Was wäre wenn...

von Athdara
GeschichteDrama, Familie / P12
25.02.2012
11.04.2012
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Prolog
Die junge Frau ließ sich von zwei Dienerinnen Lord Asriels in ihr Brautkleid helfen. Es war aus weißer Seide, gerade geschnitten, so, dass es ihren Babybauch recht spielerisch verbarg. Das einzige außergewöhnliche an diesem Kleid war die vier Meter lange Schleppe, für die eigens die jüngsten Sprösslinge der befreundeten Adelsfamilien zu tragen gekommen waren. Doch Marisa wollte es so. Alle hatten sie gedrängt, mit der Hochzeit noch ein wenig zu warten, nur so lange, bis das Baby da war, damit sie sich ein wenig spektakulärer präsentieren konnte. Jedoch war die junge Frau schön genug, um selbst in diesem einfachen, weißen Kleid über alle anderen hinweg zu glänzen. Das einzige, was sie heute wollte, war Asriel zu heiraten – Den einzigen Mann, den sie je wirklich geliebt hatte und lieben würde und der ganz nebenbei auch noch perfekt war, um in der Gesellschaft sowie in der Wissenschaft aufzusteigen und Rang und Namen zu erlangen.
„Miss?“, wagte eine der Dienerinnen mit schüchterner Stimme zu fragen. Doch Marisa war heute nicht in der Stimmung, fies zu Dienerinnen zu sein. Sie verdrängte das verträumte aus ihrem Lächeln und sah die Frau an, die fast noch ein Mädchen war, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Ihr Daemon hatte vermutlich gerade erst seine richtige Gestalt angenommen, als einfaches Dienstmädchen hatte sie natürlich nur eine kleine Hündin, die jetzt brav neben ihr auf dem Boden saß. „Ja?“, erwiderte Marisa mit neutraler Stimme, allerdings lächelte sie immer noch und gab damit zu verstehen, dass die Dienerin uneingeschränkt reden durfte. Diese schien erleichtert, als sie weiter sprach. „Könntet Ihr euch vielleicht auf diesen Stuhl setzen, damit wir Eure Haare aufstecken können?“ So ein naives kleines Ding, von einem eigenen Willen war hier fast gar nichts zu spüren. Marisa fand, dass sie keine Antwort mehr wert war und setzte sich elegant auf den ihr zugewiesenen Stuhl. Sie überließ sich einfach den geschulten Händen der beiden Dienstmädchen, die schon bald anfingen, ihr langes dunkles Haar vorsichtig zu kämmen und hochzustecken.  
Während dies geschah, saß Marisas eigener Daemon, ein goldener Affe, auf einem kleinen Tisch in der Nähe. Sie fühlte sich etwas einsam ohne seine Berührung an ihrem Bein oder sein Fell zwischen ihren Fingern. Seltsam, dass allein fehlender Körperkontakt so ein Gefühl auslösen konnte. Selbstverständlich hatte die junge Frau selbst ihm das befohlen, schließlich war er männlich und man konnte ihm nicht erlauben, weibliche Handlungen mit zu verfolgen. Wenigstens saß der andere Teil von ihrer Seele nicht so weit entfernt, dass körperliche Schmerzen zu spüren waren. Es würde wohl ein ewiges Geheimnis bleiben, warum die Natur den meisten Menschen Daemonen eines anderen Geschlechtes zu Teil werden ließ, wie auch so vieles andere, was sie tat. Die Aufgabe der Menschen war es nicht, dass zu wissen. Doch Marisa wollte wissen, sie wollte immer mehr wissen als die meisten anderen Menschen, genau wie Asriel. Ein nicht gerade angebrachtes Thema zum Nachdenken, während man für den schönsten Tag des Lebens vorbereitet wurde.
Die junge Frau strich liebevoll über ihren Bauch. In der Mitte hielt sie inne und ließ ihre Hand etwas ruhen. Sofort bekam sie das, worauf sie gewartet hatte: Sie fühlte einen leichten Stups gegen ihre Hand. Ein glückliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, etwas, dass nicht oft vorkam, vor allem nicht ausgelöst durch echtes Glück. Noch zwei Monate würde es dauern, wenn die Berechnungen stimmten, die die Gelehrten von Jordan College getätigt hatten. In zwei Monaten war das kleine Ding endlich da. Sie hoffte, dass es ein Junge wurde, denn dann war für Asriels Erben gesorgt und sie konnten alles etwas langsamer angehen lassen, auch wenn ein Mädchen sicherlich auch ein Grund zur Freude war. Marisa zweifelte nicht daran, dass sie mehrere Kinder bekommen konnte, wenn sie wollte.
Erneut wurden ihre Gedankengänge von dem jungen Dienstmädchen unterbrochen. „Miss? Wir sind jetzt fertig. Wollen sie sich im Spiegel betrachten?“ Was für eine dumme Frage. „Ja, selbstverständlich“, antwortete sie. Es war bezeichnend für ihre gute Laune, dass sie das Dienstmädchen nicht zu recht wies. Die andere Dienerin, die bis jetzt geschwiegen hatte, holte einen Spiegel herbei und hielt ihn Marisa vors Gesicht. Darin spiegelten sich ihre vollen Lippen, ihre perfekt symetrisch zueinander stehenden, blauen Augen und ihre mittlerweile perfekte Hochsteckfrisur, aus der sich, wie zufällig gelöst, eine Locke über ihre Schulter ringelte. Sie war zufrieden. Die beiden Dienstmädchen halfen ihr beim Aufstehen, damit sie nicht auf die Schleppe trat. Schließlich wurde noch ein wenig an dem Kleid herum gezupft, bis sich schließlich die Tür öffnete und ein Butler verkündete, es könne losgehen. Anmutig winkte die junge Frau ihrem goldenen Affen, der die Pfoten von den Augen nahm und begann, neben ihr her zu hüpfen.

Wenig später stand Marisa an einer Seite der Kirche, an der Hand ihres Vaters, der, genau wie sie, lächelte. Dass sie sich kirchlich verheirateten, nachdem sie es vor einigen Tagen standesamtlich getan hatten, war ihre Idee gewesen. Obwohl sie, genau wie Asriel, keineswegs die Ansichten der Kirche teilte, war es ganz sicher ein kluger Schachzug, eine kirchliche Ehe zu führen, wenn man später einmal für gewisse Geschäfte Unterstützung brauchte. Außerdem war es, obwohl sie es natürlich niemandem anvertraut hatte, seit ihrer Kindheit ihr Wunsch, so zu heiraten, einfach, weil es ganz sicher romantisch war. Und ein dritter Grund, der ihren Verlobten letztendlich auch dazu bewegt hatte, ihrem Drängen nach zu geben, war, dass alle ihre Freunde, Bekannten und Verwandten es von ihnen erwarteten.
Jetzt ertönte die Musik aus der Orgelempore. Marisa war so aufgeregt, dass ihr ganz schwindelig wurde. Sie klammerte sich so fest an die Hand ihres Vaters, dass es, wie sie später dachte, ein Wunder war, dass sie diese nicht zerquetscht hatte. Endlich war es soweit! An der anderen Seite erschien Asriel, ebenfalls in Begleitung seines Vaters. Auch er lächelte und sein schon etwas von Falten durchzogene Gesicht sah heute, ihrer Meinung nach, auch wundervoll aus. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als ihr Vater sie zum Altar führte um sie ihm zu übergeben. Es war ein so wundervolles Gefühl, das sie beinahe nicht mitbekam, was um sie herum geschah. Die Predigt des Pfarrers übersprang sie innerlich, ebenso das Singen und die Lieder, auch von den Tränen, die ihre Mütter weinten, bekam Marisa nichts mit. Ihr Inneres war nur auf den einen Augenblick konzentriert, indem es passieren würde und als er endlich da war, konnte sie ihn kaum realisieren.
„Asriel, willst du die hier anwesende Marisa zur Frau nehmen?“
Sie sah ihn an, mit einer Art zittriger Erwartung und er lächelte sie selbstbewusst an, ehe er dem Pfarrer laut und lächelnd die Antwort gab. „Ja, ich will.“
Nun wandte sich der Pfarrer ihr zu. Das schwindelige Glücksgefühl in ihrem inneren drohte Oberhand zu nehmen, doch sie musste sich zusammenreißen, damit allein das glückliche Lächeln auf ihrem Gesicht zu sehen war, denn sie wusste, nur Asriel und ihr Vater, dessen Hand sie beinahe zerquetscht hätte, wussten, wie aufgeregt sie war.
„Marisa, willst du den hier anwesenden Asriel zum Mann nehmen?“
Als sie antwortete, legte sie ihr ganzes Glück hinein und war selbst überrascht, wie selbstbewusst und glücklich ihre Antwort klang: „Ja, ich will.“
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