Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
46
219.821
8
Alle Kapitel
119 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
15.02.2012 4.529
 
Zwischenstück II


Konzentrationslager Buchenwald, April 1945

Die ersten warmen Tage dieses jungen Frühlings tauen die froststarren Leichen in den Ecken des KZs auf, die wegzuräumen sich keiner mehr in der Verantwortlichkeit sieht. Die interne Befehlsstruktur der SS ist völlig in sich zusammengebrochen.

Amerikanische Panzer sind nur noch eine Stunde weit entfernt, allerhöchstens zwei. Die schlammverseuchte Straße auf den Ettersberg hinauf ist unbefestigt, es kann schon eine ganze Weile dauern, sich dort hoch zu kämpfen, aber sie werden kommen, endlich, nach so vielen Jahren werden ein paar hundert junge Männer aus der Neuen Welt kommen und die Gefangenen der Alten Welt befreien. Einfach so.

Noch herrschen im Lager Chaos und Willkür. Komplett undurchsichtig ist das Gewühl aus ziellos umher irrenden ehemaligen Funktionshäftlingen und zerlumpten Gestalten, welche sich humpelnd oder auf allen Vieren auf der Suche nach etwas essbaren gemacht haben. Dazwischen tappen sich lebende Skelette vorsichtig an den Baracken entlang. Ihr Körper kennt keinen Hunger mehr, sie wollen nur noch das erste Mal seit dem Anbeginn der Hoffnung ihre Freiheit auskosten.

Dieses kostbare Gut ist selbst jetzt noch immer fragil. Ab und an sieht man einen uniformierten SS´ler mit seiner Waffe in der Hand über den Lagerplatz hasten – noch immer haben diese Vertreter des untergehenden Reiches die Macht zu töten, noch immer geht von ihnen der Nimbus einer gewissen Allherrschaftlichkeit aus.

Dabei wissen auch sie, dass es jetzt – wo sich alles in Auflösung befindet - gefährlich geworden ist, allein durch das Lager zu streifen, das auch sie nur eine bestimmte Anzahl an Schüssen vorrätig haben. Wenn sich ein Rudel Häftlinge entscheiden würde, an einem der verhassten Wärter Rache zu nehmen, könnte ihnen das als überragender Mehrheit viel leichter gelingen, als sie es sich vorstellen können.

Doch noch sind sie sich ihrer Sache nicht sicher. Zu oft sind sie von der SS hintergangen worden. Erst wenn die ersten Amerikaner mit verlangsamten Schritten das Eingangstor passieren, wenn die Häftlinge sie mit eigenen Augen sehen, ist es wirklich vorbei. Bis dahin vermeidet es jeder von ihnen tunlichst auf einen ihrer Häscher zu stoßen.

Alle, bis auf eine Ausnahme....

Aus einem unscheinbaren Nebengebäude der Kommandantur tritt jetzt ein Mann in einem dreckigen Mantel heraus, blickt sich suchend um und abseits neugieriger Augen, aus dem verborgenen Schatten der Holzhütte, löst sich ein zweiter Schatten heraus, stiefelt auf ihn zu und scheint ihn zum weiterlaufen anzutreiben.

Die Getue der Zwei wirkt unheimlich verschwörerisch und perfekt durchorganisiert. So als ob sie sich für ihr konspiratives Zusammentreffen verabredet hätten.

Beide treten in großen hastigen Schritten auf die dünn gepflasterte Lagerstraße, schauen sich dabei immer wieder auffällig nach allen Seiten um. Die synchrone Choreographie eines völlig kuriosen Verhaltens, einer gewissen Paranoia nicht entbehrend.

So als ob Leben davon abhingen, würde einer von ihnen enttarnt werden. Enttarnt ist genau das richtige Wort, denn blitzen da nicht grüne Hosen unter dem unnötig dicken Mantel hervor, den der Kleinere trägt? Und sind die dünnen zerschlissenen Halbschuhe nicht seltsam unpassend gewählt - zu zufällig, um Zufall zu sein – immerhin ist es doch erst Frühlingsanfang...?  

In ein noch halsbrecherisches Tempo fallend hasten die Männer ein paar Meter auf dem breiten Weg Richtung der Ansammlung von Häftlingsbaracken entlang. Auf einer bestimmten Höhe angekommen, reißt der größere der zwei den Anderen am Arm mit sich und zieht ihn in eine der Baracken hinein.

 

 .....      



So weit so gut.

Gilbert atmet für einen schnellen Moment erleichtert durch, aber noch ehe er ein zweites Mal nach Luft schnappen kann, hat ihn Ivan schon kräftig zum Weitergehen angestoßen. Ungeduldig wedelt der Russe mit den Händen und scheucht den Anderen an den Waschgelegenheiten vorbei durch den Schlafsaal, in dem einige Häftlinge in den Betten still vor sich hin vegetieren.

Weiter, nur immer weiter und schneller.

Erst als sie in dem winzigen Zimmer angelangt sind, welches Ivan die letzten Monate als Unterkapo zugestanden hat, erst als sie leise, aber hurtig die Tür hinter sich schließen, schöpfen beide nach Atem und entspannen sich leicht.

Das Untertauchen so einfach war, wenn es im Schatten wahllos gestifteter Unruhe und Verwirrung geschah. Das er sich den unnachgiebigen Greiferhänden der SS so einfach entziehen konnte, noch heute Morgen hatte er mit einigen Kameraden zusammen gefrühstückt – die jetzt vermutlich selber schon weit über alle Berge geflüchtet waren oder sich zumindest ihrer mit dem Totenkopf kontaminierten Kleidung entledigt hatten – und jetzt war plötzlich das Chaos ausgebrochen. Möglicherweise war Ivan daran sogar gar nicht mal ganz unschuldig.....

Er wirft seinem Gegenüber einen prüfenden Blick zu und bekommt als Antwort ein neuerliches zudringliches Winken mit den antreibenden Händen. Wortlos kommt er der darin liegenden Forderung nach und beginnt, die Knöpfe des alten Mantels zu öffnen, unter dessen altbraunem Stoff sein bisheriges wahres Gesicht in Erscheinung tritt: seine grüne Uniformenjacke.

Sachte wirft Gilbert den Mantel auf das Bett an der Seite und schaut Ivan fragend an: „Wo ist Roderich?“

„Der liegt immer noch im Krankenbau auf seiner Pritsche! Zu geschwächt, um aufzustehen, ich hab gesagt, er soll sich nicht rühren, mit niemanden reden und einfach auf uns warten.“ während Ivan spricht, steht er wie ein finsterer Leuchtturm am Fenster und blickt misstrauisch nach draußen.

Weil seine Augen offensichtlich alles als ruhig und sicher einschätzen, greift er zügig nach einer alten zusammengefalteten Häftlingsuniform, die auf einem an der Wand gelehnten Stuhl bereit liegt.

Ein letzter prüfender Blick aus dem Fenster, dann dreht er sich blitzschnell um und ist für einen konsternierten Moment richtiggehend sprachlos darüber, dass Gilbert mit dem Ausziehen seiner Kleidung noch nicht sehr weiter gekommen ist.

„Na los jetzt, mach schon!!“ drängt er leise, mit seinen Händen das gestreifte Hemd ausbreitend und so angespannt, dass es wirkt, als ob er dem Anderen die dünnen Sachen regelrecht von außen überstülpen wollen würde.  

Unter diesem unruhigen Fordern fängt der Scharführer jetzt eilig mit seinen Fingern an, die grüne Jacke aufzunesteln. Knopf für Knopf, Jahr für Jahr.

Das war es also, das Ende. Das Ende seiner Welt. Ein Trümmerhaufen, ein zweites Karthago.

Ein falsch gegangener Weg, auf dem sich ein ganzes Volk verlaufen hatte. Zwölf Jahre hatte er dieser Einbahnstraße geopfert, welche sich jetzt als Falle entpuppte. In dieser ganzen langen Zeit – fast die Hälfte seines Lebens - im Kämpfen, Siegen, Fallen und Leben wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, dass es einmal so enden würde. Wie ein mit Lepra Infizierter musste er sich vor aller anklagender und vor Ekel verzerrter Augen versteckt seines ganzen Lebensinhaltes entledigen, muss sich reinigen und loslösen von der Schande zu einer bestimmten Seite zu gehören. Muss anfangen einzusehen, dass es offensichtlich die falsche Seite gewesen ist, die der Verlierer.  

„Gilbert?....“ dringt ein warnendes Knurren in seine Gedanken ein, das fortfährt sogleich es seine Aufmerksamkeit errungen hat: „Soll ich vielleicht nachhelfen...?“

„Schon guuuut..“ beschwichtigt der Preuße überspannt und nachdem er die restlichen Knöpfe geöffnet hat, schlüpft er mit den Armen unzeremoniell schnell aus den Ärmeln seiner Jacke.

Ganz vorsichtig hält er sie vor sein Gesicht und streichelt sentimental geworden den Stoff entlang, bis er zu den sorgfältig bestickten Kragenspiegeln gelangt, deren raues Material die Finger liebevoll umschließen. Ivan hat ihm noch immer nicht verraten, was damit geschehen soll, vielleicht können sie die einzelnen Uniformstücke ja irgendwo verstecken? Dann hat er später zumindest ein Andenken an seine Zeit in der SS. Einen wirklichen Beweis seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe von Männern, nicht eine angegilbte Personal-akte, auf derem verstaubten Papier blasse Zahlen und Daten über die Allgewalt nahezu unlösbarer Herausforderungen, die er gemeistert hat, Auskunft erteilten.

Ein kleines Glöckchen macht sich in seinem Hinterkopf bemerkbar, will ihn an etwas wichtiges erinnern, was er im Begriff ist, zu vergessen. Aber noch ehe er die Botschaft des lieblichen Klingelns enträtseln kann, tritt Ivan bestimmend auf ihn zu.  

„Gib her!!“ mit einem groben Ruck reißt ihm sein Gegenüber die Jacke aus den Händen und stopft ihm gleichzeitig etwas anderes zwischen die Finger.

Über die Maßen entsetzt keucht Gilbert laut auf: „Das soll ich anziehen....?

„Tja, willkommen auf unserer Seite des Dritten Reichs, Kamerad.“ ein kleiner Funken anklagender Spott hat sich in den Tonfall des Russen eingenistet. Garniert mit bestürzten Stückchen von „Jetzt siehst auch du endlich mal, wie sich das anfühlt“ und „Wie hast du es all die Jahre in einer Organisation aushalten können, die nur von der Verbreitung des Bösen lebt und Menschen wie Tiere behandelt hat?“.

Der auferzwungene Kleiderwechsel ist für Ivan mitnichten ein Art Vergeltung für die Qualen, die er durch andere Repräsentanten des nationalsozialistischen Staates erleiden musste.
Aber es kann auch nicht gerade gesagt werden, dass Ivan im Angesicht der aufziehenden Ereignisse nicht zumindest den Hauch eines Triumphgefühls verspürt und die Gunst der Stunde nutzt, um Gilbert nebenbei eine Lektion zu erteilen.

Schweigsam geworden zieht der Preuße mit spitzen Fingern und sichtbaren Widerwillen die dünne Häftlingskluft über, deren borstiges Material ihm schon in den ersten Sekunden unangenehm auf der Haut kratzt.

Für das Wechseln der Hosen erspart er sich die Mühe aus seinen Schuhen zu schlüpfen: er zieht die Löcher der Hosenbeine einfach über die angekleideten Füße, wirft sie ebenfalls auf das Bett und greift mit lustloser Geste nach dem bereit gehaltenen Rest des Sträflingsanzugs.

Als er fertig ist lassen ihn die unförmigen Kleidungsstücke noch eine Spur dünner erscheinen als er in Wirklichkeit ist. Ganz stilecht zu seiner Maskerade trägt er ein leidendes Gesicht zur Schau. Mehr noch: jeder Winkel seiner Miene schreit nach Missfallen und unermesslichen Unbehagen als die Kreatur herumlaufen zu müssen, zu der er sich getarnt hat.

Ivan muss bei dem Anblick des trotzig schauenden Anderen unbewusst lächeln. Ohne die schneidige Montur fehlt dem Mann vor ihm ein ganzes Stück von...er kann es gar nicht so genau deuten.....Persönlichkeit vielleicht? Nein das nicht, aber Format und Erscheinungskraft. Er sieht nach Nichts aus, austauschbar fast, auf jeden Fall in der Masse untertauchen könnend: einer unter vielen. Es fehlt nur noch eine winzige Kleinigkeit zur Perfektion.

„Ahh...warte..“ der Russe hat mit der Hand kurz in seiner Hosentasche gegraben und eine ganze Faust an Dreck zutage gefördert, den er dem Anderen genießerisch auf die Kleidung klatscht und mit vorsichtigen Daumenspitzen ins Gesicht schmiert.

„Was..hey..iiiiiehh.....Ivan!!!!!“ viel zu spät erkennt Gilbert den Sinn der streichenden Bewegungen auf seinem Anzug und als er versucht mit dem Ärmel zumindest auf seinen Wangen wieder Ordnung zu schaffen, verreibt er den schlammigen Dreck nur noch mehr.

„Stell dich doch nicht so an, jetzt erkennt dich keiner mehr auf den ersten Blick!“  

Detailliert prüfend umkreist der Größe den sich unruhig schüttelnden, angewiderten Kleineren ein paar Runden. Als er zufrieden scheint, gibt er eine letzte Anweisung: „Zieh dir besser die Mütze ganz tief ins Gesicht, wenn wir rausgehen. Damit wir absolut sicher sein können...“

Vor der Ausführung dieser allerletzten Stufe in der Verwandlung zum Häftling hatte der Scharführer – der er jetzt nur noch im Geiste ist - sich bis jetzt geweigert. Ungeduldig wartend liegt die hässliche Mütze mit den blau-weißen Streifen auf dem Tisch herum. Die weiche Rundung des Kappenendes grinst ihm unangenehm breit entgegen, als ob sie ihn verhöhnen wollte. Von allen zebra-ähnlichen Kleidungsstücken ist die Mütze das Erniedrigenste. Weder hat sie eine ordentliche Form noch eine besondere Funktion, sie wurde einzig zu dem Zweck geschaffen, dass der Häftling sie augenblicklich herunter reißen kann, wenn er vor einem SS´ler Meldung machte.

„Das wird trotzdem nicht funktionieren....irgendjemand wird mich erkennen...“ murmelt Gilbert störrisch vor sich hin und greift zähneknirschend nach dem rauen Ding auf dem Tisch. In der SS riß sich niemand vor rückgratloser Unterwürfigkeit die Mütze vom Kopf, da wurde respektvoll und nach Ranghierarchie salutiert, wie es in Armeen auf der ganzen Welt militärische Gepflogenheit war....

„Du hättest dir zur Tarnung vielleicht vorsichtshalber eine Nummer auf den Arm stechen lassen sollen!“ erwidert Ivan leise, in seiner Hand ein unförmiger Sack, den er versucht so gut es geht in den Freiflächen seines grauen Mantels zu verstecken, nachdem er Gilberts alte Uniformenstücke dort hinein gestopft hat. Ganz bewusst hat der vorausschauende Russe noch kein Wort darüber verloren, auf welchem Weg er plant, sich des belastenden Materials zu entledigen. Weil es sonst bei seinem Partner auf jeden Fall zu hochemotionalen Ausbrüchen extravagantester Couleur geführt hätte.  

Sein Gegenüber starrt diese würdelose Schauspiel einige Sekunden lang an, wirkt dabei aber komplett abwesend. Wage öffnet er den Mund, schöpft hilfesuchend Luft und lässt Ivan an seinen Erinnerungen teilhaben: „Ich wollte. In Auschwitz...ich hatte jemanden bestochen dafür...aber....es... Roderich... wie hätte ich das Roderich erklärt, ich hätte ihm......nie wieder in die Augen sehen können...“

Gilberts Blick wird schwer und fällt zu Boden. Es ist kompliziert zu erklären, was in den nächtlichen Momenten, verborgen vor aller Neugier und Denunziantentum, in ihm vorgegangen war, als die dreckige Nadel nur noch Millimeter von seiner bleichen Haut auf dem Unterarm entfernt war, als er plötzlich aus einem Impuls heraus den bestochenen Häftling von sich wegstieß – tief verwundert über sein eigenes
unkoordiniertes Verhalten – sich seinen Mantel nahm und wortlos davon stürmte.
Hätte er eine tätowierte Nummer auf dem Arm, in Form und Machart vergleichbar mit der von Roderich, würde das den Österreicher und das Leid, das er erlitten hat, nicht furchtbar verhöhnen?

Noch immer tief in den Widersprüchen dieser für seinen Geist ungreifbaren Problematik schwebend, schließt sich Etwas fest um seinen Arm und katapultiert Gilbert zurück ins Hier. Ivan steht fieberhaft wartend vor ihm, hat die andere Hand schon an der Türklinke und offensichtlich schon ein paar antreibende Worte verloren, denn jetzt klingt er in seiner Aufforderung noch unwirscher, noch gesteigerter: „Goooott Gilbert, kommst du endlich?! Los jetzt!!“  

Durch die falsche Kostümierung hat sich das Machtgefüge wieder zugunsten des politischen Häftlings verschoben. Jetzt ist Ivan erneut für Gilberts körperliche Unversehrtheit verantwortlich und er lebt das mit voller Wucht aus. So unfassbar weit sind sie gemeinsam gekommen und er würde es selbst mit dem Teufel aufnehmen, nur um zu verhindern, das jetzt noch etwas schief läuft.  

Seine ruhelose Hand lässt den Kleineren wieder los und macht angedeutet winkende Bewegungen in Richtung der geöffneten Tür.

Der Andere zögert. Nestelt an seiner gestreiften Kleidung herum und tut sich sichtlich schwer damit, auch noch in den Mantel zu schlüpfen, mit dem er schon vorhin seine eigentliche Zugehörigkeit verdeckt hat. Zum Glück zwingt ihn Ivan nicht auch noch diese absurden Holzpantilen zu tragen, in denen die Häftlinge nur ruschtend vorwärts kommen und sich darüber hinaus noch mit andauernden schweren Stolpern vollkommen lächerlich machen.

Er schämt sich seines Aufzuges auch so schon über die Maßen. Fürchterlich.....

Was für eine kolossale Metamorphose. Als Soldat hat er diese Unterkunft betreten und als gestreifter Häftling tritt er wieder aus ihr heraus. Dieser Umstand zieht heftig an ihm, er ist schwer zu er-tragen, drückt wie ein enges Bleihemd vehement auf seine Brust ein.

Mit einem Mal fällt ihm etwas ein und er kann das penetrante Klingeln des Glöckchens in seinem Kopf in Worte und Erinnerungen übersetzen.

Ein gewaltiger Schreck. Ein verzweifelter, fast weinerlicher Ausruf: „Halt!! Mein Orden, mein Orden ist noch in der Jackentasche!“

Schnell springt er auf Ivan zu, reißt dessen Mantellängen zur Seite auf und versucht an die Öffnung des flach gepressten Kleidersacks zu gelangen: weil er wusste, dass er den SS-Bau nicht mehr wird betreten können, hat er hat die Auszeichnung samt Band extra aus der Schatulle genommen und in seine Tasche gesteckt, damit er ihn irgendwo an seinem Körper verborgen weiter behalten konnte. Der sperrige Orden war der einzige Nachweis seiner Errungenschaften – welcher nichts von dem abrupten Seitenwechsel, dem so eben begangenen feigen Verrat preisgab - den konnte er doch nicht aus den Händen geben....

„Ivan...“ nörgelt Gilbert gehetzt, anklagend, ohne dabei den Kopf zu heben, den Blick auf sein Ziel fixiert. In mehreren Ansätzen hat der Preuße nun schon versucht die zugezurrte Öffnung des Kleidersacks seinen Fingern zugreiflich zu machen, aber Ivan hat sich versteift und nimmt den Arm nicht weg von der besagten Stelle. Er hilft ihm kein bisschen, fast so als würde er gar nicht wollen, dass....

„Gilbert, schau mich mal an.“

Langsam schließen sich langen Finger der anderen Hand sanft um eines seiner Gelenke und schieben den suchenden Arm weit weg von sich. Der Preuße ist furchtbar irritiert von dieser verdrängenden Geste, sie trifft ihn, greift mit massiver unterschwelliger Zerstörungsgewalt auf brachliegende, schutzlose Wundstellen an. Versteht Ivan denn nicht die Tragweite seines Willens? Er braucht seinen Orden, wie soll er denn sonst nachweisen, wer er gewesen ist und was er getan hat, wenn er nichts mehr behalten darf....

Mit verräterisch glänzenden Augen hebt er den Kopf. Bittend.

„Bloss weil du keine Uniform mehr hast, oder keinen Orden, heißt das nicht, dass du kein vollwertiger Mensch mehr bist! Verstanden?!“ Ivans Ton ist der eines strengen Gelehrten, der aus seiner funkelnden Krone eine Perle der Weisheit gebrochen und an die Oberfläche der menschlichen Sprache geholt hat. Ohne dabei noch laut das Urteil hinzu zufügen, dass die fast schon fetischartige Liebe zu Uniformen und deren Behängung schon immer ein fatales Problem in der deutschen Gesellschaft gewesen ist.

Ihre ganze Umgebung fällt für wenige Momente völlig in das Abseits fremder unzugänglicher Dimensionen. Totales Schweigen breitet sich aus.

Gilbert blickt Ivan an. Starrt für eine lange lange Zeit tief in das gütige Gesicht vor ihm. Als ob er so heraus zu finden versucht, ob der Andere die Wahrheit spricht oder nicht. Als ob er die kurzen Sätze voller bitterer Wahrheiten auf den Prüfstand stellt und an der Meßlatte seiner bis jetzt ausgelebten Wirklichkeit interpretiert.  

Konnte es ein Leben als einfacher Mensch geben?? Was würde mit ihnen passieren, wenn sie das hier überstanden, unentdeckt blieben und befreit wurden? Dann..... könnten sie nach Hause gehen, nicht wahr? Dann wäre Frieden, höchstwahrscheinlich. Sie müssten sich keine Sorgen mehr umeinander machen, es gäbe keine trennenden Seiten mehr. Nur noch sie beide, nur noch ein verbundenes gemeinsam.....

Intensiv die Bilder der Stationen ihrer Geschichte im Kopf abwälzend findet er kein einziges, auf dem sie beide mit freien Willen, ohne die Angst haben zu müssen, entdeckt zu werden, einfach nur die vergehende Zeit genießen und sich einander gemütlich in den Armen liegen.

Wieviel Leid und Elend sie entkommen sind, welch enormes Glück sie beide gehabt haben - Ivan und Roderich wahrscheinlich noch mehr als Gilbert selber. Die unendlichen Strapazen, die sie auf sich genommen haben, die Gefahren. Alles im Hoffen und Glauben an eine bestimmte bessere Zukunft, so war es doch, oder? Man tat nichts nur aus völliger Uneigennützigkeit heraus.

Der Preuße denkt an purpurrote Blutlachen, die sich aus gut gezielten Löchern in den Köpfen der auf den Boden liegenden Häftlinge speisten. Größer wurden unter seinen flackernden Augen. Sich mit dem lehmigen Schlamm vermischten und in kleine blassrosane Rinnsale zerflossen. Keinen Tag zu früh hatte er Ivan aus Birkenau abtransportieren lassen. Denn ein paar Tage später war es in der Tat zu dem befürchteten Auftstand gekommen. Brutal niedergeschlagen von vielfach stärker bewaffneten SS-kräften – einmal konnten sich einige Kameraden aufführen als ständen sie höchstpersönlich selber in den Schlachtlinien der Front.
Äußerlich ruhig hatte er in einigem Abstand dagestanden und beobachtet wie sich alle aufgegriffenen Häftlinge in ordentliche Reihen gezwängt auf den Boden legten mussten. Dann Schüsse und Schüsse und Schüsse. Wachsende Blutpfützen auf der Erde. Und in seinem Kopf ein zitterndes, aus allertiefsten Herzen kommendes Dankgebet an alle metaphysischen Erscheinungsformen, die er sich vorstellen konnte, das Ivan nicht dabei war, das er gar nicht mehr in Auschwitz war.

Es stimmt. Die erträumte Zukunft ist im Begriff wahr zu werden, zum Greifen nah scheint sie zu sein. Es ist nichts verwerfliches daran, ein Zivilistendasein zu führen. Sie konnten normale Menschen sein, wenn es die Zeit erforderlich machte, konnten alles sein, was sie wollten.

Was zählte, war das sie lebten. Zusammen waren. Und es endlich ungehindert bleiben konnten, jetzt, da das Tausendjährige Reich im zerfallen begriffen war und mit ihm die unsichtbaren Grenzen zwischen ihnen. Dass er seine Welt verloren hat, hieß nicht, dass es nicht noch andere Welten gab, die ihn aufnahmen. Oder, dass er sich nicht eine neue aufbauen konnte, wenn er wollte. Denn wenn er eines gelernt hatte, dann das nahezu Alles möglich und sehr wenig völlig sicher war. Die Zukunft war zerbrechlich. Wege kreuzten sich, verliefen im Sande oder wurden zu Sackgassen. Er hatte nicht immer den besten, nicht immer den geradesten genommen, doch das war nicht mehr wichtig, denn einer von ihnen hatte ihn direkt auf den Anführer der Partisanen zugeführt. Bis hierher.

Ivan hat in einem Wimpernschlag alles, was er war, was er liebte und kannte, für ihn aufgeben. Warum für diese Summe an Opfern jetzt nicht ein Gleiches aufbringen, warum nicht seinem Urteil vertrauen?

Ein schmales unsicheres Lächeln beginnt sich auf Gilberts Lippen zu formen. Es zeigt, dass er Ivans Versicherung akzeptiert, aber noch nicht ganz glaubt. Noch ist alles zu frisch, noch braucht es Zeit, um zu verarbeiten, dass die letzten Jahre seines Lebens der Seite der Verlierer gegolten haben. Dass er jetzt nichts mehr ist, als einer der Vielen, die er herum zu kommandieren pflegte.

Doch kommende, neue Erfahrungen werden die beschämenden Umstände dieser tiefgehenden Verwandlung schnell verwischen und zu einem bedrückenden, aber kleinen Zwischenstück schrumpfen lassen.



***


Ich hatte dies Land in mein Herz genommen,
ich habe ihm Boten um Boten gesandt.
In vielen Gestalten bin ich gekommen.
Ihr aber habt mich in keiner erkannt.

Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer,
ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuh‘n.
Ihr riefet dem Schergen, ihr winktet dem Späher
und meintet noch, Gott einen Dienst zu tun.

Ich kam als zitternde, geistesgeschwächte
Greisin mit stummen Angstgeschrei.
Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte
und nur meine Asche gabt ihr frei.

Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,
ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot.
Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen,
ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.

Ich kam, ein Gefangener, als Tagelöhner,
verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?

(Die letzte Epiphanie, Werner Bergengruen)



***


Sie hatten es nicht gewusst.

Keiner von ihnen.

Die breite Masse der einfachen Soldaten war ahnungslos gewesen.  

Warum sind wir in Europa? Warum führen wir Krieg gegen die Deutschen? Wer hat uns in Pearl Harbor, an diesem date which will live in infamy so heimtückisch angegriffen und eine ganze Flotte versenkt? Das Deutsche Reich oder das Kaiserreich Japan?

Und wessen Ideologie bildete wirklich das krasse Gegenstück zu dem freiheitlich-liberalen american way of life? Das nationalsozialistische mit seinen Schönheitsfehlern, das auf die Erhaltung und Stärkung eines reines Volkes zielte, oder die absurde bolschewistische Theorie einer Abschaffung des Privateigentums und deren Verstaatlichung zu kollektiven Besitztum hin?

Sie hatten es nicht gewusst, bis zuletzt.

Bis sie deutschen Boden betraten. Vollkommen ahnunglos.

Bis eine kleine Vorhut von ihnen durch einen altehrwürdigen deutschen Märchenwald streifte.  

Immer dichter an die Wahrheit heran rückend.

Mit jedem vorsichtigen Schritt. Unter denen die Zweige knackend brachen. Zweige von tausend Jahren und tausend Schicksalen.

Bis es plötzlich zwischen den gewaltigen Bäumen still ward, bis kein einziger Vogel mehr sang und die staubigen Sonnenstrahlen trügerisch grell in den Gesichtern brannten. Alle gute Laune erstickend.

Sie marschierten weiter. Konzentrierter, die Waffen gehoben jetzt, auf einen Hinterhalt letzter versprengter deutscher Kräfte wartend. Atemlos.

Und als sie mit einem Mal durch die Mauer der Bäume brachen, als sie auf die gleißend erleuchtete Lichtung traten und als sie es endlich sahen, weil sie nichts anderes sehen konnten, als sie ihm gegenüber standen, diesen Zaun aus dünnen Draht und den im Sterben begriffenen Kreaturen dahinter in ihren gestreiften Anzügen, apathisch auf das Ende wartend – oder einen neuen Anfang – da wussten sie es schließlich.

Das war, wofür sie kämpften, warum sie kämpften.

Das war es, wofür man sie tausende Meilen über den Globus gescheucht hatte: die Befreiung dieser lebenden Wesen. Rettung. Menschlichkeit.

Und dann verstanden sie es.
Dann verstanden sie es.

Das hier war ein Lager. Ein Konzentrationslager. Es war nichts einzigartiges daran, es gab sie zu hunderten auf deutschen Boden. Auch im Osten hatten die Russen viele dieser Lager entdeckt. Einige noch gigantischer und perfider als dieses hier.

Dann verstanden sie es endlich. Wortlos. Bewegt vor Entsetzen und Hilflosigkeit.

Und sie knieten, vor den Leichen dieser Geschöpfe wie vor den lebenden, denn viel hatten sie gesehen in diesem großen Krieg, sie waren Soldaten, was sollte sie noch erschüttern können?

Viel hatten sie gesehen in diesem grausamen Krieg, aber so etwas, so etwas noch nie.

Niemals.

Wie hatte das passieren können?

Wie hatte sich vor den Augen dieses Volkes derartiges zutragen können? Mit welchem Recht, mit welcher Selbstverständlichkeit?

Oder war die schweigende Zustimmung der überwältigend großen Masse die eigentliche Ursache dieses Grauens?

Was wog schwerer? Das Böse, das man tat oder das Gute, das man unterließ?

Konnte denn ein einziger Mann soviel Leid und Tod über die Welt bringen? Konnte er das Schicksal verändern und mit brachialer Gewalt die Lebenswege vieler Millionen und Abermillionen von Menschen auf andere Bahnen lenken? Er konnte. Und er hatte.

Ihre Schuld war ihr Gehorsam.  

Dieses merkwürdige Volk in der Mitte Europas. So kultiviert, so berühmt für seine Dichter, Philosophen und Musiker. So anfällig für die ausgeworfenen Netze der Ordnung und Disziplin. So willig, sich in den Befehlen zu verfangen, ihnen ergeben zu lauschen und sie hackenschlagend auszuführen. Geradewegs an den Widersprüchen der Aufklärung scheiternd.

Was sollte jetzt geschehen? Welche Lehren sollte es für ein Land noch geben können, welches die Welt zweimal mit einem gewaltigen Krieg überzogen hatte? Welches nicht lernen wollte?

War es nicht besser, dieses Land von der Karte zu tilgen? Für immer?

Oder sollte ein anderes Exempel statuiert werden?



***


Andere Völker zählten ihre Verluste.

Wir können nur zählen, was übrig geblieben war.

Andere Völker haben das Loch, das der Krieg riß, wieder ausgefüllt.

Das jüdische Volk kann selbst unter größter Anstrengung den Rest kaum erhalten. Für unsere Nation wäre die Million der gemordeter Kinder das Geschlecht von morgen gewesen.

Im Laufe von Generationen werden wir nicht in der Lage sein, diese gewaltigen Verluste wieder aufzufüllen.

Ein Sterblicher ist nicht fähig, den Schuldigen die Strafe zu geben, die ihnen gebührt und die dem Abgrund an Bösartigkeit angemessen wäre und dem Meer der Leiden, in das sie das jüdische Volk gestürzt haben. Eine solche Strafe gibt es nicht. In den Kulturländern ist sie unbekannt und der Straf- und Folterungsmethoden der Gestapo wollen wir uns nicht bedienen.

(Gideon Hausner in „Der Prozeß von Jerusalem, Seite 297-299.)




Ich finde das Gedicht sehr ergreifend, besonders den Hammerschlag des letzten Satzes (für mich übrigens die Alliierten, nicht – wie es vom Autor glaube ich in erster Instanz gemeint war – Gott). Magische Gewaltausübung in meinem Kopf. (Stellt euch mal vor, ihr reißt irgendeine Zimmertür in der Schule oder irgendwo anders auf und fragt mit getragener Stimme „Jetzt kommt ich als Richter, erkennt ihr mich JETZT?“ Gänsehaut.....)

Wie vielleicht auffällt, könnte man die persönlichen Passagen in Zwischenstück I und II auch mit „An – bzw. Abputzen“ umschreiben...^^.

Ausblick: das nächste (ohlieberlieberlieberHimmel: LETZTE!!!) Kapitel heißt Zäsur und führt uns nach Berlin zurück, in die Wohnung der Beilschmidt-Brüder.

By the way 1: es ist Adolf Eichmann persönlich gewesen, der sich im Jerusalem-Prozeß unter anderen mit „Meine Schuld war mein Gehorsam“ verteidigte......ich hab das in einem der kleinen Teile mit eingebaut, weil diese Ausrede so sinngebend für viele viele Tausende zu stehen scheint.

By the way 2: werden viele kennen: Band of Brothers, den 9.ten der 10 Teile, der da heißt: „Warum wir kämpfen“. Ein Außenlager eines KZs wird entdeckt, in genau der gleichen Weise, wie ich es hier versucht habe, dilettantisch zu beschreiben.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast