Blutige Spuren - Der Weg eines Kriegers

von sunXmoon
GeschichteAbenteuer, Drama / P18
21.02.2012
14.06.2012
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Das Zelt, zu dem Erek von Grant geführt wurde, unterschied sich äußerlich kaum von den anderen und er hätte es sicher nicht gefunden, hätte man ihm nur den Weg beschrieben. Unterwegs prägte er sich den Anblick der vielen Lykaner ein, die das Lager bevölkerten und die vielleicht nicht allzu freundlich miteinander umsprangen, aber sich doch nicht bekämpften. Hatte Arin solch eine Macht über sie, oder hatten sie einfach begriffen, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als ihr eigenes Naturell zu überwinden, wenn sie die Vampire besiegen wollten?
Erek wünschte sich, Deborah hätte dies sehen können. Es hätte ihre Grundsätze auf den Kopf gestellt, was die Zahl von Lykanern anging, die einem einzigen Anführer folgten. Aber er wusste auch, dass sie den Kopf geschüttelt und ihn darauf hingewiesen hätte, dass dies hier kein Rudel war. Eine Armee, sicher, und es konnte sein, dass sie alle einem Mann folgten, doch sie waren kein Rudel und dort, wo eine Armee auseinander brechen würde, würde ein Rudel immer zusammenhalten.
Grant zögerte nicht lange, das Zelt zu betreten, dessen Stoff bereits einige Schlammspritzer abbekommen hatte. Im Inneren war es erstaunlich warm und Staubkörner tanzten im Sonnenlicht, das schwach von außen hereindrang. Man hatte einen langen Tisch aufgestellt, um den versammelt einige Lykaner saßen - die Rudelführer, so würdevoll wie möglich. Ihre Köpfe wandten sich zu den beiden Neuankömmlingen.
Grant verneigte sich tief, Erek jedoch versäumte diese Höflichkeit, da derlei Ettikette nie zu seinem Alltag gehört hatten und es ihm neu war, dass ein Wolf über einem anderen stand. Er musterte die Gesichter der Anwesenden.
Viele von ihnen hatten einen harten Glanz in den Augen, der zeigte, dass sie zu allem bereit waren, um für die ihren zu kämpfen. Manche wirkten nervös, der Gedanke an Kämpfe beunruhigte sie wohl. Und es gab jene, in deren ruhigen Mienen man gar nichts lesen konnte. Sie alle jedoch hatten alles gemeinsam. Sie waren allesamt älter als Erek, der unter der Verantwortung der letzten Monate zwar gereift und älter geworden war, sich in diesem allerdings beinahe wieder wie ein Junge fühlte.
Arin zu erkennen war nicht schwer. Er war der Einzige im Raum, der stand, abgesehen von Grant und Erek, und hatte sich über den Tisch gebeugt, auf dem seine Hände abgestützt waren. Offenbar hatten sie ihn gerade in einer Erklärung unterbrochen, denn sein Blick flackerte für einen Moment verwirrt, streifte Erek und heftete sich dann auf Grant. "Willkommen zurück. Wie ich sehe, hast du sie gefunden?" Arin hatte eine angenehme Stimme, fest und schmeichelnd zugleich, als hätte jemand eine Eisenstange mit Samt ummantelt. Seine Stimme stand in krassem Gegensatz zu seinem Äußeren. Arin war hochgewachsen und athletisch gebaut und er mochte Mitte vierzig sein, doch genau ließ sich das nicht sagen, denn über sein Gesicht zogen sich Brandnarben, die er nicht einmal versuchte zu verbergen und die Ereks Blick magisch anzogen.
Er hatte geglaubt, die Narben, die er von der Folter der Vampire davon getragen hatte, seien schlimm, doch Arins Anblick belehrte ihn eines besseren. Nur ein kleiner Teil seines Gesichts, sein rechtes Auge nämlich sowie die Wange und ein Winkel seines Mundes, waren von den Flammen verschont geblieben. Die restliche Haut war eine Mischung aus rot und schwarz und wies ein eigentümliches Muster auf. Als Erek sich bewusst wurde, dass er starte, senkte er mit Mühe den Blick, nur um festzustellen, dass auch Arins linke Hand diese Brandmale aufwies.
Arin schien sich nicht an Ereks Betrachtungen zu stören. Vermutlich war er es gewöhnt, dass man ihm solche Blicke zuwarf. Stattdessen wandte er sich an die Anwesenden Lykaner. "Meine Freunde, darf ich euch Erek, den Anführer der Arenaflüchtlinge vorstellen?"
"Erek vom Goldgras", verbesserte dieser ohne groß darüber nachzudenken und bereute es im nächsten Augenblick auch schon, als ihn kurz die verwirrten Blicke der anderen trafen, ehe sie auch schon wieder zu Arin sahen. Obwohl man also seinen Namen an diesem Ort kannte, hatte man wohl verpasst, auch seine Zugehörigkeit zu verraten.
Arin schenkte ihm ein entwaffnendes Lächeln, dann richtete er sich auf und umrundete den Tisch, um auf Erek zuzukommen. "Ich bin wirklich sehr froh, dass Grant dich und deine Gefährten gefunden hat", erklärte er und wies auf die anderen Anführer, die am Tisch saßen. Erek fiel auf, dass zwei Stühle noch frei waren.
Als Arin seinen Blick bemerkte, nickte er ihm zu. "Wir warten noch auf das Rudel der Blutjäger. Bisher sind sie nicht eingetroffen, aber noch geben wir die Hoffnung nicht auf. Was den anderen Platz angeht...der ist für dich." Er lächelte, als er Ereks unsicheres Stirnrunzeln sah. "Lass mich dir die anderen vorstellen."
Es folgte eine Nennung von Namen und Rudeln und von keinem hatte Erek je gehört, doch er bemühte sich um Haltung und ihm schwirrte der Kopf von dem Versuch, sich alles einzuprägen. Es gab so viele von ihnen...das Rudel vom Salzsee und das der Tannen, das Rudel der Schneeberge und das Rudel von den Sturmklippen und noch viele mehr, die er nicht alle behalten konnte. Jeder der Lykaner neigte höflich den Kopf, doch Erek glaubte auf manchen ihrer Gesichter Verwunderung zu sehen über den jungen Anführer.
"Ich denke, das sollte für heute reichen", sagte Arin schließlich, indem er sich an die anderen wandte. "Ich möchte noch einige Dinge mit Erek besprechen und wenn er sich dazu in der Lage sieht, kann er gleich morgen an der nächsten Sitzung teilnehmen. Was hältst du davon, Erek?"
"Ich...", setzte dieser an, verunsichert darüber, dass man ihm die Wahl überließ und eingeschüchtert von den vielen neuen Eindrücken, die ihn überhäuften. Er wünschte, er hätte als besserer Rudelanführer antreten können. Erfahrener. Doch sein eigentliches Rudel bestand nur noch aus wenigen Mitgliedern und wäre unter all den Lykanern wohl nicht der Rede wert gewesen. Da er keine Worte fand, schluckte er schließlich und nickte.
"Wunderbar. Dann bleib bitte noch einen Augenblick." Arin wandte sich an Grant. "Ich bin sicher, dass du dich bereits um alles gekümmert hast, aber bitte sorg dafür, dass Ereks Begleiter alles bekommen, was sie benötigen."
Es kam Leben in die Lykaner, als sie sich erhoben. Arin verabschiedete sie mit den Worten "Bis morgen, meine Freunde", dann verließen sie einer nach dem anderen das Zelt. Manche richteten ein Grußwort an Erek, manche zogen schweigend an ihm vorbei, doch er atmete erst auf, als sich Stille über das Zelt senkte und Arin der einzige noch Anwesende war.
"Hast du Durst? Möchtest du etwas trinken?", erkundigte sich Arin, der einen Tonkrug vom Tisch genommen hatte und in der anderen Hand einen hölzernen Becher hielt.
Erek merkte zu seinem eigenen Erstaunen, dass seine Zunge tatsächlich trocken in seinem Mund klebte. Er nickte und Arin reichte ihm den Becher und beobachtete ihn beim Trinken.
"Du musst viele Fragen haben", sagte er, kaum dass Erek abgesetzt hatte. "Stell sie ruhig. Ich beantworte dir alles, so gut ich kann."
Diese gelassene Freundlichkeit, die Arin ausstrahlte, hatte Erek nicht erwartet. Er hatte mit Strenge gerechnet, womöglich sogar ein wenig Tyrannei, doch Arin war so ruhig, als hätten sie alle Zeit der Welt und keinen Krieg zu führen. Nur in seinen Augen lag eine Kälte, die Erek vorsichtig sein ließ.
"Wieso hast du ausgerechnet nach uns suchen lassen?", fragte Erek zögerlich, da ihm eine andere Frage viel drängender auf der Zunge lag, jetzt, wo er Arin so direkt gegenüber stand. Er verzichtete auf eine förmliche Anrede, denn auch Arin hatte mit den Anderen sehr vertraut gesprochen.
Der Anführer der Armee runzelte die Stirn. "Hat Grant es dir nicht erzählt? Wir hörten von deinem Erfolg in der Arena, was also liegt näher, als sich auf die Suche nach dir und deinem Gefolge zu machen?" Aber er sah wohl, dass diese Antwort nicht reichte, daher holte er weiter aus. "Die Nachricht vom Ausbruch breitete sich sehr schnell aus, aber so wirklich wusste keiner, was dort geschehen war. Es gab Gerüchte darüber, dass die Arena niedergerissen worden sei, andere sagten, die Vampire hätten die Flüchtlinge längst wieder eingefangen, aber was genau vorgefallen war, das konnte niemand berichten. Schließlich lasen wir vereinzelt Lykaner auf, die ebenfalls entkommen waren und die ins zumindest ihre Sicht der Dinge schildern konnten. Unter anderem fiel dabei dein Name."
"War eine Frau bei ihnen?", unterbrach ihn Erek, plötzlich aufgeregt. "Jade?"
Einen Augenblick dachte Arin nach, dann schüttelte er den Kopf. "Tut mir Leid, ich fürchte nicht." Als er Ereks enttäuschte Miene sah, legte sich Bedauern auf sein Gesicht. "Deine Gefährtin?"
"Nein." Die Antwort kam ihm so schnell von den Lippen, dass es Erek hätte erstaunen sollen, aber es fühlte sich selbstverständlich an. "Sie ist meine...Schwester. In gewissem Sinne." Erneut seiner Hoffnung beraubt, Jade in Sicherheit zu wissen, sah er zu Arin auf. "Und was auch immer dir erzählt wurde, es entspricht nur teilweise der Wahrheit. Ich war kein Kriegsführer oder Kampfmeister. Ich war nicht einmal ein Anführer im eigentlichen Sinne. Ich habe lediglich geplant und selbst das nicht allein."
Ein wissender Ausdruck lag in Arins Augen. "Ah, und doch war deine Planung erfolgreich und das als einzige. Dir ist doch bewusst, dass noch nie zuvor jemand aus der Arena ausgebrochen ist?"
Erek bejahte, doch bevor er darauf hinweisen konnte, dass ohne die Hilfe der anderen Lykaner jede Planung umsonst gewesen wäre, fuhr Arin fort. "Du hast das einzig Richtige getan: du hast erkannt, dass man alleine keine Siege erringt und die anderen Gefangenen dazu gebracht, sich zu vereinen. Wir unterscheiden uns gar nicht so sehr, du und ich."
Erek war sich da gar nicht so sicher. Andererseits wusste er auch nichts über Arins Antriebe und konnte daher auch nicht sagen, wie sehr er ihm wirklich ähnelte. Wenn auch er den Großteil seines Rudels verloren hatte, wenn auch er von dem Wunsch erfüllt war, die Mörder seiner Familie sie töten, dann waren sie vielleicht tatsächlich nicht so unterschiedlich.
Arin hatte ihn während seiner Überlegungen im Blick behalten. "Du verbirgst deine Neugier sehr gut", sagte er schließlich.
Verlegen und ertappt wagte Erek nicht, seine Augen auf den Narben gerichtet zu lassen und sah sich hilflos im Zelt um. "Ich wollte nicht..."
Der Ältere winkte ab. "Man gewöhnt sich daran, keine Sorge. Deine Aufmerksamkeit ist nichts, was mich beleidigen würde. Aber ich kann dir deine Fragen auch beantworten, ohne dass du sie stellst. Ich würde sie nicht zum ersten Mal hören." Er sah versonnen in das Halbdüster des Zelts. "Feuer ist eine große Schwäche für Vampire. Deswegen setzen sie es gerne ein. Sie demonstrieren uns, dass sie sich nicht fürchten und dass es uns genauso schadet wie ihnen. Als mein Dorf verbrannte, war es mir nicht möglich, alle meiner Gefährten zu retten und ich selbst war für einige Zeit in den Flammen gefangen, bis man mir schließlich helfen konnte. Ein einzig Gutes hatte diese Erfahrung für mich. Die Schreie meines Rudels, als es verbrannte, sind ein schonungsloser Antrieb."
Plötzlich sehr ernst, bohrte sich sein kalter Blick in den Ereks. "Eines musst du dir stets bewusst machen: der Krieg fordert Opfer. Unsere Feinde werden nicht zögern uns abzuschlachten, wenn sie die Möglichkeit dazu haben und auch wir dürfen kein Mitleid zu zeigen. Aber ich rede nicht nur von den Vampiren. Es wird ein Moment kommen, in dem du eine Entscheidung treffen musst, Erek. Du wirst dich entscheiden müssen, ein Opfer zu bringen und uns dafür zum Sieg voran zu treiben oder aber darauf zu verzichten und zusehen, wie deine eigene Art untergeht. Bist du bereit für diese Entscheidung?"
Erek dachte an die einstige Größe seines Rudels. Er dachte an Deborahs warme Stimme und ihre sanften Finger in seinem Haar. Er dachte an Kjell, krank und kraftlos und seinen kurzen, sinnlosen Tod. Er dachte an Jade, seine aufopfernde Freundin und an ihr mögliches Schicksal. Und er dachte an das kalte Lächeln der Vampire, als sie ihn gefoltert hatten. "Ich bin bereit", antwortete er fest.
Ob Arin mit dieser Antwort nun gerechnet hatte oder nicht, er schien erfreut darüber. "Sehr gut."
Der zufriedene Klang seiner Stimme stellte Erek vor die Frage, was wohl geschehen wäre, hätte er eine andere Wahl getroffen, doch er wollte nicht danach fragen.
"Gibt es sonst noch etwas, was ich für dich tun kann?", hakte Arin nach, gelöster jetzt, da das Unangenehmste offenbar geklärt war. "Sprich nur, wenn dir etwas auf dem Herzen liegt. Du kannst mir alles anvertrauen."
Erek zögerte. Er hatte das Gefühl, dass sein Wunsch einer ganz bestimmten Person sehr missfallen würde. "Die Frauen, die uns begleiteten...es wäre mir lieber, sie in Sicherheit zu wissen. Sie mögen sich bis hierher durchgekämpft haben, aber eine Schlacht innerhalb einer Armee ist etwas gänzlich anderes. Es sind nur wenige."
Verständnisvoll und langsam nickte der Anführer. "Du bist nicht der einzige mit diesem Wunsch. Viele Rudelanführer brachten ihre Frauen mit, weil es hier sicherer ist. Es gibt speziell für sie Zelte und wir sorgen dafür, dass sie außerhalb des Kampfgeschehens bleiben, sollte es dazu kommen. Keine Sorge, den Frauen wird nichts geschehen."
"Was ist mit den anderen Lykanern?", erkundigte sich Erek, der daran dachte, dass selbst in der eigenen Gruppe immer wieder versucht wurde, sich an den Frauen zu vergreifen.
Doch Arin lächelte nur sein undurchsichtiges Lächeln. "Keiner wird es wagen, sich ihnen zu anderem Zweck zu nähern, als ihnen Verpflegung zu bringen, es sei denn sie wollen es anders. Mach dir keine Gedanken darum, es wird sich gekümmert. Du kannst dich also voll und ganz auf das Geschehen um sich herum konzentrieren."
Dem hatte Erek nichts entgegen zu setzen, doch offenbar war Arin noch nicht fertig. "Du bist vielversprechend, Erek, und ich bin sicher, dass du dich innerhalb der Armee als nützlich erweisen wirst. Aber trotz aller Sympathie werde ich dich vorerst im Auge behalten müssen. Du wirst natürlich an den Versammlungen teil haben, aber halte dich für den Anfang zurück und lausche. Lerne. Wenn du begriffen hast, wie die Dinge hier laufen, wirst du dich einbringen können. Ich bin sicher, du kannst diesen Moment selbst abschätzen." Er musterte den jungen Anführer, als wolle er sich seiner eigenen Worte vergewissern, ehe er fortfuhr. "Und ich möchte, dass du und deine Gefährten an den Übungen teilnehmen. Ihr seid entschlossen und habt ein wenig Erfahrung, das ist gut. Aber es wird nicht ausreichen. Grant kennst du ja bereits, ich bin sicher er hat nichts dagegen, wenn ich ihm auftrage, euch zu unterrichten. Du musst dir bewusst sein, dass wir nichts dem Zufall überlassen können, nicht einmal den Tod. Hast du schon einmal getötet?"
Die Frage wurde so beiläufig gestellt, dass es Erek aus dem Konzept brachte, der zuvor konzentriert lauschte. Er dachte an den Vampir, den er während des Ausbruchs angegriffen hatte, um den er sich aber nicht weiter gekümmert hatte, als sie fliehen konnten. "Ich weiß es nicht", gestand er.
Arin schien etwas sagen zu wollen, dann jedoch zuckte er mit den Schultern. "Sei es drum, früher oder später wird es unumgänglich sein. Vermutlich ist es so sogar besser. Wenn es soweit ist, wirst du vorbereitet sein und hoffentlich besser damit umgehen. Zum ersten Mal eine Existenz auszulöschen ist nie schön. Selbst wenn es nur die eines verfluchten Vampirs ist."
"Hast du schon getötet, Arin?", fragte Erek und schalt sich im nächsten Augenblick dumm, sich überhaupt danach zu erkundigen.
Aber Arin schien sich daran gar nicht zu stören. Ein eigentümlicher Ausdruck hatte sich auf sein Gesicht geschlichen. "Das habe ich in der Tat. Und ich plane, es noch häufiger zu tun."
Erek hoffte, dass sein Gegenüber nichts von dem Schauer bemerkte, der ihn ergriffen hatte. Hatte er denn etwas anderes erwartet? Gab es denn einen anderen Sinn der Armee, außer Schutz und den Tod der Vampire?
Als er sich abwenden wollte, hielt Arin ihn sanft auf. "Bevor du gehst, sollte ich dich vielleicht darauf hinweisen, dass du auch den Vampiren kein Unbekannter mehr bist."
"Was?" Gegen seinen Willen beunruhigte Erek diese Information. "Was meinst du?"
"Wir sind nicht die Einzigen, die erfahren haben, wer der Drahtzieher hinter dem Ausbruch war", präzisierte Arin. "Auch die Vampire haben Wind davon bekommen. Und sie schäumen vor Wut. Wenn du dich bisher nicht für einen Anführer und Kämpfer hältst, dann wird es Zeit, einer zu werden. Dein Leben könnte sonst sehr beschwerlich werden."
Erek fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Warum hatte Arin ihm nicht vorher davon erzählt, sondern ihm stattdessen eine scheinbare Wahl gelassen? Er rang mit den Möglichkeiten, dass er entweder die Entschlossenheit des jungen Mannes hatte testen wollen oder dass er tatsächlich kaltblütig genug gewesen wäre, Erek ziehen zu lassen, sollte er sich der Armee nicht vollkommen verschreiben wollen. Nichts davon sprach er laut aus. Stattdessen nickte er Arin zu. "Ich gebe mein Bestes."
"Das höre ich gerne." Arins stechender Blick, der einem das Gefühl gab, von einem Wissenschaftler statt einem Kriegsherren gemustert zu werden, blieb auf Erek haften, als könne er so dessen Gedanken erraten, doch dann formte sein verbranntes Gesicht erneut das Lächeln, das er trug wie seine Rüstung. "Ich denke, wir werden gut miteinander auskommen. Es war eine gute Entscheidung, dich dazu zu holen. Du wirst uns schon nicht enttäuschen."
Über so viel Vertrauen in seine Person war Erek zugegebenermaßen ein wenig stolz, zugleich jedoch nervös. Was, wenn er den Anforderungen nicht entsprechen würde, die Arin offenbar an ihn hatte? Was würde aus ihm werden, was aus der Gruppe, die er führte? Er wollte lieber nicht darüber nachdenken.
"Bis morgen, Erek", sagte Arin mit sanftem Nachdruck und machte dem Jüngeren damit klar, dass er für heute entlassen war und seine Anwesenheit hier nicht länger von Bedeutung war.
Erek spürte das unerklärliche Bedürfnis, seinen Kopf vor dem Mann mit den stechenden Augen zu neigen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, doch er verzichtete darauf und zog sich stattdessen vorsichtig zurück. Als er sich am Zelteingang noch einmal umwandte, hatte Arin ihm bereits den Rücken zugedreht und die Hände -eine verbrannt, die andere intakt- auf dem Rücken verschränkt. In tiefe Gedanken versunken blickte er offenbar die Zeltwand an, doch Erek vermutete, dass er sie wahrscheinlich gar nicht wahrnahm, sondern etwas vollkommen anderes sah. Er fragte sich, ob es wohl das Feuer war, das seine Haut so zerstört hatte.
Lautlos zog Erek sich zurück und schloss die Zeltplane hinter sich.