Heilig

von sunXmoon
GeschichteDrama, Fantasy / P18
23.02.2012
28.05.2012
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Stille lag über den Brüdern. Lediglich eine schwache Brise schien die Federn ihrer Schwingen zu bewegen. Sie saßen nebeneinander, wie sie es so oft taten, doch in letzter Zeit war dem Engel aufgefallen, dass sich sein Bruder immer mehr in Gedanken zurückzog. Er war alleine unterwegs und wenn er zurückkam, war seine Miene ernst und nachdenklich.
Doch wann immer der Engel seinen Bruder darauf ansprach, lächelte dieser nur. "Ein andermal", versprach er und immer wieder "Ein andermal". Sie hatten niemals Geheimnisse voreinander gehabt, jetzt jedoch spannte sich eines zwischen ihnen auf und der Engel hatte das Gefühl, dass es sie immer weiter auseinander zwang. Sein Bruder jedoch sprach nicht darüber.
Bis zu diesem Tag, an dem sein Bruder ihn plötzlich anblickte. "Hast du manchmal nicht das Gefühl, dass wir auf der falschen Seite stehen?"
Der Engel legte die Stirn in Falten. "Die falsche Seite?" Tatsächlich hatte er noch nie ein derartiges Gefühl gehabt.
Sein Bruder machte eine ausladende Bewegung. "Richtig, die falsche Seite. Die falsche Seite in diesem Krieg. Wir beschützen die Menschen. Wofür? Sie danken es uns nicht, sie wissen nicht einmal, dass wir existieren und dennoch nehmen wir Verluste für sie in Kauf. Wir können einfach hier bleiben, ein friedliches Leben führen..."
"Du solltest nicht über solche Dinge reden", bemerkte der Engel.
Ein leises Lachen war die Antwort. "Fürchtest du, dass man uns belauschen könnte oder bist du tatsächlich der Meinung, das ich Unsinn rede."
"Du redest Unsinn", war die Antwort. "Du weißt genauso gut wie ich, dass es um das Gleichgewicht geht. Wer soll sich um sie kümmern, wenn nicht wir? Wir können sie nicht einfach sich selbst überlassen."
Sein Bruder schnaubte. "Natürlich nicht. Wenn wir ihnen nicht die Möglichkeit geben, werden sie sich nie um sich selbst kümmern können. Ich will nur wissen wozu. Es ist unser Befehl, ich weiß, aber wir folgen diesen Worten einfach nur, ohne uns jemals zu fragen, was wir tun."
Der Engel schwieg. Was sein Bruder da aussprach, war riskant, sogar gefährlich. Es waren nicht die Fragen an sich, jeder war frei zu denken, was er wollte. Doch er musste mit den Konsequenzen leben. Die Dinge, von denen sein Bruder sprach, waren scharf an der Grenze und er fürchtete, sein Bruder könnte darüber treten. "Ist es das, worüber du in den letzten Tagen nachgedacht hast?", fragte er. "Das, worüber du nicht sprechen wolltest?"
Sein Bruder lächelte. "Du bist noch nicht bereit. Ein andermal."


Also traf Lucian sich mit Megan und obwohl Charme nicht seine größte Eigenschaft war, schaffte er es, sie zu einem weiteren Treffen zu verabreden und einem weiteren danach, immer in der Hoffnung, sie würde irgendwann ein Anzeichen dafür geben, dass sie die gesuchte Person war.
Doch während das Verhalten zwischen ihnen immer vertrauter wurde, wurde Lucian immer verzweifelter. Megan war eine freundliche Person, ohne Zweifel und sogar ihm fiel es leicht, sich mit ihr zu unterhalten, doch er hatte das Gefühl, manchmal zu Unrecht ungeduldig zu werden, weil er so verzweifelt darauf wartete, ein Zeichen zu erhalten.
Während Micah die Entwicklung mit Misstrauen betrachtete, bestand Hazel darauf, dass sie möglicherweise nur Zeit benötigte. "Wir haben nicht die geringste Spur außer ihr", erklärte sie. "Das beste, was wir aus der Situation machen können ist, es weiter zu versuchen. Und was ist, wenn erneut Dämonen auftauchen und Lucian nicht in der Nähe ist? Wir können jetzt nicht einfach aufgeben."
Lucian hegte den leisen Verdacht, dass es Hazel viel mehr darum ging, die Menschenfrau und ihr Kind vor den Dämonen zu schützen als wirklich darum, ob es die Richtige war oder nicht. Aber so war Hazel eben. Selbst wenn es um das Wohl der Menschheit ging, konnte sie sich immer noch um den Einzelnen sorgen. Es war ihm ein Rätsel, wie sie das anstellte, ohne den Verstand zu verlieren.
Aber er traf sich weiterhin mit der jungen Mutter, auch auf die Gefahr hin, dass sie langsam aber sicher begann, ihn zu mögen. Zumindest konnte er die Zeit nutzen, die Frau besser kennen zu lernen, die zu beschützen er geschworen hatte.
Wie sich herausstellte, arbeitete Megan tagsüber in einer Bank, was ihr förmliches Äußeres an dem Tag erklärte, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Und jedes Mal, wenn sie sich trafen, hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie dafür keine Zeit mit ihrer Tochter verbringen konnte. Aber Lucians Angebot, Samantha mitzubringen, schlug sie vorerst aus.
"Es ist nicht so, dass ich glaube, sie könnte dich nicht mögen", erklärte sie an einem Nachmittag. "Aber ich glaube es wäre merkwürdig für sie, zu sehen, dass ich mich mit einem Mann treffe. Das gab es bisher noch nicht."
"Was ist denn mit ihrem Vater?", erkundigte sich Lucian. "Kann sie ihn nicht besuchen? Das würde dir einen Aufpasser ersparen."
Doch Megans Gesicht verriet ihm, dass er mit diesen Worten mitten ins Fettnäpfchen getreten war. "Sams Vater lebt nicht mehr", stellte sie mit belegter Stimme klar, doch sie führte ihre Worte nicht weiter aus und Lucian wagte nicht, genauer nachzufragen.
Samantha blieb also weiterhin bei einem Kindersitter, wenn einer verfügbar war und bedingt dadurch waren die Treffen mit Megan seltener, als es Lucian lieb gewesen wäre. Manchmal gab es keinen Aufpasser, manchmal wollte sie lieber Zeit mit ihrer Tochter verbringen. Was auch immer es war, Lucian nahm es hin und beobachtete an diesen Tagen das Haus von seinem stummen Beobachtungsposten aus.
Auf diese Weise sah er auch viel mehr von Samantha, als Megan ahnte. Er sah ihr Strahlen, wenn ihre Mutter bei ihr war und wie sie das Gesicht verzog, wenn Megan sie morgens an der Schule absetzte. Er sah, wie sich ihre kleine Hand in Megans schmiegte oder wie sie sich nach ihr umdrehte, wenn sie voraus gerannt war. Das Vertrauen von Kindern hatte ihn immer erstaunt, doch wenn er Megan und Samantha beobachtete, stellte er manchmal fest, dass nicht alles auf der Erde so kalt und abweisend war, wie er es wahrnahm. Auch wenn er niemals ein Teil von dieser besonderen Wärme sein würde.
In der gemeinsamen Wohnung, die er sich mit Micah und Hazel teilte, war er bereits seit einiger Zeit nicht mehr gewesen und die beiden sahen das mit Besorgnis. Natürlich wussten sie, wie wichtig es war, dass sie nicht versagten, doch Lucian hatte ihnen nichts von der Begegnung mit dem Engel erzählt und so wussten sie auch nichts von dessen Vorhersage, dass diesmal alles zuende gehen würde. Und er würde nicht versagen können. Wenn dies die letzte Möglichkeit hatte, sich und alle die ihm folgten reinzuwaschen, dann würde er sie ergreifen müssen.
Also war er die meiste Zeit draußen, manchmal begleitet von Hazel oder Micah, meist jedoch allein, den Kopf voll düsterer Gedanken und Überlegungen. Nur vor den Treffen mit Megan kehrte er zur Wohnung zurück, um sich vorzubereiten. Es war nicht das erste Mal, dass sie Abends ausgingen, aber das erste Mal, dass er sie zum Essen eingeladen hatte, auf einen Tipp von Micah hin, der immer wieder über Lucians Erzählungen den Kopf schüttelte. Seine Erfahrung kam ihnen wenigstens zu Gute, denn so konnte er Lucian wenigstens Ratschläge erteilen, wie dieser sich am Besten zu verhalten hatte. Sie hatten außerdem verabredet, dass er sie begleiten würde, wenn auch natürlich unerkannt.
Und so fand sich Lucian schließlich in einem Restaurant wieder, gegenüber von Megan sitzend, die zu gleichen Teilen verlegen und aufgeregt wirkte und Micah im Blickfeld, der zwei Tische weiter saß. Noch nie hatte er sich so unwohl dabei gefühlt, den Freund in der Nähe zu wissen.
Er lenkte sich dadurch ab, dass er Megan betrachtete. Sie war, von allen Menschen denen er bisher begegnet war, auf alle Fälle derjenige, mit dem er die meiste Zeit verbracht hatte. Und auch wenn er das nicht wirklich als Errungenschaft betrachtete, so erlaubte ihm das doch einen besseren Einblick in Megans Charakter.
Viel von ihr hatte er nicht über die Dinge erfahren, die sie sagte, sondern die sie verschwieg. Dass sie ihre Tochter liebte war offensichtlich und es war die Eigenschaft, die sie am meisten prägte. Aber daneben war sie einsam. Es hatte Lucian überrascht, als er es herausgefunden hatte. Megan schien immer zu lächeln, immer fröhlich zu sein, doch manchmal lag in ihren Augen eine Sehnsucht, die ihm vertraut vorkam.
Sie hatte selbst zugegeben, dass sie bereits seit Ewigkeiten mit niemandem mehr ausgegangen war und bei einer anderen Begebenheit hatte sie wie nebenbei bemerkt, dass auch die Anzahl ihrer weiblichen Freundschaften sich in Grenzen hielt. Die meiste von ihnen waren ebenfalls Mütter, deren Kinder mit Sam in derselben Klasse waren und die Gesprächsthemen waren nicht gerade breit gefächert. Die restliche Bekanntschaften beschränkten sich auf Arbeitskollegen.
Mit einem kleinen Kind als Hauptbekanntschaft war es nicht schwer sich vorzustellen, dass man sich sehr schnell einsam fühlte. Es war nicht zu leugnen, dass Samantha einen großen Teil von Megans Leben ausfüllte, doch sie war kein Gesprächspartner, dem sie ihre Sorgen anvertrauen konnte oder bei dem sie sich einfach einmal anlehnen konnte. Im Gegenteil, meist  war es anders herum und Samantha erzählte von den Dingen die sie erlebt hatte oder die sie ängstigten, während Megan für sich blieb. Aber nach all der Zeit etwas an den Dingen zu ändern, die ihr inzwischen so vertraut waren, ließ sie gleichzeitig auch nervös zurück. Verletzlich.
"Du hast mir bisher noch nicht verraten, was du beruflich machst", bemerkte sie, während sie in ihrem Salat stocherte und Lucian sein möglichstes tat, Micahs kaum verhüllte Blicke zu ignorieren. Er hätte Hazel mitnehmen sollen, das wäre leichter gewesen.
"Ich bin...arbeitslos", erwiderte er zögernd und als sie den Blick hob, fügte er rasch hinzu. "Soldat. Aber momentan nicht im Einsatz." Es war so nahe an er Wahrheit, wie er ihr nur irgendwie kommen konnte.
"Soldat?" Überrascht zog sie eine Augenbraue hoch. Vermutlich hatte sie in ihm keinen Kämpfer gesehen, was Lucian nicht weiter verwunderte. Er hatte in den letzten Tagen den vertrauensvollen Zuhörer gegeben und kaum über sich geredet, aber mit dem ruhigen Auftreten konnte man ihn sich kaum mit einer Waffe auf dem Schlachtfeld vorstellen. Aber ganz offenbar bemühte sie sich darum, keine Vorurteile zu zeigen. "Wie ist das so?", fragte sie stattdessen.
"Anstrengend", gestand Lucian, selbst erstaunt wie leicht ihm die Worte über die Lippen kamen, obwohl er darauf achten musste, sich nicht zu versprechen. "Darauf zu vertrauen, dass die Vorgesetzten die richtigen Entscheidungen treffen und sein Leben in ihre Hände legen? Personen verlieren, die einem wichtig werden? Es ist anstrengend."
"Hast du schon viele verloren?", erkundigte sich Megan vorsichtig, offenbar nicht sicher, ob sie diese Frage stellen durfte.
Lucians Gedanken wanderten zu seinem Bruder, welche der Grund für all den Ärger war. Zu Ariane und der Frage, was sie wohl denken würde, würde sie ihn hier sehen. "Einige", antwortete er langsam.
Sie legte ihr Besteck ab. "Was ist mit deinem Bruder?"
Für einen Moment kräuselten sich Lucians Lippen. "Ist das ein Verhör?", fragte er. Es sollte ein Spaß sein, doch er sah die Wahrheit in Megans Augen. Er war ihr ein Zuhörer gewesen und sie mochte ihn, doch sie musste ihn auf irgendeine Art und Weise testen und Megans Art war das Gespräch. Also seufzte er und ergab sich. "Mein Bruder gehörte zu den Verlusten, ja, wenn auch nicht auf dieselbe Art. Wir standen uns einmal sehr nahe, aber dann wurde er schwieriger, komplizierter. Er begann zu zweifeln und sich bei allem, was wir taten zu fragen, ob nicht mehr dahinter steckte, ob es nicht klüger wäre selbst zu bestimmen, statt zu gehorchen."
"Das klingt nicht schlimm", bemerkte Megan sanft.
"Ist es auch nicht", stimmte Lucian zu, wenn auch nicht ganz überzeugt und einmal mehr merkte er, wie anders die Menschen dachten. Man konnte Sympathie für sie empfinden, aber eine wirkliche Verbundenheit zwischen ihnen würde wohl nie existieren. "Solange man damit nicht andere in Gefahr bringt. Aber er weigerte sich, auf meine Warnungen zu hören und begann sich schließlich einzubilden, ich würde gegen ihn arbeiten. Unsere Wege...trennten sich."
Megan beobachtete ihn aufmerksam. "Du vermisst ihn", stellte sie fest. Für einen Menschen war sie sehr aufmerksam, das musste man ihr lassen. Lucian war gekonnt darin, seine Gesichtszüge unbewegt zu lassen, aber es musste das leise Flattern seiner Stimme gewesen sein, das ihn verraten hatte.
"Er ist mein Bruder", gab er zur Antwort und die Endgültigkeit seines Tons machte klar, dass das Thema für ihn beendet war, doch er sah das schwache Lächeln auf Megans Lippen.
Welche Antwort sie auch immer erwartet hatte, offenbar schien er mit dem, was er gesagt hatte, nicht allzu schlecht abgeschnitten zu haben, selbst wenn Micah in einiger Entfernung stumm den Kopf schüttelte. Wenn er noch auffälliger lauschte, würde er bald mit dem Ohr auf ihrem Tisch hängen, glücklicherweise jedoch schien Megan Lucian interessanter zu finden als dass sie sich nach auffälligen Lauschern umgesehen hätte.
Nachdem er sich einmal durch das Persönlichste manövriert hatte, wurden ihre Fragen harmloser. Sie erkundigte sich nach seinen Freunden und Lucian machte sich ein Vergnügen daraus, ihr von Micah zu erzählen, während dieser sich zurückhalten musste, einzuspringen. Während des Gespräches wurde Lucian jedoch eines besonders klar: es gab kaum etwas, was er von sich erzählen konnte. Manches musste er ihr verschweigen, aber selbst wenn er ihr davon berichtet hätte, wäre wenig übrig geblieben. Es gab wenig im Leben eines Engels, das es wert war, so in Erinnerung gehalten zu werden wie bei den Menschen. Seine Aufgabe und seine Artgenossen und daneben kaum etwas und so fielen seine Antworten meist etwas zögerlich aus.
Irgendwann bemerkte Megan mit einem Blick auf die Uhr, dass es Zeit wäre, zurückzukehren. Sie blieb nie gerne allzu lange weg, wenn sie wusste, dass ihre Tochter daheim war, selbst wenn sie beaufsichtigt wurde.
Aus Gewohnheit bot Lucian an, sie nach Hause zu begleiten, halb in der Erwartung, dass sie wieder ablehnen würde, doch diesmal lächelte Megan ihm zu. "Warum nicht?"
Für einen Augenblick war Lucian wie erstarrt und erst, als er das sachte Nicken Micahs aus den Augenwinkeln wahrnahm, erhob er sich so hastig, dass sich Megans Lächeln bis in ihre Augen fortsetzte.
Wenn Lucian auch glaubte, dass er ein schlechter Gesprächspartner war, so war sie offenbar anderer Meinung, jedenfalls legten sie den Rückweg nicht schweigend zurück. Im Gegenteil, irgendwie gelang es ihr, das Gespräch am Laufen zu halten, während sie in der lauen Nachtluft nebeneinander die Straße entlang schlenderten, die er inzwischen so gut kannte, bis zu jenem Haus, dessen Fassade ihm in den letzten Tagen so vertraut geworden war.
Kaum dass Megan die Tür aufgeschlossen hatte, kam ihnen das Mädchen entgegen, das für den Abend auf Samantha aufgepasst hatte, ein junges Ding von vielleicht siebzehn Jahren und einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen. Sie musterte Lucian, offenbar überrascht Megan in Begleitung zu sehen, doch was auch immer in ihrem Kopf vorging, sie behielt es für sich. Statt etwas zu sagen, lächelte sie auch ihm zu, was Lucians Unwohlsein nur noch verstärkte.
"Sam schläft seit einer halben Stunde", informierte das Mädchen Megan, während diese sie auszahlte. "Sie war vollkommen brav, wie immer. Sie wollte ein wenig länger aufbleiben, damit ich die Geschichte zuende lesen kann, aber ansonsten gab es nichts Besonderes."
Megan schien erleichtert, was Lucian irritierte. Wenn es, wie das Mädchen sagte, normal war, dass Samantha sich gut betrug, warum überraschte es Megan dann? Die Sorgen einer Mutter würden sich für ihn wohl nie vollkommen erschließen.
Erst als das Mädchen verschwunden war, drehte sich Megan zu ihm herum und zu seiner Überraschung wirkte sie ebenso unbeholfen wie er sich fühlte. "Du kannst die Jacke ausziehen, wenn du möchtest", erklärte sie und schmunzelte, als Lucian einige Sekunden brauchte, bis er reagierte und ihr die Jacke reichte. "Wenn du willst, mach es dir schonmal in der Küche bequem. Einfach die zweite Tür links. Ich komme gleich nach."
Mit diesen Worten verschwand Megan, vielleicht um nach ihrer Tochter zu sehen, vielleicht um ihre Handtasche zu verstauen, so genau konnte Lucian das nicht sagen. Er sah ihr nach und überlegte, ob er einfach warten sollte, statt auf ihre Worte zu hören. Sich in diesem Haus zu bewegen, fühlte sich vollkommen falsch an. Das, was er hier tat, war viel zu menschlich für seinen Geschmack, viel zu ungewohnt. Eine viel zu drastische Maßnahme.
Aber da er sich bereits nach kurzer Zeit verloren fühlte, folgte er ihren Worten. Es war seltsam, an einem Ort zu sein, an dem niemand seiner Gefolgsleute war. Natürlich, er wusste dass ihre Augen auf dem Äußeren lagen, aber hier? Er glaubte nicht, dass ihm hier irgendeine Gefahr drohte, denn Dämonen würde es im Haus mit Sicherheit nicht geben, dennoch fühlte er sich so angreifbar und verletzlich wie schon lange nicht mehr.
Die Küche war, wie er feststellte, zugleich auch das Esszimmer, denn an einer Art Theke bildete zugleich den Tisch, um den herum vier Stühle standen, sowie ein Plastikhocker, der wohl dazu da war, dass Samantha auf die Stühle kam, ohne zu viel klettern zu müssen. Die Umgebung war aufgeräumt und sauber und hätten ihn nicht einige Dinge darauf hingewiesen, dass sie eine Tochter hatte, er hätte es nie vermutet.
Doch die bunte Müslipackung, von der aus ihn ein Cartoonalien aus anstarrte sowie diverse Tassen mit kindhaftem Aufdruck waren zumindest Indizien. Vermutlich hatte sie hier aufgeräumt, bevor sie zu dem Treffen gekommen war und hatte nicht gewollt, dass er sich durch die Umgebung ständig an die Tatsache erinnert fühlte, dass sie ein Kind hatte.
Unsicher, ob er sich setzen oder lieber warten sollte, lehnte Lucian sich auf die Theke und betrachtete seine Umgebung, während er gleichzeitig damit fortfuhr, sich durch sei Umfeld ein Bild der Menschen zu machen, die hier lebten. Er war, trotz seiner langen Zeit auf der Erde, nur sehr selten zu Besuch bei jemandem gewesen und so stellten ihn seine Überlegungen vor eine Herausforderung.
"Bist du ein Vogel?"
Schlagartig fuhr Lucian herum. Im Türrahmen stand das Mädchen, das er in den letzten Tagen öfters gesehen hatte, die Augen groß vor Neugierde und trüb von der Müdigkeit. Das blonde Haar fiel ihr locker um die Schultern und als er auf sie hinabblickte, schien sie beinahe schüchtern zu sein.
"Was?", fragte Lucian vollkommen vor den Kopf gestoßen, obwohl er sie sehr genau verstanden hatte und betete still zum Himmel. Herr, nein, lass es nicht wahr sein...
"Bist du ein Vogel?", wiederholte sie geduldig. Ihre Stimme war hell, wie man das von Kinderstimmen wohl erwarten würde, aber so klar und deutlich, als wäre sie schon sehr viel älter. "Nur Vögel haben Flügel. Aber wenn du ein Vogel bist, dann der Seltsamste, den ich je gesehen habe. Wieso kannst du sprechen? Und was machst du hier überhaupt?" Sie sah ihn an, mit diesem tiefen, fragenden Blick, den nur Kinder aufsetzen können.
Lucian blickte zurück, starr vor Entsetzen über seinen Fehler. Nicht Megan war es, die sei Bruder suchte. Er war im richtigen Haus, doch er hatte nicht der falschen Person gesehen. Es war ihre Tochter.
Samantha war das Wesen, auf das es sein Bruder abgesehen hatte.