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Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
46
219.821
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15.02.2012 3.022
 
Zwischenstück 1



So wie eine bestimmte Gasmenge einen Hohlraum, in den sie gepumpt wird, wie groß er auch immer sein mag, auf jeden Fall gleichmäßig und vollständig ausfüllt, genau so füllt das Leid die Seele des Menschen, das menschliche Bewusstsein, auf jeden Fall aus, ob dieses Leid nun groß oder gering ist.

(Viktor Frankl,  ...trotzdem Ja zum Leben sagen, Seite 75.)


***


Der Schnitt, der durch Hitlers Leben geht, ist kein Querschnitt, sondern ein Längsschnitt. Nicht Schwäche und Versagen bis 1919, Kraft und Leistung seit 1920. Sondern vorher wie nachher eine ungewöhnliche Intensität des politischen Lebens und Erlebens bei ungewöhnlicher Dürftigkeit des persönlichen. Schon der obskure Bohemien der Vorkriegsjahre lebte und webte im politischen Zeitgeschehen, als wäre er ein Spitzenpolitiker; und noch der Führer und Reichskanzler blieb in seinem persönlichen Leben ein arrivierter Bohemien. Das entscheidende Kennzeichen dieses Lebens ist seine Eindimensionalität.

Viele Biographien tragen als Untertitel unter dem Namen ihres Helden die Worte: „Sein Leben und seine Zeit“, wobei das „und“ mehr trennt als verbindet. Biographische und zeitgeschichtliche Kapitel wechseln; das große Individuum steht plastisch vor dem Hintergrund des flächenhaft eingezeichneten Zeitgeschehens, es hebt sich ebenso von ihm ab, wie es darin eingreift. Ein Leben Hitlers lässt sich so nicht schreiben. Alles, was daran zählt, verschmilzt mit der Zeitgeschichte, ist Zeitgeschichte. Der junge Hitler reflektiert sie; der mittlere reflektiert sie immer noch, wirkt aber auch schon auf sie ein, der späte bestimmt sie. Erst wird er von der Geschichte gemacht, dann macht er Geschichte. Darüber lohnt sich zu reden. Was Hitlers Leben sonst hergibt, sind im wesentlichen Fehlanzeigen – nach 1919 wie vorher. Machen wir sie kurz.

In diesem Leben fehlt – „nachher“ wie „vorher“ – alles, was einem Menschenleben normalerweise Schwere, Wärme und Würde gibt: Bildung, Beruf, Liebe und Freundschaft, Ehe, Vaterschaft. Es ist, von der Politik und der politischen Leidenschaft einmal abgesehen, ein inhaltsloses Leben, und daher ein zwar gewiss nicht glückliches, aber eigentümlich leichtes, leichtwiegendes, leicht wegzuwerfendes. Ständige Selbstmordbereitschaft begleitet denn auch Hitlers ganze politische Laufbahn.

Und am Ende steht wirklich, wie selbstverständlich, ein Selbstmord.

(Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler, Seite 9.)



***


Weihnachten 1938, Berlin

Klacksend sucht sich der Schlüssel seinen Weg ins Schloß, bis einen kleinem Moment später die Tür von einem Knie aufgestoßen wird. Ludwig hält zwei große Beutel in der einen und balanciert ein dickes Päckchen in der anderen Hand.

Leise tritt er in die Wohnung hinein und schubst mit der Schulter die Tür zurück ins Schloß.

Als er sich herum dreht, steht Gilbert grinsend im Türrahmen und beobachtet sein um Stille bemühtes Treiben interessiert.

Der jüngere Bruder legt den Kopf leicht schief und fixiert sein Gegenüber. Lauernd auf etwas wartend.

„Was ist?“ fragt Gilbert unschuldig, aber immer unruhiger werdend. Ludwigs Unmut ist förmlich in der Luft zu greifen.

Während er seine Taschen auf den Boden abstellt und sich den dicken Mantel auszieht, formuliert der blonde Mann mit ruhiger Stimme: „Als ich dich gestern abend gebeten habe ein paar Tannenzweige zu besorgen.....“, langsam windet er sich den Schal vom Hals und sein Tonfall ändert sich, wird noch ernster, obwohl spätestens jetzt klar wird, dass er sich zu dieser seriösen Gemütslage demonstrativ zwingen muss, weil ab und zu die Andeutung eines Grinsens um seine Lippen huscht, „..hab ich eigentlich nicht gemeint, dass du dich an dem Baum im Vorgarten der Mietergemeinschaft vergreifen sollst!“

„Glaubst du, ich fahre extra raus in den Wald, wenn wir in Griffweite genau das haben, was wir brauchen?“

Anklagende Blicke treffen den Älteren, der das feixend zur Kenntnis nimmt.

„Du hättest zumindest ein paar Zweige von dort abbrechen können, wo es nicht gleich jedem auffällt, der auf der Straße daran vorbei geht. Und was wenn dich jemand gesehen hätte?“

Gilbert zuckt gleichgültig mit den Schultern, spitzt die Lippen und lässt ein aussagekräftiges „Pfff“ erklingen.

Ludwig hängt seinen Mantel über einen Kleiderbügel und öffnet eine Schublade der nussbraunen Kommode im Flur, um seine Handschuhe darin zu verstauen.

„Dich will ich mit genau derselben Lässigkeit sehen, wenn die Frau vom Hausmeister rausbekommt, dass du ihren kostbaren Vorgarten verunstaltet hast!“

Einen Augenblick lang ist es still, dann fangen beide Brüder bei der Vorstellung des streitsüchtigen Frauenzimmers aus der ersten Etage herzlich zu lachen an. Sie würde Gilbert in jedem Fall auseinander nehmen, sollte sie jemals erfahren, dass es der ältere Herr Beilschmidt gewesen ist, der die hässlichen Löcher in ihren Baum geschnitten hat.  

Ludwig gluckst noch immer leise vor sich hin als er sich die Schuhe auszieht und den Hut vom Kopf nimmt. Mit einer routinierten Bewegung streicht er sich die zerzausten Haare nach hinten und fragt: „Hast du schon angefangen zu schmücken?“

Sein Bruder schüttelt entschieden mit dem Kopf: „Natürlich nicht! Wie denn auch, die Figuren sind weg, ich hab schon überall gesucht.“

Zur Antwort bekommt er ein tiefes liebevolles Seufzen. Und dann eine exakte Ortsbeschreibung der so intensiv gesuchten Gegenstände. „Im kleinen Wohnzimmerschrank neben der Uhr, ganz unten. Der helle Bastkorb hinter den Schüsseln und Vasen.“

Mit einem Blick, der mehr sagt als er jemals mit Worten ausdrücken könnte, läuft Gilbert ins Wohnzimmer hinein und nachdem er die zerbrechlichen Gegenstände beiseite geschoben hat – es dabei naturgemäß anständig hat scheppern lassen – hält er noch auf den Knien liegend seinem Bruder triumphierend besagten Korb entgegen. Ludwig hat ihn von der Tür aus beobachtet, nickt gutmütig, zum Zeichen, dass er den Sucherfolg des Anderen gesehen hat, und inspiziert dann interessiert Gilberts gestohlene Errungenschaften.

In einer Ecke des Wohnzimmers stehen sie, die langen grünen Nadelzweige, und verströmen weit über ihr ästhetisches Wirkungsfeld hinaus einen intensiven Kiefernduft. Noch sind sie nackt, aber gleich werden sie mit wunderschönen bunten Ornamenten, Strohsternen und glitzernden Lamettastreifen geschmückt.

„Was hast du eigentlich alles mitgebracht?“

Gilbert ist wieder in den Flur getreten und umkreiselt neugierig die vollgepackten Tüten, die noch auf den Boden stehen. Er ist ganz kurz davor, sich hinunter zu beugen und seine Nase in eine von ihnen zu stecken. Dieses freche Unterfangen wird von dem Anderen nur noch dadurch verhindert, dass Ludwig ihm freudestrahlend den voluminösen, gut verschnürten zweiten Packen in die Hand drückt.

Ein wenig hippelig vor Stolz verkündet er: „Das ist meine Uniform, ich hab sie vorhin vom Schneider abgeholt.“

Grinsend starrt der Ältere das Kleiderpäckchen in seiner Hand an, scheint es abwiegen zu wollen, bis er plötzlich in seinen Bewegungen inne hält und nach unten zeigt.

„Und das da?“

„Das ist nichts!“ bemerkt Ludwig schnell, schnappt sich die Tüten und bringt sie in sein Zimmer in Sicherheit. Verfolgt von einem hartnäckigen Murren und einer viel zu gestellten Empörung: „Ich dachte, wir schenken uns nichts..“

Schnell öffnet er seinen Kleiderschrank und verstaut das Mitgebrachte sorgfältig neben seinen Sandalen und Halbschuhen, die er erst im Sommer wieder brauchen wird, „Das sagst du jedes Jahr und dann hast du doch Geschenke besorgt und ich sitze einfach mit leeren Händen da. Aber dieses Jahr nicht.“, verheißungsvoll funkelt der Jüngere mit den Augen und grinst.

„Tja, ich bin halt.....“ Gilbert setzt sich krachend auf das sorgsam gemachte Bett seines Bruders und sucht nach dem richtigen Wort: „....perfekt!“

Süffisant grinsend hält er das Päckchen in seinen Händen weit nach oben und gurrt: „Zieh mich an, zieh mich an!!“

„Etwa jetzt?“

„Na wann denn sonst?“

Unfähig sich zu rühren scheint Ludwig auf irgendetwas zu warten. Als das nicht kommt, fragt er leicht befangen: „Willst du mir etwa dabei zuschauen?“

„Glaubst du du hast was, was ich nicht auch habe?“ ironisch schnalzt der Ältere mit der Zunge, während sich seine Hände schon am faserigen Bindfaden zu schaffen machen, der mehrfach ziemlich eng um das Päckchen gewickelt ist. „Außerdem will ich doch sehen, wie du aussiehst. Das ist doch ein besonderer Moment im Leben eines jungen Mannes. Eigentlich sollten wir zusammen ein Foto machen lassen mit den Uniformen!“

Der Jüngere verdreht missbilligend die Augen über soviel pathetische Sentimentalität, aber Gilbert bemerkt das nicht, sondern hat den grünen Stoff schon aus seiner akkurat auf Kante gefalteten Form befreit und die Ärmel der Jacke weit aufgeschlagen. Bewundernd streicht er über das makellose Gewebe und lässt ein zustimmendes „Hmmm“ ertönen. Das ist schon ganz etwas anderes als seine eigene, die in irgendeiner Fabrik in genau derselben Größe hundertfach hergestellt worden ist und immer eine Spur zu sehr an ihm herunter schlackst. Nein, für seinen kleinen Bruder sollte es etwas Besonderes sein, da konnte man auch schonmal an den Ersparnissen kratzen und sich den Luxus einer echt massgeschneiderten Anfertigung gönnen.

Inzwischen ist Ludwig aus seiner dunklen Hose geschlüpft und hat sich seinen Pullover ausgezogen. Verlegen greift er nach den Teilen der Uniform, die Gilbert ihm hilfsbereit, aber ungeduldig mit den Armen wackelnd, hinhält.

Dann beginnt es: das Ankleiden des voll ausgewachsenen Kriegers. Ummantelt mit allen weihräuchernden Symbolismen, die jenseits - weit hinter den Worten - liegen, und mehr aus unausgesprochenen Erwartungen und idealistischen Versprechungen bestehen als aus irgend etwas anderem.

Auch wenn sie beide es nicht zugeben wollen, ist es für sie ein fast feierlicher Akt. In einer Gesellschaft, die das militärische so fanatisch verehrt, wie ihre, ist es kein Wunder, dass das Schmücken des Körpers mit der ersten Uniform eine ungleich höhere Ergriffenheit evoziert als zum Beispiel der erste Kuss oder eine Verlobung.

Feierlich, ja so könnte man es ausdrücken. Für Gilbert aber gleichzeitig auch ein ganzes Stück schmerzhaft. Niemanden wird er je so sehr lieben, wie seinen kleinen Bruder. Der vor seinen unvorbereiteten Augen auf einmal erwachsen geworden ist, ohne, dass er einen Einfluss auf die Art oder Schnelligkeit dieses natürlichen Prozesses hätte haben können. Der kleine ernste Junge mit den traurigen Augen und den aufgeschlagenen Knien, das konnte doch nicht schon so lange her sein...

So viel ist mit ihnen passiert und es war nicht immer leicht, dass war es ehrlich gesagt des öfteren ganz und gar nicht, doch sie haben beide hart daran gearbeitet, um ihre Beziehung über die Jahre hinweg zu genau dem zu machen, was sie heute ist: ein fester Bund enger brüderlicher Vertrautheit.

Der Ältere ist unsagbar stolz auf die imposante Gestalt in der Uniform, die sich vor ihm prüfend im Spiegel betrachtet, kritisch und penibel an dem weißen Hemd unter der Jacke herumzupft und dann sorgsam die Uniformenjacke zuknöpft. Stolz, der wie ein kandierter Apfel in der bittersüßen Zuckermasse von Wehmut getränkt wird.

Derbe reißt er sich aus seinen Gedanken los und springt mit einer gut versteckten Spur falscher Fröhlichkeit auf sein Gegenüber zu:

„Vielleicht ziehst du doch lieber die Hosenträger aus, Ludwig, das sieht komisch aus!“

Der Angesprochene kann gar nicht so schnell auf den gutgemeint spottenden Ratschlag eingehen, da nähern sich seinem Körper zappelnde Hände an.

„Außerdem hast du hier zu wenig“ Gilbert klatscht dem Anderen breit grinsend provozierend auf seinen Po und noch ehe Ludwig reagieren kann, hat er ihm seine zweite Hand auch noch auf den Bauch geschmuggelt und kitzelt ihn, „...und hier zu viel...“

„Eeey, das ist doch überhaupt nicht wahr...also hör mal!“ pikiert entfleucht der Jüngere den zupackenden, leicht bedrängenden Griffen.

Gilbert muss über den empörten Blick seines leicht angeröteten Bruders herzlich lachen, wischt sich mit einem Finger die Tränen aus den Augen und wird auf einmal stocksteif und führt seine lang ausgestreckte Hand zur Stirn.

Herr General, wenn Sie denn erlauben wollen, ich brauche jetzt dringend was zu trinken.“

Ludwig rollt mit den Augen, spielt aber ergeben mit und salutiert zurück. Übertrieben jubilierend läuft Gilbert daraufhin in die Küche und schreit durch die Wohnung dem Anderen fragend zu:

„Willst du auch was? Kakao?“

Genau wissend, was der Ältere meint, wenn er in der kalten Vorweihnachtszeit zur Nachmittagsstunde nach etwas Trinkbaren lechzt, wirft Ludwig bittend ein: „Nein, keinen Kakao, ich möchte auch Glühwein.“

„Was??? Auf keinen Fall, nein, tut mir leid, dazu bist du zu jung!“ erwidert der Mann in der Küche entrüstet, während er in einer Laustärke mit Tassen klappert, dass es sich anhört als ob er auf der Flucht ist und letzte Habseligkeiten zusammen rafft. Was er gesagt hat, sollte nach einem liebevollen Necken klingen, doch sein Tonfall war nicht akzentuiert genug und es mißlingt ihm gründlich.

Natürlich wird sein lächerlicher Einwand nicht mehr durch die Realität gedeckt, Ludwig ist alt genug, zu allem. Innerlich seufzt Gilbert bitter und eine winzige Sekunde lang fragt er sich, was wohl die Zukunft bringt, ob sie wohl beide in ihrer kleinen idyllischen Blase zusammenleben können, oder ob eines Tages jemand Fremdes dazu kommen wird, jemand mit einer spitzen Nadel in der Hand...jemand, den er wieder vertreiben muss.

Frech schmunzelnd lugt der Jüngere um die Ecke in die Küche hinein und tönt anklagend: „Thaha....entschuldige bitte mal, aber wer von uns beiden schleicht sich denn wie ein kleiner Tagedieb in den Vorgarten und stiehlt....“, er stockt abrupt als sein Blick auf den Esstisch fällt, wo ein ziemlich ramponiertes Schneideinstrument liegt, „...oh mein Gott Gilbert, hast du etwa zum Abschneiden der Zweige das gute Fleischmesser benutzt??“

---

Irgendwann haben sich die zwei Brüder mit ihren dampfenden Tassen im Wohnzimmer eingefunden. Haben einige Kerzen angezündet, die Weihnachtsplatte mit dem singenden Kinderchor aufgelegt und stehen neben der großen Kiste mit der traditionellen Dekoration.

Während Ludwig mehrmals die großen Zweige in der Vase hin und herschiebt, sie schließlich so arrangiert, dass es tatsächlich nach perfekter grüner Waldgemütlichkeit aussieht, hat Gilbert die ersten sorgfältig in Wischtüchern verpackten Ornamente aus der Kiste geholt und großflächig auf dem Stubentisch ausgebreitet.

Der Andere tritt hinzu und überblickt flau lächelnd das ganze beginnende Chaos. Mit einem Lappen in der Hand nimmt er sich die ersten kleinen Figürchen und putzt sie noch einmal ab, obwohl sie über die letzten 11 Monate hinweg kaum Staub gefangen haben. Hochkonzentriert hält er abwechselnd ganz vorsichtig winzige Holzengel und zerbrechliche Glaskugeln in seiner großen Handfläche, ziemlich ängstlich davor, sie vielleicht zu zerbrechen. Beiläufig erklingt die Frage:

„Mit was fangen wir an?“

„Ich hänge das Lametta auf...wo ist das? Aaahh...ich habs.“ fast bis zu den Ellenbogen tief steckt Gilbert in der Kiste, wühlt klappernd darin herum, bis er die zusammengebunden glitzernden Silberfäden hervor zieht und sie sich spaßeshalber auf den Kopf legt. „Und die roten Kugeln, die will ich auch machen!“

„Die sind schon hier.“

Der Ältere springt wie gehetzt auf den Tisch zu und breitet besitzergreifend seine Hände über den Kugeln aus.

„Ahhh, Hände weg, das ist meins, meins, meins!!

Mit einer subtil ins Verspotten abgleitende gehobenen Augenbraue reicht Ludwig ihm wortlos einen zweiten Lappen und seufzend fängt sein Gegenüber ergeben an, seinen Teil der Dekoration abzureiben und von Dreck zu befreien, den es gar nicht gibt. Das Lametta noch immer auf den Haaren liegend, wo es bei jeder winzigen Bewegung seines Trägers lustig hin und her wippt.

Eine Weile stehen sie sich gegenüber und polieren im Schein des leuchtenden Kerzenkranzes auf dem Fensterbrett schweigend an den Figuren herum. Ab und zu schlürft jeder von ihnen aus einer Tasse den heißen Glühwein, der zusammen mit der abbrennenden Räucherkerze ein würziges Duftgemisch von Zimt und Sandelholz verbreitet.

Plötzlich fällt Ludwig etwas Wichtiges ein, er hebt den Kopf und fragt erwartungsvoll: „Hast du eigentlich schon auf der Weihnachtskarte unterschrieben? Für Roderich und Elisabeth?“

Seine Antwort ist ein eindeutiger Blick genervter Überlastung.

„Kannst du das dann bitte sofort machen, wenn wir hier fertig sind, Gilbert?“

Blechern, an der Grenze davor, sich von dem Thema die gemütliche Laune verderben zu lassen, tönt es schal und ohne den wirklichen Wunsch dahinter: „Jaaaaa doch....“

Ludwig lässt es lieber dabei bewenden. Er bekommt seine Unterschrift auf den selbstgebastelten Karten schon noch. Und wenn er dafür seinem Bruder eigenhändig einen Stift in die Hand kleben muss, um dann genau diese Hand zu führen und das unleserliche „Beilschmidt“ auf die extra offen gelassene, großzügig bemessene Freifläche zu zwingen.

In aller Stille – nur begleitet von dem glockenhellen Singen der Kinderstimmen, welche der alte Plattenspieler zum Leben erweckt – beenden sie ihr Putzen und fangen bedächtig mit dem Schmücken der Zweige an.

Selbst Gilbert lässt sich viel Zeit dabei, betrachtet kritisch jedes weitere Stück, dass er an den Ästen aufgehangen hat, korrigiert sogar ein ums andere Mal den Ort seiner Wahl und überprüft penibel genau, ob die Figuren an ihrer Stelle auch einen richtigen dauerhaften Halt gefunden haben. Er könnte es sich nie verzeihen, wenn eine davon herunterfallen und zerbrechen würde. Die älteren Teile davon haben ihren Eltern gehört, die neueren haben sie vor ein paar Jahren dazu gekauft, weil der Baum vorher mit den verbliebenen Erinnerungsstücken einen überwältigend traurigen Eindruck machte.

In sich gekehrt eigenen Erinnerungen nachhängend, muss Ludwig mit einem Mal herzlich vor sich hin prusten, tritt einen Schritt auf Gilbert zu und flüstert verschwörerisch grinsend: „Aber dieses Jahr...dieses Jahr bekomme ich doch endlich einen Hund, oder?“

Das neckende Funkeln in den Augen seines Bruders ignorierend, der ihm während seiner Frage am liebsten noch mit dem Ellenbogen eifrig in die Rippen gestoßen hätte, erwidert Gilbert in einem bittersüßen Tonfall: „Aber natürlich mein Herz. Du wirst schon sehen!“

Die seltsam dünne Antwort, deren ironischer Inhalt sich über die Jahre hinweg nicht merklich verändert hat, verleitet den Jüngeren dazu so laut vor sich hin zu lachen, das seine Schultern auf und abfallen und schließlich auch der Andere prustend einfallen muss.

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...

Wieviel Frieden, Vertrauen und Geborgenheit in diesen fröhlichen Lauten liegt, die direkt aus ihren Herzen zu kommen scheint. Wieviel tief empfundene Liebe in der einfachen Geste steckt, mit der der Ältere jetzt seine Hand um die Taille des Jüngeren schlingt und beide für einen Augenblick stolz vor den fertig geschmückten Zweigen stehen.

Sie sind vollkommen, eine Einheit.

Sie brauchen nichts mehr als was sie schon haben, sich gegenseitig. Genau damit sind sie sehr glücklich.

Wie gläsern dieses Selbstverständliche jedoch ist und wie, darüber hinaus, unvorstellbar zerbrechlich die Welt in ihrer Gesamtheit beschaffen ist, in der sie leben, davon wissen sie noch nichts.


Ich hoffe ihr wisst, dass ich mit den Zwischenstücken nicht künstlich die Kapitelzahl erhöhen will, sondern – und hier kommt wieder etwas was ich schwer erklären kann, weil ich es einfach aus einem bestimmten irrationalen Gefühl heraus mache – um eine bestimmte Wirkung von Zeitvergehen erzielen zu wollen. Es schien mir richtig, nicht gleich und einfach so auf das letzte Kapitel überzugehen, weil da simplerweise geschichtlich so viel passiert und so ein großer Sprung dazwischen ist. Also taste ich die Leser über ein paar Tage Wartezeit und mit ein paar Seiten bestimmtem Lesestoffes an das (wirkliche) Z-Kapitel heran.

Am Samstag geht es weiter mit Zwischenstück 2 ( =, vielen Dank fürs Lesen!!
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