Verrückt wie ein Hutmacher

GeschichteFantasy / P12
27.02.2012
09.07.2012
9
9.514
 
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
27.02.2012 1.181
 
“Alice?...“
Aus weiter Ferne konnte ich eine Stimme wahrnehmen.
“Alice… bist du noch da?
Die Stimme kam mir seltsam vertraut vor.
“Alice, komm schon, wir haben nicht ewig Zeit.“
Nun klang sie klarer, nicht mehr so weit entfernt.
Ich stand in purer Dunkelheit, nur vor mir konnte ich einen kleinen Lichtstrahl sehen. Und noch etwas. Etwas bewegte sich im Licht und kam auf mich zu. Ich konnte nicht
richtig erkennen was es war. Der Schatten kam mir immer näher, aber er wurde nicht viel größer. Ich brauchte ein bisschen, bis ich die Gestalt vor mir erkannte. Eine Katze. Eine kleine Katze mit rotem Fell schlich sich zu mir. Als sie mich erreichte, schnurrte sie mit ihrem Kopf um meine Beine, tätschelte mich leicht mit ihrem Schwanz und setzte sich dann vor mir auf den Boden. Ich erinnerte mich an die Worte meines Vaters: “Alice, Katzen können nicht grinsen.” Doch genau in diesem Moment wusste ich, dass er falsch lag. Die Katze, die vor mir saß, grinste mich an. Ein breites Grinsen zierte ihr Gesicht. Obwohl ich mich in der Dunkelheit einsam und allein fühlte, musste ich jetzt ebenfalls grinsen. Aus meinem Grinsen wurde ein lautes Lachen. Ich konnte es nicht zurück halten. Eine Weile lang lachte ich nur. Als sich plötzlich das Grinsen der Katze in einen ersteren Gesichtsausdruck veränderte, verschwand auch mein fröhliches Gesicht. Nun starrte mich die Mieze einfach nur an. Doch ich hörte wieder eine Stimme in meinem Kopf. Es war nicht die gleiche Stimme wie vorher, doch ich glaubte, dass die Katze mit mir reden würde. “Alice... schließ die Augen... pass auf dich auf und werd nicht verrückt” Sie drehte sich um und lief davon. Ich schaute ihr noch einen kurzen Augenblick verwundert hinterher. Dann fragte ich mich, warum ich die Augen schließen sollte. Ich hatte Angst in dieser schrecklichen Dunkelheit, also kam ich zu dem Entschluss es einfach auszuprobieren. Ich schloß meine Augen. Ich sah nichts mehr und konnte auch kein Geräusch wahrnehmen. Nichts passierte. Doch als ich meine Augen wieder öffnete, wurde ich von einem hellen Licht geblendet. Die Umgebung hatte sich verändert. Ich stand nicht mehr inmitten der Dunkelheit, jetzt saß ich auf einem Stuhl und eine Lampe über mir blendete mich. Ich sah mich verwirrt um. Weiße Wände, grünblauer Fußboden. Ich saß auf einem normalen Stuhl, an einem normalem Tisch. Meine Schuhe waren anders und ich trug auch nicht mehr mein blaues Kleid mit der Schürze. Das was nun meinen Körper verdeckte, war überhaupt kein Kleid. Es war ganz normale Kleidung. Ein langweiliges T-shirt und eine langweilige Hose. Der Gedanke, dass ich mein Kleid nicht trug, ließ ein bisschen Panik in mir aufsteigen. Ohne mein geliebtes blaues Kleid fühlte mich mich nackt.
“Alice... endlich wieder da?” Ich schreckte zusammen. Erst jetzt bemerkte ich, dass jemand am anderen Ende des Tisches vor mir saß. Er trug einen langen Weißen Kittel und eine Brille. Er sah aus wie ein Doktor. Er war nah genug und ich konnte erkennen, dass sich mein Gesicht in seinen Brillengläsern spiegelte. Zerzauste Haare, Dreck und Narben im Gesicht. Ich sah recht ungepflegt aus. Und meine Augen... sie waren seltsam leer. Plötzlich wusste ich wieder, wo ich war. Ich wusste, was gleich kommen würde und wie ich reagieren musste.
“Können wie endlich anfangen, Alice?” fragte mich die Person vor mir.
“Natürlich, Doktor” ich wollte gelassen wirken.
Der Doktor fuhr fort: “Gut. Dein Name ist Alice Liddell. Woher kommst du?”
Ich wusste es. Es waren immer wieder die gleichen Fragen. Immer und immer wieder. Doch ich blieb gelassen: “Ich komme aus dem Wunderland. wie ich ihnen bereits bei den letzten Malen erzählt hatte, Doktor.”
“Aber Alice, das Wunderland existiert nicht. Es ist nur eine Einbildung in die du fliehen möchtest wenn du Abstand zur Realität brauchst.”
Es nervte mich. Es war immerwieder das gleiche Spiel: “Also sind meine Freunde aus dem Wunderland auch nicht echt?”
“Nein, Alice, sie sind nicht echt. Sie sind nur Fantasiegestalten, die du dir erdacht hast um nicht allein zu sein.”
Irgendwie ähnelte das Ganze einem Theaterstück, wie eine eingeübte Vorstellung. Es war immer wieder das Gleiche und niemand war bereit von seiner fabelhaften Rolle abzuweichen.
“Warum sollte ich so etwas tun?” ich fragte, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
“Der Tod deiner Eltern, das Feuer, deine Schwester, die Jahre im Waisenhaus und zu guterletzt die Sache mit der Vergewaltigung” So grob und gefühlslos wie er mit mir umging sollte ich eigentlich von seinen Worten geschockt sein, doch bei all den vorrangegangenen Sitzungen mit ihm wusste ich, wie man ruhig blieb. Wir spielten unsere Rollen perfekt. Er war der Doktor, der seine schwierigste Patientin davon überzeugen wollte, dass sie verrückt sei, und ich war diese Patientin, die glaubte aus dem Wunderland zu kommen und um jeden Preis wieder dahin wollte. Nur wusste ich, dass er im Unrecht lag und ich nicht. Ich konnte sein wahres Gesicht sehen. Denn Menschen verstecken sich und ihre Seele hinter einer Maske um nicht erkannt zu werden. Für die anderen Leute in der Klinik war er ein gutmütiger Arzt der nur helfen wollte, doch ich wusste da war mehr. In meinen Augen war er eher ein Puppenspieler und alle Patienten und Mitarbeiter mussten nach seiner Pfeife tanzen. Und er wusste, was er tun musste, damit sie auch wirklich so reagierten wie er es wollte.
Während ich so darüber nachdachte, starrte ich in den Raum. In keine Bestimmte Richtung, aber ich starrte.
"Alice.. du schweifst schon wieder ab." Erst diese Worte holten mich dann wieder zurück und ich drehte meinen Kopf in die Richtung des Doktors. Mein Kopf fühlte sich sehr schwer an, meine Augen brannten und meine Hände zitterten. Scheinbar merkte er es, denn er stand auf und sagte: "Gut. Das reicht für heute, wir machen morgen weiter." Ein Pfleger betrat das Zimmer, stellte sich neben die offene Tür und ich merkte, dass er nur auf mich wartete. Ich stand auf. Meine Beine waren ebenfalls schwer und ich merkte den kratzenden Stoff, der ungewohnten Kleidung, am ganzen Körper. Der Pfleger ließ mich voran gehen. Im Flur war es ruhig. Keine weiteren Patienten waren zu sehen. Es war ein scheinbar endlos langer Flur. Als wir an einem Tisch vorbei kamen, sah ich etwas Merkwürdiges. Ein Büschel Haare lag mitten auf diesem Tisch. Es waren Katzenhaare. Woher ich das so genau wusste, konnte ich mir selber nicht erklären. Aber ich war mir sicher, es waren graue Katzenhaare. Ich wollte stehen bleiben um sie mir genauer anzusehen, doch der Pfleger drängte mich weiter nach vorne und so lief ich einfach weiter gerade aus. Ich wollte es vermeiden, dass die anderen mich für noch verrückter hielten, als sie es ohnehin schon taten.
In meinem Zimmer angekommen, wurde sofort hinter mir die Tür abgeschlossen. Mein Bett. Eine alte, unbequeme Matratze auf einem quietschenden Gestell. Aber es war mir egal, ich war müde und kaputt. Ich wollte mich nur noch ausruhen. Mein Bett. Meine Ruhe. Ich legte mich hin und schloss meine Augen. Nichts, kein einziger Gedanke schwirrte mir durch den Kopf, als ich mich langsam in die Taubheit des Schlafes begab.
Review schreiben