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Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
46
219.821
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
15.02.2012 7.047
 
Ihr Lieben,

einige Zeit hat es gedauert, aber jetzt ist es da. Das Z-Kapitel.

Ich widme dieses Kapitel jemanden, der fast schon von Anfang an dabei gewesen ist und mir mit seinen Kommentaren, Ratschlägen und ausformulierten Gedankengängen immer wieder tiefe Einblicke und des öfteren neue Denkanstöße bezüglich des Fortgangs der Geschichte geschenkt hat: Liebe Ar-Feiniel, vielen Dank für deinen stetigen Rat und deine Scharfsicht, ich hoffe du hast an dem folgenden Kapitel viel Spaß und muss mich dennoch nochmal für die Unfairneß entschuldigen, dass du keinen One Shot für das 90. zigste Review bekommst, sondern nur eine Widmung!!

Chapeau. Auf ein neues, auf ein (drittel) letztes!! Viel Vergnügen!!  

Zäsur I, das Kapitel, mit dem Versuch eines Weiterlebens, der Stille und dem unaufhörlichen Suchen. Ein minimierter Titelkreislauf, den ihr bestimmt wieder erkennt, und den ich in den großen Kreislauf der eigentlichen Geschichte gesteckt habe. Ein langsamer Abschied, ein Auseinandergehen auf Raten unter zuhilfenahme schon bekannter Überschriften – das das Ende nicht allzu plötzlich kommt, sondern dass ihr damit rechnen könnt, das ihr euch rantasten und ranlesen könnt.


Zäsur I


Ankunft
Sie erreichen Berlin exakt am ersten Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie. Nach fast anderthalb Wochen und 350 zurückgelegten Kilometern durch sommergrüne Landschaften, die mit der stetigen Präsenz fremder Militärangehöriger beschwert werden.
Von ihrem Aufbruch in Buchenwald angefangen, ist ihnen jeder einzelne Soldat, den sie begegnen, freundlich gesonnen, alle sind sie hilfreich und großzügig. Die Rotarmisten, die selber sehr wenig haben, geben ihnen Zigaretten oder Alkohol, die Amerikaner und Briten Schokolade, Schinken in Dosen und soviel Marmelade und Brot, dass sie sich irgendwann daran übergessen haben.
Schwieriger gestaltet sich das Ganze als immer klarer wird, dass es Roderich nicht schaffen wird, bis ganz nach Berlin zu laufen, als sie nach einer Mitnahmegelegenheit Ausschau halten und Gilbert sich irgendwann mit vor Ungeduld strotzenden Selbstbewusstsein auf die Straße stellt und den sich rasch nähernden Militärkonvoi mit quietschenden Reifen zum Halten zwingt. Ein paar flehende Blicke, ein fester Griff um den Arm des Österreichers und ein energisches Hochziehen seines Ärmels, so dass für den jungen Fahrer hinter dem Steuer – wenn er es noch nicht von den gestreiften Anzügen der Männer ablesen konnte – mehr als deutlich wird, welchen armen Teufeln er hier die Hilfe verweigern würde, führe er einfach weiter.  

Und endlich sind sie auf der Ladefläche des ruckelnden Wagens. Ein warmer Wind streicht durch ihre Haare und ein verheißungsvolles Stück sonniger Hoffnung liegt in den Düften, die ihnen in die Nase fahren. Sie weichen in Schlangenlinien zerstörten Panzern und unbestatteten Leichen aus, überholen im Schritttempo hunderte und aberhunderte in Kriegsgefangenschaft marschierende gebeugte Männer, aber kommen jede Stunde ihrem Ziel unzweifelhaft näher. Berlin. Gilberts zu Hause. Wo die Ungewissheit lauert und vielleicht noch viel mehr als das.

Es braucht noch einige andere dieser robusten Wagen, noch intensiver drängende Blicke, aber manchmal auch nur Ivans bittende Erklärungen oder Roderichs peinlich berührtes Deuten auf seinen Unterarm oder sein getrübtes Auge, bis die Geschichte und ihr ureigener Wille sie an diesem besonderen Juni-nachmittag über die durchlöcherten Straßen einer sehr veränderten ehemaligen Reichshauptstadt ins Zentrum hinein führt.


Bedrohung
Der Wagen hält und der Soldat hinter dem Steuer ruft ihnen nach hinten zu, dass er sie hier absetzen muss.

Sie sind tatsächlich schon in ihrer Straße, sie sind so nah.

Spätestens jetzt hält es Gilbert nicht mehr aus. Kaum haben sie Roderich vorsichtig von der Ladefläche gehoben und richtig auf den Boden gestellt, kaum hat Ivan den Arm des geschwächten Mannes gepackt und auf seine Schulter gelegt, kennt der Preuße kein Halten mehr. Er rennt einige Meter an den Trümmerbergen an der Straßenseite entlang, bleibt wie erstarrt vor einem bestimmten Wohnhaus stehen, welches nichts mehr an Kriegswunden vorzuweisen hat, als ein paar tief gehende Artillerie-einschüsse in der Fassade. Für einen Moment sinken Gilberts Schultern vor Erleichterung ein ganzes Stockwerk tiefer zum Boden hin, dann verschwindet er durch den Vorgarten in den geöffneten Hauseingang hinein.      

Weg ist er.

Und während Ivan mit Roderich überhaupt Mühe hat nachzukommen, fliegt Gilbert die letzten Meter auf sein Ziel geradezu zu, fast ohne dabei mit den Füßen den Boden zu berühren.

Wie hastig kann ein hoffender Mensch drei Etagen hochhetzen? Ab wann gerät er außer Atem, ab wann klopft sein Herz so laut, dass er sich unwillkürlich die Hand auf seine Brust legt?

Ab der wievielten Treppe ist es ratsam den Namen einer Person auszurufen - ihn mit ansteigender Sirenenton-Stimme so laut durch den ganzen Hausflur zu gröhlen, dass es in allen Ecken wiederhallt - nach deren körperliche Erscheinung man sich so lange gesehnt hat?

Und ab wann lässt ein Mensch die aufgeregten Fäuste sinken, ab wann gibt er es auf, im Dauerfeuer an die verschlossene Tür zu trommeln, hinter der sich nur trostloses Schweigen verborgen hält?

Dumpfe Stille, deren nichtssagender Beständigkeit ein bestimmter Sinn gegeben werden muss.

Aber....welcher?


Chamäleon
„Ist er noch nicht da?“ Roderich hat es mit Ivans Hilfe die Treppen hinauf geschafft und sucht keuchend nach seinem Atem, während er sich mit seiner Hand am Treppengeländer festklammert.

Gilbert hat sich auf eine Stufe gegenüber der Tür gesetzt und schüttelt unbestimmt mit dem Kopf, ohne aufzublicken.

„Und was machen wir jetzt....?“ fragt Ivan, tritt einen Schritt auf den Wohnungseingang zu und legt interessiert seine Hand an das Material des Türknaufes. „Soll ich vielleicht mal versuchen, das Schloss aufzubrechen?“

„Ivan, nein...bitte, das muss doch nicht sein.“ so viel zerstörungsfreudigen Enthusiasmus mit der gehobenen Hand bändigend, versucht Roderich einen Moment nach zu grübeln, was jetzt geschehen soll. Er senkt den Kopf ein Stück nach unten und bittet leise um Auskunft: „Habt ihr den Ersatzschlüssel noch an der gleichen Stelle von früher belassen?“

Bitte? Das ist eine Information, die er zum ersten Mal hört. Gilbert hebt stirnrunzelnd seinen Blick nach oben und fragt verdattert zurück: „Welchen Ersatzschüssel?“  

Womöglich hat Ludwig seinem Bruder nie erzählt, welches Versteck sie beide für den Zweitschlüssel vereinbart haben, als der kleinere seinen eines Tages vergessen und ein paar Stunden vor der Tür gestanden hatte? Der Österreicher starrt den Uneingeweihten mit einem undefinierbaren Zucken um die Lippen an und spart sich seine Antwort. Stattdessen läuft er langsam auf die Tür zu, hält sich mit der Hand schwerfällig am Rahmen fest und rutscht an dieser stabilen Unterstützung in die Hocke hinein. Dann macht er sich vorsichtig an einer bestimmten Stelle der Bodenleiste zu schaffen, es ächzt und knarzt leise als er ein lose gewordenes Stück davon aus seiner angestammten Form heraus zieht.

Gilbert beobachtet sein Tun misstrauisch und glaubt keine Silbe von dem, was er gehört – einen Ersatzschlüssel? Als ob Ludwig ihm nicht davon erzählt hätte, als ob sie so etwas je gebraucht hätten.

Aber nachdem er mit seiner komischen Bodenkramerei fertig ist, erhebt sich Roderich wieder und dreht sich behutsam um, in seiner Hand ein silbern funkelnder Gegenstand.


Dolchstoß
Hektisch streift Gilbert durch die vertrauten Räume. Immer wieder, als ob er Angst hätte, bei den vorherigen Malen etwas übersehen zu haben.

Nichts.

Die ganze Wohnung scheint schon seit etlichen Monaten unbewohnt zu sein. Es ist kühl und ungemütlich, in den Ecken sammeln sich große Staubflusen, die bei ihren Schritten hin und hergerissen werden.

Nichts nichts nichts.

Jetzt, wo er mit eigenen Augen sieht, dass Ludwig nicht hier sein kann, dass er womöglich schon seit Monaten weg ist, tauchen mit einem Schlag die lange verdrängten Dämonen all seiner Befürchtungen aus dem Halbschatten des Unterbewusstseins ins Licht, legen ihre spitzen Krallen um seinen Hals und drücken böse kichernd zu.

Die Angst schleicht sich wie ein Mörder von hinten an ihn heran. Sie hebt die zur Faust geschlossene Hand und die herunter rasende Messerspitze funkelt scharf in der Luft und......

...er kann sich nicht wehren, er kann sie nicht abschütteln, es ist zu spät.  

Völlig atemlos stellt er das neben dem Messerbrett stehen gebliebene Glas Honig in irgendeinen Schrank zurück, nur weg von ihm, raus aus seinem Sehfeld.


Enthüllung
Es ist abend geworden und Ivan hat – unter Roderichs wachsamen Augen – den Ofen wieder in Gang gebracht und ein paar alte Zeitungen zum Feuer anzünden genommen. Die beiden kochen Tee und rösten über den Platten das aufgesparte Brot, während Gilbert geistesabwesend im Wohnzimmer am Fenster steht und auf die Straße hinunter starrt.  

Bisher hat es keiner von beiden gewagt, den Preußen aus seiner dicken, abweisenden Gedankenstarre zu reißen, obwohl ihm vor allem Ivan sehr viel zu sagen hätte.

Zusammen gesunken sitzt der magere Österreicher auf seinen Stuhl in der Küche und fragt plötzlich unvermittelt: „Willst du ihn mal sehen?“ und Ivan, der mit dem Schürhaken im Feuer herum gestochert hatte, weiß im ersten Augenblick gar nicht worum es geht, weiß nicht, dass auch Roderich von der Sorge um den Verbleib des Jüngeren infiziert ist, dass er sich nur nicht laut darüber äußert, weil er denkt, Gilbert würde das wütend machen, auf welche Weise auch immer.

Der Mann vor dem Feuer nickt wage.

Daraufhin deutet Rodrich seinem Gegenüber an, ihm zu folgen und läuft durch den Flur in ein Zimmer hinein, welches wohl dem jüngeren Bruder gehört. Er steht einen kleinen Augenblick still, versucht sich an den Bücherregalen zu orientieren und sieht dann ungefähr in Augenhöhe vor sich ein gerahmtes Bild stehen.  

Vorsichtig nimmt er es in die Hände und wirft erst selbst einen prüfenden Blick darauf, bevor er sich mit glänzenden Augen herum dreht und es Ivan präsentiert.

„Das ist Ludwig“ stellt er den jungen blonden Mann in Uniform auf dem Bild vor und tippt mit seinem ausgestreckten Zeigefinger und einer ganzen Menge Stolz auf dem feinen Glas herum.  

Der Andere tritt einen Schritt näher und betrachtet aufmerksam den ernsten jungen Mann auf dem Bild, der steif neben Gilbert steht. Zwischen den beiden gibt es fast überhaupt keine körperliche Ähnlichkeit, selbst von der Statur und den Gesichtszügen ist Ludwig ein viel typischerer Deutscher als es sein Bruder je sein wird.

„Er ist...“ Roderich sucht nach der richtigen Beschreibung, um soviel Aussage wie möglich in so wenig Worte wie nötig, hinein zu stecken, „..in seinem Tun und Wirken sehr viel anders als Gilbert.“

Und diese zusammenfassenden und sehr ausgesuchten Worte überzeugen Ivan davon, dass es der fehlende Mann wohl auch in seinem Charakter ist.


Fallen
Diese eigenartig vertraute Wohnung beherbergt viele Erinnerungen, zu viele, selbst nach all den Jahren noch. Wenig hatte ihn damals darauf vorbereiten können, auf einen Schlag die Verantwortung für 2 mehr oder weniger kleine Knaben übernehmen zu müssen. Noch weniger darauf, dass sich seine gemachten Illusionen von einer sanften erzieherischen Beeinflussung ohne Anwendung eines perfekt ausdifferenzierten preußischen Strafenkatalogs binnen einer Woche vollkommen auflösten. Er verloren war. Und es geblieben wäre, wenn ihm nicht Elizaveta zur Seite gestanden hätte, seine Elizaveta, deren Stärke und Unnachgiebigkeit er ein Leben lang verehrt hatte und aus der er dennoch eine unehrbare Frau machen sollte, weil er nicht fähig war....

Ein verwischter Schmerz schlägt durch seinen Körper, eckt an seinen bunten Erinnerungen an und wird als tausendfach vervielfältigtes Echo zurückgeworfen, dessen Wellen größer und wirkungsmächtiger werden, je länger sie leben. Ein Zittern zwingt seinen Arm nach unten und Ivan langt automatisch nach dem Foto in seiner Hand, um es vorsichtshalber an sich zu bringen.

Roderich atmet scharf ein und alles alles beginnt sich von ihm zu entfernen, als ob er schrumpft, vor der bohrenden Wirklichkeit kleiner wird. Sie ist nicht mehr da. Er beißt sich auf seine Lippen, aber das hält den Schmerz nicht auf darüber zu fluten und sich auf allzu menschliche Weise bemerkbar zu machen. Erste Tränen rollen aus seinen Augen und eine fahrige Hand wischt sie von seinen Wangen, fast trotzig darüber, dass sie erst jetzt kommen, wo es zu spät ist, wo alles vorbei ist und unverrückbar in der Vergangenheit liegt. Warum jetzt? Welche Gerechtigkeit liegt darin, in einen Abgrund stürzen zu müssen, wo alles vorbei ist? Hat er nicht schon genug getrauert, um seine Frau und um die Welt, die nie mehr so sein wird, wie sie vorher gewesen ist?



***


Gelegenheit
Als das Wetter langsam kühler zu werden beginnt haben sich die drei in der Wohnung eingelebt und zu einem bestimmten, halbwegs einheitlichen Tagesrhythmus gefunden. Noch immer herrscht in der Stadt ein unübersichtliches Chaos, es gibt weder fließendes Wasser, noch Elektrizität, noch geltende Zahlungsmittel, um damit für Nahrung aufkommen zu können. Aber die Kanäle des Schwarzmarktes blühen. Naturalien werden gegen Naturalien getauscht, Schnaps gegen Schinken, Kartoffeln gegen Brot, was jeder eben gerade so anzubieten hat.
Ivan geht ungern auf jenen belegten Hauptumschlagplatz dieser Geschäfte, auf denen es vor Soldaten – die ganz offen in Tauschgeschäfte mit den Zivilisten verwickelt sind – nur so wimmelt. Was er fürchtet sind nicht so sehr die lauten, einfältigen Amerikaner mit ihren breiten Grinsen und ihren fröhlichen Launen, die er selbst mit seinem eingetrockneten Englisch intellektuell an die Wand spielen kann, was er fürchtet sind ihre allzu neugierigen Gegenstücke in den sowjetischen Soldatenuniformen. Ivan weiß, dass er keinen Fehler machen darf, dass der Krieg vielleicht vorbei ist, aber Stalins Herrschaft – und die seines mächtigen Geheimdienstes – gerade jetzt richtig am blühen und verurteilen ist. Was, wenn ihn jemand erkennt, was, wenn er sich ausversehen einmal seiner Muttersprache bedienen sollte?
Der Partisanenführer Ivan Braginsky mag seit Frühsommer letzten Jahres wie vom Erdboden verschluckt sein, sein Name abgelegt und in alle Winde zerstreut, der mündige Sowjetbürger Ivan Braginsky ist es nicht. Und obwohl er es gar nicht will, fühlt er sich als einer von ihnen, wenn er sie von Ferne reden hört, handelt und denkt in der gleichen Weise wie sie, so, wie er es in der Mitte seines Volkes gelernt hat. Jeder Zentimeter seiner Haut atmet russisch, er kann sich noch so unscheinbar verkleiden und die Stimme verstellen, sie müssen ihm doch das heimische ansehen, sie werden es bemerken eines Tages und ihn ohne viele Worte dorthin deportieren, wo der Kommunismus ihn besonders gut gebrauchen kann – in ein Gulag. Weil er es gewagt hat, weiter zu leben, aber nicht zurückgekommen ist. Das macht ihn in ihren Augen zu einem Deserteur, zu einem Verräter an seinem eigenen Volk.

So ungern der Russe mit den wenigen, was sie geschenkt bekommen oder - bei einem vorherigen Mal eingetauscht - noch aufgespart haben, wieder in die Stadt zieht, um ein paar neue Lebensmittel zu ergattern, so fröhlich zieht Gilbert, wenn es an ihm ist, für Nahrung zu sorgen, am frühen Morgen mit leeren Händen in die Stadt hinaus. Wenn er nachmittags zurückkommt ist sein abgetragener Rucksack bis zum bersten mit allen möglichen Leckereien gefüllt, meist finden sich sogar in seinen Hosentaschen noch eine Vielzahl von Lucky Strikes oder Kaugummipackungen.

„Ich bin der König der Straße“ grinst er den beiden ungläubig Staunenden mit ausgestreckten Armen gönnerhaft entgegen und geruht sich an den Tisch zu setzen und seine Schätze zu teilen. Roderich macht sich daran, den Rucksack aufzufädeln und sich um die Nahrungsmittel zu kümmern. Er verkneift sich einen Kommentar über Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit und schluckt sein „Ich hätte ja nie gedacht, dass so viel kriminelle Energie in dir steckt!“ herunter.
Natürlich ist es eigentlich nicht legal, aber jeder macht es. Alle wollen irgendwie leben. Und wenn keiner dabei zu Schaden kommt... er hat das Lager überstanden, warum nur stört ihn das hier jetzt so sehr, seufzt der Österreicher innerlich und findet in sich selber keine Antwort. Ivan rückt seinen Stuhl näher an den Tisch heran und beginnt, die einzelnen Zigaretten zu Fünferreihen zu sortieren. Es sind so viele, dass er zwischendrin aufhört und Gilbert fragend anstarrt: „Wie um alles in der Welt kommst du an so viele?“

„Najaa....ich bin eben arson!“ kommentiert sein Gegenüber mit einem schelmischen Augenzwinkern. Ivans Miene bleibt starr und er blickt fragend zu Roderich hinüber, der aber auch nur ratlos mit den Schultern zucken kann.

Gilbert sieht, dass er es hier mit zwei völlig ignoranten Menschen zu tun hat, seufzt laut und lehnt sich verschwörerisch weit nach vorne. „Ihr wisst doch, dass Soldaten fern der Heimat besonders einsam sind, soweit könnt ihr mir doch folgen, oder?“
Die beiden Zuhörer runzeln verwirrt mit der Stirn und vergessen dabei das Nicken. „Und sicherlich habt ihr mitbekommen, dass in diesem Land viele junge Männer in Gefangenschaft sind oder ganz fehlen...“, das Nicken, das er jetzt erntet, ist dafür umso heftiger, aussagekräftiger. Bloss weil es Gilbert zu einem Tabu erklärt hat, über Ludwigs Verbleib zu  reden, heißt nicht, dass sie nicht wissen und ihm ansehen, wie sehr er manchmal leidet. Sie wissen es, aber sobald einer von ihnen mit vorsichtigen Worten auch nur in die Nähe dieses Themas vorrückt, fällt ihm der Preuße ins Wort und beginnt schlagartig ein Gespräch mit völlig anderem Inhalt.    
„Es herrscht also ein Überschuß an Frauen. Und ich, mal ganz diplomatisch ausgedrückt...ööhm...führe eine interessierte Seite zu der anderen hin, ich spiele also quasi Kuppler...oder Übersetzer, ganz wie man es nimmt, und werde dafür entlohnt! Und das ist es doch, was zählt, oder!?“      

So etwas nannte sich früher Zuhälterei...“ rutscht Roderich im empörten Tonfall hervor, noch ehe er richtig darüber nachgedacht hat.

„Nooarrr Rodrich, es ist doch nichts dabei, wenn sich zwei Völker..“, Gilbert hebt die Hände und lässt sie anschaulich aufeinander zufahren und schließlich mit einem süffisanten Lächeln klatschend zusammen knallen, „..näher kommen.“

„Es ist immerhin besser als Krieg!“ muss Ivan ihm beipflichten, auf dem Mund ein breiter Zug von absoluten Verständnis, was es in etwa heißt, wenn das passiert, was der andere Sitzende da eben angedeutet hat.

Gilbert strahlt ihn zweideutig an, kichert leise und wiederholt erneut sein Eigenlob, auf das er offensichtlich mächtig stolz ist. „Sag ich doch, ich bin eben arson!“

Schon wieder dieses komisch vernuschelte Wort. Haben sie sich vorhin doch nicht verhört. Was ist das, eine Erfindung? Auf der Straße aufgeschnappter Soldatenslang?  

Konsterniert über seine offensichtlich erneute Fehlleistung beim Hören dreht sich Roderich wieder zu Gilbert und fragt interessiert: „Du bist was??“

„Arson!!! Das sagen die GI´s immer, wenn ich ihnen eine besonders hübsche Blonde anbringe!“

Der Österreicher starrt Gilbert ob seiner selbstverliebten Direktheit entsetzt an und rollt indigniert mit dem Augen. Nein, erkonnte sich auch beim dritten Mal keinen Reim darauf machen und wahrscheinlich kannte er dieses spezielle Wort nicht einmal, da es wohl eher in bestimmten Subschichten der englisch-amerikanischen Gesellschaft zu Hause war, nicht aber in den international ausgerichteten Häusern der Musik, in denen er früher verkehrte. Nebenbei bemerkt ist er von der sittlichen Verwahrlosung, die sich die jungen Mädchen dieses Landes zu schulden kommen lassen, mehr als angewidert. Mit schnellen Handgriffen räumt er den Rucksack aus, faltet den geleerten dünnen Stoff zusammen und legt ihn aufs Fensterbrett, während Ivan ihn stumm dabei beobachtet und sich seinen ganz eigenen Teil denkt.

Es braucht drei volle Tage, bis der große Mann auf einmal über seiner – heimlich aus Ludwigs großen Buchbestand -  entliehenen Lektüre stockt und lauthals auflachen muss. Roderich schreckt aus seinen eingedösten Zustand auf dem Sofa neben ihm auf und mustert ihn irritiert.

„Kann Gilbert eigentlich richtig englisch?“ fragt sein Gegenüber ihn unter Glucksen und wischt sich die Tränen aus den Augen.

Nach einem Moment Besinnung richtet sich Roderich langsam auf. „Nein, ich glaube nicht....nicht, dass ich wüßte. Wieso?“ fragt er verwirrt zurück.

„Awesome.....das Wort, welches Gilbert wahrscheinlich meint ist awesome... .“

Ivan klappt das Buch zu und muss wieder anfangen zu lachen, wobei er den Kopf weit nach hinten wirft. Roderich denkt einen Augenblick darüber nach, nickt dann langsam, zustimmend, und fängt ebenfalls an leise zu glucksen.


***

„Das ist doch wohl ein und dasselbe!“ tönt Gilbert am Abend müde und natürlich vollkommen unwillig seinen gemachten Sprachfehler einfach zu zugeben. Uninformiert darüber, wie oft der Andere, in dessen Armen er es sich jetzt mehr als gemütlich macht, über seine merkwürdige Erzählung nachgedacht haben muss, bis er zu dieser Auflösung gelangt ist.
Ivan kichert ein leises „Tshihi..“ und zieht Gilbert noch dichter an sich heran. Einen Augenblick lang ist er versucht, seine Chance zu nutzen und das anzusprechen, was ihn in letzter Zeit keine Ruhe mehr lässt, aber als er tief Luft holt und den Mund öffnet, hört er sich selber nur über seine unmittelbare Zukunft zu reden als über ihre. Aber wer könnte es ihm verübeln, es liegt so viel in unsicheren Häfen, bei welchem Punkt sollte er anfangen? Wo aufhören...?

„Hast du bemerkt, dass in der Wohnung nebenan immer noch keiner zurückgekommen ist?“
Ohne länger darüber nachzudenken, versteift sich Gilbert plötzlich und fängt an, über die allgemeine Bewandnis dieser Situation zu schimpfen: Natürlich, das halbe verdammte Haus steht leer! Die sind hier nichtmal bombadiert worden und trotzdem weggelaufen...“, ein heftiges Gähnen unterbricht seine kleine Tirade, deren beinahe hasserfüllte Grobheit sich vermutlich aus ganz themenfremden Quellen speist und Ivan nutzt die Sekunden der Stille, bohrt seinen Finger spielerisch in die ungeschützte Flanke des Anderen und kitzelt ihn. Das provoziert fast automatisch und sofort einen zweihändigen Gegenangriff, der sich fürchterlich gewaschen hat.

Nachdem sich die beiden eine zeitlang nach allen Formen der Kunst bespaßt haben und atemlos kichernd und ineinander verharkt auf dem schmalen Bett langsam zur Ruhe kommen, nimmt Ivan den Gesprächsfaden wieder auf und knüpft an genau der Stelle an, die sie vorhin fallen gelassen haben.
„Glaubst du, wir könnten uns dort Zutritt verschaffen und sie für uns nutzen, zumindest bis die ehemaligen Bewohner wieder kommen?“
„Warum denn das?“, Gilberts Erwiderung klingt staubtrocken und planlos, offenbar hat er noch nie in diese Art von Richtung gedacht, in die Ivan versucht ein paar vorsichtige Schritte zu gehen. Der Russe schluckt und legt soviel sanftes Abwägen wie möglich in seine Stimme.
„Naja, zum Beispiel kann Roderich nicht ewig auf dem Sofa schlafen...“ beginnt er und fügt in Gedanken hinzu wenn du ihn nicht in Ludwigs Bett schlafen lässt, weil du dieses Zimmer noch immer wie eine Heiligenstätte unter Verschluss hältst, reißt sich aber von den ungerechtfertigten Vorwürfen los und räuspert sich kurz, bevor er weiterspricht: „...und..ich dachte, vielleicht könnte ich in einen der Räume Unterricht geben, Englisch-Unterricht. Weil es jetzt doch viele Menschen gibt, die die Sprache nicht sprechen, die aber mit den Alliierten jeden Tag zu tun haben.“

„Du willst LEHRER werden? Freiwillig?“ Gilbert muss sein Gesicht nicht herum drehen, um erkennen zu lassen, was er davon hält. Er spricht den Begriff Lehrer mit dem gleichen Abscheu aus, wie vielleicht Hitler das Wort Kapitulation.
 
Ivan seufzt über den Starrsinn in der Stimme seines Partners. Er wusste dieser Vorschlag würde nicht auf besonders viel Gegenliebe stoßen. Aber die Zeiten haben sich geändert und die Menschen müssen sich diesen Metamorphosen anpassen, auch wenn sich Gilbert schlichtweg weigert diese einfache Wahrheit zu akzeptieren, auch wenn er immer noch viel zu oft in seinem Kopf mit den heroischen Bildern ihrer früheren Leben hantiert, dem Scharführer und dem unbeugsamen Partisanen.

Wenn der Krieg nicht ausgebrochen wäre und ihn in die Wälder gezwungen hätte, wer weiß...dann wäre er vielleicht wirklich den Weg gegangen, den seine gebildeten Eltern sich für ihn immer gewünscht hatten: eine akademische Laufbahn.

„Doch nur für eine bestimmte Zeit. Vielleicht hat ja auch gar keiner ein Interesse daran. Aber dann kann ich wenigstens zum Haushalt auch was beitragen.“

„Hmm.“ brummt es leise zurück. Was für den Augenblick final klingt und nach der trotzigen Aufforderung, ihn nicht weiter mit dieser Sache zu belästigen.

Eine ganze Weile ist es still und Ivan hofft, dass Gilberts langsame Atemzüge nicht davon zeugen, dass er eingeschlafen ist, sondern angestrengt und ernsthaft über seinen Vorschlag sinniert.

Irgendwann fängt der Andere in der wohligen Dunkelheit an zu sprechen, ein großes Maß an ernstgemeinter Schalkhaftigkeit in seiner Stimme: ,„Du kannst kein Lehrer werden, Ivan. Wirklich, alles aber das nicht! Weißt du, wie tief mein arwson-Faktor in den Keller steigt, wenn irgendjemand herausfindet, dass ich mit einem Lehrer schlafe?“

Die Augen verdrehend hebt Ivan den Kopf und flüstert vermeintlich drohend in das Ohr vor ihm: „Du kannst auch nicht ewig der König der Straße und der leichten Mädchen bleiben, Gilbert.“

„Pah!“ der kleinere Mann schüttelt den warmen Atem aus seinem Ohr, richtet sich auf und hebt vielversprechend die Hand in die Luft als würde er einer Vision nachgeben: „Meine Herrschaft wird beständig sein, ich sehe sie schon jetzt durch die Jahrzehnte hindurch glänzen, du nicht?“

Er erntet einen gut gemeinten Knuff in den Po und quietscht erschrocken auf.

Offenbar ist Ivan in dieser Hinsicht mit völliger Blindheit geschlagen.


Hemmnis
Sie haben ihm voll gut gemeinter Aufregung erklärt, dass im wieder eröffneten Hotel Adlon in dem gehobenen Restaurant unten ein Musiker gesucht wird, der abends ein paar Stunden für die Gäste spielt. Jemand, der sich nicht an Tellerkratzen oder langsam vor sich hinfließenden Gesprächen stört, sondern der mit seiner Musik den Raum ausfüllt und für den nichts anderes zählt. Der auch für sich alleine spielen könnte.  
„Das ist doch die Gelegenheit!“ freut sich Ivan für ihn und hebt die Hände in die Luft als ob er ihn an den Schultern greifen und Mut zusprechen will. Er sitzt vor dem Österreicher und hat seinen Rücken ein Stück nach unten gebeugt. Um Roderich ein Stück entgegen zu kommen und ihm direkt in die Augen sehen zu können. Vielleicht hat er dort auf ein Flackern gehofft, ein Stück Lebensfreude und erwachenden Hunger. Hunger nach Musik.

Gilbert steht neben ihm und nickt wohlmeinend. Auch für ihn erscheint das ganze wie die Gelegenheit, alles passt doch hervorragend zu einander, er hat ein richtig gutes Gefühl bei der Sache, Roderich ist für diesen Job perfekt! Jetzt geht es endlich bergauf und wenn das schon so gut läuft, könnte es doch vielleicht endlich endlich an der Zeit sein, dass....

In seiner momentanen Schicksalsergebenheit lässt sich der optimistische Preuße sogar zu einem weiteren, weniger durchdachten Kommentar hinreißen. „Du hast im Lager doch auch gespielt, hmm...?“

Wo der Angesprochene kein einziges Stück zusammen zuckt, tut es Ivan sichtbar für ihn mit. Wie Treibgut schwirren Roderichs Augen im Zimmer umher und finden schließlich Gilberts, wo sie sich ohne jegliche Kraft dahinter festklammern: „Weil...weil ich musste, jaa..“

Am Abend sitzt er allein im Wohnzimmer und zwingt sich über diese Aussicht nachzudenken, während die anderen beiden in der Küche mit dem Geschirr klappern.

Sie verstehen es nicht, nicht einmal Ivan. Wie soll er denn jemals wieder spielen können? Er hat versucht eines von Ludwigs aufgehobenen einfachen Kindernotenblättern zu lesen. Aber seine Hände haben angefangen zu zittern und alles was er gesehen hat, waren dickbäuchige schwarze Zeichen, die sich auf dem Papier zu dem uniformierten Körper des Doktors zusammengefügt haben, der vor ihm saß und ihn wie ein Zootier beobachtete, feinsinnig lächelnd.

Es ist vorbei. Alles, was die Musik früher für ihn ausgemacht hat, ist verloren gegangen, die Noten haben ihre ursprüngliche Bedeutung verloren, ihre Reinheit. Sie haben den Geruch von Leichen angenommen, Auschwitzer Duft.


Insel
Sie haben ihn in die Wohung nebenan verfrachtet. Nicht verfrachtet, nein, das ist vielleicht der falsche Ausdruck, aber genau so fühlt es sich manchmal des Abends an, wenn er alleine ist. Klar, sie sind ein Paar, sie wollen ihre Zweisamkeit leben, die Geschehnisse des Tages miteinander besprechen und einfach ungestört die Gegenwart des jeweils Anderen genießen. Er kann sie abends lauthals lachen hören, ab und an wird er unfreiwillig Zeuge einer hitzigen Diskussion über irgendein kleinliches Thema und sogar – noch peinlich berührter - der anschließenden körperlichen Versöhnung – selbst dabei ist Gilbert nicht leise zu bekommen.

Das Leben spielt sich in der Wohnung neben ihm ab. Und er fühlt sich, wie auf einer einsamen Insel gestrandet, zwischen den Welten gefangen. Dann streift er im Dunkeln in diesen fremden, geschmacklos eingerichteten Zimmern umher, findet keinen Schlaf und die eigene Stille beginnt wie eine Lawine auf ihn einzustürzen, denn für gewöhnlich bringt sie die Erinnerungen an die Lagerzeit mit.

Er findet keinen Ausweg aus dem Sarg, den er sich selber gebaut hat. Vielleicht ist es ja wirklich seine Schuld, vielleicht strengt er sich nicht genug an? Wieso sieht das Weiterleben bei den anderen beiden so leicht aus?

Tagsüber hat Ivan in der Wohnung, in der er schläft, dreimal zwei volle Unterrichtsstunden einfaches Englisch. Es sind zu anfangs nicht viele Schüler, aber es spricht sich herum, dass er sich Mühe gibt und das es nicht allzu langweilig, sondern im Gegenteil sehr hilfreich ist. Bald steigt Woche für Woche die Zahl derer, die sich für eine neue Stunde anmelden wollen.

Roderich verzieht sich unterdessen in die vertraute Wohnung zurück und fängt auf dem Sofa an vor sich hin zu dösen – weil die Nacht vorher wieder ihre üblichen einsamen Schrecken verbreitet hat und ihn nicht schlafen ließ. Danach steckt er drei oder vier Zigaretten in die Tasche, geht nach unten an den Zeitungsstand und kauft sich die heutige Ausgabe einer vom amerikanischen ins deutsche übersetzten Tagespostille. Jeden Tag gibt es auf allen Titelseiten immer nur das eine Thema: der Prozess in Nürnberg. Die andauernde Berichterstattung über den Fortgang der Anhörungen, die erschütternden Zeugenaussagen und taktischen Spielchen und Gegenspielchen der verschiedenen Anwälte soll die Bewohner dieses gefallenen Landes von der Wichtigkeit eines ausbalancierten Rechtssystems überzeugen.

Mit der Zeitung in der Hand schlendert er zu einer Bank und setzt sich in die warme Herbstsonne, um ihn herum spielende Kinder, deren Lärm er aber nunmehr nur noch als verzerrtes Hintergrundgeräusch wahrzunehmen imstande ist. Viel zu dicht hält er die Zeitung vor sein Gesicht, kriecht fast in die sperrigen Papierseiten hinein und saugt gierig jede Zeile ein, die er über den Prozeß finden kann.

Das ist seine einzige Möglichkeit an so etwas wie einer Rache teilzunehmen. Und er wünscht sich Rache so sehr für alles, was man ihm angetan hat. Ihm, seiner Frau und den Millionen anderen unschuldigen Seelen.

So oft sucht er nach dem Namen seines Lagers, öfters noch der Meldung, sie haben einen von ihnen erwischt – hauptsächlich Mengele, er träumt davon, dass sie ihn finden und verurteilen – aber viel zu oft wird er enttäuscht und muss stattdessen lesen, wie armselig sich die Gefangenen auf der Anklagebank winden und um Erbarmen flehen. Wie tief sie gefallen sind, diese einstmals mächtigen Nazi-Götter und was für ein kümmerliches Bild sie alle abgeben, sogar die früher so besonders hochmütigen Generäle.

Er ist frei und sie sind jetzt Gefangene.

Jedes Mal, nachdem er mit der Lektüre fertig zieht, streicht er mit der Hand über seinen Kopf: die braunen Haare sind schnell nachgewachsen und haben jetzt fast schon wieder die Länge von vorher erreicht. Er lehnt sich für noch einen Moment Wärme länger auf der Bank zurück und ein kleines Lächeln umspielt seine Lippen. Manchmal sieht er den Kindern beim spielen zu - der starre Blick verweilt wie hypnotisiert auf den kleinen Körpern oder Händen – und ganz selten vergisst er sogar die Zeit darüber. Das sind die kleinen Augenblicke, wo er die ersten Vorboten einer neuen Zuversicht sich in seiner Brust ausbreiten spürt. Erste Funken eines trotzigen, freudigen „Dennoch!“.

Wenn der eifrige Englischlehrer spätnachmittags fertig ist, bespricht er die Eigenarten seiner meist erwachsenen Schüler, deren Probleme und sprachliches oder grammatikalisches Fortkommen mit Roderich, der sich währenddessen sorgfältig um das Essen kümmert. Und der österreichische Amateurkoch liebt es, um Rat gefragt zu werden, in einer ernsthaften Unterhaltung über Unterrichtsmethodik zu partizipieren und beim Kartoffeln schälen oder Gemüse putzen Ivans anderen interessanten Schilderungen zu lauschen, zum Beispiel wer die Formen des Simple Past nicht beherrscht oder wessen Wortwahl heute besonders ausgefallen gewesen ist.  

Das ist amüsant, heiter und kurzweilig. Es verscheucht die dunklen Gedanken und jeder Lacher taucht die schwarzen Ruinen seiner Erlebnisse in ein helles Licht und überblendet sie.

Irgendwann später kommt auch Gilbert nach Hause und sorgt beim Essen für weiteren, meist ebenso witzigen Gesprächsstoff, wenn er von seinem Tag erzählt.

Dieser stetige Rhythmus von Sprechen und Ablenkung bekommt Roderich gut. Es fühlt sich ganz allmählich wieder so an als würde er zu leben beginnen. Als würde sein innerer Kompaß wieder zusammen gesetzt und das aus allen Fugen geratene seelische Gleichgewicht ansteuern wollen.


Jüngling
Natürlich sorgt er für das ein oder andere Gelächter, wenn er abends die diversen Geschichten zum Besten gibt, die er aufgeschnappt hat oder die ihm sogar öfters höchstselbst passieren. Natürlich könnte er sich vor Freude kringeln, wenn die anderen zwei mit offenen Mündern vor ihm sitzen und unabsichtlich im Essen inne gehalten haben, während sie sich von seinen Geschichten beschwatzen lassen und dabei zwischen Ungläubigkeit und Entgeisterung schwanken.

Was sie nicht wissen, ist, dass er nicht von einem bestimmten Aspekt seiner eigenen Geschichte lassen kann, dass er es noch nicht einmal versucht, davon zu lassen, sondern, dass er es in vollen Zügen genießt, unter Soldaten zu sein. Allein deshalb wird er jeden Tag wie magisch angezogen von dem Umschlagplatz. Das vertraute Gelächter, die unter den einfachen Gesten des Alltags verborgene tiefe Kameradschaft, die flapsigen Witze, der enge Zusammenhalt unter Männern als solches. Alles ist ebenso, wie er es kannte und liebte, für wenige Momente kann er in sein früheres, jüngeres Selbst zurückfliehen, was zählt es da schon, das es eine völlig andere Armee ist? Was macht es, wenn er nicht einmal mehr ein Teil davon ist – obwohl auch er hier einen gewissen Status hat, den ihm niemand mehr streitig machen kann – sondern die Perfektheit dieser Atmosphäre einfach nur durstig in sich hinein saugt und in ihr badet?

Und was er den anderen ebefalls noch verschweigt ist, dass er über viele Wochen einen doppelten Tagesplan hat. Die Such- und Meldestelle des Roten Kreuzes liegt eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt von seinem Tätigkeitsgebiet und jeden Tag, wenn er fertig ist, läuft er wie selbstverständlich dorthin und überfliegt auf der Liste der „gefundenen oder als Kriegsgefangene bestätigten vermissten Personen“ die neu hinzu gekommenen Menschen. Es sind immer fremde Namen. Nie ist der eine, alles entscheidende, darunter, den er sucht, nach dem er sich mit der Allgewalt seiner bloßen niederen Existenz sehnt, ihn eines Tages lesen zu können.

Es vergeht lange Zeit, bevor er damit aufhört, täglich dorthin zu gehen. Erst als es draußen kälter wird und die Tage dunkler.

Doch er hört im Innern nie auf zu warten. Niemals.

Vielleicht ist das einer der wirklichen Gründe, warum er draußen sein muss, in einer wimmelnden Menge von Menschen, wo es so laut ist, dass er für eine kleine Weile seine eigene Angst nicht mehr bemerkt, seinen eigenen Gedanken nicht mehr beim rauschen zuhören muss. Hier hat er eine gute Übersicht über die Dinge – und kann sich einbilden, auch ein ganzes Maß an Kontrolle zu haben - hier kann er Menschen fragen, wann immer er einigen Tauschpartnern nahe kommt und sich ein gewisses Vertrauensverhältnis entspannt oder er sich danach fühlt. Dann greift er in seine Jackentasche und zieht das Foto heraus, um es den interessierten Menschen zu zeigen, immer begleitet von dem gleich klingenden Satz, in dem gleichen hoffnungsvollen Tonfall hervor gebracht, hundertfach, tausendfach. „Das ist mein kleiner Bruder, vielleicht haben Sie ihn gesehen?“
 

Krönung
Gilbert fällt vor Verblüffung der Mund auf und empört zischt er der eingeschüchterten Frau zu: „Waaaas, wieviel??!!“
Sein Gegenüber drückt unter den giftigen Tonfall den in grauen Decken eingeschlagenen Gegenstand nur noch fester an sich, besteht aber tapfer auf ihren Preis. „10 Packungen! Nicht mehr und nicht weniger! Immerhin ist sie über 100 Jahre alt.“
Laut aufstöhnend reißt sich der Käufer des guten altertümlichen Stückes den Rucksack vom Rücken und fischt den genannten Preis aus dessen reichen Tiefen. Dann drückt er der Frau die Packungen in die Hand und greift im Gegenzug nach dem Bündel in ihren Händen. Völlig überrascht von der Schnelligkeit der Transaktion lässt sie die Hälfte der Packungen aus ihren Händen fallen, doch Gilbert kommt ihr nicht zu Hilfe. Er hat sich schon lange herum gedreht und ist in die Menge entschwunden.
Hätte Ivan ihn nicht so eindringlich und überzeugend darum gebeten, dass er sich mal auf dem Schwarzmarkt umhören soll, ob nicht jemand genau so etwas zum Verkauf anbietet, er wäre doch nie selber auf die Idee gekommen.....uff. Leise vor sich hin schimpfend bahnt er sich seinen Weg an den vielen Menschen vorbei und nickt ab und zu einem Soldaten, den er näher kennt, zu. An der Seite des kleinen Platzes klappt er die alte Decken kurz zur Seite, um zu prüfen, ob überhaupt ganz ist, was er gekauft hat. Die alte dunkelbraune Geige in seinen Händen scheint intakt und sie hat sogar alle Seiten aufgezogen, oder wie zur Hölle man das nennt, jedenfalls ist keiner der Drahtfäden gerissen. Der Mann schlägt die Stoffe sorgfältig zurück und seufzt innerlich tief, während er vor sich hin murmelt: „Wer hätte jemals gedacht, dass ich meinen Ohren mal ihr eigenes Grab schaufele!“

***

Eines Abends ruft Gilbert aus irgendeinem Teil der Wohnung fragend nach Ivan, der im Wohnzimmer gesessen und über raschelnden Übersetzungsbögen gebrütet hatte. Der Russe legt die Korrekturen zur Seite, erhebt sich mit immer noch konzentrierter Miene und folgt der Stimme des Anderen bis auf die Schwelle zu Ludwigs Zimmer hinein, welches all die Zeit, die er hier verbracht hat, ein versiegeltes, unbetretbares Reich gewesen ist. Jetzt steht sein Gegenüber mit traurigen Augen vor dem staubigen Bücherregal seines Bruders und hält dünn lächelnd ein paar kleine Bücher in der Hand. Er schwenkt sie in der Luft und kommt mit kleinen Schritten aus dem Raum heraus: „Hier, ich hab mich erinnert, dass er sich mal die englischen Ausgaben von Shakespeare gekauft hat....vielleicht kannst du die ja für den Unterricht brauchen...?“

Ivan fühlt sich über die Maßen geehrt und nimmt die Schätze wortlos an sich. Er weiß auf die Schnelle gar nicht, was er sagen soll, weil sich in dieser Situation so viel zwischen den Zeilen abspielt, was er nicht mit wachen Sinnen und bebenden Fingern greifen kann, greifen sollte. Erst am nächsten Morgen, als Gilbert sich herz- und verstandesmäßig schon wieder völlig einem anderen Thema zugewandt hat, wagt er es zu ihm zu gehen und ihn fest in den Arm zu nehmen. Zum ewigen Dank und zum allufassenden Trost und um zu zeigen, wie sehr er ihn liebt.  


Leerlauf
Manchmal bringt er seine Zeitung mit nach oben und legt sie mit der weit ausgefächerten Titelseite demonstrativ breit über die gesamte Fläche des Küchentischs. Vielleicht klappt es ja dieses Mal?

Doch es klappt nie. Sie wird immer nach kurzer Zeit entweder von Ivan oder Gilbert beiseite geschoben, ohne dass sie ihre Aufmerksamkeit auch nur für einen kleinen Moment dem Inhalt der Artikel widmen. Als wären sie blind. Sie reden über so vieles, aber über die Vergangenheit nicht, niemals. Warum? Wollen sie nicht oder können sie nicht? Keiner von ihnen hat jemals vorgeschlagen, im Kino einen dieser investigativen Dokmentationszusammenschnitte über die Lager oder die Fortführungen des Prozeßes zu sehen. Keiner der zwei verliert je ein Wort über die Zukunft dieses Landes oder die Besatzung oder den Versuch der Demokratisierung und Entnazifizierung, den die Alliierten angestoßen haben. Aber sie müssen doch darüber nachdenken, sie haben doch einen großen Teil ihres Lebens dem Kampf gewidmet, sei es für das nationalsozialistische System oder dagegen. Kann man das so einfach abschließen und gedanklich wegstecken, nur weil es faktisch vorbei ist? Ist es für Gilbert derart leicht, seine Vergangenheit in der SS hinter sich zu lassen, das Lager? Bereut er nichts, hat er keine Alpträume davon?

Morgens beobachtet Roderich des öfteren Gilbert aus den Augenwinkeln und kommt zu dem Schluss: nein. Zumindest sind da keine Anzeichen eines schlechten Gewissens oder einer Scham, die sich in der Seele des einstigen Scharführers niedergesetzt hat. Und er würde ihn gerne fragen, wie er das macht, warum er das kann, nach all den Gräueln, für die sich die SS verantworten muss. Aber wenn Gilbert im Lager nicht in dieser Position gewesen wäre, hätte Roderich nicht überlebt. Und er bringt es nicht fertig ihn anzuklagen, obwohl er manchmal nichts lieber als genau das tun würde. Doch nicht Gilbert hat Elizaveta ermordet....das waren andere. Aber was wäre, wenn es Gilbert getan hätte, wenn ihm das Schicksal nicht davor bewahrt hätte, an genau diesem Tag an der Rampe zu stehen?

Mit diesen selbstzermürbenden Gedankengängen kommt er nicht weiter, er muss endlich wieder anfangen zu leben. Das Lager ist Geschichte, vergangen. Alles, was davon blieb – außer den Erinnerungen - ist dieses körperliche Schwächegefühl, die Anfälligkeit für Kälte und Feuchtigkeit, der kratzende Husten in seinen Lungen und noch ein paar andere unschöne Dinge, die er geschickt verborgen hält.

Doch es kommt der Tag, an dem Roderich dieses Gesamtheit an Hinterlassenschaften nicht mehr in sich verschließen kann, er muss darüber reden, sonst wird er vielleicht nie wieder geheilt. Wie sonst kann er das Grabtuch von seinem Gemüt ziehen? Also versucht er weiter auf eine ziemlich passive und ungeschickte Art, die anderen zum reden zu bringen, sie darauf aufmerksam zu machen, ihn nicht wie ein schwer gebranntes Kind zu behandeln und über gewisse Dinge zu schweigen, sondern einfach anzufangen zu reden.

Oft sitzt er abends stundenlang in der fremden Wohnung und hält die Geige in der Hand, die sie ihm geschenkt haben. Vielleicht erwarten sie von ihm, dass er auf diese Weise redet, verarbeitet? Vielleicht soll es ihn aber auch nur zum Schweigen bringen, weil sie seine Geschichten nicht hören wollen, vielleicht dient sie als eine Art Sprech-ersatz oder als geduldige Zuhörerin?

Mit den Fingern fährt er das glatt geschliffene Holz entlang, presst die Fingerkuppen in die Drahtsaiten, bis es auf der Haut weh tut.

Erst einmal hat er es geschafft das Instrument prüfend ans Kinn zu legen und so zu tun als würde er spielen, da war nur keine Musik in seinem Kopf, nur Leere.


***

Ihr Leben zusammen. Klappt das so? Ist Gilbert damit zufrieden?
Was, wenn sie beide voneinander mehr erwartet haben, wenn es ausläuft? Der Alltag miteinander ist ohne Zweifel schön, auch wenn sie das Leben, was sie jetzt führen, kaum Alltag nennen können, zumindest bewegt es sich in eine Richtung dahin. Und wenn genau diese Schritte hin zur Normalität das alles entscheidende falsche Fortgehen auf einen bestimmten verlorenen Weg ist?

Es ist für ihn ein Wagnis sich in diesem Land aufzuhalten. Gilbert muss wissen, dass er nur wegen ihm hier bleibt, dass es sonst keinen anderen Grund für ihn gebe, seine abgetrennten Wurzeln inmitten eines unbekannten Volkes in fremde Erde hinein zu schlagen. Doch Gilbert ist abwesend in letzter Zeit, unaufmerksam, verschlossen und manchmal noch abwehrender als er es für gewöhnlich war. Vielleicht hat er gemerkt, dass es doch nicht so aufregend ist, mit ihm zusammen zu sein – vielleicht langweilt er sich sogar? Sein Verhalten kann doch nicht nur mit seinem Warten auf Ludwig zusammen hängen, oder?

Was, wenn der Mann, den er liebt, bei seinem Anblick im Gegenzug nur noch Überdruss empfindet? Was, wenn sie sich doch ineinander getäuscht haben?



Uff, hoffentlich haben euch die diversen Einblicke so gefallen. Es passiert natürlich viel und alles auf einmal in den letzten Monaten des 45er Jahres. Und natürlich hab ich vieles nicht angesprochen oder weggelassen, was man noch mit hinein nehmen könnte. Aber wenn man drei Personen am leben lässt muss man auch mit drei individuellen Sichtweisen umgehen können.....^^....

Ausblick: der zweite Teil von Zäsur bringt Musik und Schmücken.
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