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Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
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219.821
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15.02.2012 3.767
 

Preußenschlag II, das Kapitel, bei dem ich gespannt bin, ob die Leser am Ende auch peinlich berührt und dann nur noch berührt sind....^^.


Preußenschlag II

„Du kannst mich doch auch losmachen, glaubst du denn wirklich ich laufe weg? Ohne Orientierung, ohne Versorgung, ohne alles?“

..........??

„Komm schoooon!! Du weißt, du willst mich losmachen....“

„Njet!“

„Ivaaannn!!“

„Gilbert...ich sagte njet!!!“

„Aahhrrr! Und was ist, wenn hier ein wildes Tier rein spaziert und mich angreift? Wie soll ich mich dann wehren?“

„Was soll denn hier kommen?“

„Wölfe, Bären, was weiß denn ich, was ihr in euren Wäldern rumlaufen habt....ich meine, was machst du, wenn du nur noch eine Leiche hier liegen hast, hähh, was dann?“

„Gilbert....“

„..ich hoffe du bereust es dann, mich ständig gefesselt zu haben! Ich hoffe wirklich, das passiert eines Tages!!“

„Gilbert....“

„Waaaaas?“

„Der einzige Wolf, der hier weit und breit frei herum läuft, bin ich. Und mich hast du doch schon gezähmt, oder?“
Für etliche Sekunden fehlt dem Preußen die schlagfertige Erwiderung und er schaut den vor sich stehenden Mann einfach nur perplex an: die hinter seinen Worten liegenden Andeutungen sind überfallend und so hinreißend ehrlich.

Mit einem lauten Lachen dreht sich Ivan schließlich herum und verlässt die Hütte.
Seine Heiterkeit ist befreiend für ihn. Wenn auch nicht lange. Dann stürzt die brutale Realität wieder auf ihn ein. Er kann Gilbert nicht ewig in der Hütte halten, nicht ewig gefesselt und unter Zwang bei sich behalten.
Und das nicht nur wegen der neuen militärischen Entwicklung: erste deutsche Artillerie-Verbände sind an den Rändern ihres Waldes gesichtet worden, werden bald immer näher rücken. Sie müssen sich davor hüten nicht im großen Stil eingekreist zu werden und in die Falle zu gehen.


***

Unablässig sind da diese bohrenden Fragen. Anklagend. Würde er denn wirklich fliehen, wenn Ivan ihn losbinden würde? Könnte er denn das alles einfach so zurück lassen, was sich hier ereignet hat?

***

Mit den vergehenden Tagen verblassen diese Fragen und werden von anderen verdrängt. So schleichend, dass er den Prozeß der Veränderung gar nicht bemerkt, weil er schon längst nicht mehr fähig ist, eine neutrale Beobachterrolle einzunehmen. Weil er selber viel zu tief drin steckt in diesem Fluss der eigenen emotionalen Metamorphose, die ihn umströmt. Weil alles um ihn herum viel zu schnell zu einer benebelnden Normalität wird.

***

Er küsst ihn. Dutzende und aberdutzende Male. Auf die Wange, die Stirn, sogar auf die dünnen weißen Ohrmuscheln, bevor er seine Zähne für kleine schmerzhafte Augenblicke darin vergräbt.
Überall hin auf seinen Körper. Alte und frische Spuren auf dem Nacken zeugen von einem geübten und ausgiebigen Einsatz williger und nimmermüder Lippen.
Selbst auf dem Bauch und an den Innenseiten der Oberschenkel  - schon ganz nah an der Unendlichkeit eines exzessiven Drogenrausches – finden sich die aussagekräftigen Beweisstücke seiner mündlichen Fähigkeiten.
Die Art und Weise, wie er diesen Körper behandelt – ein seltenes und unschätzbares Stück lebender Kunst -  wie er ihn umhegt und verehrt, sobald es Nacht wird...die Art und Weise ist unbeschreiblich.
Wie er ergeben vor ihm kniet, wortwörtlich gesprochen, wenn er mit seinem Mund behutsam und hingebungsvoll das harte Fleisch in der Mitte seiner Lenden umschließt: in Momenten, in denen Gilbert kurz davor zu stehen glaubt, die Besinnung zu verlieren und nichts anderes über seinen Mund rinnen kann als immer wieder nur IvanIvanIvanIvan - ein Name, der dafür geboren scheint, zwischen seinen Lippen auf genau diese Weise hervor gepresst zu werden, kurz bevor sich beide verlieren – und dann ihre Menschlichkeit und nur noch von den blossen Instinkten in nie erreichte Höhen getragen werden.

Tausend mundgeformte Male zieren den Körper des Preußen.

Sind es Bestätigungen für die Empfindungen, die der Russe haben muss?

Ja, das kann sein. Vermutlich.

Aber nichts, was zählt. Nichts, was wirklich Wert hat, alles nur faule Indizien.....

Er küsst ihn. Überall hin....und überall breitet sich diese Berauschtheit aus, wie ein euphorisches Fieber, brodelnd und erfüllend und herzlich, wie nichts, was er vorher gekannt hat.

Er küsst ihn.

So oft.

So oft. Und überall hin.

Nur nicht auf den Mund.

Niemals.

Niemals.....


***

Warum nicht? Tausendmal und mehr stellt er sich diese Frage. Ist es womöglich eine persönliche Grenze, die der Partisanenkämpfer dann lieber doch nicht überschreiten will?
Wenn er sich seinen Körper aneignet und ihm an jede verdammte Stelle ein leibhaftiges Erkennungszeichen seiner Eroberung aufdrücken kann, warum kann er ihn dann nicht auf den Mund küssen? Oder ist das dann doch zu intim und zu privat, den zum sexuellen Sklaven gemachten deutschen Soldaten eine einfache Geste offener Zuneigung zu schenken? Eine Geste, die zeigt, dass er es ehrlich meint, wenn er Nacht für Nacht so tief in den schmaleren Körper hinein sinkt, dass der Preuße manchmal denkt, er müsste darunter zerbrechen.

Vielleicht küsst er nur seine Frau und seine Kinder auf den Mund?

Vielleicht ist Gilbert ja wirklich nur ein Zeitvertreib, über den sich Ivan mit seinen Kameraden lustig macht und vor ihnen damit prahlt, wie oft er den Gefangenen schon wieder gehabt hat, wie vertrauensselig die Soldaten Hitlers sind, wenn man sie erst einmal bezwungen hat?

Nicht, dass er einen Kuss jemals fordern würde. Mit Worten. Nicht, dass er jemals darüber reden würde, wie tief es ihn verletzt, so behandelt zu werden, nicht ebenbürtig behandelt zu werden und von Ivan auch dieses wichtige Anzeichen nicht zu bekommen, jemals als ein Ebenbürtiger angesehen zu werden.


***

Es ist die erste Nacht, in der er sich verweigert.

Dazu braucht es nicht viel, Ivan ist schrecklich müde und unternimmt keine Versuche, den Preußen vom Gegenteil zu überzeugen oder ihn zu etwas zu zwingen.

Sehr fest schläft der große Mann – der weiß Gott was am Tag treibt, um so erschöpft zu sein – neben ihm und Gilbert dreht sich langsam herum und starrt den Körper zu seiner Seite an, lange und ausgiebig.
Fasst mit den masslosen Augen gierig an, was sich die Finger nicht trauen.
Jeden einzelnen Zentimeter, der sich seinem Blick darbietet, bis er dabei einschläft und Ivan am nächsten Morgen heftig darüber erschrickt, dass Gilbert ihm das Gesicht zugewandt hat.

Eine Weile länger als gut für seinen Tagesplan ist, bleibt er noch regungslos liegen und beobachtet den Anderen beim Schlafen.

***

„Meine Frau?? Wa...??“  

„Jaaa, jetzt tu doch nicht so schüchtern ...du willst mir doch nicht erzählen, dass nicht irgendwo ein kleines sowjetische Frauchen auf die Heimkehr ihres stolzen Helden wartet?“ verhört Gilbert gehässig lauernd. Und wartend und hoffend. Sterbend.

Mit offenen Mund starrt Ivan ihn an, um sich dann wortlos herum zu drehen. Muss für einen Augenblick die Hütte und ihren dauernden Bewohner verlassen, weil er nicht ertragen kann, was für den anderen anscheinend eine normale Fügung wäre. Was denkt der Preuße von ihm? Das er sich seine Gegner ausschließlich zur körperlichen Befriedigung von der Front fischt und sie nach Gutdünken benutzt - fast nach Art eines Freiers?

Nun ja....wenn er ganz ehrlich ist – und es ist die kalte ehrliche Wirklichkeit, die ihm die Luft abschnürt - tut er das nicht tatsächlich? Mit den anderen, natürlich, die waren bedeutungslose Zeitfüller.
Aber Gilbert. Gerade Gilbert ist soviel mehr wert ist als die früheren Gefangen. Ist alles wert, was es gibt, aber ausgerechnet ihm unterzieht er genau derselben Behandlung, welche die Anderen über sich ergehen lassen mussten.

Doch was gäbe es für eine andere Möglichkeit? Ihn laufen zu lassen, ihn ab zu binden und zu riskieren, dass er fortläuft, dass Ivan ihn nie wieder sieht?

Ivan schlägt die Hände vor sein Gesicht und kann seine Atmung nicht kontrollieren, kann nicht kontrollieren, was darunter liegt und ihn auffressen will. Er fühlt sich erschlagen von Gilbert, regelrecht erschlagen. Von allem, was von dem Gefangenen ausgeht, von jeder seiner Bewegungen, seiner Worte und seiner stummen Botschaften, die er nicht deuten kann, die es möglicherweise gar nicht gibt, von denen der Russe nur annimmt, es gäbe sie, um darin so viel wie möglich hinein zu interpretieren.

Wohin soll das alles führen?

Letzten Endes gibt es nur einen Weg. Das weiß er. Auch wenn es bedeutet sein Land zu verraten. Auch wenn es bedeutet sich das Herz aus der Brust zu reißen und in den Dreck zu werfen.

Aber noch nicht jetzt. Noch bleibt ein winziges bisschen Zeit, sich an dem Anderen in aller Vielfalt zu erfreuen. Sich weiter schlagen zu lassen, wo es nur geht.

Also rafft sich Ivan wieder auf, begradigt seinen zusammen gesunkenen Oberkörper, um hoch erhobenen Hauptes in die Hütte zurück zu gehen und anzufangen, dem bebenden Preußen mit ruhiger Stimme von seiner Familie zu erzählen, von seinem Leben mit den Großeltern und seiner Erinnerung an die früh verstorbenen Eltern.
Und er erntet dafür so viel mehr als Dank aus den roten Augen, er bekommt genau das, was die ganzen geliebten, aber himmelhochschreienden Stimmungsschwankungen des Launenhaften ausgleicht, was es wert macht, zu leben und geschlagen zu werden.
Und ihm versichert, dass selbst ein winziges bisschen Zeit mit außergewöhnlich viel kostbarem Inhalt gefüllt werden kann.  

***  

Seit Tagen hört Gilbert ein entferntes stetiges Aufbrummen, irgendwo hinter den gigantischen Bäumen in einer anderen Welt. Unregelmäßig und ohne bestimmten Rhythmus brandet dieses Donnern auf, mal stärker, mal schwächer.
Anfangs denkt er, es sind mächtige lange Gewitter, die über die Erde tosen, aber erst jetzt weiß er wirklich, was es ist – wie hätte er das nicht erkennen können – haben die Tage hier ihn so verändert und von aller Normalität entfernt, dass er nicht einmal mehr die typischen Geräusche des Krieges erkennt?
Es sind Geschütze, bedient von Männern, die sich gegenseitig auslöschen wollen.
Die Front ist weiter gerückt – auch ohne sein militärisches Zutun.
Seine eigenen Leute nähern sich ihm. Und er fühlt nichts dabei. Nur eine wage Furcht davor, was passieren wird, wenn sie eines Tages an dem Teich vorbei marschieren und bald danach die Lichtung der Partisanen erreichen. Was wird geschehen...nicht mit ihm, nein das sicher nicht, aber mit Ivan?

Jetzt, wo er die Geräusche endlich einwandfrei identifizieren kann, wo er vor der frisch aufgeworfenen Erde hockt, die sich immer noch nicht ganz ihrer Umgebung angepasst hat, weiß er, dass es zu Ende gehen wird. Das Ivan in naher Zukunft eine Entscheidung treffen muss, was mit seinem Gefangenen passieren soll....und er – besagter Gefangener - diese Entscheidung fürchtet, weil sie so viel beinhalten wird, was sich nicht in Worte fassen lässt.

Natürlich vertraut er Ivans Versprechung in der Hinsicht, dass seinem Körper tatsächlich nichts widerfahren wird – als ob das Wohlergehen nur von einem gesundheitlich intakten Leib abhängig wäre – aber wenn dem so ist, würde das dann auch heißen, dass es nur eine Möglichkeit gibt, die Gefangenschaft zu beenden und Gilbert hofft inständig, dass der Andere gerade diese Option nicht wählen wird. Doch Hoffnung scheint in dieser Konstellation so völlig überflüssig, unnötig und kindisch....sie ist unbegründet und eigentlich lächerlich irrational.

Mit seiner gesunden Hand nimmt er einige Brocken der feuchten Erde auf und zerdrückt die braunen Klumpen zwischen seinen Fingern. Gedankenverloren und so geräuschvoll ausatmend, dass es Ivan, der in einigen Schritten Abstand hinter ihm steht, über alles Rauschen der Bäume hinweg hört. Etwas zögerlich kommt er näher und fährt sich nervös mit der Hand durch die Haare.

„Ich kann dich denken hören, gwostika, bis hierhin...“

Seit einigen Tagen hat sich Ivan einen neuen Spitznamen für Gilbert ausgedacht, der von der Augenfarbe des Preußen herrührt. Als er ihn das erste Mal neckend benutzte, hat der Andere voller Argwohn die Arme vor den Oberkörper verschränkt und war erst nach mehrmaligen Versicherungen, dass es keine stichelnde Bemerkung gewesen sei, wieder zu einer versöhnlichen Haltung zu bewegen gewesen. Nelke wurde er von nun an öfter genannt und der sanfte Klang, mit dem der fremde Name jedes Mal ausgesprochen wurde, streichelte das Flügelwesen mit weichen Fingern vertraulich über die Schwingen.

Gilbert schüttelt den Kopf, um an zu deuten, dass es nichts besonderes, nichts erschütterndes ist, was seine Gedanken fesselt. Er weiß, dass es für Ivan verstörend und unangenehm sein muss, hier mit ihm an diesem Ort zu stehen. Hinter ihm. Darauf wartend, dass der am Boden hockende eine Reaktion von sich gibt und vor allem: was für eine Reaktion das sein wird.

Doch um keinen Preis der Welt würde der Preuße jetzt die vielerlei merkwürdigen Eingebungen offenbaren, die ihm durch den Geist schießen. Noch nicht, noch muss er selber erst einmal sein Inneres ordnen und interpretieren können.  

Als er am Morgen Ivan nach dem farbenfrohen Orden an seinem Hemd gefragt hatte, als er wissen wollte, warum der den „Beinamen „heilig“ trug, war er von seinem Gegenüber eine lange Zeit schweigend angestarrt worden, bevor der Russen überhaupt fähig gewesen war, eine nahezu inhaltslose Entgegnung vor sich her zu stammeln.
Hier war also die einfache Antwort zu finden: weil er seine Feinde mit Respekt behandelte, weil er sie zwar erschoß – wie die Umstände des Krieges es von ihm verlangten – aber ihre Leichen nicht der Natur überließ, sondern sie begrub. Was anständig und ungewöhnlich war, keine Frage. Und ob seine Kameraden zu Hause nun diese Tätigkeit und das „heilig“ mit Ehrfurcht oder Hohn in der Stimme kommentiert hatten, daran kann sich Gilbert wirklich nicht mehr erinnern. Es ist auch egal.  

Ohne auf zu blicken sagt der Hockende in einem bemüht neutralen Tonfall: „Deshalb heißt es also der heilige Ivan, hmmm?“

„Da...“

Eine Weile herrscht ein merkwürdiges Schweigen, weil beide nicht genau wissen, was sie dazu noch sagen sollen.

Wieder fixiert Gilbert den aufgeworfenen großen Hügel, ohne ihn wirklich an zu sehen. Hier unter der Erde liegt sein gesamter Spähtrupp, seine ihm persönlich anvertrauten Männer.
Momentan als vermisst geltende Menschen, auf die andere Menschen warteten, für deren Überleben sie beteten, obwohl es längst zu spät und alles hoffen vergeblich war. Gefallen für das deutsche Reich würde es später heißen, wenn man die schreckliche Nachricht endlich überbrachte...aber Gilbert wusste es besser. Nein, nicht gefallen, sondern exekutiert, erschossen auf Befehl des Mannes, der hinter ihm stand und ihn voll getriebener Unruhe zu dem breiten Massengrab geführt hatte.

„Gilbert...“ beginnt Ivan leise, während er aufgeregt seine Hände knetet.

„Ah, schon gut, Ivan.....es ist Krieg, da passieren solche Sachen, stimmts?!“ tönt es aus dem Mund des Kauernden beinahe entschuldigend, fast als ob er für den Tod seiner Männer verantwortlich war. Und ist er das nicht auch?
Eine ganze Reihe von zwiespältigen Empfindungen katapultieren sich durch den Untersturmführer, der die Verbindung seiner Hand mit der Erde noch immer nicht lösen kann.

Wo wären Demut und Ehrlichkeit zu sich selber angebrachter als hier?

Wäre er eine Spur aufmerksamer gewesen, hätte er die Anwesenheit der Partisanen spüren müssen. Wenn er nicht so unbedingt auf einen Erfolg fixiert gewesen wäre, hätte er den Trupp schon lange vorher zu den eigenen Linien zurück geführt.

Aber dann... hätte er auch nie.....Gilbert zwinkert kurz mit den Augen – den scheußlichen Gedanken, den er gar nicht zu Ende denken will, wie ein dickes unappetitliches Insekt abwehrend.

Das war das moralische Dilemma, nicht wahr? Jeder Entscheidung folgte eine Reaktion, eine Folgeentscheidung darauf. Jeder Weg führte auf einen anderen zu.

Und der Erschießung seiner Männer war Ivan gefolgt. Das Leben kam nach dem Tod – mehr noch als das, möchte Gilbert meinen, doch weder kann er das besonders gut in Worte fassen, noch in adäquate Geistesformulierungen kleiden.  

Etwas leuchtendes war dieser Nacht des Sterbens gefolgt, etwas großes, schönes.

Hoffnung und......

Doch sie sind Gegner, so etwas sollte nicht passieren. In der Geschichtsschreibung ist Licht nur für gesamte Völker vorgesehen, nicht für Einzelne. Sie ist es, die schnaubend von ihm verlangt, den Repräsentanten sowjetischer Ideologie zu bekämpfen, zu verabscheuen für das, was er getan hat. Sie ist es, die einfach voraussetzt, dass sich die Feinschaft zwischen den aufeinander getroffenen Akteuren zweier Mächte aus einem nie enden wollenden Hass heraus speist, ganz gleich, ob er das will, oder nicht.

Aber er hasst ihn nicht. Nirgendwo in seinem Herz ist auch nur die Andeutung eines Gefühls von Rache oder Feindschaft zu finden. Nicht für die Erschießungen seiner Männer im Allgemeinen oder ganz speziell für Friedrichs Tod. Nicht für die Narben auf seinen Beinen oder die eitrige Entzündung, die das Seil an der Haut seines Handknöchels hinterlassen hat und die sich sehr tief in das dünne Fleisch beißt.
Das alles sind ferne Sünden aus früheren Zeiten, die bereits verrosten. Nicht an seinem Körper, nein, aber in seiner Einschätzung, in seinem subjektiven Urteil der Situation.

Wann genau hat seine Zuneigung für Ivan die schrecklichen Dinge hinter sich gelassen, die der Partisan ihm angetan hat? War dieser Sprung freiwillig vor sich gegangen? Oder mehr eine erzwungenermaßen bedingungslose Kapitulation vor der offenkundig gewaltigeren Übermacht?

Zu sein, was er geworden war, dafür gab es in allen Armeen dieser Welt Schimpfnamen allerschwärzester Abneigung: Versager. Totalausfall. Feigling.
Aber die Bezeichnung mit den weitreichendsten Konsequenzen für seine persönliche Existenz als SS-Soldat war wohl: Verräter!

***

Ivan hat wohl noch nie so viel Angst empfunden, wie in jenen Augenblicken als Gilbert vor den frischen Gräbern verharrt und einfach nicht aufstehen will. Wie lang kann eine Ewigkeit sein, wenn man auf Erlösung wartet? Wenn man darauf warten muss, in welchem Ausmaß der Andere, der so ungeheuer wichtig geworden ist, auf Schrecklichkeiten reagiert, für die man höchstpersönlich verantwortlich ist?

Wenn Gilbert jetzt aufsteht und sich weigert, ihn an zu sehen, sich weigern sollte, mit ihm zu reden, ist alles vorbei! Er weiß nicht, wie er das durchstehen soll, wie er die Exekutionen wieder gut machen soll.
Vermutlich würde ein sauberer Schuß in den Bauch weniger weh tun als der Verlust der Anerkennung – der Zuneigung? – des preußischen Mannes. Warum hat er ihn überhaupt hierher gebracht, konnte überhaupt jemand noch idiotischer sein als er und das seltene Glück, das ihm zufällig in die Hände gelaufen war, mit eben diesen beiden dummen Händen so grob zerstören? Was hatte er eigentlich genau damit bezweckt, ihm die Ruhestätte seiner Männer zu zeigen?

Es will ihm nicht mehr einfallen.....

Noch immer steht der Mann vor ihm nicht auf.....die Stille ist Tortur, barbarische Tortur ohne Worte.

Wenn Ivan nicht schon vor langer Zeit die früher so vertrauten Worte aus dem Gedächtnis geflogen wären, würde er genau jetzt anfangen zu beten – in der Stunde seiner größten Furcht. Und es wäre gleich, ob er immer noch an eine höhere Macht glaubte oder nicht, der Moment war einfach zu groß, zu wichtig, um ihn als verletzbares Individuum mutterseelenallein von Angesicht zu Angesicht gegen über zu stehen.

Endlich....

Großer Himmel....endlich steht der Preuße auf...langsam und sogar ein klein wenig wankend. Wahrscheinlich nieder gedrückt von der überwältigenden Erkenntnis, konfrontiert mit der grausamen Wahrheit, die auf keinen Fall zugunsten seines Häschers ausfallen wird.

Es ist vorbei...er wird Ivan nicht anschauen...zu lange hat er vor den Gräbern gekniet, das ganze Schlechte, was ihm passiert ist, muss wieder und wieder durch seine Geist geströmt sein, zu viele böse Vorfälle und an allen von ihnen ist der Andere schuld, der sowjetische Untermensch, der hinter ihm verzweifelt anfängt mit offenen Mund nach Atem zu ringen, bleich und konturlos, die Lippen krampfhaft zusammen gepresst...es ist vorbei....

Es schüttelt Ivan am ganzen Körper und er kann nicht einmal mehr diese körperliche Reaktion beherrschen, die seiner erdrückenden Unruhe endlich ein ausgleichendes Ventil zur Verfügung stellt. Wie konnte er es überhaupt wagen zu hoffen...nach allem, was er mit Gilbert gemacht hat, was er aus Gilbert gemacht hat? Es ist vorbei.....

Bebenden Herzens hebt er den Blick auf das blasse Gesicht des Preußen, sucht die Feueraugen, in denen immerwährende Kraft vor sich hin sprudelt, von denen er nicht annimmt, dass sie ihn anschauen und er erschrickt, für einen langen Moment seines Lebens erschrickt er sich unter dem bedeutungsvollen Schlag in seine Seele hinein fast zu Tode......die rote Quelle ist nicht erloschen. Sie umflutet und badet ihn in einem wogenden Magmameer, wie sie es immer getan hat...unfassbar...es ist nahezu unfassbar....Ivan will sich dort hinein stürzen und in dem ihm entgegen gebrachten Vertrauen und der Vergebung ertrinken.

Nur ein leichtes Lippenkräuseln deutet an, wie tief Gilbert eigentlich tatsächlich von der Situation mitgerissen wird.

Für einen Augenblick bleibt er noch nahe dem Erdhügel stehen – andachtsvoll.

Dann dreht er der aufgeworfenen Stelle endgültig den Rücken zu und schlendert zurück zu Ivan, ohne wissen zu können, was ein einfacher Blick aus seinen Augen in dem armen, buchstäblich im Jenseits stehenden ausgelöst hat.

***

Das ist ihm noch nie passiert. Es ist das allererste Mal. Das ist kein Weltuntergang, natürlich nicht, jedem Mann passiert so etwas mal, es gibt keinen Grund, sich deswegen zu schämen, das ist völlig natürlich. Wenn man die aufreibenden Umstände, seinen streßigen Alltag betrachtet, ist es sogar höchst merkwürdig, dass das nicht schon viel früher mal passiert ist.

Wirklich. Es ist nichts ungewöhnliches. Das kann jedem Mann mal unterlaufen.....aahhhh...nein, das ist nicht wahr! Nicht ihm, er ist nicht jeder Mann! Ihm passiert so etwas nicht einfach!

Das „Vorkommnis“ mag zwar schon ein paar Stunden her sein, trotzdem liegt Ivan noch immer mit hochrotem Kopf auf der Matratze, froh, dass Gilbert schon in seinen Armen eingeschlafen ist und noch viel glücklicher darüber, dass niemand zu sehen braucht, wie sehr er sich für seinen „Ausfall“ schämt.

Aber warum die Scham? Er ist doch keine Maschine, die auf Knopfdruck ihre Leistungen vollbringt!

Ivan schließt die Augen und schüttelt sacht mit dem Kopf, um die Bilder seiner versagenden Männlichkeit daraus fort zu jagen. Besonders das Bild von dem – gelinde gesagt – verblüfften Gilbert, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte, aber die Situation mit weniger Schadenfreude kommentierte als Ivan ihm zugetraut hätte, der sogar noch ermunternden Zuspruch fand und sich erst dann neben ihn hin legte, unbefriedigt, aber durch den Anblick des unbeholfenen, hilflos nach einer Erklärung suchenden Partisanen vollständig besänftigt.  

Allein bei der Erinnerung schießt Ivan eine neue heiße Welle von Rot in die Wangen.

Wo mag bloß die Ursache dieses „Vorfalls“ liegen?? Das er sie elimieren kann und nie nie wieder eine derartige Peinlichkeit durchleiden muss.

Es hatte am Abend ein kleines Wortgefecht gegeben, nichts besonderes, der Preuße war gewohnt reizend und kratzbürstig gewesen, hatte ihm schalkhaft angedroht, er werde es noch einmal bereuen, ihn am Leben gelassen zu haben.

Und Ivan konnte es in diesem Moment nicht über die Lippen bringen, war viel zu erstarrt und ergriffen als sein Inneres so weit zu öffnen und den einen unverzichtbaren Satz zu sagen, der auf einmal die wichtigste Aussage der Welt zu beinhalten schien: Ich werde es niemals bereuen, dich am Leben gelassen zu haben!

Jetzt, wo er rat- und schlaflos in der dunklen Hütte liegt, fällt ihm diese sehr tiefschürfende Szene wieder ein.

Und er bedauert es zutiefst, geschwiegen zu haben.


Ausblick: Qualen, das letzte Rückblickkapitel. Das mit einem gewaltvollen Abschied.

Unter dem nächsten Kapitel kommen dann endlich mal die angesprochenen Erläuterungen zu einigen Sachen – allzu viele sind es gar nicht.

Ich habe wieder ein russisches Wort per Hören ins Deutsche übersetzt....ich hoffe, ich liege nur minimal von der Richtigkeit entfernt. Ansonsten „Entschuldigung“ für den Fehler!!

PS: ( Thihihi...ach Ivan, DAS musste leider sein…^^...)
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