Blutige Spuren - Der Weg eines Kriegers

von sunXmoon
GeschichteAbenteuer, Drama / P18
21.02.2012
14.06.2012
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Die Euphorie, die von Erek Besitz ergriffen hatte, ließ nach, je mehr Zeit verstrich. Jeder der Anwesenden wünschte, sich ausruhen zu können, aber vorerst war das nicht möglich. Die nächsten Stunde versorgte man jene, die am schwersten verwundet waren, während man die Leichen der gefallenen Lykaner, die alle wieder menschliche Formen angenommen hatten, zur Seite schaffte, um sie bei Gelegenheit zu begraben. Die Vampire ließ man liegen. Die Sonne würde sich darum kümmern, wenn der Morgen anbrach, denn als die Gewitterwolken sich lichteten, hatte sich bereits der Abend über die Landschaft gelegt.
Trotz des Siegs war Ereks Stimmung inzwischen ins Düstere hinüber geglitten. Er war glimpflich davongekommen, doch nicht jeder seines Rudels hatte so viel Glück gehabt. Rogar hatte eine Beinverletzung erhalten, die so tief ging, dass er sich nur noch humpelnd fortbewegen konnte, auch wenn er nur darüber scherzte. Und als Erek schließlich Titus' Leiche entdeckte, war sein Hochgefühl endgültig verschwunden.
Andere seines Rudels blieben vermisst und niemand schien sagen zu können, was mit ihnen geschehen war. Manche tauchten über kurz oder lang am Lagerfeuer auf, an dem sie sich versammelten, manche jedoch blieben verschwunden und Erek konnte nicht sagen, ob sie geflohen oder gefallen waren und welches davon schlimmer gewesen wäre. Obwohl sie gesiegt hatten, wog für ihn der Verlust seiner Rudelmitglieder schwerer und selbst Arins Ankündigung, dass der Krieg Opfer forderte, machte das nicht leichter.
Sie hatten das befestigte Lager geräumt, so dass dort jetzt die Anführer und ihre stärksten Kämpfer lebten, doch sie waren zu viele, als dass jeder Lykaner dort hätte unter kommen können und so erhellten um das Lager herum viele kleine Feuer die Nacht. Obwohl Erek die Möglichkeit gehabt hätte, innerhalb der Mauern zu bleiben, war dort kein Platz für sein eigenes Rudel und die Reste der Gruppe, die ihm folgte. Manche von ihnen hatten sich in der Armee zerstreut, doch ein Großteil von ihnen war geblieben und Erek gesellte sich lieber zu ihnen. So sehr er die anderen Anführer auch respektierte, so hatte er doch keine wirkliche Verbindung zu ihnen und gerade in den Stunden nach dem Kampf war er lieber bei jenen, die er kannte.
Im Gegensatz zu seiner eigenen Laune herrschte im Lager ausgelassene Stimmung. Man hatte den Keller geöffnet, in dem tatsächlich Alkohol eingelagert war und den man unter den Lykanern verteilte. Der scharfe Geruch des Hochprozentigen erinnerte Erek daran, dass er nur einmal in seinem Leben wirklichen Alkohol gekostet hatte, vor beinahe zwei Jahren, als das Rudel bei einem Händler kleine Notwendigkeiten eingekauft hatten. Rogar und er hatten heimlich eine Flasche eingetauscht und sich abends hinter den Karren betrunken. Es war Neugierde gewesen, aber sie war teuer erkauft. Erek war mit den stärksten Kopfschmerzen seines Lebens erwacht und Deborah hatte ihm eine Standpauke gehalten, wie er sie noch nie gehört hatte. Die Erinnerung ließ ihn lächeln. Es schien, als wäre seitdem eine Ewigkeit vergangen.
Zusätzlich zum Alkohol gab es an diesem Abend größere Fleischportionen. Die Pferde der Vampire waren ohne Wert für die Lykaner und so wurden sie kurzerhand geschlachtet und über den Feuern gebraten. Alkohol, Essen und die Tatsache, noch am Leben zu sein, sorgte bei den meisten Lykanern für ausgelassene Stimmung und nur wenige dachte an die Verluste, die der Abend gebracht hatte. Dafür wäre auch am nächsten Tag noch Zeit.
Auch Erek musste zugeben, dass es ihm schwer fiel, an die Toten zu denken, wenn das Feuer ihn wärmte und er sich den Bauch vollschlagen konnte. Er hatte sich schon lange nicht mehr so hungrig gefühlt und trotz seiner Erschöpfung kehren seine Lebensgeister mit jedem Bissen mehr zurück. Sogar seine Verletzung geriet in den Hintergrund.
Zumindest so lange, bis Tessa sich neben ihm niederließ und ihn aufforderte, sein Hemd auszuziehen. "Ich will mir die Wunde ansehen." Sie hatte einen feuchten Lappen dabei und saubere Tücher und wo auch immer sie den Kram aufgetrieben hatte, es war nicht schwer zu erraten, was sie damit plante.
"Machst du dir etwa Sorgen um mich?", erkundigte sich Erek und schaffte es tatsächlich, sich ein Grinsen abzuringen.
Tessa warf ihm lediglich einen strengen Blick zu. "Wirst du etwa eingebildet?", fragte sie zurück, doch Erek war sich sicher, dass etwas ihrer sonstigen Schärfe versteckt blieb. Auch die Lykanerin wies Kratzer und blaue Flecken auf, doch insgesamt hatte sie mehr Glück gehabt als Erek. Keine der Verletzungen war tief und wenn überhaupt, dann verliehen sie ihr ein wildes Aussehen, ein deutliches Zeichen für andere, dass man sich besser nicht mit ihr anlegte.
Leider wirkte das nicht nur auf Erek. Er hatte den Blick gerade von einem Kratzer auf Tessas Wange abgewendet, als ihm der Blutjäger auffiel, der unweit der Runde vorbeistrich und die Lykanerin musterte, ehe er Erek ein kurzes Grinsen zuwarf und in der Dunkelheit verschwand, ohne auf Ereks leises, instinktives Knurren zu achten.
"Sie respektieren Stärke", sagte Victor von Ereks Seite und riss ihn damit aus seinen Gedanken. Sein Freund hatte den Blick offenbar ebenso gemerkt, doch er ließ unklar, ob er zu Erek oder Tessa sprach. "Sie haben eine Schwäche für kämpfende Frauen. Ich habe gehört die Frauen der Blutjäger seien die wildesten auf der Erde."
Tessa runzelte die Stirn. Sie mochte den Blutjäger nicht gesehen haben, doch sie war klug genug um zu begreifen, worum es ging. "Ich habe keine einzige Jägerin im Lager gesehen", bemerkte sie und Erek musste zustimmen. Die Blutjäger waren ein wildes Rudel, laut und nicht zu übersehen. Von den Frauen war jedoch keine Spur zu sehen.
Victor zuckte mit den Schultern. "Vielleicht haben sie sie daheim gelassen, damit sie die Kinder im Kampf unterrichten", schlug er mit einem schwachen Grinsen vor. Es war nicht nur der Schein des Lagerfeuers, der sein Gesicht in einen rötlichen Schimmer tauchte, stellte Erek fest. Offenbar hatte er bereits kräftig dem Alkohol zugesprochen und Rogar, der einen Platz weiter saß, sein Bein ausgestreckt, wirkte sogar noch heiterer, was Erek einmal mehr an den Abend hinter dem Karren erinnerte. Und an Victors versprechen.
"Du wolltest mir noch etwas erzählen", richtete er sich an den Kurzhaarigen, während Tessa mit geschickten Fingern den Verband anbrachte. Er bezweifelte, dass es jetzt noch allzu viel bringen würde, denn die Wunde blutete kaum, auch wenn sie schmerzte, doch Tessa war der Meinung, dass sie lieber keine Entzündung riskierten. Und Erek wusste zum einen, dass man Tessa nicht ohne Grund widersprach und zweitens gefiel ihm der Gedanke, dass sie sich um seine Wunde kümmerte. Also schwieg er und sagte nichts, auch wenn er der vorlauten Blonden nie solch eine Vorsicht zugetraut hätte.
Auf Victors Gesicht zeigte sich erst Verwirrung, die sich allmählich zu Erkenntnis wandelte. Mit einem Mal verschwand der Schalk aus seinen Augen und Victor blickte sich um. "Hier? Bist du sicher? Ich würde gerne am Leben bleiben."
Erek folgte Victors Blick. Um sie herum tranken die Lykaner, aßen und lachten. Niemand kümmerte sich um die kleine Gruppe. "Ich denke, sie sind beschäftigt", bemerkte er.
Ein Brummen war Victors Antwort. "Ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob du das hören willst. Außerdem erzähle ich das nicht jedem." Sein Blick legte sich vielsagend auf Tessa.
"Ein Versprechen ist ein Versprechen", gab Erek zurück, neugierig und enttäuscht darüber, dass Victor sich noch immer sträubte. "Komm schon, wir sind zusammen ausgebrochen, haben zusammen gekämpft und zusammen geplant. Was kann so schlimm sein, dass du es mir jetzt noch immer nicht erzählen willst?" Victors Anspielung verstand er sehr gut, aber er hatte nicht vor, Tessa einfach fort zu schicken, um keine Geschichte der Welt. Vor allem nicht, nachdem sie sich gerade um seine Wunde gekümmert hatte.
Doch Tessa, die schweigend gelauscht hatte, erhob sich von selbst. "Keine Sorge, Jungs. Ich lass euch zwei alleine und hol noch Nachschub. Ich hab den ganzen Abend noch nichts zu Essen gehabt." Sie zwinkerte ihnen zu und zog von dannen, während Erek ihr erst schweigend hinterher sah und sich dann zu Victor drehte.
Sein Freund machte ein bedrücktes Gesicht, doch es gab nichts, mit dem er sich noch weiter hätte aus der Affäre ziehen können. Trotzdem schwieg er.
"Wenn es dir hilft, erzähle ich, mit wem ich gerannt bin", schlug Erek vor, sich an den zweiten Teil ihrer Vereinbarung erinnernd. Ein Geheimnis für ein Geheimnis.
Doch Victor schnaubte lediglich. "Denkst du, das weiß ich nicht inzwischen? Ich habe Augen im Kopf." Er nickte in Richtung des Verbandes um Ereks Schulter. "Es wundert mich, dass ihr zwei noch nicht weiter seit. Ehrlich gesagt habe ich seit dem Training etwas vermutet, aber in Anbetracht der Tatsache, dass Rogar vorhin an ihr vorbeigehumpelt ist und sie nicht einen Finger gerührt hat, stehen die Dinge ziemlich eindeutig, würde ich sagen."
Erek spürte, wie ihm die Hitze in die Wange stieg. "Weiß Rogar es auch?"
Das Grinsen kehrte für einen Sekundenbruchteil auf Victors Lippen zurück. "Natürlich. Wir hatten gewettet, aber wir lagen beide falsch. Ehrlich gesagt hätte keiner von uns je auf Tessa getippt. Rogar zweifelt sogar daran, dass sie eine Frau ist."
Es dauerte ein Weilchen, bis Erek begriff, dass das ein Scherz sein sollte, so verlegen hatte ihn die Tatsache gemacht, dass es kein Geheimnis mehr war, wen die Natur für ihn vorgesehen hatte. Solange die Geister nicht zuließen, dass Tessa im Kampf fiel. Der Krieg fordert Opfer.
"Wenn du schon Bescheid weißt, kannst du also auch deine Geschichte erzählen", brummte Erek und schnappte sich die halbleere Flasche, die Victor in der Hand hielt. Er hatte seit jenem Abend hinter den Karre keine Alkohol mehr gekostet und als er jetzt einen kräftigen Schluck nahm, um sich abzulenken und natürlich um vor seinen Freunden Eindruck zu schinden, brannte sich das Getränk ungewohnt durch seine Kehle.
Erek hielt sich davon ab, zu husten und das Zeug wieder auszuspucken. Einmal heruntergeschluckt, war es gar nicht so schlimm. Es wärmte auf eine Art, wie es das Feuer nicht vermochte und es half Erek dabei, seine Gedanken von den düsteren Geschehnissen abzulenken.
Victor neben ihm seufzte und streckte sich und eine Weile starrte er ins Feuer. "Das Ganze ist inzwischen fünf Jahre her", sagte er schließlich, ehe er die Stirn runzelte. "Oder sechs, ich weiß es nicht mehr genau. Man verliert etwas den Übersicht, wenn man ohne Rudel unterwegs ist."
Mit einem kurzen Blick vergewisserte er sich, dass Rogar zu beschäftigt damit war, einigen anderen Gruppenmitgliedern zu erzählen, wie viele Vampire er erlegt hatte, wobei er heftig gestikulierte. Erst als er sicher war, dass niemand zuhörte, rückte Victor etwas näher und fuhr fort.
"Das Heim meines Rudels war ein Waldgebiet, das von Seen durchzogen war. Ein nebliger Wald. Wir nutzten das zu unserer Tarnung, für die Jagd und wenn wir uns verteidigen mussten. Und das mussten wir in der Zeit vor meiner Verbannung oft, denn wie wir feststellten, hatte sich ein Vampir in unserem Wald eingenistet, der die dichten Schatten und den Nebel als Schutz vor der Sonne nutzte."
Victor sprach leise, die Augen in die Flamme gerichtet, als stünden dort die Worte geschrieben, die er erzählen musste. Seine Stimme verriet nicht, ob ihn die Erinnerung schmerzte, viel mehr klang sie angestrengt. Als fiele es ihm schwer, sich das Geschehene in Erinnerung zu rufen.
"Der Vampir wilderte in unserem Gebiet und tötete zwei unser Jäger, doch wir fanden heraus, dass er keiner von den Alten war. Ein frisch Gewandelter, offenbar ohne seinen Schöpfer. Ob er tot war oder ob er ihn einfach dort zurückgelassen hatte, wusste keiner von uns, aber Fakt war, der Vampir war eine Gefahr für uns alle. Also begannen wir, ihn zu jagen.
Nach einigen erfolglosen Versuchen gelang es uns tatsächlich, ihn einzukreisen und einzufangen. Das Klügste wäre gewesen, ihn an Ort und Stelle zu töten, aber wir waren uns noch immer nicht sicher, was es mit seinem Schöpfer auf sich hatte und wir wollten den Krieg nicht in unser Gebiet ziehen. Also gingen die anderen los, um unseren Anführer zu informieren, während ich auf unseren Fang aufpasste."
Erek, der hin und wieder einen Schluck aus der Flasche genommen hatte, stellte fest, dass er diese inzwischen umklammert hielt, während er Victor lauschte. Es war nicht so, als ob etwas großartig neues in dieser Geschichte vorgekommen wäre. Dass Vampire wilderten, war ihm nicht neu und auch nicht, dass manche Rudel alleine dagegen vorgingen. Aber die Art wie Victor sprach und die Tatsache, dass er den Ausgang der Geschichte bereits kannte, ließ eine ungute Ahnung in ihm aufsteigen.
Victor seufzte. "Ich blieb also an Ort und Stelle, mit dem Vampir. Wir hatten ihn in Ketten gelegt, weil er Fesseln einfach hätte zerreißen können und eine Weile zischte und fluchte er, ehe er verstummte. Eine Weile blieb es still und als mich diese Stille schließlich nervös machte, drehte ich mich zu ihm herum. Und zum ersten Mal fiel mir auf, wie jung er war. Ich habe keine Ahnung, wie alt er war, als er gewandelt wurde, aber seinem Äußeren nach konnte es nicht älter gewesen sein als fünfzehn oder sechzehn. Nicht älter als ich zu diesem Zeitpunkt. Und als ich ihm in Augen sah, sah ich darin kein Monster und keinen Mörder. Ich sah einen Jungen, der wusste, dass man sein Leben beenden würde und der Angst hatte."
Er zuckte mit den Schultern, räusperte sich und senkte dann die Stimme so weit, dass Erek sich näher lehnen musste, um ihm weiter folgen zu können, obwohl es nicht schwer war, die nächsten Worte zu erraten. "Ich bekam Mitleid und bevor die Anderen zurückkommen konnten, befreite ich den Vampir von seinen Ketten. Er warf mich nieder, doch er ließ mich leben und als die Anderen zurückkehrten, war er verschwunden."
"Das ist alles?", fragte Erek.
Victor starrte ihn an, als wäre er soeben geschlagen worden. "Was meinst du?"
"Du hast den Vampir befreit. Dafür haben sie dich herausgeworfen? Weil du Mitleid hattest?"
Offenbar brauchte Victor eine Weile, um die Worte zu verarbeiten, denn schließlich lachte er in einem Laut aus Erleichterung und Frustration. "Ehrlich gesagt dachte ich, du reagierst...anders. Ja, das ist alles, aber es ist schlimm genug. Die Frauen und Kinder der getöteten Jäger hassten mich, natürlich, denn der Mörder ihrer Männer und Väter lief noch immer herum. Die Anderen des Rudels waren außer sich vor Wut, weil er nun weiterhin plündern würde und wer wusste schon, wie viele ihm noch zum Opfer fallen würden. Und meine Familie konnte nicht für mich einstehen. Sie wussten, dass ich schuldig war, ich hatte es selbst zugegeben, jung und dumm wie ich war. Also verbannte man mich. Ich vermute mal, ein Teil von ihnen hoffe, dass der Vampir mich auf meinem Weg erwischte, doch ich verließ den Wald unbeschadet und streifte einige Zeit alleine umher. Bis ich auf eine Gruppe von Vampiren stieß, die mich überwältigte und in die Arena schaffte, wo nach einiger Zeit mein Zellengenosse starb. Und den Rest der Geschichte kennst du."
Mit Nachdruck nahm Victor die Flasche wieder an sich, doch sie war leer und so verzog er das Gesicht und angelte eine weitere vom Boden, wo die Gruppe einen kleinen Vorrat angelegt hatte. "Ich kann es ihnen ehrlich gesagt nicht verübeln", gestand er. "Natürlich war ich wütend und enttäuscht, aber ganz ehrlich? Hätte ich beobachtet, wie jemand einen Vampir befreit, ich hätte wohl ebenso gehandelt. Ich meine, nimm dich zum Beispiel. Sie haben dein Rudel umgebracht und dich eingesperrt und jetzt stell dir vor, du hättest einen von ihnen und könntest endlich Rache üben. Und dann befreit ihn jemand. Was würdest du tun? Nicht, dass ich das heute noch machen würde. Hätte ich geahnt, was passieren würde, als ich ihn freiließ, ich hätte den Mistkerl mit eigenen Händen umgebracht und seine ganze Brut mit ihm."
Erek schwieg. Es stimmte, vermutlich wäre er außer sich vor Zorn, doch Victor war sein Freund und er wollte ihn in diesem Gedanken nicht auch noch bestätigen. Die Tatsache, dass er so unbedacht über die Geschehnisse sprach, zeigte außerdem umso deutlicher, dass er zu viel getrunken hatte. Normalerweise war Victor um einiges feinfühliger.
"Nun, wenn du ihn nicht freigelassen hättest, hätten wir uns nie in der Arena getroffen und wir würden immer noch dort versauern, denkst du nicht auch?", fragte er schließlich, als die beiden sacht die Flaschen gegeneinander klirren ließen. Um Erek herum versank Gelächter und Gesang zu einem angenehmen Hintergrundgeräusch und so etwas wie ein schwaches Grinsen lag auf Victors Lippen. Offenbar eine Zustimmung.
"Ehrlich gesagt bin ich froh, dich als Unterstützung dabei zu haben", fuhr Erek fort, während sich in seine Gedanken die Bilder der Gefallenen schob. Mit einem Mal schmeckte die Flüssigkeit in seinem Mund bitter. "Ich meine, jetzt im Moment sind wir einigermaßen sicher und selbst hier verlieren wir Mitglieder."
"Es gibt überall Tote", versuchte Victor ihn zu beschwichtigen, der selbst in seinem Zustand merkte, dass es Erek stark beschäftigte.
Aber seine Worte waren lediglich eine Variation der Dinge, die Arin bereits gesagt hatte. "Ich weiß", brummte Erek. "Es ist nur...die Vampire haben den Großteil unseres Rudels vernichtet. Ich sollte eigentlich derjenige sein, der es wieder aufrichtet. Ich sollte Jade zur Partnerin nehmen und das Rudel wieder stärken und dafür sorgen, dass es nicht ausstirbt. Stattdessen..." Hilflos zuckte Erek mit den Schultern. "Du siehst, was stattdessen passiert. Ich plane einen Ausbruch und meine Mutter stirbt in der Arena. Ich führe die Flüchtlinge an und Jade geht verloren. Ich helfe einen Angriff zu leiten und Titus stirbt. Mein Rudel stirbt unter meiner Aufsicht weg, Victor und je mehr ich Versuche, die Gefahr abzuwenden, desto schlimmer wird es. Ich sollte sie retten, stattdessen richte ich sie zugrunde."
Eine Weile saßen sie nebeneinander, stumm, als wüssten sie beide nicht, was sie mit der Offenbarung des jeweils anderen anfangen sollten. "Ich denke, ich hätte dich nicht verstoßen", sagte Erek schließlich dumpf. "Als du den Vampir befreit hast, meine ich. Ja, es ist ein Feind, aber niemand sollte dafür verstoßen werden, dass er Mitleid zeigt. Ich wünschte, wir hätten selbst mehr davon erfahren."
Victor stieß ihm schwach den Ellenbogen in die Seite. Offenbar erleichterten ihn Ereks Worte, denn sein altes Grinsen kehrte langsam aber sicher zurück. "Du bist kein schlechter Anführer, nur weil du das richtige tust", erklärte er und auch wenn deutlich zu sehen war, dass es ihm nicht leicht fiel, Trost zu sprechen und ihm das ganze Gespräch ein wenig peinlich war, fuhr er fort. "Du hattest während all der Zeit immer die Wahl, die Schwächeren im Stich zu lassen und du hast es nicht getan. Du hast dich um mehr gekümmert, als nur dein Rudel. Ja, das hat Opfer gefordert, ich weiß wie es ist, das eigene Rudel zu verlieren. Aber es hat mehr Leben gerettet, als es gekostet hat."
Es war nicht dasselbe. Erek wusste, dass Victor Recht hatte, doch obwohl er sich für die Flüchtlinge verantwortlich fühlte, war es doch anders, einen von ihnen sterben zu sehen, als jemanden seines eigenen Rudels. Oder war es das tatsächlich? Er stellte sich vor, wie es gewesen wäre, hätte er nicht Titus' Leiche gesehen, sondern Hannoks. Oder Victors. Oder Tessas. Wäre es so anders gewesen?
"Victor!", brüllte Rogar zu ihnen hinüber, obwohl er nur in kurzer Entfernung von ihnen saß. "Was macht ihr zwei da? Wir beide haben noch eine Runde Armdrücken ausstehen, erinnerst du dich nicht? Ich werde dir zeigen, dass ich trotz allem immer noch der Stärkere bin."
Victor zögerte kurz, dann klopfte er Erek auf die Schulter und erhob sich. "Weißt du", sagte er nachdenklich, den Blick auf einen sichtlich angeheiterten Rogar gerichtet. "Ich glaube, ich bin auch ganz froh, dass ich den Vampir befreit habe." Er grinste Erek zu und gesellte sich dann zu Rogar, der bereits dabei war, seinen Ärmel hochzukrempeln.
Erek blieb sitzen, wo er war, die Flasche in der Hand, die Wärme des Feuers genießend. Er beobachtete, wie das Armdrücken zwischen Victor und Rogar zu einem freundschaftlichen Ringkampf wurde, den sie trotz allem irgendwie im Sitzen ausführten, die Geister allein mochten wissen, wie sie das anstellten. Er beobachtete, wie die auf der anderen Lagerfeuerseite Tessa sich mit Hannok unterhielt und ihm etwas mitteilte, das ihn tatsächlich zum Lache brachte. Er beobachtete, wie sich um ihn herum Mitglieder des Rudels und der Flüchtlinge gleichermaßen über ihren Sieg freuten und die Gedanke an Verlust weit von sich schoben.
Und er entschied, dass Victor recht hatte. Er hatte mehr Leben gerettet als verloren. Es wurde Zeit, dass er sich um diese Leben auch kümmerte.