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Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
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15.02.2012 9.216
 
Hallo und Willkommen zurück zum fröhlichen Eintauchen in eine erdachte Welt und konstruierte Geschehnisse.

Auf das ihr lieben Leserlein ein wirklich allerletztes Mal für ein paar Momente Seligkeit finden könnt..^^.

Epilog II, das Kapitel mit dem Anfang im Ende.




Epilog II

Ende September 1947, Berlin.

In langen Zügen streift der Wind über die mächtigen Bäume und lässt die Blätter rhythmisch auf- und abtanzen, sich wiegen wie aufgepeitschte Wellen in einem tosenden Ozean.

Nirgendwo sonst fühlt sich die Überlegenheit der Natur, die Endlickeit allen irdischen Lebens so greifbar real an, wie hier, inmitten langer Reihen gravierter Steinblöcke, welche an jene erinnern sollen, die nur noch in den Gedanken anderer fortexistierten.  

Selbst ausgesprochene Frohnaturen oder ständig vor sich hin plappernde Menschen umspukte die Allmacht des Ortes mit seiner beklemmenden Bedeutung. Umgriff weich ihre Kehlen und ließ sie verstummen.

Für eine kleine Weile zumindest.


***


Gemächlichen Schrittes wandert Gilbert den schmalen, sandigen Weg an frischen Gräbern entlang, welche vereinzelt noch nicht einmal ein Steinmal in ihrer Mitte aufweisen können. Nur die aufgeworfenen Hügelchen deuten darauf hin, dass hier erst vor kurzen das Erdreich umgegraben wurde und dabei die tieferen, dunkleren Reliefschichten nach oben gelangt sind.

Ein Geruch von saftiger, fruchtbarer Schwarzerde liegt in der Luft und versucht mit dem eigentlichen Zweck des Ortes zu kontrastieren, versucht die Bedeutungshoheit an sich zu reißen, aber schafft es nicht, nur scheinbar, denn nichts hier ist wirklich tot, noch nicht einmal der ungreifbare Tod selber, dessen zurückbleibende Asche vielleicht irgendwann einmal den Kerker seiner Urne entsteigen wird, um in ferner Zukunft erneut in den Kreislauf des Entstehens von Leben einzutreten.  

Die Stille hier, die von einem sich fast schon heimatlich anfühlenden Wind in ein ununterbrochenes, allumfassendes fernes Rauschen verwandelt wird, schleicht sich tröstend in den Pulsschlag hinein, fühlt sich sicher an, richtig.

Wie Frieden. Mit den Hinterlassenschaften des Schicksals und sich selber.

Hier ist es leicht Frieden zu schließen. Hier ist alles weit und groß, nur das blaue Dach des Himmels selber bildet eine nie zu erfassende Grenze nach oben für die Erinnerungen der Trauernden. Es ist leicht sich gehen zu lassen an diesem Ort. Es gibt fast keine Zeugen, keine plumpen Versuche zu trösten oder aufzumuntern, es geht alles seinen natürlichen Gang.

Aus ihm selber unerfindlichen Gründen mag Gilbert es hier sehr gerne. Nicht, dass er oft darüber nachdenkt, aber er fühlt es, in dem Moment, in dem er die Füße auf das weitläufige Areal setzt und das schön gewundene, große Eingangstor passiert. Dann überkommt ihn tiefe Ruhe und wenn er gründlich in sich hinein horchen würde, könnte er sich sogar selber regelmäßiger atmen hören, befreiter, als ob der hektische Lärm des Alltags von ihm abgefallen wäre, in dem Moment, in dem er über den Bannkreis der Friedhofsmauern getreten war.  

Eigentlich muss er zu Ludwigs Grab gar nicht so besonders weit laufen – die jünger Verstorbenen liegen nur einen Gedankensplitter wehmütiger Erinnerungen weit von dem Hauptgebäude entfernt, aber Gilbert nimmt vorher den Weg in die entgegengesetzte Richtung - vielleicht um noch ein wenig Zeit zu schinden vor der unweigerlichen Konfrontation mit dem stillen Kreuz, vielleicht um emotionale Kräfte zu sammeln, sich vor dem kleinen Moment zu wappnen, in dem er sich und seine gut geschützte Fassung regelmäßig verliert  – sei es wie es sei, jedenfalls ist er immer hervorragend vorbereitet für seinen Umweg, immer erstklassig bewaffnet.

Denn er hat eine Mission zu erfüllen.

Ohne sich umzudrehen und darum zu kümmern, ob ihn jemand bei der Untat einer Grabschändung beobachtet, holt er aus seiner Hosentasche einen gut in seine Faust passenden Stein, umschließt den mit der Hand und wirft ihn – sozusagen im schlendernden vorbei gehen – zielsicher auf ein mit schweren, ebenerdig liegenden Steinplatten versehenes Grab, an dem allerdings jegliche Kennzeichnung fehlt, wer genau hier seine ewige Ruhe angetreten hat.  

Es scheint, als ob er in dem Vorgang ziemlich geübt ist, als ob es nicht das erste Mal ist, dass er mit einem befriedigenden Gesichtsausdruck ein leises höhnisches Kichern von sich gibt, als der Stein mit einem hellen „Klack“ in die Mitte der Steinplatte fliegt, von dort abprallt und zur Seite fällt. Wo – rechter und linker Hand im Gras - schon etliche andere seiner Brüder liegen, die alle den gleichen Werdegang hinter sich haben und mal mehr, mal weniger gut ihre Funktion als wütende Nachtritte ausgeführt haben.  

„Widerliches Arschloch“, zischt Gilbert und fühlt einen Hauch Triumph in sich aufsteigen. Das hier war so etwas wie seine regelmäßige stattfindende, ganz persönliche Rache an einem derjenigen hohen Tiere aus den vergangenen Tagen des Reiches, dem er zwar nur wenige Male begegnet war, den er aber schon damals mit Leib und Seele verachtet hatte.  

Nicht, dass sein Steinwurf oder die eklatante Störung der Totenruhe des Mannes die Vergangenheit noch um einen Deut ändern würde. Oder das ihn diese merkwürdige Art einer Verdrängungsleistung in baldiger Zukunft davor bewahren wird, das Augenmerk auf seine persönlichen Handlungen legen zu müssen, und die Schuld der Großen, der Prominenten in der SS, herunter zu brechen auf seine ganz eigene, höchstselbige.

Aber für den Augenblick hat er Zeit und Mut gesammelt für den verstörenden Anblick, der sich ihm gleich bieten wird und ihn jedes Mal aufs Neue nachhaltig aus dem Kostüm seines alltäglichen Benehmens heraus reißt, ihn nackt da stehen lässt, ungeschützt und allein vor den Einwirkungen einer Macht, über die er nicht mehr bestimmen kann.

Mit den Händen in der Tasche – und den Schritten merklich langsamer werdend – kreuzt er den breiten Hauptgang erneut und biegt in eine kleine Wegmündung ein, die sich hinter einem mannshohen Rhododendronbusch versteckt.

Einige wenige Meter lang geht er an frisch eingelassenen Gräbern vorbei, meidet aber ihren Anblick – ihr reine Existenz als solches - sondern blickt mit starren Augen schweigend nach unten, auf seine eleganten, braunen Lederschuhe.

Dazu passt zwar die hellbeige Farbe des Anzuges, den er trägt, obwohl es nicht einmal sein eigener ist – er ihn sozusagen ungefragt aus halbverwandtschaftlichen Beständen entliehen hat - nur bedingt, aber zumindest wirkt er nicht komplett unbedarft. Als blutiger Anfänger auf dem Gebiet.

Er zieht sich nicht immer so piekfein an, als ob er im Sinn hätte, bei irgendjemanden um irgendwems Hand anzuhalten, aber heute war ein besonderer Tag und wenn es auch nur ein kleiner Anfang ist, er noch nichts konkretes vorherzusagen bereit wäre, hat er doch den Hauch einer gewissen Zuversicht gespürt, den ein neuer Lebensabschnitt mit sich bringt.

Unwillkürlich zieht sich ein feines Lächeln über Gilberts dünne Lippen, während die Ereignisse des Vormittags in seinem Kopf Gestalt annehmen und sich in chronologischer Reihenfolge vor seinen Augen wiederholen. Gar nicht so schlecht sein erster Auftritt als echter Zivilist. Ein wenig steif noch in den Höflichkeitsbekundungen und dem Weglassen der üblichen sarkastischen Bemerkungen, aber doch immerhin schon anerkennswert, auf einem talentierten Pfad Richtung einer anderen Zukunft.

Mit traumwandlerischer Präzision läuft der Mann weiter den bekannten Weg entlang, als ihn plötzlich eine schrill schimpfende Amsel mit lauten Zwitschern aus seinen Gedanken reißt.

Gilbert bleibt abrupt stehen und starrt milde erschrocken auf das protestierende Tierchen, welches auf seinen flinken Füßen vor ihm Reißaus nimmt, sich in den Schutz des dicken Stammes einer nahe stehenden Birke flüchtet, aber darüber hinaus keinerlei sonstige Anstalten macht, den Kampf gegen das silberhaarige Ungetüm so einfach aufzugeben.

Periodisch ruckt der dunkle Kopf nach vorn und wieder und wieder setzt der Vogel aus seinem gelben Schnabel zum böse zeternden Wüten an.

„Entschuldige mal, Federklops“, runzelt Gilbert irritiert die Stirn über so viel animalisches Gehabe nur wegen des Besitzanspruches eines halb aus der Erde gezerrten Regenwurms, „..aber das hier ist ein Menschenweg, geh gefälligst woanders hin Würmer picken!“

Dann setzt er sich kopfschüttelnd wieder in Bewegung, umkreist aber den sich träge auf der Erde windenden Wurm in einem großen Bogen und lässt auch zwischen sich und der Amsel soviel Abstand wie möglich.

Je weiter er sich von dem darwinistischen Vorgang entfernt, desto leiser wird es, nur ein paar Mal noch schickt ihm der Vogel für die Störung seiner Futtersuche einige gut gesalzene Verfluchungen hinterher.

Doch das dringt schon lange nicht mehr in das Bewusstsein des Mannes, der seinem Zielort jetzt immer näher kommt und sich in eine Art Tunnel begeben hat, welcher ihn derart massiv von seiner eigentlichen Umgebung abspaltet und immer weiter auf ihn eindrängt, dass es ihm für wenige Momente ganz warm wird und sich sein Herzschlag auf ein vielfaches des normalen Rhythmuses erhöht.

Dort.

Dort ist es.

Dort, wo das weite Stelenfeld mit den neuen Gräbern in den Rasen ausläuft, liegt sie. Ludwigs allerletzte Ruhestätte.  

Und jedes Mal, wenn Gilbert das dünne Holzkreuz erblickt, vor dem eine Vielzahl an frischen Blumen in Vasen steckt oder einfach nur so auf der Erde niedergelegt verweilen, fühlt es sich an, als hätte er es gerade erst jetzt – in eben dieser Minute – erfahren, dass sein kleiner Bruder gestorben ist.

Das er ihn niemals wieder sehen wird können. Das seine feste körperliche Form in der Vergangenheit zurück geblieben ist. Unwiderruflich verloren.

Das er ihn nur noch auf alten Fotos greifen konnte, die Ludwigs sanften Charakter nicht annähernd gerecht wurden, die ihn härter machten, ins schwarze oder weiße verzogen. Nur noch einen fernen Abglanz des Menschen abbildeten, den sie irgendwann einmal für eine Millisekunde eingefangen hatten.

Und was ist, wenn die Zeit noch weiter vergeht und wenn er sich eines Tages nicht mehr daran erinnern wird, an all die vielen kleinen Sachen? An Ludwigs Vorliebe für gebackene und gekochte Süßigkeiten, an seinen Ordnungszwang, seine penible Organisationswut, den gedrängten Klang seiner weichen Stimme, der alamiert zwei Tonlagen nach oben schoß, wenn er Gilbert auch nur im Verdacht hatte, sie beide mit einer unbedachten Bemerkung in der Öffentlichkeit zu blamieren.  

Ein tiefer Schmerz zuckt durch die Glieder des weißhaarigen Mannes, kehrt sein Innerstes nach Außen und lässt ihn tief nach Luft schöpfen. Manchmal muss er sich auch an der freundlicherweise sehr nahe stehenden Linde festklammern und abwarten, bis das Brennen hinter seinen Augen nachlässt.

Erst wenn die Verspannungen in seinem Herzen weniger werden, wenn er wieder rational denken und handeln kann, nimmt er die Hand von der kratzigen Rinde des Stammes, die sich mit schwächlich roten Hinterlassenschaften in seinem Handballen verewigt hat.

Dann stellt er sich mit geraden Rücken vor das Grab und verharrt so etliche Sekunden, starrt in stummen Leid und tiefen, zärtlichen Respekt auf den gefällten Baum des Lebens vor ihm, auf alles, was noch übrig ist, von einem Menschen aus ihrer Mitte und gleichzeitig an ihn erinnern soll.

Das Kreuz auf dem Grab ist ein Provisorium. Es trägt weder einen Namen, noch Jahreszahlen oder eine besondere Widmung. Nur ein etwas ungelenk gezeichnetes schwarzes Kreuz prangt in der Mitte, wo die zwei dünnen Holzlatten zusammenlaufen. Die Kennzeichnung mit diesem kleinen schwarzen Gebilde war Gilbert wichtiger als alles andere. Wer daran vorbei ging, sollte sehen, dass es ein deutscher Soldat war, der hier begraben lag. Das er seinen Beitrag geleistet hatte, in diesem vergangenen Krieg und das man gefälligst stehen zu bleiben und zu knien hatte vor seinem dargebrachten Opfer. Seinem hingegebenen jungen Leben.

Mit zusammen gepressten Lippen und Augen, die auszulaufen drohen, beendet er schließlich seine Inspektion der Ruhestätte, umrundet sie halb und streicht kameradschaftlich flapsig über das weiche Holz des Kreuzes.

„Heidiho Luuuudwig!“

Ohne darauf zu achten, ob seine Hose schmutzig wird, setzt er sich dann neben das Grab auf den Boden und lächelt vage, ohne seinen Blick auf etwas bestimmtes zu fixieren.  

„Naaa, alles gut?“

Ein paar Sekunden verstreichen, in denen nur die wogenden Blätterdächer der Bäume und die zwitschernden Vögel zu hören sind. Erst als die vergehende Zeit eine gewisse Grenze überschreitetet, es von Moment zu Moment stiller und einsamer und unerträglicher zu werden scheint, fühlt sich Gilbert von einem inneren Zwang dazu getrieben, den Mund aufzureißen und das imaginierte Gespräch fortzuführen.

„Ich hab keine Blumen mitgebracht, weil...mal ehrlich, du bist doch kein Mädchen, oder?“

Ein wenig Schalk flammt in seiner Stimme auf.

In seiner Vorstellung fährt die Szene von alleine fort, sich abzuspielen, ohne, dass er auf ihren Werdegang oder ihren Umfang einen Einfluss hat, ohne, dass er einen großen Drang dazu verspürt, sie tatsächlich zu unterbrechen.

Ludwig schaut ihn für einen entsetzten Moment aus großen Augen, fragend, vielleicht sogar eine Spur verzweifelnd darüber, was sein großer Bruder da nur wieder absurdes von sich gegeben hat. Ein sanftes Rot kriecht ihn über die Wangen allein bei dem G-e-d-a-n-k-e-n daran, jemand könnte ihn jetzt noch mit einem Mädchen verwechseln oder gar als solches beschimpfen. Nicht, dass ihm das noch nie passiert wäre. Seine Augen verdunkeln sich und er- der erwachsene Mann in Uniform – starrt unsicher zu Boden und...

...plötzlich erinnert sich Gilbert wieder an diesen bösen Vorfall mit den anderen Kindern ein paar Jahre zuvor, der Ludwig wahrscheinlich Zeit seines Lebens mit der demütigenden Erinnerung quälen wird, verdammt nochmal natürlich, wie hätte er das nur vergessen können und er erschrickt sich zutiefst und


verflucht seine unüberlegten Ausführungen, doch es ist zu spät, selbst jetzt noch, lange nach seinem Tod, verletzt er seinen kleinen Bruder mit unausgegorenen neckenden Bemerkungen, wie oft hat er das wohl früher getan, wie oft hat er Ludwig, seinen sensiblen Ludwig inneren Schaden zugefügt, ohne es zu erkennen? Ohne sich dafür zu entschuldigen. Und ohne die Möglichkeit, dass je noch tun zu können.

Ein beengendes Würgen kriecht in Gilberts Kehle hoch, so überraschend hastig, dass er gerade noch Zeit hat, sich zu räuspern und abrupt den Mund aufzureißen, um das in ihm gärende Gefühl zu übertönen: „Aber erzähl bloss nicht Roderich, dass ich das gesagt habe. Obwohl...vielleicht hört er dann auf dich mit dem ganzen Gemüse vollzustellen, hier sieht es wie auf Omas Geburtstagstisch.“

Von einem nervösen unterschwelligen Zittern begleitet fahren seine Hände über die kleinen Sträuße halb verdorrter Astern und trockener Dalien, bis sie schließlich zu den ganz frischen Blumen finden, die noch in einer Vase stecken und den Augen ein sattes fröhliches Rot bieten. Es ist Roderich, der hier hauptsächlich für Ordnung sorgt und wahrscheinlich sehr bald diejenigen Blumen, die nicht mehr ganz ihren ästhetischen Zweck erfüllen, entsorgt. Natürlich nicht ohne sie vorher noch durch andere farbenprächtige Sträuße ersetzt zu haben, um dann stirnrunzelnd vor seinem Werk zu stehen und die neu bestückte Vase so oft zurecht zu rücken, dass sie genau in der Mitte des kleinen Hügels ihren festen Stellplatz findet, keinen einzigen Zentimeter daneben.  

Als ob es Ludwig wichtig gewesen wäre, dass die Beschmückung auf seiner irdischen Ruhestätte mit ihren bunten Köpfen alle in ermüdend eintöniger Gleichförmigkeit in unterschiedliche Himmelsrichtungen hingen.

Krampfhaft versucht Gilbert den roten Faden des erbärmlich begonnenen Monologes nicht aus den Händen zu verlieren und sucht fieberhaft nach einer milderen Fortsetzung. Die ersten Minuten hier sind immer eine Spur peinlich, mit dumpfer Verlegenheit durchzogen, bis sich schließlich alles in normale Empfindungsbahnen einschwenkt.

Und tatsächlich. Ganz plötzlich erhellen sich seine Gesichtszüge, als ihm ein Einfall kommt.

Innerhalb von Sekunden findet er seine Ruhe wieder und alles steife Unnatürliche fällt von ihm ab.

Grinsend greift er nach seiner braunen, abgenutzten Umhängetasche, die neben seinen Beinen abgestellt auf ihren Einsatz gewartet hat.

„Ich hab dir aber dafür was anderes mitgebracht.“

Aus den Untiefen der großen Tasche fischt er schließlich ein kariertes Stofftaschentuch heraus, welches ohne Zweifel aus Roderichs umfangreichen Kleiderschrankbeständen stammt. Hochwahrscheinlich zur Gänze ohne Wissen des unfreiwilligen Spenders entnommen, ganz zu schweigen von der Zustimmung. Genauso wie der Anzug im Übrigen.

Gilbert knotet ungeduldig die Enden des Taschentuches auseinander und hebt endlich frohlockend eine lederne Kordel in die Höhe, an der viele hübsche, glattgeschmurgelte Hühnersteine aufgebammelt sind, es müssen so ungefähr dreizehn oder vierzehn sein. Jeder von ihnen hat eine unterschiedliche Form und - abgesehen von der besonderen Bedeutung eines jeden einzelnen - ganz in der Mitte versteckt sich ein Detail, welches nur bemerkt, wer die Kette ganz genau betrachtet: eine kleine gedrehte Muschel, die nahezu perfekt erhalten geblieben ist, wäre da nicht das winzige Loch, durch das sich das dünne Band fädelt.  

Mit strahlendem Gesicht wendet sich der Mann fragend dem Grab zu, „Kannst du dich erinnern?“, dann kichert er leise, tiefgründig und ergänzt: „...hahaha...das war unser erster Urlaub. Und Roderich hat gemeint, wir kommen nicht weiter als bis Brandenburg, allerhöchstens. Dem habens wir gezeigt, was?“

Erneut fällt Gilbert in heiteres Kichern ein und legt dabei den Kopf zur Seite, um die Kette eingehend zu betrachten. Geistesabwesend lässt er die einzelnen Steine durch die Finger gleiten – langsam und erhaben, wie es ein Priester vielleicht mit einem Rosenkranz machen würde - und fühlt mit den Spitzen ihre jeweilige Form nach.

Vor seinen Augen verschwimmt die Kulisse der Gegenwart und er taucht erneut in ein liebevoll-neckendes Gespräch mit seinem Bruder ein, dessen konstruierte Ausformung sich nur auf den stabil aufgebauten Gerüsten früherer Dialoge stützt. Nur hier, vor dem Grab des Jüngeren, lässt Gilbert es zu, dass er sich in Erinnerungsschleifen verliert, nur hier hört er die Stimme Ludwigs in seinem Kopf, als würde der Mann direkt neben ihm stehen, hört die ruhig-sachlichen Antworten, den hinter dem behaglichen Bariton der tiefen Stimme  verborgenen seltenen und schelmischen Versuch, den Älteren aus der Reserve zu locken.

„Sei nicht gemein, Gilbert! Roderich war einfach nur besorgt um uns. Du hattest dich nicht gerade besonders gut auf unseren Urlaub vorbereitet, oder sollte ich es im Nachhinein eher als Abenteuerfahrt bezeichnen?“

„Den Einwand lasse ich nicht gelten. Roderich war IMMER besorgt über irgendwas, konstant, rund um die Uhr!“

„Ich glaube, er hatte nur ziemlich Angst davor, dass du mich nicht wieder in einem Stück nach Hause bringst.“

„Ich hatte ja wohl alles im Griff. Oder nicht?“

„.....“

„Was? Was grinst du so vor dich hin?“

„Ich kann mich an gewisse Gegebenheiten erinnern, an denen du..“


Der auf der Erde Sitzende hebt abrupt den Kopf, prustet verärgert die angesammelte Luft aus seinen Lungen und blitzt aus verengten Augen das Holzkreuz an.

„Och, bitte nicht schon wieder die alte Geschichte! Vergiß das mal lieber, aber ganz schnell. Ich war nicht seekrank und ich weiß nicht, warum du das immer wieder aus der Mottenkiste holen musst. Ich hatte einen verdorbenen Magen oder irgendeinen anderen Infekt, aber ich war nicht seekrank, ah?!“

In Gilberts Vorstellung beugt sich Ludwig leicht nach vorne und lacht sein ansteckendes herzliches Lachen, während er sich in den Augen herum wischt. Und für einen Moment glaubt der Ältere, wenn er jetzt die Hand ausstrecken würde, könnte er sie auf den blonden Schopf legen und die streng nach hinten ausgerichteten Haare in Unordnung bringen, zur Strafe dafür, dass der andere es gewagt hat, die maritime Standfestigkeit seines Bruders in Zweifel zu ziehen.

Und beinahe ist er schon der Illusion erlegen, ein unwillkürliches Zucken geht durch seine Finger. Doch dann verschwindet die Vision langsam, wird schwächer und dünner, als ob sich ein dicker Vorhang vor seine Augen legt.

Ludwig entweicht in unerreichbare Weiten und lässt Gilbert zurück. Allein.

Ein Schatten fällt über sein Herz.

Und verwandelt seinen Mund wieder in einen geraden blass-rosanen Strich.

Langsam beugt er sich vor und hängt die Kette in seinen Händen vorsichtig an das Kreuz, sodass sie das schwarze Insignium in der Mitte nicht ganz verdeckt.

Dann lässt er leise seufzend den Kopf nach unten sinken und fängt an, mit einem Stöckchen im trockenen Boden herum zu stochern.

In diesem Moment der Wahrheit sind all die schönen Ereignisse des Tages vergessen und der Monolog, den er mit sich selber geführt hat, fällt wie ein schwerer Stein auf die bunt schillernde Kristallkugel, in der sich die Bilder seiner Zukunft widerspiegeln. Zerstört sie zu tausend kleinen Splitterchen.

Einseitig. So sind sie jetzt immer, die Gespräche, die er mit Ludwig führt.

Und so werden sie auch bis an das Ende seines eigenen Lebens immer sein.

Gilbert schluckt den anwachsendem Kloß in seinem Hals tapfer hinunter.

Den Blick noch immer Richtung Boden gewandt flüstert er leise: „„Du fehlst mir, Kleiner...“, dann atmet er schwerfällig ein und korrigiert sich, während er unbewusst einmal mit dem Kopf schüttelt, „....du fehlst uns beiden.....sehr.“

Lange Sekunden ist es totenstill, selbst der Wind scheint mit einem Mal seine Kraft verloren zu haben, um Zeuge dieses liebevollen Bekenntnisses werden zu können.

Gilbert wirft das Stöckchen zur Seite und nimmt jetzt seinen Zeigefinger zu Hilfe, um die in den Boden gegrabene Kuhle noch tiefer auszuheben. Mechanisch fährt er in der Erde vor und zurück und beginnt mit einem vagen: „Ich wünschte...wir...“

Doch sein Satz endet im Nichts, weil er sich plötzlich nicht mehr sicher ist, was er eigentlich sagen wollte. Oder vielleicht gibt es für seinen Wunsch gar keine Worte mehr, zumindest nicht in der Sprache, die er zu sprechen gelernt hat.

Wie pathetisch....wie über die Maßen pathetisch!

Mit einem Ruck rafft Gilbert sich zusammen und lässt seinen Arm schwungvoll in Richtung des Kreuzes fahren, als ob er jemanden auf die Schulter klopfen würde, „..also..“, tönt er final und viel zu laut für seine Ohren, „..wenn du keine Lust mehr hast oder wenn es zu langweilig ist, dort wo du bist, kannst du gerne wieder zurück kommen, das wäre.....das wäre..prima.“

Ein weiteres tiefes Seufzen aus seinem Mund verrät, wie weltbewegend es tatsächlich wäre, wenn seine Worte nur Realität werden könnten. Wieviel Verzweiflung er fühlen muss.

„Ach Gilbert, nun mal doch nicht alles so tiefschwarz, lass es uns wenigstens realistisch sehen!“

„Schwarz ist die einzige Farbe in meinem Farbkasten heute, lass mich in Ruhe. Außerdem BIN ich realistisch!“

„Ich wusste gar nicht, dass es Farbkästen mit nur einer Farbe gibt. Oder ist das eine Sonderanfertigung, werden die nur speziell für die SS hergestellt?“

„Machst du dich vielleicht über mich lustig..??“

„Würde ich mich JE über dich lustig machen, wenn es um so ernste Themen wie einfarbige Farbkästen geht?Bitte, erzähl mir ALLES, schön geordnet nacheinander, fein säuberlich.“

„Pffha! Du! Kannst! Mich! Mal! Gernhaben! ....was ist eigentlich mit deiner Krawatte?“

„Was ist mit meiner Krawatte?“

„Da ist ein ziemlich großer Fleck drauf.“


Natürlich war nirgendwo auf Ludwigs Kleidung ein Fleck gewesen, Gilbert war sogar davon überzeugt, dass das Material alle Flüssigkeiten, die sich auf seine makellose Oberfläche verirrten, wie von Zauberhand absorbierte oder einfach abprallen ließ.

Dennoch war sein Bruder ins Badezimmer gerannt und hatte hektisch nach dem Fleck gesucht, nur um eine Weile später mit hochgezogener Augenbraue zu registrieren, dass er – wieder mal – auf Gilbert herein gefallen war.

Ein fröhliches Kichern in der Küche hatte seine Vermutung bestätigt.

Es ist genau dieses koboldartige Kichern, welches jetzt über den Friedhof hallt.

Über die Grabsteine unbekannter Menschen und durch die Zeit hinweg.

Und alles wird mit einem Mal viel leichter, unbeschwerter. Obwohl das Gespräch nur in seinem Kopf, in seiner Erinnerung stattgefunden hat. Aber jetzt fühlt er sich befreit, bereit zu gehen und diesen Tag, diesen Besuch hinter sich zu lassen.

Mit kräftigen Schwung steht Gilbert vom Boden auf und klopft sich den Sand von seiner Hose.

Liebevoll tappt er auf dem Holz des Kreuzes herum und streift auch die Kette noch einmal, deren Steine leise aneinander klackern.

„Bis ganz bald, mein Großer!“

Dann dauert es zwei, drei intensive Augenblicke, in denen ein wehmütiger Zug um seine Mundwinkel geistert, bis er sich schließlich losreißen kann.

Als der erste unsichere Schritt gemacht ist, wird es einfacher, flüssiger.

Erst geht er rückwärts, das Grab in seiner Gesamtheit noch im Blick behaltend und dann reißt er plötzlich die Hand nach oben und sagt: „Ach und übrigens: du errätst im Leben nicht, woher ich gerade komme“, ein undefinierbares glucksendes Geräusch folgt dieser mysteriösen Aussage, „aber das erzähl ich dir übermorgen, ja?“

Schon jetzt liegt die tiefe Sehnsucht nach einem Wiedersehen in Gilberts Stimme.

Aber zumindest lässt er etwas zurück, auf das sie sich beide freuen können, ein Versprechen, das eingelöst werden will, eine Garantie, dass er wiederkommen wird mit aufregenden Neuigkeiten, dass er Ludwig nicht alleine lässt, nie mehr, zumindest nicht für längere Zeit.



***


Als Gilbert den Schlüssel in die Tür steckt – und hört, wie im Innern der Wohnung geschäftig mit Tellern und Töpfen hantiert wird – zögert er eine vage Sekunde lang, ein zu treten und flucht innerlich.

Mist. Mist. Mist. Denn das kann nur Roderich sein. Der entweder schon wieder von der Orchesterprobe zurück gekommen ist, oder sie noch vor sich hat, herrje, eigentlich ändert sich das von Woche zu Woche nur minimal, langsam könnte er mal damit anfangen, sich die Zeiten richtig einzuprägen.

So leise er es fertig bringt, schließt er die Tür hinter sich und legt den Schlüssel vorsichtig auf der Kommode ab, doch vergebens. Roderich hat anscheinend äußerst feine Hörorgane. Hochpräzisierte Fledermausohren.

„Gilbert, bist du das?“ ruft es fragend hinter der angelehnten Küchentür in den Flur hinein.

Der Mann, der mit dem Geschirr herumklirrt braucht eigentlich keine besonders guten Ohren, weil er durch das gesprenkelte kleine Fenster in der Tür eine dunkle Silhouhette im unbeleuchteten Flur herum wandern sieht: es ist weniger ein überlegener natürliche Spürsinn als gesunder Menschenverstand.

„Öhmm...nein??!“ antwortet Gilbert unsicher zurück und zieht eine Grimasse dabei.

In der Küche schnalzt es missbilligend.

Dann öffnet sich die Tür in einer weiten Bewegung und Roderich steht im Rahmen. In der einen Hand ein Wischtuch, während die andere sich erwartungsvoll in seine Hüfte stemmt.

Er lächelt freundlich und fragt emsig, vielleicht eine Spur zu aufgeregt klingend: „Und? Wie war es?“

Gilbert sieht sein Gegenüber ausdruckslos an, einen winzigen Moment verwirrt, um welchen Gegenstand sich das Gespräch tatsächlich dreht, bis ihm im Kopf mit einem großen Ohhh die Erleuchtung kommt und er lässig abwinkt.

„Was für eine Frage, großartig natürlich! Wie erwartet! Ich bin quasi schon halb durch...“, er grinst seicht und zuckt spielerisch mit den Schultern, „..ein gemachter Mann!“

Roderich betrachtet Gilbert eingehend von oben bis unten, hebt dazu eine Augenbraue und öffnet den Mund versuchsweise, nur, um ihn dann unverrichteter Weise wieder zu schließen.

Anschließend fährt er sich mit der Zunge über die Lippen und währenddessen scheint etwas in ihm vorzugehen, eine Art Kampf zwischen verschiedenen Empfindungen, die von „Wie kann man nur derart übertreiben?“ über „Nun sieh dir den Jungen an, heute früh hat er vor Nervosität nicht einmal was gegessen“ bis zu „Ich wusste, dass er es dort mag, ich wusste, dass es klappen würde!“ irrlichtert.

In ihm schwanken taumelnde Unverständnis, retrospektive Empathie und grenzenlose Erleichterung. Beginnen sich zu vermischen und alle das Gefühl der einen anzunehmen.

Ungeduldig trippelt Gilbert derweil von einem Fuß auf den anderen. Wenn es schon eine Standpauke wegen des entliehenen Anzugs gibt, dann soll Roderich ihn jetzt damit überziehen und den Augenblick nicht noch auskosten bis zum Sankt Nimmerleinstag!

„Kannst du mal gefälligst aufhören mich anzuschauen als würde ich dir Märchen erzählen!“ schnappt der weißhaarige Mann den anderen frech an und verschränkt dabei die Arme vor die Brust.

Roderich lacht leise und wirft die Hand mit dem Wischtuch nach oben: „Was denn, ich bin stolz!“

Stolz hat er gesagt. Mit einem übergroßen S am Wortanfang.

Wer hätte gedacht, dass es eines Tages mal dazu kommen würde.

Vollkommen baff über soviel gut gemeinte Ehrlichkeit starrt Gilbert sein Gegenüber irritiert an.

„Wer hätte das je für möglich gehalten? Was für ein Sprung, wenn man mal in Betracht zieht, dass ich dich beinahe zum Abitur habe prügeln müssen.....“

„Tha!“ hallt es weithin durch den Flur, dass man es sogar noch zwei Etagen weiter unten im Treppenhaus hören kann. Und so schön auch die Anerkennung Roderichs gewesen ist, so unwohl fühlte sich der ältere Beilschmidt dabei. So war es nicht richtig, nicht er war derjenige, der seine Verwandten zu Lobpreißungen hinriß.

Aber die Richtung, die der Verlauf ihres Gespräches jetzt wieder zu nehmen begann, war um ein Vielfaches besser. Alte, eingespielte Bahnen, nichts neues, nichts verstörendes, oder an dem Altar der Vergangenheit kratzendes.  

„Da hat wohl jemand seine Erinnerungen mit rosa Lackierung übertüncht.“

Hastig schöpft Roderich tief nach Luft und protestiert vehement: „Ach, nun hör aber auf, du musst doch zugeben, dass du deinen Abschluss zu einem übergroßen Teil meinem unermüdlichen Engagement verdankst, meiner nahezu grenzenlosen Geduld und Beharrlichkeit!“

„....eher deinem Nörgeln und Rumjammern!“ kontert Gilbert schnell und schiebt ein tiefhalsiges Kichern hinterher, als er an Roderich vorbei in die Küche stolzieren will, unermesslich froh darüber, dass der braunhaarige Mann nicht bemerkt hat, welche wohlbekannten Stoffe seinen Körper umschmücken.

Der Andere hebt eilig seine Hand, legt sie an den Türrahmen und versperrt Gilbert mit seinem Arm dadurch den Weg.

Was für eine überraschende Wendung. Was für eine ungewöhnliche Aufdringlichkeit.

Den Kopf zur Seite gewandt, bemerkt Roderich leicht süßlich: „Ach und Gilbert.....ich will wirklich nicht unhöflich sein, aber die Farbe macht dich älter, als du wirklich bist.“

Verdammt, verdammt. Er hat es doch gesehen.

Der Ertappte zuckt lässig die Schultern, um dann mit der Antwort seine Verteidigung zum Angriff umzumünzen.

„Aussehen wird des öfteren überschätzt...“

„Und Privateigentum auch?“

Aus groß gewordenen Augen, so als ob er nur auf diesen Einwurf gewartet hat, belehrt Gilbert den Unwissenden vor ihm mit gespielter Empörung: „Das sowieso! Hast du je Marx gelesen, da läuft eine gewaltige Ausbeutung der Arbeiterkla...“

Genervt blickt Roderich zur Decke und unterbricht mit amüsierten Ernst: „Nein, Gilbert. Und ich bin sicher du auch nicht, keine einzige Seite davon!“

Natürlich hat er Recht. Aber wem heutzutage nicht zumindest die Schlagworte der sozialistischen Ideologie geläufig waren, der musste schon in der Tundra wohnen.

Unruhig zappelt Gilbert vor sich hin, während Roderich ihn streng mustert.

War es das jetzt schon? Ist er nochmal davon gekommen?

Natürlich wird er sich irgendwann für die unerlaubte Nutzung des Anzuges entschuldigen, aber auf seine eigene Weise und vor allem nicht hier und jetzt, unter Druck. Da würde sich jede atmende Faser seines rebellischen Seins dagegen sträuben.

„Was ist, lässt du mich jetzt vorbei, oder....werde ich lebenslänglich aus der Küche verbannt?“ fragt er langsam und mit einem tiefen Runzeln auf der Stirn, weil Roderich offenbar keine Absicht verspürt, den Weg in die Küche wieder freizugeben.

Oder ist der Instinkt, dein Territorium zu beschützen, so groß?, liegt es dem Jüngeren noch auf der Zunge ironisch nach zu fragen, aber er verkneift es sich im letzten Moment.

„Ähm, ja, natürlich.“

Der Andere reagiert nicht sofort, sondern nimmt die Hand sehr zögerlich vom Türrahmen und zieht sie zu seiner Brust hin. Dann blickt er seinem Gegenüber unsicher in die Augen, abwägend. Als ob er abmessen wollen würde, inwieweit Gilbert der Sache gewachsen ist, die auf ihn wartet. Wortwörtlich.

Die Atmosphäre zwischen den beiden hat sich von einem Moment auf den nächsten gewandelt, sie ist dunkler, geworden. Schwerer.

Das bemerkt selbst der, der ansonsten von den subtilen Strömungen, welche seine Umgebung beleben und alle Zeit auf ihn zurückstrahlen, nur einen Bruchteil registriert.

Irritiert mustert der weißhaarige Mann Roderichs undefinierbaren Gesichtsausdruck, bevor er den Mund öffnet, um zu fragen, was los ist.

Doch der Ältere ist schneller, hat vielleicht schon eine ziemlich lange Zeit darauf gewartet, gerade das folgende kundgeben zu können und sich von der Seele zu reden. Die Bürde der Neugier und Unsicherheit zu teilen.

„Du hast Post, Gilbert.“

Ein merkwürdig dramatischer Unterton schwingt in seiner Stimme mit, während der Verkünder dieser urteilähnlichen Feststellung mit seinem Kopf Richtung Küchentisch deutet, in dessen Mitte in der Tat ein weißer Umschlag auf seine Öffnung wartet.

„Aha?“, formuliert Gilbert nicht gerade eloquent zurück.

„Aus England!“ ergänzt Roderich trocken. Bedeutungsvoll.

Doch selbst dieses entscheidende Detail resultiert bei dem Anderen nur in einem feinen Stirnrunzeln.

Fassungslos betrachtet der Braunhaarige den Jüngeren, dessen Mundwinkel sich auf einmal – als ihm ein witziger Einfall kommt, der noch in der Sekunde seines gedanklichen Erscheinens verbalisiert werden muss – zu beiden Seiten tief in die unteren Wangenhälften graben.

„Das wird wohl seine Majestät der König von England persönlich sein, dem zu Ohren gekommen ist, dass es hier bald den besten Arzt der Welt geben wird.“

Ein tiefes Lachen folgt seiner, eher unrealistischen, Ausführung und Gilbert wandert langsam zum Tisch, setzt sich auf einen Stuhl und greift nach dem Brief.

Roderich legt das Wischtuch zur Seite und folgt ihm, jeder Schritt ein außerplanmäßiger Herzschlag mehr, einer den sein Körper für die Aufrechterhaltung der Blutzirkulation eigentlich nicht braucht, den aber seine zum Himmel schreiende Aufregung wegen der Konfrontation mit dem Unvermeidlichen geradezu erzwingt.

Gilbert ist noch nicht so weit. Noch lange nicht. Was auch immer dieser Brief bringen mag, es kann nichts sein, was Frieden enthält. Oder Hoffnung.    

„Mäsiu Körkländ, Witchürsch Älli, London“, liest Gilbert unbeholfen den Absender vor, mit einem, für die an richtiges Britisch gewöhnten Ohren Roderichs, schrecklich klingenden Englisch. Dann hebt er fragend den Kopf und schüttelt ihn einmal, die Unterlippe fast schmollend nach vorne geschoben: „Kennich nich....“

Ein paar Augenblicke schaut er gedankenverloren aus dem Fenster und spielt mit dem Brief in seinen Händen.

Das Papier des Umschlages knistert geheimnisvoll vor sich hin.

Auf einmal spürt er es in seinem Nacken siedendheiß prickeln, tausend kleine Nadelstiche, so intensiv, dass er sich am liebsten mit der Hand über die betreffende Stelle fahren würde.

Was zum...?

Tatsächlich hat sich Roderich mit dem Rücken an die Spüle gelehnt und beobachtet ihn angespannt mit vor der Brust verschränkten Armen. Seine Augen saugen sich nahezu an Gilberts Gesicht fest und überprüfen jede winzige Reaktion, suchen nach einer Form von beginnender Erkenntnis, warten regelrecht darauf.  

Der Sitzende fühlt eine trotzige Entrüstung über soviel penetrante Belästigung in sich hochsteigen und schlägt vorwurfsvoll mit den Worten: „Was ist???“ zurück. Laut. Verteidigend.

Die Antwort darauf wartet hinter einem langen langen Atemzug. Roderich lässt sich Zeit, oder vielleicht versucht er auch nur das Unaufhaltsame noch ein Stück weiter in die Zukunft hinein zu verschieben.

Als er das erste Mal spricht, wirkt er sehr konzentriert.

„Kirkland.“

Auf die korrekte Nennung des englischen Namens folgt eine zähe Pause.

In der die Erleuchtung noch immer auf sich warten lässt.

Leider.

Also gibt es gar keine andere Wahl mehr. Es muss ausgesprochen werden.

„So hieß der Offizier, der uns die Nachricht gebracht hat, dass Ludwig gestorben war“, kommt es dann als Ergänzung ruhig hinter den Lippen des Älteren hervor.

Gilberts Augen weiten sich ausdrucksvoll, jetzt endlich scheint er sich zu erinnern. Der Raum um ihn herum schrumpft in Sekundenschnelle zu dem Umschlag zusammen, den er in den Händen hält, zentriert sich ganz auf das unscheinbare Papier.

Der Brief wirkt auf einmal gar nicht mehr so unschuldig, sondern schwer und bürdevoll. Vorbelastet.

Sein Weiß ist grell und blendet in den Augen.

„Hmph“, würgt der Sitzende aus seiner Kehle hervor und fühlt diejenigen Flächen seiner Hand aufglühen, welche mit dem Papier in Berührung sind. Er widersteht dem plötzlich überbordend werdenden Reflex, das Ding aus seiner Hand auf den Boden zu schleudern.

Stattdessen starrt er nur zögernd darauf, vollkommen unentschlossen über der sich vor ihm ausbreitenden Situation mit all ihren mannigfaltigen Möglichkeiten, die so abrupt über ihn gekommen ist, die ihm keine Zeit gegeben hat, sich mental darauf vorzubereiten.

Sein Herz rast so unfassbar schnell, dass ihm leicht schwindlig wird.  

Was wollte jener fremde Mann nur von ihm? Hatte er seine Aufgabe nicht erfüllt? Nicht genug Aufklärung gebracht? Genug Unheil? Was konnte es nach all der Zeit noch wert sein, in einem Brief niederzuschreiben und zu verschicken?

Mit leicht zitternden, schweißnassen Fingern – die Augen regungslos, wie ein Hypnothisierter auf einen Punkt irgendwo hinter dem Tisch fixiert – zieht er an dem Papier herum, öffnet derb eine Ecke des Umschlages und steckt dann den Zeigefinger hinein, um in einer einzigen harschen Bewegung auch den Rest der oberen Pfalz auf zu reißen.

Das kratzige Geräusch des Öffnens ist sinnbetäubend widerlich, gänsehauterregend. Für beide Männer.

Immer noch ohne wirklich mit den Blicken zu verfolgen, was er tut, greift Gilbert in den Umschlag und fördert eine paar Seiten Papier mit einer eleganten blauen Schrift hervor, deren Verursacher wohl ziemlich viel Mühe in sein Wirken investiert hat und außerdem vermutlich noch einen ziemlich teuren Füllfederhalter benutzt haben muss.

Zwischen den zu einem ordendlichen Rechteck gefalteten Seiten fällt etwas heraus und Gilbert erschrickt sich wie ein kleines Kind bei dem Geräusch des auf den Tisch aufschlagenen Papieres.

Neugierig, aber innerlich wie äußerlich immer noch völlig steif, nimmt er es in die Hand und dreht es herum.

Hinter ihm tritt Roderich ein Stück näher an seinen Stuhl heran und zusammen blicken sie nun regungslos – ohne zu wissen, was sie davon halten oder darüber denken sollen – auf drei blonde Männer, die ihnen mit fröhlicher Zuversicht von einem colorierten Foto entgegen schauen.

Zumindest einer von ihnen kommt den zwei Deutschen bekannt vor, auch wenn das entspannte Lächeln einen seltsam verzerrenden Kontrast bildet, zu dem Umständen von damals, der ganzen Erscheinung des englischen Mannes, so wie sie ihn kennen gelernt haben. Kennen lernen mussten.

Auf zwei Gesichtern bilden sich nachdenkliche tiefe Furchen in der Stirn. Ohne zu wissen, wen sie vor sich haben oder warum es der Offizier für nötig erachtet hat, ihnen ein Bild von sich und zwei anderen Männern – möglicherweise seinen Söhnen? – zu schicken, bleibt den beiden nur das bloße Starren. Keine Urteilsbildung, keine sonstige Konsequenz erfolgt aus ihrem Tun; noch hat derjenige, an den der Brief adressiert ist, die Seiten nicht auseinander gefaltet, noch nicht ihren Inhalt in voller Gänze aufgenommen. Noch weiß er nichts, wissen sie beide nichts von Alfred und Matthew, von Paris, den Partisanen und dem glücklichen gewendeten Schicksal zweier alliierter Soldaten. Die nur noch leben, weil es Ludwig gab.

„Uhm...geht es nur mir so, oder.....hm...“, Roderich beißt sich auf die Lippen und verflucht einen Augenblick später seine Offenherzigkeit. Warum muss er dem anderen unnötig Schmerzen bereiten, warum kann er sich nicht beherrschen, wenn es wirklich nötig ist? Jetzt hat er den Satz einmal angefangen und Gilbert wird wissen wollen, worauf er hinaus will, also kann er seine eigentümliche Beobachtung nicht mehr verbergen und sagt, merklich leiser geworden: „..ist dir aufgefallen, dass der eine Junge aussieht, wie..“

„Ja“, unterbricht ihn der Sitzende mit einer Handbewegung knapp. Unwirsch.

„Hab ich gesehen, ich weiß, wen du meinst!“

Oh. Gilbert hat es auch gesehen. Von sich aus. Es ist also nicht so, dass er sich irgendetwas zusammenspinnt.

Roderich nickt für einen Augenblick erleichtert auf. Doch diese Erleichterung ist nicht bleibend, sie wird geschluckt und erstickt von marodierender Anspannung, Neugier und einer großen Verwirrung über diese merkwürdige Entdeckung. Diese atemberaubende Ähnlichkeit.

Obwohl er fast sicher ist, dass der Andere sich sowieso nicht erinnern wird, schreit der Moment so derart laut nach Aufklärung, dass er dem Drang nachgibt und fragt: „Welchen Namen hatte er noch, ich kann mich nicht mehr erinnern.“

„Gabriel“, würgt Gilbert kurz angebunden heraus. Es ist ihm förmlich anzusehen, wie ungern er über die ganze Angelegenheit redet, wie sehr es ihn mitnimmt. Muss sich Roderich verhalten wie ein gottverdammter Großinquisitor?

„Ah jaa natürlich, Gabriel!“ erinnert sich der braunhaarige Mann flüsternd, während er den Kopf nach oben hebt und nachdenklich zum Fenster hinaus blickt, als würden dort vor den Scheiben die bedeutungsvollen, mitunter auf tieftraurigen Sequenzen vergangener Tage abgespielt werden.

Noch ehe er erneut den Mund öffnen kann, um zu fragen, ob Gilbert vielleicht mehr weiß, reagiert der Jüngere automatisch und verkündet mit schaler Stimme: „Die sind dann weggezogen, irgendwann.“

Und der Hauptton seiner Stimme klingt so final, so endgültig mit dem Thema abgeschlossen, dass er Roderich jede weitere Frage danach schlichtweg verbietet.  

Natürlich ist der Umzug der betreffenden Familie nur eine vage Vermutung von früher, eine Legende, die sich als Beteuerung so oft wiederholt hat, so hartnäckig in den Kopf gepflanzt hat, dass es sich beinahe wie die Wahrheit anfühlt. Doch so ist es bestimmt nicht gewesen. Wahrscheinlicher ist, dass dem Jungen von seinen Eltern der Umgang mit Ludwig verboten worden war, sicherlich weil ihnen aus vielerlei Quellen in den allerdunkelsten Schattierungen gefärbte Erzählungen über die einzelnen Mitglieder der Familie Beilschmidt/ Edelstein zugetragen worden waren.

Aber wie hätte er diese Wahrheit damals seinem kleinen Bruder vermitteln sollen? Gabriel darf nicht mehr mit dir spielen, weil dein älterer Bruder ein Arschloch ist und dein Patenonkel ein Jude??

Hätte er das kleine Herz des hochsensiblen Jungen erneut brechen sollen?

Wie ungerecht jetzt auf diese Art und Weise darauf aufmerksam gemacht zu werden! Mit der Wucht eines Boxschlages in den ungeschützten Magen daran erinnert zu werden, wie schwer das Leben für Ludwig als Kind gewesen war, obwohl er nichts außer Liebe und Wärme hätte verdient gehabt. Und wie es dann später abgeschlossen hatte, in diesem allzu frühen Ende....

In Gilberts Augen fängt es niederträchtig heftig an zu brennen.

Er kann nicht schon wieder anfangen, darüber nachzudenken, wieviel Versäumnisse er sich selber hat zuschulden kommen lassen während Ludwigs Kindheit, das wird eines Tages noch einmal sein Untergang sein. Immer wieder sind es die gleichen Erinnerungsschleifen, mit denen er vielleicht auf den Friedhof gut umgehen kann, aber nicht hier in ihrer Wohnung, wo jede Wand, jeder einzelne kleine Gegenstand nach seinem Bruder ruft, ihn anklagend zu fragen scheint, warum Ludwig nicht mehr hier ist.

Er schluckt mehrmals und schiebt seine Gedanken ganz weit weg in den verdrängenden Teil seines Geistes hinüber, wo alles zu formlosen Schatten mutiert.

Unschlüssig – nur um beschäftigt zu sein und sich nicht anmerken zu lassen, dass er kurz davor steht, bittere, schmerzvolle Tränen zu weinen - greift er mit den Händen nach dem beschriebenen Papier und wendet es hin und her. So dick. Es sind mindestens zwei oder drei Seiten. Die Schrift ist so real, so greifbar. Und so unfassbar furchteinflössend.

Hieroglyphen des absoluten Horrors.

Was ist, wenn dort etwas geschrieben steht, was er nicht ertragen kann? Was ist, wenn das die letzte schreckliche Information ist, die ihn schließlich endgültig als bloße geistlose Hülle zurück lässt, innerlich abgestorben und ohne Interesse oder Anteilnahme für die anderen Menschen seiner Umgebung?

Wie absonderlich dreist von dem englischen Mann ein Foto von zwei Männern in Ludwigs Alter in den Umschlag zu legen.

Die bestimmt noch am Leben waren und es in vollen Zügen genießen konnten.

Wie niederträchtig. Wie ungerecht.

Gilbert schließt schnell die Augen und versucht die heiß aufblitzende Wut über so viel unerträgliche Gedankenlosigkeit zu unterdrücken.

Hinter ihm steht Roderich völlig regungslos, die eine Hand erhoben und in die Luft ausgestreckt, Richtung der merklich bebenden Schulter des anderen Mannes. Teilnahmsvoll. Abwartend.  

Vielleicht wird sein unausgesprochenes Angebot, sein tief empfundenes Mitgefühl, angenommen. Heute das erste Mal seit vielen Jahren wieder.

Bedeutungsvoll hebt Gilbert den Kopf und schiebt seinen Stuhl langsam mit den Beinen zurück.

Dann sammelt er mit seiner Hand das Foto, den aufgerissenen Umschlag und den ungelesenen Brief zusammen und steht ungelenk auf. Noch nicht wieder ganz Herr über seine ausgebrochene Laune und seine noch immer im ausbrechen begriffenen anderen Gefühle, die in ein gewaltiges Ringen mit seinem Schamempfinden verwickelt sind. Vor Roderich die Kontrolle zu verlieren würde seinem Ego einen weiteren tiefen Kratzer zufügen und dafür bringt er momentan einfach nicht die Kraft auf.

„Ich glaube..“, sagt er mit einem gedehnten Zögern und viel zu hoher Stimme, „..ich leg den erstmal in Ludwigs Zimmer und lese ihn später.“

Er dreht sich herum und schlüpft aus der Lücke zwischen Stuhl und Tischkante heraus – dabei bewusst nicht die Seite wählend, auf der Roderich steht, welcher fast sofort nach Gilberts Worten ein Stück nach hinten gegangen ist, ohne dabei nicht einen Stich des Bedauerns darüber zu empfinden, dass er für den Anderen, der so offensichtlich mit der Situation zu kämpfen hat, nichts tun kann.

Fast fluchtartig verlässt Gilbert die Küche, in seiner Hand die papierenen Materialen, die wie Bleigewichte an ihm ziehen.

„Du hast alle Zeit der Welt“, bemerkt Roderich noch aufmunternd, die Stimme in freundliches Verständnis getränkt. Doch der davon laufende ist schon über die Türschwelle hinaus getreten, hat ihn womöglich gar nicht mehr richtig gehört.

Der Mann in der Küche hält sich mit beiden Händen an der Spüle fest und kneift schmerzhaft fest die Augen zusammen.

Er wird es ihm nie erzählen können. Er wird nie teilen können, was er weiß, obwohl es ihm beim Gedanken daran beinahe den Verstand nimmt, obwohl des Nachts böse Erinnerungen an das Lager in seine Träume zurück kehren, wenn er zu intensiv darüber nachdenkt. Hätte er die Dokumente nur nie gelesen, hätte er sie doch damals gleich in den Müll geworfen. Verbrannt.

Tiefe traurige Stille breitet sich in der Wohnung aus.

Irgendwo wird leise eine Tür zugeklinkt und Gilbert ist weg.

In die Vergangenheit hinein gefallen.

Unerreichbar.



***


Diese Wohnung war von Anbeginn dabei. Hat ihre Familie kleiner werden und wieder anwachsen und verschwinden und in dezimierten Umfang wieder auftauchen sehen, ist selber schon ein Teil der Familie und das hier, das ist ihr Herz.

Ihr künstlich am Leben gehaltenes Herz.

Welches eigentlich schon vor vielen Monaten aufgehört hat zu schlagen.

Oder vielleicht ist das nur Gilberts Sicht der ihn umgebenden Dinge?

Vielleicht braucht er einfach nur noch ein wenig mehr Zeit, um zu begreifen, dass das Leben weiter gehen muss, irgendwann?

Das die Welt um ihn herum darauf wartet, dass er aus seinen Kokon schlüpft und die Trauer um seinen Bruder hinter sich lässt, in Dankbarkeit umwandelt, für die Jahre, die sie gemeinsam verbringen durften?

„Ja...“, keucht Gilbert atemlos, als er sich vor Roderich in Ludwigs Zimmer hinein geflüchtet hat und die Tür leise hinter sich schließt, nur, um dann hilflos an der stabilen Holzplatte mit dem Rücken eine Art Halt zu suchen.

„Ich weiß....ich weiß das..“, flüstert er erschöpft und antwortet damit nur für sich ungeduldig Roderichs Feststellung, von deren grenzenlosen Verständnis er sich eingeengt fühlte. Weil sie eine verdammte Lüge ist.

Sie wissen doch beide ziemlich genau, dass er eben nicht alle Zeit er Welt hat. Das es irgendwann passieren muss.

Der Mann seufzt laut und öffnet die Augen, aus denen einzelne kleine Tränen laufen.

Er blickt sich hilfesuchend in dem Zimmer um, welches den Eindruck macht, als ob es noch aktiver Teil der Wohnung wäre, als ob sich jemand darum mit besonderer Sorgfalt kümmern würde.

Die Regale blitzen dem Betrachter sauber und von Staub befreit entgegen, die Bücher in den Fächern sind fein säuberlich nach Nachnamen der Autoren geordnet und die Relikte der Kindheit, die wenigen, wie kostbare Schätze gehüteten, Zinnsoldaten, stehen stramm in Reih und Glied auf ihren nächsten Einsatz hinfiebernd daneben, ihre hochgestreckten Waffen feindselig aufeinander gerichtet.  

Das Bett ist frisch bezogen und unbenutzt. Als hätte es sein früherer Besitzer gerade erst so zurückgelassen.

Doch dem ist nicht so. Es ist immer frisch bezogen und immer unbenutzt.

Und.......leerer als sonst. Irgend etwas fehlt hier. Irgend etwas ist anders.

Sollte Roderich etwa gewagt haben...oh..nein, nein...natürlich nicht....

Entspannen, er muss sich entspannen!

Natürlich würde der braunhaarige Mann nie auch nur ein Detail in diesem Zimmer ändern, ohne vorher seine Einverständnis einzuholen.....

Gilbert atmet langsam aus und schöpft erneut gierig nach Luft. Dabei weichen die Falten auf seiner Stirn langsam einem glatten, ruhigeren Gesichtsausdruck.

Er selber hat doch heute morgen die kleine Kette von dem Bettpfosten genommen und in seine Tasche gesteckt.

Sie auf den Friedhof getragen und dort an das Kreuz gehängt.

Der Friedhof......wie war es nur möglich, dass er sich dort freier fühlte in seinem Erinnern? Das er ihnen nachgehen könnte, ohne darunter zu zerbrechen und das er hier, in Ludwigs Zimmer, wo alles so nah und erdrückend schwer auf ihn einstürzte, sich immer wieder dabei ertappte, wie er sich den automatischen Rückblicken in die Vergangenheit verweigerte?

Seine Augen gehen unruhig auf Wanderschaft – als ob er nicht jede Kleinigkeit in diesem Raum auswendig kennen würde, als ob er nicht davon träumen würde! – und erreichen die kleine Plakette, die an der Wand über dem Bett hängt.

Damals ist es einem besonders guten Schüler zum Abschluss überreicht worden.

Heute entfachen die schön verschnörkelten Buchstaben, die sich zu einem poetischen Sprüchlein vereinen, nur ein zynisches, hasserfülltes „Ha“.

Mit allergrößter Verachtung wird das bronzene Schild gemustert, werden die Worte bestimmt das hundertste Mal gelesen, obwohl er sie schon auswendig kennt.  

Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn.



Welcher geisteslahme Gymnasialdirektor schenkte seinen Schülern denn solche dunklen Sinnsprüche? Waren die abgehenden Schüler darauf vorbereitet worden, auf den Krieg? Auf Tod und Sterben in der Fremde?

Gilberts Augen lassen angewidert von der Wand und streifen den Schreibtisch am Fenster. Grenzenloses Unbehagen überfällt ihm bei dem Anblick. Weil auf dessen Oberfläche, versteckt unter ein paar alten Soldatenheften, die Akte liegt. Ludwigs Akte.

Die er noch nicht bereit zu lesen ist ..... und es möglicherweise niemals sein wird.

Er weiß gar nicht mehr so genau, seit wann genau sie dort liegt. Es muss in den Wochen gewesen sein, nachdem der englische Soldat die Nachricht gebracht hatte, die Tage und Monate danach verschwammen irgendwie ineinander, ließen sich immer noch nicht klar trennen.

Aber irgendwann einmal, vielleicht im Frühling oder Frühsommer, hatte es geklingelt und Roderich war nach unten gegangen. Die Übergabe schien mit jemanden ausgemacht sein, vielleicht sogar mit dem fremden Offizier selber, den er vom Fenster aus sehen konnte, denn der Österreicher war mit der Akte in der Hand und einer einfachen Militär-Urne wieder in die Wohnung zurück gekehrt.

Die Urne.....Gilbert schließt bei der Erinnerung daran die Augen und kämpft gegen eine dünn um ihn herum schleiernde Übelkeit...Ludwig...Ludwig war darin. Das war alles, was von ihm übrig war.....alles was von ihm übrig war, passte in eine winzige Urne hinein.

Und wie es passiert war, das stand in der Akte. Ein dicker roter Stempel mit den Worten „Streng geheime Reichssache“ prangte auf dem gelben Deckel. Penibel nach oben strebende, eng zusammen stehende Buchstaben gaben darüber Auskunft, dass die Akte Informationen über „Beilschmidt, Ludwig – Leutnant Abt. Abwehr“ beinhaltete. Das „Leutnant“ war offensichtlich eine Weile später mit einem Rotstift und einem Lineal durchgestrichen worden.

Warum hatte das RSHA eine so gut gefüllte Akte über seinen Bruder geführt? Warum ihm die militärische Bezeichnung so akkurat abgesprochen?

Was war passiert, dass er noch nicht wusste und sich nicht traute, es heraus zu finden?

Roderich hatte die unzähligen Seiten in der Akte schon vor ein paar Monaten gelesen. Er war ihm voraus gegangen, er hatte den Mut gefunden, den Gilbert noch nicht aufbringen konnte.

Aber um welchen Preis?

Jedesmal, wenn sie über den Gestorbenen redeten – und das geschah selten genug – wurde Roderich die ersten Sekunden sehr blass im Gesicht und sah betreten zu Boden.

Gewiss standen einige grauenerregende, in kaltes Amtsdeutsch gepresste, Berichte dort drin. Ereignisprotokolle von Ludwigs Aufträgen, möglicherweise sogar das eine oder andere vertrauliche Gespräch, in welches die Gestapo ihn verwickelt hatte, nur um seine politische Zuverlässigkeit auszutesten.

So war es doch, oder? Es konnte gar nicht anders sein....    

Aber was noch mehr? Was konnte Roderich nur so sehr verstören...?  

Gilbert stößt sich von der Tür ab und läuft auf den Schreibtisch zu.

Er hebt die Hefte von der Akte und berührt dabei unabsichtlich das raue Material des gelben Hefters, was auf seiner Haut eine fröstelnde Gänsehaut erzeugt. Die sich bis in sein Innerstes hinein zieht.

Sorgfältig platziert er den Brief mitsamt Foto unter die Magazine, von deren Front ihn strahlende junge Männer in Uniform forsch anblickten und für eine Teilnahme am Krieg warben.

Ja. Der verdammte Krieg.

So weit hatte diese Familie es damit gebracht, bis in dieses leere Zimmer hinein, dass er wie einen Schrein hütete. Und hier hatte der Weg geendet. Hier war es vorbei mit gutaussehenden Lachen und schneidigen Uniformen.

Mit dem Leben an sich.

Von dem Anblick mit einem Mal stark abgestoßen nimmt er das oberste Soldatenheft und dreht es hastig herum.

Dann seufzt er lautlos und massiert sich mit beiden Händen den Nacken.

Gab es keinen Hoffnungsschimmer, nirgendwo?

Fast mechanisch fliegen seine Gedanken aus dem Zimmer heraus zu einem ganz bestimmen Menschen hin.

Doch.....

Doch natürlich gab es den.

Ivan war da.

Ivan war ihm gefolgt. Ivan hatte ihn getröstet, ihn angetrieben, ihn ermuntert.

Aus Liebe.

Das war vielleicht das einzige, was zählte. Das wichtigste Lösemittel allen Leidens.

Liebe.

Obwohl er kein einfacher Mensch war, mehr unfreundliche, grobschlächtige, sarkastische und raue Stellen an ihm waren, als an jedem anderen, den er kannte, hatte Ivan ihn so genommen, wie er war. Sein Inneres und sein Äußeres.

So viel schlimmes war passiert und doch hatte es ihn immer wieder auf Ivan zugeführt.

Ein falsch gegangener Weg, der sich im Gehen so richtig angefühlt hatte, noch heute anfühlte. Nichts würde er ändern wollen, keine Abzweigung, keinen Schritt zuviel oder zuwenig bereute er für sich selber, für sie beide.

Und sie würden weiter gehen. Immer weiter voran in eine unbekannte Zukunft hinein. Zusammen.

Bei diesem Gedanken schleicht sich ein dünnes Lächeln auf Gilberts Lippen. Und er kann es plötzlich gar nicht mehr abwarten, Ivan zu erzählen, wie erfolgreich die erste Hälfte seines Tages gewesen ist.

Der angehende Student der Medizin, der sein vor Jahren abgebrochenes Studium wieder aufgenommen hat und wegen seiner profunden Vorkenntnisse in der ersten Vorlesung direkt angenehm aufgefallen war. Angenehm, das musste man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Ein Kichern rinnt aus der Kehle des Mannes in dem Zimmer.

Ja, es würde Spaß machen, davon zu erzählen und Ivans ungläubiges Gesicht, Ivans Begeisterung und echte Freude darüber zu sehen.

Und vielleicht würde er heute Abend, wenn es dunkel geworden war und sie zusammen im Bett lagen, wenn es einfacher wäre, von anderen Sachen als den angenehmen zu berichten, weil die Schatten der Nacht vieles pietätvoll kaschierten, von dem Brief erzählen. Und Ivan würde ihm einfach so zuhören. Ohne Forderungen zu stellen, oder weitere Nachfragen.

Weil er ihn liebte.



***  


Gemächlich zieht sich Gilbert aus dem stillsten Zimmer der Wohnung zurück und tritt wieder in die Gegenwart hinein.

Bevor er die Tür ganz schließt, wirft er einen letzten Blick in den Raum hinein und das wehmütige Sehnen nach Ludwig, ein tiefes klägliches Ziehen in der Brust, versucht sich noch einmal hartnäckig in seinem Körper auszubreiten.

Aber von der Küche her zieht eine köstliche Duftspur in seine Nase hinein und er kann Roderich in den brodelnden Töpfen herumrühren und geschäftig mit Besteck klackern hören.

Und jede Minute musste Ivan nach Hause kommen und dann würde es bald Abendessen geben.

Sie würden gemeinsam um den Tisch herum sitzen, wie eine echte Familie.

Für nichts auf der Welt würde er die kleinen glücklichen Momente eintauschen wollen, die ihn dort beschlichen, wenn er im Kreis der zwei anderen saß und ihre Gespräche mit gut sitzenden Kommentaren würzte. Die beide sogar dann und wann zum Lachen brachten.

Selbst wenn er noch einmal tausend falsche Wege beschreiten müsste, um genau dorthin zu kommen, er würde sie ohne zu zögern gehen.

Denn jede Sekunde Glück wog eine ganze Woche Leid auf.

Verschloss langsam, aber stetig die Wunden, von denen er nicht mehr geglaubt hatte, sie würden jemals wieder heilen.

Und wenn allein diese kleinen erfüllenden Momente schon so eine große Macht über sein Innenleben hatten, gab es vielleicht doch noch eine gute Aussicht für die Zukunft?

Dann konnte er vielleicht sogar eines Tages über den falsch gegangen Weg hinweg kommen, den sein Bruder gegangen war, konnte das Schicksal Ludwigs akzeptieren und lernen, damit zu leben.

Konnte seinen Frieden finden.

Endgültig.




1. Der Spruch ist aus Goethes Faust, der Tragödie zweiter Teil.
2. „Mädchen“ als beschimpfende Bezeichnung zu benutzen, das ist mir natürlich nicht leicht gefallen, sowas zu schreiben, aber ihr wisst ja, früher war alles...anders.

Ich könnte noch so viel zusätzliches sagen, aber manchmal ist Schweigen besser, produktiver und (schmerz?)lindernder als reden. Oder schreiben.

Fragen beantworte ich natürlich trotzdem gerne, wenn euch also etwas im Köpfchen brennt, bitte zögert nicht.

Ausblick: Dieses Mal nicht. Zumindest nicht hier. Oder auf die Geschichte bezogen. Aber vielleicht dafür etwas allgemeiner, "lebenspraktischer"?
Bitte. Gerne: Fehler sind es wert begangen zu werden. Und falsche Wege ebenso. Aus allen lernt man, wird, wenn vielleicht nicht weiser, auf jeden Fall erfahrener im Umgang mit sich selber und anderen Menschen. Bereut nicht eure falsch gegangenen Wege, niemals. Macht Fehler – das ist nur menschlich.
Es gibt keine perfekten Leben. Das ist nur der Glanz des schönen Scheins.

Noch einmal aus der brennenden Tiefe meines noch glühenderen Herzens heraus, ich kann es nicht oft und laut oder nachdrücklich genug sagen:

Vielen Dank dafür, dass ihr diese Erzählung mitverfolgt habt, dass ihr Teil davon geworden seid.

Vielen Dank für eure Treue, euer Verständnis und eure anteilnehmende Unterstützung.

Vielen vielen Dank. Für alles.
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