Blutige Spuren - Der Weg eines Kriegers

von sunXmoon
GeschichteAbenteuer, Drama / P18
21.02.2012
14.06.2012
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Für einige Atemzüge herrschte Stille im Kreis der Lykaner, dann verzog Erek das Gesicht.
"Natürlich. Was wollt ihr wirklich hier?"
Sein Unglauben kam nicht von ungefähr. Lykaner waren gesellige Wesen, daran bestand kein Zweifel, aber diese Geselligkeit beschränkte sich meist auf das Rudel. Er hatte von Ausnahmen gehört, in denen sich zwei Rudel verbündeten, aber eine Armee? Wie sollten sich so viele von ihnen beherrschen? Wer führte sie an? Selbst die Flüchtlingsgruppe gab es nur, weil sie vorerst ein gemeinsames Ziel hatten: Sicherheit. Wäre ihre Gruppe größer gewesen, auch dies hätte sich als schwierig erwiesen.
Grant störte sich nicht an Ereks Ablehnung. "Ich spreche die Wahrheit, Junge.", behauptete er fest.
Erek knurrte. "Ich bin kein Junge mehr." Nein, der Junge war in der Arena gestorben und hatte den Mann zurückgelassen, der sich wünschte, es wäre anders. Was hätte er dafür gegeben, mit jugendlichem Leichtsinn die Welt zu sehen. "Mein Name ist Erek."
"Das weiß ich", erwiderte Grant gelassen. Seine wachen Augen musterten den Jüngeren, als könne er ihm ein Geheimnis entlocken, von dem nicht einmal Erek selbst etwas wusste. "Aber ich hatte dich für älter gehalten. Die Nachricht von eurem Ausbruch hat sich schnell verbreitet. Bei den Lykanern feiert man euch als Helden."
Ein Schnauben Ereks war die einzige Antwort, zusammen mit der leisen Hoffnung, dass sich die anderen Zuhörer nicht zu viel darauf einbildeten. Sie waren keine Helden. Sie waren Wesen, die sich nach ihrer Freiheit sehnten. Wären sie Helden gewesen, sie hätten dafür gesorgt, dass jeder einzelne Lykaner sein Gefängnis verlassen konnte.
Die Ankunft der drei Fremden war inzwischen nicht unbemerkt geblieben. Immer mehr Flüchtlinge scharrten sich um Erek und Grant. Er wusste Rogar und Victor an seiner Seite und als er die Augen schweifen ließ, fing er für einen Moment den Blick von Tessa ein, die sich in der Menge kaum hervorhob.
"Von was für einer Armee sprichst du?", fragte er Grant, um das Thema von Heldentum abzulenken und auf die Dinge zu kommen, die ihn eigentlich interessierten. "Ich habe bisher noch nie davon gehört, dass Lykaner eine Vereinigung gebildet haben, geschweige denn eine Armee."
"Die Zeiten ändern sich", erwiderte Grant und zum ersten Mal wurde seine Miene vollkommen ernst. "Und wir müssen uns mit ihnen ändern, oder wir gehen unter. Wir können uns nicht gegen die Vampire wehren, wenn wir uns weiterhin in unseren Rudeln verstecken. Wir müssen offen gegen sie vorgehen. Und zahlreich."
Die Zweifel auf Ereks Gesicht waren deutlich. "Es gibt niemanden, der eine so große Menge Lykaner anführen kann." Das hatten sie alle gelernt. Das war in ihrem Glauben verankert. Es war unmöglich, eine zu große Anzahl von Lykanern zu führen.
Doch Grant lächelte nur. "Unser Anführer heißt Arin von den Schatten. Aber er wäre verloren, wäre er auf sich selbst gestellt, du hast recht. Und deshalb unterstützen ihn die Anführer der Rudel. Es gibt einen Rat, in dem sie sich treffen und ihr Vorgehen besprechen und schließlich tragen sie die Befehle an ihr Rudel weiter." Dem Lykaner schien noch etwas einzufallen, denn nach einer kurzen Pause fuhr er fort. "Arin würde sich selbst wohl nie als Anführer bezeichnen, aber er hat die Armee ins Leben gerufen und ihm ordnen sich die anderen Führer unter. Wenn jemand das letzte Wort hat, dann er. Er war es im Übrigen auch, der uns aussandte um nach euch zu suchen."
"Wieso?" Erek konnte sein Misstrauen nicht überwinden. Eine Armee, bestehend aus mehreren Rudeln. Das klang zu abstrakt, um wahr zu sein. Zu weit hergeholt. Und doch war manches, was Grant sagte, wahr und er wusste es nur zu gut. War nicht er selbst es gewesen, der noch in der Arena gesagt hatte, dass sie nicht aus der Arena entkommen konnten, wenn nicht alle Gefangenen zusammen arbeiteten?
Grant lächelte nachsichtig. "Ihr habt gegen die Vampire gekämpft. Und das erfolgreich. Ihr habt Erfahrungen, die für uns von großem Wert sein könnten. Und nicht zuletzt möchte Arin den Mann kennenlernen, der es schaffte, einen Ausbruch aus einem von Vampiren entworfenen Gefängnis zu leiten."
Erek zögerte. "Du willst, dass wir mit euch kommen.", wiederholte er nachdenklich und dann verfiel er in Schweigen, während er die Gesichter der Flüchtlinge musterte. Schatten unter ihren Augen erinnerten an die Gefangenschaft, aber ihre Gesichter waren nicht mehr eingefallen und auf ihren Zügen lag Entschlossenheit. Schließlich schüttelte Erek den Kopf. "Ich bin nicht ihr Rudelführer. Ich habe lediglich versprochen, sie an einen sicheren Ort zu bringen. Ich bezweifle, dass eine Armee wirklich sicher ist. Aber wer sich euch anschließen will, dem steht es frei, dies zu tun."
Es schien fast, als hätte Grant diese Antwort erwartet, er wirkte jedenfalls nicht sonderlich überrascht. Doch er gab sich damit nicht zufrieden. "Ich befürchte, du hast nicht ganz recht", bemerkte er und schaffte es sogar, dabei nicht belehrend zu klingen, was angesichts des Altersunterschiedes eine beträchtliche Leistung war. "Die Armee ist momentan der einzige Ort, der wirklich sicher ist. Wir bieten Nahrung. Wir bieten Schutz. Natürlich wird irgendwann der Moment kommen, in dem ihr kämpfen müsst, aber dieser Moment kommt auch, wenn ihr auf euch allein gestellt seid. Bis dahin ist euer Leben bei uns am Besten aufgehoben."
Er trat einen Schritt näher zu Erek und senkte die Stimme zu einem beinahe verschwörerischen Flüstern. "Und wir bieten Vergeltung. Vergeltung für all das, was ihr bereits durch die Vampire erlitten habt. Jeden Verlust, jeden Wunsch nach Rache werdet ihr ausleben können, in dem Wissen, dass ihr für die Sicherheit eurer Artgenossen kämpft."
Erek erwiderte Grants Blick und bemühte sich, ein gleichmütiges Gesicht zu wahren. Wäre er nur auf sich gestellt gewesen, er hätte sich sofort angeschlossen. Der Gedanke, gegen die Vampire zu kämpfen, brachte sein Blut in Wallung und fachte eine Wut in ihm an, die er so kaum kannte und die bisher nicht zu seinem Leben gehört hatte. Schon längst hatte er sich vorgenommen, für jedes Rudelmitglied, dass er verloren hatte, eine Vampirexistenz zu beenden. Aber er konnte und wollte nicht für jene entscheiden, die ihn begleiteten.
Aber als er sie anblickte, wusste er, dass es auch gar nicht nötig sein würde. Er sah ein grimmiges Funkeln in den Augen der Flüchtlinge. Sie alle hatten ebenso Verluste erlitten wie er, manche sogar noch mehr und sie alle trieb nicht nur der Wunsch zum Überleben an sondern auch der Gedanke nach Rache.
"Du bist unser Anführer", vermeldete Rogar leise von seiner Seite. "Wenn du gehst, gehe ich auch."
"Ich ebenfalls." Titus schälte sich irgendwo aus der Menge und Erek atmete tief durch, als er auch andere Mitglieder seines Rudels erblickte. Er hatte nicht daran gezweifelt, dass sie seinen Wunsch teilten.
Als sein Blick Victor traf und dieser ihm zunickte, hob Erek seine Stimme. "Ihr habt es gehört. Niemand wird euch zwingen, einen Kampf zu zwingen, den ihr nicht kämpfen wollt. Aber seit wir die Arena verlassen haben, sind wir gelaufen. Davon gelaufen, in der Angst, dass man uns wieder fangen und foltern könnte."
Es war seltsam, wie leicht ihm die Worte von den Lippen kamen. Anfangs war es ihm noch schwer gefallen, vor den anderen Lykanern zu sprechen. Er hatte gefürchtet, etwas dummes zu sagen oder auf irgendeine Art ihren Unmut zu erregen. Inzwischen kamen die Worte wie von selbst – und alles um ihn herum schwieg, während man ihm zuhörte.
"Wenn ihr genau wie ich nicht länger Nacht um Nacht aufschrecken wollt, weil ihr glaubt, Geräusche gehört zu haben; wenn ihr genau wie ich Vergeltung sucht für jene, die ihr liebtet und die von euch gerissen wurden; wenn ihr euch genau wie ich nach einem Leben sehnt, in dem ihr und eure Erben ohne Angst vor Vampiren leben könnt, dann habt ihr jetzt die Möglichkeit, mit Grant zu gehen. Vielleicht wird es die einzige Möglichkeit bleiben."
Er glaubte nicht, dass es nötig sein würde, dennoch fuhr er fort: "Ich werde mein Versprechen gegenüber denjenigen, die nicht mitkommen wollen, nicht brechen. Ich habe gesagt, ich führe euch an einen sicheren Ort und das werde ich tun. Falls sich jemand nicht anschließen will, wird er solange mit mir weiterreisen, bis wir einen Ort finden, an dem es sicher ist." Vorerst. Denn vermutlich hat Grant recht: wirkliche Sicherheit würden sie nie erfahren. Nicht, solange die Vampire existierten.
Doch auf Ereks Worte hin herrschte Schweigen. Er glaubte nicht daran, dass wirklich jeder hinter der Idee stand, sich einer Gefolgschaft anzuschließen, die sich als "Armee der Lykaner" betitelte. Aber keiner wollte vor dem anderen als Feigling gelten, dem sein eigenes Leben lieber war als das derer, die er liebte.
Erek wandte sich Grant zu. "Da hast du deine Antwort. Hoffen wir, dass deine Worte auch der Wahrheit entsprechen."

Grant hatte sich nicht viel aus Ereks kaum verhüllter Drohung gemacht. Die Flüchtlinge hatten viel durchgemacht und er verstand das nur zu gut. Erek, als ihr Anführer und offensichtlich der Mann, der sich am verantwortlichsten fühlte, hatte da natürlich ein besonders strenges Auge auf alles Fremde, das sich der Gruppe näherte.
Aber Grant bemühte sich darum, Vertrauen zu schaffen. In den nächsten drei Tagen führte er die Gruppe an und wies ihnen den Weg, lief dabei aber stets neben Erek her, so dass sie nach wie vor der vertrauten Führungsfigur folgen konnten.
Während der Wanderung teilte Grant Erek so viel von der Armee mit, wie es ihm möglich war und Erek lauschte aufmerksam, nach wie vor verwundert, aber lernwillig. Er erfuhr, dass die Armee momentan rastete, weil sie darauf warteten, dass weitere Rudel zu ihnen stießen, zu denen Boten geschickt worden waren. Er erfuhr ebenfalls, dass die Vampire die Armee zwar mit einem wachsamen Auge verfolgten, bisher aber noch nicht eingegriffen hatten. Laut Grant verstanden sie das Ausmaß der Bedrohung wohl nicht, das sich dort zusammenbraute und gingen davon aus, dass sich die Lykaner auf Dauer nicht würden zusammenreißen können und irgendwann wieder getrennte Wege gingen, so, wie es immer gewesen war.
"Was bisher fehlte, war Disziplin", erklärte Grant. "Aber Arin hat den richtigen Weg gefunden. Die Rudel bleiben unter sich und dennoch arbeiten alle zusammen. Bis die Vampire das begriffen haben, werden sie bereits ordentliche Verluste gemacht haben."
Wer auch immer dieser Arin war, Erek vermutete, dass er einen ganz besonderen Grund zur Rache hatte. Wieso sonst hätte er den riskanten Schritt wagen sollen, eine Armee auf die Beine zu stellen, von der er nicht wusste, ob sie bestehen bleiben würde?
In den letzten Tagen hatte ihn eine sonderbare Ruhe ergriffen. Er hatte sich so oft ausgemalt, wie er es anfangen sollte, die Vampire zu stellen und zur Arena zurückzukehren, um Jade zu helfen. Nun hatte er die Möglichkeit dazu und obwohl Grant darauf bestand, dass Erek weiterhin als Anführer die Gruppe repräsentierte, er also nach wie vor die Verantwortung aufgebürdet hatte, fiel es ihm nun leichter, damit umzugehen. Die Vorstellung, dass er bald die Möglichkeit zum Kampf haben könnte, ließ das Adrenalin heiß durch seine Adern rinnen, das in den vergangenen Tagen auf die Flucht konzentriert war. Den Tod zu fürchten kam ihm nicht in den Sinn. Der Großteil seines Rudels hatte das Leben lassen müssen. Es gab nicht mehr viel, was ihn wirklich hier hielt.
Sein eigenes Rudel natürlich. Die Freundschaft zu Victor. Und...Tessa. Sie waren sich aus dem Weg gegangen seit seinem missglückten Versuch, sie anzusprechen, aber er wusste, auch sie dürstete auf Rache für ihre verlorene Familie und es erfüllte ihn mit grimmiger Zufriedenheit, dass dies sich hatte einrichten lassen.
"Wie kommt es, dass wir bisher nichts von euch gehört haben?", erkundigte er sich bei Grant.
Dieser lächelte zufrieden. "Ihr hättet es, hättet ihr mehr Dörfer ausgesucht, in denen unsereins lebt. Wir versuchen uns vor den Menschen zu verbergen, aber selbst sie sind inzwischen hellhörig geworden. Im Kampf gegen die Vampire brauchen wir nicht noch weitere Störungen."
Was Erek am meisten überraschte, war nicht die Tatsache, dass Grant von dem Ausbruch gewusst hatte. Seinen eigenen Worten nach gab es kaum einen Lykaner, der nicht davon wusste und allein diese Tatsache trieb die Vampire noch mehr zur Weißglut. Offenbar hatten die Flüchtlinge, die sich Erek nicht angeschlossen hatten, ihren eigenen Weg gefunden und dabei die Nachricht verbreitet – und seinen Namen.
Es hätte ihn vermutlich nervös machen sollen, dass man ihn als eine Art Kriegsherren ansah, der die Lykaner durch einen wogenden Kampf in die Freiheit geführt hatte. So jedenfalls war anscheinend die offizielle Darstellung. Aber Erek verschwieg, dass sie lediglich ihre Chance und die Überraschung der Vampire genutzt hatten, um so schnell wie möglich zu verschwinden und wies stattdessen darauf hin, dass er es nie geschafft hätte ohne die Wölfe, die ihm nachfolgten.
Grant brachte diese Aussage zum Grinsen. "Bescheidenheit ist gut", sagte er. "Ein Anführer, der sich seine Erfolge zu Kopf steigen lässt, wird unvorsichtig. Und bei den Geistern, Vorsicht können wir in diesen Zeiten gut gebrauchen."
Auch von Grants Rolle in der ganzen Organisation erfuhr er. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei ihm nicht um einen Rudelsführer, sondern um einen Ausbilder. Viele der Lykaner, die zu ihm stießen, waren zwar kampfgewillt, hatten aber ihr Lebtag noch niemanden angegriffen. Es war seine Aufgabe, ihnen zu erklären, worauf sie achten mussten, welche Schwächen die Vampire hatten und vor allem dafür zu sorgen, dass sie die Skrupel vorm Töten verloren. Mitleid war im Krieg unangebracht, so lauteten seine Worte. Erek wusste nicht genau, was er davon halten sollte, vor allem als er Victors verkniffenes Gesicht dazu sah. Er nahm sich vor, den Freund bei Gelegenheit genauer auszufragen.
Das erste, was Erek von der Armee bemerkte, war der Geruch und augenblicklich versteifte sich sein Körper vor Anspannung. Was seine Nase auffing war dem Gestank der Arena nicht unähnlich. Schweiß, Dreck und Ausscheidungen, wie es nun einmal roch, wenn sich viele Wesen an einem Ort versammelten. Doch es fehlte die süßliche Note des Blutes und der salzige Hauch vergossener Tränen. Erek zwang sich zur Ruhe. Dies hier war nicht die Armee und wenn er jedes Mal in Panik verfiel, wenn ihn eine Erinnerung durchschoss, dann würde er zu wenig zu gebrauchen sein.
Das nächste, was einen unweigerlich traf, war der Lärm. Erek wusste nicht genau, wie viele Lykaner sich der Armee angeschlossen hatte und auch Grant hatte ihm keine genaue Zahl nennen können. Aber ihre Stimmen schwirrten durch die Luft, es wurden Befehle gebrüllt un Antworten geschnauzt und all das vermischte sich zu einem Grundton, der wie ein Bienenschwarm im Gehör der Flüchtlinge brummte.
Als Erek die Armee endlich selbst sah, verharrte er für einen Augenblick. Selbst in der Arena hatte er nicht so viele Lykaner an einem Ort gesehen, teilweise, weil nie alle ihre Zellen verlassen hatten, aber vor allem, weil es bedeutend weniger gewesen waren als die, die sich hier versammelt hatten. Er sah Lagerfeuer, um die sich Scharen seiner Art drängten. Er sah provisorisch errichtete Zelte, schmutzig und ein wenig windschief und beileibe nicht genug, um alle unterzubringen. Er hatte nicht einmal gewusst, dass so viele Lykaner existierten.
Es herrschte triebige Geschäftigkeit, als Grant sie durch das Lager führte. Nachrichten wurde überbracht, es wurde gegessen, es wurde trainiert, es wurde gestritten. Manche Lykaner standen in Wolfsform ruhig da, während große Leder- und Metallplatten abgemessen wurden, die sie im Kampf schützen sollten.
Als Erek an einer Gruppe Männer vorbei kam, die sich mit Schwertern und Rüstungen ausgestattet hatten, runzelte er die Stirn. "Ist es nicht klüger, wenn sie gewandelt in die Schlacht ziehen?", erkundigte er sich bei Grant.
Grant, der seinen Weg bisher sehr zielstrebig gesucht hatte, warf nur einen kurzen Blick auf die Männer, über die Erek sprach. "Sie sind Gewandelte", klärte er ihn auf. "Sie haben keine Möglichkeit, einfach so zwischen den Formen zu wechseln. Eigentlich sind sie nur zu Vollmond eine wirkliche Hilfe, aber die Vampire waren bisher schlau genug, uns ins solchen Nächten zu meiden. Aber menschliche Kämpfer sind besser als gar keine, nicht wahr?"
Erek nahm die Gewandelten genauer in Augenschein. Wie alle hier lag in ihren Gesichtern ein Ausdruck der wilden Entschlossenheit, aber in ihren Augen funkelte es gehetzt und ihre Bewegungen waren unruhiger als die ihrer reinblütigen Artgenossen, von denen sie Abstand hielten. Bei manchen war der Biss, der sie zu dem gemacht hatte was sie waren, noch fisch – Erek konnte Male an Armen und Beinen jener erkennen, die kurze Kleidung trugen und unweigerlich schob sich das Bild von Victor vor sein inneres Auge, wie er zerbissen und schwach von Lavinia zurückgekehrt war. Als er seinen Blick suchte, wich Victor ihm aus.
"Hier könnt ihr lagern." Grant hatte sie zu einer freien Fläche geführt, mit einigen Feuerstellen, die auf der festen Erde errichtet worden waren. Offenbar herrschte in all dem Chaos doch ein System, das Erek bisher nicht durchschaute, denn keiner der umherstreifenden Lykaner betrat diesen freien Platz, der für andere reserviert war. Erschöpft von dem Fußmarsch ließen sich die meisten Flüchtlinge an Ort und Stelle nieder oder legten ihr geringes Gepäck ab.
"Wir werden euch so schnell wie möglich alles zukommen lassen, was ihr braucht", versprach Grant. "Nahrung, Wasser, Decken, dickere Kleidung...sagt es einfach."
Erek war erleichtert. Er hatte sich einige Sorgen um die Verpflegung gemacht, aber offenbar wurde an alles gedacht und trotz der aufgeladenen Atmosphäre um ihn herum gelang es ihn zum ersten Mal, sich ein wenig zu entspannen. Kein Vampir würde sie hier angreifen. Niemand würde verhungern. Grant hatte Recht gehabt: hier waren sie zum ersten Mal alle sicher.
Er ließ den Blick über die ermüdeten Gestalten schweifen, über jene, die er für zukunftslos gehalten hatte, weil sie entweder kein Rudel mehr hatten, zu dem sie zurückkehren konnten oder es aus anderen Gründen nicht getan hatten. Deren einziges Ziel das Weglaufen gewesen war. Und auch sie wirkten zufriedener mit dieser Lösung. Vielleicht aber zeichnete sich auch nur die Müdigkeit auf ihren Gesichtern und Erek las in seiner Erleichterung Dinge, die nicht darin geschrieben standen. Er selbst jedenfalls wünschte sich jetzt nichts mehr als ein paar Bissen zu Essen und einige Stunden Schlaf.
"Was hältst du davon, wenn du mich zu Arin begleitest?", fragte Grant stattdessen und zerstörte damit Ereks eigene Pläne. Man sah ihm seinen Unwillen wohl an, denn der Ausbilder lachte. "Keine Sorge, es wird nicht lange dauern. Aber ich muss ihm sowieso mitteilen, dass ihr angekommen seid und er brennt darauf, dich persönlich kennen zu lernen. Und bei der Gelegenheit wirst du auch die anderen Anführer treffen."
Erek ließ sich breitschlagen, aber als Victor und Rogar sich aus Gewohnheit erhoben, um ihn zu begleiten, schüttelte Grant den Kopf. "Nur Erek. Er wird hier keine Leibwache brauchen."
"Ich habe keine Geheimnisse vor ihnen", teilte Erek ihm mit und konnte Rogars verärgerte Miene nur allzu gut nachvollziehen. Er war zwar immer der Anführer gewesen, hatte jedoch immer Rat bei seinen Freunden gesucht und sie in seine Entscheidungen mit einbezogen, so dass es manchmal eher den Einfluss hatte, als führten mehrere Lykaner die Gruppe statt eines einzelnen.
Doch Grant schüttelte den Kopf. "Würde jeder Anführer seine Gefährten mitbringen, wir hätten keinen Platz mehr im Zelt. Deine Freunde werden sich gedulden müssen."
Erek warf den beiden einen bedauernden Blick zu, aber er ließ sich nicht auf lange Diskussionen ein. Er wollte das Treffen so schnell wie möglich hinter sich bringen. "Achtet auf die anderen, während ich weg bin", trug er ihnen auf, auch wenn diese Aufgabe angesichts der neuen Sicherheit wahrscheinlich keinen wirklichen Nutzen hatte, dann folgte er Grant.