Invasion - Begegnung der Dritten Art im Paradies

GeschichteSci-Fi / P16
21.02.2012
03.03.2012
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Ihr Name war Ellessianadara Volhunatara Rebing. Der erste Name war ihr Rufname, und wurde meistens auf Ellie abgekürzt, zumindest von ihren Freunden. Der zweite Name war der eines ihrer Vorfahren, der sich in der Familiengeschichte besonders verdient gemacht hatte, und von dem ihre Eltern gehofft hatten, sein Mut und Fleiß würden auf die Tochter abfärben. Der dritte Name war der ihres Familienclans. Die Rebings waren eine alte Familie mit exzellentem Ruf, die Familiengeschichte angefüllt mit erfolgreichen Erstkontakten, mit heldenhaften Märtyrern ebenso wie mit großen Diplomaten, mit historischen Größen en Masse. Oder um es einmal anders auszudrücken: Das verdammte Familienerbe drückte sie nieder wie eine tonnenschwere Last, weil ihr Versuch, ihrer Vorfahrin Urgroßtante Volhunatara nachzueifern oder gar einem der noch größeren Helden, in noch größerer Vergangenheit von Anfang an wie ein aussichtsloses Unterfangen für sie erschien. Sie konnte keine solche Heldin sein. Sie wollte es auch gar nicht. Aber sie musste, sie war eine Rebing. Es war ihre verdammte Pflicht, und... Sie wusste, dass sie sich nicht würde entziehen können. Für einen Erstkontakt, der ihrem Volk, den Voulhan, übertragen wurde, wurde grundsätzlich eine Frau ausgewählt. Aber sie hatte Angst, sie hatte erbärmliche Angst. Die Menschen machten sie fürchten, und wäre es nach ihr gegangen, hätte sie in diesem und dem nächsten Jahrtausend keinen Fuß auf die merkwürdige weißblaue Welt gesetzt, auf diesen zerrissenen Planeten mit seiner Vielstaaterei, mit seinen Konflikten, Kriegen, Spannungen, sozialen Unruhen, dem allgemeinen Unverständnis, und den vielen, vielen weiteren Probleme, die diese Welt, die die Menschen hatten. Doch es waren gerade diese Probleme, welche die Voulhan anzogen. Hier gab es unendlich viel Ruhm zu gewinnen. Für sie, für die Rebings, für ihr Volk, für die Koalition. Deshalb waren sie hier. Deshalb würden sie landen und die Erde in Beschlag nehmen. Sie fürchtete sich trotzdem.

Als sie die Krankenstation ihres Mutterschiffs betrat, empfing sie der Chefarzt mit einem strahlenden Lächeln. Mikholanudias Rantan Rebing war ihr Bruder, ihr großer Bruder, ein selbstsicherer, erfahrener und lockerer Mann, der sein Medizinstudium so leicht bewältigt hatte wie alle anderen Dinge in seinem Leben. Diese Leichtigkeit im Lernen hatte ihn für seine Aufgabe prädestiniert, obwohl die Familie dagegen gewesen war, denn nebenbei war ihr Bruder auch noch ein furchtbarer Lebemann und Frauenliebhaber, der seit seiner Pubertät viele einschlägige Presseberichte verursacht hatte. So einen, hatte Vater mal gesagt, kann man doch nicht auf eine neue Welt loslassen. Der Rat war anderer Meinung gewesen. Und hatte sich durchgesetzt.
Das Lächeln ihres Bruders verschwand und machte einer besorgten Miene Platz. "Ellie, was ist denn? Du zitterst ja am ganzen Leib." Er winkte sie zu sich heran und aktivierte um seinen Behandlungsplatz einen Milchschirm, um ihre Privatsphäre zu garantieren und heimliche Lauscher auszusperren.
Miko deutete ihr an, auf der Behandlungsliege Platz zu nehmen. "Du bist zwar für die letzte Schutzimpfung hier, aber ich kann dir gerne auch ein Beruhigungsmittel geben", sagte er mit sanfter Stimme.
Ellie schüttelte den Kopf. "Nur die Impfung, bitte. Es wird ja doch nicht besser."
Der Bruder betrachtete die junge Frau vor sich. Sie hätte als spöttisches Ebenbild von ihm gelten können, würde er seine blonden Haare nicht länger als sie tragen, etwas größer sein, und etwas maskulinere Gesichtszüge sein Eigen nennen. Die breiteren Schultern, die Muskeln und die längeren Beine kamen da auch noch hinzu. Okay, vielleicht doch kein spöttisches Ebenbild aus dieser Zeit, aber aus seiner wilden Jugend. "So nervös habe ich dich nicht mehr gesehen seit der genetischen Anpassung, Ellie. Nimmt es dich so sehr mit, der Erstkontakter zu sein?"
"Ja", gestand sie und sah zur Seite. "Letrevounus, dieser dämliche Witzbold, hat mir Filmdateien zukommen lassen, die eine unserer Expeditionen von der Erde mitgebracht hat, als sie noch in der Prüfungsphase war. Es handelt sich um Pornographie."
"Was generell nicht verwerflich ist", schmunzelte Miko. "Ich selbst war vor meiner sexuell aktiveren Phase ein begeisterter Konsument dieses Mediums. Und selbst jetzt mag ich die ästhetischeren Varianten dieses Genres sehr. Ich bin gespannt, was die Erde mir da so zu bieten hat, sobald wir freigegeben sind."
Ellie schüttelte nachdrücklich den Kopf. "Mit dem Genre komme ich klar. Ich bin schließlich eine Frau, und das nicht erst seit der Umstellung. Es ist die Art der Filme. Es handelt sich um Foltergeschichten."
"Foltergeschichten? Ach so, du meinst Fesselspielchen und dergleichen. Gewalt gegen andere. Sadismus und Masochismus. Eine sehr interessante Variante der Sexualität." Miko runzelte die Stirn. "Hast du die Filme für echt gehalten?"
"Nein, am Ende jeder Episode sitzen die Protagonisten zusammen und plauschen für die Kamera."
Sie sah zu Boden. "Aber irgendwo muss das doch her kommen. Irgendwie müssen die Menschen doch auf diese Idee gekommen sein. Miko, ich... Ich habe furchtbare Angst, dass mir das passieren kann. Dass sie mir so etwas antun. Ich weiß, das ist irrational, aber ein Erstkontakt ist immer sehr irrational. Ich bin irrational. Ich weiß, ich kenne meine Pflichten, aber ich kann diese Angst nicht abschalten, nicht ausblenden. Ich fürchte mich vor den Erdenmenschen, Miko."
Der große Mann beugte sich vor und schloss seine kleine Schwester in die Arme. Er drückte sie an sich, und Ellie erwiderte die Umarmung mit der Kraft einer Ertrinkenden. Es war allgemein bekannt, dass der Erste, der, der den Erstkontakt schloss, den neuen Planeten betrat, in Kauf nahm, getötet zu werden, gefoltert, seziert, auch missbraucht. Manchmal war der Erstkontakt so, manchmal war die Angst mächtiger als die Vernunft. Manchmal war der Erstkontakt ein Opfergang. Die Koalition hatte fast immer die Erfahrung gemacht, dass bei einem solchen furchtbar verlaufenden Erstkontakt meist die Besinnung folgte. Viele aktive und erfolgreiche Völker waren so in die Koalition aufgenommen worden. Deshalb galt der Erstkontakter als tot, sobald er das Mutterschiff verlassen hatte - bis er zurückkehrte und das Gegenteil bewies. Es war eine ehrenvolle, aber auch sehr gefährliche Aufgabe. Überleben war nie eine Option. Niemals. Sie war eine Zugabe.
Langsam löste Miko die Arme um seine Schwester und brach auch ihren Griff sanft auf. "Ich gebe dir jetzt deine letzte Breitbandimpfung, Ellie. Wir springen noch diese Stunde in Sol-System, und dann werden wir erst einmal die Kartographierung des Systems beenden. Es wird mindestens vier Tage dauern, bevor wir die Erde selbst anfliegen. Kommandant Riliefter hat es mir in die Hand versprochen."
"So, hat er das? Eine schnelle Reise wäre mir lieber. Dann ist es wenigstens schnell vorbei", murmelte sie tonlos.
Miko betrachtete seine Schwester eingehend. Dann wechselte er die Ampullen aus. "Ich denke, ich gebe dir eine Impfung, in der ein leichtes Beruhigungsmittel gelöst ist. Keine Widerrede. Das ist eine Anweisung des behandelnden Arztes." Er setzte die Pistole an und schoss ihr die Impfung direkt in die Blutbahn.
"Das Beruhigungsmittel wirkt nicht", beschwerte sich Ellie leise.
"Es braucht etwa eine halbe Stunde, bevor es wirkt. Und bis dahin mach einfach deine Arbeit. Ich komme dich zum Einbruch der Bordnacht besuchen. Und dann darfst du reden, soviel wie du willst. Über alles, was dich belastet."
Sie nickte mechanisch. "Was war denn das eigentlich für eine Impfung? Ich bin schon vollkommen durcheinander, Miko."
Der Chefarzt lächelte. "Eine Breitbandimpfung gegen Masern, Windpocken, Mumps und Röteln. Das Letzte ist besonders wichtig, falls du auf der Erde schwanger werden wirst."
Die erhoffte Wirkung, eine Erheiterung seiner Schwester, blieb aus. Stattdessen sah sie ihn erschrocken an. "Mein Implantat wurde schon entfernt, richtig?"
"Es ist eh abgelaufen. Und du kriegst auch kein Neues. Tut mir leid. Vorschriften."
Erneut begann sie zu zittern. Aber diesmal rang sie dabei die Hände und versuchte, ihre Nervosität in den Griff zu kriegen. Endlich gelang es ihr, und einigermaßen ruhig, beinahe so wie vor der Mission, erhob sie sich von der Liege. "E-es geht wieder. Ich habe mich im Griff. Vier Tage, also? Ich nutze die Zeit, um meine Dinge zu regeln." Sie beugte sich vor und küsste ihren Bruder auf die Lippen. "Vielen Dank für deine Sorge, Miko. Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich schätze."
"Natürlich weiß ich das. Ich habe es dir ja die letzten dreißig Jahre eingebläut", beschwerte er sich, und diesmal erntete er das erhoffte Lächeln seiner Schwester. "Geh jetzt. Wie versprochen komme ich nachher. Soll ich was mitbringen? Alkohol von der Erde, oder diese Tabakwaren?"
"Alkohol klingt gut", sagte sie mit einem Rest ihrer Unsicherheit in der Stimme. "Am besten Flaschenweise."
"Ellie, ich darf dir nicht sagen, dass alles gut wird. Das wäre dir gegenüber ungerecht, denn du bist der Erstkontakt. Außerdem darf ich das nicht, weil niemand weiß, was passieren wird. Aber..." Er strich seiner Schwester über die linke Wange. "Ellie, es wird alles gut, versprochen."
"Du bist so ein lausiger Lügner", tadelte sie und seufzte.
Miko schaltete den Schirm wieder ab, und Ellie schenkte ihm ein Lächeln, bevor sie sich umwandte und die Krankenstation verließ. Vier Tage konnten eine lange Zeit sein. Und eine große Qual.
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