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Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
46
219.821
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Dieses Kapitel
1 Review
 
15.02.2012 5.378
 

Hallo ( =.

Ein lautes fröhliches “Herzlichen Glückwunsch zum ersten Jahrestag”!!!! Für die Geschichte und für mich und natürlich für EUCH, ohne die die Geschichte nicht das geworden wäre, was sie heute ist!!!!!

Heute vor einem Jahr habe ich also das erste Kapitel gepostet. Verrückt. Und eigentlich wollte ich genau ein Jahr später das letzte posten, das hätte so schön gepasst und wäre darüber hinaus so symbolisch wertvoll gewesen. Aaaaber es hätte nicht sollen sein, ich hab mich zwar beeilt und angestrengt, aber auf Krampf und Zwang muss es ja dann auch nicht sein. Vor allem am wichtigen Ende.

Nun gut, auf auf.

(Ar-Feiniel!)...^^.

Zäsur III, das Kapitel mit einem Buch, den nie gestellten Fragen und so viel mehr dahinter.


Zäsur III


Preußenschlag
Geschäftig wuselt Roderich von einem Zimmer in ein anderes hinein, räumt kleine Gegenstände an ihren eigentlichen Platz zurück, säubert den niedrigen Glastisch im Wohnzimmer von Krümeln und Essens-spritzern und wandert ins Badezimmer zurück, um seinen Lappen auszuspülen. Die ganze Zeit über befindet er sich mehr in seinen Gedanken, wo er ein neu eingeübtes Violinenstück Satz für Satz versucht zu repitieren, als im Status des freiwillig Saubermachenden  
Gründlich in die Musikproben in seinem Kopf vertieft, läuft er an der Küche vorbei, ist schon drei Schritte daran vorüber gegangen als er plötzlich unvermittelt stocken muss, weil seine Augen erst jetzt das Bild in seine Wahrnehmung geleitet haben, welches er soeben passiert hat. Perplex schüttelt er einmal den Kopf – fast schon abwehrend - die ausgefallene Erscheinung noch als pures Gespinst seiner Fantasie abtuen wollend, ein Trugbild.
Er geht seinen letzten Weg rückwärts, fährt dabei mit der Hand die Wand entlang und lugt langsam in die Küche hinein, wo sich ihm eine derartig fremde, unerlebte Situation bietet, dass seinem disziplinierten, moralisch distinguierten Gemüt etwas passiert, was nur extrem selten geschieht: es verliert die Contenance, hangelt sich von seinem steifen, allzu geziert wirkenden, höflichen Verhalten herunter zu einem leibhaftigen, heiteren Menschenwesen, welches blitzschnell auf die Eindrücke zu reagieren weiß, die auf ihn einströmen. Er lässt die Hand zum Kinn gleiten und grinst ein ansteckendes, spitzbübisches Lächeln in den Raum hinein, welches ihn auf einen Schlag weit jünger erscheinen lässt als er tatsächlich ist.

Gilbert sitzt über ein dickes Buch gebeugt am Küchentisch, blättert angestrengt suchend verschiedene Seiten hin und her, und hat anscheinend noch nichts davon mitbekommen, dass seine vermeintlich lesende Existenz einen angeheiterten Beobachter gefunden hat. Teile des Bestecks, die noch vom Frühstück liegen geblieben sind, stecken – wohl zu Lesezeichen oder Merk-utensilien umfunktioniert – in verschiedenen Abschnitten zwischen den Seiten.

Als sich der Sitzende stirnrunzelnd an der Wange kratzt, dabei seinen Kopf etwas zur Seite dreht und die Silhouette eines Körpers hinterm Türrahmen wahrnimmt, zuckt er minimal zusammen und blickt empört über so eine unvermittelte Störung zu Roderich. Dessen Gesicht Bände spricht in jenem Augenblick: und von Geschichten berichtet aus alten diskussiondurchtränkten Zeiten nervöser letzter Lernanstrengungen für das Abitur ala „Wozu sollte ich denn später Faust brauchen, kannst du mir das mal erklären?“ bis zu harten, verletzenden Streitgesprächen, mit einem tief stachelnden „Ach ja, das ist doch alles entartete Kunst. Deine Scheißnoten sollte man auch alle verbrennen, über die Hälfte davon ist eh jüdisch.“        

„Amüsierst du dich, ja?“ der Preuße fühlt sich zutiefst ertappt. Lehnt sich zurück und hebt eine Augenbraue, bereit den ersten spöttelnden Wortbrocken, der ihm vorgeworfen wird, zu schnappen und in der Luft zu zerreißen.

Roderich beugt sich schuldbewusst ein Stück weiter in den Raum hinein, fühlt sich anscheinend eben so ertappt wie sein Gegenüber. Er versucht die zuckenden Nerven um seinen Mund soweit wieder unter Kontrolle zu bringen, dass er nicht fürchten muss, sie schaffen es erneut die bezähmenden Zügel abzuwerfen und in die Freiheit zu galoppieren.

Versöhnlich, sehr wohlmeinend, gibt er mit sanfter Stimme zu: „Ja, ehrlich gesagt....ja. Gilbert Beilschmidt mit einem Buch in der Hand. Wenn das dein Vater noch hätte erleben können.“

Die Hinwendung zu diesem sehr privaten Gesprächsthema nimmt dem Mann in der Küche etwas den Wind aus den Segeln. Er lässt sich zu einem langgezogenen „Pfffff..“ herunter und fügt dann knapp, aber so aussagekräftig hinzu, dass es klingt als würde er es höchstpersönlich in die Annalen seiner Biografie hinein meißeln wollen: „...ist gar kein richtiges Buch!“

„Tatsächlich nicht?“ Roderich klingt eine Spur zu enttäuscht als das es gespielt sein kann. Während er neugierig näher kommt, jetzt noch mehr als je wissen möchtend, was die Aufmerksamkeit des Anderen so fesseln konnte, legt er den feuchten Lappen in der Spüle ab.  

Er braucht nur die fettschwarze Überschrift auf eine der Seiten zu lesen, die Gilbert zufällig aufgeschlagen hat – die Sütterlin-Schrift mit ihren schönen Schnörkeln und dünn auslaufenden Buchstabenzipfeln wirkt dabei seltsam nostalgisch - dann ruft er voll echter Verwunderung aus: „Ein Kochbuch? Hast du etwa vor uns mit deinen Küchenkünsten zu überraschen...?“

Der Sitzende blickt überaus trocken nach oben, seine höhnisch zugekniffenen Augen bergen Antwort genug auf so eine absurde Unterstellung. Dann seufzt er tief, muss sich anscheinend für das Folgende sehr überwinden und den Kopf bittend zur Seite neigend fragt er: „Wenn ich dir die Zutaten besorge, glaubst du, du kannst das hier kochen?“

Flugs wandern seine Hände zwischen die Seiten, die er sich mithilfe des Besteckes ausgesucht hat, und er schlägt sie auf, um sie Roderich zu zeigen. Als der Österreicher fertig damit ist, die kurzen Beschreibungen zu überfliegen, dabei immer vedutzter werdend, wühlen sich die Hände des Anderen zu noch einer weiteren Seite durch.

„Und das?“

Noch einmal lässt Roderich seine Augen über die Worte gleiten, dann meint er fast beleidigt klingend: „Gilbert das kann ich auch so, da benötige ich kein spezielles Rezept dafür!“

„Aber es muss wirklich perfekt sein, verstehst du? Eins-A spitzenmäßig. Besser als in einem Restaurant.“

Mit einem ironischen Gesichtsausdruck lässt der Braunhaarige empört die Hände in die Höhe schnellen:„Hast du jemals etwas von mir vorgesetzt bekommen, was nicht perfekt war?“

Weil er keine Antwort bekommt, obwohl Gilbert es in allen Poren seines Seins dazu drängt, auf eine so offensichtliche Einladung zum zündelnden Piesacken aufzuspringen, funkelt Roderich ihn wartend an, greift nach dem Kochbuch und zieht es näher zu sich heran. Erneut liest er das erste Rezept durch, findet aber auch beim genaueren Nachforschen keine Schwierigkeiten in der Machbarkeit.

„Wann soll ich das denn genau machen? Und warum, gibt es einen bestimmten Anlass?“

Der Preuße hat sich eine herum liegende Gabel gegriffen und stochert damit zwischen die Löcher der grobgehäkelten Tischdecke. Fast beiläufig antwortet er: „Nächste Woche, Mittwoch.“

Es scheint eine Art Test zu sein - oder eine kleine Manipulation vielleicht? - dessen erstes Bestehen Roderich scheinbar verpasst, weil er sich ebenfalls den unbekümmerten Ton aneignet, den sein Gegenüber ihm vorgegeben hat.

„Nächste Woche Mittwoch? Ah, ja.“

Das Kochbuch wird vom Tisch gezogen, sorgfältig zusammen geklappt und an seinen Platz zurück gestellt. Nicht ohne vorher noch das Besteck durch kleine Zettel ersetzt zu haben, die jetzt an den betreffenden Rezepten oben herausschauen und dem nachschauenden Koch den Weg weisen.

Als der stehende Mann das Buch in die dicke freie Lücke zwischen die anderen Bücher zurück schiebt, tönt es hinter ihm rechthaberisch, spitz: „Ja!“, dann nach einer kleinen Pause und mit weniger zischelnden Ton, „Du weißt doch, was das für ein Tag ist!?“

Nein, es ist tatsächlich nicht mehr der Tonfall, der reizt. Es sind nur noch die – für einen dritten Zuhörer eigentlich harmlos erscheinenden – Worte. Eine Eisbergspitze. Und die Unterstellungen dahinter sind der Hauptteil des Kolosses, der im Wasser schwimmt und unsichtbar ist.  

Roderich dreht sich langsam um. Wirkungsvoll. Selten wirklich fähig dazu, wütend zu sein, hat Gilbert es jetzt mit einer einfachen Frage geschafft, genau diese ungesicherte Grenze zu überschreiten.

Mit hoch erhobenen Kopf knurrt er dünn, wahnsinnig getroffen: „Hältst du mich vielleicht für beschränkt?“

Gilbert schnappt hastig nach Luft, sein Mund will eine erste, ohne Zweifel glasklar stichelnde Antwort formen, da sieht er den aus aller Fassung geratenen Ausdruck auf dem zornigen Gesicht seines Gegenübers und weiß, dass er aus dieser Schlacht womöglich nicht als Sieger hervor gehen wird.

Also schluckt er mit aller Gewalt seine Meinung die Kehle herunter, zuckt mit den Schultern und lässt ein abschätziges Schnalzen erklingen, welches unangenehm laut in die zum Himmel schreiende Stille hinein fällt, die sich in der Küche ausgebreitet hat.

Lange empörte Momente steht Roderich noch steif an seinen Platz neben dem Küchenschrank und starrt wortlos Gilbert an, mit aller inhaltsschwerer Härte im Gesicht, zu der er fähig ist.

Zu denken, er würde Ludwigs Geburtstag vergessen. Zu denken, er könnte das. Einfach so. Damit zu unterstellen, der jüngere Bruder würde ihm nichts bedeuten, nur weil er über sein vermutetes Schicksal sehr selten ein Wort verliert.  

Unfassbar!


***

Die kleine Erinnerungs-spur überfällt ihn am Frühstückstisch wie aus dem Nichts heraus. Und noch ehe er weiter darüber nachdenken kann, hat eine wesentliche Eigenschaft seines lauten Charakters die Regie übernommen. Die, die sich über alles äußern muss, was als formbarer Gedanke in seinen Geist kommt.

Gilbert blickt mit stumpfen Augen von seinem Teller mit dem Marmeladenbrot auf und fixiert Ivan für einige Augenblicke starr, ausdruckslos. Als er fertig damit ist, Butter auf seine Schnitte zu schmieren, bemerkt der am anderen Tischende sitzende Mann den auf sich gerichteten Blick und ein stummes, interessiertes Nachfragen fährt durch seine Miene.

„Der Orden...“ ertönt es dröge von Gegenüber, wie eine Feststellung. Als ob alle Welt an seinen Denkvorgängen beteiligt wäre und er nur sporadische Stichworte fallen zu lassen brauch, dann weiß jeder sofort, um welchen Fixpunkt sich das Gespräch dreht.

Von diesen zusammenhangslosen Worten aus dem peniblen Schälen eines Apfels gerissen, blickt Roderich ebenfalls auf und mustert Gilbert leicht verdattert, während Ivan nach einigen Sekunden intensiven Überlegens immer noch nicht den Kern der Aussage erfassen konnte. Er fragt zurück: „Welcher Orden?“

Deinen Orden! Den mit dem roten Kreuz und dem kleinen Bild drin!“ formuliert Gilbert hastig, mit vorwurfsvollen Unterton.

Nun hat Ivan zumindest eine minimale Ahnung davon mit was sich der Kopf seines Partners zur Zeit beschäftigt. Genau beobachtet er jetzt, wie Gilberts Blick zum Fenster hinaus fliegt und sich ein Anflug von Reue um seine Augen herum ausbreitet. Leise gesteht der preußische Mann ein: „Ich hatte ihn extra in die Hosentasche meiner Uniform gesteckt. Aber dann hab ich vergessen ihn rauszunehmen....“

Nur sie beide wissen, was mit der Uniform in Buchenwald geschehen ist. Sie ist den Weg einer ziemlich überhasteten, irdischen Feuerbestattung gegangen. Und mit ihr – wenn man logischerweise die aus der Erinnerung geborgenen Fakten Stück für Stück aneinander legt - auch der Orden.

Ivan weiß nicht annähernd zu ergründen, wie Gilbert gerade jetzt, gerade heute, in diesem Moment des Frühstückens, auf das Stück Metall zurückfällt, aber er fühlt sich davon merkwürdigerweise äußerst geschmeichelt, geehrt fast und das wichtigste von allen: noch immer mit aller Macht gewollt.

Als sein Blick wieder von den Häuserfassaden der anderen Straßenseite auf den Russen fällt, beäugen den Reumütigen über einen sanften Lächeln gütige, verzeihende Augen. Gilbert zieht unter diesem Sturm des guten Willens eine leidende Grimasse, kneift kurz die Lippen zusammen und flüstert dann schnell: „Tut mir leid!“  

Roderich fällt bei diesen Worten fast das Messer aus der Hand und nicht zum ersten Mal wünscht er sich eine schnellstmögliche Metamorphose hin zu der Unsichtbarkeit eines frei herum schwebenden Geistes. Es muss schon ein einigermaßen schweres Ereignis sein, welches den Jüngeren zu so, seinem Wesen völlig untypischen, drastischen Worten hinreißt. Oh, warum konnten die beiden nicht warten, bis sie allein waren, um derartige hochprivate Angelegenheiten miteinander zu klären? Still zerschneidet der Mann seinen Apfel in Stücke und seufzt innerlich tief, da er den Grund dafür bereits kennt: natürlich. Weil Gilbert involviert war! Und wenn Gilbert es drängte zu sprechen, war egal, wer sonst noch anwesend war, die Worte würden ohne weitere Zensur oder Überprüfung auf Angemessenheit aus ihm heraus gesprudelt kommen. Aber war es nicht auch Zeichen einer gewissen Vertrautheit, von familiärer Zugehörigkeit sogar, wenn die beiden es sich vor ihm erlaubten, so bedeutende Blössen zu geben?

Zumindest Ivan stört Gilberts Offenbarung nicht. Nicht im Geringsten. Selig in seine eigenen Gedanken versunken, verzieht sich sein Mund ab und zu in ein weiches Grinsen hinein, welches seine Stimmung den ganzen Tag über beherrscht und einfach nicht von ihm ablassen kann.  

Am späten Abend liegen die zwei Männer schon im Halbschlaf unter den dicken Federdecken, als der Russe mit einem Mal – gleichsam aus dem Nichts heraus, genau so wie Gilbert es am Morgen vorgegeben hat – ehrlich und mit fester Stimme verkündet: „Ich will nicht gehen. Niemals würde ich das wollen. Das weißt du!!“

Von dem Körper vor ihm tönt leises, schläfriges Grummeln und erst nach einer kleinen Weile und etlichen Versuchen den gehörten Worten einen Sinn zu zuschreiben, findet der Preuße Anschluss an den Streit, der vor etlichen Tagen stattgefunden hat. Als ihm endlich aufgeht, das Ivan tatsächlich dieses eine hochsensible Thema zwischen ihnen beiden streift - worüber sie bis jetzt sorgsam geschwiegen haben – ihm diesen hochexplosiven Zündstoff gleichsam von hinten in die Ohren hinein einflüstert, versteift er sich merklich. Wartet atemlos auf noch mehr, eine weitere erklärende Ausführung vielleicht.  

Er hört den Anderen hinter sich tief Luft holen. Scheinbar fällt es ihm nicht leicht, seine folgenden Worte zu formulieren.

„Aber es ist manchmal ziemlich schwer in diesem Land und unter diesen Umständen. Es erscheint mir alles...sehr fremd. Das heißt nicht..“, beeilt sich die tiefe Stimme hinter ihm unheimlich schnell anzufügen, „dass ich zurück in die Sowjetunion gehen will, da gibt es ja gar niemanden mehr, der auf mich wartet, das heißt nur, dass du mir vielleicht hier und da gewisse Sachen erklären oder mir helfen könntest.“

Da liegt sehr viel Bitten in den Sätzen, sehr viel Wünschen und vor allem eine – für Gilbert unendliche schwer fassbare - Erkenntnis, die ihm beinahe das Herz stehen lässt, obwohl sie von so grandios einfacher Beschaffenheit ist, zu hundertprozent selbstverständlicher Natur. Nur er hat das offensichtlich nie erkannt, bis jetzt. Ein unruhiges, tief stechendes Ziehen überkommt ihn.  

Hat er Ivan je gefragt, was mit seiner Familie geschehen ist? Großer Gott, hat er je auch nur einen einzigen gehaltvollen Gedanken daran verschwendet, wie Ivan zu dem Orden gekommen sein könnte? Warum Ivan in die Wälder hat flüchten müssen, warum er ihm ohne zu zögern nach Deutschland gefolgt ist? Warum er – wenn er es überhaupt tut – immer nur oberflächlich und sehr ausschnitthaft von seinem früheren Leben vor dem Krieg erzählt??

Was ist mit seiner Familie passiert, w a s ????? Konnte es sein, dass die Einsatzgruppen des SD und der Waffen-SS sie als „Bandenverdächtige“ erschossen und in einem Massengrab verscharrt haben? Konnte es sein, dass Ivan – durch Zufall, oder der Warnung eines Nachbarn – noch rechtzeitig vor der Ankunft der Todesschwadrone aus dem Haus in die Wälder geflüchtet ist, im festen Glauben daran, dass man nur Jagd auf die jungen Männer machte, dass man die Alten, Kranken und Kinder verschonte? Und Stunden später zurück kam in ein leeres Haus, in dem sich die Seinen nie wieder zum Leben erheben sollten?

Konnte es sein, dass Ivan alles verloren hatte? Das er deswegen ein so guter Kämpfer geworden war – aus dem Wunsch nach Rache und einem bohrenden Hass heraus, zu welchen sich seine unbändige Trauer verwandelt hatte?

Konnte es sein, dass sein eigenes Überleben in diesem Lichte viel viel mehr als Glück gewesen ist, als sie sich an jenem verhängnisvollen Nachmittag vor zwei Jahren das erste Mal trafen?

War es möglich......dass der Mann, der zu seinem Rücken lag, nur noch ihn hatte? Nur noch diesen – ihren – kleinen improvisierten Familienersatz?    

Gilbert schließt fest seine Augen, weil sie sonst vor Tränen auszulaufen drohen. Glühende Scham lässt seine Ohren zischend heiß werden. Er räuspert sich, versucht seiner Stimme einen normalen Klang zu geben und kichert leise, bevor er unwirklich heiter schnurrt: „Da wird der Lehrer zum Schüler, das gefällt mir!“

Ein heiteres Glucksen wird hörbar und Ivan legt ihm liebevoll eine Hand auf die Schulter, von der sie langsam abgleitet hin zu der Taille des Kleineren, um die sie sich schlängelt und einen endgültigen Ruheplatz findet. Offenbar ist er mit dieser lapidaren Antwort zufrieden gestellt, obwohl sie nicht annähernd das ist, was Gilbert eigentlich versucht war, auszudrücken.

Er ist traurig gescheitert damit zumindest einen kleinen Trost zu spenden. Oder Zuversicht.

Enttäuscht von seiner Unfähigkeit, sich zu artikulieren und dem in seinem Innern tobenden Sturm mannigfaltiger Gedanken und Emotionen, die er kaum imstande ist, zurück zu halten, eine adäquate Plattform bereit zu stellen, liegt er Stunden später immer noch hellwach in der Dunkelheit der Nacht herum, während Ivan hinter ihm schon lange in einen tiefen Schlaf gefallen ist.



Qualen
„Bitte, du darfst Gilbert nichts davon erzählen....“

„R..roderich..“

„Ich...bitte, bitte....sag ihm nichts davon!“

„Shh, ist ja gut, in Ordnung, in Ordnung.“

„Ich hab.....das...das ist mir noch nie passiert, wirklich, ich weiß nicht....ich, ich war abgelenkt..“

„Roderich...Roderich ist gut....beruhige dich. Das Essen ist erst morgen. Hast du noch genug Zutaten für eine neue?“

„....“

„RODERICH!“

„Haa?“

„Hast du noch genug Zutaten für eine neue, habe ich gefragt!“

„Ich....weiß nicht...ja...ja vermutlich, ich denke schon. Gilbert hat....so viel mitgebracht, er wollte, dass es etwas besonderes wird, aber ich habe...“

„Beruhige dich doch bitte erstmal. Das wird es, du machst einfach eine neue. Hier gib das mal her, ich schaffe die Überreste runter in den Müll und du kratzt das Verbrannte aus dem Topf. Und machst die Fenster überall auf, dass der Gestank rauszieht. Das merkt er nie, in Ordnung?!“

Nein. Das ist es ganz und gar nicht. Es ist nicht alles in Ordnung. Auch nicht als Ivan nach einer halben Ewigkeit – die sein Vertuschungsversuch gebraucht hat - wieder die Treppen hinauf gestiegen ist und dabei einen eisigen Schwall kalter Luft mit in die Wohnung hinein bringt.

Die Küche ist verlassen, die diversen Kochutensilien liegen verstreut an genau dem Platz, wo sie vorhin höchst erschrocken fallen gelassen worden sind. Weder sind die Fenster geöffnet, noch der Grund des Topfes von der dunkelbraunen Schicht befreit. Roderich ist nirgends zu sehen, aber ein kleines undefinierbares Geräusch kündet davon, dass er sich ins Bad zurückgezogen hat. Der Russe entscheidet, ihn vorerst eine Weile Zeit für sich allein zu lassen und die Erste-Hilfe-Maßnahmen allein auf die zurückgebliebenen Misstände in der Küche zu beschränken, bevor er sich dem Verursacher dieses kochtechnischen Fiaskos annehmen wird.

Roderich sitzt in gebeugter Haltung auf dem blechernen Wannenrand. Er hat sein Gesicht tief in den Händen vergraben und schluchzt aus vollem Hals in seine Finger hinein. Ohne Taschentuch oder sich die Mühe zu machen, die kläglichen Geräusche, die aus seiner Kehle dringen, abzudämpfen.

Das ist ihm noch nie passiert. Er hat diese bestimmte Süßspeise schon an die hundertmal gefertigt. Unter den tausenden Dingen, die sich ihm verschließen, ist das etwas, was er fähig ist zu tun, worauf er jahrelang heimlich stolz gewesen ist. Ludwig liebte dieses Dessert als Kind, es war eines der wenigen Kleinigkeiten, welches ein Lächeln der Vorfreude auf die Lippen des kleinen Jungen zaubern konnten und Herr im Himmel, wie glücklich hatte Roderich dieser Umstand gemacht. Wie hatten sie die Zubereitung dieser Köstlichkeit miteinander zelebriert, wann immer sie auf den Speiseplan gesetzt worden war.

Es ging so schnell, so unwirklich schnell. Hatte er nicht den Topf eben auf den Herd gestellt? Das können doch nicht mehr als ein oder zwei Minuten gewesen sein, die er sich an den Tisch gesetzt hat und......in ferne Gedanken abgeglitten war. Hatte das immer drängender nach rührender Zuwendung rufende Sprudeln des Zucker-Ei-Schokoladengemischs in dem Topf einfach überhört.

Doch das war nicht die ganze Wahrheit. Noch lange nicht.

Denn viel substanzieller war, dass er die Dampfschwaden nicht wahrgenommen hatte, weil sie sich in dem Bereich der Küche ausbreiteten, welcher unglücklicherweise auf der bestimmten Seite seines Sehfeldes lagen, der noch immer nicht voll funktionstüchtig war, um es mal beschönigend auszudrücken.

Und der wahrscheinlich nie wieder seine volle Stärke zurückerlangen würde.

Er hatte es nicht gesehen. Das war der Grund. Er hatte es nicht gesehen, weil er immer noch nur verschwommene Konturen wahrnehmen konnte auf dem einen Auge, in das ihm vor nicht allzu langer Zeit dieses Monstrum von Mensch diverse Male Flüssigkeiten eingespritzt hatte.

Würde er einen Arzt konsultieren, könnte der ihm vielleicht weiterhelfen, seine Sehstärke mit einem Mittel möglicherweise wieder herzustellen, oder zumindest verbessern. Aber er kann nicht. Man wird ihn fragen, wie er zu der Verletzung gekommen ist.....dann müsste er anfangen, seine Leidensgeschichte einer völlig fremden, unbeteiligten Person zu erzählen und dazu ist er nicht fähig, noch nicht. Er braucht noch Zeit, noch gespielte Musik – nur ganz wenige Tage oder Wochen mehr - die er als Puffer zwischen sich und das Lager legen kann.

Er ist noch nicht soweit, aber bald wird er es sein.

Bald.

Nur langsam beruhigt sich der Mann im Bad. Atmet tief ein, spricht sich selber Mut zu und schüttelt vor allem die bösen Symbolismen ab, die wie kleine Teufel auf seinen Nerven herum tanzen und ihm hässliche Omen ins Ohr flüstern oder ihn mit Rückblenden belästigen: weil Ludwigs Lieblingsdessert nicht das erste Mal gelungen ist, düfte klar sein, welches Schicksal den jüngeren Beilschmidt ereilt hat. Und darüber hinaus: wie kann er es wagen, lebenserhaltende Nahrung zu vergeuden und dann auch noch weg zu werfen, ausgerechnet er, nach allem, was er im Lager gesehen hat??  

Noch ein paar Minuten länger läuft der braunhaarige Mann im Badezimmer umher, bis er fast wieder vollständig in seine ursprüngliche Fassung zurück gefunden hat.

Er muss diesen Kreis der pandämonischen Erinnerungen an das Lager durchbrechen. Er wird ihn durchbrechen.

Entschlossener Haltung benässt er sein Gesicht mit kalten Wasser, fröstelt unter der niedrigen Temperatur bis tief in die Zehen hinein.

Er wird!

Abergläubischer Humbug war das, der ihn überkommen ist. Ludwig ist nicht tot! Und er wird ihm zu Ehren an seinem Geburststag sein Lieblingsdessert zubereiten, ob er nun da ist oder nicht, ob es nun erst bei zweiten Anlauf klappt oder nicht!

Der erste Stein fehlt in der Mauer. Der Durchbruch scheint nah.  



Rückkehr
„Polizist???“

Ivan steht dicht hinter Gilbert und hebt mahnend, bittend den Arm und flehentlich seine Augenbrauen, um Roderichs Konsterniertheit über diese innovative Zukunftsperspektive, die ihm offenbar im höchsten Grade absurd scheint, schon im Keim zu ersticken.

„Jaa, ist ja nur ´ne Idee....ein Gedankenspiel. Aber ich meine, irgendwann werden sie doch wieder welche brauchen, oder? Die Alliierten werden doch nicht für immer hier bleiben und Aufpasser spielen wollen.“ der Preuße, bereit zum aus dem Haus gehen, nestelt oberflächlich an seinen Schuhen herum und zuckt mit den Schultern, während Roderich ihn argwöhnisch anstarrt, dabei heraus zu finden versucht, ob der Vorschlag vielleicht so etwas wie ein schlechter Scherz ist. Von Gilbert ist er ja derartiges gewöhnt, aber die Tatsache, dass Ivan offenbar in diesen vagen Plan eingeweiht worden ist, lässt das ganze eher so erscheinen, dass es wirklich ernst gemeint ist. Nun ja. Es ist zumindest die erste brauchbare Idee, die er aus Gilberts Mund gehört hat. Auch wenn ihre Realisierung wohl mehr als unwahrscheinlich ist. Polizisten sollten Ordnung schaffen und Vertrauen ausstrahlen. Und Gilbert ist bei weiten nicht derjenige, der diese beiden Eigenschaften im anständigen Maße in sich zu vereinigen weiß.

Obwohl - und jetzt, als sich die anderen beiden voneinander verabschieden, stolpert Roderich selber über den Widerspruch, der sich ihm in seinen Gedankengängen auf einmal offenbart – der Preuße doch eigentlich eine durchweg militärische Vergangenheit hat.

Überhaupt ist es für Roderich schwer vorstellbar, sich den Anderen in einem Beruf zu vergegenwärtigen, in dem er nicht mit einer Uniform bekleidet war. Er ist es immer gewesen, er kennt ihn nur so. Und wenn schon Roderich Probleme damit hatte, sich auszumalen, wie der Gehende ein Leben ohne Militär meistern konnte, wie unsagbar schwer muss es dann erst für Gilbert persönlich sein, sich irgendwie in ein ziviles Leben zurückzufinden?

Vielleicht hatte er einfach zu wenig Vertrauen in die Fähigkeiten des älteren Beilschmidt? Weil er zu oft enttäuscht worden war.

Aber - der Wahrheit sollte Genüge getan werden - genauso oft war er auch von dessen Zähigkeit und Sturheit zum positiven hin überrascht worden.

„Vom Zuhälter zum Polizist.“ bemerkt Roderich trocken, als Gilbert gegangen ist und schüttelt ungläubig mit dem Kopf.

Der Russe steht noch an der geöffneten Tür. Erst als die Schritte des Weißhaarigen unten im Treppenhaus ganz verklingen, schließt er sie leise und sagt mit protestierenden Ton: „Es soll schon merkwürdigere Karrieren gegeben haben...“

„Ja.“ pflichtet der Andere Ivan bei, dreht sich in einem seltenen Anflug beißender Ironie herum und ergänzt sarkastisch, „zum Beispiel vom Gefreiten zum Führer!“


***

Die merkwürdige Begegnung ist ist eher einem dummen Zufall geschuldet als irgendwelchen anderen Gegebenheiten.

Gilbert war aus der Stadt sehr viel früher nach Hause gekommen, ganz entgegen seiner Absicht. Im Treppenhaus hatte er begonnen seinen Mantel aufzuknöpfen und war dabei die Stufen zur ersten Etage hochgelaufen. Aus einer der beiden dort nebeneinander liegenden Wohnungen war Stimmengemurmel zu hören gewesen, dann ein Geräusch an der Tür, die sich eine Sekunde später eilig öffnete. Gilbert sah von seinem Kampf mit dem groben Material und den Knöpfen kurz auf, nickte dem Mann freundlich zu – so schnell, das es eben gerade noch als höflich galt und es das Gegenüber auf keinen Fall als Bedrängung empfand - genauso wie man es in der Anonymität städtischer Miethäuser gewohnt war.

Doch dann, schon an der geöffneten Tür vorbei, die ersten Stufen zur zweiten Etage erklommen, hört er mit einem Mal hinter sich eine halblaute Frage, die komplett vor Ungläubigkeit strotzt.

„Sie haben Sie schon so früh rausgelassen?“

Der Mann auf der Treppe stockt in seinem Gang, im ersten Moment nicht ganz sicher, ob sich die Worte des unbekannten Mannes überhaupt an ihn richten.

Stirnrunzelnd dreht er sich herum und starrt den Anderen prüfend an. Er braucht nicht lange, vielleicht drei, vier Sekunden, bevor sich die fremden Züge in das einigermaßen bekannte Gesicht eines früheren Hausbewohners verwandeln. Ohh, natürlich. Irgendwo hier unten hatte der Junge mit seiner Familie gewohnt. Er war noch ein halbes Kind gewesen als Ludwig das erste Mal von der Abwehr ins Ausland geschickt worden war. Gilbert durchfährt ein Schreck als sich ihm in vollem Ausmaß erschließt, wie groß – allein im Aussehen - die Diskrepanz zwischen dem Menschen von damals und heute ist.

Der junge Mann ist wohl ganz zum Schluss noch in die Armee eingezogen worden. Er kann noch nicht sehr lange wieder aus der Kriegsgefangenschaft entlassen sein. Sein Blick ist gehetzt, dass Gesicht abgekämpft, grau und ausgemergelt. Sehr viel älter als Roderich sieht er aus, wie er da so gebeugt im Türrahmen steht.

Noch immer hat Gilbert nicht auf seine Frage geantwortet, deshalb fügt der Mann jetzt mit leicht wutdurchtränkten Blick und leiser, vorwurfsvoller Stimme hinzu: „Dabei waren Sie doch in der SS!“

Ein kleines Mädchen lugt auf einmal vorsichtig um Ecke der Tür, erspäht Gilbert und starrt ihn mit großen Augen neugierig an. Die Aufmerksamkeit des Mannes wird von der Bewegung zu seinen Beinen in Anspruch genommen und endlich endlich bricht er den fixierenden Blickkontakt zu Gilbert ab und schickt seine Tochter?, Schwester?, Nichte? mit einem wortlosen, herrischen Wink in die Tiefe der Wohnung zurück.

Das gibt dem Mann auf der Treppe Zeit sich in Windeseile eine mit knapper Komik versehene und entsprechend geschilderte Geschichte auzudenken, warum er – immerhin Offizier der SS - schon vor dem stinknormalen jungen Angehörigen der Wehrmacht, der dem Alter nach fast noch immer ein Jugendlicher ist, von den Alliierten in die Freiheit entlassen wurde.

Die wenigen Momente, die er braucht, um seine Erzählung an den überaus interessierten Mann zu Fuße der ersten Etage zu bringen, schwirrt noch immer in seinem Hinterkopf die zwar unausgesprochene, aber mehr als deutliche Drohung umher, dass er und seine Vergangenheit nicht ganz vergessen sind bei den Menschen seiner früheren Umgebung.

Gilbert besitzt möglicherweise ein provisorisches Dokument mit einem ausgedachten Nachnamen, welches er von den Amerikanern in Buchenwald ausgestellt bekommen hat. Das jedoch heißt noch lange nicht, dass sich einige nicht mehr daran erinnern können, wie lange und welche Stellung er in der Organisation mit den Totenköpfen auf den Mützen inne gehabt hat.  

Noch immer wird europaweit nach hohen SS´lern gefahndet. Sie werden verhaftet, verurteilt und ja, auch der Todesstrafe zugeführt, wenn es das Gericht der Alliierten so entschieden hat.

Wird auch nach ihm gesucht? Wenn ja, hat sich jetzt zumindest ein Mensch aufgefunden, der den Eindruck macht als ob er sich nicht scheuen würde, freimütig Informationen über seinen Hausnachbarn weiter geben zu wollen. Einer......von wie vielen noch?  

Noch am selben Abend – in einem plötzlichen Drang danach, zumindest irgend etwas gegen das Gefühl des verfolgt werdens zu unternehmen, auch wenn es eine Unternehmung ist, die von völliger Sinnlosigkeit und Hilflosigkeit zeugt -  montiert Gilbert das Klingelschild vor ihrer Wohnung ab.

Wer Beilschmidt sucht, der wird zukünftig nur fündig, wenn er weiß, wo er suchen muss. Alle anderen Besucher sind sowieso nicht erwünscht.



Sonderangebot
„Gilbert?“

Roderich hat sich zögernd dem preußischen Mann genähert, der in der Küche mit Ivan die vielen Zigaretten mit einem Faden zu Bündeln zusammen geknotet. Sie erschaffen Packen mit je 5 und 10 Stängeln der Rauchware, ein kleiner Haufen davon liegt schon am äußersten Ende des Tisches bereit. Überall liegen braune, heraus gefallene Tabakstückchen, sogar auf dem Boden und Gilberts Schoß sind sie zu sehen.

„Hmm...?“ brummt es dem Österreicher als Antwort entgegen. Der Andere hebt weder den Kopf, noch klingt er besonders willig, sich jetzt auf eine Störung einzulassen.

Roderich lässt sich sehr viel Zeit damit, die nächste Frage zu stellen. Er hat sich die Schritte lange durch den Geist gehen lassen, das heißt aber nicht, dass dieses Gesprächsthema ihm jetzt leichter fällt, ganz zu schweigen davon, dass es angenehm ist oder ihm Freude bereitet.

„Was hatte Mengele für einen Rang in der SS?“

Sonderbarerweise ist es Ivans Kopf, der als erstes in die Luft schnellt, auf seinem Gesicht ein undefinierbares Gemisch aus Verwunderung und perplexer Sprachlosigkeit, erst dann folgt Gilberts. Ganz langsam wandern die weißen Haare weiter und weiter in die Höhe, dann richtet er seine Augen auf Roderichs Gesicht, zutiefst erschüttert über so einen plötzlich forcierten  Einbruch in sein früheres Leben. Absolut unwillig zu antworten – und diesen Widerwillen den Stehenden genau spüren zu lassen – fixiert er Roderich fast schon gereizt, mit vielen Falten auf seiner Stirn.

Es verstreichen lange Sekunden. Dann öffnet Gilbert ausdrucksvoll den Mund.

Doch selbst dann vergehen noch einmal ein paar weitere Sekunden, bis er eine brauchbare Erwiderung auf die Nachfrage seines Gegenübers gibt: „Mengele war Haupt-sturm-führer.“

Nicht nur speit er den Satz aus als wäre es Gift, nein, er betont den Dienstrang auch noch so drastisch übertrieben, dass er damit den Anderen auf jeden Fall lächerlich machen will, der bekanntermaßen nicht die geringste fachliche Ahnung von militärischen Themen besitzt. Als ob er es einen Kleinkind erklären und dazu auffordern würde, man solle ihm nachsprechen.

Nach schweren, sichtbaren Schlucken erhebt Roderich erneut seine Stimme. Nervös und sich dabei fast schuldig fühlend, weil er weiß, dass er gegen ein Gebot, eine stillschweigende Übereinkunft, verstößt, in dieser Wohnung und ihrem Verbund nicht über die Vergangenheit zu sprechen, besonders nicht über Gilberts.

„Und was entspricht das in...uhmm....normalen..militärischen Sprachverständnis?“

Ein weitere gute Portion an Zeit verstreicht, die den Fragenden mit stummen – vielleicht vorwurfsvollen? – Anstarren bestraft für seine Verfehlung. Dann bequemt sich der Preuße doch noch dazu, auch diese mit soviel Unkenntnis durchdrungene Frage aufzuklären. Obwohl es für Roderichs Verständnis schon eine gane Menge ist zu wissen, dass die SS und die Wehrmacht für ihre Dienstränge jeweils verschiedene Bezeichnungen hatten.

Ohne diese Leistung anzuerkennen, verrät Gilbert die Auflösung äußerst knapp und kurz angebunden, wobei er sich schon während des Sprechens wieder der Unordnung auf dem Tisch zuwendet und Roderich den Hinterkopf zuwendet.

„Hauptmann ist das!“

Noch lange, nachdem Roderich aus der Küche gegangen ist, blickt Ivan starr auf die Stelle, wo der ehemalige Auschwitz-Häftling gerade gestanden hat. Nicht besonders gut die Unsicherheit in seiner Miene verstecken könnend, unter der ganz tief verborgen sogar ein Stück Sorge aufflackert. Und Ängstlichkeit.


Ausblick: das nächste ist das letzte. Dieses Mal im Ernst. Wird es eine Auflösung geben oder ein langsames Einsehen, Verdrängen und Akzeptieren der Situation, wie sie sich jetzt bietet? Seufz....

Zwei Sachen noch:

1. Ich habe ehrlich gesagt ein paar Tränchen vergossen, als ich das ungewisse zu Ivans Vergangenheit geschrieben habe. Ich hatte mir auch – blinder-, dummer-, merkwürdigerweise – bis zu dem Tag des Schreibens noch nie Gedanken darüber gemacht. Armer Mann...) =.

2. „Der erste Stein fehlt in der Mauer, der Durchbruch ist nah!“ ist ein ziemlich gewaltiger Satz aus Herbert Grönemeyers Lied „Bleibt alles anders“, reißt erst nicht vom Hocker, aber bitte wartet geduldig auf den trommelwirbenden Refrain.
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