Blutige Spuren - Der Weg eines Kriegers

von sunXmoon
GeschichteAbenteuer, Drama / P18
21.02.2012
14.06.2012
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"Was soll das heißen, 'in Sicherheit'?" Tessa gab sich keine Mühe, ihre Empörung zu verbergen und so war es kein Wunder, dass sich längst einige Köpfe zu ihnen herumgedreht hatten, manche belustigt, manche mitleidig.
Erek hob die Hände, als wolle er verhindern, dass ihm die Lykanerin an die Kehle sprang. "Tessa, bitte..."
Doch sie ließ ihm keine Möglichkeit, seinen Satz zu Ende zu bringen. "Nein!", fauchte sie. "Verflucht, nein! Ich habe den Aufpasser für die Anderen gespielt, aber ich werde mich nicht wegsperren lassen. Ich habe ebenso Grund zu kämpfen wie du. Wie alle hier!"
"Niemand behauptet das Gegenteil", versuchte Erek es erneut und fragte sich, welcher Teufel ihn geritten hatte, persönlich die Nachricht zu überbringen. Er hätte warten sollen, bis die Soldaten das erledigten, dachte er grimmig. Sicher hätten sie ihr helles Vergnügen gehabt, die zappelnde und schimpfende Tessa zur Frauenunterkunft zu zerren.
Wie erwartet hatte keine der Frauen verärgert darauf reagiert, nicht an den Kämpfen teilnehmen zu müssen. Die meisten waren sogar erleichtert gewesen und Erek hatte den Verdacht, dass sich auch einige der Männer wünschten, sich drücken zu können. Die Erinnerung an die Arena saß tief und manch einer hatte sich von den erzwungenen Kämpfen dort nie ganz erholt.
Nur Tessa...Tessa pochte mit aller Macht auf ihr Recht, mit den anderen in die Schlacht zu ziehen. Es war ihr egal, dass das Zelt der Frauen sauberer und komfortabler war. Es war ihr egal, dass sie dort in Sicherheit gewesen wäre. Es war ihr egal, dass einer der Männer auf dumme Gedanken kommen konnte. In ihren Augen loderte ein Feuer, das kein Wort und keine Geste zum erlöschen brachte und Erek hatte sich bereits von der Hoffnung verabschiedet, ihr Vernunft einzureden.
Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. "Ach nein? Was soll dann diese Regelung?"
Erek seufzte. "Hör zu, ich will nur, dass in Sicherheit ist, wer immer sich in Sicherheit bringen will. Und es wäre mir lieber, wenn du..."
"Wenn ich mich ihnen anschließe", vollendete Tessa den Satz und funkelte ihn an. "Und ich sage es noch einmal: nein. Ich werde mich nicht wegsperren lassen. Du kannst von mir aus hundert und zweihundert Leuten befehlen, aber ich bleibe."
Frustriert schnaubte Erek. "Schön, wie du willst. Du möchtest kämpfen? Dann tu das. Wenn Grant damit einverstanden ist, dass du dich der Ausbildung anschließt, kannst du bleiben."
Grant war einverstanden, sehr zu Ereks Leidwesen, doch er konnte dem Ausbilder keinen Vorwurf machen, denn er wusste nichts von der Vereinbarung mit Arin und bei diesem Blick, mit dem Tessa um sich schoss, hätte er selbst auch zugestimmt, um seinen Kopf zu behalten. Sie konnte ein regelrechtes Biest sein, aber Erek ertappte sich beim Lächeln, als er sich abwandte, um Tessas triumphierendem Blick zu entgehen.
Sie blieb also bei ihnen und verschreckte durch ihr hartes Auftreten jeden Gedanken an Zweisamkeit, der einem Lykaner hätte kommen können, was sehr praktisch war, wenn man bedachte, dass sie von lauter Männern umgeben war.
Schnell lernte Erek, dass der Weg, diese Männer zu kontrollieren, nicht Vertrauen war. Es war Vorsicht. Sie konnten nicht jagen gehen, natürlich nicht, denn sie waren so viele, dass sie jeden Jagdgrund unweigerlich erschöpft hätten ohne der Natur Möglichkeit zu geben, sich wieder zu erholen. Aber Essen gab es genug und es war das Training, das sie anstrengte und ihnen die Kräfte gab, aufeinander los zu gehen.
Erek hatte erwartet, dass sie sich würden wandeln müssen, doch Grant sah davon ab. "Wenn ihr euch auf zwei Beinen nicht fortbewegen könnt, wie wollt ihr es dann auf vier Beinen tun?", fragte er und an diesen Grundsatz hielt er sich in den nächsten Tagen. Er erläuterte, dass es Momente geben konnte, in denen sie keine Möglichkeit zur Wandlung hatten und in der sie sich dennoch verteidigen müssten und Erek dachte voller Bitterkeit an die Arena und wie gut er dieses Training dort hätte gebrauchen können.
Nach dem ersten Abend tat ihm alles weh.
Erek war nie schwach gewesen. Sein Leben als Nomade hatte ihm ein paar kräftiger Beine beschert und die Zeit in der Arena hatte seinen Körper geformt und gezeichnet. Er hatte sich eigentlich für kräftig und relativ geschickt gehalten, doch Grant war gnadenlos in seinem Training. Er lief die Reihen ab, in dem sich die Lykaner miteinander rauften, einen hölzernen Stecken in der Hand und wenn man es am wenigsten erwartete, schlug er einem die Beine weg. Oder er nahm sich selbst seiner an.
Als Grant sich von Erek hatte angreifen lassen, hatte dieser beschlossen, vorsichtig zu sein. Grant war um einiges älter als er und er wollte dem Lykaner nicht unnötig weh tun. Innerhalb weniger Sekunden hatte Erek sich auf dem Boden wiedergefunden, während Grant sich auf seinen Stecken abstützte und auf ihn hinablächelte.
Dieses Lächeln und das kleine Grinsen auf den Lippen seiner Kameraden -allem voran Rogar, der einen freundschaftlich-spöttischen Ausdruck aufgesetzt hatte- hatte Erek dazu veranlasst, sich wieder aufzurappeln und erneut anzugreifen, diesmal heftiger.
Und wieder war er auf dem Boden gelandet, diesmal allerdings mit einem heftigen Schmerz auf dem Brustkorb, dort wo Grant ihn getroffen hatte, und nach Luft ringend. Am Ende des Tages war er übersät von Blutergüssen und fühlte sich so unfähig wie schon lange nicht mehr.
"Du kämpfst mit viel Leidenschaft, aber ohne Ziel", erklärte Grant ihm. "Du kannst nicht einfach mit dem Kopf gegen die Wand rechnen. Du musst dir dessen bewusst sein, was du tust. Welchen Körperteil du angreifen willst, welche Bewegung dein Gegner macht, was du abwehren musst und wem du nur ausweichen kannst."
Es dauerte nicht lange, bis sich zwischen den Lykanern ein Konkurrenzkampf entwickelte, bei dem jeder versuchte, den anderen zu übertreffen. Die erbittertesten Rivalen waren jedoch Victor und Rogar. Schon vorher hatten sie sich mit Worten aneinander gemessen, jedoch nie gewagt, gegeneinander zu kämpfen oder einfach nicht das Verlangen danach gehabt. Das änderte sich nun allerdings.
Rogar war ohne Zweifel der stärkere von ihnen Beiden, aber Victor hatte lange Zeit in der Arena verbracht und wusste, wie man einen Kampf lenkte, um einen Vorteil daraus zu ziehen, wenn man schwächer war. Oft endeten die Auseinandersetzungen zwischen ihnen unentschieden und zu Ereks grenzenloser Überraschung kam es danach nicht selten vor, dass sich einer von ihnen auf die Beine kämpfte und er lachend und schwer atmend dem anderen auf die Füße half.
In all dem Chaos tat sich eine besonders hervor: Tessa. Viele machten den Fehler, sie wegen ihres schmalen Körperbaus zu unterschätzen und nicht zuletzt, weil sie eine Frau war und sie nutzte diese Schwäche gnadenlos aus. Verbittert stellte Erek fest, dass Grant ihr nicht nur die Teilnahme erlaubte, sondern auch noch wunderbar mit ihr zurecht kam. Zumindest etwas wandte sich allerdings zum Besseren. Tessa suchte abends wieder die Nähe der Gruppe, jetzt, da die anderen Frauen fort waren, und so nahm sie wieder an den Gesprächen am Lagerfeuer teil und blieb dort auch nachts, wenn sie unter freiem Himmel schliefen.
Erek war ganz froh, dass die Lykaner durch das Training Luft ablassen konnten, denn das bereitete ihm weniger Sorgen, wenn er an den Versammlungen der Anführer teilnahm. Die Anderen waren wenig begeistert, dass er allein zu diesen Treffen ging und sich dadurch von ihnen absondern musste, aber sie mussten akzeptieren, dass es keine Sonderregelungen für sie gab und Erek beeilte sich stets, ihnen alles so schnell wie möglich zu berichten, sobald er zurück war.
Während der Versammlungen hielt Erek sich an Arins Bitte, vorerst unauffällig zu bleiben und nur zu lauschen. Und er lernte viel durch diese Methode. Nicht nur, dass ihm die einzelnen Anführer vertrauter wurden, mit der Zeit begann er auch, sich einzelne Namen aus ihren Rudeln zu merken, wenn sie davon erzählten, welche Lykaner besondere Fortschritte machten, welche Sorgen bereiteten und wie das Rudel überhaupt den Tag verbracht hatte.
Meist bestanden die Versammlungen aus solchen Berichten, gefolgt mit der Überlegung, wohin sie als nächstes gehen sollten. Während dieser Gespräche erfuhr Erek, dass die Armee zu früheren Zeiten durchaus den Angriffen der Vampire hatten standhalten müssen.
Sie kamen nachts und blieben niemals lange. Lautlos und schattengleich überfielen sie die Lykaner, die am äußersten Rand des Lagers schliefen und hinterließen deren Leichen. Sie verschwanden stets, bevor der Morgen graute und nach mehreren solcher Nächte hatte sich Angst und Sorge breit gemacht. Doch nach dem Ausbruch aus der Arena hatten diese Angriffe aufgehört.
Arin vermutete, dass die Vampire der Ausbruch schwer getroffen hatte und dass sie sich zurückgezogen hatten, um sich neu zu ordnen. Aber er warnte davor, sie zu unterschätzen. Sie wussten nicht, wie viele Vampire es wirklich gab und ihr Gegner war stark. Wenn sie sich zu früh auf der sicheren Seite wogen, würden die Vampire sie vernichten, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen. Noch waren die Lykaner zu wenige. Noch würden sie sich gedulden müssen.
Als an jenem Abend die Besprechung vorüber war, erkundigte sich Erek, warum sie nicht gegen die Arena zogen. "Wir mussten viele unserer Art zurücklassen und sie hassen die Vampire ebenso wie wir es tun. Wenn es jemanden gibt, der Grund zum Kampf hat, dann sie. Und die Arena vollends zu zerstören, würde den Vampiren zeigen, dass sie uns ernst nehmen müssen."
Arin lächelte. "Mir gefällt deine Art zu denken", bemerkte er. "Aber es ist nicht nur Taktik, die dir die Arena als Ziel vorgibt, nicht wahr?"
Erek schwieg ertappt. Natürlich war es primär der Gedanke an Jade, der ihn die Arena hatte vorschlagen lassen und beinahe schämte er sich dafür. Er hatte inzwischen begriffen, dass man als Anführer nicht Wert auf das Wohl eines Einzelnen legen konnte, wenn man die ganze Gemeinschaft gut führen wollte, aber es fiel ihm schwer, das umzusetzen.
Arin jedoch tat ihm den Gefallen, nicht weiter nachzuhaken und überlegte stattdessen. "Dennoch hast du recht", sagte er schließlich. "Die Arena zu verlieren, wäre tatsächlich ein schwerer Schlag für die Vampire. Aber sie liegt gut geschützt und vermutlich wären unsere Verluste größer als die Zahl der Gefangenen, die wir retten würden." Als er Ereks Gesichtsausdruck sah, lächelte er. "Keine Sorge. Wir werden gegen die Arena ziehen, das verspreche ich dir. Aber nicht heute und nicht morgen. Wir müssen uns vorbereiten."
Mit der Zeit stellte Erek fest, dass Arin ein Quell unerschöpflicher Weisheit zu sein schien und er schöpfte darin, ohne zweimal zu bitten. Seine Freunde waren ihm wichtig und sie hatten ihm in jeder Situation beigestanden, doch Arin war ein Anführer und verstand daher am ehesten, mit welchen Sorgen Erek sich quälte. Oft saßen sie nach den Versammlungen noch beieinander und redeten und Erek lauschte den Ratschlägen, die er bekam, um sie so gut wie möglich umzusetzen.
Arin erzählte ihm von der Zeit, als er gerade erst zum Anführer geworden war, von den Fehlern, die er gemacht hatte und von den Wegen, die er eingeschlagen hatte. Er war stets ruhig und freundlich dabei und Erek schämte sich inzwischen, bei der ersten Begegnung so misstrauisch gewesen zu sein. In Arin fand er nicht nur einen Zuhörer, er fand einen Mentor und nachdem ihm Deborah so überraschend von der Seite gerissen worden war, war er froh mit jemandem reden zu können, der mehr Erfahrung besaß. Und Arin führte die Armee an. Welchen besseren Ratgeber konnte es geben?
Seine Freunde sahen das natürlich anders. Ihrer Meinung nach verbrachte er zu viel Zeit mit Arin und sie scheuten sich nicht, das auch laut auszusprechen. "Würden wir ihn als Anführer wollen, würden wir es sagen", erklärte Rogar und ausnahmsweise stimmte Victor ihm zu.
Erek ließ sie reden. Er hörte ihnen zu und er widersprach ihnen nicht, doch er ging weiterhin zu Arin und er lernte, lernte über den Krieg und ihre Widersacher, die Vampire. Sie zogen nicht weiter, weswegen ihnen lange Wanderwege erspart blieben.
Obwohl er weniger Zeit mit seinen Freunden verbrachte und das Lager nicht gerade ein Ort der Zweisamkeit war, versuchte er dennoch, Victor zum Gespräch zu bewegen. Seit sie sich in der Arena kennengelernt hatten, gab es eine Sache, die er ihm niemals verraten hatte und auch wenn Erek normalerweise gut darin war, seine Neugierde zu zügeln, ließ ihn der Gedanke nicht los, seit er gesehen hatte, wie Victor auf Grants Worte reagierte. Kein Platz für Mitleid...er fragte sich, ob Victors Reaktion auf sein eigenes, mitleidloses Rudel bezogen war oder ob da andere Dinge im Spiel waren.
"Du hast mir nie erzählt, warum dein Rudel dich verstoßen hat", bemerkte er eines Abends wie beiläufig zu Victor, als er ihn am Feuer ein wenig beiseite genommen hatte, aber diese Frage war viel zu privat, um zufällig zu sein und Erek sah, dass Victor dies bewusst war.
"Das ist auch nichts, was dich angeht, mein Freund", erklärte Victor mit gespielter Heiterkeit. "Und außerdem ist dies hier kein Ort, an dem ich darüber reden möchte."
Erek musterte ihn. "Denkst du nicht, dass du mir vertrauen kannst? Wir sind jetzt schon lange Zeit miteinander unterwegs. Was auch immer du angestellt hast, es kann nicht so schlimm sein, dass ich dich danach mit anderen Augen sehen würde."
Victor schwieg eine Weile. "Verrätst du mir, mit wem du gelaufen bist?", fragte er dann.
"Nein." Das war keine Frage des Vertrauens, sagte sich Erek. Er wollte Tessa nicht bloßstellen, schon gar nicht jetzt, wo sie sich nicht mehr zu den anderen Frauen zurückziehen konnte. Und er wollte nicht, dass die Augen der anderen bei jedem Schritt auf ihnen lagen.
"Da hast du meine Antwort."
Sie verfielen in Schweigen, jeder mit dem Geheimnis des anderen beschäftigt, ehe Victor etwas einzufallen schien. "Pass auf", sagte er und drehte sich zu Erek. "Wenn wir unsere erste Schlacht geschlagen haben, wann immer die sein wird, und unseren Sieg feiern und alle so betrunken sind, dass keiner zuhört...dann reden wir darüber. Ich sage dir, warum ich verstoßen wurde und du mir, mit wem du gelaufen bist. Denn ehrlich gesagt, ich werde wahnsinnig, wenn ich das nicht bald mal höre."
Erek sah keinen Grund, sich nicht auf diesen Handel einzulassen. Er vertraute Victor und was auch immer in seiner Vergangenheit geschehen war, er bezweifelte, dass es sich auch au seine Gegenwart auswirkte.
Feierlich reichten sie sich die Hände, in der stillen Überzeugung, lebend aus den Kämpfen hervor zu gehen.
Die Tage waren angefüllt mit Training und Besprechungen und zum ersten Mal seit langem fühlte Erek sich friedlich. Er schlief besser in der Nacht und er hatte nicht mehr das Gefühl, als würde das Gewicht der Welt auf seinen Schultern lasten. Er wusste, dass sie sich auf den Krieg vorbereiteten und das Schmerz, Leid und Tod in ihrer Zukunft lagen, aber es fiel ihm schwer daran zu denken, wenn die Sonne herabschien und sie sich in gutmütiger Rivalität bekämpften.
Grant war dazu übergegangen, sie auch gewandelt zu trainieren. Er zeigte ihnen, wie sie ihre Kiefer gezielt und wirkungsvoll einsetzten und der wichtigste Rat, den er ihnen mit auf den Weg gab war, die Köpfe der Vampire abzubeißen, wenn es ihnen möglich war.
Dennoch vernachlässigten sie ihre Übungen im menschlichen Körper nicht und zu seiner großen Freude spürte Erek, dass er besser wurde. Er kam weniger schnell außer Atem, seine Bewegungen wurden geschmeidiger, seine Angriffe geschickter. Das hielt ihn dennoch nicht davon ab, ab und an zu Boden befördert zu werden.
An diesem Tag war es Tessa, die ihn in den Staub schickte, wo er schwer atmend einen Moment liegen blieb. Sie war nicht so gut wie Hannock, der sie alle an Fertigkeiten übertraf und niemandem verraten wollte, woher er seine Kampfkünste hatte, aber sie stellte sich sehr gut an und Erek war noch erschöpft vom Training des gestrigen Tages, das er unnötig in die Länge gezogen hatte. Zumindest redete er sich das ein.
"Hab Mitleid", keuchte er und rappelte sich auf. Schweiß lief ihm über Arme und die nackte Brust. Es war warm und selbst ohne das Training wäre es ein anstrengender Tag gewesen, so allerdings hatte er das Gefühl, vor Hitze zu vergehen. Mit einem Stöhnen betastete Erek den blauen Fleck an den Rippen, den Tessa ihm soeben beschert hatte.
Sie grinste ihn an und tänzelte etwas zurück, als fürchte sie einen Gegenanschlag. In den Wochen, in denen sie nun bereits hier waren und sich ins Lagerleben eingefunden hatten, hatte er sie nie noch einmal nach einer gemeinsamen Jagd gefragt und Tessa schien davon auszugehen, dass er es auch nie wieder tun würde, denn sie wurde ihm gegenüber wieder offener, so wie sie es gewesen war, bevor er sie im Wald überrascht hatte. Ihn störte das nicht im Geringsten, im Gegenteil, es war ihm sogar sehr lieb. Er war sich vorgekommen, als würden sie beide auf einem Drahtseil balancieren, so dass ihm diese entspanntere Situation sehr viel besser gefiel.
"Was ist, gibst du auf?" Sie war ebenso außer Atem wie er, das blonde Haar klebte ihr verschwitzt in der Stirn, aber offenbar hatte sie nicht vor aufzuhören, ehe er sich nicht seine Niederlage eingestand.
Ächzend lockerte Erek seine Arme. Sie waren fester geworden in der vergangenen Zeit und obwohl Erek nie so viel Nahrung zu sich nehmen würde, dass er annähernd eine Breite erreichen würde wie Hannock, war er doch zufrieden und wie so viele junge Männer überzeugt davon, es mit jedem Gegner aufnehmen zu können. Selbst mit Tessa. "Du fragst nur, weil du Angst hast, zu verlieren", gab er zurück und ließ die Schultern kreisen, als würde er ihren Angriff nicht einmal fürchten.
"Wer hat hier gerade nach Mitleid gebettelt?", spottete sie gutmütig, aber in ihren Augen blitzte es herausfordernd. "Als wüsste ich nicht, was du willst! Du wünschst dir, dass ich nachgebe und mich zu den Heilern geselle, statt dich zusammen zu schlagen. Du weißt genau, dass ich besser bin als du!"
Solche Worte warfen sie öfter zwischen sich hin und her, jeder darauf aus, den anderen zum Angriff zu bewegen. Und dieses Mal war es Erek, der nachgab. Er grinste, als er sich auf sie zu bewegte, konzentrierter jetzt, obwohl ihm der Kopf in der Hitze drückte.
Sie wich seinem Arm aus und sprang flink um ihn herum.
"Du bist keine Kämpferin, du bist ein Floh!", lachte Erek, dessen Attacken immer wieder ins Leere gingen.
Natürlich ließ sie das nicht auf sich sitzen. Als sie zum Gegenangriff ausholte, wich Erek geschickt aus, packte ihr Handgelenk bevor sie es zurückziehen konnte und zog sie an sich heran, ihre Hände im festen Griff.
"Ich würde niemals wagen, dich zu den Heilern zu stecken", brummte er ihr ins Ohr. "Du würdest mich in Stücke reißen...und ich will dich nicht verändern."
Er spürte, wie sich Tessa in seinem Griff versteifte, doch bis auf ihren keuchenden, erschöpften Atem war nichts zu hören und als sie zu ihm aufsah, war ihre Stirn gerunzelt, ganz als wisse sie nicht, was sie von diesen Worten halten sollte.
Aufbrandender Lärm sorgte dafür, dass Erek sie losließ und sich verwirrt umsah. Ein Trupp Lykaner kam an ihnen vorbei, so hochgewachsen, dass sie es mit Hannock aufnehmen konnten, Augen und Aussehen wild. Sie waren breitschultrig und schauten grimmig drein, die Haare wirr über ihren Schultern ausgebreitet und gekleidet in Felle und Leder.
Das Rudel der Blutjäger war eingetroffen.
Als Erek an diesem Tag das Zelt betrat, strahlten Arins Augen in dessen verbranntem Gesicht geradezu vor Zufriedenheit. Er ließ den Blick über den voll besetzten Tisch wandern und nickte schließlich. "Nun, da wir endlich so vollständig sind, wie wir es in Anbetracht der Umstände sein können, wird es Zeit, weiter zu ziehen. Einige meiner Späher berichteten mir, dass die Vampire sich weiter nördlich zusammenziehen und eine Basis errichtet haben, um sich zu sammeln. Sie nehmen uns ernst. Ich denke es ist an der Zeit ihnen zu zeigen, dass sie damit kein Unrecht tun."
Er lächelte, als er sich über den Tisch beugte und inmitten der angespannten Gesichter blickte. "Ich hoffe ihr fühlt euch bereit, denn wir werden sie überrennen."