Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
46
219.821
8
Alle Kapitel
119 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
15.02.2012 11.345
 
Ihr lieben Leser und Leserinnen. Es ist soweit. Hier ist es:

Zäsur IV, das Kapitel mit den Kindern und dem Rauschen des Endes.

Seid ihr bereit? Wirklich?

Habt ihr etwa jetzt gerade erst darüber nachgedacht, wo ich euch die Frage gestellt habe: Seid ihr bereit?

Uff, das ist doch viel zu überhastet, aber nun gut, so ist die Welt eben heute, nicht wahr?

Und, seid ihr es denn nun?

„Ja??!!!“ lautet eure, schon leicht genervte Antwort, „Ja, verschon uns mit deiner Fettschrift und lass endlich die Geschichte anfangen!“

Also guuuut, biiiiitte, von mir aaaaaus, auf eure eigene Verantwortung. Ihr seid also wirklich bereit?! Tatsächlich? Jaja, ich habe es verstanden, ihr seid ihr es wirklich.

Dann bleibt ja nicht mehr viel, außer ein letztes: „Viel Vergnügen beim Lesen!“

(Ach und Ar-Feiniel: rate mal, wem auch dieses Kapitel noch gewidmet ist...^^....)



Zäsur IV

Treue
Der enge, fensterlose Raum ist spärlich möbliert und noch kärglicher beheizt. Er lädt nicht gerade zum Verweilen, geschweige denn zum mehrstündigen Hinsetzen und Sprechen ein.
Wie man Angelegenheiten von solcher Tragweite ausgerechnet hier stattfinden lassen kann, erschließt sich Roderich auch nicht, als er schon lange wieder aus dem Gebäude raus in die kalte Freiheit getreten ist. Kleine Schneeflocken wehen ihn um die Nase, die sich unter dem beißenden Zug der bitteren Kälte stark gerötet hat, und trotzdem ist er regelrecht erleichtert, aus der – freundlichen, aber dennoch auf eine merkwürdige Weise unsensiblen – dunklen Atmosphäre des Gebäudes zu entfliehen, welches sich die Alliierten als verwaltungstechnisches Hauptquartier erkoren haben.

Die Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben, schlendert Roderich still an den kahlen Bäumen der kleinen Parkanlage vorbei, in denen einige amerikanische Soldaten trotz des Wetters mit einer Art komischen, ei-ähnlichen Ball spielen, ihn sich unter lauten, fröhlichen Anfeuerungsrufen gegenseitig zu werfen und ein Heidenspektakel veranstalten, wann immer einer von ihnen es damit über eine auf der Erde gezogenen Linie geschafft hat.

Einen Moment stellt sich Roderich in die kleine Ansammlung von zumeist Kindern, die dem rasanten Spiel vom Rand aus begeistert zu schauen.

Doch nicht unbedingt in der Stimmung seine Gedanken durch einen derartigen Aufruhr an lärmender Heiterkeit ablenken zu lassen, wandert er weiter und entscheidet sich, in einem kleinem Cafe in der Nähe etwas warmes zu trinken.

Erst als er dort in der leisen Gesellschaft einiger Zeitungsleser langsam wieder aufzutauen beginnt – ein Zustand, in den ihn nicht nur die Kälte, die draußen herrscht, getrieben hat – überkommt ihn das erste Mal so eine Art Stolz, dass er es geschafft hat. Erst hier, mit einigen Minuten Abstand kann er sich vergegenwärtigen, was er getanhat. Sinkt es wirklich in sein Bewusstsein hinab, dass er sich getraut hat, dass es vorbei ist.

Stolz und Erleichterung durchfluten zu gleichen Maßen sein Inneres, es fühlt sich an, als ob irgendwo ein Damm gebrochen ist und alles dunkle, verdorrte mit kristallblauen Wasser überspült hat.

Obwohl hier und da noch einzelne massive Baumstämme auf der Oberfläche dieses Flußes treiben, welche mit ihren gewaltigen Ästen mächtig weit in die Luft hinein ragen und dabei vorsichtig an der Hinterseite seiner Schädeldecke herum kratzen. Ihn ekelhaft zärtlich darauf hinweisen wollen, dass er so leicht nun auch wieder nicht davon kommt.

Und trotzdem! Er hat – wenn er jetzt daran zurück zu denken beginnt – nur zweimal richtig gestockt. Am Anfang und am Ende.


***

„Sie wollen eine Aussage machen?“, der junge Amerikaner, der Roderich gegenüber Platz genommen hat, spricht fast akzentfrei deutsch. Er hat sich schon ein paar Mal dafür entschuldigt, dass ihr Gespräch aus Ermangelung an anderen Unterbringungsmöglichkeiten ausgerechnet hier, in diesem unfreundlichen Raum, stattfinden muss. Seine zurückhaltende Freundlichkeit ist schön und gut, auch die Aufmerksamkeit, mit der er seinem Gegenüber ein Glas Wasser einschenkt, bemerkenswert, aber im völligen Gegensatz dazu steht das dunkle Zimmer, an dessen Wänden schattige Silhouetten entlang huschen, wann immer jemand vor der Tür im Gang lang läuft.

Roderichs Arme bekommen eine Gänsehaut bei dem Gedanken, dass es vielleicht doch unmöglich ist, zu reden. Dass es nie jemand verstehen wird, vor allem nicht jemand, der – unabsichtlich oder nicht – allen Ernstes damit rechnet, in genau dieser Umgebung auf den wahrheitsgemäßen Grund der Ereignisse stoßen zu wollen.

Hier zeugt nichts von Wahrheit, hier fühlt es sich nach Gestapo an. Und SS.

Was wäre, wenn er in Isolationshaft gesessen hätte, in diesem einem bestialischen Raum in Block 11 in Birkenau, von dem er nur gehört hat? Dann würde er hier wahrscheinlich nie dazu fähig sein, zwei kurze Worte ordentlich aneinander zu reihen, um sich halbwegs verständlich zu machen.

Hatten andere Menschen auch so große Scheu davor, in dieser Ungemütlichkeit zu ihrer Stimme zurück zu finden?    

Der Österreicher räuspert den dicken kratzenden Kloß in seiner Kehle hinfort und antwortet.

„Ja.“

Das klang nicht besonders sicher. Doch der junge Mann an der Tischseite gegenüber hat sein aufmunterndes Lächeln nicht fallen gelassen. Weder erscheint er ungeduldig, noch scharf darauf, es endlich hinter sich zu bringen. Vielleicht hat er viel Erfahrung mit Menschen, die erst nicht reden können und später nicht mehr aufhören wollen?

Nicht gedrängt zu werden, Zeit zu haben, ist ermutigend auf eine eigenartig befreiende Weise.

Als Roderich dennoch keine Gestalten macht, seiner kleinen Erwiderung noch etwas anzufügen, fragt der Soldat ruhig nach, während er den Stift in seine Hand nimmt und den Zivilisten mit festen Blick erwartungsvoll anschaut:

„Worüber?“

„Über....“, Roderich schluckt und merkt, dass er zu schnell gewesen ist, dass er nicht über dieses eine Wort hinaus kommt, dass es unmöglich ist, weiter zu sprechen, was, wenn ihm nicht geglaubt wird? Keiner der westlichen Alliierten hat je auch nur einen Fuß in die Vernichtungslager gesetzt! Was, wenn er in dem Gesicht des Anderen zwar interessierte Aufnahmebereitschaft und ein geschäftiges Nicken findet, in dem unterschwellig aber nichts als eine gleichgültige Abart von „Wir nehmen das auf, kümmern uns so gut es geht darum, aber erwarten Sie ja nicht zuviel, denn wie Sie sehen, haben wir eine ganze Menge andere Dinge, um die wir uns kümmern müssen“ mitschwingt?

Er muss.

Er muss über seinen Schatten springen. Auch wenn er dabei an seinen fürchterlichen Erinnerungen und neu aufkeimenden Ängsten erstickt.

In den Zeitungen hat er nur ein einzigs Mal, nur am Rande, von Mengele gelesen. Mit diesem Schweigen, dem Nichtvorhandensein dieses Namens im kollektiven Gedächtnis des deutschen Volkes muss er brechen. Selbst wenn seine Erinnerung keinen Nutzen hat und nur das allerkleinste Stück eines riesigen Flickenteppichs aus Leiden und Morden ist. Das ist er sich selber schuldig und all jenen die gestorben sind, die nicht mehr erzählen können....und Elizaveta. Er ist es hauptsächlich ihr schuldig, vor allen anderen.

Mittlerweile versucht er ein drittes Mal, anzufangen zu sprechen und auf einmal überkommt ihn eine Idee, die so simpel ist, dass er sich beinahe schämt, sie nicht schon früher gehabt zu haben. Er zieht den Ärmel seines Hemdes nach oben, streckt den Unterarm nach vorne und da ist sie: die Wahrheit. Der Beweis für seine Geschichte. Und plötzlich ist alles ganz einfach, plötzlich geht es unvermittelt schnell. Mit brüchiger, aber vollkommen klarer Stimme ergänzt er seinen, vor scheinbar einer halben Ewigkeit so voreilig abgebrochenen Satz, um eine inhaltsreiche Aussage mehr, „...über meine Schutzhaft in Auschwitz-Birkenau.“

Und das erste Mal starrt er nicht neben seinen Arm in die Luft, wie er es sonst immer getan hat, wann immer er gezwungen war, dieses Menetekel des Überlebens vor zu zeigen, sondern fährt mit den Augen die krakelig in die Haut gemalten Höllenzahlen nach, während der Soldat vor ihm beginnt, sich erste Aufzeichnungen über seinen Fall zu machen.

Was so stockend angefangen hat, wird fließender und intensiver. Liegt das an Roderich, der sich während des Gesprächs sichtbar entspannt, oder dem einfühlsamen Mann vor ihm, der genau zu wissen scheint, wann er schweigen und auf eine Antwort warten sollte und wann er eingreifen und sein Gegenüber mit vorsichtigen, unmerklichen Druck wieder auf die eigentliche Sache zurückbringen soll?

Es gibt so viel zu erzählen, so unglaublich viel.

Nach fast drei Stunden ist es vollbracht. Erschöpft, aber zufrieden lehnt sich der Musiker in seinem Stuhl zurück, intensiv überlegend, ob ihm noch etwas einfällt, ob er noch etwas vergessen hat in der langen Linie von Tätern und ihren Opfern.

Der Soldat liest sich sorgfältig die letzten Sätze durch, hebt dann den Kopf und nickt kurz.

„Gibt es sonst noch etwas? Jede Kleinigkeit über die Angehörigen des Lagerpersonals ist äußerst hilfreich, jedes Ihnen vielleicht noch so unwichtig erscheinende Detail könnte bei der Fahnung von Nutzen sein. Körperliche Merkmale, charakterliche Züge, vor allem aber Aussehen, Größe, Statur.....“, die Aufzählung des Soldaten verliert sich ins Nichts als er sich sicher sein kann, dass er seinen Punkt klar gemacht hat.  

Einen kleinen Augenblick ist es ruhig. Ein Zustand, der sich seltsam ausnimmt im Gegensatz zu dem von Reden geprägten Momenten von vorher.

Roderich schweigt. Starrt mit formlos wandernden Augen auf die Oberfläche des Tisches, während in seinem Geist völlig konkrete Satz- und Namensausformungen als stille Echos durch seine Gedanken hallen.

Gilbert Beilschmidt. S c h a r f ü h r e r Gilbert Beilschmidt, medizinischer Assistent von Hauptsturmführer Dr. Mengele.

Einige wenige Sekunden macht er den Anschein, als ob er überlegen müsste. Dann hebt er seinen Kopf und schüttelt ihn verneinend, mit festen, sicheren Blick. Vor seinen Augen Ivans merkwürdiger Blick und darin liegend eine Art flehentliches Aufflackern, als er vogestern Mengeles genauen Dienstrang von Gilbert in Erfahrung gebracht hat und danach den Russen niedergebeugt am Tisch hat sitzen sehen, als ob ihm sein Todesurteil verkündet worden wäre.

Er hat seine Aussage geleistet, der Treue seiner Herkunft, seiner Frau gegenüber und dem wiederkehrenden Glauben an die Menschheit ist damit Genüge getan.

Die Treue zur Familie wird er nicht antasten. Nicht, weil er es nicht kann oder sollte, sondern weil er es nicht will.


Untreue
Durch die geschlossene Wohnzimmertür kann Gilbert Roderich im Flur kichern hören.

Kichern.

Die sonst so ruhige, mit einem leichten Wiener Akzent in den Untertönen behaftete Stimme hat sich zu koboldhaften Lauten verzerrt. Genau diese raren Laute sind es, die Gilbert aus seinem seichten, ungeplanten Nachmittagsschlummer in die Realität zurück bringen. Unsicher richtet er sich auf und reibt sich schlaftrunken die Augen.

Da...wieder dieses Kichern. Perplex starrt Gilbert in Richtung Tür, als könne er allein durch die Kraft seines Willens durch sie hindurch sehen. Das funktioniert erwartungsgemäß nicht.

Eine zweite Stimme – die Ivans, mit fröhlich beschwingten Drang zu erheitern hinter seinen Worten - gesellt sich zu dem merkwürdigen Wust an Tönen und dann sogar noch eine dritte, völlig unbekannte, sehr kindliche.

Als dann noch ein leise klägliches Wimmern einsetzt und er ungefähr zehn Sekunden zu lang überlegen muss, um endlich zu dem Schluß zu gelangen, dass diese Geräusche höchstwahrscheinlich von einem Baby stammen – wenn die beiden da draußen nicht ein Tier quälen, was allen Ernstes für ihn eine erwägenswerte zweite Option scheint – steht er auf und wandert neugierig Richtung Flur, um die Quelle all dieser Absurditäten ausfindig zu machen.

Vielleicht träumt er ja noch?  

Schnell öffnet er die Tür und sieht sich mit einem Anblick konfrontiert, den er so noch nicht erlebt hat. Entgeistert starrt er mit leicht geöffneten Mund auf die Szenerie, die sich ihm bietet.  

Roderich hat ein kleines Bündel aus graublauen Decken im Arm, unter denen sich ein unruhiges, kleines rosa Menschenkind windet und mit den Händen auf und ab rudert. Das Gesicht der zarten Kreatur verzerrt sich zu einer kleinen stummen Grimasse, als ob sie anfangen wollte, kräftig zu schreien, aber der braunhaarige Mann schaukelt das Paket in seiner Obhut sanft nach links und rechts, während er es mit beruhigenden Sch-Lauten einzulullen versucht. Offenbar ist das genau die Zauberformel, denn weder fängt das Baby an zu schreien, noch verlängert es sein stockendes Wimmern. Es beruhigt sich langsam und schließt die Augen.

Roderich lächelt und bemerkt Gilbert in der Tür stehen. Leise flüstert er: „Ohh, Gilbert schau, wir haben Gäste!“

Dann tritt er einen Schritt auf den Preußen zu und präsentiert stolz, was in seinen Armen liegt. Mit leuchtenden Augen, als wäre er persönlich die Mutter des Kindes, fragt er in einem komischen, viel zu hohen Singsang: „Ist das nicht allerliebst?“

Gilbert bewegt sich keinen einzigen Zentimeter von der Stelle weg. Ungerührt blickt er das Kind in einer Mischung aus Unverständnis und Gleichgültigkeit an. Mit dem sicheren Wissen, dass Lügen in dieser Situation wohl schlechtweg unangebracht wäre, kommentiert er stattdessen die Frage mit einem langgezogenen „Ähh...“ aus seinem Mund, weil er an dem atmenden Miniwesen in Roderichs Armen nicht im mindesten etwas „allerliebst“ finden kann.

„Das ist mein kleiner Bruder....“, wird er von einer altklugen Kinderstimme zu seiner Linken erleuchtet. Ruckartig wendet er den Kopf zur Seite und sieht Ivan auf dem Boden hocken, der mit konzentrierten Blick die Haare eines Mädchens zu Zöpfen flechtet. Und nicht nur irgendeines Mädchens, sondern des dunkelhaarigen Mädchens, deren neugieriges Gesicht ihm sonderbar bekannt vorkommt.....wo war das noch, wo er sie gesehen hat, wenn auch nur für einige Sekunden...ohhh, jaaa, aber natürlich! Sie kommt aus der Wohnung des Mannes, der ihn letztens so unhöflich nach seiner Vergangenheit gefragt hat.

Na, fantastisch. Der Feind in den eigenen vier Wänden. Und diese zwei gutgläubigen Naivlinge lassen sich von den Kindern um den kleinen Fingern wickeln.

Noch ehe sich Gilbert auf seine eigene Weise dazu äußern kann, ist Roderich erneut einen Schritt näher – wenn das überhaupt möglich ist – auf ihn zugetreten und hat das Ding in seinen Armen noch ein Stück dichter zu ihm hingehalten: „Hihihi, schau mal die kleinen Finger..“

Der Mann in der Tür schaut nicht auf die kleinen Finger, die sein Gegenüber ihm vorsichtig auf seiner Hand präsentiert und die er auch durchaus von einer größeren Entfernung hat sehen können, sondern er fixiert lieber mit einem ziemlich durchdringenden Blick den Österreicher selber, der schon wieder dieses Kichern hervor gebracht hat, welches absolut nicht zu ihm passt.

Aber er will nicht mit spöttischen Hänseleien anfangen, weil ein Kind anwesend ist und was, wenn sich Roderich so sehr darüber ärgert, dass er dabei das Baby fallen lässt? Wütende Mütter können sehr furchterregend sein, er weiß das aus Erfahrung.  

Außerdem hat er dringendere Angelegenheiten zu klären. Wenn sich die Gunst der Stunde gerade so hervorragend zu seinem Vorteil entwickelt, warum sie nicht nutzen?

Stirnrunzelnd rückt er einen großen Schritt von Roderich weg, der immer noch ganz fasziniert den Greif-Reflex der kleinen Fingerchen austestet, der seine Augen gar nicht mehr von dem Winzling an seiner Brust lassen kann.

„Hast du nicht auch einen großen Bruder?“ fragt er das Mädchen, dabei versuchend möglichst unbedarft zu klingen. Er kann absolut nicht abschätzen, wie alt sie ist, vielleicht acht, oder neun? Merkwürdig. Früher konnte er das bis auf das Jahr genau. Nie hat er bei Ludwigs Freun...bei den Kindern, in dessen Gesellschaft er Ludwig des öfteren angetroffen hat, falsch gelegen.

Sie nickt vorsichtig, will mit ihrer Bewegung Ivans fast fertiges Flechtwerk nicht zerstören und antwortet so ehrlich, wie es nur ein Kind imstande ist: „Ja, der war im Krieg und ist gerade erst wieder gekommen.“  

Sie unterbricht sich, schluckt und fängt an, mit fahrigen Bewegungen ihre Hände um einander zu winden. Dann lächelt sie und fährt fort mit einem Thema, das ihr offenbar darüber hinaus auch noch sehr auf dem Herzen liegt: „Mein Papa war auch im Krieg, aber der ist noch nicht wieder da....“

„Ihr wartet noch, nicht wahr?“ hilft Ivan ihr fast sofort aus in ihrem Mangel an weiteren Worten, während er mit sanften Handgriffen immer wieder Strähne für Strähne zu der Mitte des Zopfes angelt. Er ist fast ganz unten angekommen und was er fabriziert, kann sich sehen lassen, er ist wirklich gut. Dieses Detail wird dem darüber leicht irritierten weißhaarigen Mann in Erinnerung bleiben, jetzt jedoch rückt er es erst einmal auf den Boden seiner Wahrnehmung.

Das Mädchen atmet tief, aber hastig ein und nickt dabei mit ernsten Gesicht.

„Na da wird sich Papa, wenn er zurück kommt, bestimmt freuen, dass die Familie auch ohne sein Zutun weiter gewachsen ist..“ kommentiert Gilbert süffisant grinsend, mit einem absichtlich heiter-ironische Unterton, den nur die beiden anderen anwesenden Erwachsenen wirklich verstehen.

Beide unterbrechen sich in ihrer Tätigkeit abrupt und werfen dem Mann an der Tür ensetzte und peinlich berührte Blicke zu. In dem einen Augenpaar schwimmt etwas mehr an Vorwurf mit, während das andere vor blitzender Warnung, dieses Thema nur ja nicht vor einem Kind zu erörtern, zu kleinen Schlitzen verzogen wurde.

Das kleine Mädchen mag jung sein, aber es ist nicht dumm. Sie kann die abrupt erstarrte Atmosphäre um sich herum zwar nicht lesen, aber fühlt, dass sich eine Veränderung zugetragen hat, an der nur Gilbert Schuld ist. Vorher war sie das Zentrum der Aufmerksamkeit, jetzt ist es der komische dünne Mann mit den hellen Haaren und den sie belustigt anstarrenden Augen.
Deshalb geht sie zum Gegenangriff über mit all den beschränkten Mitteln und Informationen, die ihr zur Verfügung stehen: „Mein Bruder hat gesagt, du warst auch im Krieg!“

Die funkelnden Augen des Mannes verlieren ihren spöttischen Charakter und werden zu dunkel lodernden Murmeln.

Hat er das...?“ knurrt Gilbert langsam, als würde er die Worte einzeln abwägen wollen, vor sich her, nicht als Gegenfrage gemeint, sondern als erste Speerspitze eines ganzen Arsenals von Gegenoffensiven, deren wüste Erscheinungs- und Ausdrucksgestalten ihre letzte, improvisierte Form in seinem Kopf finden, bevor er sie ungeschliffen und selbstvergessen seinem minderjährigen Gegenüber ins Gesicht schleudern will.

Das Problem ist in diesem Augenblick, dass man ihn gereizt hat. Und das er sich nicht vorstellen kann, wie beängstigend es sein kann, wenn ein Erwachsener mit voller Wucht ein Kind anfährt, dass er sich im Gegenteil auf die Ebene dieses Mädchens gestellt sieht und ihr einfach nur Parole geben will. Nicht zur Einschüchterung, nicht, um zu zeigen, wer der Stärkere ist, sondern aus purer Rechthaberei einem spitzfindigen, ihn ärgerlich machenden Menschenwesen gegenüber.

Doch dazu kommt es nicht mehr.

Viel lauter, als es nötig ist – sogar so, dass sie alle ziemlich grob aufschrecken – wirft Ivan in den aufbrodelnden Sturm ein, „Soooo. Fertig.“ und nimmt Gilbert damit allen kräftig aufgestauten Wind aus den Segeln.

Das Mädchen bricht den Blickkontakt zu dem Preußen, dreht sich freudestrahlend herum und nimmt eines der fest geflochtenen Zöpfe in die Hand, auf dem es prüfend herum tastet.    

„Ooohh, so eine hübsche junge Dame!“ süßholzraspelt Roderich bei ihren Anblick und legt lächelnd den Kopf zur Seite.

Die Angesprochene kichert über das Kompliment, vollführt in seine Richtung einen ungelenken kleinen Knicks und ohne Gilbert eines weiteren Blickes zu würdigen, reißt sie ihre Arme auseinander und umarmt Ivan, der noch immer in der Hocke kniet.

„Vielen Dank, Onkel Ivan.“

Der Mann ist völlig überrascht von der plötzlichen, mehr als freundlichen Zuneigung und der überschwänglichen Art des Dankes, er balanciert sich unsicher auf den Füßen und hat einige Mühe, nicht nach hinten umzufallen.

Mit dünnen Armen schlingt sich die Kleine, während sie redet, noch fester um den Hals des Mannes und kuschelt sich an seine Brust.

Ivan hebt unsicher die Arme in die Höhe - was ziemlich drollig aussieht - die erst eine Weile in der Luft herum hängen, bis er sich entscheidet, sie nicht besonders fest, doch gutmeinend um das Mädchen zu legen.

Ein Zug glücklicher Ergriffenheit legt sich um seinen Mund und einige Sekunden später hebt er seine Augen und strahlt die beiden anderen Männer aus vollen Zügen an.

Gilbert fühlt bei diesem Anblick einen tiefen Stich durch seine Eingeweide gehen. Von Eifersucht – was selbst für seine Maßstäbe völlig lächerlich ist - und noch etwas anderem, was er nicht exakt entziffern kann.

Bedauern? Reue?  


***

Nachdem ihn Ivan darüber aufgeklärt hat, dass die Mutter der zwei Kinder in seinem Nachmittagskurs sitzt und des öfteren von den beiden abgeholt wird, ist Gilbert immer noch nicht ganz klar, wieso er dann zwar ihre Nachkommenschaft in seiner Wohnung angetroffen hat, aber nicht sie selber, die längst wieder in ihre Wohnung gelaufen ist, um sich der Zubereitung des Abendbrotes zu widmen.

An dieser Stelle der Geschichte kommt dann Roderich ins Spiel. Der mit Versprechungen von Keksen und Schokoladenstücken das Mädchen zielstrebig in ihre Wohnung geführt und ihr den kleinen Bruder aus den Händen gewunden hat: eine merkwürdig magere Gestalt, die unschuldige Kinderseelen mit Süßigkeiten in ihr Hexenhaus lockt, schlimmer noch, ein sich komisch verhaltender, zurückgezogen lebender Mann – ein Musiker, ein Künstler -  der mit anderen Männern zusammen lebt!! Herrje. Wenn Gilbert zur Zeit eines nicht gebrauchen kann, dann ist es die Aufmerksamkeit der Nachbarn und anderer fremder Menschen, die sich miteinander in den lächerlichsten Gerüchten ergehen und womöglich noch auf die Idee kommen, die Amerikaner auf das groteske Dreiergespann aufmerksam zu machen.

Aber wie soll er das Ivan und Roderich beibringen, die noch eine halbe Stunde nachdem das Mädchen mit ihrem Bruder wieder zur Mutter zurück gegangen ist, ein Leuchten auf ihren Gesichtern haben, als hätten sie eine Erscheinung göttlichsten Ausmaßes gehabt und ungebrochen gutgelaunt in der Küche herum scherzen.

Gilbert steht im Flur an die Wand gelehnt – eine Armlänge von der Küchentür entfernt - und lauscht mit geschlossen Augen den heiteren Stimmen. Eine ganze Weile.

Ihre ungezwungene Fröhlichkeit tut gut. Er kann sich davon ein Stückchen abknappsen, es in seiner Erinnerung konservieren und in schlechten Zeiten davon zehren. Was ist an Kindern, dass sie Erwachsene sich so verhalten lassen? Ist es ihre Unschuld? Ihre Ehrlichkeit oder ihre Schutzbedürftigkeit?

Hat er sich früher von jüngeren Menschen je so beeinflussen lassen?

Er kann sich nicht daran erinnern.  

Ludwig hat ihm nie einen Grund gegeben wegen seiner treuherzigen Kindlichkeit zu einem flauschigen Stoffball, der hochfrequentierte Katzenlaute ausstößt, zu mutieren. Ludwig war immer schon zu ernst und zu erwachsen gewesen für sein Alter, hatte viel zu früh eine geistige Reife erreicht, die seine eigene bisweilen um Längen übertraf.

Ist, korrigiert sich Gilbert im Kopf hastig selber und möchte sich am liebsten eine Ohrfeige geben, als er seinen Fehler bemerkt, er ist sehr viel erwachsener als viele andere Männer seines Alters, selbst heute noch.

Wann zum Teufel hat er angefangen von seinem Bruder in der Vergangenheitsform zu denken?

Oder war das eben das erste Mal?


***

Es ist Abend geworden und Roderich ist schon sehr früh in die andere Wohnung gegangen, um ein neues Stück zu proben. Offenkundig hat er an einer bestimmten Stelle ziemliche Probleme damit, den abrupten Stellungswechsel seiner Finger richtig auszuführen, denn er bricht immer nach der gleichen Tonfolge wieder ab und versucht es erneut.

Dem ewig gleich abgebrochenen Rhythmus nie vollständig bis zum Ende hören zu können ist nach einer gewissen Weile etwas entnervend. Also blickt Gilbert aus der Luft, in die er gestarrt hatte zu Ivan, der konzentriert vor einem englischen Buch sitzt und in regelmäßiger Abfolge einige Zeilen daraus auf ein Übungspapier schreibt.

„Ich wusste gar nicht, dass du Kinder so sehr magst...“ bemerkt er trocken, mit einem leichten Unterton von Anklage in der Stimme, von der er nachher nicht mehr genau sagen kann, wie diese klägliche Nuance eigentlich dort hinein gekommen ist.  

Ivan hebt den Kopf, starrt den Anderen verwirrt an und muss sich erst sammeln.

„Mögen??“

Er lehnt sich nachdenklich in seinen Stuhl zurück, um innerlich zu prüfen, ob stimmt, was ihm scheinbar zum Vorwurf gemacht worden ist.

Einen Augenblick später nickt er und blickt Gilbert lächelnd an: „Naja....ja, doch, ich glaube schon. Du musst doch selber zugeben, die Kleine war süß mit ihren Schleifen in den Haaren. Und das Baby...“, Ivans Lächeln wird noch breiter bei der Erinnerung an das krähende Bündel Mensch, „ich wollte es zuerst halten, aber Roderich war schneller und hat es dann später nicht mehr aus den Händen gegeben. Aber beim nächsten Mal bin ich der erste...“

Ganz genau saugt Gilbert die Wellen der kitzelnden Freude ein, die über das Gesicht seines Gegenübers strömen, während er sich an den wilkommenen Besuch von vor ein paar Stunden erinnert. Etwas stört ihn daran, nagt mit spitzen Zähnen in seinem Innern, aber er kann es nicht richtig fassen. Noch weniger in einen greifbaren Gedanken verwandeln, geschweige denn in Worte umformen.

Also lässt er reflexhaft das erste aus sich heraus sprudeln, was ihm vom Sinn in den Mund springt und von dort über seine Zunge in die Welt hinaus entrollt. Belustigt klingt es, obwohl ein großer Ernst dahinter steckt.

„Tja...uhmm..tut mir wirklich leid, deine Illusionen kaputt zu machen, aber du weißt, dass uns so etwas nie passieren wird?! Wenn es dir entfallen sein sollte, ich bin zufälligerweise auch ein Mann und....“

Ivans Augen sind mit jeden von Gilberts Worten immer größer geworden, genauso wie seine Mundwinkel immer breiter, er lässt den Anderen nicht zu Ende kommen, sondern lacht in voller Laustärke auf, erhebt sich von seinem Stuhl und setzt sich dicht neben ihn hin. Zerschlägt mit der Intensität und Offenheit dieser spontanen Geste das absurde nagende Gefühl, was sein Gegenüber beschlichen hatte.  

Mit einem zweideutigen Grinsen, was offensichtlich einer momentanen höchst irdischen Lustempfindung entspringt, prophezeit er neckend: „Ach Gilbert. Wir müssen es nur oft genug probieren, dann klappt es bestimmt!“



Verrat
In dieser Nacht suchen ihn wirr zusammen gewürfelte Sequenzen aus alten Tagen heim.

Unbekannte Kinder, die Ludwig hänseln, ihn damit aufziehen, dass er einen jüdischen Onkel hat, dass er kein Mitglied der Hitlerjugend ist. Ihm nach der Schule regelrecht auflauern, ihn hetzend nach Hause jagen, ihn dann abfangen, einen Kreis um ihn bilden, aus dem es kein Entkommen kommt. Immer näher rücken und ihm weh tun wollen, ihm sehr sehr weh wollen, wenn nicht Gilbert im allerletzten Augenblick aus der Haustür gelaufen kommen und seinen kleinen Bruder zu Hilfe eilen würde: mit unbeschreiblichen Schimpfwörtern die Meute an zumeist älteren Jungen verjagend, die zu allen Seiten entfleuchen und Ludwig am Boden liegend zurück lassen, kochend vor Wut, fest entschlossen bei der nächsten Gelegenheit einen von ihnen anständig zu verprügeln, so hart, dass er sich danach besser fühlt.

Das Bild der aus einander stobenden Kinder verschwimmt und nur das elemenarste bleibt zurück: die unbeschreibliche Wut.

Er kann sie fühlen, heiß in seinem Innern, vor seinen Augen. Alles dreht sich, er selber dreht sich, er bewegt sich, er liegt auf jemanden. Krallt sich so tief in die Haut der Arme vor ihm, dass es bluten müsste. Dunkelheit. Feuchter heißer Schweiß auf seinem Körper, seinem Rücken, nichts was wichtig ist, denn er bewegt sich auf und ab, stößt nach Vorne, tiefer und tiefer in den Körper vor ihm, bis es zwischen all dem Keuchen und Stöhnen einen Laut gibt, ein brüchiger Versuch der Artikulation, der sich als gebrochenes Flüstern seines Namens heraus stellt und er kennt diese Stimme, sie ist ihm vertraut und er stoppt abrupt in seinen brutalen Bewegungen und reißt die Augen aus als ihm endlich einfällt wer ihr Träger ist: Ludwig.

Und noch ehe er versuchen kann, sich zu erklären, worin er hier hinein geraten ist, verschwimmt seine Wahrnehmung erneut und auf einmal hält er den leblosen Körper des Blonden in seinen Armen, so fürsorglich wie er selber einmal gehalten worden ist, von einer älteren Frau in einem Lazarett vor Äonen-momenten an Zeit. Vorsichtig rüttelt er an den Schultern seines Bruders, versucht ihn aufzuwecken, ihm zu sagen, dass es Zeit ist aufzustehen und zur Schule zu gehen, obwohl er doch einen erwachsenen Mann in den Händen hält, kein Kind mehr.

Ludwig wacht nicht auf. Immer wieder greifen seine Hände nach den Armen, nach dem Gesicht, klatschen ihn auf die Wangen, schlagen am Ende blindwütig auf ihn ein, aber der Mann wacht nicht auf. Stattdessen fängt aus tausend kleinen Wunden – die vorher nicht da waren, Gilbert könnte schwören, sie waren vorher noch nicht da – an, rotes Blut hervor zu sickern und der Preuße versucht blindwütig vor Verzweiflung seine Hände auf die Verletzungen zu zwängen und die rote Flüssigkeit aufzuhalten, aber es sind zu viele, viel zu viele.....er kann nicht, er schafft es nicht und er ertrinkt in dem Blut, welches sich auf seine Beine ergießt und an seinen Armen kleben bleibt. Er ertrinkt in Ludwigs Blut.

Ludwig...

Ludwig, der tot ist..


***

Klatschnaß schreckt Gilbert aus seinen Träumen hoch. Seine erhitzten Wangen sind großflächig mit Feuchtigkeit benetzt und das ist kein Schweiß.

Die Bilder von eben tanzen noch vor ihm, als wären sie real, als hätte er sie gerade erst erlebt und nicht nur in seinem Bewusstsein vorgespielt bekommen.  

Er hat geträumt, Ludwig wäre tot, das allererste Mal hat er geträumt, dass sein kleiner Bruder gestorben wäre. Ist das ein Omen? Ein überirdischer Versuch ihm anzudeuten, auf was er sich einstellen muss, was er endlich akzeptieren sollte?

Nein....das kann nicht sein. Allein so etwas unmögliches auch nur zu denken, kommt ihm wie Verrat vor.

Unruhig wälzt sich Gilbert auf die Seite, wischt den Schweiß auf seinem Rücken an der Matratze ab und versucht sich so hinzulegen, dass es einigermaßen bequem ist. Tief atmet er aus und versucht zur Ruhe zu kommen, während er die surrealen Bilder des Traums mit aller Gewalt aus seinen Gedanken verdrängt. Ein immer noch ziemlich unangenehmer feuchter Film bedeckt seine Arme und Beine, auch an den Schultern kratzt die salzige Flüssigkeit stechend auf seiner Haut.

Schweiß auf seinem Rücken, dieses unangenehme Gefühl ist nicht besonders fremd, aber wo hat er es schon einmal.... jählings reißt er seine Augen auf und schlägt sich die Hand vor seinen Mund, die gerade noch rechtzeitig eingesetzt wird, um das laute erschrockene Keuchen zu verbergen, welches daraus entfährt. Er setzt sich hastig auf, in seinen starren Pupillen ein infernalisches Leuchtfeuer aus abrupt aufgekommener Erinnerung und damit einher gehenden Schocks, der ihn mit seiner drastischen Schärfe beinahe lähmt.

Der schon fast in die Tiefen der Nichtbeachtung gesunkene Mittelteil seines Traums erhebt sich zu neu blendender Wirklichkeit. Nicht er war auf Ludwig, sondern es war anders herum gewesen. Ludwig war auf ihm gewesen, in ihm.  

Wie hatte es so weit kommen können? Wie hatte er das vergessen können?

Was hatte er seinem kleinen Bruder angetan, dass das passiert war. Zu was hatte er ihn getrieben?


***

Am morgen sitzen sie wie üblich beim Frühstück zusammen.

Gilbert kommt ebenfalls verspätet dazu, mit dunklen Augenringen und offensichtlich so schlechter Laune, dass die anderen beiden ihn wohlweislich in Ruhe lassen.

Misstrauisch fängt er an, Roderich zu beäugen, weil ihm noch etwas anderes eingefallen ist und weil ihm dieses „Etwas“ keine Ruhe gelassen hat. Weil er noch nicht das ganze Bild besitzt und er darauf besteht, chronologischen und vor allen vollständigen Überblick über die Geschehnisse zu erlangen. Koste es, was es wolle.

Allerdings – und auch das ist ihm bewusst – kann er nicht mit aller brachialer Kraft drauf los stürzen. Nicht, dass es in einem Fiasko endet, wie das letzte Mal im Lager, wo er sich gegenüber Roderich, möglicherweise ungerechtfertigt und zu vorschnell, in zu phantastischen Mutmaßungen ergangen ist.

Also langsam und mit viel Feingefühl. Oder – bezogen auf sein spezielles Naturell - zumindest mit weniger Härte.

„Saaaag mal, Rodrich.....als du das letzte Mal hier warst, war Ludwig da irgendwie komisch in seinem Verhalten, hast du irgend was bemerkt, was nicht zu ihm gepasst hat?“

Roderich wendet ihm das Gesicht zu, im hohen Maße irritiert von dem sensiblen Inhalt seiner Frage, die aus dem Nichts – oder der völlig willkürlichen Auswahl an Themen, die ständig griffbereit im Geist des Preußen herum zu fliegen scheinen – zu kommen scheint. Er runzelt mit der Stirn und schüttelt beinahe sofort mit dem Kopf.

„Du meinst, außer dass er vor Sorge um dich fast wahnsinnig geworden ist? Nein...ich glaube mich an nichts dergleichen zu erinnern...nicht, dass ich wüßte, oder es mir aufgefallen wäre.“

Gilbert nimmt das mit einem halben Nicken zur Kenntnis, die Züge in seinem Gesicht verhärtet, vor allem aber enttäuscht über diese nichtssagende Antwort. Und entschlossen.

Er findet es schon noch raus. Warum Ludwig ihm so einen Akt aufgezwungen hat und wer genau daran Schuld ist.  



Wegschluß
Dieses Mal hat er den Weihnachtsschmuck auf Anhieb gefunden. Aber nur weil Roderich seinen höchstpersönlichen Beitrag dazu geleistet und den Karton aus dem Innenleben des Schrankes auf den Tisch befördert hat. Woher der Mann nach all den Jahren noch weiß, wo genau er in der Beilschmidt-Wohnng danach suchen musste, ist Gilbert ein echtes Rätsel.

Roderich ist es auch, der in einem kleinen Blumenladen ein paar duftende grüne Tannenzweige ersteht und sie in die Stube stellt, an genau denselben Platz, an dem auch frühere Nadelstücke aufgestellt wurden. Er zeigt echte Initiative und vorweihnachtliche Schaffenskraft dort, wo es bei seinen Mitbwohnern entweder an Eifer oder an Wissen mangelt.

Am 21. Dezember ist es soweit. Unter leichten, gutmütig nörgelnden Druck werden die zwei anderen, offenkundig etwas unwilligen Männer von dem Österreicher vom Frühstückstisch ins Wohnzimmer hinein gescheucht und zum Schmücken ermuntert. Ivan – der die zarten Holzfiguren und Glaskugeln mit spitzen Fingern anfasst als wären glühend heiß - ist diese Tradition, ist Weihnachten generell, wie es hier in diesem Land begangen wird, eigentlich gänzlich fremd. Neugierig beobachtet er die zwei Deutschen, wie sie in aller Ruhe die Zweige mit dem Schmuck behängen, imitiert dann ihr Verhalten, aber findet nicht wirklich ein logisches Muster darin. Ein ums andere Mal korrigiert Roderich den Platz seiner Wahl noch ein Stück nach hinten oder nach unten und das ist für Ivan nun gänzlich verwirrend. Wird hier nach Regeln geschmückt oder nach Gutdünken?

Vorsichtshalber beendet er den ersten Versuch an dieser christlichen Tradition teilzunehmen und stellt sich als Assistent zur Verfügung, der die anderen beiden mit immer neuen Schmuckutensilien bestückt.

Wahllos greift Gilbert nach allem, was ihm hilfreicherweise von dem Russen hingehalten wird und hängt es genau dort auf, wo es ihm in den Sinn kommt. Er ist die ganze Zeit über eigentümlich still und lässt sich auch nicht von Roderichs ausholenden Instruktionen über den üblichen Ablauf des familiären Weihnachtsgeschehens aus der Reserve locken, denen Ivan jedoch mit angespannter Miene lauscht und sich am liebsten dabei Notizen machen würde, um nichts zu vergessen.

Gilbert seufzt unterdrückt. Schwermütig. Eigentlich hat er gar keine Lust auf die kommenden Festtage. Es macht ihm das Herz schwer, aber es ist Ivans erstes Weihnachten. Und da er sich – was er peinlicherweise nicht umhin kommt sich selber im stillem immer wieder eingestehen zu müssen -  noch nicht getraut hat, nach dem Verbleib der Familie seines Freundes zu fragen, will er ihm wenigstens ein würdiges erstes Weihnachtsfest im Kreis der Menschen bereiten, die ihm nun eine zweite Familie geworden sind.

Weil Ivan – hat er es erst einmal am Boden der Kiste entdeckt - mit beinahe kindlicher Begeisterung am Lametta kleben bleibt, es quasi gar nicht mehr aus den Händen geben will, darf er zu allerletzt unter liebevoller Anleitung des braunhaarigen Oberputzmeisters die dünnen Fäden auf die Zweige hängen und fasziniert dabei zusehen, wie sie durch einen Luftzug oder ein kurzes Anstubsen elegant hin und herwedeln.

Nach getaner Arbeit stehen sie vor dem Prachtstück aus silbernen, bunten und hauptsächlich grünen Materialien und begutachten ihr Werk. Roderich nickt zufrieden und klopft Ivan auf die Schulter, der sich sich fühlt, als ob er einen Preis von enormer Wichtigkeit gewonnen hätte.

Mit seichten Grinsen beobachtet Gilbert die anderen beiden Männer und lässt – seine Schritte bewegen sich wie magisch angezogen fast automatisch zum Fenster hin – fast sofort seine Mundwinkel nach unten fallen, als er sicher sein kann, dass die anderen ihn dabei nicht erwischen.

Wenn es nur schon vorbei wäre. Er kann den leeren Stuhl am Tisch schon so nicht ertragen, aber zu Weihnachten wächst die Leerstelle über alle Erträglichkeit hinaus und wird zu einem stummen, fast nicht zu erduldenden Martyrium.



Xenokratie
Europa erlebt das erste Weihnachtsfest ohne Krieg. Nach sechs zerrütteten, leidgeschüttelten, endlosen Jahren.

Wie viele hundertausende Herzen haben sich danach gesehnt?

Sie sollten glücklich sein, dass sie noch leben.

Sie sollten lachen. Und fröhlich sein.

Sie sollten in ihrer besten Kleidung um den Tisch herum sitzen und sich gegenseitig die Schüsseln mit Bohnen, Rotkraut und Klößen reichen. Sollten dankbar sein, in ihrer Mitte einen so guten Koch zu haben. Sollten dankbar sein für das saftige Fleisch, welches wirklich zum allerbesten Zeitpunkt aus der Gluthitze des Ofens genommen wurde und danach noch ein paar Minuten im eigenen Saft weitergegart hat.

Das sind sie auch. Alles. Und sogar noch ein wenig mehr: Sie drängen Roderich dazu, ein paar Stücke auf der Geige vorzutragen, in deren ästhetische Tiefe sie auf dem Sofa sitzend stillschweigend eintauchen und sich beinahe in ihren Erinnerungen verlieren, wenn die sie wegtragende Musik nicht irgendwann später wieder enden würde.

Sie tauschen untereinander Geschenke aus – kleine witzige Gegenstände, die eigentlich niemand braucht, aber die immer gut für einen Lacher sind - spielen neben dem ordentlich geschmückten Tannenzweigen Karten und lassen diesen besonderen Familienabend mit einem Abendspaziergang und einem Glühwein bei Kerzenschein besinnlich ausklingen.  

Wer sieht schon den trüben Schleier, der sich über die Stunden gelegt hat, wenn er beinahe unsichtbar ist? Allerhöchstens noch fühlbar als unbestimmbares zwischenweltliches Mysterium in den häufigen Minuten des Schweigens, die sich hier und da durch ihre belebten Gespräche ziehen. Wie ein aus dem Fahrtempo geratener Motor, der erst mit neuen ankurbelnden Gesprächsstoff wieder in Gang gebracht werden kann. Lockeres Antriebsmittel, nach denen sie in ihren Köpfen an diesem Abend heftig herum suchen müssen, um es an die Oberfläche zu ziehen und die mechanisierte Routine ihrer Konversation voran zu treiben.

Dennoch flammen ihre Stimmen das ein oder andere Mal vollständig ab. Wenn sie das Geschirr zusammen räumen und es in die Küche bringen zum Beispiel. Und Gilbert dabei mehr als nur hilfsbereit ist. Vielleicht weil er für den Gang zur Spüle durch den Flur muss, an der Haustür vorbei, an deren glatter Fläche sich seine Augen jedes Mal heftig festsaugen. Der er so nah kommt, dass er sie beinahe streift, nur weil er mit den gespitzten Ohren jedes Geräusch ergründen will, welches sich dahinter auftut. Es könnte ja sein, dass gerade heute Abend ein kleines Wunder geschieht......

Den Spaziergang legen sie fast ausschließlich schweigend ab. Es gibt hier draußen, in dieser kalten, aber hell erleuchteten Nacht nichts wirklich extistenziell Wichtiges, was man besprechen könnte. Oder müsste. Alles ist zu groß, zu erdrückend, zu schmerzlich. Was für ein Gegensatz zu dem Weihnachten, welches man letztes Jahr in Buchenwald feiern musste. Getrennt voneinander. Durch mehr als nur räumliche Distanz. Was für ein – mit einfachen menschlichen Worten unbeschreiblich - kostbares Geschenk ist es doch, dass sie es heute zusammen verbringen dürfen. Lebendig und mehr oder weniger gesund.  

Wie unvorstellbar groß die Lücken derer, die nicht dabei sein können.

Als sich die drei auf dem Rückweg befinden und von Ferne das Stubenfenster ihrer Wohnung erblicken können, flackert eine einsame Kerze hinter einer der Glasscheiben und taucht sie in warmes orangenes Licht.

Gilbert hat sie dort stehen lassen. Absichtlich.

Diese rührselige Geste passt so gar nicht zu den üblichen Verhaltensweisen des Preußen, darüber hinaus ist sie auch noch verboten leichtsinnig und gefährlich.

Aber niemand schimpft mit ihm ob dieser groben Fahrlässigkeit, denn sie wissen, dass er diese eine Kerze für Ludwig hat brennen lassen. Damit sein kleiner Bruder den Weg nach Hause findet, damit er weiß, dass jemand da ist und auf ihn wartet.

Dass der junge Mann nicht allein ist, wo immer er sich auch befindet.



Yours
Silvesterabend.

In wenigen Minuten wird dieses Jahr ausklingen als wäre es der einfachste Vorgang der Welt. Dann wird es vergangene Geschichte sein, auch wenn sich die Bilder der in ihm vollzogenen Ereignisse so tief in das kollektive Gedächtnis der Völker graben sollen, dass alle zukünftigen Generationen den Eindruck haben werden, es wäre ihnen persönlich geschehen, nicht nur ihren Vorfahren.

Es ist so unwirklich viel geschehen in den Tagen und Monaten seines Existierens, dass es sich auch zu einem Jahrzehnt, einem ganzen großen schreckliches Jahrhundert hätte ausdehnen können....

Da Roderich in seinem Hotelrestaurant im Verbund mit anderen Künstlern eine spezielle, sehr feierliche Musikvorführung zum Besten gibt, für die er wochenlang vorher geprobt hat und an einigen Stücken fast verzweifelt ist, verbringen Gilbert und Ivan den Abend allein.  

Schon lange hat sich die besonders unbehagliche Winterdunkelheit auf die Stadt herab gesenkt, hat kleine Schneeflocken rieseln lassen, die alles mit einer neuen Schicht dünner Zartheit überdeckt haben. Mit einem blenden hellen Weiß verziert, als ob diese Reinwaschung bewirken soll, dass die Stadt – oder die Menschen in ihr? – wie frisch erschaffen, unschuldig, dem neuen Jahr gegenüber tritt. Ein neues Leben für ein neugeborenes Land.

Die zwei Männer haben das Sofa näher zum Fenster gerückt und beobachten den Schnee bei seinem geruhsamen Fallen. Die Stimmung ist andächtig, gemütlich sogar, ein paar Kerzen sind angezündet und auf dem Tisch steht eine geöffnete Flasche Sekt.

Beide haben – auf Gilberts ausdrückliche Aufforderung hin - um den Hals kratzige Papierschlangen gewunden, die aufrascheln, wann immer sie sich bewegen. Die verblassten dünnen Luftgirlanden sind noch ein Relikt aus früheren Zeiten und Ivan, der sich mit Silvester nach dieser Tradition genauso wenig auskennt, wie es ihn mit Weihnachten schon nicht vergönnt war, hat sich folgsam ein paar der lustigen Zierutensilien um den Hals gelegt.

Still sitzen sie eng nebeneinander. Bisweilen nippt der Russe an seinem Glas Sekt und verändert ab und zu die Position seines Arms, wenn Gilbert an seiner Schulter auf und abrutscht. Gelegentlich flammt ein kleines zischelndes Licht zu Ivans Seite auf. Gilbert liebt es, Wunderkerzen anzuzünden und sie wortlos durch die Luft zu ziehen. Mit ungleich mehr Faszination, als es von einem Erwachsenen erwartet werden würde, betrachtet er dann die kurzlebigen grellgelben Figuren, die er in die unsichtbare Leere hinein zaubert.  

Es gibt gar nicht viel zu sagen heute Abend.

Sie sind zusammen. Und gleich wird ein neues Jahr beginnen. Diese Tatsache allein ist schon so überwältigend, dass sie jedem trivialen Gespräch die Grundlage entzieht.

Ruhige entspannte Atemzüge lang sitzen sie dicht an dicht und hängen ihren Gedanken nach, die wie die Schneeflocken vor dem Fenster fleißig vor sich hin rieseln.

Immer näher kommen die Zeiger der Uhr auf dem Tisch ihrer einzigen Bestimmung heute nacht.

Während die letzten Sekunden verstreichen, werden beide unruhig und stehen fast gleichzeitig auf. Aufgeregter, als sie es sich eingestehen wollen und es mit dem Verstand allein erklärt werden könnte, blicken sie sich in der von den Kerzen weich gemachten Dunkelheit an.

Dann küssen sich. Endlich. Stumm und sehr sehr lange.

Als sich ihre Lippen wieder voneinander lösen hat ein neues Jahr begonnen. Für sie, für das Land, in dem sie leben und möglicherweise sogar für die Menschheit.  


***

Sie haben beschlossen auf Roderich zu warten, der jeden Augenblick zurückkommen könnte, weil er nur den Auftrag hatte, eine etwas feierlichere Musik vor zwölf Uhr zu spielen.

Jetzt ist es fast halb drei, offensichtlich lässt sich der Mann auf seinem Nachhauseweg sehr viel Zeit. Vielleicht wurde er auch noch zu einem Umtrunk eingeladen oder die Hotelküche hat sich der Versorgung des mehr oder weniger ständig anwesenden Personals angenommen?  

Ivans Kopf ist ein ganzes Stück zur Seite gesackt und er lehnt in einer eher liegenden als sitzenden Position an den flauschigen Sofakissen. Seine schon in tiefere Gefilde vorstoßenden Atemzüge verraten, dass er ganz kurz davor ist, einzuschlafen.

Die Kerzen auf dem Tisch sind schon kurz nach Mitternacht ganz heruntergebrannt und erloschen. Für eine lange Weile hat Gilbert in die Dunkelheit des Zimmers und das Schneetreiben vor den Fenstern gestarrt. Unabsichtlich sind seine Gedanken Pfade weit jenseits des Hier und Jetzt entlang gewandert. Sie sind so weit abgekommen, dass er beinahe die Aufsicht darüber verloren hat, dass er sich beinahe in ihnen verloren hat. Nun tut es überall sehr weh und zieht so eigentümlich, obwohl seinem Körper doch gesundheitlich eigentlich nichts fehlt. Langsam setzt er sich auf und dreht den Kopf zu Ivan hin, von dem er nur die markanten Umrisse seiner Gesichtzüge erkennen kann.

„Ivan?“ fragt er leise, noch nicht ganz sicher, was er eigentlich damit bezweckt, den Anderen jetzt zu stören.

„Hmm?“ brummt es nach einer kleinen Weile schläfrig zurück.

Einen großzügigen Moment herrscht Stille. Gilbert muss sich sammeln, weil ihm jetzt erst aufgegangen ist, welches Thema er anrühren will und weil es, um dahin zu kommen, einiger weniger extrem sensibler Hinführungen und Überleitungen bedürfte. Eigentlich.

Der Sitzende räuspert sich kurz und holt Luft, seine Unsicherheit ist beinahe mit den Händen zu greifen und legt sich aalglatt in die brüchig werdende Stimme hinein.  

„Ähm, erinnerst du dich an das Mädchen von unten aus der Wohnung, was letztens mit ihrem Bruder hier gewesen ist?“

Der Mann neben ihm schafft es aber auch immer wieder, ihn zu überraschen. Ivan runzelt irritiert mit der Stirn, erwidert aber schmunzelnd: „Über die du so begeistert gewesen bist? Wie könnte ich das vergessen...!“

Gilbert schluckt und rollt mit den Augen, verbeißt sich jedoch ein Kommentar über das altkluge Verhalten des Mädchens oder die sexuelle Umtriebigkeit seiner Mutter, auch wenn ihm das nicht besonders leicht fällt.

Wieder vergehen einige Sekunden, bevor er die richtigen Worte findet, die in sich viel abwartende, schlecht versteckte Neugier beherbergen.

„Du hast dem Kind die Haare geflochten und das sah ziemlich gekonnt aus...“

Die Augen geschlossen kneift Ivan sie trotzdem noch etwas fester zusammen, verwundert über diese merkwürdige Äußerung, aber bezüglich seines Gegenübers gesegnet mit unendlicher Geduld. Gilbert wird nach seiner eigenen Planung und seinem eigenen Ermessen zum Wesentlichen vorstoßen. Er hört ihn neben sich schnell Luft holen, dann fast sofort, als ob er Angst hätte, der Mut würde ihn vorher verlassen, die abegehackte, dünne Frage: „Hast du....eine... eine Schwester gehabt, früher?“

Weit fliegen Ivans Augen auf und empfangen das Dunkel der Umgebung. Scheinen die großen Schatten an den Zimmerwänden einzusaugen, zu reflektieren. Das ist der Punkt, worauf Gilbert hinaus wollte! Wie hatte er das nicht vorher entschlüsseln können?

Rabiat versteift er sich und hört – wie von weit her aus einer anderen Dimenson - seine Fingergelenke knacken. Erst dann bemerkt er, dass er seine Hände zu Fäusten geballt hat und sich eine innere schwarze Schwere in ihm ausbreitet, welche dem der Nacht um sie herum sehr ähnlich ist.

Er will darüber nicht reden, aber soll er denn lügen? Hat Gilbert nicht ein Recht zu erfahren, was mit seiner Familie geschehen ist? Wie lange will er noch darüber schweigen?

Versuchsweise öffnet er den Mund und antwortet düster, doch verständlich: „Ja...“

Dann sagt er sehr lange nichts  - aber das stimmt nicht ganz, denn er versucht es zumindest, scheitert jedoch mehrere Male, bis er irgendwann seine eigene Grenze des Schweigens passiert und der Wille überhand nimmt, Gilbert ein paar fröhliche Geschichten von den zwei frechen Mädchen zu erzählen, die einmal seine Schwestern gewesen sind.

Sanft greift er nach der Schulter des Anderen und zieht ihn in seine Armbeuge zurück, nah an sich heran. Es fühlt sich besser an, wenn Gilbert so dicht bei ihm ist, wenn er seine Wärme spüren kann. Alles ist vertrauter, sicherer.

Sich so weit zu öffnen ist schwer: es gibt emfindlich tiefe Einblick in seine Schwächen und seine überwältigende Trauer, die er all die Zeit so gut versteckt und verdrängt hatte.

„Ja, ich....“, schnell verschließt er die Augen vor der Erinnerung, aber es ist zu spät. „Habe“ will er sagen, aus Gewohnheit heraus, doch es wäre nicht mehr die Wahrheit, „..hatte zwei Schwestern.“

Er hatte sie, diese zwei kostbaren Frauen mit den ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten, jede von ihnen in der Ausformung ihres blühenden Charakters einzigartig und bewundernswert.

Er hatte sie, denn sie sind nicht mehr am Leben, sie liegen zusammen mit ihren Eltern tief unter der Erde Weißrusslands. An einem ihrer Lieblingsorte, wo die gewaltigen Bäume des Waldes ein so dichtes Nadeldach bilden, dass der Schnee selbst in den härtesten Wintern nie bis zum Boden durchkommen kann. Er selber hat die vier dort begraben, an jenem aus seiner Erinnerung herausragenden Tag, an dem er nur noch ihre blutenden und misshandelten Leichen vorfinden konnte, an dem es zu spät war, alles.  

Nur er kennt diesen besonderen Ort und weiß, wie man dahin gelangt.

Sie sind geborgen dort. Niemand wird jemals ihre Ruhe stören.




Zwischenstück
Ein eisiger Januar hat seine frostklirrenden Klauen tief in die Ruinen der Stadt gehauen.

In den Straßen riecht es überall ungesund nach verheizter Kohle und milchig-weiße Blumen haben sich an den Außenscheiben der Fenster nieder gelassen, ohne die Absicht zu hegen, ihre Eiskristalle bald wieder zerschmelzen zu lassen.

Selbst in der Beilschmidt-Wohnung zieht ein kühler Lufthauch aus dem Hausflur unter der Wohnungstür in die beheizten Räume hinein. Auch die schlecht gedämmten Fenster würden mehr Kälte hereinlassen, als sie sollen, wenn nicht Roderich Handtücher und Decken zusammen gerollt und auf die Fensterbretter gelegt hätte.

Der braunhaarige Mann steht mit einem dicken grauen Pullover – der seinem Aussehen noch etwas mehr Körpergewicht verleiht, als er tatsächlich besitzt - in der Küche vor der Spüle und fröstelt trotzdem unmerklich. Die Hände in die Hüfte gestemmt, seufzt er leise und greift mit spitzen Fingern nach einem dreckigen Löffel, bevor er sich herum dreht und angewidert unterstellt:
 
„Ehe du überhaupt mal einen Finger rührst und dich dazu bemüßigt fühlst, das Geschirr aufzuwaschen, fangen die einzelnen Teile vorher zu rosten an!“

Gilbert blickt Roderich mit soviel verschmitzter Arglosigkeit an, dass es fast den Eindruck macht, er hätte nicht zugehört.

Die gut einstudierte Unschuldsmiene lässt den Stehenden jedoch mehr als kalt. Er wackelt mit den Löffel in der Hand und hält ihn Gilbert noch ein Stück näher entgegen, um seinem Gegenüber die großen braunen Flecken auf dem vergilbten Löffel noch eingehender zu demonstrieren.

„Hier, siehst du!“

Augenrollend greift Gilbert nach dem Besteck und versucht die Wogen zu glätten.

„Ach Quatsch, zeig mal her, das ist getrocknete Marmelade!“, er öffnet den Mund und leckt voll inbrünstiger Überzeugung davon, im Recht zu sein, an einem der braunen Flecken herum. Nach den etwa drei Sekunden, die seine Geschmacksknospen brauchen, um zu entziffern, was ihnen angeboten wird, schließt er die Augen und zieht eine Grimasse, welche von fürchterlichsten Ekelempfindungen zeugt.  

„Iiiiigitt, doch nicht...“ prustet er dann mit heraus hängender Zunge und wirft den Löffel in hohen Bogen in die Spüle zurück.

Ivan, der bis eben stumm am Tisch gesessen und die Muster auf den beschlagenen Fenstern betrachtet hatte, kneift die Lippen zusammen und fällt dahinter in ein unterdrücktes Lachen. Auch Roderich schlägt die Hand vor den Mund und kann ein weiches Kichern nicht mehr länger unterdrücken. Die Schultern beider zucken und beben heftig unter der Kraft ihrer zurückgehaltenen Heiterkeit.

Gilbert tänzelt wie ein verirrter Boxer in der Küche herum und wischt sich immer wieder mit den Händen über die Zunge, versucht verzweifelt den widerlichen Geschmack abzuschaben. Dann erblickt er das karierte Stofftuch auf Roderichs Schultern und hat es im selben Moment auch schon mit schnellen Fingern ergriffen und zum Mund geführt.

Ausgiebig befreit er sein empfindlich gestörtes Geschmacksorgan von dem unbekannten Fremdstoff, während er gleichzeitig versucht, Roderichs ensetzt schimpfenden Ermahnungen und seinen nach dem Tuch greifenden Händen zu entkommen.

„Also! Doch nicht das Wischtuch...Gilbert! Gilbert! Gib das sofort her, Himmel nochmal, das glaube ich ja nicht!“

Vergeblich versucht der Österreicher nach dem ihm entwendeten Gegenstand zu schnappen. Immer wieder wendet Gilbert ihm den Rücken zu, bis er seine Säuberung schließlich beendet hat und es mit großer Geste freiwillig wieder hergibt. Beim Überreichen deutet er eine kleine Oberkellner-Verbeugung an und witzelt im staubtrockenen Ton: „Hier bitteschön der Herr!“

Roderich verzieht den Mund und klagt trüb vor sich hin: „Iiieh, und was soll ich jetzt noch damit? Das kann ich doch nicht mehr benutzen!“

Aus funkelnden Augen betrachtet ihn Gilbert und setzt ein kampflustiges Grinsen auf, er ist heute morgen in bester Stimmung und geneigt, diese zu verbreiten und die anderen an seinem Elan und seiner kampflustigen Lebensfreude teilhaben zu lassen: „Bei dir ist aber auch immer irgendwas nicht richtig Rodrich, du solltest mal lernen mit dem zufrieden zu sein, was dir von höherer Stelle in den Schoß gelegt wird.“

„Von höherer Stelle...?“, wiederholt der braunhaarige Mann abgehackt, mit einem herzerfrischend ironischen Unterton. Das Gesicht ein perplexes Ausrufezeichen ernsthaften Herumspaßens.

Sein Gegenüber hebt die Hände in die Höhe und nickt einmal lapidar, um den Anspruch seiner Aussage nur noch zu bekräftigen.

Mit einen Seitenblick auf Ivan, der sich vor Lachen mit dem Kopf von Geschehen abwendet, was für Gilbert noch wie eine besonders antreibende Ermutigung scheint, holt Roderich tief Luft und fängt in dem Ton eines dozierenden Professors an, die gegebenen Informationen zu analysieren.  

„Du willst mir doch nicht etwa...“,  ein blechernes Klingeln zerreißt die Mitte seines Satzes und sein Kopf fährt ruckartig zur Haustür. Er wirft das Wischtuch neben die Spüle und blickt dann wieder zu Gilbert, während er beginnt, dem Verursacher des störenden Läutens entgegen zu gehen und es trotzdem noch schafft, seinen Satz ordnungsgemäß und ohne weitere Verzögerung zu beenden.

„..sagen, dass du dich selber als höhere Stelle bezeichnest, bitte sag mir nicht, dass du jetzt auch noch größenwahnsinnig wirst!“

Die Hand schon auf der Klinke schickt er einen nachdrücklich aussagekräftigen Blick in die Küche, der Gilberts feistes Schmunzeln nur noch breiter werden lässt, bevor er mit eleganten Schwung die Tür öffnet, auf seinem eigenen Gesicht selber noch große Fetzen eines gewissen Vergnügens, dass es ihm bereitet hat, sich mit Gilbert in das Anfangsstück eines großen Wortduells begeben zu haben.  

Als sich ihm endlich vollständig erschließt, wer genau da vor ihm steht, braucht es nur einen halben Herzschlag lang, bis alles fröhliche von Roderichs Gesicht abfällt und ein seriöser, ja fast bitterer, angstmachender Ernst seine Züge strafft. Ihn älter macht, lebenserfahrener und vor allem: abwehrender.

Etwas wie eine


Zäsur
geht durch ihn hindurch und schneidet sein vorheriges Verhalten rigoros von dem jetzigen ab.

Unbewusst richtet er in einem ruckhaften Zug seinen Rücken so gerade, dass es weh tun muss und erwidert höflich, aber kalt:

„Guten Tag!?“

Es klingt nach allem – einer defensiven Frage, einer unterschwelligen Drohung sogar - nur nicht nach einem herzlichen, oder auch nur ehrlichen Willkommenheißen seines Gegenübers.

„Guten Tag.“ gibt ihm eine ruhige Männerstimme fest zur Antwort. Sie trägt in ihrer untersten Sprachebene etwas fremdes mit sich herum, eine Art Singsang eines nichtdeutschen Akzentes.

Ohne einen Muskel in seinem Gesicht zu verziehen, oder aufmunternd zu nicken, starrt Roderich den unbekannten Menschen vor sich an. Und wartet auf das Unvermeidliche. Wartet darauf, dass er nach Gilbert fragt, dass er ihn findet und abführt. Seine Hand krallt sich so fest an die Türklinke, dass seine Knöchelchen weiß unter der Haut hervor scheinen, während er in seinem Kopf hektisch nach einem Ausweg sucht, einer List, mit der er aus dieser hoffnungslosen Situation entfliehen kann, ohne den Preußen zu gefährden oder bei seinem Gegenüber Verdacht zu schüren.

Die Familie muss intakt und Gilbert bei ihnen bleiben. Alles andere wäre fatal, würde ihn in den Abgrund zurück stürzen, aus dem er gerade dabei war, wieder heraus zu klettern, zu entkommen.

Es ist eine elendig groteske Situation für Ivan und Gilbert: Sie sehen von der Küche aus Roderich im Flur stehen, ein völlig verschrecktes Wesen, dass sich aufplustert, dabei verzweifelt versucht, den Anschein von Normalität zu erwecken und dabei in eine Steifheit verfällt, die nicht einmal sie an ihm kennen. Die äußerste Gefahr verheißt.

Und einfach so, obwohl der Krieg schon viele Monate zurück liegt, erwachen innerhalb von Sekundenbruchteilen zwischen dem Tisch und der Spüle zwei erprobte Krieger wieder zu alten Leben zurück.

Ivan steht geschmeidig von seinem Stuhl auf und tritt mit konzentrierten Blick an dem Preußen vorbei in die Mitte der Küche – ein kurzes Stück auf die Tür und den unsichtbaren Besucher von draußen zu, bereit für was auch immer jetzt kommen mag.

Gilberts Sinne haben sich in der Winzigkeit einer Sekunde geschärft, sind in alte, gut antrainierte Überlebensmechanismen zurück gefallen und beginnen sich für die Art einer Herausforderung zu wappnen, die ihnen in der Form schon lange nicht mehr entgegen getreten ist. Wie eine alamierte Katze auf der Lauer steht er in der Küche, aufs Äußerste angespannt, vielleicht sogar noch gehetzter wirkend als Roderich selber, weil er keinen Überblick hat, wer genau da vor der Tür steht. Doch eines kann er völlig klar in der sich auftuenden kribbelnden Situation und seinen Eingeweiden spüren: etwas ist im kommen. Etwas wird passieren.

„Ich bin auf der Suche nach Herrn Gilbert Beilschmidt.“ erklärt der fremde Mann vor der Tür und jetzt hört man sehr genau heraus, dass er kein Deutscher ist. Obwohl er sich Mühe gibt, die sprachliche Herkunft zu verdecken, schwingt gerade diese deutlich mit und gibt mehr preis, als es ihm lieb ist. Sein Akzent ist nicht ganz so rund und schwerfällig, wie man es von den Amerikanern auf der Straße gewohnt ist, sondern auf die einzelnen Silben bezogen eckiger verteilt, betonter, mit einer ganz extravaganten Sprachmelodie zum Ende des Satzes hin.

Und noch ein Detail fällt auf: selbst in der fremden Sprache, der er sich bedient, schwingt unterschwellig eine gewisse Noblesse mit.

Roderich spielt seine Rolle außerordentlich gut. Weder ist er zusammen gezuckt, noch hat er dem Drang nach gegeben, schlucken zu müssen. Er holt entschlossen Luft und lügt, ohne zu blinzeln, harsch aus dem Bauch heraus: „Das..bin ich.“

Es klingt – auf eine professionell souveräne Art - genervt und anklagend, es klingt nach „Warum und wie können Sie es nur wagen, mich zu stören und mit derlei Fragen zu belästigen!?“

Nach dieser haarsträubenden Verkündigung rinnen die Sekunden zäh wie Schleim dahin. Man kann fast spüren, wie der fremde Mann vor der Tür nicht versucht, die Geduld verlieren, ob der unglaubwürdigen Behauptung, die ihm soeben präsentiert wurde.

Beinahe erwarten Gilbert und Ivan, dass er in überlegenes Lachen ausbricht.

Doch alles, was ihre Ohren erreicht, ist ein konsterniertes, fast peinlich berührtes Räuspern, bevor es zum Unvermeidlichen kommt: „Sie sind Gilbert Beilschmidt? Der ehemalige Hauptsturmführer der Waffen-SS?“

Zu spät. Es ist alles verloren. Sie kennen Gilberts Namen und wissen um seine Mitgliedschaft in der SS. Sie sind hier, um ihn abzuführen und ihm einen Prozeß zu machen.

Wenn er nur seinen Kopf zur Seite wenden könnte, um den beiden anzudeuten, sich zu verstecken, zumindest Gilbert aus der Griffweite des Mannes zu bringen. Wenn die beiden nur Zeit genug bekommen würden, ordentlich zu reagieren. Doch wer weiß, wie viele andere Soldaten noch im Treppenhaus stehen oder um das Haus herum postiert wurden sind....

Den Gesicht ein merkliches Stück höher hebend, antwortet Roderich steif und so lässig er es fertig bringt: „Ja-wohl, das bin ich!“

Das Jawohl fließt ihm außerordentlich schwer von der Zunge, wie ein unaussprechlicher Begriff einer exotischen Fremdsprache. Tatsächlich hat er diesen wichtigsten Bestandteil soldatischer Umgangsformen noch nie verwendet, dieses ist das erste Mal.

Trotz seiner hochgradigen Nervosität – und seiner Angst - schafft er es noch immer, einen zwar reservierten, aber höflichen Eindruck zu verbreiten. Das allerentscheidenste ist es, ruhig zu bleiben. Je souveräner er ist, umso weniger Verdacht kann sein Gegenüber schöpfen. Es kommt alles auf die Makellosigkeit seiner Fassade an. Der andere kann nicht wissen, dass seine letzte Äußerung glattweg gelogen war, kann nicht heraus lesen, dass es in seinem Ton einen verräterischen Riss gegeben hat, aus dem beinahe mit voller Wucht die Wahrheit heraus gebrochen wäre.  

Die beiden Männer in der Küche halten die Luft an und starren intensiv zu Roderichs Gestalt, als ob sie so die Situation maßgeblich mit beeinflussen könnten.

„Well..” seufzt der Mann im Hausflur bedauerlich und spricht dann leise, fast entschuldigend zu sich selber, „what an awkward situation.”

Engländer?! Der Mann da draußen kommt eindeutig aus Großbritannien, kein Soldat der US-Army würde jemals ein so reines britisches Englisch sprechen.    

Noch einmal räuspert sich der Eindringling vornehm – aller Wahrscheinlichkeit hebt er dafür die Hand vor den Mund, seinen Zeigefinger eingeknickt und etwas weiter gehoben als seine anderen Finger – dann raschelt es leise, bestimmt wird eine Art Papier aus einer Jackentasche gegriffen und erneut spricht der Mann, sehr von sich selbst überzeugt, dabei aber nicht arrogant wirkend: „Nun, mit Verlaub, dann liegt wohl eine sehr unglückliche Verwechslung vor. Denn eigentlich bin ich auf der Suche nach diesem Gilbert Beilschmidt!“

Ein Arm streckt sich langsam über die Türschwelle in die Wohnung hinein, um dem Österreicher etwas zu überreichen. Fast gleichzeitig drückt Ivan Gilbert in einer fließenden, ruppigen Bewegung ein ganzes Stück näher an die Wand heran, nur raus aus dem Sichtfeld des Engländers. Schützend hält er seine Hand vor die Schultern des Preußen, bereit sie auch auf seinen Mund zu pressen, sollte Gilbert auf die dumme Idee kommen, gerade jetzt aufzutrotzen und gegen so eine abschirmende Bevormundung zu protestieren.

Er tut es nicht, sondern fixiert noch immer das scheinbar in der Luft hängende Gliedmaßenstück.

Aufmerksam registrieren die zwei Männer in der Küche, dass die Hand in einem braunen Lederhandschuh steckt und der wiederum in einem eleganten grünen Militärmantel mündet, welcher nur den höheren Offizieren der Royal Army vorbehalten ist.

Was hat ein verdammter britischer Offizier vor ihrer Wohnung verloren, was??

Misstrauisch blinzelt Roderich sein Gegenüber an – zuckt aber nicht weg, sondern ergreift das Stück Papier und hält es vor sein Gesicht. Dort zerbricht die lange und tapfer aufrecht erhaltene Fassade urplötzlich von einem Augenblick auf den anderen und er keucht leidvoll auf: „Woher haben sie das Foto? Wer..“, von wehmütigen, schmerzvollen Zügen übermannt blickt er schockiert auf und fängt vor Entsetzen an zu stottern: „....wer... sind Sie, w...was wollen Sie von uns?“

Was auch immer er in seinen Händen hält, muss ihn so verstört haben, dass es mit einem Dolch die engen Schnüre seines, alle Gefühlsäußerungen zurückdrängenden Korsetts auftrennt. Völlig selbstvergessen schlägt er die Hand vor seinen klagend geöffneten Mund und wirkt nichts anderes als im höchsten Grade verzweifelt. Verloren und zurück katapultiert in die dunklen Zeiten nach seiner Konzentrationslagerhaft: die Welt ist aus den Fugen geraten und alles läuft auf ein plötzlich auf ihn einströmende Ende hinaus, das er nicht aufhalten kann, das er nicht will und welches er schon einmal irgendwann erlebt zu haben scheint.    

„Wie ich schon sagte“, wiederholt die ruhige Stimme geduldig, „ich möchte zu Gilbert Beilschmidt. Es geht um seinen Bruder.“

Die Erde hört auf, Erde zu sein. Hört auf, sich zu drehen.

„..seinen Bruder...“, hört Gilbert als mehrstimmiges Echo in seinen Ohren klirren und für einige Momente setzt sein Herzschlag einfach aus und er wird so aschfahl, als hätte ihn jemand angeschossen. Diese bis in die Ewigkeit seines Bestehens nachhallenden Worte verwandeln ihn zu einem flüchtenden Tier.

Mit blutleeren Lippen drückt er Ivan von sich – eine Körperkraft entwickelnd, die sie beide in diesen Spaltmomenten verstreichender Zeit verblüfft – und fliegt mit wuchtigen Schritten zur Tür, zu Roderich.  

Noch im Laufen fängt er nachdrücklich, doch völlig unartikuliert an zu rufen: „Ich...ich..ich....bin Gilbert Beilschmidt!!“

Dieses abgehackte Geständnis sprengt mit der gewaltigen Kraft einer Nuklearbombe von seinen Lippen. Alles, was er die letzten Monate in sich zurückgehalten und aufgestaut hat, detoniert in diesen entscheidenden wenigen Momenten, alles, was er an Befürchtungen und bangen Vermutungen verbergen konnte, kommt mit explosiver Unwucht an die Oberfläche und macht ihn noch grimmiger, noch offensiver, als er es in seinen schlechtesten Launen je sein könnte. Noch nie in seinem Leben hat er solche Angst gehabt, wie in diesen ewigen Sekunden, in denen ein anderer weiß, was er nicht weiß, in denen die tödliche Ungewissheit vor ihrer Vernichtung steht. Er rast vor Panik. Und davor die Wahrheit zu erfahren.  

Kaum registriert er das vertraute Foto, welches Roderich ihn mit Tränen in den Augen hinhält, nicht verstehen kann, wie ein Engländer zu dem gleichen Erinnerungsbild der zwei Brüder kommt, welches auch in Ludwigs Zimmer steht. Noch viel weniger nehmen seine Augen den älteren Mann vor ihm wirklich richtig wahr – seine distinguierten Züge, die kurzen, an den Seiten leicht angegrauten aschblonden Haare, die tiefgrünen Augen - der im Hausflur steht, sondern nur den Menschen als solchen, als bloßen Überbringer, als Füllmaterial, der das Leck seiner Unwissenheit stopfen soll.  

Er ist blind. Voll Horror vor dem, was kommen wird und gleichzeitig will er es endlich wissen, so unaufschiebar dringend und absolut, dass nichts, nichts, NICHTS anderes zählt, als diese eine Information, die der unbekannte Besucher ihm kurz davor ist, mit zu teilen.      

„....was ist mit meinem Bruder....wo ist er, haben...haben Sie eine Nachricht für mich??“ überschlägt sich Gilberts Stimme mehrfach, weil sie so viele Fragen formulieren möchte, dass seine Zunge mit dem Aussprechen gar nicht hinterher kommt.

„Aaah, in der Tat, Sie sind der Beilschmidt, den ich su..“ lautet die gutmütige Erwiderung, die bar jeder völligen Überraschung von der ungewöhnlichen Wendung der Ereignisse ist. Als ob der Engländer mit so etwas schon gerechnet hätte.

Gilbert würgt ihn herrisch ab, hat dabei instinktiv beide Hände erhoben, um was zu tun? Sie auf sein eigenes Herz zu legen, es lächerlicherweise versuchen zu beruhigen oder seine Finger in den Mantel des Briten zu krallen und ihn zum Reden zu schütteln?

Seine Bewegungen sind die eines Betrunkenen, er scheint wie gelähmt zu sein. Ein aggressives Zischen ist nunmehr das einzige, mit was er noch kommunizieren und sein Gegenüber unterbrechen kann und er setzt es ein, als letzte Waffe einer völlig außer Kontrolle geratenen Raserei: „Reden Sie Mann! WAS? IST? MIT? MEINEM? KLEINEN? BRUDER??!!“

Der fremde Mann, der schon vor einer ganzen Weile seine Mütze abgenommen hat, macht ein mitfühlendes Gesicht und beeilt sich jetzt sehr, weiter zu sprechen: „Es ist überaus beklagenswert, dass Ihnen diese Mitteilung erst jetzt gemacht wird, aber Ihr Bruder ist-“

Noch bevor die letzten, die allernotwendigsten Worte zu ihm vordringen, legt sich ein gigantisches Rauschen auf Gilberts Ohren, erstickt seine hörende Wahrnehmung und scheint auch den Rest seines Körper zu verschlingen. Wie ein Ertrinkender klammern sich seine Augen mit letzter Kraft an den Mund des Engländers, hilflos die sich langsam bewegenden fremden Lippen lesend.

.......

Und dann endlich weiß er es.

Dann kennt er sie endlich, die Wahrheit.

Um ihn herum wird es dunkel, die auf ihn einströmenden Wassermassen immer drückender und schwerer. Ein rasendes Stechen durchfährt seine Brust, wie der warnende Vorbote eines schweren Herzinfarktes und aus dem Nirgendwo heraus schnellen sorgende, starke Arme, welche Roderich und Ivan gehören und ihn umfassen, auf den Beinen halten.

Er schnappt angestrengt nach Luft und hängt unbeholfen wie ein gefangener Fisch in dem Netz umsorgender Hände.

Langsam breitet sich ein bitterer Geschmack von Asche in seinem Mund aus, doch er beachtet diese Widerlichkeit auf seiner Zunge nicht, sondern schluckt sie fest herunter und öffnet wie im Zeitlupentempo seine Lippen.

Er muss das noch einmal hören, muss es überhaupt das erste Mal richtig hören, vielleicht ist das alles ein großer Fehler gewesen, vielleicht haben ihm seine Augen einen Streich gespielt, als sie die fremden Lippen abtasteten?

„W..was...?“ haucht Gilbert hervor, während er sein Gegenüber mit großen starren Augen durchdringt.  

Da ist Eis in seinem Körper, schmerzlich kalte, tödliche Brocken von Eis, die sich ätzend durch seine Blutbahnen schieben.

Der Mann in der Tür wiederholt geduldig die wenigen Worte seines letzten Halbsatzes erneut, in einem fürsorglichen, beinahe zärtlichen Tonfall.

Erschöpft schließt der Preuße die Augen und beugt seinen Kopf nach vorne, schlagartig weicht alle Spannung aus seinem Körper. Ivan und Roderich treten hastig – gerade rechtzeitig – noch näher auf ihn zu und fangen ihn auf, jeder von ihnen eine Stütze auf seine eigene besondere Weise.  

Mein Ludwig, schießt Gilbert als einzelner formloser Gedanke in einer Endlosschleife in den Geist, immer immer wieder. Mein kleiner kleiner Ludwig.

Es ist in diesem Moment schwer nachzuvollziehen, wie man den Worten eines einzelnen, völlig Fremden so hohen Glauben schenken kann, doch der Weißhaarige tut es mit der ganzen Vollständigkeit seiner Existenz, ohne auch nur den Anflug eines Zweifels zu hegen.  

Auf seinem Gesicht, welches dem Boden zu gewandt ist und bis gerade eben von Gefühlen extremster Ausformungen bewegt wurde, zeichnet sich die erste Weichheit einer tiefen Erleichterung ab.

Erleichterung darüber, dass es vorbei ist, dass alles Hoffen und Bangen zu Ende gekommen ist und Ludwig schließlich doch nach Hause gefunden hat, nicht als Person höchstselbst, nein, doch als Teil der Botschaft eines Anderen. Der falsche Weg, den er gegangen ist, den konnte er nicht mehr beenden, aber ein hilfsbereiter Kamerad hat sich seiner angenommen und ihn fortgeführt, ihn weitergetragen, bis in den Schoß seiner Familie zurück.  

Es ist vorbei. Die nervöse Warterei, das endlose Kopfzerbrechen darüber, was passiert sein könnte, wie es passiert sein könnte, vorbei, alles......vorbei.

Und genau das ist es, auf was Gilbert im Grunde seines Herzens all die Monate gewartet hat.    


Befreiung.


Frieden.


Vollständigkeit.


Dieses Ende ist eine Erlösung. Eine lang erwartete.


Und vielleicht kann ihre Geschichte ab hier einen völlig neuen Anfang nehmen?


.
..
...
....
.....
......

.
.
.



Guuuuut.

Huu. Einatmen. Ausatmen.

Nochmal. Und nochmal. Ich jetzt, wie ihr später beim Lesen, möchte ich mal vermuten.

Es ist vorbei. Vollbracht. Knapp ein Jahr, nachdem ich das allererste Kapitel hier gepostet habe, am 15.02.2012 nämlich, ist es zu Ende gegangen.

Ich bin zu überwältigt (und ihr möglicherweise auch...oder vielleicht mit Wut durchtränkt? Mit Trauer über so ein dummes offenes Ende?) als das ich hier jetzt noch groß etwas schreiben möchte. Oder kann.

Also wird es am Dienstag ein Nachwort geben, mit ein paar privatem Dingen, die ich gerne loswerden würde, weil ich denke, dass sie dazu gehören, natürlich etwas über die Geschichte (es ist ja für mich nicht einfach nur „eine Geschichte“).....und möglicherweise einer Ankündigung.

Das kommt darauf an, ob ihr Freunde und Freundinnen eines ungewissen Endes seid oder nicht? Seid ihr es denn?

Auf jeden Fall erst einmal das Wichtigste: Danke. Euch allen hunderttausend Mal, Danke!! Fürs Lesen, Anteil nehmen, Reviewen und Gedanken machen. Danke, danke, danke.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast