrupten Aufstehen ist mir leicht schwindelig geworden. „Ich glaub, ich trinke jetzt doch einen Kaffee."

Denis lacht ausgelassen und kommt um das Bett herum, um einem Arm um meine Schulter zu legen. „Soll das ein `Ja´ sein?"

Ein freudiges Lächeln  breitet sich auf meine Lippen aus und lässt mich ganz die Übelkeit vergessen. „Ja, sehr gerne", erwidere ich wahrheitsgemäß und ernte dafür das bezaubernde Leuchten seiner Augen.


~Ende~

Danke fürs Lesen!
Eure Tigerauge