Avery

KurzgeschichteDrama, Familie / P12
13.02.2012
13.02.2012
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Avery



„Francis, beeil‘ dich bitte ein wenig. Wir wollen schließlich heute noch nach Hause kommen. Und wenn es geht bevor wir selbst und die Sachen völlig durchweicht sind.“ Mrs. Avery  drehte sich ungeduldig zu ihrem Sohn um, der schon seit einiger Zeit erheblich zurückgefallen war.

„Ja“, kam die gekeuchte Antwort. Francis biss sich auf die Unterlippe und versuchte so schnell ihn seine Beine trugen, zu seiner Mutter aufzuschließen. Er hatte sich wieder einmal an den bunten Auslagen der Geschäfte in der Winkelgasse fesseln lassen und nicht auf seine Mutter geachtet. Diese erwartete ihn mit strengem Gesicht, doch ihre Augen funkelten amüsiert. Sie reichte ihrem Sohn ihre Hand, welche dieser auch brav ergriff. An der Seite seiner Mutter trabte Francis von einem Geschäft ins nächste. Seine kleine Schwester hatte morgen Geburtstag und er sollte für sie ein Geschenk aussuchen. Zuvor jedoch mussten sie einige Sachen für seinen Vater besorgen.

Am Eingang der Nokturngasse umschloss Mrs Avery die Hand ihres Sohnes fester. Zwar wusste Francis, dass er in dieser Gegend auf jeden Fall in ihrer Nähe bleiben sollte, doch so fühlte seine Mutter sich sicherer. Der kleine Junge erwiderte den Griff. Seine Mutter lächelte zu ihm herab, doch Francis hielt den Blick angestrengt nach vorn gerichtet.
Er versuchte sich ein bisschen größer zu machen, als er es in Wirklichkeit war.

„Ich kann euch heute leider bei euren Erledigungen nicht begleiten,“ hatte sein Vater an diesem Morgen zu ihm gesagt und ihn über den Rand des Tagespropheten ernst angesehen.

„Wenn ihr in die Nokturngasse kommt, musst du gut auf deine Mutter aufpassen, hörst du?“, hatte Mr Avery seinem Sohn aufgetragen und Francis hatte es ihm natürlich versprochen. Ein bisschen hatte er grinsen müssen, denn sein Vater hatte nur von „Erledigungen“ gesprochen. Seine kleine Schwester, die sonst immer alles zuerst erfahren wollte, hatte genau neben ihm gesessen und nicht gewusst worum es ging. Francis hatte die ganze Woche schon gehörig aufpassen müssen, dass er sich nicht verplapperte. Schließlich würden er und seine  Mutter an diesem Tag nach London fahren und das Geschenk für seine Schwester besorgen, ohne das diese davon etwas mitbekam. Mrs Avery hatte das verräterische Zucken um die Mundwinkel ihres Sohnes richtig gedeutet und ihn vom Frühstückstisch weggescheucht, bevor er wirklich noch etwas verriet.

Nun also waren Francis Avery und seine Mutter in London unterwegs, um das Geschenk zu besorgen. Doch zuerst waren die „Kleinigkeiten,“ an der Reihe. Der Junge setzte die ernsteste Mine auf, zu welcher er fähig war und blickte jeden, der ihren Weg kreuzte so finster wie möglich an. Schließlich wollte er seinen Vater nicht enttäuschen. Insgeheim wünschte er sich jedoch, dass es sich bei den „Kleinigkeiten“ wirklich auch nur um eben solche handelte. Erstens wollte er endlich ein Geschenk aussuchen, deshalb waren sie ja hier.

Zweitens regnete es seit Tagen und das nasskalte Wetter machte allen ganz schön zu schaffen. Trotz des Regenschutzzaubers, den seine Mutter über sich selbst und ihn in einem großzügigen Radius gesprochen hatte, fror Francis ziemlich und sein Umhang fühlte sich unangenehm klamm und feucht an. Nichtsdestotrotz folgte er seiner Mutter auf dem Fuße. Diese ging jedoch für seinen Geschmack in viel zu viele Geschäfte. Wie so oft musste er im Eingangsbereich warten, während sie sich leise mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin unterhielt. Seltsamerweise kaufte sie fast nichts. Und alles, was sie mitnahm, war in dickes, schwarzes Pergament gewickelt, so dass Francis nicht erkennen konnte, um was es sich handelte, so sehr er sich auch anstrengte. Wahrscheinlich war er irgend so ein „schwarzmagischer Kram,“ mit dem sein Vater so gerne experimentierte. Seltsam war nur, dass seine Mutter die Sachen besorgen ging, schließlich hatten seine Eltern sich eben wegen der erwähnten Utensilien in letzter Zeit ziemlich heftig gestritten. Francis wusste, dass seine Mutter es gar nicht gerne hatte, wenn sein Vater sich zu oft und zu lange in den Keller verzog, um seine geheimnisvollen Experimente und Zauber durchzuführen.

Der junge Avery hatte bis jetzt nur ein einziges Mal versucht, sich in den immer verschlossenen Raum zu schleichen. Sein Vater war über das Wochenende weg gewesen. Ein perfekter Zeitpunkt.

Die eine Hälfte des Hauses war durch die Explosion um einen halben Meter abgesackt und er hatte drei Wochen im Sankt Mungos Hospital bleiben müssen, um wieder zusammengeflickt werden zu können. Man hatte nicht genau sagen können, wen Mrs Avery lauter angeschrienen hatte: ihn selbst, weil er trotz des Verbotes versucht hatte die Tür zu dem Labor seines Vaters zu öffnen, oder seinen Vater, weil er die Tür mit so einem gefährlichen Fluch geschützt hatte. Oder den Arzt im Hospital, der nicht genau sagen konnte, ob ihr kleiner Junge bleibende Schäden behalten würde.

Einzig der kleiner Finger seiner rechten Hand war ein wenig krumm zusammengewachsen, doch dass störte Francis nicht sonderlich. Er glaubte sogar, dass seine Mutter es gar nicht wusste. Am Ende würde sie sich nur wieder aufregen, wenn sie es erfuhr und erneut einen Streit mit seinem Vater beginnen. Immerhin hatten sie nun - das Haus musste nämlich ein Stückchen versetzt werden - einen hübschen Teich im Vorgarten, in dem angeblich sogar ein echter Grindeloh hauste. Francis glaubte jedoch so langsam, dass sein Vater da ein bisschen geflunkert hatte, denn er selbst hatte den Grindeloh noch nicht entdecken können. Er wusste zwar nicht so recht, was so ein „Grindeloh“ sein sollte, oder wie so etwas aussah, aber die gräulichbunten Schemen, die manchmal im Wasser aufblitzten, waren eindeutig stinknormale Chamäleon - Karpfen.

Völlig in Gedanken versunken, hatte er schon wieder nicht darauf geachtet, wo sie eigentlich hinliefen. Irgendwann hatte er wohl auch die Hand seiner Mutter losgelassen. Als er aufblickte, war seine Mutter jedenfalls nicht mehr da. Der Junge spürte, wie sein Herz zu rasen begann. Trotzdem versuchte er ruhig zu bleiben. Und vor allem wollte er

nicht! anfangen! zu heulen!

Tapfer machte er ein paar Schritte in eine Richtung. Immerhin sollte keiner mitbekommen, dass er sich verlaufen hatte, also musst er einfach so tun, als wisse er genau wo hin er wollte und wohin er gehörte. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er wusste beim besten Willen nicht mehr, in welchem Geschäft sie gerade gewesen waren, oder wo sie noch hingehen wollten. Schon spürte er die Blicke einiger der finsteren Gestalten auf sich ruhen, welche sich in den dunkelsten Ecken der gewundenen Gasse verborgen hielten. Mit hoch erhobenem Haupt lief er weiter. Dabei merkte er selbst nur zu deutlich, wie er immer schneller und schneller wurde. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und stürzte in das nächstbeste Geschäft. Die Ladenglocke klingelte laut und unangenehm schrill.

„Und beehren sie uns bald wieder, Mrs Jugson!“

Francis quetschte sich an einer großen, sehr voluminösen Dame vorbei, die gerade im Begriff war das Geschäft zu verlassen. Eingehüllt in ihr süßliches Parfum, dass sie wie eine Dunstglocke umgab und ihm die Tränen in die Augen trieb, übersah er allerdings in seiner Hast den schmächtigen Jungen, der ihr folgte. Er geriet in Stolpern und wenn der andere ihn nicht im letzten Moment gepackt hätte, währen sie vermutlich beide ziemlich unsanft gestürzt. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in ein paar Braune, die ihn ebenso erstaunt musterten.

„Eddiiiie, beeil dich“, keifte die Frau und zog den Namen ihres Sprösslings in die Länge.  „Du erkältest dich sonst in diesem Regen.“

„Ja, Mutter.“ Abrupt ließ der Junge ihn los und eilte zu seiner Mutter, die ihn von oben bis unten musterte als fürchte sie einer der Regentropfen würden ihren Filius im nächsten Moment an Ort und Stelle erschlagen.

„Bleib in meiner Nähe, habe ich gesagt. Und trödele nicht.“ Sie rollte das R.

„Ja Mutter. Ich bin gestolpert und der Junge da ... .“

„Welcher Junge?“, fuhr sie ihn an. Francis zog sich sicherheitshalber ein Stück weiter in den Laden zurück.

„Hast du den angefasst? Hat er dir was getan? Wer weiß, wo der sich schon herumgetrieben hat. Bei Fremden kann man nicht vorsichtig genug sein. Vor allem bei Kindern. Du weißt doch, dass deine Gesundheit .... .“

„Mit meiner Gesundheit ist alles in Ordnung“, entgegnete der kleine Junge heftig, mit einer kaum wahrnehmbaren Spur von tiefsitzender Panik in der Stimme und versuchte die monströse Hand seiner Mutter abzuwehren, die diesem ihm nun unbarmherzig auf die Stirn drückte.

Francis beobachtete dieses Schauspiel mit einer Mischung aus Faszination und Mitleid für den Jungen, bevor ihn eine dunkle, kratzige Stimme aus seiner Erstarrung riss: „Und was kann ich für den stürmischen jungen Mann tun?“

Der stürmische junge Mann drehte sich schuldbewusste um.

Der kleine Mann hinter der Theke sah ihn durch seine langen ungewaschenen grauen Haarsträhnen, die ihm wirr ins Gesicht hingen, scharf an. Seine Mundwinkel umspielte jedoch ein amüsiertes Lächeln. Francis streckte sich ein wenig. Er hasste nichts mehr, wie wenn er zu deutlich zu spüren bekam, dass er noch ein Kind war.

„Ich sehe mich nur um,“ sagte er mit fester Stimme.

Der Mann nickte und wurde augenblicklich ernst. Die angedeutete Verbeugung ließ ihn noch kleiner und buckliger erscheinen. „Selbstverständlich Mr ...?“

„Avery,“ antwortete Francis stolz. Er wusste, dass der Name in diesen Teilen Londons bekannt war.

„Selbstverständlich Mr Avery. Möchten sie sich nach etwas bestimmtem umsehen? Vielleicht kann ich ihnen dabei ja in irgendeiner Weise behilflich sein?“ Die Stimme des alten Verkäufers war rau und und erweckte in Francis das dringende Bedürfnis sich zu räuspern.

„Nein, danke.“ Francis betrachtete den Alten aus dem Augenwinkel, während er so tat, als sehe er sich die Auslagen in den schmutzigen Vitrinen an. Er hatte seinen Vater schon des Öfteren in die Nokturngasse begleitet, doch den Mann hatte er bis dato noch nie dort gesehen. Es konnte sich nur um Caractacus Burke handeln, der ältere Gründer von Borgin&Burkes. Burke hatte sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt, doch es war allgemein bekannt, dass er mit Argusaugen über die Geschäfte und das Treiben seines Partners wachte. Die Zeiten waren nicht sehr rosig für schwarze Magier und auch die Händler standen unter der Bewachung der Auroren und des Ministeriums.  

„Ein schönes Amulett, nicht wahr?“ Der Verkäufer war unbemerkt um den wurmzerfressenen Verkaufstresen herum gehumpelt und stand nun direkt hinter dem Jungen.

Francis zuckte gehörig zusammen. „J .. ja,“ quietschte er erstickt.

Der Mann ignorierte diesen nun ganz und gar nicht mehr erwachsen klingenden Tonfall höflicherweise, ohne auch nur eine Mine zu verziehen.

„Es hat einmal einem ägyptischen Hohepriester gehört,“ erklärte er weiter.

„Liegt ein Fluch darauf?“, fragte Francis. Fast alles bei „Borgin und Burkes“ war in irgendeiner Weise verflucht. Oder hatte mit schwarzer Magie zu tun.

„Selbstverständlich.“

Als nichts folgte, sah der Junge fragend zu dem Mann auf. Dieser deutete mit seinen stark zitternden, von schwerer Gicht gekrümmten Klauenfingern auf das seidene Kissen, auf welches das antike Schmuckstück gebettet war.

„Dieses Kissen bannt den Fluch. Angeblich. Bis jetzt hat noch niemand es gewagt das Amulett von diesem Kissen zu trennen. Deshalb weiß auch niemand genau, um was für einen Fluch es sich handelt.“

Francis betrachtete nachdenklich das Amulett. Unter der dicken Staubschicht konnte man erahnen, dass es wohl aus purem Gold sein musste. Es hatte die Form einer sehr schief geratenen Raute und auf die Oberfläche waren scheinbar wahllos Schnörkel, Schleifen und andere Ornamente graviert. Nach einigem Nachdenken stempelte er es als ausgesprochen hässlich ab.

„Wozu ist ein Fluch gut, wenn er nicht genutzt wird?“, fragte er laut, sagte es aber mehr zu sich selbst, als zu jemand bestimmten.

Der Mann warf ihm einen prüfenden Blick zu. Francis bemerkte es und lächelte verlegen.

„Das sagt mein Vater immer,“ erklärte er schüchtern.

„Dann muss dein Vater ein kluger Mann sein.“

„Oh ja, sehr klug sogar,“ sagte Francis eifrig und nicht ohne Stolz.

In diesem Moment ging die Tür auf und der zweite Besitzer des Ladens trat ein. Vor sich in der Luft balancierte er einen wackeligen Stapel aus mehreren, ziemlich verstaubten
Pappkartons. Francis konnte deutlich Fäden von Spinnweben an den Ecken erkennen. Er zweifelte strak daran, dass die Ware gereinigt werden würde bevor sie in den Verkauf kam.

„Neue Schätze, Burke!“ Mit einem Schlenker seines Zauberstabes klatschte Borgin die Schachteln auf den Tresen.

Mr Burke, hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und sein ganzer Kopf verschwand in dem größten der Kartons, während er den Inhalt inspizierte. Borgin ging sogleich hinter seinen Tresen und warf einen prüfenden Blick in die Kasse. Francis hatte er noch nicht bemerkt und dieser verspürte auch keinen Drang sich bemerkbar zu machen

„Ein gutes Geschäft,“ rief der Inhaber seinem älteren Teilhaber zu. „Man sollte es nicht zu laut sagen, aber für uns sind die diese Hausdurchsuchungen mehr als nur gut für das Geschäft. Der alte Crabbe hat mir heute seine gesamte Sammlung schwarzmagischer Bücher verkauft. Hat mich kaum was gekostet. Zu viel Schiss, die feinen Herren. Hat mich gewundert, dass der Alte überhaupt Bücher besitzt.“ Borgin lachte laut, als hätte er gerade einen unglaublich guten Witz gemacht. Francis überlegte, ob er aus Höflichkeit in das Gelächter mit einsteigen sollte wie seine Mutter es manchmal tat, wenn sie Gäste hatten, die sie nicht leiden konnte. Er ließ es dann aber lieber bleiben.

„Ja“, knurrte der alte Burke, ohne aus seinem Karton aufzutauchen. „Nur nützt uns der ganze Plunder nicht viel, wenn wir ihn nicht weiter verkaufen können.“

Borgin ignorierte ihn. „Sind ein paar Schätzchen dabei, was meinst du?“, fragte er.

Der Alte sah endlich auf. In seinen Haaren hingen Wollmäuse und Spinnweben. Francis war sich sicher, etwas schwarzes, achtbeiniges in den fettigen Strähnen verschwinden zu sehen.  

„Wen haben sie noch durchsucht?“, fragte Burke seinen Partner, ohne auf dessen Frage einzugehen. Francis fand, dass er besorgt aussah.

„Ein paar. Goyle. Jugson. Die waren ja eben hier, wie ich gesehen habe?“ Der Alte nickte und Borgin fuhr fort: „Malfoy hat sie sich vom noch Hals halten können, er kommt bestimmt auch bald hier vorbei. Alle die nach Informationen des Ministeriums mit diesem Grindelwald und seinen Lehren sympathisiert haben. Schwarze Magier eben, wie immer.“ Borgin zuckte mit den Schultern.

Mr Burke schwieg, doch auf seiner Stirn bildete sich eine tiefe Falte. Der junge Avery starrte ihn fasziniert an. Man konnte dem Mann beinahe beim Denken zusehen. Er war so damit beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte, wie Borgin auf ihn zukam. Der hatte den Jungen gerade entdeckt und fürchtete um seine Kostbarkeiten.

„Kann ich etwas für dich tun?“, fragte er barsch und ziemlich unfreundlich. Francis blieben die Worte im Halse stecken und er schüttelte nur stumm den Kopf.

„Dann mach das du hier raus kommst,“ schnauzte Borgin ihn an und Francis beeilte sich, genau das zu tun. Er warf noch einen letzten Blick auf Burke, doch dieser war schon wieder in einer der Kisten verschwunden.

Wieder auf der Straße fiel dem Jungen siedend heiß ein, warum er überhaupt in das Geschäft gegangen war. Doch bevor er auch nur noch einen Schritt machen konnte, war er auch schon von seiner Mutter am Schlafittchen gepackt worden. Francis war so froh sie zu sehen, dass er sich gerne von ihr ausschimpfen ließ und auch nichts dagegen hatte, dass sie ihn mit ihrer Hand förmlich an sich kettete. Den blauen Fleck, den er durch ihre Umklammerung bekam, war noch Tage später sichtbar, als alles vorüber war.

~


In mein gar zu dunkles Leben

strahlte einst ein süßes Bild.

Nun da dieses Bild erblichen,

bin ich gänzlich nachtumhüllt.


~



Am Nachmittag war der Zorn seiner Mutter - zumindest auf ihn - verflogen. Wie Francis es geahnt hatte, kam es zu einer heftigen Diskussion seiner Eltern noch ehe er und seine Mutter richtig zu Hause angekommen waren. Sein Vater war ihnen vor dem Haus entgegen gekommen und Mrs Avery musste ihrem Mann sofort brühwarm erzählen, wie sein Sohn in der Nokturngasse verloren gegangen war. Francis machte, dass er aus der verbalen Schusslinie kam. Selbst hinter den dicken Mauern des Hauses konnte er die schrille, aufgebrachte Stimme seiner Mutter und den ruhigeren, jedoch nicht minder lauten Bass seines Vaters hören. Der Junge entledigte sich zuerst einmal seiner feuchten Kleidung. Den lange Umhang, von dem der Regen so schön abperlte, dass man jeden einzelnen Tropfen im Sonnenlicht darauf glitzern sehen konnte, breitete er ordentlich über einem Stuhl aus. Zwar hatten sie ein oder zwei Hauselfen, die sich um solche Dinge kümmerten, doch die Averys legten Wert darauf ihre Kinder zu selbstständiger Ordnung zu erziehen.  

In seinem Zimmer im zweiten Stock angekommen ließ er sich erst einmal auf sein Bett fallen. Unten konnte er seine Eltern immer noch streiten hören. Fast hätte seine Mutter ihm verboten, das Geschenk für seine Schwester auszuwählen. Sie war so wütend gewesen, dass sie tatsächlich ohne irgend etwas nach Hause zurückkehren wollte. Doch Francis hatte nichts weiter tun müssen, als stumm auf die große Puppe im Schaufenster zu zeigen. Mrs Avery war vom ersten Moment an hin und weg gewesen. Den ganzen Rückweg über schwärmte sie von ihrer Puppe, die sie als kleines Mädchen von ihrer Lieblingstante geschenkt bekommen hatte. Sie war besessen von der Idee sie auf dem Dachboden zu suchen und sie dann neben der eben Erstandenen ihrer Tochter zu platzieren. Das hatte sie von ihrem Ärger abgelenkt, bis ihnen Mr Avery, ausgerechnet zu dem Zeitpunkt als sie die magische Kutsche verließen, über den Weg lief.

Francis ließ sich rücklings auf sein Bett fallen. In seine weichen, dicken Kissen gekuschelt fühlte er sich angenehm schläfrig. Das ständige hin und her, von einem Geschäft ins andere, hatte ihn müde gemacht. Doch allzu viel Ruhe bekam er nicht. Seine Tür flog auf und krachte mit einem lauten Knall gegen die Wand. Im nächsten Moment landete etwas Schweres, Spitzes auf ihm und bohrte sich unangenehm in seinen Bauch.

„Hab morgen Geburtstag, hab morgen Geburtstag, habmorgenGeburtstagburtstagburtstag!“

Seine kleine Schwester quietschte vergnügt und hopste in einem fort auf und ab. Francis robbte mit einem Stöhnen zur Seite. Das ganze Bett wackelte bedrohlich.

„Du machst die Federn kaputt“, murrte er, immer noch ganz bedröppelt und rieb sich die Seite, in die sich ihr Ellenbogen gebohrt hatte. Das hatte seine Mutter ihm immer erklärt, wenn er in vollem Anlauf zwischen sie und seinem Vater aufs Bett gesprungen war. Damals war er natürlich noch kleiner gewesen.  Alisha setzte  derweil ihren Singsang unbekümmert fort. Nach einer Weile kam sie jedoch immer mehr aus der Puste und hörte schließlich mit dem Gesinge und Gehopse auf.

„Ich habe morgen Geburtstag“, sagte mit einer gewichtigen Ernsthaftigkeit, wie sie nur kleine Mädchen an den Tag legen können.

Francis seufzte: „Das weiß ich.“ Diese Unterhaltung führten sie nun seit beinahe zwei Wochen jeden Tag.

„Ich bekomme Geschenke.“ Sie starrte ihn mit ihren großen, dunkelblauen Augen an.

„Man bekommt Geschenke an seinem Geburtstag“, erwiderte Francis nach kurzem Zögern. Langsam wurde es gefährlich.

„Ihr wart heute in London.“ Alisha grinste triumphierend. „Ihr habt mein Geschenk gekauft!“ Er konnte sehen, dass sie die ganze Zeit nur darauf gewartet hatte, ihn mit dieser Frucht ihrer Überlegungen zu überrumpeln. Nun hieß es Ruhe bewahren. Er musste nur noch bis zum morgigen Tag durchhalten. Francis biss sich ganz kurz auf die Unterlippe, um ja nichts auszuplaudern, doch Alisha bemerkte es und quietschte vor Freude.

„Ihr habt mein Geschenk gekauft! Geschenk, Geschenk, Geschenk!,“ jubelte sie und machte erneut Luftsprünge. Das Bett ächzte und Francis wurde ordentlich durchgeschüttelt.

„Stimmt gar nicht, die Läden waren nämlich zu!“, brüllte er ärgerlich und versuchte sie zu fangen. Eine klägliche Ausrede. Alisha lachte nur und begann ihn mit Kissen zu bewerfen.

„Ihr habt mir ein Geschenk gekauft, ein Geschenk gekauft, ein Geschenk!“, stimmte sie wieder an; ihr Lachen hallte durch das ganze Zimmer.

„Was ist denn hier los?“ Mrs Avery stand plötzlich in der Türe. Sie trug noch immer ihren langen Regenmantel. In der Hand hielt sie die große Pappschachtel, in der die Puppe von der netten Hexe mit der verschmierten Brille im Laden verpackt worden war.

„Sie haut mich und sie macht das Bett kaputt“, klagte Francis, wurde jedoch von dem: „Ich kriege Geschenke!", seiner Schwester gnadenlos abgewürgt.

Geistesgegenwärtig versteckte seine Mutter die Schachtel hinter ihrem Rücken. Diese hatte Alisha zum Glück gar nicht bemerkt.

„Alisha, hör bitte damit auf“, Mrs Averys Tonfall war freundlich, Francis spürte jedoch, dass sie keinen Widerspruch dulden würde. Wie immer, wenn sie sich gerade mit ihrem Mann gestritten hatte.  „Francis, du kommst bitte mit mir. Wir haben noch etwas zu erledigen“, fügte sie hinzu.

„Waswaswas?,“ als hätte ihre Mutter ihr ein nur für sie erkennbares Kommando gegeben, hing Alisha an ihrer Seite. Doch Francis Mutter kannte den Bettelblick ihrer Tochter und wusste, wie man ihm standhalten konnte. Mr Avery hatte da schon mehr Probleme. Selbst Francis konnte sich dem Charme seiner kleinen Schwester nicht immer ganz entziehen. Er war unsagbar froh, dass seine Mutter in sein Zimmer gekommen war.

„Nichts, was kleine naseweise Mädchen wie du vor morgen wissen müssten“, sagte sie und strich ihrer Tochter liebevoll über den Kopf. Sie tippte ihr dann mit dem Zeigefinger kurz auf die Nasenspitze. Alisha strahlte.

„Was hast du da?", fragte sie ihre Mutter und deutete auf deren andere Hand, die sie hinter ihrem Rücken versteckt hielt.

Mrs Avery seufzte. "Ich halte sie fest und du rennst los", sagte sie im Plauderton zu Francis, der nun ebenfalls grinsen vom Bett aufsprang.  Er quetschte sich an seiner Schwester vorbei schnappte sich das Päckchen und sprintete in Richtung des elterlichen Schlafzimmers. Hinter ihm quietschte Alisha auf, während sie von ihrer Mutter ordentlich durchgekitzelt wurde.

~


Wenn die Kinder sind im Dunkeln

wird beklommen ihr Gemüt.

Und, um ihre Angst zu bannen

singen sie ein lautes Lied.



~



Alles plärren und betteln hatte Alisha nicht geholfen. Die Puppe war verpackt worden und dann hatte sie Mrs Avery versteckt. Auch Francis und sein Vater durften nicht wissen wo genau sie sich nun befand. Die Überraschung sollte nicht dadurch verdorben werden, dass einer der beiden es in letzter Minute doch noch ausplauderte. Oder einer gar nachgeben würde und den Geburtstag vorverlegte. Ihr Blick ruhte dabei jedoch vor allem auf ihrem Mann, nicht auf ihrem Sohn.

Alisha hatte sich, nachdem sie mehrmals von der Schlafzimmertür verjagt worden war, heiser gebrüllt und am Ende die Tür ihres Zimmer so heftig zugeschlagen, dass eines der bunten Glasfenster aus der Fassung gesprungen war. Daraufhin hatte sie für den Rest des Nachmittags von ihrer Mutter Zimmerarrest bekommen. Nachdem ihr falsches Schluchzen und Heulen eine geschlagene Stunde durch das ganze Haus zu hören gewesen war, hatte Mr Avery sich erweichen lassen und seine Tochter hinunter in den Garten geschickt. Kurze Zeit später war Mrs Avery wütend die Treppe hinauf gestürmt und eine weitere lautstarke Auseinandersetzung zum Thema Kindererziehung war die Folge gewesen. Francis hatte sich aus der ganzen Sache wohlweißlich herausgehalten und sein Zimmer den ganzen Nachmittag lang nicht verlassen. Er hatte sich lediglich von seinem Fenster aus ein Duell im Zungenheraussstrecken mit seiner kleinen Schwester geliefert. Bei diesem Spiel ging es darum, wie der Name schon sagt, wer seine Zunge am längsten und weitesten herausstrecken kann. Sieger war, wer dazu noch die beste Grimasse schnitt.

Die Atmosphäre während des gemeinsamen Abendessens war angespannt. Die Erwachsenen aßen schweigen. Francis hatte in dieser angespannten Stille keinen rechten Appetit und schob das Essen auf seinem Teller hin und her. Alisha war in den kurzerhand in den Hungerstreik getreten. Mit vor er Brust gekreuzten Armen hing sie auf ihrem Stuhl und zog eine Schnute.

"Dann bleib ich eben auf."

Mrs Avery hob den Kopf. "Wie bitte?," fragte sie ihre Tochter.

Alisha schürzte ihre Lippen: "Ich bleib' so lang' auf, bis ich Geburtstag hab'. Wie Daddy."

"Erst einmal setzt du dich ordentlich hin, junge Dame."

Alisha streckte ihrer Mutter die Zunge heraus. Nicht so weit, wie sie es gekonnt hätte, doch es war deutlich genug zu sehen.  Mrs Avery lies ihre Gabel mit einem lauten Klappern auf den Tellerrand fallen.

"Alisha! Treib es nicht auf die Spitze, junges Fräulein."

"Daddy durfte an seinem Geburtstag auch wach bleiben. Und er hat seine Geschenke schon vorher aufgemacht. Das habe ich gesehen."

Dieses Mal meldete sich Mr Avery zu Wort: "Alisha, deine Mutter hat recht. Es reicht."

"Aber du …"

Er sah seine Tochter scharf an. "Alisha, es reicht. Entweder du isst ordentlich auf, wie wir es dir beigebracht haben, oder du gehst heute ohne Abendessen ins Bett. So oder so, Madame, in einer Stunde ist für dich Schlafenszeit. Das gilt auch für angehende Geburtstagskinder. Ende der Diskussion", fügte er noch hinzu, als Alisha sich anschickte erneut in Tränen auszubrechen. Dieses Mal waren sie sogar echt.

Nun herrschte seit zwei Minuten eisiges Schweigen zwischen allen Beteiligten. Da keiner mehr Appetit zu haben schien, löste Mr Avery die Tafel recht schnell auf und befahl den Hauselfen abzutragen. Selbst das Dessert blieb unbeachtet. Ohne weitere Widerworte verschwand Francis Schwester im oberen Badezimmer, gefolgt von ihrer Mutter. Er selbst blieb unschlüssig sitzen. Normalerweise war es so, dass er und sein Vater zusammen im Wohnzimmer noch ein oder zwei Kapitel in einem Buch lasen, nachdem seine Schwester ins Bett gebracht worden war.

"Geh schon mal hinüber und such dir ein neues Buch aus", unterbrach sein Vater die Stille. "Ich komme gleich nach."

Erleichtert stand Francis auf und beeilte sich das Esszimmer zu verlassen. Während er noch vor den deckenhohen Regalen stand, hörte er, wie es an der Tür klopfte. Ein leises ploppen verriet ihm, dass einer der Hauselfen den Besuch bereits in Empfang nahm. Neugierig spitzte er die Ohren, um vielleicht zu hören wer es war, doch erst sein Vater begrüßte den Gast laut genug.

"Abraxas, was für eine Überraschung."

"Ich störe hoffentlich nicht? Man sagte mir, Sie wollten mich sprechen und da ich gerade hier in der Nähe war, dachte ich, ich sehe bei ihnen kurz vorbei."

"Sie stören keineswegs. Tatsächlich versuche ich schon seit einer Weile...", Mr Avery machte eine kurze Pause, "aber kommen Sie erst einmal herein. Bitte sehr."

Francis drehte sich gerade noch rechtzeitig wieder zu den Büchern um. Schließlich sollte niemand merken, dass er gelauscht hatte.

"Ah, Francis", sein Vater hatte offenbar vergessen, dass er ihn ins Wohnzimmer geschickt hatte. Doch er fing sich rasch wieder und deutete mit einem Nicken auf seinen Sprössling: "Nun. Malfoy, mein Sohn Francis. Francis, das ist Abraxas Malfoy", wandte er sich wieder an seinen Sohn.

"Guten Abend, Mr Malfoy", antwortete Francis brav und fragte sich, ob es nun von ihm erwartet wurde, dass er sich höflich entschuldigte und den Raum verließ. Doch offenbar schien zumindest sein Vater nichts gegen seine Anwesenheit zu haben.

"Francis und ich haben es uns zur Angewohnheit gemacht am Abend gemeinsam ein wenig Zeit der  Literatur zu widmen", fuhr Mr Avery fort. "Kann ich ihnen etwas anbieten?"

Mr Malfoy winkte ab: "Danke."

Francis Vater gebot seinem Gast sich zu setzen. Er selbst ließ sich auf der Couch
nieder: "Ihr Sohn Lucius geht bereits nach Hogwarts, wie ich gehört habe?"

"Ganz recht."

"Wie macht er sich?"

"Zufrieden stellend."

"Slytherin, nehme ich an?"

"Selbstverständlich."

Francis stand noch immer vor dem Regal und rührte sich nicht. So belanglos das Gespräch war, so groß war die Spannung, die zwischen den beiden Männern herrschte. Sein Blick glitt ständig von seinem Vater zu Mr Malfoy. Letzterer saß ungewöhnlich steif auf dem Sessel. Er hatte den Eindruck, dass Mr Malfoy genau wusste, warum sein Gastgeber ihn hatte sprechen wollen. Und dass es ihm ganz und gar nicht gefiel, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde. Auch Francis Vater wusste, dass es  besser wäre die Sache gleich auf den Punkt zu bringen.

"Ich nehme an Sie haben von den Durchsuchungen gehört, die das Ministerium in der letzten Zeit verstärk vornimmt?"

"Ist mir zu Ohren gekommen", erwiderte Mr Malfoy gepresst.

"So, ist es das. Dann stimmt es also nicht, dass Sie ebenfalls in das Vergnügen dieser Besuche gekommen sind?"

"Worauf wollen Sie hinaus?"

"Nun, wie mir zu Ohren gekommen ist haben Sie ihren Kopf einmal mehr aus der Schlinge ziehen können. Andere hatten jedoch nicht so viel Glück. Jugsons Witwe zum Beispiel. Oder Goyle. Oder Mulciber. Eine einzige, angeblich gefährliche Substanz in seinen privaten Vorräten… Askaban. Seine Verhandlung dauerte 3 Minuten, Abraxas. Drei Minuten." Francis Vater beugte sich vor und sah seinem Gegenüber fest in die Augen: "Marmaduke Mulciber, ein reinblütiger, ehrenwerter Zauberer. Genau wie wir. Askaban, Abraxas. Askaban. Ist es so weit mit uns gekommen, dass wir uns das gefallen lassen müssen?"

"Ich bin sicher, dass sich die Sache aufklären wird."

Francis Vater brach so urplötzlich in schallendes Gelächter aus, dass Francis heftig zusammen zucken ließ und dessen Kälte und Freudlosigkeit ihm kalte Schauer über den Rücken jagte. Für den Bruchteil einer Sekunden hatte Francis Angst. Angst vor seinem eigenen Vater. Tief, ganz tief in ihm, begann sich etwas zu regen. Der Vorhang seiner Kindheit, der seine Seele in Unschuld hüllte, aufgehängt an Ringen aus Urvertrauen und Geborgenheit, hatte sein erstes Loch bekommen. Der Moment verstrich, von den Erwachsenen unbemerkt.

Das Kind vergaß es und sein Vater fuhr fort: "Aufklären? Es wird sich aufklären? Du meinst in Form eines hübsches Sümmchens an das St. Mungos Hospital oder für andere wohltätige Zwecke? Ja, dass ist ihre Art die Dinge zu regeln, Malfoy. Freiheit und Ansehen durch Geld. Läuft es so? Müssen wir dafür bezahlen, dass wie so leben können, wie wir es wollen?" Mr Averys Stimme war mit jedem Wort immer lauter geworden.

"Nichtmagische Geschöpfe haben eine eigene Abteilung im Ministerium, die für sie zuständig ist. Die Riesen wehren sich noch immer gegen ihre Verbannung. Die Aufstände der Kobolde gingen in die Geschichte ein. Sogar Mischwesen wie Werwölfe und Vampire erheben vereinzelt ihre Stimmen. Was, frage ich Sie, Abraxas, ist mit uns? Den schwarzen Zauberern? Was ist mit unseren Rechten?" Er stand auf und trat an eines der Fenster.  "Sie behandeln uns wie Monster, die es zu vernichten gilt. Sind wir das? Ich? Meine Frau? Mein Junge?" Die Blicke beider Männer ruhten für die Dauer weniger Herzschläge auf  Francis, der sich eng an das Regal drückte, weil er sich nicht des Gefühls erwehren konnte, beim Lauschen ertappt worden zu sein.

"Oder gar meine kleine Tochter? Unsere Familien leben seit Generationen in diesem Land. Wir haben diese Gesellschaft aufgebaut. Unsere Arbeit, unser Schweiß, unser Blut, unser Geld steckt in allem, was die englischen Zauberer und Hexen heute ausmacht. Ist das der Dank dafür? Gefängnis? Verleumdung? Respektlosigkeit und Rufmord?"

Mr Malfoy hatten den Kopf leicht gesenkt. Er drehte dabei seinen schwarzen Spazierstock, mit dem elegant geschwungenen Griff, zwischen dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Den Schlangenkopf würde erst sein Sohn, scheinbar endlos viele Jahre später, anfertigen lassen.  Als Abraxas Malfoy sprach, klang seine Stimme ruhig und beherrscht. Jedes Wort war wohl überlegt und sein Klang und seine Bedeutung ausgiebig gekostet worden , bevor es seine Lippen verlassen durfte:  "Unser Ansehen und unser Erfolg baut darauf auf, dass wir diesem Land eine Stütze sind, und nicht darauf, dass wir seine Fundamente durch sinnlose Revolutionen untergraben und schwächen. Unser Stolz ist es, der uns aufrecht erhält. Uns und unsere Nation. Stolz, nicht blindes Streben nach Macht oder verletztes Ehrgefühl. In Zeiten wie diesen ist die Beständigkeit unsere beste Verbündete. Wir schützen, achten und ehren das Blut unserer Ahnen und unsere Traditionen, wenn die anderen es nicht tun. Wir halten fest, wir mahnen und ermahnen. Das ist unsere Art des Kämpfens. Wenn die Zeit dafür gekommen ist", setzte er hinzu.

"Diese Zeit ist genau jetzt. In diesen Tagen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Grindelwald hat es  erkannt. Er hat es begonnen und wir werden es fortführen und vollenden."

"Wir oder ein bestimmtes Halbblut?" Mr Malfoy sprach das Wort mit so viel Verachtung aus, wie Francis es nie für möglich gehalten hätte.

"Er ist Slytherins Erbe."

"Sagt er."

Francis Vater ignorierte den Einwurf: "Das ist ein Zeichen, Abraxas, wann werden Sie das endlich erkennen?"

"Oh, ich erkenne die Zeichen.. Ich erkenne vor allem den Wahnsinn, wenn ich ihn sehe."

Mr Avery schnaubte. Er hatte sich wieder zu seinem Besucher herumgedreht. "Der Lord tut wenigstens etwas und schwingt nicht nur große Reden. Oder erkauft sich sein Ansehen und seine Ruhe mit seinem geerbten Vermögen und verschließt die Augen vor den Dingen, die Offensichtlich sind."

"Ebenso kann ich Tatkraft von Besessenheit unterscheiden", antwortete Mr Malfoy ungerührt. Dann erhob er sich: "Das Einzige, für das dieses Halbblut meine Anerkennung bekommt, ist die Tatsache, dass es ihm offenbar tatsächlich gelingt stolze, reinblütige Zauberer so weit zu erniedrigen, dass sie ihre Seele wie Hausierer feil bieten. Meine Antwort lautet: Nein. Und falls ihr so genannter Lord noch etwas von mir möchte, möge er bitte persönlich an meine Türe klopfen und sich nicht erdreisten mich noch einmal zu seinen Lakaien zu locken. Guten Abend."

Der Abschied erfolgte wortlos und sehr rasch. Francis rührte sich nicht vom Fleck. Erst als die Haustür mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen war, lugte er vorsichtig in den Eingangsbereich. Sein Vater starrte die geschlossene Tür an und kochte vor Wut.

"Hältst du es wirklich für klug einen Mann wie Abraxas Malfoy derartig zu behandeln?" Francis Mutter war unbemerkt die Treppe hinunter gekommen und stand nun mit vor der Brust verschränkten Armen auf der letzten Stufe.

"Ignoranten", knurrte Mr Avery und wandte sich seiner Frau zu. "Feige, rückgratlose Ignoranten. Das waren sie schon immer. Sie sind nichts mehr als ihr Blut und ihr Geld."

"Das sagtest du bereits, Liebling", erwiderte Francis Mutter kühl. Man konnte deutlich hören, dass sie des Themas sehr überdrüssig war. "In Anbetracht deiner Laune wäre es vielleicht besser, wenn die abendliche Lesestunde heute ausfällt. Junger Mann, ab ins Bett!" Francis gehorchte ohne Zögern. Im Vorbeigehen gab er seiner Mutter einen Kuss auf die Wange.

~


Ich, ein tolles Kind,

ich singe, jetzo in der Dunkelheit.

Und klingt mein Lied auch nicht ergötzlich

so hat‘s mich doch von Angst befreit.


~



Er stand noch im Bad, als sie schließlich kamen. Hatte seinen dunkelblauen Schlafanzug angezogen, seine Haare gekämmt und war nun dabei seine Zähne zu putzen. Als er jedoch das Klopfen hörte, legte er die Bürste beiseite, öffnete die Tür und lauschte neugierig nach unten.

"Ich öffne, Sassy", hörte er seinen Vater rufen. Mit einem ploppenden Geräusch verschwand der Hauself wieder. "Nun, Abraxas, haben Sie es sich doch …"

Stille. Francis streckte den Kopf immer weiter aus der Badezimmertüre, doch er verstand kein einziges Wort mehr, egal wie angestrengt er es auch versuchte. Etwas sagte ihm jedoch, dass Abraxas Malfoy nicht zurück gekommen war. Im unteren Stockwerk begann die große Standuhr zu schlagen. Genau elf mal. Seine Mutter kam aus dem Schlafzimmer und hastete am Bad vorbei in Richtung Treppe. Francis zog den Kopf zurück und wartete mit klopfendem Herzen, bis das Knarren der Stufen verklungen war.
Ganz leise und vorsichtig schlich er an den Rand der Treppe und steckte den Kopf durch das Geländer. Die Hautüre stand offen und er spürte den kalten Windzug. Der Anblick störte ihn und Francis runzelte die Stirn. Leise Stimmen drangen aus dem Wohnzimmer, es klang nach einem heftigen Streit.

Ein Mann in einem Umhang stand in der Tür. Auf seiner Brust glänzte ein goldenes Abzeichen. Sobald er ins Licht trat, konnte Francis sehen, dass  er angespannt wirkte und dass er seinen Zauberstab in der Hand hielt. Gerade so, als erwarte er einen Angriff. Auch er ging ins Wohnzimmer. Francis Magen zog sich zusammen. Er wollte am liebsten hinunter rennen, sich an seine Mutter klammern und war doch wie gelähmt. Die Neugierde siegte.
Er unterdrückte den Drang zu laufen und schlich ganz, ganz leise die Stufen hinab. Manövrierte sich zur Tür, wie er es sonst nur tat wenn er und Alisha Verstecken spielten, er sie gefunden hatte und sich nun anschlich, um sie zu erschrecken. Nur war dies kein Spiel.
An der Tür stoppte er und lugte vorsichtig um den Türrahmen.

Seine Eltern standen nebeneinander, sein Vater hoch aufgerichtet, seine Mutter mit verschränkten Armen hinter ihm. Ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Ärger und Sorge. In seines Vaters Zügen las Francis blanke Wut.

„Es ist mir egal ob der Zauberreiminster persönlich sie befugt hat. Hier ist mein Haus und damit endet ihre Befugnis. Wenn das Zauberergamot Erlasse veröffentlicht, dann sollten sie diese auch veröffentlichen und sich nicht auf angebliche Beschlüsse beruhen, die niemand zu sehen bekommt.“

„Mr. Avery, wir versuchen es hier im Guten ...“

„Dann versuchen sie es, so viel sie wollen. Dies ist mein Privatbesitz und ohne triftigen Grund werden sie hier nichts durchsuchen.“

„Heißt das, sie haben etwas, das wir finden könnten?“ Eine gebückte Gestalt trat vor. Der Mann versank beinahe in seinem Umhang. Francis hatte noch nie einen so alten Menschen gesehen.

„Snippet“, rief der Zauberer, der eben mit seinem Vater gesprochen hatte. Eine genervte Drohung, bei welcher seine Stimmefrequenz quäkend hochrutschte.

„Papperlapapp. Das ist mein Anliegen. Ihr von der magischen Strafverfolgung...“

„Strafverfolgung“, japste Mrs. Avery dazwischen. „Ich bitte sie ...“

„Ihr von der magischen Strafverfolgung seit gut auf dem Papier“, fuhr der alte Mann namens Snippet, ungerührt fort. „Weigerung ist ein Fall für das Aurorenbüro.“

Francis Vater warf den Kopf zurück. „Weigerung“, rief er aus, schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich fasse es nicht. Magische Strafverfolgung und nun Weigerung. Die Auroren haben sie auch schon mitgebracht ... warum senden sie uns nicht gleich nach Askaban.“

„Liebling“, versuchte Francis Mutter ihren Mann zu unterbrechen, doch sein Vater redete sich in Rage.

„Das ist eine Farce. Nichts als eine Farce. Sie kommen in mein Haus, mit haltlosen Anschuldigungen, auf einen Verdacht hin. Sie können nicht einmal wissen, dass sie etwas finden werden und schon stehen die Auroren parat. Wenn sie mich und meine Familie verhaften wollen, sparen sie sich dieses Theater. Es beleidigt meine Intelligenz. Aber glauben sie nicht, dass ich das so einfach hinnehmen werde!“

Und er zückte seinen Zauberstab.

Der alte Snippet sprang so schnell vor, wie es Francis ihm gar nicht zugetraut hätte. Neben ihm ging der andere Zauberer, den Francis vorhin ins Haus hatte kommen sehen, in Angriffsstellung über. Das Mitglied der magischen Strafverfolgung zog sich dagegen zurück.

„Meine Herren“, quengelte er. „Meine Herren, machen sie keine Dummheiten. Diese Sache lässt sich doch vernünftig klären.“

„Mit Vernunft ist ihnen nicht mehr beizukommen“, knurrte Francis Vater.

Snippet und sein Kollege, offensichtlich gleichermaßen ein Auror, näherten sich Francis Eltern von zwei Seiten. „Waffe fallen lassen“, schnarrte der jüngere von beiden.

„Wachsam“, zischte Snippet ihm zu, als wäre dies eine Trainingseinheit.

Francis sah, wie sein Vater spöttisch die Augenbrauen hochzog.

„Keine Bewegung“, herrschte Snippet ihn an“, und sein Vater ließ ganz langsam die Hand mit dem Zauberstab sinken. Hinter ihm atmete seine Mutter sichtbar auf.

Alles würde gut werden. Seine Mutter nickte dem Zauberer der Strafverfolgung zu, eine Besänftigung. Francis wusste, dass sie seinen Vater die Hölle heiß machen würde, weil er sich nicht zurück nehmen konnte. Sein Vater wirkte ziemlich entspannt, fast amüsiert. Sicher würden die Erwachsenen nun wieder anfangen zu reden und die ganze Situation irgendwie regeln.

Francis hatte kalte Füße.

Auch konnte er sehen, dass der Auror damit begann sich aufzurichten und die Spannung aus seinem Körper schwand, wenngleich er den Stab immer noch auf seine Eltern gerichtet hielt. Einzig und allein Snippet rührte sich nicht, umklammerte seinen Zauberstab, als wolle er jemanden darauf aufspießen.

Mehr als einen Luftzug spürte er nicht, als seine Schwester an ihm vorbei tapste, sich den Schlaf aus den Augen wischte. „Was ist los?“, hörte er sie fragen, als der Fluch sie traf.

Wieder reagierte der alte Auror schnell. Offenbar hatte er nur eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrgenommen. Das reichte, um dessen überspannte Nerven zu reizen. Er feuerte stumm einen Fluch in die Richtung der Bewegung und Alishas Kopf knallte gegen den Türrahmen.

Dies blieb für geraume Zeit das einzige Geräusch.

Niemand sagte etwas. Niemand schrie.

Mit großen Schritten war sein Vater bei seiner Schwester, hob ihren bewegungslosen Körper hoch. Noch mit seiner Tochter in den Armen drehte er sich herum, den Zauberstab in der Hand. Doch er zitterte, der stille Fluch prallte nutzlos gegen das Bücherregal und Papier zerriss, ein Fetzenregen prasselte auf die drei Zauberreiangestellten nieder.

Snippet konterte. Zweimal, dreimal.

Francis versuchte in späteren Jahren sich daran zu erinnern, doch er war sich ziemlich sicher. Der Auror traf Alisha. Seine Schwester, die sein Vater in den Armen hielt, um sie eigentlich zu schützen. Doch in der Verwirrung des Augenblicks war dies genau das falsche.  Letztendendes waren es sieben oder acht Stupor, fast alle mitten ins Herz, die seiner Schwester das Leben kosteten.
Im Gegensatz zu seinem Vater traf seine Mutter. Sie reagierte verzögert, aber präzise. Wie sie den Zauberstab über ihren Kopf hielt und ihre stillen Flüche abfeuerte schien es, als tanze sie Ballett.

In der ganzen Zeit herrschte eine gespenstische Stille.  Die Zauberer kämpften leise, ohne Worte. Am Ende Alisha lag auf dem Boden, sein Vater kniete über ihr, mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er traf das Mitglied des Zauberergamots, welches mit einem Stöhnen niederging. Francis starrte direkt in die glasigen Augen seiner kleinen Schwester.

Er wollte nicht mehr zusehen. Obwohl er, bis auf das Zischen der Flüche und das Scheppern, wenn etwas zu Bruch ging, nichts mehr hören konnte, presste er beide Hände auf die Ohren. Dann fing er an zu summen.

Als seine Mutter ihn aus dem Haus trug, summte er noch immer. Kniff die Augen zusammen, presste die Hände auf die Ohren. Die Explosion des Hauses spürte er durch die Vibration der Erde. Dann war es wirklich still.

A/N: Gedicht von Heinrich Heine.
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