Heilig

von sunXmoon
GeschichteDrama, Fantasy / P18
23.02.2012
28.05.2012
8
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Lucian hatte auch die Nacht über Stellung gehalten und hätte man ihn gesehen, man hätte ihn für einen einsamen Obdachlosen gehalten, der keinen Ort zum Schlafen hatte, wenn er auch etwas zu gut gekleidet war. In gewisser Weise hätte diese Einschätzung sogar gestimmt. Lucian fühlte sich bereits seit lange heimatlos und ein Haus zu beobachten, in dem vermutlich eine Familie lebte, machte es nicht besser.
Er hatte Spielzeug im Garten entdeckt und ging inzwischen davon aus, dass Megan Leroy Kinder hatte, vermutlich sogar verheiratet war, was das Schicksal der Frau nicht besser machte. Und er fühlte sich unwohl bei dem Gedanken. Die letzten beiden Menschen, die in Frage gekommen waren, hatten kaum Familie besessen, aber der Gedanke, eine Mutter und Ehefrau aus ihrem Leben zu reißen, machte das Ganze noch unangenehmer.
Vor allem, weil nicht nur sie in Gefahr war. Lucian war überzeugt davon, dass Devlin ohne zu zögern auch ihre Kinder entführen würde, um Megan in seine Gewalt zu bekommen und wie sollte er diese Frau dann davon überzeugen, dass sie dieser Drohung nicht würde nachgeben dürfen? Dass das Leben ihrer Kinder ein nötiges Opfer wäre, um etwas viel Schlimmeres aufzuhalten? Etwas Schlimmeres, von dem er nicht einmal genau wusste, worum es sich handelte? Er konnte nur hoffen, dass es nicht dazu kommen würde.
Erst in den späten Morgenstunden regte es sich hinter den Fenstern. Es war Samstag, vermutlich würde Megan also nicht arbeiten müssen und ihre Kinder, wie alt sie auch immer waren, hätten weder Schule noch Kindergarten. Tatsächlich öffnete sich kaum eine Stunde, nachdem die Vorhänge aufgezogen worden waren, die Haustür und Megan kam heraus, an diesem Tag lässiger gekleidet als am Abend zuvor, in Jeans und einem einfachen Shirt. An ihrer Hand hing ein junges Mädchen von sechs oder sieben Jahren, dessen blondes Haar zu einem einfachen Zopf gebunden war.
Lucian drückte sich in die Schatten, während er beobachtete, wie Megan mit dem Nachbarn ins Gespräch kam, der bereits seit einer guten halben Stunde damit beschäftigt war, sein Auto zu waschen. Ihre Stimmen waren zu leise, als dass Lucian sie hätte verstehen können, aber im Anschluss des Gesprächs beugte sich der Nachbar, ein gutmütig wirkender Mann Ende vierzig, über den Zaun und hob das Mädchen kurzerhand drüber. Die Kleine quietschte vor Freude und flitzte, kaum dass sie auf dem Boden abgesetzt worden war, zur Haustür.
Megan winkte ihrem Nachbarn noch, dann verließ sie ihren eigenen Vorgarten und machte sich auf den Weg, was auch immer ihr Ziel war.
Lucian hatte das Ganze aus sicherer Entfernung verfolgt und schälte sich nun aus den Schatten. Er blieb auf Abstand, aber behielt Megan im Auge, um sie nicht zu verlieren. Nicht nur, dass er versuchen wollte, noch einmal ins Gespräch mit ihr zu kommen, er wollte auch auf Nummer sicher gehen. Nachdem die Dämonen in der Straße nicht zurückgekehrt waren, würde Devlin mit Sicherheit alarmiert sein und es war nicht auszuschließen, dass seine Häscher für Ärger sorgen würden.
Doch es blieb erstaunlich ruhig, während Lucian angespannt der Frau folgte, die aller Wahrscheinlichkeit nach Devlins Ziel sein sollte. Und einmal mehr fragte er sich, wieso. Hatte sich etwas an seiner Taktik geändert? Aber das ergab keinen Sinn, warum sollte er? Andererseits hatte Megan nicht die gewohnte Reaktion gezeigt...wie er es auch drehte und wendete, etwas passte nicht und Lucian wurde das ungute Gefühl nicht los, dass er etwas übersah.
Für einige Momente kam ihm der Gedanke, dass Devlin vielleicht mit Absicht falsche Informationen verbreitet hatte. Wenn er geahnt hatte, wie dicht sie ihm auf den Fersen waren, hätte er dann einen vollkommen falschen Namen unter seinen Anhängern in Umlauf gebracht, nur um seinen Bruder von seinen Fersen zu bekommen? Die Überlegung machte ihn zugegebenermaßen nervös, aber Lucian drängte sie in den Hintergrund. Sein Bruder war größenwahnsinnig und nicht dumm, aber er war kein tückischer Pläneschmieder und vor allem war er nicht geduldig. Er hätte seine Zeit nicht damit verschwendet, seine Häscher auf eine falsche Fährte zu locken, wenn sie genauso gut die richtige hätten suchen können.
Und selbst wenn...Megan war der einzige Anhaltspunkt, den sie hatten. Er würde die Engel von den übrigen Posten abziehen müssen, überlegte Lucian, und sie nach weiteren Hinweisen forschen lassen. Vielleicht waren sie doch reingelegt worden...
Während Lucian sich seine Gedanken machte, konnte er zumindest beobachten, wohin Megan unterwegs war: ein kleiner Laden, in dem Lebensmittel und Kleinigkeiten für den Haushalt verkauft wurden, um den Anwohnern zu ersparen, jedes Mal zu einem der weiter entfernten und größeren Supermärkte zu fahren. Eine nette Gegend, in der sie hier lebte. Und obwohl Lucian mit Menschen nicht allzu viel am Hut hatte, fühlte er sich schäbig, sie aus dieser friedlichen, behüteten Welt heraus reißen zu müssen. Aber was wäre denn die Alternative? Warten, bis Devlin zuschlug und damit nicht nur ihr Leben, sondern das vieler weiterer Menschen zerstörte?
Lucian seufzte, als er draußen wartete und Megan durch eines der großen Fenster im Auge behielt. Nein, er würde sie einweihen müssen, ob sie nun die Gesuchte war oder nicht. Was sollte sie denn tun, wenn das nächste Mal Dämonen vor ihrer Haustür standen? Er konnte nicht immer darauf hoffen, sie so schnell und sauber entfernen zu können. Aber Lucian würde ihr Zeit geben, so viel wie er entbehren konnte. Diesmal würde er es anders angehen, nicht wie letztes Mal, als er versucht hatte, Mark die Wahrheit zu erzählen und ihn damit in eine wohlberechtigte Panik versetzt hatte, weil er Lucian nicht kannte und ihn die ganze Sache überfordert hatte. Fürchtet euch nicht..., dachte Lucian und lächelte grimmig.
Er wartete geduldig, bis er schließlich sah, dass Megan sich, mit Papiertüten beladen, zur Kasse begab, und witterte seine Chance. Hastig, bevor sie den Laden verlassen konnte, postierte er sich neben der Tür, so dass sie ihn beim Hinaustreten hoffentlich nicht sehen würde. Und abermals wartete er, diesmal beinahe angespannt, bis Megan schließlich aus der Tür trat und sich, ohne sich umzusehen, auf den Heimweg machen wollte.
"Kann ich behilflich sein?"
Als sie herumwirbelte, lächelte Lucian unverbindlich und trat einen Schritt vor, als sei er gerade zufällig des Wegs gekommen. "Verzeihung. Ich wollte Sie nicht erschrecken."
"Das haben Sie nicht", wehrte Megan ab, doch ihre Stirn schlug Falten und glättete sich erst, als plötzliche Erkenntnis in ihren Augen stand. "Ah, ich erinnere mich. Sie sind der Mann, der mich gestern fast über den Haufen gerannt hat."
Also wusste sie zumindest noch, wer er war. Gut. "Über den Haufen gerannt ist ein wenig grob ausgedrückt, meinen Sie nicht?", erwiderte er und wünschte sich zum ersten Mal in seinem Leben, er wäre Micah. Der Engel war der einzige, den er kannte, der aus seinem Aussehen wirklich einen Vorteil ziehen könnte und wäre er jetzt hier gewesen, er hätte diesen seltsamen Ausdruck aufgesetzt, den Frauen aus irgendeinem Grund so anziehend fanden, einige Sätze mit Megan getauscht und die ganze Sache wäre viel einfacher gegangen. Dummerweise war er nicht Micah. "Lucian", stellte er sich also vor und hoffte, das Beste aus der Situation zu machen.
"Megan", erwiderte sie freundlich. "Aber das wissen Sie ja bereits."
"Also kann ich Ihnen helfen?" Er warf einen heimlichen Blick auf ihre Hand. Sie trug keinen Ring am Finger, aber das musste ja nichts bedeuten in diesen Zeiten. Vielleicht hatte sie ihn zum Einkaufen ausgezogen oder war tatsächlich nicht verheiratet. Vielleicht war das Mädchen, das er gesehen hatte, auch gar nicht ihre Tochter, sondern ihre Nichte? "Quasi als Entschädigung dafür, dass ich Sie...über den Haufen gerannt habe", erklärte er, ehe er sich in Überlegungen über Megans Familienstand verstricken konnte.
Megan blickte von ihren Einkaufstüten zu Lucian und zögerte, doch schließlich nickte sie ihm zu. "Warum nicht? Wenn Ihr es nicht eilig habt." Ihre Worte schienen sie an etwas zu erinnern, doch erst übergab sie Lucian, der die Arme ausgebreitet hatte, einen Teil der Tüten und setzte sich in Bewegung. "Ihr sagtet gestern etwas von einem familiären Notfall. Sind die Dinge gut gelaufen?"
Lucian dachte an seinen persönlichen 'familiären Notfall', der mitnichten erst gestern begonnen hatte, aber heute noch genauso aktuell war wie vor Jahren. "Nicht so gut, wie ich gehofft hatte", antwortete er ausweichend. Noch immer war Devlin mehr Feind als Bruder und Lucian hatte kaum Hoffnung, dass sich dies je wieder ändern würde. Zu spät sah er die Besorgnis in ihrem Gesicht.
"Was ist denn passiert?", erkundigte sie sich vorsichtig und setzte dann hinterher: "Nur falls sie darüber reden wollen, natürlich."
Eigentlich wollte er nicht. Er hatte noch nie darüber geredet, wie ihm in genau diesem Moment auffiel. Mark, der letzte Mensch mit dem er engeren Kontakt gehabt hatte, hatte gewusst was auf ihn zukam, allerdings nicht, dass Devlin Lucians Bruder war. Und sämtliche anderen Engel wussten es ohnehin und brauchten seine Erzählung nicht. Lucian zögerte, unsicher was er sagen sollte. "Mein Bruder...zieht es vor, nicht länger Teil der Familie zu sein", antwortete er schließlich und fragte sich, ob das zu direkt war. Er hatte die Menschen schon lange beobachtet, aber er konnte sie nicht durchschauen und ihr Denken war ihm fremd. Was ein Mensch als angemessen erachten konnte, war dem anderen schon zu viel. Er verstand ihre Reaktionen oftmals nicht und das machte ihm schwer abzuschätzen, worauf Megan hinaus wollte.
Aber offenbar wollte sie auf gar nichts hinaus. Stattdessen stand nur Bedauern in ihren Augen. "Das klingt sehr traurig", bemerkte sie.
"Das ist es", bestätigte Lucian und offenbar bemerkte Megan, dass er nicht weiter darüber reden wollte oder es ihm zumindest schwer fiel, denn sie wechselte das Thema.
"Wie kommt es, dass ich Sie jetzt erst sehe? Die Gegend ist nicht sehr groß und Sie sind...nunja...erinnerungswürdig."
"Erinnerungswürdig?" Lucian konnte nicht anders, als leise über dieses Wort zu lachen. Bisher war er noch nie so beschrieben worden, aber er konnte sich vorstellen, dass es passte. "Ich lebe nicht hier. Ich bin...zu Besuch." Wenn man es denn so nennen wollte. Ein ziemlich langwieriger Besuch, wenn er daran dachte, dass er bereits einige Jahre auf der Erde verbrachte. Und möglicherweise ein Besuch, der nicht mehr enden würde, egal wie sehr er sich bemühte. Lucian warf einen Blick über seine Schultern auf die schwarzen Schwingen, die Megan nicht sehen konnte und brummte leise.
"Allerdings habe ich vor, die Gegend besser kennen zu lernen", fügte er rasch hinzu, bevor das Thema erneut umschwenken konnte. "Sie würden nicht zufällig...?"
"Ist das eine Einladung?" Ihr Lachen überraschte ihn. Es klang beinahe jugendlich und ließ sie jünger erscheinen, als sie war. "Auf der Straße von einem Fremden? Sie könnten sonstwer sein."
Er lächelte. "Glauben Sie mir, ich bin der reinste Engel." Und das war so nahe an der Wahrheit, wie er nur sein konnte, aber natürlich würde sie es nicht verstehen.
Stattdessen musterte Megan ihn. "Ich bin nicht überzeugt.", gestand sie, doch ihre Mundwinkel hoben sich leicht bei dieser Aussage und er ließ es dabei bewenden.
"Nun, ich denke das lässt sich einrichten", sagte sie schließlich, als sie ein Stück im Schweigen nebeneinander hergegangen waren. "Falls ich einen Kindersitter finde, natürlich."
Lucian machte ein angemessen verdutztes Gesicht, als überrasche ihn diese 'Neuigkeit', als sie in seine Richtung linste, doch er ersparte sich jeglichen Kommentar. Was hätte er auch sagen sollen? 'Sie sehen viel zu jung für Kinder aus?'
Offenbar zufrieden damit, dass ihn diese Nachricht nicht verscheuchte, fuhr sie fort. "Samantha ist eigentlich schon sehr erwachsen für ihr Alter, aber ich kann sie nun einmal nicht alleine zuhause lassen. Und sie ist nicht gerne unterwegs, ich bezweifle also, dass sie mitkommen würde." Sie grübelte, dann schüttelte sie den Kopf. "Ich war schon seit Jahren nicht mehr weg", bemerkte sie erstaunt.
Lucian war ebenso überrascht, aber weniger von der Tatsache, als vielmehr, weil sie ausgerechnet ihm das anvertraute. Aber er zweifelte nicht am Wahrheitsgehalt ihrer Worte. Wenn man eine kleine Tochter hatte, und offenbar keinen Mann dazu, denn dieser wurde mit keinem Wort erwähnt, dann hatte man nicht viel Freizeit.
Doch Megan neben ihm wirkte zerknirscht. "Ich will gar nicht wissen, was Sie jetzt denken", bemerkte sie. "Eigentlich sollte ich gar nicht zustimmen. Sam zuhause lassen, um jemandem die Stadt zu zeigen."
"Sie kann mitkommen, wenn Ihnen das lieber ist", bemerkte Lucian ruhig, aber offenbar waren es nicht die richtigen Worte, denn Megan seufzte leise.
"Was halten Sie jetzt von mir?", fragte sie. "Nachdem ich praktisch ohne Bedenkzeit zugestimmt habe, Sie zu begleiten, selbst wenn ich dafür meine Tochter zuhause lassen muss?"
Lucian betrachtete sie nachdenklich und registrierte, dass sie ehrlich empört über sich selbst zu sein schien. Er kannte diese Frau nicht und wusste nichts von ihrem Leben, dennoch konnte er sich gut vorstellen wie sie Nacht für Nacht am Bett ihrer Tochter saß, wenn diese krank war, sie zur Schule brachte und abholte und überwachte, wie sie ihre Hausaufgaben machte. Und er sagte das Einzige, was ihm dazu einfiel: "Ich halte sie für menschlich."
Seltsamerweise schien diese Antwort sie zu entspannen und sie legten den Rest des Weges schweigend zurück, wo Lucian schließlich die Tüten am Gartentor abstellte und sich mit Megan auf einen Tag einigte – nicht in allzu ferner Zukunft, denn er wollte kein Risiko eingehen.
Als er sich bereits entfernte, erblickte er das Mädchen, das aus dem Haus der Nachbarn flitzte und jubelnd ihre Mutter begrüßte. Als der Blick der Kleinen ihn streifte, hob er kurz zum Gruß die Hand und lächelte. Er betrachtete das Bild von Mutter und Kind, das sich vertrauensvoll in ihre Arme schmiegte und schwor sich im Stillen, dass er Devlin nicht die Möglichkeit geben würde, es zu zerstören.
"Es ist seltsam, ihnen zuzusehen, nicht wahr?"
Verwirrt runzelte Lucian die Stirn. Die Stimme, die da sprach, war klar und hell, aber sie schien zu zerrinnen wie Wasser in der Wüste. Als gehöre sie nicht hierher. Es war lange Zeit her, dass er eine solche Stimme gehört hatte. Als er an seine Seite blickte, sah er das schwache Schimmern in der Luft und je länger er hinblickte, desto mehr konnte er eine Gestalt ausmachen. Ein Engel, die weißen Schwingen auf dem Rücken gefaltet, gekleidet in jene gleißend hellen Rüstungen, welche die Krieger unter ihnen trugen. Sein Blick war auf Megan und ihre Tochter gerichtet, die sich ins Innere des Hauses zurückzogen.
Megan sah über ihre Schulter und als sie Lucian noch in einiger Entfernung stehen sah, lächelte sie ihm zu, ehe sie im Haus verschwand.
"Ihre Beziehung zu ihren Kindern ist so eng, dass wir manchmal versucht sind zu glauben, wir würden sie verstehen...", fuhr der Engel fort.
Lucian wusste, was er meinte. Auch Engel bekamen Kinder, denn warum sollte ein Prinzip, das sich bewährt hatte, geändert werden? Doch im Gegensatz zu Menschen waren es nicht die Eltern, die die Kinder aufzogen, sondern die gesamte Gemeinschaft, damit sich so die Bindung zu ihrem einen, allmächtigen Vater besser prägte. Eine Folge dessen war, dass die Verbindung zwischen Geschwistern natürlich stärker war als die zu ihren Eltern. Aber genau das war eine Sache, über die Lucian im Moment überhaupt nicht nachdenken wollte.
"Was willst du hier?", fragte er stattdessen den Engel. Der Anblick der schimmernden Gestalt erinnerte ihn schmerzlich an das, was er verloren hatte und auch wenn er je wieder zurück in die Heimat konnte, wusste er, dass es nicht mehr so sein würde wie zuvor. Nie wieder.
Der Engel wandte ihm den Kopf zu. "Ich bin hier, um dir ein wenig Hoffnung zu schenken. Ein wenig Trost. Und ein wenig Wissen."
"Hat ER dich geschickt?"
"Nein." Der Engel sah die Enttäuschung auf Lucians Gesicht, selbst wenn dieser sie zu verbergen versuchte. "Aber ER hat dich nicht vergessen, selbst wenn du das glaubst. Du weißt, dass manche Dinge einfach nicht möglich sind."
Beinahe hätte Lucian bitter gelacht. Bitter über das Glück des anderen, noch in der Heimat weilen zu dürfen. Darüber, dass man ihm Hoffnung zusprechen wollte. Aber er fühlte sich gewärmt in der Gegenwart des Engels und ein Stück friedlicher und so lachte er nicht und fragte stattdessen erneut: "Was willst du?"
Der Engel ließ den Blick wandern. "Du hast nicht viel Zeit. Die Dinge spitzen sich zu, es ist ernster, als du denkst."
"Sprich nicht in Rätseln." Vermutlich hätte er dasselbe getan, wäre er in seiner Position gewesen, doch Lucian spürte die Ungeduld in sich, als er die ruhige Stimme des Engels hörte. Er fragte sich, wann er diesen menschlichen Charakterzug wohl angenommen hatte und ob er ihn wieder würde ablegen können, wenn er in die Heimat zurückkehrte.
"Dein Bruder hat sein Ziel gefunden", klärte der Engel ihn auf. "Und du bist auf dem richtigen Weg. Wir hatten vermutet, dass das Wirken der Dämonen und dunklen Gestalten sich nun auf diesen Raum konzentrieren würde. Aber wir haben uns geirrt. Es nimmt überall auf der Welt zu. Nur hier nicht."
Lucian starrte ihn an. "Er sorgt für Ablenkung?"
Der Engel nickte. "Wir haben alle Hände voll zu tun. So angespannt war die Lage schon lange nicht mehr. Er muss sich seiner Sache sehr sicher sein, sonst würde er jetzt herbe Verluste einstecken, nur um am Ende doch wieder mit leeren Händen dazustehen." Ein kurzes Zögern folgte seinen Worten. "Du hast deine Sache bis hierher gut gemacht", sagte er dann.
Ein Schnauben entrang sich Lucians Kehle. "Gut! Zweimal haben Devlins Opfer den Tod gefunden und er ist mir doch entwischt. Und wenn er jetzt beginnt, die Unruhen anzuheizen..."
"Seine Selbstsicherheit macht ihn schwach", bemerkte der Engel geduldig. "Er weiß, dass du dich ihm entgegen stellen wirst, aber er ist überzeugt davon, dass du unterliegst. Er rechnet nicht mit deinem Sieg. Du hast die Möglichkeit, ihn zu überraschen."
Gerne hätte Lucian gewusst, was seinen Bruder so sicher machte, aber er vermutete, dass selbst der Engel ihm das nicht sagen konnte. "Weißt du, wo er sich versteckt hält?"
Doch der Engel schüttelte den Kopf. "Ich wünschte, ich könnte dir mehr helfen, doch wir sind eingeschränkt. Selbst hier können wir nicht eingreifen, wenn wir nicht zulassen wollen, dass die Dämonen anderorts die Oberhand gewinnen. Du bist auf dich allein gestellt."
War er das nicht immer gewesen? Einmal mehr verkniff sich Lucian diese Worte, auch wenn er sicher war, dass der Engel spüren konnte, was er hatte sagen wollen.
Doch dieser lächelte nur. "Sei unbesorgt, dein Exil hat bald sein Ende. Dieses Mal geht es zuende, ob zum guten oder zum schlechten. Devlin hat zu viel vorbereitet, als dass er sich dieses Mal aufhalten lassen würde, sofern er nicht vollständig vernichtet wird. Entweder du musst ihn töten...oder sie."
Es waren keine aufbauenden Worte, mit denen der Engel sich verabschiedete, doch er schien nichts mehr hinzufügen zu wollen, denn er breitete die Schwingen aus.
"Warte!" Lucian reagierte schnell und zu seiner Erleichterung verharrte der Engel mit einem Ausdruck stummer Verwunderung. "Kannst du mir einen Gefallen tun?"
Vermutlich hatte der Engel die grenzenlose Sehnsucht in Lucians Blick gesehen, denn er lehnte die Bitte nicht von vornherein ab, wie er es vermutlich eigentlich hätte tun sollen. "Was kann ich für dich tun?", fragte er stattdessen und das sanfte Lächeln auf seinen Lippen linderte Lucians Heimweh ein wenig. Mit diesem Anblick, diesem kurzen Hauch seiner Heimat, würde er vielleicht noch einige Jahre mehr auf der Erde überstehen.
"Mein Name", flüsterte Lucian. "Sag meinen Namen."
Der Engel sah ihn an, lange Zeit und schwieg und Lucian fürchtete bereits, dass er seinen Wunsch ablehnen könnte. Doch schließlich kam er seiner Bitte nach und als die Wärme des beinahe vergessenen Klangs über ihn hinwegstrich, fror Lucian zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr.Was halten Sie jetzt von mir?