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Der falsch gegangene Weg

GeschichteDrama / P18 Slash
Amerika Deutschland Kanada Österreich Preussen Russland
15.02.2012
17.07.2013
46
219.821
8
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Dieses Kapitel
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15.02.2012 1.556
 

Ankunft; das Kapitel in dem Ludwig auf Gilberts Zug (und Ankunft) wartet, ihn eine quälende Erinnerung verfolgt und er von einem kleinen Mädchen belästigt wird. Wir schreiben die vierziger Jahre im zweiten Weltkrieg.


Ankunft (Vorspiel 1)


Schon beinahe seit einer Viertelstunde starrt Ludwig auf das Buch in seinen Händen. Unfähig weiter zu lesen, weil die unruhigen Gedanken das Kommando über seine Konzentration genommen haben. Zu schwarzen Krähenfüßen sind die schwarzen Buchstaben verschwommen.
Worte, deren lyrischer Reiz zwar seine Aufmerksamkeit erobert hatten, aber noch folgenschwerer: den blonden Mann in eine Art melancholische Träumerei haben abgleiten lassen.
Wie er das hasst! Wie es sein Bruder verachten würde!  
Soldaten der deutschen Armee grübeln nicht über Gedichten, sie folgen Befehlen und sind von beständiger sachlicher Nüchternheit! Unbestimmt gleitet ein Muskelzucken um den Mund des jungen Mannes. Bei dem Gedanken an Gilbert wird ihm...er weiß es selber nicht.
Nervös? Sie haben sich mehrere Monate nicht gesehen – die sporadischen Briefe, die Ludwig von seinem Bruder bekommt, können, um es mal behutsam aus zu drücken, nicht der Realität entsprechen, in der sich Gilbert im Moment befindet. Nein, Nervosität wäre noch ein willkommenes Gefühl.
Es ist eher eine bebende Anspannung, die durch die Nerven fährt wie blitzende Fische auf der Flucht vor großen Fangnetzen. Die Rastlosigkeit in seinem Inneren ist fast mit den Händen greifbar, totalitär im Angesicht der kommenden Begegnung.


Gilbert war sehr krank.
Bevor er sich für dieses Lager freiwillig meldete war er krank, monatelang.

Ludwig wird bleich allein bei den Konturen, die das Gedächtnis in seinem Kopf von der Vergangenheit formen will: Dunkel ist die Rückschau an durchwachte Nächte, an panische Schreie des Älteren und stundenlanges verzweifeltes Schluchzen, bis der elfenbeinfarbene Körper zu Tode erschöpft in den Armen des hilflosen jüngeren Bruders zu Ruhe kam. Katastrophaler als die Nächte waren nur die Tage, an denen der weißblonde Mann nicht essen und reden wollte, sondern in sich versunken an die Wand starrte. Apathisches Elend in Fötalstellung.
Was war passiert? Woher kamen so viele zerstörerischen Gefühle, so viel Apokalypse in den düsteren Augen, die Gilbert bis zu Unkenntlichkeit zusammenkneifen konnte; Augen, in denen soviel Grausamkeit und Härte aufblitzten, dass Ludwig den Bruder manchmal als komplett fremden Menschen wahrnahm?
Der Mann, der ihn beinahe ein ganzes Leben lang alleine aufgezogen hatte, war ein seelisches Wrack. Ein Gefallener, obwohl von der Ostfront lebend zurück gekommen, so fernab von allem, was Leben bedeutete, dass Ludwig eines Tages – in einer Mischung aus unbestimmter Wut und verzweifelter Hilflosigkeit – die Kontrolle über sich verloren hatte: mit einer ihm unbekannten Brutalität hatte er Gilbert, seinen eigenen Bruder, vergewaltigt, geschlagen und gedemütigt. Solange bis Gilberts depressiver Kokon aufgeplatzt war und er den auf ihm liegenden Jüngeren das erste Mal mit einem vertrauten Gesichtsausdruck angeschaut hatte, kurz nachdem Ludwig das erste Mal gnadenlos und herrisch in ihm gekommen war.
Verwirrung und Ekel – war es Ekel oder etwas anderes, was sich auf Gilberts fragenden Gesicht abgezeichnet hatte?
Unwichtig.
Noch nicht wieder Herr seiner Sinne hatte Ludwig das Kinn des Bruders fest in die Hand genommen, die  dünnen schön geschwungenen Lippen hart zusammengepresst, war ganz langsam mit seinem Gesicht unendlich nah an den roten Mund gekommen und hatte....hatte mit der Zunge ewigkeiten dauernd über den Mund seines Bruder geleckt, als wäre es eine kostbare süße Frucht.
Ungewohnt heftige Emotionen waren wie Wellen über Ludwig hinweggerauscht in Sekunden in denen er den schmalen Grad zwischen Bruderliebe und Sündenfall mit Gewalt überschritten hatte.  

Eine Art unterdrücktes Stöhnen seines Bruders hatte Ludwig dazu bewogen, weniger Kraft auf den schmaleren Körper anzuwenden, ihn ungläubig aus der erzwungenen Umarmung freizugeben und tatsächlich: Gilbert war frei, aber wollte es nicht sein, sondern presste seinen Bruder mit den Beinen nur noch tiefer in sich hinein, wollte es mehr, viele Male mehr.
Diese stumme Forderung war nichts, was Ludwig in diesem Moment abschlagen konnte.  
Unzählbar oft in jener furchtbaren wunderbaren Nacht konnte er es nicht, bis all seine ungeschickten Bewegungen einer sicheren und beinahe routinierten hastigen Leidenschaft gewichen waren, bis zu dem Punkt, an dem beide den Körper des anderen bis zur Perfektion ausprobiert hatten.

Mit laut in den Ohren pochendem Blut, mit Tränen der Scham in den Augen, Schweißtropfen und einer weißen klebrigen Substanz, die von beiden blassen Körpern den Bettlaken entgegen geronnen waren.



Nichts von seiner Haltung verrät, wie weit der jüngere Beilschmidt wirklich abwesend ist. Kerzengerade sitzt er auf der unbequemen Holzbank, nicht einen Zentimeter ist die Uniform verrutscht. Eine belebende Röte zieht über seine Wangen – zum Glück kann niemand erraten, an was er denkt. Wenn jemand wüsste, was zwischen den Brüdern passiert ist. Ein Inzestfall, nicht nur das, ein homosexueller Inzestfall zwischen einem respektablen Angehörigen der Wehrmacht und einem verdienten Vertreter der SS, einem mit Orden ausgezeichneten Frontkämpfer. Auslebung widernatürlichster Veranlagungen zum Schaden der deutschen Volksgemeinschaft. Die Konsequenzen, die sich daraus ergaben, die Bestrafung wäre vernichtend.
Würden sie Gilbert ungleich mehr treffen als Ludwig? Als Angehöriger des schwarzen Ordens war es gerade seine Aufgabe zu verhi.....huh?

Ludwig schreckt auf und die tausend Gedanken zerstäubem mit einem großen Plopp in seinem Kopf. Unmütig dreht er den Kopf zu Seite, weil jemand neben ihm steht – erzwungenermaßen seine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Als erstes sieht er die blecherne Sammelbüchse, dann das daran sich krampfhaft festhaltende kleine Mädchen. Hat sie ihn angesprochen, warum schaut sie so erschrocken?

„Äh, jaaa?“ fragt Ludwig die Kleine betont freundlich. Das lässt sie rot werden - diese Zierde der deutschen Mädchenschaft – und die Farbe auf ihren Wangen passt hervorragend zu den langen geflochtenen Zöpfen und der weißen Bluse.

„Ich...ähh..wir sammeln für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes, würden Sie vielleicht...“ weiter kommt das Mädchen nicht, denn Ludwig hat bereits mit einem knappen „Ah, ja“ in seine Tasche gegriffen und ein paar lose Münzen herausgekramt. Die steckt er in die Sammelbüchse, wo sie mit klimpernden Gedröhne auf den Boden fallen.

Herzlich lächelnd bedankt sich die Kleine und die dunklen Augen funkeln vor Freude: „Haben sie vielen Dank, Herr Offizier, Sie sind der erste, der etwas spendet.“

In sich hinhein schmunzelnd über soviel Begeisterung winkt der Soldat großzügig mit „Keine Ursache“  ab und hofft wieder allein gelassen zu werden, schon hat er sich erneut in seine sitzende Habacht-Stellung begeben...... aber irgendwie....will sie nicht weggehen. Bleibt nicht nur neben ihm stehen, sondern kommt auch noch ein paar Schritte nähe – falls das überhaupt möglich ist. Sie beißt sich auf die Lippen und starrt sein Gesicht überlegend an – wäre sie kein Kind und er eine Spur zu empfindlich könnte das als Belästigung gelten.

„Kann ich dir sonst noch helfen?“

Sie schreckt auf....schaut ihm in die Augen, errötet wieder: „Ohh...jeder der etwas gespendet hat, bekommt eine Blume“. Der Korb, der neben ihr steht, ist gefüllt mit kleinen selbstgemachten Bouquets – sie sucht ihm eine gelbe Gerbera aus, die mit ein paar Farngräsern zusammengebunden wurde.  

„Hier, die können sie Ihrer Frau schenken...“

„Ja. Genau.“ trocken klingt die Erwiderung des erwachsenen Mannes auf soviel kindliche Naivität. In seinen großen Händen wirkt die Blume etwas verloren. Wieder erscheint Gilbert in seinen Gedanken.

„Darf ich sie nochwas fragen?“ das Mädchen wartet nicht auf Zustimmung, sondern platzt mit der Frage heraus, die ihr die ganze Zeit auf der Zunge brannte: „Sind Sie der Mann auf den Werbeplakaten für die SS, Sie wissen schon, der blonde......?“

Verblüfft starrt nun Ludwig das Mädchen an.

„Äh, nein, schau mal, ich bin von der Armee“ Ludwig tippt sich auf seine Uniform, dann fällt ihm ein, dass die Angehörigen der Waffen-SS diesselben grünen Uniformen tragen und das ganze wohl nicht besonders überzeugend ist. Daraufhin weist er auf seinen Kragenspiegel: „...siehst du, keine SS-Runen“.

„Oh“ sagt die Kleine verstehend, eine Spur enttäuscht. Schnell nimmt sie den Korb, macht so etwas wie einen Knicks und dreht sich ohne ein weiteres Wort zu sagen um. In einiger Entfernung wendet sie den Blick noch einmal zu der Bank zurück und schaut prüfend auf Ludwigs Gesicht, dessen markante Linien von einiger Entfernung noch viel mehr an die Steinfresken klassisch römischer Statuen erinnern.

Mit einer Schere hatte das 12-jährige Ich des auf der Bank sitzenden die Blume abgeschnitten – ein Geburtstagsgeschenk seines Bruders – weil das erste Blütenblatt aus der Krone gefallen war. Er hatte die Schönheit der Pflanze retten und ihr Absterben verhindern wollen, war aber von Gilbert darauf aufmerksam gemacht worden, dass seine unbedachte Art der Rettung nur eine andere Variante des Tötens war.

Es war dieselbe Schere gewesen, die Gilbert ihm in die Hände gelegt hatte, nach jener Nacht. bevor er wortlos verschwunden war.
Das Blut auf den Laken und die symbolische Kälte der Schere waren Dinge, die Ludwig seit damals sehr oft in seinen Träumen gesehen und gespürt hatte.


Kopfschüttelnd wendet sich das Mädchen endlich ab.

Der ungewollt verletzliche Ausdruck absoluter Wehmut, der jetzt auf dem Gesicht des Mannes liegt, passt nicht in das Bild - in ihr Bild - des starken tapferen Helden.

Es liegt in Gilberts Ankunft zu entscheiden, ob sich dort bald so etwas wie Freude abzeichnen darf. Oder echtes Glück.

Ein Pfiff und Zischen, von weiter entfernt kündigt sich der Zug an, auf den Ludwig die ganze Zeit gewartet hat.  
Lautes Rattern ertönt von der riesigen Führerlok, welche die restlichen Personenwagen schwerfällig hinter sich herzieht und immer langsamer werdend fährt das Ungetüm in den Bahnhof ein.
Unsicher erhebt sich der große blonde Mann von der Bank. Die gelbe Blume der Spendensammlerin, gerade völlig aus seiner Erinnerung verschwunden, ragt aus dem zusammengeklappten Buch hervor.

Gilbert.
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