Der letzte Schritt

KurzgeschichteDrama, Fantasy / P12
Algaliarept "Al"
20.02.2012
20.02.2012
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Mit einem lauten Aufschrei knallte sie auf den Boden. Er war hart und kalt und musste tausende Jahre lang Füße über sich hinweggehen gesehen haben. Glatt poliert wirkte er dennoch düster und unheilverkündend.
Ein großes Gesicht, den Mund zum Schrei geöffnet, zeichnete sich in groben Linien neben ihrer Hand ab, als sie versuchte, sich aufzurichten. Gleichzeitig bemüht, Abstand zwischen sich und den Dämon zu bringen, nahm sie den allgegenwärtigen, aufdringlichen Geruch von verbranntem Bernstein wahr, der in ihrer Kehle kratzte.

Die Tränen in den Augen wegblinzelnd, stemmte sie sich auf die Ellbogen und lauschte auf ihre Umgebung. Irgendwo blubberte und rauschte etwas. Auf der anderen Seite der Küche prasselte ein Feuer in einem halbrunden Herd. Die hölzerne Bank davor sah massiv aus und war vermutlich an Jahren nicht weniger alt als der Boden.

Ihr Rock raschelte, indes sie endgültig auf die Füße kam. Die Küche des Dämons, das Herzstück seiner Residenz, wirkte aufgeräumt und zugleich, als habe er kürzlich an etwas gearbeitet. Essenzen unbestimmter Kräuter hingen hie und da in der Luft und das Echo gewundener Flüche grub sich tief in ihre Seele.

Zitternd wandte sie sich um, dem freien Raum hinter sich zu. Für einen kurzen Moment wanderte ihr Blick über die Phiolen und Zauberutensilien, die dicht gedrängt in Regalen nebeneinander standen; einige davon glommen im Halbdunkel. Ein leises Knurren zog ihre Aufmerksamkeit auf den Dämon, der sie hierher gebracht hatte. Sein selbstzufriedenes Lächeln erschütterte sie, denn nun, zu spät, hatte sie seine wahren Absichten erkannt.

Noch immer zeigte er sich als der galante Edelmann, in Spitze, weißen Handschuhen und grünem Samtrock, dessen Schöße um seine Beine wehten, wenn er sich bewegte. Ziegengeschlitzte rote Augen ragten über den Rand einer getönten Sonnenbrille hinweg, die er nicht wirklich brauchte. Es war alles nur Show. Nichts war ehrlich gewesen. Alles hatte einzig dem Zweck gedient, sie ins Jenseits zu ziehen.

Der Dämon machte Anstalten sich zu bewegen und sie wich weiter zurück, bis sie eine steinerne Arbeitsfläche und mehrere Schubladenknöpfe im Rücken spürte. „Du verdammter Lügner!“, warf sie ihm entgegen und schrak vor ihrer Stimme zusammen, die schrill und hohl von den Wänden widerhallte.

Sie drückte die Knie durch, um nicht vor Furcht und Erschöpfung zusammenzusacken. Der Sprung durch die Linien war einem Schwindel erregenden Kaleschenritt an einer Felswand gleichgekommen, und irgendwie hatte sie das Gefühl, ihm etwas dafür zu schulden, ihre Seele stabilisiert zu haben, damit diese sich nicht über den gesamten Kontinent verteilte, bis sie sich wieder in ihrem Körper eingefunden hatte. Trotzdem war ihr schlecht.

„Lügner?“ Der Dämon zog eine Augenbraue hoch und verharrte, als würde er tatsächlich darüber nachdenken. Dann erschien ein Stück gewelltes Pergament in seiner einen Hand, auf dem er etwas überprüfte, und eine schwarze Feder in seiner anderen, die geschwind darüber wanderte und eine Zeile ergänzte. Im nächsten Moment war beides verschwunden.
„Ich glaube nicht, Liebes“, schaute er dann lächelnd auf, wobei er flache, weiße Zähne entblößte. „Ich habe dich nach den Regeln der Kunst erworben und werde nun so mit dir verfahren, wie ich es mit allen meinen Familiarii tue“, fuhr er fort und näherte sich mit selbstbewusster Eleganz. Wozu auch die Eile? Sie konnte nirgendwohin.

„Familiarii?“, quietschte sie und wanderte mit der Arbeitsplatte im Rücken von ihm weg, auf einen dunklen Durchgang zu. Wo es dort hinführte, war ihr im Augenblick völlig egal. Nur weg und aus seiner Reichweite. Kälte kroch ihre nackten Füße empor, direkt in ihre Wirbelsäule und verkrampfte jeden Muskel.

„Familiarii“, wiederholte der Dämon zufrieden und strich beiläufig über den zweiten, kleineren Herd zu seiner Linken um das Feuer darin zum Verlöschen zu bringen. Sogleich wurde es dunkler.
Die großen Flammen in der Hauptfeuerstelle flackerten unstet und Schatten tänzelten an der Wand hinter ihm entlang, wo ein alter Wandteppich hing, dessen Konturen vor ihrem Blick zu verwischen schienen.

Alle Wärme verließ sie, als zwei rot glimmende Augen dicht vor ihrem Gesicht hingen und der Geruch verbrannten Bernsteins übermächtig wurde. Erschrocken hielt sie den Atem an und starrte ihm entgegen. Der liebliche Duft von Zimt und Wein schien sich aufgelöst zu haben. Mit Schrecken weitete sie die Augen. Ihre Gedanken rasten, doch nichts ließ sich festhalten. Ein Schaudern fuhr über sie, obwohl sie nicht fror. Das Geräusch seines Atems schwebte unheimlich durch die Stille.
„Bitte, lass mich gehen“, sagte sie, mit einer Stimme nicht lauter als ein Flüstern; und dem Impuls widerstehend, die Arme um den Körper zu schlingen.

„Nein, Liebes“, schnurrte er und sie ahnte mehr, wo er war, statt ihn wirklich zu sehen. „Du gehörst jetzt mir. Und ich kann alles mit dir machen, was ich will. Alles.“ Sie schluckte schwer und versuchte, aus seiner Reichweite zu kommen. Ihr Puls pochte in den Schläfen; ungewohnt laut, wo der Rhythmus einst beruhigend gewesen war.


Er griff zu, da sie einen Fuß über den Boden in Richtung Korridor erhoben hatte, und drückte sie an sich. Seine Rockschöße flogen und leise rauschte der Samt unter ihren Händen, während sie keuchend gegen ihn ankämpfte; wohl wissend, dass sie auf verlorenem Posten stand.

„Lass mich los!“, kreischte sie, lehnte sich auf und mobilisierte alle Kräfte, die ihr die Angst verlieh; schwarze Strähnen entkamen dem Haarknoten und nahmen ihr für einen Moment die Sicht. Er ließ sie los und ungebremst rammte sie Knie und Handflächen auf den Steinboden.

„Aua!“, murmelte sie, und indes noch die Schmerzen verebbten, blickte sie wütend zu ihm auf. Er grinste mit hochgezogenen Brauen. „Ich habe losgelassen, meine Teuerste“, meinte er, eine Verneigung andeutend, und es war unverschämt, dass er dabei so naiv klang. Unter seinen wachsamen Augen kam sie umständlich auf die Beine, wischte Staub und Dreck von ihren Kleidern; bemüht, ihre Angst zu verbergen.

Im Flackern des nahen Herdfeuers betrachtete sie die Abschürfungen an den Handflächen und strich sich ungelenk übers Gesicht. Überrascht hielt sie inne. Ihr war nicht aufgefallen, dass sie geweint hatte.

Am Vorhang ihrer Haare vorbei warf sie dem Dämon einen flehenden Blick zu, doch er würde sich nicht erweichen lassen. Nicht nachdem er so viele Male in ihrem Kreis erschienen war, um sie zu unterweisen, und dabei eine Menge Schmutz auf sich geladen hatte.
Sie selbst wusste nicht um die Kunst des Kraftlinienspringens. Nur wenige außerhalb des Jenseits wussten noch darum. Deswegen waren Dämonen so gefährlich. Deswegen hatte sie vorsichtig sein müssen. Und deswegen befand sie sich nun in dieser Lage. Ihre Hybris, einen Dämon überlisten zu können, hatte sie unvorsichtig werden lassen.

„Kannst … kannst du mich nicht einfach wieder zurückspringen?“, fragte sie heiser; der verbrannte Bernstein reizte ihren Hals, doch sie weigerte sich, zu husten. „Ich gebe dir, was du willst“, meinte sie mit der leisen Hoffnung, er könne sich umstimmen lassen, wenn sie nur den richtigen Preis nannte.

Der Dämon kicherte leise hinter einem vornehmen, weißen Handschuh und sah sie dann süffisant über das getönte Glas an. „Ich habe bereits, was ich will.“

Seine Schnallenschuhe scharrten über den Boden, bevor sie die Bewegung sah.

In einem verzweifelten Versuch – eigentlich war es eher ein Reflex – streckte sie sich nach der nächstgelegenen Kraftlinie aus, deren wohl klingendes Plätschern ein Echo in ihrem Kopf erzeugte, und rief “Celero inanio!“ um ihm die rohe Kraft entgegenzuschleudern, doch er wehrte den Fluch lachend  ab und schnappte sie an der Taille.
Eine Hand konnte sie ihm entreißen und griff blind um sich, bis sie etwas zu fassen bekam und damit ausholte. Es war eine kleine massive Pyramide, die unheimlich auf ihrer Haut vibrierte.
Gedankenschnell wich er dem Hieb aus, ergriff ihre Handgelenke und drückte zu, bis sie die Waffe mit einem schmerzerfüllten Zischen fallen ließ. Ohne hinzusehen kickte er die Pyramide außer Reichweite. Ein dumpfes Geräusch verriet, dass sie am anderen Ende der Küche zum Liegen kam. Der Dämon verfolgte mit einem grimmigen Lächeln, dass dem Mädchen die Augen überzulaufen drohten. „Würdest du das für mich halten, Liebes?“

Der Dämon ließ sie in genau dem Moment los, als mit roher Gewalt die Kraftlinie, nach der sie eben noch gegriffen und die so friedlich dagelegen hatte, wie eine heiße Welle über ihren Geist schoss und ihre Seele in Brand setzte.

Sie krümmte sich schreiend zu einem Ball zusammen, versuchte bei Bewusstsein zu bleiben, indes die Linie in ihr wütete. Jeder Muskel krampfte, indes sie um Beherrschung rang, doch der Schmerz ließ ihr kaum Zeit zum Atmen; und der nächste Schrei schwoll an zu einem markerschütternden Kreischen, voller Agonie und Todesangst. Sie verlor jegliches Körpergefühl, war nur noch eine Hülle, die sich dem Willen des Feuers unterwerfen musste.
Ein letztes Mal schwang sich die Macht in ihr auf, dann – irritierend langsam – verschwand das stechende Gefühl, als zöge sich ein Flussarm in sein Bett zurück, und die trüben Schleier vor ihren Augen lichteten sich.


Ihre Wange ruhte auf dem kalten Stein, welcher eiskalt auf der Haut fast ebenso brannte wie die Linie es in ihren Gedanken getan hatte. Sie zitterte und ihr Rock raschelte, als sie sich unsicher aufrichtete. Ihre Muskeln schienen die Erinnerung an die Krämpfe festzuhalten, sodass es wie eine Ewigkeit erschien, bis sie klarer sehen konnte; die plötzliche Leere in ihrem Kopf, das abrupte Verebben der Macht darin, wirkte beängstigend und erlösend zugleich. Sie tat einen zögerlichen Atemzug. Und noch einen. Es war schön, keine Schmerzen zu haben.

„Du wirst einen guten Vertrauten abgeben“, meinte der Dämon gut gelaunt vom Rande ihres Sichtfeldes aus. Ihre Bewegungen waren langsamer, als sie es hätten sein sollen, und alles in ihr rebellierte, an der Position etwas zu ändern. Dennoch zwang sie sich vorsichtig in eine sitzende Haltung, rückte gegen einen Schrank mit getrockneten Kräutern und Zauberutensilien, die leise hinter ihr klirrten.
Die Arme um die Beine geschlungen glitt ihr Blick zu dem Dämon zurück. Er hatte es sich auf einem dreibeinigen Hocker bequem gemacht, den einen Fuß auf das andere Knie gelegt und starrte sie unentwegt an, offensichtlich mit seinem neuesten Fang zufrieden.

Sie schluchzte. „Bring mich doch bitte … nach Hause.“ Er lehnte sich ein Stück vor und zog amüsiert eine Braue hoch. „Aber du bist zuhause, Lucilla Christabel Kallasea.“
Den Schwindel ignorierend, der sie erfasste, warf sie sich ihm zu Füßen und neigte den Kopf so tief, dass ihre Stirn fast den Boden berührte. „Bitte!“, rief sie die Hände ringend und ihre sonst gefasste Stimme klang wie die einer Irren. Vielleicht war sie das auch.

Der Dämon stieß sie geringschätzig weg und erhob sich.

Wimmernd schlug Lucilla mit einer kleinen Faust auf den Stein und fühlte sich absolut taub. Der Schmerz, der Verlust, den sie erlitten hatte, schien jegliche Regung in ihr nach und nach auszulöschen.


Sie konnte hören, dass er einige Dinge zusammensuchte, und als sie aufschaute, weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen.
„Nein“, stammelte sie und schlug die Hände vors Gesicht. „Nein, nein, nein.“ Aus Angst, dass er wieder eine Linie in sie zwingen würde, wenn sie zu fliehen versuchte, quetschte sie sich, so weit es ging, an die Holzbank vor dem großen Herdfeuer und hieß kurz die Wärme willkommen, die ihre Glieder mit neuem Leben durchzog.

„Oh, doch“, erwiderte der Dämon freudig und wirbelte herum, um sich zu vergewissern, dass der kupferne Zauberkessel vorbereitet war. „Doch, doch, doch, Liebes.“ Dann hielt er inne, als hätte er etwas vergessen, und sagte mehr zu sich selbst: „Interessant. Trenton? Hm, den Namen werde ich im Hinterkopf behalten… Wo waren wir, meine Liebe? Ah, ja.“
Mit raschen Schritten überwand er die Distanz und zerrte Lucilla am Ellbogen auf die Füße.

Ohne auf ihre kraftlosen Fäuste zu achten, zerrte er die Elfe zum Tisch und zwang sie in den leeren Stuhl. „Lass mich in Ruhe“, weinte sie leise und wandte den Blick von dem kniehohen Kessel ab, der auf dem Tisch thronte wie eine Trophäe.

Zwei behandschuhte Finger ergriffen ihr Kinn, damit sie zu ihm aufschaute. Als sie zurückschrecken wollte, verengten sich seine ziegengeschlitzten Augen und er schob sein Gesicht so dicht vor ihres, dass sie seinen Atem auf der Haut spüren konnte.
„Ich lasse dich erst in Ruhe, wenn du bebend und keuchend neben mir liegst“, lächelte der Dämon grausam, während er mit der Hand über ihre Wange streichelte. Dann entließ er Lucilla aus seinem Griff, um einen schwarzen Spiegel in seiner Hand erscheinen zu lassen und diesen auf den Tisch neben den Kessel legte.

„So-o-o, Liebes“, flötete er. „Nun können wir anfangen.“ Es roch nach Ozon und wenn sie sich ein Stück nach oben drückte, konnte sie eine gelartige, bernsteinfarbene Flüssigkeit darin erkennen. Tupfen von Geranien lagen darauf. Furcht fraß sich durch ihre Seele. Er würde es jetzt gleich tun?

Obwohl ihr Körper protestierte, stand sie auf; der Stuhl schabte laut über den Boden und die Lippen des Dämons zuckten. Aber er stand still. Wartend. Lauernd. Seine Augen hielten sie fest, wo sie war.
„Du weißt doch, wie das abläuft“, tadelte er, als die weißen Handschuhe verschwanden und rötliche Haut zum Vorschein kam. „Der Meister zuerst“, grinste er, legte die Hände aufs Glas und schauderte, während seine Aura in den Spiegel tropfte wie Tinte um schließlich wieder zusammenzulaufen.
Lucilla konnte den Blick nicht abwenden. Zwar fror sie nicht, aber die Kälte, die sie beim Eintritt ins Jenseits verspürt hatte, hielt sie fest umklammert. Oder war es der Wille des Dämons vor ihr?

Sie verfolgte, wie er den Wahrsagespiegel ins Medium gleiten ließ, sodass seine verdammte Aura dort auf ihren Einsatz warten würde. Darauf, dass sie, Lucilla, davon bedeckt und die Prozedur vollzogen werde. Sobald die Beschwörungsformel gesagt war, hätten sie und der Dämon eine Aura. Schutzkreise gegen ihn würden wirkungslos sein.

Ihr Kiefer schmerzte, bis sie den Druck lockerte und sie erinnerte sich daran, zu atmen, als diese unheimlichen, roten Augen sie durchbohrten. Ihr war völlig entgangen, dass er begonnen hatte, die Formel zu zitieren. „Algaliarept, bitte …“, setzte Lucilla an, doch mit einem Zischen brachte er sie zum Schweigen, hob eine Braue und nickte ihr auffordernd zu.
Sie schluckte. Das Herz wollte ihr aus der Brust fliehen und angsterfüllt blickte sie zum Kessel. Ein Gurgeln entrang sich ihrer Kehle, als sie gegen Tränen ankämpfte, die sie niemals weinen würde, und erhobenen Hauptes neben ihn trat.

Die vormals bernsteinfarbene Flüssigkeit war nun schwarz. Kein Wunder, Algaliarept war ein Dämon und seine Aura von mehr als zweitausend Jahren Ungleichgewicht gezeichnet. Dennoch schimmerte blässliches Gold hindurch, und Lucilla erkannte zugleich nüchtern und schockiert, dass seine vorherigen Vertrauten den Schmutz an seiner Statt angenommen hatten. Und dass sie den Schmutz an seiner Statt annehmen würde. Oder an Statt jedes anderen, dem sie verkauft würde, sobald ihr Wert gesteigert wäre.


Der Dämon räusperte sich ungeduldig und mit leiser, klarer Stimme wiederholte sie den Anfang der Beschwörungsformel. „Pars tibi, totum mihi. Vinctus vinculis, prece fractis.“ Etwas für dich, aber alles für mich. Verbunden sei mit mir, das erbitte ich von dir – übersetzte sie im Stillen.

Seine Worte dröhnten, als er fortfuhr und bildeten einen harschen Kontrast zu ihrem melodischen Singsang: „Luna servata, lux sanata. Chaos statutum, pejus minutum.“ Mondschein gefeit, altes Licht geheilt. Das Chaos verfügt, bringt im Sturze Verderben.
Sie unterdrückte ein Zittern und dachte an den Garten und die Pixies Maloks, seine Frau und die 37 Kinder, die sie nie wieder sehen würde. Wenigstens wäre für den Garten gesorgt. Auch wenn ihr Vater nur widerwillig zugestimmt hatte, sie einzuquartieren. Jetzt würden sie das einzige sein, das ihn an seine Tochter erinnerte. Gras, das der Wind umschmeichelt, vor einem endlosen Horizont. In der Ferne Wiehern und Vogelzwitschern.

Ein unangenehmes Ziehen an ihren Gedanken, die drohende Strafe mit einer Kraftlinie, holte sie zurück in Algaliarepts Küche. Der Dämon war nicht gerade für seine Geduld, geschweige denn Beherrschung bekannt.
„Bitte“, wisperte sie noch einmal, obwohl sie wusste, dass es vergebens war. Er knurrte leise und fixierte sie durch das getönte Glas. Das Ziehen in ihren Gedanken steigerte sich zu einer schmerzhaften Intensität und sie bemühte sich, auf den Beinen zu bleiben. Zu frisch war die Erinnerung daran, dass er sie mehr hatte halten lassen als sie halten konnte.
Sie schlug die Augen nieder. Es gab kein Zurück. Nur ein kleiner, möglicherweise unrealistischer Trost hielt sie aufrecht: Dass ihr Opfer dereinst, in einer anderen Welt und Zeit einen Sinn haben und Gutes bewirken würde. Sie musste daran glauben, um nicht den Verstand zu verlieren. Nicht vor diesem Dämon, nicht vor anderen.

Algaliarept grinste, als er ihre Entschlossenheit spürte, und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Zuversichtlich, dass sie bald erkennen würde, wie erbärmlich ihre heroische Einstellung war.
Seinen selbstzufriedenen Blick ignorierend, flüsterte die Elfe den Rest der Formel: „Mentem tegens, malum ferens. Semper servus dum duret mundus.“ Den Schutz sich erinnern, den Träger des Wahren. An mich gebunden, bevor die Welt neu an Jahren.

Ihr Herz machte einen Sprung. Es war alles gesagt. Der Zauber beinahe vollzogen.

Oh, verfluchter, falscher Freund, nie wieder werde ich die Sonne aufgehen sehen oder durch unser Wäldchen wandern. Der Gesang der Vögel bleibt mir verwehrt und die einzige Erlösung, derer ich harren kann, wird der Tod bringen. Weh mir, dass meine Arroganz mich zu Fall gebracht, ich dem Unheil ins Gesicht gelacht, denn nun ist mein Leben verwirkt. Ade, oh schöne Welt, die g’schwinde mir zerfällt.

Atemlos verharrte sie und lauschte. Das Geräusch einer fallenden Stecknadel wäre in diesem Moment laut gewesen.

Und mit ihrem letzten freien Atemzug versenkte sie die Hände im Kessel.