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Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
46
219.821
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15.02.2012 8.547
 
Yours II, das Kapitel mit einer Fahne und dem zweiten Abschied, dieses Mal aber anders als beim letzten Auseinandergehen.

Yours II

Wer hätte ahnen können, dass es sich als so schwierig herausstellen würde.

Alles war bis jetzt mehr oder weniger problemlos von Statten gegangen, beinahe zu reibungslos und glatt als das sich da nicht noch irgendwo in letzter Sekunde ein winziges loses Rädchen im Getriebe verirren konnte....

Dann kam das Gespräch mit Ivan.

Es hätte ein gewaltiges Stück Einfühlungsvermögen gebraucht, um den Mann, für den er unendlich viel empfand, auf irgendeine ruhig-verständliche Weise klar zu machen, dass es besser war, ihn aus Birkenau ins Deutsche Reich verlegen zu lassen.

Und der ältere Beilschmidt war zwar in seinem Leben mit einigen Talenten gesegnet worden, aber eine gewisse Sensibilität und das Gespür für die richtige Art, unliebsame Botschaften an den Mann zu bringen, gehörte nicht dazu. Darüber hinaus hatte er sich zugegebenermaßen nicht unbedingt die allerpassendsten Worte zurecht gelegt, hatte in den drängenden Minuten, die ihnen in seinem Büro zusammen verblieben, eher darauf abgezielt, die Pläne überhaupt weiter zu geben als sie richtig zu verpacken oder mit Feingefühl genau die Töne zu treffen, von denen er ausging, sie würden sowieso hinter seiner Sprache liegen.

Mit anderen Worten: das es ein Fiasko gewesen war, wäre noch eine abmildernde Untertreibung gewesen.

Gilbert hatte Ivan noch nie so wütend erlebt, so vollkommen außer sich. Und er hat ihn in allen schlimmen Zuständen erlebt, die den Russen weit über die jenseitige Seite aller menschlicher Vernunft und Verhaltensweisen hinaus katapultiert hatten – und war daran, das musste der Wahrheit halber hinzugefügt werden, auch nicht ganz unschuldig gewesen.

Ja, Ivan hatte vor Wut gerast. Zumindest glaubte Gilbert, dass es Wut gewesen war, denn im Gegensatz zu seinen eigenen Ausbrüchen, explodierte der Andere nicht auf der Stelle, sondern wurde urplötzlich über die Maßen still und starrte ihn mit großen verletzten Augen an, wohl im festen Unglauben darüber, was der SS´ler ihm soeben eröffnet hatte.

Dann hatte er die Hände zu laut knackenden Fäusten geballt, sich wortlos herum gedreht und war aus dem kleinen Büro gestürmt, einen völlig verunsicherten preußischen Mann zurücklassend, der gar nicht so schnell erfassen konnte, wo der Fehler in seinen Plänen lag.

Der der festen Überzeugung war, Ivan wäre intelligent und weitsichtig genug, zu erkennen, das diese Entscheidung für ihn das Beste war, das sicherste. Und das es vor allem das war, was Gilbert vorrangig am Herzen lag: seine Sicherheit.


***    

Mit blanken Nerven steht der Scharführer in seinem Büro und wartet.

Noch immer tief getroffen von der unerwartet heftigen Reaktion des Russen. Hätte der wenigstens getobt oder geschriehen, hätte er gesagt, was ihm nicht gefällt, aber so urplötzlich einbrechende Wortlosigkeit war nichts, mit was er gut umgehen konnte, schon früher nicht bei Roderich oder – ganz selten – sogar Ludwig.

Es ist der 30. September. Und es sind nur noch wenige Stunden, bis ein dreckiger Güterzug mit 122 Häftlingen in seinem verrosteten Inneren sich auf seine lange Fahrt Richtung Deutsches Reich begeben wird, darunter Ivan und Roderich – so wie geplant ist, so wie er seit Wochen darauf hingearbeitet, bestochen und getan hat, was in seiner Macht stand, um jede kleinste Möglichkeit eines Scheiterns schon vorher aus dem Weg zu räumen.

Wer hätte denn ahnen können, dass es nun ausgerechnet Ivan ist, der nicht einverstanden war und sich anscheinend rigoros gegen die Ausführung der Verlegung sträuben wollte?

Gilbert seufzt schwer und fühlt sich dabei wie ein Hauptakteur einer dieser bekannten deutschen Dramen – seinetwegen „Der Tragödie zweiter Teil“ - die er nur vom Hörensagen kennt, weil er in der Schule pfiffig genug gewesen ist, sich vor dem Durchlesen der staubtrocknen Lektüre drücken zu können.

Ein lautes Klopfen an der Tür zerstäubt seine Gedankengänge und er muss sich innerlich wappnen für das Kommende. Fahrig steht er auf und läuft ziellos zu seinem Aktenschrank, um den Eindruck zu geben, gerade beschäftigt gewesen zu sein.

„Jaa..!” ruft er fragend, obwohl er weiß, dass es nur Ivan sein kann. Er selber hat ihn vor etwa 10 Minuten zu sich einbestellt. Genauso, wie er nach Roderich hat schicken lassen, die Freizügigkeit, dass der eigentlich Herr der Baracke heute den ganzen Tag im Stammlager weilt, in vollen Zügen auskostend.

Warum ist er so unsicher? Warum hat er nicht noch lauter gerufen, eindeutig befehlender? Wer ist hier der, der die endgültige Entscheidung trifft, er oder Ivan?

Die Tür reißt ruckartig auf und fällt einen Moment später durch eine kräftige Hand unsanft angestoßen krachend zurück ins Schloss – ein Wunder, dass die Hütte nach der Erschütterung in ihren Grundfesten noch stehen bleibt.

Millisekunden lang bleibt Ivan im Raum stehen, nur so lange seine Augen brauchen, um die des Anderen zu finden, zu fixieren und mit Nägeln zu durchbohren. Spöttisch nickt er knapp, die dünne Parodie einer Begrüßung ausführend, dann springt er in großen Schritten auf Gilbert zu und greift ruppig nach seinen Armen, um ihn in einer fließenden Bewegung jählings vom Schrank weg an die Wand zu ziehen.

Es sieht aus wie ein brutaler Tanz zweier ungleicher Teilnehmer, einer von ihnen sichtbar gereizt und wild entschlossen, den bohrenden Fragen, die ihn umtreiben, effektvoll Ausdruck zu verleihen.

„Du willst mich also loswerden, ja? Bin ich so eine Last?“ zischt Ivan böse und stößt sein Gegenüber dabei noch ein Stück fester an das glatte Holz der Baracke zurück.

Der an die Wand gepresste ist völlig überrumpelt von dem plötzlichen Überfall und versucht sich zuerst noch leise schimpfend aus den lebendigen Armschellen zu winden: „Whaa..das habe ich nie gesagt, verdammt nochmal, lass mich los, has...“, er stockt, scheint seinen Kopf aus irgendeinem Grund noch etwas höher zu heben und fragt dann mit entrüsteter Verwunderung: „hast du getrunken?“

„Und wenn es so wäre?“ knurrt Ivan provozierend zurück, ohne dass er den eisernen Druck seiner Finger um die Arme des Anderen ein minimales Stück lockert.

Was anfangs nur eine Vermutung ins Blaue hinein gewesen ist, riecht Gilbert erst jetzt tatsächlich in vollem Umfang. Sein Gegenüber hat eine offenbar nicht geringe Menge an Alkohol zu sich genommen. Er schnaubt wütend und kräuselt seine Nase – doppelt angewidert von der eigentlichen Fahne und der traurigen Tatsache des angetrunkenen Mannes vor ihm an sich.

„Bist du vollkommen wahnsinnig geworden? Was ist, wenn dich jemand erwischt, weißt du, was sie mit einem betrunkenen Häftling machen?“

Natürlich weiß er das, sogar ziemlich genau. Nur kümmert es ihn im Moment einen Dreck. Ivan lacht abschätzig auf – unecht - dann kneift er die Augen zusammen und funkelt verletzt: „Immer noch besser als ihn auf irgendeine Transportliste zu setzen und wegzuschicken, oder was meinst du?“

„Hast du den Verstand verloren.....was redest du denn für einen Blödsinn???“ wieder versucht Gilbert den Körper vor ihm wegzudrücken und sich aus den Händen zu befreien, die um seine Arme geschlungen sind und ihn roh an der Wand festpinnen.

„Lass mich los, auf der Stelle!“ schimpft er aufgebracht, von Sekunde zu Sekunde noch erboster werdend, weil er es nicht schafft, genug Kraft aufzubringen, um sein Gegenüber auch nur wenige Zentimeter von sich wegzuschieben und sich somit mehr Luft zu verschaffen. Und Zeit.

Amüsiert beobachtet Ivan sein Tun und antwortet trocken, endgültig: „Nein!“

Der SS´ler hört langsam auf sich zu wehren, da es nach dieser hartherzigen Erwiderung offenbar tatsächlich keinen Zweck hat. Hier will erst etwas geklärt werden, hier will jemand die Wahrheit und wird nicht eher aufhören eine wage Form von körperlicher Bedrohung zu sein, bis er sie bekommen hat, wie schmerzhaft sie auch sein mag.  

Gilbert hebt argwöhnisch den Kopf und beide starren sich mit leeren Augen an, zwischen ihnen in unzähligen Bildern abgehackte Bruchstücke ihrer leidvollen Geschichte ablaufend und Blitzstürme sich entladender Emotionen, die einige in ihrem Leben nur einmal, andere nie erleben dürfen, bevor der Russe mit gebrochener Stimme verkündet: „Wenn du wirklich willst, dass ich gehe, musst du mir das schon leibhaftig ins Gesicht sagen.“

Was er mit seiner ominösen Aussage meint ist nicht das Jetzt und Hier, das wissen sie beide ziemlich genau. Deshalb rafft sich Gilbert besonders heftig zusammen und versucht seinen Zorn über Ivans Verhalten in seine schäumenden Worte zu zwängen, die er giftig aus sich heraus spuckt.

„Hab ich es dir nicht ausführlich erklärt? Oder..willst du es absichtlich nicht begreifen?“

„Nein!“ antwortet Ivan prompt, gleichgültig, nicht im Mindesten darauf abzielend, inhaltlich auf eine der beiden Fragen eingehen zu wollen. Dabei schließt er die Augen, schüttelt wie ein traumatisiertes Kind traurig seinen Kopf. Wieder und wieder als ob er nicht glauben will, was er gehört hat, als ob er alles von sich wegstoßen und leugnen will, was gerade um ihn herum passiert. „Nein, nein, nein...“

Mit einem Mal wird Gilbert bewusst, dass er hier wohl eher so eine Art trotzigen Jungen vor sich hat als einen vernünftigen Mann, auf jeden Fall aber ein durch Verzehr diverser vollprozentiger Spirituosen ziemlich in Mitleidenschaft gezogenes Menschenwesen, welches darüber hinaus noch unsagbar verletzt scheint. Und dementsprechend muss er ihn wohl auch behandeln, herrje nochmal, mit kleinen verzogenen Bälgern hat er noch nie artgerecht umgehen können, aber erwachsene Menschen, die sich wie Kinder verhielten, das ging nun wirklich weit über seinen Horizont hinaus.

Ungeduldig ausatmend beginnt er in einem erzwungen ruhigen Tonfall: „Ey..kannst du mir mal richtig zuhören, ich...“ ungeschickt versucht er sich, während er spricht, mit seinen Armen ein wenig Freiheit zu erkämpfen, „..ich hab es dir doch erklärt! Ich hab doch...“ mit dem Ergebnis, dass Ivan zwar die Position seiner Hände verändert, sie höher zu den Schultern fahren lässt, aber der Druck derselbe bleibt, „..ich hab doch gesagt, dass ich nachkomme so schnell es geht!!“

Ganz fest und nachdrücklich betont der Scharführer den letzten Satz, der wie eine trotzige Verteidigung klingt und zugleich eine bittere Anklage ist, unter deren äußerer Erscheinung verborgen liegt: Hast du mir nicht zugehört?

Abrupt reißt Ivan die Augen auf, weit und unsicher, absolute Verwunderung schwimmt darin, mit großen Brocken eines gesunden Misstrauens. Als ob er dieses bestimmte Detail zum ersten Mal hören würde.

Und wahrscheinlich ist genau das der Fall. Denn als Gilbert ihm das erste Mal in seiner ungeschickten Weise eröffnete, er würde mit dem nächsten Transport nach Buchenwald deportiert, hat er danach nicht mehr sehr viel anderes aufnehmen können. Nur noch diese eine Botschaft hatte sich wie ein wildgewordenes Messer durch seine Gedanken gemordet und damit begonnen seine Seele wund zu schaben: Gilbert wollte ihn nicht mehr hier....es war alles aus...Gilbert wollte ihn nicht mehr....es war vorbei, es war alles umsonst gewesen.

Ahaaaa. Es ist Ivan regelrecht auf seiner Miene abzulesen, dass ihm die wesentlichste Erkenntnis über die eigentlichen Teile des Plans erst jetzt vollständig aufgeht. Reichlich spät.

Dieser riesengroße Vollidiot hatte doch nicht wirklich gedacht.....

Mit den Nerven schon fast am Rande einer hübsch angestauten Explosion angekommen, kneift Gilbert kräftig die Augen zusammen. Und artikuliert genau das, was ihm als erstes in den Sinn gekommen ist.

Du bist manchmal wirklich der größte Vollidi..ah“ hilflos muss er aufkeuchen als sich eine Hand fest auf seinen Schritt legt und anfängt, das wehrlose Fleisch unter der Hose zu streicheln, zu drücken und darauf in kleinen, gut gezielten Bewegungen rauf und runter zu fahren.

Gleichzeitig beugt Ivan seinen Kopf herunter und flüstert leise, aber ungeheuer bestimmend in das verletzliche Ohr vor seinem Mund: „Ich gehe trotzdem nicht!“

Er benimmt sich als ob noch irgend etwas die getroffene Entscheidung rückgängig machen könnte, als ob er jetzt, mit dem was er tut, noch eine Änderung des Plans herbei führen oder den Verantwortlichen umstimmen kann.

Gilbert lehnt nach Atem ringend an der Wand, die in sein Ohr gewisperte raue Ansage nur noch ein zusätzliches Gewicht auf seine ohnehin schon sehr überlasteten Sinneseindrücke.

Schneller und zudringlicher wird die Hand jetzt auf der Suche nach einem anderen Weg, nach Erlösung der sexuellen Spannung oder zumindest Linderung der völlig erhöhten Temperatur, die auf einmal den ganzen Raum – und sie beide - in eine kochende Triebeinheit verwandelt hat. Die Hand ist gut, sie weiß genau, was sie tun muss, um aus einen der zwei Münder klägliche Laute der süßen – erniedrigenden - Hingabe hervor zu locken.

Das ist nicht gut! Er spielt ihn, er spielt ihn noch immer so unnachahmlich als ob es erst gestern gewesen wäre, dass er sein Gefangener war in diesem aus der Welt gefallenen Wald am Ende der Vorstellungskraft. Nicht für eine Sekunde hat er seine Macht über ihn verloren, doch dieses eine Mal nicht, dieses eine Mal muss er die Oberhand behalten, sonst ist Ivan verloren, vielleicht für immer. Und wenn Ivan fällt, fallen sie beide.

Gilbert schluckt schwer, konzentriert sich auf seine Worte und ohh Gooott, er muss so lächerlich gefügig aussehen gerade, wie er gegen die Wand lehnt, sich mit den Händen halb an dem Anderen festkrallt und mit ganzem Herzen versucht, einen halbwegs anständigen Satz zu formulieren, in dem ein Mindestes an Autorität schwebt:

„Schön und gut, wirklich..ah..aber das ändert trotzdem...nichts daran, dass...hmmm...du gehen wirst, es ist zu spät...es ist bereits alles...alles entschieden.“

Schlagartig beendet die Hand ihre wunderschönen Zuwendungen und wird völlig schlaff – alles, was bleibt ist ein verirrtes Keuchen, das langsam an Fahrt verliert und je weniger und unaufgeregter es wird, desto größer wird die Verwunderung desjenigen, der eben noch kurz davor, sich völlig in seiner Erregung zu verlieren.

„Du weißt nicht, wie es gewesen ist...“

Ist das ein neues Spiel? Ein zweiter Versuch, eine andere Form der Überredungskunst? Unzusammenhangslos, vielleicht versteckter, aber dafür nicht weniger perfekt..?

Ivan starrt Gilbert verloren an, eine tief vergrabene, aber noch immer schmerzende Erfahrung  von verletzten Stolz und Wehmut in den dunkel gewordenen Augen.  

„Sie haben mich behandelt wie Dreck. Ich...“ er atmet rasselnd ein, sucht nach Worten, die begreiflich machen können, wie schlimm es gewesen ist, „ich war eine Lachnummer, du warst der Held, natürlich, der mutige Soldat, der den kommunistischen Schweinen entkommen ist, aber ich...“ sein Blick gleitet von Gilberts Gesicht, wird abwesend und traurig, „sie haben mir alles weggenommen, alles, was ich aufgebaut hatte, alles!“

Nein, das ist kein Spiel, das ist bitterer Ernst. Überrascht von so viel unerwarteter Offenheit in dieser kleinen Fülle an Zeit und diesem plötzlichen Drang zu berichten, in das sich der stürmische Versuch, ihn auf hastige Weise zu befriedigen, verwandelt hat, fehlen dem SS´ler schlechterdings völlig die Worte.

Darum ist der Russe hier aufgeblüht, im politisch motivierten Verbund mit anderen, inmitten einer Gesellschaft, die für etwas kämpfte und die ihn als einer der ihren in ihre Reihen aufgenommen hatte und als führende Persönlichkeit achtete. Es war eine Art zweites Partisanenleben gewesen, eine Wiedergutmachung der Geschehnisse, die ihn ereilt hatten, nachdem der Preuße geflüchtet war...nein: nachdem er den Preußen hatte flüchten lassen.

Für einen Augenblick schießt ihm das Bild in den Kopf, wie abgehärmt und herunter gekommen der ehemals so stolze Anführer einer Widerstandszelle in der Kirche ausgesehen hat als er ihn nach so vielen Monaten das erste Mal wieder sah. Weißgrau..allein seine Haare waren an vielen Stellen ein deutliches Zeichen der mannigfaltigen Veränderungen gewesen, die ihn getroffen und seelisch mitgenommen hatten.  

„Ivan....“ schleichend hebt Gilbert seinen Körper wieder in eine normale aufrechte Position, rutscht dafür an der Wand – die ihm immer noch einen stetigen Halt bietet - etwas nach oben und krächzt unsicher vor sich hin: „.....das tut mir leid...“

Welch seltene Formulierung aus seinem Mund. So rar, dass es sich anhört als ob er in einer völlig fremden Sprache spricht. Sich räuspernd versucht er den Ton seiner Stimme wieder in einen gewohnten Klang einzupendeln und setzt ein weiteres Mal zu reden an, Vernunft und Endgültigkeit ausstrahlend:

„...aber du musst von hier weg. Ich mache das nicht, weil ich das will, sondern um euch beide zu schützen, verstehst du das! Denn wenn sie das Lager auflösen, könnte es sein, dass sie euch alle erschießen, nicht nur die Juden! Und niemand, vor allem nicht ich , will, dass du stirbst!“

Noch etwas anderes, bei weitem mächtigeres, windet sich ungreifbar in der Art, wie er spricht, wie er einzelne Wörter sorgfältig betont und von der Zunge rollen lässt. Und endlich scheint es Ivan ganz zu verstehen, scheint den eigentlichen Sinn hinter dem verzweifelten Versuch, ihn unter allen Umständen schützen zu wollen, zu begreifen.

Unsicher hebt er seine Augen, um das, was so bereitwillig auf Gilberts Miene untrügliche Zeichen hinterlassen hat, zu trinken, um es mitzunehmen als ewig währende Garantie bedingungsloser Zuneigung und sein Mund öffnet sich, um ein lautloses „Oh“ zu formen.

Fast nebenbei gibt er Gilberts Körper aus dem allumfassenden Druck seiner wuchtigen Präsenz frei und rückt ein Stück von ihm weg. Nicht viel, aber doch so weit, dass sich der Andere jetzt selber ein wenig nach vorne beugen kann, um möglicherweise...  

Es klopft zaghaft.

Beide zucken zusammen und blicken sich erschrocken an.

Natürlich, die Tür! Sie sind in einem Büro. In einer Baracke. In einem Lager. Und nein, sie sind nicht allein, es gibt noch andere Menschen. Menschen, die ihre intensive Zweisamkeit mit ihrer unnötigen Anwesenheit stören, die sich ihnen aufdrängen.

Der Scharführer schaltet sehr zügig, strafft sich und legt beschwörend eine Hand auf Ivans Brust. Das, was noch gesagt werden soll, sollte rasch gesagt werden, denn jetzt muss es schnell gehen. Es sind ihre letzten Sekunden miteinander.

„Du passt doch auf Rodrich auf, versprich mir, dass du auf ihn aufpasst.“ eine befehlende Strenge gibt seiner Stimme einen harten Klang, den er einen Augenblick später wieder verwischt als er leise und eindringlich verspricht: „Ich komme nach, so bald ich kann, hast du verstanden? Ich komme nach, so bald ich kann!“

Ivan nickt stumpf vor sich hin, fast ein bisschen ängstlich wirkend, zumindest aber noch immer eine ganze Spur unwillig.

Doch dafür jetzt ist es vollends zu spät, die Trennung ist besiegelt. Jetzt kann er weder über die Entscheidung, die ihn zum fremdbestimmten Spielball unbeeinflussbarer Kräfte macht, diskutieren, noch ein letztes Mal versuchen, den Anderen zu einer Planänderung zu überreden.

Jetzt bleibt nur eines, was es noch völlig klar zu machen gilt und zu was es ihn tief in seinem Innersten drängt, noch einmal mit dem ganzem Gewicht seines Daseins nachdrücklich zu betonen.

Es ist das letzte, was er sagt und es ist das einzige Wichtige, was noch bleibt. Um kein Geld der Welt würde er eine andere Botschaft in seinen letzten Satz legen wollen, als genau die mit genau diesem Inhalt.

Raubtierhaft schnellt sein Kopf an dem des SS´lers vorbei und er flüstert mit heißen Atem, der bei seinem Gegenüber ein wohliges Schaudern verursacht, in die warme Leere:

„Vergiß niemals, du gehörst zu mir.“

Noch ein Stück tiefer senkt sich sein Kopf, scheint sich irgendwo an Fleisch festzusaugen und plötzlich weiten sich Gilberts Augen zu enormer Größe, ein tiefes verzweifeltes „Aaahh“ haucht aus der Mitte seiner Empfindungen hinaus in den Raum.

Sekunden verrinnen zu weiteren Sekunden, kleine Körner fallen in der unsichtbar tickenden Sanduhr stetig vor sich hin, folgen unwiderruflich dem Bann der Erdanziehungskraft.

Plopp.

Plopp.

Plopp.

Irgendwann gibt es ein rasches Wegtreten, ein letzter Blick, grinsende Gelassenheit und funkelnd warnende Versprechen in den Zügen, darauf fliegende Schritte zum Ausgang hin, die Tür klappert und mit einem Mal ist die Gestalt weg. Verschwunden.

Gilbert atmet ganz tief ein und muss sich orientieren, muss suchen, wo er ist, ob er überhaupt noch ist oder nicht vielleicht schon gewesen und dahingegangen unter diesem verschlingenden Mund, der sich in seinen Nacken gegraben hat.

Regenerieren, sich sammeln, ja, ja, all das wäre notwendig und schön und wichtig, aber er hat keine Zeit. Eine kleinere Gestalt betritt zögernd den Raum, oh, natürlich, nicht allzu lange vorher hat es geklopft, Rodrich, natürlich, er hatte nach Rodrich schicken lassen.

„Gilbert??“ rieselt eine scheinbar aus Zeit und Raum gefallene leise Frage leicht verspätet in sein Bewusstsein hinab.

„Ist alles in Ordnung?? Du solltest dich vielleicht hinsetzen...“ die Stimme klingt besorgt, teilnahmsvoll.

Der Scharführer kichert dämlich und geht ein paar Schritte zu seinen Schreibtisch, um sich dort festzuhalten und seine übliche Körperhaltung wieder her zu stellen.

Seicht grinsend blickt er Roderich an, der etwas unsicher noch immer ganz nahe an der Tür steht, ihn zaghaft anblickt und sich vermutlich bei dem Anblick seines aufgewühlten, erröteten Gegenübers mit der verrutschten Kleidung einen erheblichen Teil denken kann.

Egal.

Mit einem herrischen Wink deutet der SS´ler dem Österreicher an, die Tür zu schließen.

Als Rodrich dem leise nachkommt – was für ein gigantischer Unterschied zu der Art, wie sie der vorher Eingetretene behandelt hat – fällt Gilbert erst wieder ein, warum er den Anderen überhaupt hat rufen lassen. All seine rauschhaften Gefühle halbwegs eingefangen und sicher verstaut, greift er nach dem zusammen gelegten Stoffflecken, der auf dem Tisch in seiner Reichweite bereit liegt.

„Hier das ist für dich. Du musst heute Nacht deine Nummer und den Stern von der Uniform reißen, verstanden?“

Roderich tritt steif näher und hebt seine Hand, um folgsam nach dem dünnen Flecken zu greifen, obwohl auf seinem Gesicht ein großes Maß an Unverständnis liegt.

„Und dafür nähst du dir das drauf, in Ordnung? Denn auf der Transportliste steht genau diese Nummer und die werden sie auch aufrufen, keine andere sonst Und wenn du diese Nummer trägst, dann wird keiner nachfragen oder sonst irgendwas!“

Gilbert schlägt den eingewickelten Packen auf und präsentiert zusätzlich zu der neuen Nummer – der Nummer eines schon Verstorbenen, dem er kurz vor seiner Verbrennung den Fetzen Stoff von der Brust gerissen hat und dafür natürlich den anwesenden Kapo bestechen musste – ein rotes Dreieck. Gleichzeitig mit der neuen Zahl auf seiner Brust sollte aus dem jüdischen ein politischer Häftling werden. Hoffentlich bewies der Andere in der Nacht ein Minimum an Geschick beim Aufnähen der neuen Gefangenen-Insignien.


„Ooh, natürlich!“ durchfährt Roderich die Erkenntnis und er lächelt müde vor sich hin. Wahrscheinlich verlegen darüber, dass er noch immer Probleme damit hat, ganz zu begreifen, nach welchen undurchsichtigen Regeln der Wildnis hier in Birkenau gespielt wird.

Gilbert seufzt innerlich laut auf. Trocken. Vorsichthalber hat er gleich noch Nadel und Faden besorgt, um sicher zu gehen, dass auch wirklich nichts schief laufen oder Roderich davon abhalten kann, seinen kleinen Statistenteil des Plans auszuführen. Er kommt sich schon vor wie ein überfürsorglicher Vater, der seine kleine Herde krampfhaft versucht zusammen zu halten und vor allen möglichen Unheil zu bewahren.

Während der Häftling den dünnen Stoff in die Hand nimmt und so eng zusammenrollt, dass er in seine zerschlissene Hosentasche passt, holt der SS´ler ein weiteres Mal aus, um seine Instruktionen noch einmal zu erläutern.  

„Also, morgen früh nach dem Appell werden sie auch aufrufen und in den Zug laden. Ich versuche, so schnell es geht, nachzukommen und in der Zwischenzeit hältst du dich an Ivan, in Ordnung? Er..er passt etwas auf dich auf....“

Der Andere empört sich bei den strikten Anweisungen wage, allzu flüchtig und oberflächlich als das es ihn richtig zu stören scheint. „Ich brauche keinen Aufpasser...“.

„Natürlich nicht...“ erwidert Gilbert ernst, ohne sich dabei die Mühe zu machen, seinen mit praller Ironie angefütterten Unterton zu verbergen.

Roderich zuckt merklich zusammen und blickt gedemütigt zu Boden. Beide wissen, dass der preußische Mann mehr als Recht hat. Ohne ihn, ohne sein vertrautes Gesicht und seine diskrete beständige Unterstützung wäre der Ältere längst nicht mehr.

Es fällt ihm schwer, diesen Sachverhalt zu zugeben, aber der Wahrheit sollte in gebührendem Maße Respekt und Anerkennung gezollt werden, gerade jetzt. Innerlich, wie äußerlich, selbst wenn es massive Selbstüberwindung kostet.

Als wäre er auf einem Empfang und müsste seine Stimme erheben, um einen wichtigen Gast anzukündigen oder den Titel des nächsten Musikstückes kund zu tun, streckt er seinen Rücken ganz gerade und holt tief Luft, stärkt sich:

„Gilbert, uhm, vielen Dank, ich muss... ich möchte mich bei dir bedanken! Ich weiß, du hast dafür vermutlich sehr viel riskiert, ich danke dir wirklich sehr dafür, du hättest das nicht a..“ Roderichs Stimme wird leiser und bricht. So viele schreckliche Geschehnisse, die passiert sind und vielleicht noch passiert wären, so viele hätte, wäre, sollte, wenn nicht der Andere gewesen wäre, der ihm geholfen hat.

Bittere Wahrheit vermischt sich mit einer tief schmerzenden Selbsterleuchtung über seinen ganz persönlichen Status in ihrer Beziehung: „Ich weiß, dass ich nicht besonders hilfreich bin, hier....“

Und schon wieder verliert er den Faden, wie erbärmlich. Ein leises Schluchzen beginnt den mageren Körper durchzuschütteln, nein, nicht das, nicht die Fassung, die darf er nicht auch noch verlieren. Wenn er jetzt anfängt zu weinen, wird er möglicherweise nie wieder aufhören können und an seinen Tränen ertrinken.

Roderich setzt ein dünnes Lächeln auf und blinzelt tapfer aus dem einem Auge, welches noch weinen kann. Er schnieft kurz vor sich hin und sucht nach den richtigen zuversichtlichen Worten:

„..aber..ich kann auch ein wenig auf Ivan aufpassen, wenn dich das ruhiger machen würde...?“

Für einen Augenblick hat Gilbert den stürmischen Drang das klägliche Elend vor ihm in den Arm zu nehmen und zu halten, bis alles wieder gut ist, aber er widersteht dem Bedürfnis und fängt stattdessen leise an warm vor sich hin zu lachen. Fröhlich, ohne einen Hauch von Verachtung oder Geringschätzung. Eher klingt es als ob aus einem heißen Teekessel ganz langsam ein ziemlich großer Druck entweichen würde.

Allein der Gedanke ist absurd, doch sie befinden sich in unsicheren Zeiten und warum diese Versicherung, diese Zusage nicht guten Gewissens akzeptieren? Sie entfährt einem reinen Herzen, speist sich aus dem wirklichen Wunsch, einen Beitrag leisten zu wollen. Vielleicht kommt Roderich in dieser Geschichte tatsächlich noch eine andere Rolle zu als die des entrechteten Opfers, welches verzweifelt auf Hilfe angewiesen ist?

Der Häftling stutzt einen Moment, wischt sich unsicher die schmutzige Feuchtigkeit von der Wange und fällt dann ebenfalls leise in das ansteckende Lachen mit ein, welches die Macht hat, für einen langen Moment all seine Sorgen zurück zu drängen.


***

Und dann ist es soweit.

Oktober ist gekommen.

Der erste Morgen des neu angebrochenen Monats ist ein frostiger, nebelverhangener.

Dicke Schwaden steigen träge von den lehmigen Böden auf und hängen schwerfällig über dem Lager in der Luft. Wollen sich gar nicht trennen von den feuchten Baracken und den zehntausenden Menschen, die todmüde in Hab-acht-Stellung an ihrem Platz verharren und sich wie Tiere zählen lassen müssen, immer und immer wieder.

Gilbert steht bei einer kleinen Truppe von rauchenden SS-Angehörigen und tritt nervös von einem Bein auf das andere. Sie warten darauf, dass die Kapos mit Zählen fertig sind und versuchen sich dabei mit anregenden Gesprächen ihre Langeweile zu vertreiben. Mit einem halben Ohr lauscht der Scharführer den belanglosen Erzählungen seiner Kameraden und lacht beifällig, wenn die Situation es erfordert, aber tatsächlich ist seine ganze Aufmerksamkeit auf den riesigen Appellplatz und die anlaufenden Ereignisse gerichtet.

Eine gewaltige Zuglok steht bereits wartend auf den Gleisen der Rampe bereit, hinter sich als Anhänger zwei geschlossene Eisenwaggons – der Transport für Buchenwald. Pünktlich, genauso wie angekündigt. Natürlich. Zumindest auf die korrekte Einhaltung von Fahr- und Transportplänen konnte man sich in diesem Lager verlassen.

Mit fahrigen Händen streicht sich Gilbert unruhig am Körper entlang und greift nach seiner Mütze, die er beginnt systematisch in den Fingern zu wenden als er sie erstmal vom Kopf gefischt hat.

Was, wenn der Plan doch nicht funktionierte, was, wenn der Zug umgeleitet werden musste, wenn in Buchenwald irgend etwas schreckliches passierte, es zum Beispiel eine Selektion gab und die Ausgesonderten sofort erschossen worden? Oder die, die einfach nur in ein bestimmtes Raster fielen? Konnte er in dieser Welt des Sterbens wirklich beide Männer retten? War das Schicksal großzügig genug, um ihm das Leben von gleich zwei einfachen Menschen abzutrotzen und nicht schrecklich dafür büßen zu müssen?

Was, wenn er gerade dabei war, einen unverzeihlichen Fehler zu machen? Was, wenn er den falschen Weg eingeschlagen hatte und das sein ganzes restlichen Leben lang bereuen würde?

Hastig schöpft der Scharführer nach Luft, die trotz ihrer beruhigenden Kühle plötzlich ziemlich dünn zu werden scheint. Irgendein höherer Offizier wirft ihm einen ermahnenden Blick zu und Gilbert setzt sich betreten schauend die Mütze wieder richtig auf den Kopf.

Für Reue oder einen Rückzieher war es jetzt sowieso schon viel zu spät.

Zwischen den angetretenen Fünfer-Reihen schwirren Funktionshäftlinge mit Listen in ihren Händen und rufen laut die Nummern aus, die darauf verzeichnet sind.

Hier und dort lösen sich aus den starren Masse die ersten Transportkandidaten heraus und laufen im Eiltempo Richtung Rampe.

Das Brüllen der Nummern geht weiter und weiter und irgendwann dazwischen klingt eine sehr bekannte Zahlenfolge auf. Gut, das war Ivans Nummer. Gilberts Herschlag beschleunigt sich als er die große Gestalt zu den Anderen laufen und sich dort bei dem bereitstehenden SS´ler melden sieht.

Ein kurzer nervenzerfetzender Blick hin zu der Kulisse am Rande und wieder zurück. Kein Schreien, keine Flüche, kein Zurückjagen des russischen Mannes in die Reihen auf den Appellplatz. Sehr gut.

Langsam kommen die in immer gleichen farblosen Ton ausgestoßenen Aufrufe zu einem Ende und da endlich, fast zum Schluß... Roderichs Nummer. Fantastisch.

Erleichtert wendet der Scharführer der Szenerie für einen Moment den Rücken zu und steht wie auf lautlosen Befehl mit seinen Kameraden in einer Reihe stramm, während sie alle den rechten Arm weit nach oben heben.

Dem Lagerkommandanten wurde bestätigt, dass die zahlenmäßige Iststärke der anwesenden Gefangenen der erwarteten Sollstärke entspricht. Mit dieser Bescheinigung marschiert er zufrieden zurück zur Kommandantur, vorbei an seinen Untergebenen, deren Ehrerbietung er mit einem gleichgültigen Nicken abnimmt.

Damit ist der Appell beendet und sie sind alle entlassen. Für die Häftlinge bricht ein neuer erschöpfender Arbeitstag an.

Aber nicht für alle.

Gilbert kann gar nicht anders als sich jetzt wie eine von einer Laterne magisch angezogene Motte der Rampe zu nähern. Ungeachtet der dringenden Aufgaben, die auf ihn warten oder dem suchenden Blick Doktor Mengeles, der ihm noch weitere Nichtigkeiten auftragen will, die genauso gut einer der Häftlinge machen könnte.  

Noch im mechanischen Zulaufen auf die Rampe und den Zug sieht er, wie die ersten aufgerufenen Häftlinge sich jetzt neben die geöffneten Waggons stellen, um den anderen Kameraden beim hochsteigen auf die Plattform zu helfen.

Es ist also wirklich soweit. Er wird gehen, sehr sehr bald schon ist er nicht mehr hier. Sie beide werden nicht mehr hier sein.

Rücken für Rücken verchwindet in dem dunklen Rachen des Zugabteils und dem Scharführer überkommt ein ekliges Schwindelgefühl. Mit weichen Knien und zittrigen Herzen bleibt er wankend stehen, versucht mit allen verbliebenen Willen sein Gleichgewicht zu erhalten, seine Haltung zu wahren.

Selbstbeherrschung! Nur noch für diesen einen furchtbaren Moment, der ihm zum hilflosen Zeugen eines weiteren erzwungenen Abschieds werden lässt. Wieder mit den gleichen Teilnehmern und derselben am Rande des Wahnsinns taumelnden Verzweiflung.

Doch das hier ist nicht wie beim letzten Mal!

Jaaa, rede dir das nur ein, Gilbert Beilschmidt, wispert eine kleine dunkle Stimme unendlich gehässig in seinem Kopf und er erschrickt sich fürchterlich.

„Es ist ganz anders!“ murmelt er der zischenden Stimme trotzig zur Antwort, starr auf dem schlammigen Boden stehend und wartend.

Er wird sich herum drehen. Er wird sich herum drehen und nochmal zurück schauen. Er muss wissen, dass ich das auch mache, es darf nicht so sein, wie beim letzten Mal.

Da...auf einmal kommt Roderichs schmale Rückseite in sein Blickfeld, der Österreicher klettert ungeschickt auf den Waggon hoch, mehr getragen von der Kraft der Anderen als von seinem eigenen Versuch das Hindernis der klaffenden Lücke zwischen Boden und Abteil zu überwinden.

Ivan ist in seiner Nähe. Hervorragend.

Aufgeregt atmet Gilbert in viel zu kurzen Zügen stoßweise vor sich hin, dabei unwillkürlich immer schneller werdend.    

Mit einem großen Sprung hechtet der Russe jetzt seinerseits auf den robusten Boden ihrer Fahrgelegenheit, fast als Letzter. Dann dreht er sich herum, bückt sich und streckt hilfsbereit seine Hand nach unten, um den drei letzten Häftlingen ebenfalls in den Waggon zu helfen.

Schau her, bittet Gilbert wie ein gleichförmiges Mantra immer wieder und wenn er könnte, würde er es laut über die kleine Distanz schreien, die sie beide trennt. Schau zu mir, ich bin hier, schau her zu mir, schau einfach nur her!

Als die letzten Reste des Tranportguts mit seiner Hilfe sicher auf den Zug gesprungen sind, steht Ivan auf und blickt suchend über den weiträumigen Platz. Wo alles in unruhiger Bewegung ist und viele dutzende Menschgruppen wimmelnd in verschieden Richtungen laufen, erkennt er einen einzigen, der in einer geringen Entfernung zu den Waggons ruhig auf einer Stelle steht und ihnen beim Einsteigen zugeschaut hat.

Gilbert.

Ihn dort zu stehen zu sehen, zum Abschied und gleichzeitig zur Versicherung, dass das hier nicht wirklich ein Abschied ist, dass sich sich wiedersehen werden......bedeutet viel in diesem Moment. Sehr viel.

Einmal haben sie sich schon auf diese eine spezielle Weise gegenseitig verloren, sich betrogen und dabei fast gegenseitig zerstört. Doch es ist nicht wie beim letzten Mal. Die gemachte schlechte Erfahrung kann vielleicht nie wieder revidiert werden, doch die Massivität und Endgültigkeit ihrer damaligen Entfaltung kann an Wirkung verlieren, kann sich auswaschen wie ein roter Fleck auf weißen Zwirn, wenn es auch nur ein einziges gutes Gegenereignis dazu gibt.

Und tatsächlich. Dieses Mal ist es anders.  

Was für ein unbeschreibliches Gefühl diese wortlos geborene Erkenntnis, die so einfach ist und gleichzeitig mit einer bahnbrechenden Feststellung daher kommt, in beiden Herzen auszulösen vermag....

Ivan lässt ein tiefes Lächeln erkennen, welches Zuversicht ausstrahlen soll und vor allem aber die drei kleinen wichtigen Worte beinhaltet, die er wieder nicht fähig war auszusprechen als sie noch die Zeit dafür hatten. Sie haben sich so oft getroffen, warum war er in diesen Minuten nie fähig gewesen, das zu beteuern, was ihn wirklich bewegte? Warum war es zwischen ihnen beiden üblich geworden, nie über ihre Liebe zueinander zu sprechen?

Ganz kurz kann Gilbert das Lächeln, kann die Worte dahinter, die auch er weder gesagt, noch oft genug beteuert hat, auffangen und zurückspiegeln, dann greift der am Boden stehende verantwortliche Soldat gezielt nach der eisernen Zugtür und zieht sie mit einem kräftigen Schwung zur Seite.

Der Waggon schließt sich ratternd, trennt ihre letzten Blicke durch eine Eisenwand.

Doch dieser Abschied reicht. Er war nicht so wie beim letzten Mal und allein das zählt mehr als alles andere. Sie konnten sich für ein paar überwältigende Sekunden sattsehen an der Aufmerksamkeit des Partners. Konnten sehen, dass der Andere sich kümmert, dass er ganz und gar nicht unbewegt oder leichfertig seines für ihn bestimmten Weges geht.  

Und außerdem – und ein schelmisches Lächeln zieht sich über Gilberts leicht geöffneten Mund – hat er ja immer noch den dunkelroten Fleck an seiner Halsbeuge. Eine Art Mal zu hinterlassen, das war Ivans eigene ganz persönliche Art des Auf-Wiedersehen-sagens. Die zusätzlich noch die verlangende Order „Erinner dich immer an mich“ zu beinhalten schien, selbst wenn immer nur ein paar Tage sein sollte.

Als ob er das nicht sowieso tun würde....

Der Scharführer schmunzelt leicht, während die angenehm kühle Luft seinem erhitzten Blut die Temperatur nimmt.

Noch kann er sich nicht dazu bringen, seinen Zuschauerplatz zu verlassen.

Noch findet er nicht die Kraft den Zug aus seinen wachsam beobachtenden Augen zu lassen, aber er wird es müssen, spätestens wenn der Zug langsam von der Rampe abgefahren ist und sich zwischen den Weiten der Waldlandschaft jenseits des Horizonts verloren hat.

Und von ab da an hat er neues Ziel, auf das er sich konzentrieren kann.

Nämlich schleunigst von diesem Ort weg zu kommen.


***

Einen vollen Tag verharren sie jetzt schon im Inneren des Zuges.

Immer wieder wird die Geschwindigkeit zum Dahinschleichen abgedrosselt und ein paar Mal halten sie für längere Zeit sogar richtig an. Dann rast auf dem gegenüberliegenden Gleis ein anderer Zug mit enormen Tempo an ihnen vorbei, Richtung Front.    

Draußen ist die Nacht angebrochen, die dünnen Ritzen in ihrem eisernen Käfig, die vorher noch schmale Spuren Tageslicht durchgelassen haben, sind genauso dunkel geworden wie alles andere um sie herum.

Wenigstens haben sie ausreichend Platz und müssen nicht wie Vieh aneinander gedrängt stehen, sich gegenseitig auf die Füße treten und um die immer dünner werdende Luft kämpfen. Die 122 Häftlinge sind nämlich glücklicherweise auf zwei Abteile verteilt worden.

Roderich und Ivan haben sich in der Dunkelheit nebeneinander auf den Boden gesetzt und lehnen mit den Rücken an der harten Zugwand an. Sie, wie allen anderen, nicken immer wieder ein, das sanfte Rütteln ihrer Umgebung hat einen tief einschläfernden Effekt.

Mehr als einmal findet der Österreicher beim Aufwachen seinen Kopf an Ivans Schulter wieder. Der Russe ist fast immer wach und starrt versunken in die schwarze Finsternis hinein. Mit einem leisen „Oh, Pardon“ entschuldigt er sich jedesmal von ganzen Herzen, aber nach der nächsten Schlafphase muss er beschämt feststellen, dass sich sein schweres Haupt schon wieder auf dasselbe warme weiche Kissen gebettet hat.

Beim vierten Mal hört er den Russen neben sich leise auflachen und während er ob der Unmöglichkeit der Situation selber beginnen muss, vor sich hin zu schmunzeln, spürt er, wie eine Scheibe Brot in seine kalte Hand gedrückt wird.

Mit einem schmalen Lächeln akzeptiert er das Geschenk und seufzt unhörbar. Wie lautete die Beteuerung noch einmal, die er gegenüber Gilbert bei ihrem Abschied gelobt hatte?

Eine Weile sitzen beide in der ratternden Halbstille stumm nebeneinander – umrundet von schnarchenden und schlecht träumenden Männern – dann beginnt Ivan unvermittelt ein zwangloses Gespräch anzufangen.

Es tut gut. Über Kleinigkeiten zu reden, die früher so belanglos gewesen sind, die aber darauf hinweisen, dass man einmal ein anderes Leben gehabt hat als das. Dass man ein Mensch gewesen ist.

Sie erzählen sich vieles, aber die meiste Zeit geht es um das Lieblingsthema aller Häftlinge in allen Lagern: das Essen und die Freiheit. Wie sie ihren Kaffee mögen, ob echte Butter zum Backen verwendet werden sollte oder doch eher Öl – Roderich scheint hier ein echter Mann des Faches zu sein – und was sie als erstes tun werden, sollten sie von den Alliierten befreit werden.

Nur...ist dieser letzte Sachverhalt jetzt noch eine ganze Menge komplizierter geworden. Denn da wo sie hinfahren, sind die vermeintlichen Befreier nicht mehr in unmittelbarer Reichweite, tatsächlich fahren sie ihnen sogar davon.

Zwangsläufig windet sich das Gespräch zu ihrer gemeinsamen Situation vor Ort hin und zu ihrer anderen Gemeinsamkeit, von der sie sich immer weiter entfernen.

„Und was geschieht, wenn es Gilbert nicht mehr aus dem Lager heraus schafft? Wenn die Rote Armee sie vorher einkesselt?“ spricht Roderich mit einem Mal seine Sorgen geradewegs aus.

Als er keine Antwort bekommt, seinen ängstlichen Befürchtungen aber dennoch sehr gerne weiter Ausdruck verschaffen will, fährt er flüsternd fort. Mehr zu sich als zu Ivan, der sich angenehmerweise in den letzten Minuten als sehr umgänglicher Gesprächspartner erwiesen hat, den positiven Eindruck des ersten Gesprächs damals in Gilberts Büro nur noch weiter festigend.

„Kannst du dir vorstellen, was sie einem von der SS antun?“

Der Russe dreht den Kopf zu ihm und wirkt vordergründig zuversichtlich: „So dumm ist er doch nicht. Wenn es so weit kommt, wird er zumindest die Uniform rechtzeitig ablegen.“

„Aber erkennen sie ihn nicht trotzdem? Wegen der Blutgruppentätowierung auf dem Oberarm, meine ich...“  

„Nein, Gilbert ist nicht tätowiert.“ erwidert Ivan beiläufig als wäre dieses intime körperliche Detail eine Selbstverständlichkeit für ihn, welche er auch nicht davor zurück schreckt, mit jedermann freigiebig zu teilen.

Tief erstaunt öffnet Roderich den Mund, um den Anderen zu fragen, woher das weiß, beißt sich aber im letzten Augenblick buchstäblich auf die Zunge.

Aaaaaber natürlich. So war das. Wie hatte er so blind sein können?

Darum wollte der Preuße so unbedingt, dass er und Ivan sich kennen lernten. Und er hat damals diesem Treffen nicht unbedingt viel Beachtung beigemessen, hatte gedacht es sei eine von Gilberts Schrullen, die man am besten stillschweigend ertragen und sich bestenfalls seinen eigenen Teil dabei denken sollte.

Und darum saßen jetzt auch sie beide hier nebeneinander in diesem dunklen Güterwaggon – weil sie für Gilbert beide so schützenswert waren, dass er offenbar ziemlich viel riskiert hatte, um sie aus dem Lager zu bekommen. Roderich denkt an die neue Nummer auf seiner Brust, die er letzte Nacht im verborgenen und mit zitternden Händen auf seine Uniform genäht hat.

Darum also...

Was für eine wunderschöne hoffnungsfrohe Botschaft: inmitten all des leidvollen Sterbens und des bestialischen Abschlachtens blühte Liebe.

Selten ist eine gute Nachricht so dringend gebraucht worden, wie jetzt.

Er freut sich für den Anderen aus tiefsten Herzen. Für sie beide.

Nur...wie hatte er das nicht bemerken können? Direkt vor seinen Augen? Dabei war er doch normalerweise derjenige mit dem unermesslich tief reichenden Einfühlungsvermögen und dem hochentwickelten Gespür für zarte Empfindungen jenseits aller Worte oder Taten. Charakterliche Eigenschaften, die Gilbert im Gesamtbild eines Menschen immer tief verspottet oder zumindest für vernachlässigbar gehalten hatte.

Ein sonnenwarmes Lächeln ziert die Lippen des Österreichers als er seinen Kopf ganz dicht an Ivans Ohr heran rückt, das Folgende muss nicht unbedingt jeder hören.

„Ivan?“

Der Russe war in einen leichten Schlaf gefallen, ist aber durch den dringlichen Ausruf seines Namens sofort hellwach. Interessiert brummt er ein tiefes „Hmm..?“ zur Antwort und öffnet gleich darauf extrem verwirrt die Augen als er Roderichs flach ausgestreckte Hand bedenklich nah an seiner Seite spürt.

„Herzlich willkommen in der Familie.“


***    

Es war gewagt.

Sogar viel mehr als das.

Aber Gilbert Beilschmidt war ein Spieler - zumindest war es früher so gewesen - er liebte das Risiko, er war geboren dazu, alles auf eine Karte zu setzen, hatte diese Art zu leben während seiner Zeit in der SS ausgiebigst betrieben und mit der Zeit nur noch feiner perfektioniert.

Ja, es war gewagt.  

Und offenbarte darüber hinaus noch einen überbordenden Mangel an Takt- und Schamgefühl.

Dinge, die sein Vorgesetzter im Übermaß zu haben schien und genau in dieser offen liegenden Schwachstelle würde er mit einem glühenden Eisenstäbchen anfangen, herum zu wühlen: die Verletzung seines gesunden Maßes an Sittlichkeit würde der zündenende Katalysator dieser Entwicklung sein.  

Er wusste nicht mehr ganz genau, wie er auf den Plan gekommen war. Erst hatte er vorgehabt, Mengeles medizinische Aufzeichnungen seiner diversen Zwillingsexperimente zu stibitzen und sie „ausversehen“ in die Latrine der Häftlinge oder das Krematoriumsfeuer fallen zu lassen. Doch eines Tages, als er sich mehr aus sentimentalen Gründen als aus einer Dringlichkeit heraus, seine Vorräte aufzustocken, auf dem Weg zur Effektenbaracke wiederfand und er an Ivans Kommentar dachte, kam ihm eine ungleich bessere Idee. Was hieß besser, sie war brilliant . Und sie würde Mengele so sehr verstören, dass der erhabene Doktor in demselben Augenblick, in dem er zur Gänze begriff, worum es ging, zum Kommandanten rennen würde, nein, rennen musste und dort mit aller Vehemenz eine Versetzung des Scharführers fordern würde. Wohin auch immer, nur weg von ihm, raus aus dem Lager.

In Folge dessen würde man dann natürlich seine Wenigkeit mit aller erzwingenden Höflichkeit auch zur Kommandatur bitten und dort könnte Gilbert Beilschmidt dann veranstalten, was niemand besser konnte als Gilbert Beilschmidt höchstselbst: ein Riesentheater. Konnte lärmen, wüten oder wahlweise grob beschimpfen, konnte über seine fürs deutsche Volk erbrachten Opfer jammern und wie undankbar sie sich alle gegenüber einem echten Kriegshelden verhielten. Himmel, er konnte sogar einen Tobsuchtsanfall imitieren, denn alles, was sein leicht zu erhitzendes Gemüt bisher in Grenzen gehalten hatte, war im Begriff sich zu verflüchtigen: weder wollte er noch länger an diesem Ort bleiben, noch musste er dem Hauptsturmführer weiter gefällig sein. Seiner wirklich furchterregende Seite waren quasi keine Schranken mehr gesetzt, sie konnte völlig frei entfesselt werden. Er hatte nichts mehr zu verlieren.

Mit einem unheimlich fiesen Kichern hat er vor zwei Tagen das Buch zufällig auf dem neuen Haufen ausgeschütteter Gegenstände entdeckt, es auf der Stelle wieder erkannt und an sich genommen. Natürlich kannte er es von früher. Hatte es als junger Mann auf Anraten Roderichs gelesen und sich von dem vielversprechenden Titel ungleich mehr erhofft als er dann tatsächlich bekommen hatte, aber nun gut, das war Jahre her.

Wer hätte jemals für möglich gehalten, dass es einmal ein Buch sein würde – noch dazu eines von den Wenigen das er kannte – welches ihn hier rausbringen sollte?  

Etwas unbeholfenen hat er das besagte Objekt seiner Befreiung – in welchem der Vorbesitzer die wichtigsten Stellen unterstrichen oder mit zusätzlichen Kommtaren versehen hat – in Zeitungspapier eingewickelt und mit einem aussagekräftigen roten Seidenband umwickelt. Dann hat er es sich nicht nehmen lassen, rotzfrech aus den akkuraten Blumenbeeten vor der Kommandantur eine leuchtend gelbe Geranie zu stehlen und sie als Krönung des Ganzen durch die große Schleife zu stecken: voilá.

Das viereckige Konglomerat aus bunten Farben, Hoffnungen und dem nicht mehr ganz so unterschwelligen Versuch einer Belästigung liegt bereits seit etwa einer halben Stunde gut platziert in der Mitte von Mengeles Schreibtisch als der Doktor in sein großzügiges Büro zurück geeilt kommt und eigentlich nur schnell eine liegen gebliebene Akte holen will.

Sein Blick fällt auf das kleine Päckchen, er wird stutzig und stoppt seinem überhasteten Gang nach draußen.

„Nanu?” murmelt er leise zu sich selber, neugierig geworden wie ein kleines Kind.

Selbstgefällig langsam, wie ein Genießer, zieht er die Blume aus der Schleife heraus und führt sie in einer eleganten Bewegung an seine Nase heran, um an ihr zu riechen.

Ein kleines Kärtchen steckt ebenfalls unter dem roten Band und der von der unerwarteten Aufmerksamkeit auf seinem Schreibtisch ohnehin schon sehr angetane Mann zieht es vorsichtig aus seinem Gefängnis und faltet es auf.  

Mein lieber Josef,

vor genau einem Jahr wurden wir uns das erste Mal offiziell vorgestellt.

Seit diesem bedeutenden Punkt in meinem Leben vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht von Ihrer mannigfaltigen Schaffenskraft, Ihrer unbändigen Tatkraft und Ihrem männlichen Esprit aufs Höchste angetan bin.

Erlauben Sie mir, Ihnen zur Feier des Tages, ein sorgfältig ausgewähltes Geschenk zu überreichen, welches Ihnen meine unermessliche Wertschätzung und darüber hinaus noch so viel mehr verdeutlichen soll, was lieber ungesagt bleiben sollte.

Mit großen Vertrauen in Ihre Diskretion,

ergebenst,

G. Beilschmidt


Hmm, ein bisschen schwülstig vielleicht. Aber ein schönes Beispiel dafür, dass durchaus auch der ungewandte Beilschmidt fähig war, ein paar anständige Sätze zu formulieren, wenn es darauf ankam oder er es wirklich wollte.

....was lieber ungesagt bleiben sollte. Großes Vertrauen in Ihre Diskretion. Was meinte er denn damit? Wie verwirrend...

Während des mehrmaligen Lesens der kleinen Zeilen hat das freundliche Gesicht des Arztes mehrfach seine oberflächliche Erscheinung gewechselt. Heftige Konsterniertheit, komplette Verwirrung und ein großes Stück Unsicherheit drücken sich in den Falten auf der Stirn und dem wagen Halblächeln aus, welches wieder wie eine Maske der Tarnung auf seine Züge gesprungen ist – reine Vorsichtsmaßnahme für den Fall, dass es tatsächlich ein Zeichen der Ehrerbietung des Scharführers sein sollte.

Vorsichtig öffnet er die großzügige um das Päckchen geschlungene Schleife, streift das raschelnde Zeitungspapier – die Vorderseite der heutigen Ausgabe des „Völkischen Beobachters“ – nach links und rechts weg und...

...muss seine Augen aufreißen und laut keuchend nach Atem ringen.

Hans Blühers „Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“???

D..das...das war ein Scherz, nicht wahr? Beilschmidt machte sich über ihn lustig. Eine kleine Revanche dafür, dass er ihm hin und wieder unnötige kleinstteilige Aufgaben übertrug, die normalerweise irgendeine viel rangniedrigere Charge erledigen konnte.

Dieses Buch war unaussprechlichen Inhalts. Voll von an den Haaren herbei gezogener, zutiefst abnormaler Interpretationen über Zusammensetzung und Funktionsweise völlig unschuldiger Männerorganisationen. Natürlich hatte es seinen Weg in die allgemeine Aufmerksamkeit gefunden und als zeitgeist-orientierter Angehöriger einer bestimmten höheren Schicht kannte man es, obwohl es selber selbstverständlich nie auf den Nachttisch gelegen hatte....

Oh lieber Himmel, das musste ein Scherz sein!

Nervös streicht sich der völlig ratlose Doktor über den Mund und nimmt erneut das Kärtchen in die Hand. Überliest dessen Inhalt mit fliegenden Augen ein drittes und viertes Mal, schaut dann nachdenklich zurück auf das Buch und abwesend nach oben, um Löcher in die Luft zu starren. Sukzessive gleitet seine Miene in Panik und blankes Entsetzen ab. Er springt auf und tigert wie ein von einem weltbewegenden Einfall besessener Wissenschaftler durch sein Büro.

Das konnte nicht sein. Das konnte nicht sein. Das konnte nicht sein. Völlig lächerlich war das. Niemand würde sich jemals die Blösse geben und so offensichtlich mit einem Menschen des gleichen Geschlechts anbandeln wollen....man dachte doch nur an das Ranggefüge! An die fest errichteten Verbote in der Gesellschaft, an..an das gesunde Sittlichkeitsgefühl eines Volksgenossen als solches!  

Aber auf der anderen Seite: es handelte sich nicht um irgendjemanden, sondern um Gilbert Beilschmidt. Dieser Mann war zu allem fähig, wortwörtlich zu allem.

Und natürlich hatte der Doktor in der Vergangenheit die merkwürdig intensiven Blicke seines Untergebenen bemerkt, jetzt wo er gezwungen war, näher darüber nachzudenken. Er konnte es damals nur nicht richtig einordnen, hatte angenommen, der Scharführer betrachtete ihn mit einer tief bohrenden Eifersucht ob seines außergewöhnlich guten Aussehens, doch jetzt....uhhh, das Schaudern einer entsetzlichen Erkenntnis läuft ihm über den Rücken.

Beilschmidt meinte es ernst. Todernst sogar.

Doch wenn er dachte, er könnte ihn mit seinem degenerierten Geständnis überrumpeln und einschüchtern, dann hatte er sich geschnitten. Noch hatte er hier die Zügel der Moral und des Anstands in der Hand, noch gab es Ordnung im Angesicht des näher marschierenden Chaoses.  

Der Mann musste weg aus seinem Wirkungsfeld. Auf der Stelle!

Sonst würde er in Zukunft seine entarteten Annäherungsversuche immer weiter voran treiben - zufällige unabsichtliche Berührungen, ungewollt in die Länge gezogene Besprechungen allein in seinem Büro - bis auf die sichtbarste Spitze der Auffälligkeit, bis das ganze verdammte Lager bemerken würde, was zwischen den beiden von Statten ging.

Wenn er jetzt nicht handelte, würde er zum Gespött aller mutieren....

Einige Momente später erleben die Arbeiter in der Baracke ein absolutes Novum: Doktor Mengele hetzt wie ein flüchtendes Tier an ihnen vorbei Richtung Ausgang. In der Hast seiner Hatz scheint er sogar seine Mütze in Büro liegen gelassen zu haben.

Der arme Laufbote, der im Gang bei seinem Anblick stramm Haltung angenommen hat und eigentlich nur eine Nachricht aus einem anderen Teil des Lagers überbringen soll, wird, als er zum Sprechen ansetzt, unbeachtet an der Seite stehen gelassen und rüde unterbrochen: „Nicht jetzt, ich muss zum Kommandanten!“

In einem anderen kleinen Zimmerchen, welches mit seiner großzügig angelehnten Tür auf den Gang zuführt, steht Gilbert an seinem Aktenschrank und blättert gelangweilt, vor allem aber auf etwas ganz bestimmtes wartend, die medizinischen Berichte durch.

Als er durch die kleine Lücke in der Tür mitbekommt, wie der Doktor den Gang entlang eilt und genervt den Laufboten abfertigt, breitet sich ein triumphierendes Grinsen auf seinen Lippen aus.

Schach. Und Matt!

Schon beim Schreiben des Kärtchens hat er sich beinahe an seinen heftigen Lachkrämpfen verschluckt, doch das hier, das ist ja noch um Längen besser, das ist die ganze Anstrengung auf jeden Fall wert. Der gute Hauptsturmführer scheint ja mit seinen Nerven völlig fertig zu sein.

Das Kribbeln einer ganz gewissen Vorfreude breitet sich in Gilberts Magengegend aus und in hohen Bogen wirft er die Akte, die er in den Hände hält, verächtlich in den Papierkorb neben der Tür.  



Ok. Ich fand ein wenig Spaß nach all dem Ernst musste zum Schluß noch mit rein, außerdem wollte ich rein zu meiner persönlichen Befriedigung noch einen konfusen Doktor haben. Blühers Buch habe ich vor einiger Zeit gelesen und es waren (für die heutige Zeit) interessante Gedankengänge, aber was der gleiche Inhalt früher für einen Effekt gehaben hat muss, ist ja ungleich wichtiger (und lustiger: denn in Longerichs Biografie über Himmler steht, dass auch der spätere Reichsführer-SS dieses Buch als junger Mann gelesen hat und NACHHALTIG verstört gewesen ist. Weil er sich und seinen damaligen einsiedlerischen – junggesellenhaften - Lebensstil wieder erkannte (ahahahahahahah!) Das ist auch der Grund, dass er Mitte der 30iger in mehreren Reden vor der SS betonte, die Organisation sollte aber im Himmels Willen nicht nur ausschließlich eine komplett abgeschottete Männergesellschaft sein.)

Ausblick: Wie wäre es als nächstes nicht mit dem letzten Kapitel, sondern mit etwas anderen? Zum Beispiel mit zwei kurzen Zwischenstücken? Ein Potpourri aus diesem und jenem Fremden (nicht aus meiner Feder stammenden), versehen mit der würzigen Duftnote meiner eigenen bescheidenen Schreibkristalle.
Ok, das war eine hypothetische Frage, die schon längst von der Realität beantwort worden ist: ich brauche die Zwischenstücke, sie ergeben irgendwie noch ein runderes Bild von der großen allgemeinen Lage und schaffen einen bestimmten Effekt. (Nennt mich Effekthascherin..^^...)

Also: bis Sonntag, dann geht es weiter mit Zwischenstück I.  
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