Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
46
219.821
8
Alle Kapitel
119 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.02.2012 6.089
 
Ok. Ich habe mich verschätzt (es tut mir leid, dass ich das immer erst beim Schreiben merke und mich vorher immer vertue!!) und es gibt noch ein Zäsur III-Kapitel. Hoffentlich ist das in eurem Interesse..^^...?!!

Zäsur II, wie wäre es mit Schach? Und etwas Liebe? Oder doch lieber Streit??

Im Übrigen gehört auch dieses Kapitel noch zu Füßen von Ar-Feiniel gelegt, möge sie damit anstellen, was die Eingebung, das Herz oder der Verstand ihr gebietet! ( =


Zäsur II

Melodie
Draußen zerrt ein kräftiger Herbststurm die letzten bunten Blätter von den Bäumen und klatscht das nasse Laubwerk an die Scheibe, hinter der ein warmer orangener Schein von gemütlicher Behaglichkeit kündet. Und von mehr als das.

Von viel mehr.

Ein immer eindringlicher hervor gebrachtes, immer hastiger werdendes Keuchen und Stöhnen tönt aus den Mündern der zwei Männer, die so dicht aneinander geschmiegt auf dem Sofa sitzen, dass der Eindruck einsteht, es gebe nicht genügend Platz für beide.

In einer bedächtigen Bewegung greifen süchtige Hände besitzergreifend nach der nackten Taille des Kleineren und ziehen ihn auf einen kribbelnd warmen Schoß, ein kläglicher Laut gefügiger Zustimmung entfährt einer Kehle und löst einen in Art und Weise verwandten, aber ungleich volleren Ton liebevoller Hingabe bei dem Anderen aus. Lange Minuten getränkt mit glücklichen matten Seufzern und lauter werdenden, tonlos fordernden Wimmern nach mehr streichen unbemerkt an den sich stetig aneinander reibenden zwei Körpern vorbei. Das hier ist sicherlich nicht das erste Mal an diesem Platz, aber es ist das erste Mal, dass sie sich Zeit lassen, dass sie den Höhepunkt bewusst verzögern und richtig zärtlich, ja sogar beinahe selbstlos zueinander sind.  

Ganz wenige Male zuvor haben sie schon gemerkt, dass eine Verlängerung ihres geschlechtlichen Zusammenseins einen intensivierten Orgasmus zur Folge hat, aber nie waren sie in der Stimmung – oder geduldig genug – um ihre Neuentdeckung bis zur größtmöglichen Gefühlserschütterung auszukosten.

Heute ist es anders...heute passt es irgendwie alles zusammen, der Zeitpunkt ist genau richtig.

Es dauert nicht mehr lange und Gilbert liegt schwer atmend in Ivans Armen, den Kopf auf seine Schultern abgelegt – unfähig einen anderen Ton von sich zu geben als das schnelle Einsaugen von Luft in seine heillos überlasteten Lungen. Ivan hat seinen Rücken in die weichen Kissen des Sofas zurückgelehnt, die Augen geschlossen und seine Wange schmiegt sich an das Ohr des Mannes, der auf ihm sitzt, dicht an seine Brust gelehnt. Jetzt, wo sie fertig sind und sich ihre Atmung langsam wieder beruhigt, ist es sehr still zwischen den beiden. Im hin und her tanzenden Flackern verschiedener Kerzen bedeckt eine Welle von Müdigkeit die beiden schwitzenden Körper mit weicher Schwere. Natürlich gäbe es viel zu sagen, aber nicht jetzt, wo alles so vollkommen ist, so unbegrenzt und lückenlos passend.

Seinen Kopf noch immer an die warmen Ablage gekuschelt, bräuchte es für Gilbert nicht mehr als drei, vielleicht vier ganz tiefe Atemzüge mehr und er würde die letzte Grenze bewusster Wahrnehmung passieren und in einen erfüllten Schlaf abgleiten.

Doch ein neues Geräusch rüttelt seine dösig gewordenen Sinne noch einmal auf und reißt sie in die Wirklichkeit zurück. Eine gehauchte süße Kopie eines exotischen Tons aus der Wohnung nebenan, ein sehnsuchtsvoller nachdrücklicher Schall dünner Zuversicht. Er bricht ab und wiederholt sich gleich danach erneut, dieses zweite Mal ein paar Spuren höher – was viel fülliger klingt und irgendwie richtiger, nicht mehr ganz so verzweifelt.

Für einen Moment klettert der Ton in hoffnungsvolle Höhen unbekannter Machart, dann bricht er abrupt ab und es ist still, totenstill, eben weil er nicht mehr da ist. Als ob der Ton dem Sein von eben erst einen lautformenden Sinn gegeben hätte.

Gilbert lehnt sich zurück und starrt Ivan aus großen Augen fragend an, vielleicht hat er das nur geträumt? Nein, sein Gegenüber starrt mit dem gleichen überraschten Blick zurück. Beide schweigen und lauschen angestrengt zur Wand hinüber, hinter der sich Roderich offensichtlich das erste Mal seitdem der Krieg endete, dazu entschieden hat, dem Streichinstrument mit seinen fähigen Händen Geräusche zu entlocken, die tatsächlich die Bezeichnung Musik verdienen.

Ewige Momente vergehen ungestrichen, ungespielt. Sie wissen, dass es für den dritten Mann an ihrer Seite schwer ist – keiner von ihnen hat je gewagt, zu fragen warum – dass es sogar unendlich schwer ist, an dem Leben anzuknüpfen, dass er vorher geführt hat, vor dem Krieg, dem Lager und der Ermordung seiner Frau. Das Musik für ihn nicht mehr dasselbe zu sein scheint, wie früher. Aber wie kann er das wissen, wenn er es nicht versucht, wenn er nicht zumindest die ihm geschenkte Violine in seine Hände nimmt, den Bogen an die zart gespannten Saiten legt und sich instinktiv dem grenzenlosen Flug seines unbewussten Willens überlässt?

Und genau das hat er gerade eben getan....und jetzt ist es verräterisch still. Minutenlang.    

Heißt das, dass er es tatsächlich nicht will? Oder nicht mehr kann?

Ein leises, fast unhörbares Rumpeln dringt zu den neugierig horchenden Ohren der zwei Männer auf dem Sofa und bevor einer von ihnen in seiner immer größer werdenden Ungeduld anfangen kann zu sprechen, erklingen ein weiteres Mal die aneinander gesetzten Töne durch die Wand in ihre Wohnung hinein. Töne, die sich erst abgehackt und unsicher anhören, dann aber in stetiger, ruhiger Weise mit ihren Höhen und Tiefen zueinander passend zusammen gesetzt werden und eine Vorahnung ihrer eigentlichen Bestimmung geben: einer sanften, eindrücklich melancholischen Ballade über die Musik als Balsam für die Seele.

Mit offenen Mündern vernehmen die zwei Männer die kunstvoll ausgeführte Erzählung, die ihnen ohne den Einsatz einer Stimme näher gebracht wird. Lächelnd schauen sie sich an und Gilbert flüstert dem Anderen triumphierend zu: „Ich hab es dir gesagt!“

Ivan legt ihm sacht die Hand auf den Mund und winkt ab: „Schhh“, doch Gilbert wedelt die Hand von seinen Lippen und grinst, auf eigentümliche Weise stolz erscheinend, noch einmal nachdrücklich auf sein Gegenüber ein, die Stimme noch immer nicht zu voller Laustärke erhoben wagend: „Ich hab es dir gesaaaagt!!“    



***


Er kann es. Er tut es. Er spielt wieder.

Nichts ist vergangen. Nichts ist verlernt. Jeder einzelne Handgriff, jede gekonnte minimale Beschwerung seiner ruhigen Finger, wenn er den Bogen führt und urplötzlich die Tonleiter tief herunter klettern muss, um den rapiden Anschluß-satz nicht zu verpassen. Alles ist noch da. Präsent.

Nichts ist vergessen. Sein Talent durch das Lager nicht getötet worden.

Mit Lampenfieber und der an sich selber gestellten Forderung, sofort umkehren zu wollen, wenn der Mut ihn verlässt, wandert er eines Tages mit seiner Geige unterm Arm in das Restaurant des Hotels, von dem ihn die beiden anderen erzählt haben. Der verantwortliche Chef starrt ihn prüfend an, zuckt dann mit den Schultern, stellt ihm einen Stuhl zurecht und winkt auffordernd mit der Hand zum Zeichen, dass er anfangen soll, zu tun, wofür er gekommen ist.

Zaghaft setzt Roderich sich hin.

Und schließt die Augen, verschließt sich vor seiner Umgebung und spielt, was ihm die Eingebung geruht in den Geist und die Finger zu legen. Spielt nur für sich und der Schönheit der Musik wegen. Eines seiner Lieblingsstücke. Sanft und bedeutungsvoll als ob es nur für ihn komponiert worden wäre, als wäre es die Uraufführung und noch nie hätte ein anderer dieses göttliche Sammelsurium an Noten und Pausen zum Leben erweckt, diese ganz spezielle Melodie.  

Erst als begeistertes lautes Klatschen ihn in die diesseitige Welt zurück holt, merkt er, dass er gar nicht dort ist, wo er sich vorstellte zu sein. Da hat er die Geige schon lange auf den Schoß abgelegt und der Chef des Hotels steht vor ihm und schüttelt ihm die Hand, überschüttet ihn mit freundlichen Worten und großen Versprechungen.

Anscheinend ist sein künstlerischer Vortrag gelungen.

Als er nach Hause kommt, sitzen Gilbert und Ivan stumm am Küchentisch, blass und anklagend schauend. Verlegen erzählt er von seinem Ausflug, seinem Erfolg in dem Restaurant, in dem er ab jetzt so eine Art feste Anstellung hat.

Sie freuen sich für ihn, sie gratulieren ihm. Ivan noch überschwänglicher als Gilbert, der merkwürdig hinter seiner üblichen Übertriebenheit zurückgefahren bleibt, als wäre ihm ein formloser Schreck abgrundtief in all seine Glieder gefahren. Und genau so hat es sich auch zugetragen. Roderichs plötzliches Verschwinden hatte einen Pfeil durch die hart erarbeitete Fassade der über Wochen aufgebauten Normalität geschossen, hatte in den Untiefen seines Bewusstseins eine direkte Verbindung zu Ludwigs Nichtvorhandensein gezogen. Er selber ist mehr als überrascht davon, wie fragil sich sein Gemüt entpuppt, wenn es überraschend auf eine unerwartete Situation trifft. Das erste Mal bemerkt er, was ihm sein heiteres Gesicht wirklich kostet und welche Kraft es benötigt, die anderen beiden über seinen Seelenzustand zu täuschen.    

Doch Roderich ist zu eingenommen von der neuen Entwicklung in seinem Leben, um an diesem Abend neben sich diese signifikante Erschütterung zu bemerken. Zu aufgeregt. Und selbst Ivan kann das ganze volle Ausmaß der Phasen von Bestürzung und unfassbarer Hilflosigkeit, in dessen Tiefen sich die Gefühle seines Partners in unregelmäigen Abständen wiederfinden müssen, nur ahnen.  


***

Er geht zu unterschiedlichen Zeiten in dieses feine Restaurant. Meistens abends. Und dann spielt er. Für sich. Und die Gäste.

Es öffnet etwas in ihm. Eine Pforte zu einer tief unterdrückten, in sich verschlossenen Trauer.

Wenn er nach Hause kommt, die Tür hinter sich schließt und seine Violine auf die Kommode im Flur ablegt, fangen des öfteren vereinzelt Tränen über seine Wangen zu rinnen. Manchmal weint er abends heftig vor sich hin und kann lange Zeit nicht damit aufhören.

Doch wenn das passiert fühlt er sich morgens freier. Erlöster. Vielleicht ist das weinen sogar hilfreich, eine Art Therapie? Als ob ein Damm gebrochen wäre und der ganze Druck – die dunkle Blase der Erinnerungen - entweichen würde.



Nelke
Der Auslöser des lange überfälligen heftigen Ausbruchs waren die harmlosen rötlichen Blumen gewesen, die in einem mächtigen Strauß in der Küche am Fenster gestanden hatten.

Erst hatte Ivan ein paar von ihnen auf der Straße von ein paar übermütig feiernden Rotarmisten in die Hände gedrückt bekommen und sie – unabsichtlich vor Freude strahlend – angenommen und dann hatte eine hohe sowjetische Delegation in dem Restaurant, in dem Roderich seine Musik vortrug, mit aller überschwänglicher Feierlaune ihren Nationalfeiertag zelebriert. Der Österreicher war dabei nach einiger Zeit überflüssig geworden, denn die Ehrengäste hatten selber ihre eigenen Musiker mitgebracht – die fröhlichere Lieder auf ihren diversen Akkordeons und Mundharmonikas zum Besten gaben - und Roderich war mit einer Flasche Wodka und einem Strauß roter Nelken heraus komplementiert worden. Ein Hergang der Ereignisse, der ihm wahrscheinlich selber nicht ganz unlieb war, obwohl die kindliche Heiterkeit und ausgelassene Atmosphäre, in die die eigentlich hochoffizielle Feier abzudriften sich nicht scheute, selbst den Violinenspieler anzustecken schien.

Am Abend steht die zusammen gelegte rotgewaltige Farbenpracht in einer gläsernen Vase und verströmt einen blumigen Duft und darüber hinaus scheinbar eine ganze Menge agitativer Energie.

Roderich summt völlig selbstvergessen „Die Internationale“ und Ivan, der bei ihm in der Küche sitzt und sich mit Möhrenschälen abquält, fällt in die Melodie ein. Erst leise und unbeholfen, dann immer lauter und mutiger werdend, bis er schließlich mit überzeugter Stimme den russischen Text singt und dabei vor selbstbewusster Tatkraft fast anfängt, zu strahlen.

Das Lied ist wie ein Rausch.

Unglücklicherweise ist Gilbert, der zu dieser Szene hinzu kommt, weder besonders scharf darauf, an diesem musikalischen Drogengelage der absonderlichen Art teilzunehmen, noch besonders willig darauf, etwas zu feiern, was sich ihm – rein geschichtlich – noch nie ganz erschloßen hat. Außerdem – und das ist wohl das eigentliche, was sich unbarmherzig in das Zentrum seiner hochsensiblen Nervenstränge hinein bohrt – erschüttert es ihn einigermaßen stark, Ivan auf einmal diese fremde Sprache sprechen zu hören, die davon zeugt, dass er ursprünglich nicht hier hin gehört, dass er eine andere Herkunft, ein eigenes Vorleben hat. Das er eine vollkommen eigenständige Person war, bevor er auf Gilbert traf. Und es vielleicht auch jederzeit wieder sein könnte....

Warum muss er das gerade so kundtun, warum ausgrechnet jetzt? Es fühlt sich so an, als ob er ihm absichtlich in den Rücken fällt, jetzt wo er eigentlich jede emotionale Unterstützung benötigt, die er kriegen kann – auch wenn er nicht fähig ist, das auf normalen Weg zu äußern.

Als die beiden endlich mit singen fertig sind, blinzeln sie sich für ihre Sangeskünste einander huldigend zu und der Russe stibitzt eine einzelne Nelke aus der Vase, steht grinsend auf und wedelt damit vor dem Gesicht seines Partners herum, der ausdruckslos kochend am Türrahmen lehnt, spielerisch und absolut nicht gefasst für die Folgen, die sein Verhalten haben wird.    


***

Die einzelne Nelke liegt unbeachtet auf dem Wohnzimmerfußboden, wo sie ihr vorläufiges Ende gefunden hat, nachdem Gilbert sie Ivan entnervt aus der Hand gerissen hat – wohl wissend welche symbolhafte Bedeutung die Blume für ihre Beziehung hat - und durch den Flur in das andere Zimmer marschiert ist. Der Andere ist ihm auf dem Fuß gefolgt und beide haben sich in eine erhitzte Diskussion hochgeschaukelt, die ihren trotzigen, wundenschlagenden Ausklang in einem allzu offenen und allzu überhasteten Höhepunkt findet.  

Der weißhaarige Mann tigert auf dem Teppisch vor dem niedrigen Stubentisch herum und zischt anklagend: „Du hast doch überhaupt keine Ahnung wie scheißschwer es ist....!“

Sein Gegenüber steht mit ernsten Gesicht an der Tür und betrachtet verstört die auf dem Boden geworfene Blume. Als er antwortet klingt es fast resignierend, aber vor allem eine ganze Menge traurig.

„Du machst es einen auch nicht besonders leicht, es zu verstehen, Gilbert! Uns beiden nicht.“

Der Angesprochene wirft theatralisch den Kopf nach hinten und hebt ruckartig die Hand, als ob er sie sich an die Stirn knallen wollte: „Ach so ist das. Natürlich. Jetzt bin ich es auf einmal.“

Ivan tritt einen Schritt nach Vorne, näher auf Gilbert zu und sein Temperament begehrt gegen soviel erbärmlich dargebotenes Selbstmitleid mit ersten hitzigen Flammen züngelnd auf: „Ich habe ja nicht behauptet, dass du dafür etwas kannst, aber weißt du...“, es fällt schwer in der Erregung, in der sich der Sprechende verfangen hat, die richtigen Worte zu finden, „wir müssen uns alle an die veränderten Umstände gewöhnen, Roderich und ich versuchen das so weit es geht. Aber du...“, wieder eine Pause, wieder Überlegen, verzweifeltes Suchen nach den passenden Sätzen, die genau das umschreiben, was ihm schon so lange – und schwer - auf dem Herzen liegt, „..bist nicht unbedingt jemand, der das gern macht, vielleicht....wenn du endlich anfangen würdest, zu akzeptieren, dass es kein drittes Reich mehr gibt oder...“, Ivan schluckt unwillkürlich und ehe er es zurückhalten kann, spricht er es bereits aus, „...das dein Bruder möglicherweise nie wieder..“

Wie elektrisiert fährt Gilbert auf, ein Funkeln absoluter Wut in seinen Augen. Er stoppt das, was er nicht ertragen kann, zu hören, augenblicklich, noch ehe es sich in menschlicher Sprache richtig ausformen kann, noch ehe es verlautbar und somit wahrscheinlicher werden kann.

„NEIN! HÖR auf! Ich warne dich! HÖR einfach auf.“

Seine hastig ausgestoßene Erwiderung war ein einziger lauter Schrei der Verzweiflung. Selbst Roderich hat in der Küche ängstlich in seinen Tätigkeiten inne gehalten und fragt sich, ob er eingreifen oder jemanden zu Hilfe eilen soll. Nur wem....?  

Mit einem großen Ruck dreht sich Gilbert herum, atemlos und völlig außer sich. Seine Gedanken rasen vor sich hin, auf überlasteten, vor feindlichen Annahmen eingeengten Denkbahnen wirrer Unentschlossenheit. Gehetzt sucht er nach einer Lösung, nach einem Weg die Verletzung, die er gerade erleiden musste, zurück zu geben, im doppelten und dreifachen Ausmaß. Ein paar Momente steht er mit den Rücken zu Ivan gewandt, dann strafft er sich, holt tief Luft und dreht sich mit böse irrlichternden Blicken wieder um.

„Weißt du was...wenn du mich nicht mehr ertragen kannst, dann geh doch zurück...ich bin bestimmt nicht der, der dich auch nur einen einzigen verdammten Tag weiter aufhalten will!“

Ivans Augen weiten sich als sich ihm die ganze Tragweite dieser Forderung erschließt, er starrt den Anderen an, die ersten Sekunden zu perplex und überrumpelt, um etwas zu sagen. Dann wird er unnatürlich ruhig, ballt die rechte Hand zur Faust und forscht mit dünn gewordener Stimme nach: „Willst du das, tatsächlich...?“

Gilbert ist fassunglos über soviel Kaltheit, die ihm entgegen schlägt, soviel gefühlsmäßige Abgeklärtheit. So giftig und entschlossen er es in seinem getroffenen Zustand noch aufzubringen imstande ist, knurrt er seinem Gegenüber zu: „Du willst das doch, offensichtlich....dann los, geh...geh weg von hier!!!!“

Die letzten Worte schreit er wieder mit voller Kraft aus sich heraus als wäre das hilfreicher für ihn, um mit der ganzen Situation besser umgehen zu können, um zu zeigen, dass er bestimmt nicht in der schwächeren Position ist. In der nachgebenderen.

Ein ganzer Wust an eigentümlicher Anspannung geistert auf Ivans Miene, macht sie dunkler, unberechenbarer. Langsam öffnet er den Mund und kündigt beherrscht an: „Ich nehme dich beim Wort Gilbert, ich gehe hier raus und du siehst mich nie wieder!“

Sein Gegenüber lässt ein verächtliches „Hah!“ erklingen und stampft in großen Schritten an dem Russen vorbei, während seine eng zusammen gekniffenen Augen ihm ein gereiztes, versuchendes „Mach doch!“ zu zuschreien scheinen.

Sekunden später knallt Gilberts Zimmertür so laut zu, dass es die ganze restliche Wohnung erschüttert.

Ivan steht allein gelassen im Wohnzimmer, den Kopf gesenkt. Am Boden zerstört.

Er fühlt sich hilflos wie selten zuvor und weiß nicht, was er tun soll. Bleiben? Gilbert hinter her laufen? Oder wirklich gehen? Wenn es das ist, was der Andere will, mit welchem Recht kann er sich noch erlauben, eine Minute länger hier zu bleiben....?

Es fühlt sich alles so abgrundtief verloren an....

Lange Zeit scheint er an der einen Stelle inmitten Stube zu stehen, völlig unfähig sich zu rühren.

Bis sich irgendwann ein schwaches Räuspern an der Wohnzimmertür bemerkbar macht.

Ivan registriert das raspelnde Geräusch hinter ihm wie in einem Traum und wendet den Kopf zur Seite - jedoch nicht so vollständig, dass er sehen kann, wer ein paar Meter hinter ihm steht.

Roderich hat in seinem Leben schon mehr als einen von Gilberts berüchtigten, aus dem Nichts kommenden Ausbrüchen über sich ergehen lassen müssen. Er weiß wie schrecklich ohnmächtig und verletzt man sich danach fühlt, aber auch wie verhältnißmäßig schnell sich die betreffende Quelle des trotzigen Ärgers wieder abkühlt, wenn man sie in Ruhe lässt. Auf jeden Fall sollten jetzt keine übereilten Entscheidungen getroffen werden.

Etwas gebeugt steht er also an der Tür und versucht mit leisen, versöhnlichen Worten auf den bedrückten Klotz Mensch, der wie ein ganzes Stück Elend in der Mitte des Zimmers steht, einzureden: „Es ist zwar jetzt mehr als unpassend, aber das Essen ist fertig und ich würde mich freuen, wenn du mir Gesellschaft leistest!“

Damit sich die sanften Worte und die Botschaft dahinter in der wieder einsetzenden Stille richtig entfalten können, dreht sich Roderich herum, um zurück in die Küche zu gehen und den Tisch zu decken. Nicht ohne vorher noch die auf dem Boden liegende Nelke mit einem einzelnen schnellen Handgriff von ihrem unwürdigen Platz zu fischen und wieder zu ihren Gesellinnen zu stecken.



Opfer
Es ist erneut ein trüber Sonntagnachmittag. Draußen stürmt es unangenehm heftig, der Wind pfeift geräuschvoll um die Häuserecken und lässt die darin verweilenden Menschen sich freuen, dass sie im trockenen sitzen dürfen.

Ivan und Roderich sitzen beide mit angestrengter Miene über den Wohnzimmertisch und spielen Schach. Während der eine mit seinem Gesicht fast auf dem holzgekachelten Brett klebt, dabei seine Hand großflächig auf dem Mund liegen hat – was wohl die Denkleistung vervielfachen soll, hat sich der Andere mit den Armen vor der Brust verschränkt weit im Sessel zurückgelehnt und erhofft sich dabei, von der etwas weiteren Entfernung eine bessere Übersicht zu erhaschen. Beide sind in angestrengtes strategisches Grübeln verfallen, zwischen ihren einzelnen Zügen liegen intensive Momente des Nachsinnierens, die sich auch gerne mal zu dutzenden von Minuten ausdehnen können.    

Gilbert hat ihr Spiel anfänglich durch einige unnötige Kommentare versucht zu stören, hat probiert, sich einzumischen und die Aufmerksamkeit, die von Natur aus ihm zu zustehen scheint, von dem dämlichen Holzbrett und den grobgeschnitzten Figuren auf ihn zu lenken. Als er gemerkt hat, dass er mit seinen spitzfindigen Bemerkungen nicht viel ausrichten kann und sein Glück nicht unbedingt weiter treiben wollte als er es ertragen kann - immerhin hat sich die Lage nach dem großen Streit gerade erst wieder beruhigt – hat die sich stetig ausbreitende Stille auch ihn in ihren warmen Dunst eingeschlossen.  

Unbemerkt ist er vor etwa einer halben Stunde aufgestanden und steht seitdem starr am Fenster. Starrt träumerisch hinaus in den dämmrig werdenden Abend. Und wartet. Während er in einer Art Trance mit den Händen an den kümmerlichen Pflanzen herum pult, die unter Roderichs sorgenden Händen ein Mindestmaß an Größe und gesunder Grüne erreicht haben.

Hinter ihm zieht Ivan seinen Bauern auf dem Brett scharf nach rechts und lässt ein kleines triumphierendes Grinsen erkennen, als er Zeuge wird, wie sein Gegenüber die Augenbrauen hebt und ein langgezogenes, beinahe lautloses „Hmmmmm“ ertönen lässt. Hier zu gewinnen ist für den Russen beinahe eine Ehrensache, er spielt es immerhin schon seit er 15 oder 16 Jahre alt war und darüber hinaus, wer außer ihm hat in diesem Haushalt sonst noch die ausgefeilten taktischen Fähigkeiten, die es braucht, um eine methodische Partie dieser Art zu seinen Gunsten zu entscheiden? Er war Partisanenkämpfer, er musste logistisch immer drei Schritte im Voraus denken, wenn er sich mit seinen Männern zwischen den Linien der deutschen Soldaten bewegte. Und er ist nie dabei erwischt wurden, zumindest nie unabsichtlich.
Roderich lässt sich mit seinen Gegenzug nicht besonders viel Zeit, sondern beugt sich langsam hervor, greift eines seiner Pferde und lässt die Figur über das Spielfeld tanzen. Mit einem aussagekräftigen „Klack“ stellt er es an eine ganz bestimmte Stelle, nicht allzu fern von Ivans Königin, und reibt sich amüsiert die Hände darüber, dass der Andere völlig entgeistert die Schultern fallen lässt, während er Zeuge dieser unschönen Entwicklung werden muss. Nein, Roderich Edelstein sollte nicht unterschätzt werden, vor allem nicht sein brennender Ehrgeiz, Spiele, die eigentlich nichts weiter als Spiele sind, gewinnen zu wollen. Wenn er schon im richtigen Leben kein besonders passabler Kampfpartner war, wollte er es zumindest auf einer übertragenen Ebene sein.

Beide Männer sind so auf ihren Wettkampf konzentriert, dass sie nicht merken, wie plötzlich ein Ruck durch Gilbert geht, so scharf und gewaltig, dass es seinen Körper erschüttert und er sich mit beiden Händen am Fensterbrett festklammern muss. Sein Gesicht schnellt nach Vorne und er zieht hastig die Luft ein, hält seinen Atem an.

Sehr blass geworden dreht er sich herum, steht wie ein von mehreren Blitzen getroffenes Opfer vor dem Fenster und versucht sich zu artikulieren, öffnet seinen Mund und schließt ihn und öffnet ihn wieder, nur um unbeholfen erleben zu müssen, wie daraus kein Wort hervor kommen will. Er hebt sie Hand, versucht mit Gesten auszudrücken, was auf einmal über ihn gekommen ist, aber niemand beachtet ihn. Ein Geisterschauspieler. Der was....eine Erscheinung hatte?

„Ich....“ krächzt es schließlich nach endlosen Momenten unwirklich aus seiner verengten Kehle, „...bin...gleich wieder da.“

„Hmm“ lautet die trockene Antwort, welche die Schachspieler fast zeitgleich aus ihren geschlossenen Mündern erwidern und dabei nicht einmal aufsehen. Oder merken, wem und was sie gerade Zustimmung geleistet haben.

Gilbert hastet kopflos an ihnen vorbei, ohne ihr achtloses Verhalten noch weiter zu kommentieren  – und spätestens hier müsste einer der Anderen aufhorchen und spüren, dass etwas nicht ganz in Ordnung ist.

Aber weder Ivan noch Roderich haben all ihre Sinne geöffnet. Ihr Geist ist beschäftigt und die Wärme des Raumes – im krassen Gegensatz zu dem Wetter draußen - trägt nur noch mehr dazu bei, mit ihrem kurzweiligen Brettspiel diesen Nachmittag in einen interessanten, aber immer noch furchtbar gemütlichen Zeitvertreib zu verwandeln.

Es braucht eine ganze halbe Stunde, bis die Wärme allmählich nachlässt und ein kühler Zug in das Wohnzimmer hinein kreucht, um den darin verbliebenen Körpern seine Anwesenheit deutlich zu machen und sie dabei mit einer unangenehm heftigen Gänsehaut zu überziehen.

Erst als Ivan mehr fröstelt als er es gemeinhin in geschlossenen Räumen gewohnt ist, blickt er das erste Mal richtig bewusst auf und fragt planlos: „Warum ist es auf einmal so kalt?“

Roderich schnippst aus einem Gedankengang in die Wirklichkeit zurück, bemerkt, wie berechtigt die irritierte Frage seines Gegenübers ist und blickt wirr zum Fenster hin, als würde dort die Antwort liegen.

Dort ist aber nichts brauchbares zu finden, also zuckt er mit den Schultern und pariert elegant mit einer Gegenfrage: „Wo ist Gilbert?“  

Der Russe imitiert das Verhalten seines Gegenübers und schüttelt dabei noch ahnungslos mit dem Kopf, während Roderichs Blick zur weit geöffneten Stubentür gleitet und sich dort an der Szene, die sich ihm dahinter darbietet, mit Verwunderung festsaugt. Etwas wie ein kleines Brennen ängstlicher Nervosität überkommt ihn. Während er aufsteht, fragt er unsicher, nur um sich irgendwie zu äußern und wohl wissend, dass Ivan des Rätsels Lösung nicht kennen kann: „Warum ist die Haustür offen?“

Noch ehe Ivan antworten kann, ist Roderich aus dem Zimmer gegangen, immer schnelleren und längeren Schritten folgend. Der auf dem Sofa sitzen gebliebene beobachtet ihn, wie er hastig aus dem Wohnzimmer läuft, durch den Flur und zur armbreit geöffneten Haustür. Dort legen sich seine Hände an den Knauf und er reißt sie weiter auf, schaut nach draußen, aber da ist anscheinend nichts, was von Bedeutung wäre. Unschlüssig steht Roderich im Flur und ruft fordernd nach Gilbert, mehr in die Wohnung hinein als nach draußen in den Hausflur.

Was folgt ist ein Schweigen, welches so verstörend ist, dass es beide Männer endgültig aus ihrer verwirrten Apathie aufschreckt. Sie starren sich an und abrupt steht Ivan auf, um sich an der Fahndung nach dem dritten zu beteiligen. Diese beherzte Suche dauert jedoch nur Sekunden, die Wohnung erstreckt sich ja nicht auf besonders weiten Flächen in die Unendlichkeit hinein und dennoch, Gilbert bleibt wie vom Erdboden verchwunden.    

Unschlüssig stehen sich die beiden für einen Augenblick schweigend gegenüber.

Es ist schließlich Roderich, der sich mit unruhigen Händen seinen Mantel um die Schultern legt, wortlos und mit gehetzten Blick an Ivan vorbei energisch durch die Haustür schreitet und den ersten Treppenansatz hinunter läuft, in seinem Innern fast schon panisch werdend über der rätselhaften Situation, in deren Fängen er sich jählings wiederfindet.

Es ist Roderich, der mit seiner ganzen aufbrechenden Büchse der Furcht und den heillos übertreibenden Vorstellungen gar nicht weiter als bis in die erste Etage kommt. Wo sich auf der blanken Treppe, ganz dicht an die kalte Wand gepresst, ein Bündel Mensch zusammenkauert und von einem trotzig niedergehalten, stummen Schluchzen geschüttelt wird.

Wie erstarrt bleibt der Österreicher am Geländer stehen und schließt für einige Sekunden die Augen, erleichtert, dass nichts schlimmeres passiert ist, dass Gilbert noch lebt, noch einigermaßen gesund ist. Er hat es, weiß Gott, tausendfach erlebt, dass lebendige Menschen einfach so verschwinden. Zu Tode kommen. Es ist möglich. Alles ist möglich.

Als er sehr erleichtert tief ausgeatmet hat, füllt sich seine Miene mit einem mitleidigen Ausdruck und er nähert sich Schritt für Schritt dem auf der Treppe hockenden personifizierten Sinnbild der Verzweiflung an, während er ihn dabei flüsternd zu rufen, zu beruhigen versucht: „Gilbert...Gilbert..was machst du denn..?“  

Der Mann auf den Stufen dreht den Kopf zur Seite weg und schnieft jetzt nur noch stärker. Es war ein Trugbild gewesen, seine eigene Schuld. Jemand war die Straße entlang gegangen und er hatte gedacht.....dieser Jemand hatte ihm aus der Ferne so ähnlich gesehen, der gleiche Gang, dieselbe Statur. Aber als er nach unten gerannt war, war der ihm so bekannt erscheinende Fremde schon weiter gegangen, an dem Vorgarten, der Haustür vorbei. An Gilberts Hoffnungen und Wünschen und Träumen vorbei.

Wieder sind große Erwartungen zu Staub zerfallen.  

Roderich setzt sich dicht neben den Anderen und legt ihm zögerlich, aber wohlmeinend einen Arm auf die Schulter. Tröstend wispert er leise: „Was ist denn passiert, hmm?“

Eine ganze Weile wird die Stille ihrer Umgebung nur von der umbarmherzig umher wabbernden Kälte und Gilberts Versuch durchdrungen, sich unter diesem Akt der Zuneigung wieder einigermaßen in einen beherrschten Zustand zu bringen. Mit beiden Händen wischt er die Tränen grob vom Gesicht, wendet seinen Kopf zur Seite und schaut Roderich aus feuchten, verletzten Augen bitter an. Dann würgt er gepresst hervor, so getroffen und am Boden zerstört, dass es einen das Herz bei dem Anblick brechen könnte: „...kommt nicht..“, um seine Mundwinkel zuckt es verräterisch, eine zweite Welle der Traurigkeit übermannt ihn und er versucht sich tapfer gegen die neu in seine Augen strömenden Tränen zu wehren, aber alles was er noch sagen zu imstande ist, ist diese eine einfache apokalyptische Wahrheit, die ihn von innen her zerreißt, „....mein kleiner Bruder kommt nicht zurück.“

Erneut bricht er in ein heißeres Schluchzen aus und Roderich ändert seinen Platz, hockt sich, so gut es auf den engen Stufen eben geht, vor ihn hin und nimmt ihn fest in die Arme.

Für Gilbert ist es das erste Mal, dass sich seine ganze Seelenlage eine derart gewaltige Eruption sucht, um die verwüsteten Tiefen ihrer Mutlosigkeit zu zeigen. Das erste Mal, dass auch die Anderen seine Tränen sehen, welche Wahrzeichen für die Ängste sind, die er aussteht, die unablässigen Sorgen, die er sich macht. Weil das Kriegsende jetzt über 6 Monate her ist...weil es bald Weihnachten ist und sein Bruder vorher noch Geburtstag hat. Ludwig kann seinen Ehrentag oder Weihnachten doch nicht ohne Familie verbringen. Völlig ausgeschlossen ist das, jetzt, wo der Krieg ihnen endlich nicht mehr diktiert, wann sie zu Hause sein dürfen und wann nicht.

Und was heißt es, dass das Rote Kreuz keine Meldung über ihn hat, noch immer nicht? Sogar die Sowjets haben bis jetzt alle Kriegsgefangenen registrieren lassen, nicht dass Gilbert ihn im Osten vermutet, aber das scheint ein wichtiger Gradmesser für.....für alles.

Wie lange soll er noch warten, wie lange kann die Hoffnung leben, wenn sie absolut keinen Nährboden hat?

Der einzige Fakt, der sicher ist, ist der, dass Ludwig noch auf diesem Planeten weilt, auf diesem Planeten weilen muss. Nur in welchem Zustand? Siech und krank auf der Erde, hart und stumm vor sich hin arbeitend in irgendeinem Höllenloch von Kriegsgefangenenlager, oder......irgendwo unter der Erde, schon lange nicht mehr in der Gestalt von früher, ein von Artillerie oder diversen Pistoleneinschüssen beschädigtes Skelett. Vom Krieg unkenntlich gemacht. Auf die Schnelle von irgendwelchen vorbei hastenden Truppenteilen verscharrt, oder sogar von der unbekümmerten Bevölkerung, die sich an dem Anblick und dem Verwesungsgeruch störte.

Unauffindbar bis in alle Ewigkeiten.

Seine Erkennungsmarke vielleicht verschollen oder gar nicht erst von der dünnen Metallkette abgerissen, sondern gleich mitsamt Soldbuch und Uniform hinunter in das dunkle Grab befördert.

Ist es so gewesen?

Ist er tot?  


***

Die dunklen Novembertage verstreichen langsam, aber stetig.

Immer öfter bleibt Gilbert zu Hause und lässt die Stunden an sich vorbei gleiten. Die Änderung der Jahreszeit scheint sich auf seine Stimmung zu schlagen, er wird umgänglicher, an manchen Abenden, wenn sie zusammen sitzen und er seinen Kopf an Ivans Schulter lehnt, sogar regelrecht wortkarg. Alle, sich in den letzten Monaten abgespielten weltbewegenden Veränderungen strömen erst jetzt auf ihn ein, scheinen ihn erst jetzt – mit großer Verspätung – wirklich zu erreichen.

Noch öfters steht er am Fenster oder geht in regelmäßigen Abständen daran vorbei, um einen prüfenden Blick nach draußen zu werfen, aber nie mehr an dem gleichen Fenster, vor dem er an jenem Nachmittag gestanden hat, als er glaubte, Ludwig auf der Straße erkannt zu haben.

Wenn Roderich von seinem Morgenspaziergängen, die mit zunehmender Kälte immer kürzer ausfallen, die Zeitung mit hinauf bringt, legt er sie nicht mehr ausgebreitet auf den Küchentisch, sondern steckt sie in den Zeitungsständer im Wohnzimmer.  

Dort fischt sie ein paar Minuten später Gilbert leise wieder heraus. Mit großer Heimlichkeit.

Interessiert überfliegt er die verschiedenen Artikel zu den Prozessen. Wie sie sich alle winden, sogar sein ehemaliger nomineller Vorgesetzter Kaltenbrunner, der sich schlichtweg weigert zu zugeben, er habe einen Inspektionsbesuch bei einem bestimmten Konzentrationslager gemacht, obwohl es dafür sogar einen fotografischen Beweis gibt. Der ehemalige SS´ler schämt sich für diese erbärmliche Truppe selbsternannter Opfer.

Jedes Mal aufs neue atemlos und hektisch werdend, liest er – wenn sie erwähnt werden - die Aussagen der Zeugen, die sich auf Auschwitz beziehen, immer voller ungebremster Furcht seinen Namen irgendwo zu entdecken, gleichzeitig immer darauf brennend, den Namen Mengeles oder der anderen Mediziner zu finden. Aber ersteres ist nie und zweiteres bis jetzt nur einmal geschehen.

Und wenn er nicht einmal dort Erwähnung findet, vielleicht suchen ihn die alliierten Nazi-Fahnder auch gar nicht....? Vielleicht macht er sich diesbezüglich zu viele Sorgen?



***

Er hat die Violine kurz abgesetzt und einer der Kellner hat ihm liebenswürdigerweise ein Glas Wasser gereicht, ihn mit seiner – fast störenden Anwesenheit - daran erinnert, dass er ja gar nicht alleine ist, sondern in einem saalähnlichen Raum voller Menschen auf so etwas wie einer Bühne sitzt. Es ist für ihn jedes Mal selbst ungemein erstaunlich, wie tief die Musik ihn mitreißt und ihn von seiner Umgebung zu trennen vermag.

Zwei Menschen nähern sich ihm in einem kleinen, aber entschlossenen Gang.

Der Mann trägt eine amerikanische Uniform mit vielen bunten Abzeichen und ein paar Sternen, er bleibt ein ganzes Stück vor Roderich stehen und lächelt heiter, nachsichtig, während die ihn begleitende Frau – seine Frau? – forsch auf den Musiker zugeht und ihn freundlich anlächelt. Sie trägt ein elegantes beigefarbenes Kostüm und darüber geschwungen einen dunkelblauen Mantel mit einem dezenten Fellkragen. Ihre Haare sind goldblondiert und in kleinen Löckchen zu einem festen Knoten am Hinterkopf zusammengefasst. In einer sympathisch anmutenden Geste streckt sie Roderich, der ganz auf die Etikette achtend aufgestanden ist, ihre Hand entgegen. Mit schweren amerikanischen Akzent, doch tadelloser Wortnutzung äußert sie sich zu ihrem vermeintlich aufdringlichen Verhalten: „Entschuldigen Sie vielmals die Störung, aber bevor wir gehen, muss ich Ihnen sagen, wie fantastisch Sie spielen!“ Sie lächelt noch etwas weiter als Roderich sich ehrlich über das Kompliment freut und seine Hand ebenfalls ausstreckt, die sie mit viel energischen Schwung schüttelt.

„Darf ich fragen, wie Ihr Name ist?“

„Roderich. Roderich Edelstein!“ antwortet der Gelobte etwas errötend, diese menschliche Reaktion aber mit einer formvollendeten Verbeugung verdeckt.

Als seine Augen zurück auf ihr Gesicht fallen, wird er gerade noch Zeuge, wie sich die verrutschten Muskeln wieder ihrer gehobenen Herkunft erinnern, für eine Millisekunde hatte die Frau ein bis zum Äußersten erschüttertes, ein fast entstelltes Gesicht, welches sie nun geschickt zu kaschieren versucht. Von jetzt an geht ein Bruch durch ihre Ausstrahlung, durch die ganze Situation, deren Atmosphäre sich in einen kalten Winterhauch verwandelt hat.

„Oh..” haucht sie aus den rotumrandeten Mund, während ihre Hand in vorauseilendem Gehorsam ihrem Takt zuvor kommt und sich ruckhaft aus Roderichs Hand zurück zieht, „Edelstein??“.

Sie spricht seinen Nachnamen mit einer Art nobler Abscheu in der Stimme aus, falls es so etwas überhaupt gibt. Mit verblüffter Ungläubigkeit eine Tatsache zur Kenntnis nehmend, die sie offensichtlich sehr überrascht.

Der Mund, der jetzt kein Lächeln mehr beherbergt, ist fest verschlossen und sie kneift ihn – wohl gutmeinend - noch weiter zusammen, als sie sich mit einem kurzen Nicken verabschiedet und Roderich an Ort und Stelle stehen lässt.

Überrumpelt von ihrer Reaktion beobachtet er, wie sie auf ihren Begleiter zueilt, sich ihren Hut aufsetzt und ohne sich die Mühe zu machen, ihre Abneigung noch weiter verborgen zu halten, interessiert und gut verständlich nachfragt: „Didn´t you told me that all of them died in the camps?”

Der Offizier – zumindest vermutet Roderich das es einer ist, er hat die verschiedenen Kragen- und Mützenbestückungen noch nie gut auseinander halten oder einem bestimmten Rang zuordnen können – stutzt kurz und blickt sie mit großen Augen verwundert an: „Who?”

Ihre Handtasche an ihren Partner reichend, knöpft sich die Frau den Mantel zu und deutet unzweifelhaft deutlich mit dem Kopf nach hinten, Richtung des immer noch stehenden Musikers: „The jews!?”

Roderich erbleicht erst, bevor er rot anläuft und dann betreten an seinem Instrument herumfingert.

Camps? Ist das das Wort dafür? Nennen sie es so? Ein Camp..genau so wie eines der summer camps, in das gutbetuchte Eltern ihre Kinder schickten...? Wohl. Kaum.

Them. Es ist der gleiche indignierte Tonfall wie bei den äußerst seltenen Fällen auf früheren Empfängen, auf denen er ähnliches erlebt hat. Der gleiche angewiderte reptilienhafte Blick, vor dem ihn hat Elizaveta immer schützen wollen. Das darf nicht sein....... wie kann das noch sein in einer Welt, die gerade erst schmerzlich entdecken musste, wohin so ein Blick führen kann, so ein Tonfall?

Roderich fühlt sich mit einem Mal unsagbar schmutzig. Als hätte er sich einer üblen Verleumdung oder eines anderen, gleich gearteten schweren Verbrechens schuldig gemacht. Unbeholfen zerrt er mehrmals den Ärmel seines Anzugs tiefer zum Handgelenk hin, auf einmal unendlich besorgt darüber, er könnte hochrutschen und die verräterische Tätowierung freilegen. Dann würden es alle sehen....alle wissen.

Als er an diesem Abend nach Hause kommt, sitzt er noch stundenlang mit geballten Fäusten auf seinem Bett. Wütend auf sein Schicksal, seine eigene dumme Scham und auf die Welt, die es nicht begriffen zu haben scheint.


Huu....null komma null Ahnung vom Schachspielen bei gleichzeitiger Kenntnis darüber, dass nein, leider leider nach dem Krieg der Antisemitismus weder verschwunden, noch weniger geworden ist...) =. Was man in einem Kapitel nicht alles vereinen kann....

Ausblick: Zäsur III, das Kapitel, in dem sich die eine wichtige Frage doch nun eigentlich aufklären müsste. Kehrt der verlorene Sohn zurück?
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast