Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Schneematsch & weitere One Shots

von Vermis
GeschichteAllgemein / P12 / MaleSlash
21.02.2012
29.03.2012
3
4.887
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
21.02.2012 2.103
 
Ich könnte mir den jetzt noch mal durchlesen und feststellen, dass dieser One Shot bescheuert ist, aber… Ach… Geht schon ;D
Inspiriert durch Schneematsch. (Nein, ich renne nicht mit löchrigen Chucks durch die Gegend. ^^)
Er ist jedenfalls ein Beitrag zum Schreibzirkel.
http://forum.fanfiktion.de/t/14212/1
Schlagwörter: Schnee, Wärme, Türklinke, Zeit, Kissen


Schneematsch


Ich atmete tief durch, bevor ich die Türklinke herunterdrückte und mich schweren Herzens von der Wärme meines Hauses verabschiedete. Wahrscheinlich war es eher kontraproduktiv, die Wohnung auf 27°C hochzuheizen und dann fast einzufrieren, wenn man aus der Tür trat. Aber irgendwie musste ich einfach verdrängen, dass es immer noch so arschkalt war und wenn ich mir dadurch einen Schnupfen holte, war mir das egal.

Nun vergrub ich missmutig meine Nase in meinem Schal und warf einen neidischen Blick auf die Autos, die am Straßenrand parkten. Natürlich war ich nicht auf die Autos neidisch, sondern auf die glücklichen Besitzer, die sich darin verkrümeln konnten und dann die Heizung hochdrehen. Aber ich hatte ja nicht genug Geld, ich bemitleidenswerter Student. Ich war schon froh, dass ich mir mit meinem Bafög das Zimmer in der WG leisten konnte und alles, was ein Mann im besten Alter brauchte.
Seufzend stapfte ich durch den matschigen Schnee. Dummerweise hatte ich keine Winterschuhe – der Winter wurde verdrängt, also konnte ich schlecht Winterschuhe kaufen – und rannte in meinen heiß geliebten, schon ziemlich zerlöcherten Converse Chucks herum. Es war fast gar nicht nass und kalt.

Ich musste schon ein fragwürdiges Bild abgeben: Offensichtlich frierend, mit Schal, schwarzen Mantel, zerfetzter Jeans und löchrigen Schuhen – vergessen wir nicht meine wunderschönen Haare im schwarz-rot Stil. Ich war Kunststudent, ich durfte in modischer Hinsicht alles, außer natürlich weiße Socken mit Sandalen anziehen, aber wer machte so einen Mist auch.

Eine kleine rundliche Frau kam mir entgegen und sah mich äußerst pikiert an. Wahrscheinlich hatte ich mir einfach das falsche Wohnviertel ausgesucht, aber das Zimmer in dieser WG war erschwinglich und groß gewesen und der Weg zu S-Bahn war mir im Sommer so unglaublich kurz vorgekommen. Inzwischen würde ich diese Meinung revidieren. Jeder Weg war im Winter zu lang.
Mir machten die Blicke aber nichts aus. Sollten sie gucken, mir gefielen meine Haare, meine kaputten Klamotten und die Rebellenhaltung, die damit verbunden war. Ich war in einer liebevollen Familie aufgewachsen, hatte das Abitur und nie wirklich Ärger gemacht – also lächelte ich auch Damen an, die mich musterten, als würden sie erwarten, dass ich ihren Pudel trete.

Endlich kam die S-Bahn-Haltestelle in Sicht und ich wurde unbewusst schneller. Auf dem Bahnsteig war es auch kalt, aber wenigstens war er überdacht und ich hatte meine Füße im Trockenen – nicht dass das noch helfen würde.

Als ich auf dem Bahnsteig stand, atmete ich auf und musterte kritisch meine Schuhe. Man sah es den Rabauken nicht an, aber sie waren klatschnass. Probeweise schüttelte ich einmal und das Wasser spritzte nur so von ihnen. Na super.

Ein Typ neben mir lachte auf. Ich sah auf und musterte ihn.
Ein ziemlicher Normalo mit kurzen braunen Haaren und einem Allerweltsgesicht. Er grinste mich frech an. „Falsches Schuhwerk für so einen Tag“, urteilte er unverschämt.

Mir fiel vor Empörung fast die Kinnlade herunter. Hatte er gerade meine Chucks kritisiert? Ich warf einen bitterbösen Blick auf seine Turnschuhe. „Dafür haben sie Stil“, antwortete ich und funkelte ihn an.

Er schmunzelte. „Meine Zehen sind warm und trocken. Dann haben sie eben keinen Stil.“

Ah. Ein Verfechter der Praxistauglichkeit über der Ästhetik. Ich schätzte ihn in die Sparte BWL- bis Mathematikstudent ein. Oder Informatiker. Irgendwas Staubtrockenes, mit dem man es ‚im Leben zu was brachte’.
Ich wandte mich brüsk ab. Mit so einem musste ich mich nicht unterhalten. Der hatte wahrscheinlich in seinem Leben noch keinen Pinsel in der Hand gehabt außer in der Schulzeit, wo er dann einen unförmigen gelben Klecks gemalt hatte und dann behauptet, es wäre die Sonne.

Er schien auch keinen Wert auf unser Gespräch zu legen, denn er hob eine Hand – die in einem Handschuh steckte! –in der er ein zerfleddertes Taschenbuch hielt. Wahrscheinlich ein Science Fiction Roman. Neugierig schielte ich herüber. ‚Per Anhalter durch die Galaxis’.
Hm. Gab’s da nicht ’nen Film, der so hieß? Ich wusste nur, dass ich mich dagegen entschieden hatte, einen dieser komischen Weltraumfilmchen zu sehen und stattdessen mir zum millionsten Mal ‚Fluch der Karibik’ angesehen hatte. Captain Jack Sparrow halt.

Es war immer noch kalt und als ein Windchen aufkam, zog es an meinen Zehen und ich erschauderte. Verdammt. Der blöde Winter ließ sich nicht leugnen.
Sehnsuchtsvoll starrte ich auf die Anzeige, die irgendwas von zwei Minuten verlauten ließ. Na gut. Zwei Minuten, aber keine Sekunde länger!

In meiner Tasche schwirrte irgendwo auch ein Buch rum, aber ich wollte nicht nachdenken, wie meine Finger aussehen würden, wenn ich sie aus den Manteltaschen nehmen würde. Also starrte ich auf die schneebematschten Schienen und horchte auf das Geräusch einer herannahenden Bahn.

Weil das aber auf die Dauer ziemlich ermüdend war, sah ich wieder zu dem BWL-Informatiker-Physiker ohne Stil, der immer noch sein Buch las. War das nicht langweilig, wenn er es doch offensichtlich schon mehrmals gelesen hatte? Oder hatte er es vom Flohmarkt?
Nee – so viel Stil traute ich ihm nicht zu. Das hatte er niegelnagelneu von einem langweiligen Mathematikerfreund geschenkt bekommen an einem Geburtstag, den sie mit einem Star Wars-Filmmarathon oder einer Programmiersession gefeiert hatten. Dann hatte er es gelesen und gelesen und dann entschieden, dass er genauso toll sein wollte wie Captain XY im Buch, der fünfzehn Mal die Erde gerettet hatte.

Ich stellte begeistert fest, dass gehässige Gedanken etwas Wärmendes hatten.
Dann stellte ich fest, dass der BWL-Informatiker-Physiker zu mir sah und eine Augenbraue hochgezogen hatte. Angeber – nur weil ich das nicht konnte, musste er es mir nicht vormachen. Ich verdrehte die Augen und starrte auf die Anzeige, die plötzlich drei Minuten anzeigte. „Verdammte Scheiß-S-Bahn!“, grummelte ich.

War ja nicht so, als wäre das das erste Mal, dass das verfluchte Ding nicht dann anrollte, wann es anrollen sollte. Das lag an der bescheuerten Privatisierung und dass sich der Betrieb rechnen musste und blah. Dass ich mit meinen stilvoll-kalten Klamotten auf dem Bahnsteig erfror, schien niemanden dieser Wirtschaftsheinis zu interessieren.

Ich warf einen bitterbösen Blick zu dem BWL-Student. Ja, der war definitiv BWL-Student. Schon aus dem Grund, weil ich ihn nicht mochte. Er war garantiert der Sohn des S-Bahn-Chefs und rief gleich Papi an, dass er die Ankunft von der Bahn noch ein bisschen verzögern sollte, damit ich wirklich festfror.
Aus purer Gehässigkeit. Das würde ich diesem unschuldig lesenden Typen zutrauen.

Seufzend zupfte ich an meinen Schal rum, aber dabei wurden meine Hände kalt und das war inakzeptabel. Ich verfrachtete sie wieder in den Manteltaschen.

Endlich –  endlich – fuhr der Zug ein und ich tapste gleich drei Schritte näher, um auch wirklich und wahrhaftig in die blöde Bahn zu kommen und nicht vielleicht von den Horden der BWL-Studenten – alle doofen Menschen sind BWL-Studenten – von der Tür weggedrängt wurde.

Dennoch wartete ich natürlich, bis alle, die komischerweise an dieser Station aussteigen wollten – hier war doch nichts?! – und ging erst dann in Bahn. Die freien Sitzplätze ignorierte ich, immerhin hatte auch ein paar ältere Herrschaften auf die Bahn gewartet und wollten sich nun platzieren. Ich war ja jung und knackig und konnte die drei Stationen stehen.

Ich lehnte mich an eine der Zwischenwände und musterte die anderen Fahrgäste. Mir gegenüber stand natürlich der BWL-Student mit dem komischen Buch – nein, inzwischen ohne komisches Buch. Er hatte es weggepackt und sah wieder so unverschämt zu mir.
Wieder drehte ich mich weg und musterte stattdessen ein Mädel, das sich so stark geschminkt hatte, als würde es ohne Aufmerksamkeit sterben. Sie hätte auch einen Edding nehmen können, um ihre Augen zu umranden. Dann hätte sie vielleicht nicht so eindrucksvoll wie ein Panda ausgesehen.

Meine Station kam und der BWL-Student und ich stiegen aus. Ich sah ihn von der Seite an. „BWL?“, fragte ich unvermittelt.
Er sah mich erstaunt an. „Du etwa?“
Ich schnaubte. „Seh ich so aus?“
„Ich etwa?“, fragte er zurück und zog die Augenbrauen zusammen.
Ich zuckte mit den Schultern. „Mathematik, Informatik, Physik?“
„Literaturwissenschaften“, schnappte er zurück.

Uh. Okay. Ganz falsche Richtung. Literatur also.
Verdammt, das war auch noch ein eigentlich ziemlich interessanter Studienzweig. Da konnte man nicht sagen, dass die Leute irgendwie langweilig oder streberhaft waren. Wäre zwar nichts für mich gewesen, aber es war nicht das Schlimmste. Das schlimmste Fach war BWL.

„Literaturwissenschaften“, murmelte ich. Dann grinste ich ihn an. „Kein Wunder, dass du keine Ahnung von Stil hast. Ständig die Nase im Buch?“

Er verdrehte die Augen. Sie waren grau. Sturmgrau oder Schneematschgrau. „Du denkst aber auch gar nicht Schubladen, was?“ Er lachte auf. „Wenn du dich vom Äußeren an dein Studienfach angepasst hast, bist du Kunststudent.“

Ich verzog das Gesicht. Schubladendenken war nicht gerade das, das man als junger Rebell gerne hörte. Aber ich war ja auch kein wirklicher Rebell. „Ja, ich studiere Kunst“, murrte ich.  

Er sah zufrieden aus. „War ja klar. Deswegen auch das BWL-Klischee.“

Ich beschleunigte meine Schritte, um mich von ihm abzusetzen. Ja, ich war beleidigt, aber das war ja nur natürlich, nachdem er mich so beleidigt hatte. Ich dachte nicht in Schubladen. Beziehungsweise nur, wenn ich nicht gut drauf war. Und verdammt! Hier war überall Schneematsch, wie sollte es mir gehen?

Er hielt locker mit meinem Tempo mit, denn dummerweise hatte er die längeren Beine. Der studierte kein Literaturwissenschaft, sondern Sport. Wahrscheinlich Schrittrennen oder so.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte er mich.
Ich blitzte ihn böse an. „Ich habe nicht vor, weiteren Kontakt mit dir zu pflegen, also brauchst du meinen Namen nicht zu wissen.“
Er grinste. „Nicht?“
„Nein“, schnappte ich.
„Ich bin jedenfalls Tom, falls es dich interessiert.“
„Tut es nicht!“ Tom, also. Gewöhnlich – wie der Rest an ihm. Ich kniff die Augen zusammen und blieb stehen. Er ebenfalls.
„Erhoffst du dir irgendwas?“, fragte ich ihn unverblümt. „Oder warum rennst du mir hinterher?“

Tom legte den Kopf schief. „Vielleicht, dass du mir deinen Namen verrätst. Vielleicht, dass du mir verrätst, ob der Rest der Klischees auf dich zutrifft.“
Häh? Rest der Klischees?
So musste ich auch gucken, denn er lächelte verschmitzt. Dann lehnte er sich zu mir. „Dramaqueen“, sagte er leise. „Modefan, Schalträger, bunte Haare,…“ Er machte eine Pause. „Schwul?“

Ich runzelte die Stirn. „Erwartest du allen Ernstes, dass ich dir sage, ob ich schwul bin?“ War ich natürlich. Und er schien auch so einen blöden Schwulenradar zu haben im Gegensatz zu mir. Ich hatte den immer für ein Gerücht gehalten, weil ich nie wusste, ob der knackige Nachbar oder unser Sportreferendar damals schwul waren.

Tom zuckte mit den Schultern. „Nicht so wichtig.“ Er grinste immer noch und dabei strahlten seine grauen Augen. Mir fiel auf – natürlich wegen meiner künstlerischen Ausbildung und nicht aus anderen Gründen – dass die Farbe einen reizvollen Kontrast zu den braunen Haaren bildeten. „Ich finde es heraus.“

Ich schnaubte. „Ach, und wie?“

„Lass dich überraschen!“ Damit ging der Kerl in Seelenruhe weiter und ließ mich auf halben Weg zu der Uni allein im Schneematsch stehen. Ich stapfte missmutig hintendrein, allerdings viel langsamer, damit ich mit dem Kerl nicht mehr reden musste. Dünnbrettbohrer! Idiot! BWL-Student!

Ich schielte auf meine Uhr. Verdammt, ich kam zu spät. Aber das interessierte ja eh keinen. Ich seufzte dennoch. Ich war nun mal ein pünktlicher und pflichtbewusster Mensch – auch beim Kunststudium, das die meisten doch eher locker angingen.

Ich sah Tom das nächste Mal eine Woche später auf dem Bahnsteig. Diesmal las er nicht, sondern grinste mich begrüßend an. Der Schneematsch war getaut und ich hatte bessere Laune.
„Und? Herausgefunden?“, fragte ich ihn.
Er lächelte. „Klar.“ Dann kramte er in seiner Tasche und hielt mir einen Zettel hin. Ich nahm ihn neugierig und starrte die Zahlenreihe an.
„Du gibst mir deine Telefonnummer?“, fragte ich ihn fassungslos und er lächelte noch breiter.
„Vielleicht habe ich doch Stil“, sagte er nur und ging dann an mir vorbei und stieg in die S-Bahn. Ich folgte ihm fassungslos.
„Erwartest du, dass ich dich anrufe?“, hakte ich nach.
Tom zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Woher soll ich wissen, ob du’s machst? Es ist deine Sache. Ich wollte es dir nur als Möglichkeit offenbaren. In ein paar Tagen oder Wochen weiß ich es ja dann.“ Er zwinkerte mir zu und holte dann sein Buch aus der Tasche. Es war ‚Palmström’. Morgenstern.

Ich wich zurück und sprang an meiner Station als Erster aus der Bahn.
Ich war verwirrt.
Von den schneematschfarbenden Augen und dem Literaturwissenschaftsstudenten dazu. Meine Hand schloss sich um den kleinen Zettel in meiner Manteltasche.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast